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Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
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Allerlei Gedanken und Pläne durchkreuzten seinen Kopf, die er doch alle wieder verwerfen mußte, und das einzige Resultat zu dem er gelangte, war: Aufschub irgend welcher Entscheidung, dies schlechte Auskunftsmittel aller schwankenden Naturen.

Während er, wenn auch sich selbst dessen nicht klar bewußt, über ein Mittel sann, sich von Elisabeth zu trennen, gab es einen Andern, der in tiefem Schmerz um ihren Verlust trauerte.

Der Tag von Erichs Heimkehr, dem Alle wie dem schönsten Fest- und Freudentag entgegengesehen hatten, war nun ein Tag des Kummers und tiefer Verstörung geworden. Mutter und Schwester hatten dem Grafen Wilhelm ihre Grüße an Erich mitgegeben und Allen war Elisabeths Fernbleiben aufgefallen; aber man hatte es mit der frühen Stunde und der Ermüdung des vorhergegangenen Tages in Zusammenhang gebracht, und sich weiter nicht darüber beunruhigt. Erst als die Zeit der Ankunft von Vater und Sohn in Elmenried immer näher rückte, und Elisabeth noch immer nicht aus ihrem Zimmer kam, wurde Gertrud besorgt; sie ging hinauf und lauschte an der Thür; sie klopfte und rief Elisabeths Namen, als Alles still blieb, öffnete sie die Thür und fand das Zimmer leer. Die Ahnung der Wahrheit, die sofort in Gertrud aufdämmerte, fand ihre traurige Bestätigung in dem Zettel, der auf Elisabeths Schreibtisch lag. Sie sank kraftlos, halb ohnmächtig auf dem Stuhl vor demselben zusammen, und im Augenblick überwältigte sie nur der eine Gedanke, daß sie die Überbringerin dieser entsetzlichen Nachricht sein sollte; aber schon trat die Gräfin, durch Gertruds langes Ausbleiben beunruhigt, ein und mit einem Schmerzensruf sank sie der Mutter weinend in die Arme. Diese hatte kaum noch Zeit den verhängnißvollen Zettel zu durchlesen, als schon der herannahende Wagen Erichs Ankunft meldete.

»Lasse uns wenigstens ihm entgegeneilen,« sagte die Gräfin beklommen, und für eine kurze Sekunde schien alles Andere vergessen, in dem Glück des Wiedersehens, mit dem geliebten Sohn und Bruder.

Sein Blick aber war sofort suchend umhergeschweift und dann fragte er rasch und ängstlich: »Wo ist Elisabeth? Ist sie krank? Hast Du mir etwas verhehlt, lieber Vater?«

Der Graf schüttelte den Kopf. »Ja, wo ist Elisabeth?« fragte auch er.

Ein momentanes Schweigen; es lastete wie Gewitterschwüle auf Allen. Erichs Auge ging von Einem zum Andern.

»Sie ist fort – entflohen – hier lies,« rang es sich aus der Brust der Gräfin.

Ein verzweiflungsvoller, beinahe wilder Aufschrei Erichs war seine Antwort; er war in sich zusammengesunken und hatte das Gesicht in den Händen begraben. Keiner wagte seinen stummen, fassungslosen Schmerz zu stören, nur Gertruds leises Schluchzen unterbrach die Stille; endlich legte die Gräfin sanft ihre Hand auf seine Schulter und sagte leise: »Vergieb uns, mein Sohn, daß wir sie Dir nicht besser gehütet haben, aber wir sind uns keiner Schuld bewußt.«

Erich hob den Kopf, es war als ob er aus einer schweren Betäubung erwache; er las die wenigen Zeilen Elisabeths.

»Habt Ihr eine Ahnung, einen Verdacht, wohin – mit wem – sie geflohen ist?« fragte er.

Die Gräfin und Gertrud tauschten einen raschen Blick: es war nur ein Moment, aber sie hatten sich verstanden.

