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Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
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Und ihr dünkte es als habe er recht, und unter neuen Schwüren ewiger Liebe und Zusammengehörigkeit trennten sie sich.

So verging die Zeit und Erichs Heimkehr rückte näher und näher. Die Eltern und Gertrud zählten die Tage bis dahin und Elisabeth sollte in die allgemeine Freude einstimmen, während doch ihr Herz vor diesem Wiedersehen bebte. Die Gräfin sah wohl ihre bleichen Wangen und trüben Augen, ihr entging nicht ihr seltsam verändertes Wesen, in dem eine ihr sonst fremde Unruhe lag, aber sie lächelte nur darüber und sah darin die jungfräuliche Scheu vor dem Eintritt in das ihr noch fremde, bräutliche Verhältniß. »Vor Erichs Gegenwart, vor seinem klaren, liebevollen Wesen werden alle Schatten weichen, die sie jetzt beunruhigen, und wir thun am besten, sie bis dahin sich selbst zu überlassen, sie nicht mit Fragen und Einreden zu quälen,« sagte sie.

Gertrud konnte diese Sorglosigkeit nicht theilen und wagte doch nicht auszusprechen, was sie unsäglich beängstigte. Ihren fragenden Blicken, ihren leise hindeutenden Worten entzog sich Elisabeth und zwang sich dann wohl zu einer Heiterkeit, die, weil nicht natürlich, Gertrud noch peinigender war.

Elisabeth fühlte sich unsäglich elend; sie liebte Eberhard heiß und leidenschaftlich, aber sie baute nicht so fest auf seine Stärke, daß sie ihr Schicksal blindlings in seine Hand hätte legen mögen; sein leichter Sinn übersprang die Abgründe, aber ob er im Stande war, eine Brücke darüber zu schlagen, auf der man sichern Fußes schreiten konnte? Da kam wieder ein Brief von ihm; es waren flüchtige, offenbar in höchster Eile hingeworfene Zeilen, in denen er schrieb, daß ganz unvorbereitet sein Chef sich zu einer Dienstreise entschlossen habe, die sich wohl auf einige Wochen ausdehnen könne und auf der er ihn natürlich begleiten müsse. »Ich hoffe, mein Lieb,« schrieb er, »daß Graf Erich nicht eher kommt, als ich zurückgekehrt bin, sollte es, wider Glück und Stern, dennoch geschehen, so mußt Du allein dem ersten Sturm stehen. Ich bin so von Geschäften bedrängt, so unfähig einen vernünftigen Gedanken zu fassen, daß ich im Augenblick nicht einmal vermag, Dir einen Rath zu geben, aber mein kluges Mädchen wird ja selbst wissen, was zu thun ist.«

Elisabeth fühlte sich wie vernichtet; Eberhard fern, und dann ein Wiedersehen mit Erich! Zwei Wochen vergingen, in denen sie täglich, ja stündlich, auf eine Kunde von Eberhard wartete; er hatte sich auch von Graf Wilhelm schriftlich verabschiedet, und da dieser in steter Verbindung mit der Stadt war, hörte Elisabeth gesprächsweise, daß der General noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt sei. Aber ein Wort, nur ein Wort hätte er ihr senden können, doch auch dieses blieb aus; sie fühlte sich so rath- und hilflos, daß es sie oft unwiderstehlich drängte, in Gertruds treues Herz alle den Kummer auszuschütten, der sie belastete, aber – sie war ja Erichs Schwester, so könnte sie sie nur verachten und von sich stoßen. Sie dachte oft an die Pastorin, die mütterliche Freundin, die immer so gütig und liebevoll zu ihr gewesen war; aber wie sollte sie der ruhigen stillen Seele, die Stürme die in ihr tobten, verständlich machen! sie würde in ihr nur die Wortbrüchige sehen, die ihre gütigen Wohlthäter betrogen hatte, sie würde nichts von dem begreifen, was ihr Herz zerwühlte!

Dann endlich kam der längst gehoffte und gefürchtete Tag. Die Zeitungen hatten die Kunde von der Ankunft des Dampfers in Hamburg gebracht, ihr folgte ein Telegramm Erichs mit der Nachricht, daß er zwei Tage später in Elmenried eintreffen werde. Heller Jubel herrschte im Hause; der Graf, die Gräfin und Gertrud konnten sich in ihrer Freude kaum fassen und alle Hausgenossen betheiligten sich daran, Keiner von Allen blieb gleichgiltig und kalt.