»Nein,« antwortete die Gräfin und Gertrud athmete tief auf. Es war kaum ein klarer, durchdachter Gedanke, daß die Nennung des Namens, der ihnen Beiden im Sinne lag, auf eine oder die andere Weise Erichs Leben in Gefahr bringen könnte, auch das Letzte und Schwerste noch zu allem Kummer, und was war damit geholfen, was gewonnen, was auch nur abgewandt – so schwiegen sie in einem instinctiven Gefühl der Furcht.

Die nächsten Stunden vergingen Allen wie in einem wüsten Traum, sie konnten nicht begreifen, was doch unleugbare Wirklichkeit war, konnten sich nicht daran gewöhnen, es zu glauben. Erich namentlich schien, nachdem er sich von den Seinen Alles über die letzten Tage und Elisabeths Wesen während derselben, hatte sagen lassen, in ein dumpfes Hinbrüten versunken, jedem Wort und Zuspruch der Seinen verschlossen. Erst am nächsten Tage wagte Gertrud die Frage: »Was denkst Du zu thun, Erich? Wirst Du Elisabeths Spur aufzufinden versuchen?«

Er fuhr auf: »Nein,« rief er heftig, »was sollte es mir! Selbst wenn ich sie fände, was ja so unendlich unwahrscheinlich ist, was hülfe es mir. Wenn sie vor mir fliehen konnte, wenn also in ihrem Herzen jede Spur der Liebe für mich erloschen ist, was nützte es mir zu wissen, daß sie hier oder dort lebt! Ich habe sie verloren, und mein Stolz, meine Ehre verbieten es mir, die zu suchen, die mich so schmählich, so herzlos verlassen hat. Für mich ist Elisabeth, die Elisabeth die ich geliebt habe, die ich für ein reines Herz, eine köstliche Perle hielt, todt.«

»Und Du?« fragte sie, »wie wirst Du es ertragen? O Erich, vergieb, mir ist's als hätte ich es verschuldet, daß Du Elisabeth gefunden und lieb gewonnen hattest. Wirst Du leben können, ohne sie?«

Erich strich ihr sanft über den Scheitel und küßte ihre Stirn. »Was hätte ich Dir zu vergeben, meine Gertrud, Dein armes Herz, das sich in Liebe und Vertrauen erschlossen hatte, ist bitter getäuscht worden. Ich will es versuchen zu begreifen, daß unter allen Frauen nur meine Schwester ein so reines, treues Herz hat, daß auch so klare Augen wie Elisabeths, durch die man bis auf den Grund der Seele zu sehen meint, lügen können. Ich werde weiter leben, und wenn ich nicht glücklich sein kann, so habe ich doch meinen Beruf, meine Wissenschaft und Du sollst mich nicht schwach finden. Die Vergangenheit, die schönen, thörichten Zukunftshoffnungen und der einst geliebte Name, sie mögen begraben sein und zwischen uns nicht mehr erwähnt werden. Sage Du das den Eltern, mein Herz, und vertritt es auch bei ihnen, wenn ich jetzt nicht länger unthätig hier in Elmenried bleiben kann, wo mich Alles an das mahnt, was ich zu finden hoffte und nicht fand, sondern schon morgen nach der Stadt zurückkehre, die Arbeit wird mir wohlthun.«

So hatte Eberhard recht berichtet, als er Elisabeth sagte, Erich sei in B. mit der Zusammenstellung seiner Reiseerfahrungen zu einem Werke, beschäftigt. Aber freilich von den Kämpfen, die er in seinem einsamen Zimmer durchrang, von den Schatten, die über Elmenried lagen, wußte er nichts. Erich, der ruhige, ernste Mann, der so lange nur seiner Wissenschaft gelebt und sich dann heute verlobt hatte, um morgen die Braut für Jahre zu verlassen, der also eigentlich niemals das rechte Bräutigamsglück kennen gelernt, er, der im Stande war, wenige Tage nachdem er die Geliebte verloren, seine wissenschaftlichen Arbeiten wieder aufzunehmen, er könnte, so meinte Eberhard, weder das Glück, noch das Leid der Liebe kennen. Und wenn er litt, je nun, so hatte es Elisabeth allein verschuldet, durch ihre unbesonnene That, die auch er ihr niemals vergeben konnte. Die Verwirrungen, die sie durch dieselben auch über ihn heraufbeschworen hatte, peinigten und verstimmten ihn anfangs unsäglich, aber die Leichtlebigkeit seiner Natur half ihm auch darüber, wenigstens zum Theil, hinweg. Er war während des Manövers von früh bis spät angestrengt beschäftigt, und da er ein leidenschaftlicher Soldat war, so nahm ihn der Dienst nun auch gänzlich in Anspruch. Er fühlte sich angenehm davon angeregt und gleichzeitig auch körperlich so ermüdet, daß er weder Zeit noch Lust zu ernstem Sorgen und Nachdenken hatte. Und tauchte dann durch die Erinnerung an Elisabeth, und das was er ihr versprochen, in ihm auf, so wies er sie schnell wieder von sich, da es ja Zeit habe bis er nach Rodanseck komme, und es wahrlich nutzlos wäre, sich das Leben jetzt durch Gedanken zu verbittern, denen für den Augenblick keine That folgen könne. Vor Weihnachten dürfe er kaum auf einen längeren Urlaub rechnen, und eines längeren Aufenthalts in Rodanseck bedürfe es jedenfalls, um seinen Eltern überhaupt nur die ganze Sache mitzutheilen, mehr noch, sie seinen Wünschen günstig zu stimmen. Seinen Wünschen? Waren es denn noch seine Wünsche? – Ein Seufzer beantwortete diese Frage. Er war bisher stets ein Kind des Glückes gewesen und er hatte gemeint, es müsse immer so bleiben; nun trug er, zum ersten Mal, die Folgen eines leichtsinnigen, nur vom Augenblick eingegebenen Handelns.

Das Manöver war beendet, sein Regiment wieder in B. eingerückt. Notwendige Entschlüsse waren dadurch näher an ihn herangetreten. Er hatte seit seinem Besuch nicht an Elisabeth geschrieben, und war so lange seine dienstliche Beschäftigung allenfalls eine Entschuldigung für ihn gewesen, so durfte er jetzt kaum länger zögern, ihr Nachricht zu geben; andrerseits aber peinigte ihn auch die Frage, wie er sich zu den Rodans in Elmenried verhalten sollte. Er durfte, nun er wieder ruhig in seiner Garnison war, einen Besuch dort kaum unterlassen, und dennoch dünkte ihn, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, ein solcher fast unmöglich. Zwei Tage war er bereits in B., ohne doch nach der einen oder der andern Seite zu einem Entschluß gelangt zu sein, als ein Brief aus Rodanseck eintraf, der plötzlich all sein Denken in andere Bahnen lenkte.

Der Brief war von seiner Mutter, sichtlich in großer Eile und Aufregung geschrieben, und enthielt die Mittheilung, daß sein Vater plötzlich schwer erkrankt sei und dringend nach ihm verlange.

»Komm' schnell, mein Sohn,« schrieb die Gräfin, »denn ich darf es Dir nicht verhehlen, daß der Arzt Deines Vaters Zustand für sehr ernst hält; er selbst weiß wie es mit ihm steht, und drängt, daß ich Dich benachrichtige.«

Vor dieser Schreckenskunde war Alles, was bisher Eberhards Herz gequält hatte, versunken und vergessen, nur der eine Gedanke: Du sollst Deinen Vater verlieren, beherrschte ihn ganz. Er war ein zärtlicher Sohn, und soviel die Flüchtigkeit seiner Natur auch sonst in ihm aufflammen und wieder erlöschen ließ, diese Liebe war fest gegründet und keiner Veränderung unterworfen. Namentlich sah er mit einer tief gewurzelten Verehrung zu seinem Vater empor; vielleicht, daß es gerade die Verschiedenheit ihrer Naturen war, die ihn an diesen fesselte. Der Ernst, die in sich abgeschlossene Festigkeit des Grafen, hatte schon dem jungen Knaben imponirt, ihm ein Gefühl der Bewunderung eingeflößt, das ihn auch heute noch, ihm gegenüber, erfüllte. Sein Vater war ihm der Inbegriff alles Edlen, Großen und Schönen, der würdigste, vollendetste Repräsentant des alten, edlen Geschlechts, auf das stolz zu sein er ihn frühe gelehrt hatte. Und gleichzeitig war sein Herz, durch die warme, beinahe weiche Zärtlichkeit, die dieser ernste Mann dem Sohne bewiesen, mit unzerreißbaren Banden an ihn gefesselt, und der Gedanke, den geliebten Vater verlieren zu sollen, war überwältigend für ihn.

Es wurde ihm nicht schwer sofort Urlaub für sich zu erlangen, und, noch an demselben Tage trat er die Reise nach Rodanseck an. Er versuchte, sich dem tröstlichen Gedanken hinzugeben, daß er den Zustand seines Vaters besser finden würde, als ihn der Brief seiner Mutter schilderte, daß oft ein schneller Wechsel zum Besseren einträte, daß der Arzt zu besorgt gewesen sein möge und dergleichen; aber trotz alle dieser herbeigezogenen Trostgründe, blieb doch der schwere Druck auf seinem Herzen lasten.

Der Wagen aus Rodanseck wartete auf der Eisenbahnstation auf ihn.

»Wie geht es, Franz?« rief er dem Diener entgegen, der an das Coupé getreten war, ihm sein Gepäck aus der Hand zu nehmen.

»Der Herr Graf befindet sich nicht gut,« lautete die Antwort, »der Herr Doktor war heute sehr besorgt, er meinte aber die Ankunft des jungen Herrn Grafen würde gut thun, der Herr Graf war so sehr unruhig.«

Eberhard antwortete nicht, er fühlte, daß seine Stimme nicht fest sein würde; er fuhr sich mit der Hand über die Augen, sie waren feucht geworden.

In fieberhafter Erregung legte er die kurze Strecke bis Rodanseck zurück: wie leichten Herzens hatte er vor wenigen Monaten von seinem Vater Abschied genommen, wie wenig hatte ihm damals geahnt, unter welchen Umständen er ihn wiedersehen würde; trotz seines hohen Alters war er ihm stets noch wie ein so rüstiger, ungebeugter Mann erschienen, daß ihm nicht einmal der Gedanke an dessen Tod nahe getreten war. Endlich hielt der Wagen, er stürmte hastig die Stufen hinauf, in die Vorhalle; Gräfin Ebba trat ihm entgegen. Sie hatte auch in diesem Augenblick die kühle, vornehme Ruhe bewahrt, die ihr stets eigen war.

»Sei willkommen, mein geliebter Sohn,« sagte sie mit ihrer weichen, wohllautenden Stimme, ihm die Hände entgegenstreckend, »wie habe ich mich nach Dir gesehnt, daß Du mir Stütze und Beistand sein möchtest, in dieser schweren Zeit. Ich fühle mich unsäglich schwach und elend.«

»Und der Vater?« fragte er voll Angst. Die Gräfin zuckte die Achseln: »Ich darf es Dir nicht verhehlen, daß der Arzt wenig Hoffnung giebt, wenn er die Entscheidung auch noch nicht in den nächsten Tagen erwartet. So kräftige Naturen wie die Deines Vaters, brechen bei der ersten Erschütterung zusammen. Er war ja in alle den Jahren unserer Ehe niemals krank, während ich so viel gelitten habe.«

»Lasse mich zu ihm,« rief Eberhard, seine Hände aus denen der Mutter befreiend.

»Nicht jetzt, mein Sohn, Du mußt Dich selbst erst nach der Reise erfrischen. Friedrich wird Dich auf Dein Zimmer führen, und dann komme zunächst in das Eßzimmer zu einer kleinen Collation, die ich dort für Dich habe aufstellen lassen.«

Eberhard fügte sich nur widerstrebend dieser mütterlichen Anordnung, und als er später neben der Gräfin in dem Speisezimmer saß, brachte er kaum etwas anderes als ein Glas Wein über die Lippen und schenkte ihren Mittheilungen und Klagen nur halbes Gehör.

»Du glaubst nicht, welch ein ungeduldiger Kranker Dein Vater ist,« sagte sie, »unendlich schwer zu behandeln; meine Kraft ist gänzlich erschöpft. O, daß doch die Männer so wenig zu leiden verstehen!«

»Mein armer Vater,« entgegnete Eberhard, »leidet er sehr?«

»Wie kann ich's wissen!« lautete die Antwort der Gräfin, »er ist so aufgeregt, so grenzenlos ungeduldig, wie eben nur ein Mann sein kann. Wenn ich's mir überlege, wieviel ich still und ohne Klage gelitten habe –«

»Und der Arzt giebt keine Hoffnung?« unterbrach sie Eberhard.

»Mein Gott, er ist ja auch nur ein Mensch, jeder Augenblick kann eine Wendung zum Besseren bringen, es ist ja möglich, wenn nach seiner Meinung auch nicht wahrscheinlich.«

»O mein geliebter Vater,« rief Eberhard, »ich soll ihn verlieren!« »Ich hoffe, Deine Gegenwart wird ihm wohlthun, ihn beruhigen –«

»Und ich bin schon eine Stunde in Rodanseck, ohne ihn gesehen zu haben. Jetzt aber lasse ich mich nicht eine Minute länger zurückhalten.«

Er war rasch aufgestanden, auch Gräfin Ebba hatte sich erhoben und legte die Hand auf den Arm des Sohnes.

»Noch ein Wort, Eberhard: ich weiß, weshalb Dein Vater besonders nach Dir verlangte, ich weiß was er wünscht, und von Dir erbitten wird; ich glaube, daß es auch mit Deinen Wünschen übereinstimmt, jedenfalls aber gewähre ihm die Beruhigung, die er ersehnt und Du wirst auch mich sehr, sehr glücklich dadurch machen.«

Eberhard hörte nur halb was die Mutter sagte, seine Gedanken weilten schon in dem Krankenzimmer.

»Gewiß, das ist ja selbstverständlich,« antwortete er flüchtig und eilte zu dem Grafen.

Das Wiedersehen war ein schmerzliches, tief ergreifendes. Der Kranke empfing den Sohn mit unaussprechlicher Freude, mit einer, denselben unendlich rührenden Zärtlichkeit und die große Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, belehrte Eberhard mehr als es Worte gekonnt hätten, über die Bedeutung seines Leidens. Der kräftige Mann war zum Greise geworden, seine Stimme klang schwach und gebrochen und ihn hatte sichtbar das Wiedersehen so sehr angegriffen, daß ihm vorläufig zu einem eingehenden Gespräch die Kraft fehlte. Er hielt nur Eberhards Hand fest in seiner abgemagerten und fieberheißen, als wolle er sich seiner Gegenwart recht bewußt bleiben, und Eberhard wurde in dieser Stunde die ganze Schwere des ihm drohenden Verlustes klar. Er hatte das Wort der Gräfin, von einem Wunsche des Vaters, gänzlich aus dem Gedächtniß verloren, erst am nächsten Morgen erinnerte er sich desselben wieder, als der Graf ihn, nachdem er den Diener, der seine specielle Pflege besorgte, hinausgeschickt hatte, an sein Bett rief und begann: »Mein Sohn, der Abschied steht uns bevor: ich werde sterben –«

»Lieber Vater, sprich nicht so,« unterbrach ihn Eberhard »Du wirst genesen, wirst leben!«

Der Graf lächelte. »Willst Du Dich selbst, oder mich täuschen? Wir sind Männer, Eberhard, und müssen jedem Schicksal muthig in's Auge sehen, auch dem letzten. Der Tod hat längst keine Schrecken für mich, ich wünschte nur so lange zu leben, bis ich in Deine Hände Rodanseck legen könnte, bis ich Dich zu einem würdigen Vertreter unseres Namens und unserer Familie herangereift sah. Du bist noch sehr jung, mein Sohn, aber ich hoffe, daß ich Dir vertrauen darf, daß Du vom Kopf bis zur Zehe ein ganzer Rodan bist, daß Du im vollen Sinne die Ehre unseres Hauses allzeit aufrecht erhalten wirst. Versprich es mir, Eberhard.«

Von je an war Eberhard die Ehre seines Hauses und Namens wie eine heilige Sache erschienen, sie rein zu bewahren und hoch zu halten, hatte er stets für die höchste Aufgabe seines Lebens gehalten, er fühlte sich im vollsten Sinne als Aristokrat, und so war er nicht nur durch die Abschiedsworte seines Vaters, sondern auch durch die Aufgabe, die sie ihm stellten, tief bewegt. Er umschloß seine Hand, zog sie dann an seine Lippen und sagte ernst und fest: »Ich verspreche es.«

Der Graf schwieg; ihn hatte das Sprechen sichtlich angegriffen. Erst nach einer längeren Pause begann er von Neuem: »Noch einen Wunsch habe ich vor meinem Tode, seine Erfüllung wird mir das Sterben erleichtern, ich werde dann voll beruhigt aus dem Leben scheiden können.«

»Was ist es, mein Vater, sage es mir,« bat Eberhard; ihn dünkte, es könne nichts geben, was er nicht voll und freudig erfüllen werde.

»Ich möchte Dich noch verlobt sehen, mein Sohn.«

Eberhard zuckte zusammen.

»Ich möchte nicht, daß Rodanseck ohne Herrin bliebe.«

»Die Mutter ist ja da,« fiel Eberhard ein.

»Eben deshalb; ich wünsche nicht, daß sie nach meinem Tode hier herrscht, sondern Du sollst der Herr sein. Ich habe bestimmt, daß sie den Wittwensitz in Guntersdorf, das ich längst zu diesem Zweck habe ausbauen und herrichten lassen, bezieht, damit ein neues, frisches, junges Leben hier erblüht und waltet. Das würde sich schwer einrichten lassen, wenn Du unverheirathet bliebst, die Mutter würde dann in Rodanseck zu bleiben wünschen; Du würdest es ihr nicht abschlagen wollen, sie würde hier Herrin werden, und wenn Du dann nach Jahren eine junge Frau hier einführst, würde sich das kaum ändern. Ich habe das Alles längst wohl überlegt und geprüft und glaube mir, daß es zu Deinem Besten so ist. Ich selbst aber wünsche dringend Deine Braut noch zu sehen und zu segnen.«

Es trat wieder eine Pause ein. Jetzt war der Augenblick gekommen, jetzt mußte er von Elisabeth sprechen – und doch, gerade jetzt des Sterbenden Herz beschweren, eine Aufregung herbeiführen, die vielleicht sein Tod sein konnte! Er zögerte.

»Mein Vater –« begann er.

»Es kommt Dir unerwartet, mein Sohn,« unterbrach ihn der Graf, »Du hast jetzt noch nicht daran gedacht Dich zu binden, ich weiß es, Du hast Dich noch eine Zeit lang der vollen Freiheit der Jugend erfreuen wollen, ich begreife das und hätte es Dir auch von Herzen gegönnt, ich glaube auch, daß es vielleicht Deinem Sohnesherzen widerstrebt, am Sterbebett des Vaters – widersprich mir nicht, Eberhard – ich weiß, es ist mein Sterbebett – ein Freudenfest zu feiern, allein Du wirst mich glücklich machen, wenn Du, trotz dieses Widerspruchs in Deinem Herzen, meinen Wunsch, es ist mein letzter, heißer Wunsch, erfüllst; Du wirst mir damit die Todesstunde erleichtern.«

Eberhard beugte sich über des Vaters Hand und küßte sie. Die Gedanken wogten und brausten in ihm, er wollte reden und doch auch wieder schweigen, was sollte, was mußte er thun! Die Entscheidung kam so schnell, so unvorhergesehen: er bewegte die Lippen, aber kein Laut kam über dieselben.

Der Graf hatte ermüdet die Augen geschlossen; er sah aus wie ein Sterbender und nun sollte er ihm, vielleicht in der letzten Stunde seines Lebens, ein Bekenntniß machen, das ihn tief niederbeugen, ihn grenzenlos erschüttern würde – und weshalb? Liebte er denn Elisabeth, war sie zu seinem Glück unentbehrlich? Alle diese Fragen wirbelten und jagten sich durch seinen Kopf; da schlug der Graf das Auge wieder auf und begann von Neuem: »Du wirst nicht in Zweifel sein, mein geliebter Sohn, welches Mädchen ich noch als zukünftige Gräfin Rodan, als Herrin von Rodanseck, zu segnen wünsche; es ist ja ein altes, längst zwischen uns Vätern getroffenes Abkommen, das unsere Kinder, denke ich, ebenso längst bestätigt haben, daß Valeska von Lauenstein Deine Gattin wird. Sie hat alle die Eigenschaften, die sie würdig machen, unsern Namen zu tragen, sie ist gleichsam unter meinen Augen aufgewachsen, und ich glaube, sie wird Dir, mein Eberhard, eine treue, edle Gattin sein. Es bedarf ja da wohl auch meiner Worte nicht mehr, ich denke, Ihr habt Euch verständigt –«

»Du irrst, mein Vater, nein –«

»Nun gut, so mögen nur Eure Herzen sich bewußt gewesen sein, was die Lippen noch verschwiegen haben. Fahre denn heute hinüber nach Parkenau und bringe mir Valeska als Deine liebe Braut. Säume nicht, es könnte sonst zu spät werden.«

Die Sicherheit, mit welcher der Vater von einer geplanten Verlobung mit Fräulein von Lauenstein und von Eberhards Neigung zu ihr sprach, verwirrte diesen vollständig; er fand nicht das richtige Wort der Widerlegung und ebenso schien es ihm unmöglich seinen Wünschen zu willfahren. Vielleicht sah der Graf den Kampf, der sich in des Sohnes Zügen aussprach.

»Du schwankst, ob Du den letzten Wunsch Deines sterbenden Vaters erfüllen sollst?« sagte er.

Diese Frage, mehr noch der Ton, in dem sie gesprochen wurde, griffen Eberhard an's Herz.

»O nein, mein Vater,« rief er überwältigt. »Alles was Du willst, nur zürne mir nicht, wenn ich zögerte, ich – ich liebe Valeska nicht.«

Das Wort war gesprochen, er stand gesenkten Hauptes.

»Du liebst sie nicht,« wiederholte der Graf, »Du glaubtest aber wenigstens einst sie zu lieben; doch das jugendliche Herz erlebt Wandlungen, empfängt neue Eindrücke, und so tadele ich Dich deshalb nicht. Aber dessen ungeachtet beharre ich auf meinem Wunsch, meiner Bitte. Wir, die wir einen altehrwürdigen Namen zu vertreten, die Ehre eines edlen Geschlechts aufrecht zu erhalten haben, wir, mein Sohn, dürfen nicht nur nach der Stimme unseres Herzens fragen, wir müssen unsere Gattinnen so wählen, daß ihr Name sich würdig der Reihe unserer Vorfahren anschließt. Dieser Pflicht müssen wir genügen, auch wenn damit unsern Herzen ein Opfer auferlegt wird; Du bist jung, mein Sohn, rasch im Fühlen, Entschließen und Handeln, eben deshalb wünsche ich die Zukunft unseres Hauses, noch während meines Lebens gesichert zu sehen, und das Opfer, das ich vielleicht von Dir verlange, ist kein zu großes, da Du bis vor Kurzem Valeska gern hattest und als Deine künftige Frau ansahst, ich weiß das, mein Sohn, und ich will nicht wissen, was Dich seitdem andern Sinnes gemacht hat. Nur Eines noch will ich Dir in dieser ernsten Stunde sagen: auch ich habe, als ich Deine Mutter heirathete, den Pflichten, die mir mein Name und mein Besitz auferlegte, ein schmerzliches Opfer gebracht; ich that es zu einer Zeit, da meine Jugend längst hinter mir lag, und mit ihr das Glück und die Liebe meines Herzens begraben waren, Du siehst, daß ich nichts Schwereres von Dir verlange, als ich selbst einst gethan habe. Und glaube mir, Valeska liebt Dich, sie wird Dir freudig ihr Jawort geben, und zwar Dir selbst, nicht dem Grafen Rodan.«

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