Erich sollte festlich empfangen werden und die umfassendsten Vorbereitungen wurden dazu getroffen; so waren Alle beschäftigt und Elisabeth konnte dadurch der Beobachtung einigermaßen entgehen. Sie wand in fieberhafter Haft Guirlanden und Kränze; sie verstand das so gut und so überließ man es ihr gern und sie war dadurch von den Andern getrennt und konnte das in angstvoller Röthe erglühte Gesicht, über die Blumen beugen, während die zitternden Hände Blüthe an Blüthe schlangen. Sie meinte immer, sie müsse auf irgend ein wunderbares, erlösendes Ereigniß hoffen, es würde irgend etwas ihr zu Hilfe kommen; aber Stunde um Stunde verging, in fliegender Eile, wie ihr dünkte, und mit jeder die sie dem gefürchteten Augenblick näher brachte, schien es ihr unmöglicher ihn durchzumachen; sollte sie sich von Erich als seine Braut umarmen lassen, ein Glück heucheln, das sie nicht empfand? Das war ebenso unmöglich, als die ersten Stunden glücklicher Heimkehr, Erich und den Seinen damit zu zerstören, daß sie ihm die Wahrheit entdeckte; dann war sie ausgestoßen aus dem Kreise der ihr so theuren Menschen, von ihnen gehaßt und verachtet und wo sollte sie dann hinfliehen, wo öffnete sich ihr eine Zuflucht, wo eine Heimath? Und immer wieder wandten sich ihre Gedanken zu der Pfarrerin Grundmann, als der Einzigen die sie, freilich nicht verstehen, aber ihr doch ihren Rath und Beistand nicht entziehen würde.

Elisabeth war am letzten Abend, noch bis in die Dämmerung hinein, beschäftigt gewesen; Gertrud hatte es mit stiller Befriedigung beobachtet, mit welchem Eifer sie bei der Herrichtung von Erichs Zimmer thätig gewesen war, sie meinte aus diesem Eifer die Liebe und die freudige Erwartung sprechen zu sehen. Am nächsten Frühmorgen wollte der Graf zur Stadt, um seinen Sohn dort zu empfangen, und ihn dann nach Elmenried zu bringen, wo er, wie die Seinigen hofften, zum mindesten einige Tage, ohne Unterbrechung verweilen würde. Elisabeth erklärte sehr müde zu sein, und sich deshalb auf ihr Zimmer zurückziehen zu wollen; das schien so natürlich, daß Niemand Anstoß daran nahm, auch daß sie der Gräfin heute mit besonderer Innigkeit die Hand küßte und Gertrud fest in die Arme schloß, war wohl begreiflich.

»O Liebste,« flüsterte Gertrud, »morgen also endlich ist der glückliche Tag, morgen sehen wir unsern Erich wieder!«

Ein langer, heißer Kuß war Elisabeths Antwort, dann ging sie. In der Thür wandte sie sich um: »Liebe, liebe Gertrud!« Sie eilte auf sie zu und schloß sie noch einmal fest in die Arme. »Du bist so gut, wie soll ich Dir für alle Liebe danken, aber glaube, daß ich sie nie vergessen werde.«

»Thörichtes Kind! Was hättest Du mir zu danken! Und an Deiner Liebe würde ich niemals zweifeln,« sagte Gertrud, ihr sanft die Wange streichelnd, »aber Du bist heiß und aufgeregt, bleibe lieber noch bei uns, wir plaudern noch eine Weile von dem, was unser Aller Herzen erfüllt.«

»Nein, nein, laß mich gehen,« antwortete Elisabeth fast ängstlich und riß sich schnell los.

Sie eilte auf ihr Zimmer und verschloß die Thür hinter sich, dann blieb sie hochathmend, die Hand auf das ängstlich klopfende Herz gepreßt, stehen. Jetzt war der Augenblick der Entscheidung gekommen, jetzt mußte geschehen, was ihr in den letzten Stunden wie ein Rettungsgedanke, wie das Einzig-Mögliche vor der Seele gestanden hatte. Fort mußte sie, ihres Bleibens konnte hier, wenn erst das unselige Wort von ihr gesprochen war, nicht mehr sein, weshalb also warten, weshalb noch Erklärungen vorhergehen lassen, die für Alle gleich schwer und peinigend sein würden – ihre Flucht war ja Erklärung genug. Vor Erich stehen, in seine guten, treuen Augen sehen und dann beichten, das Entsetzliche, das wie eine unsühnbare Schuld auf ihrem Herzen lag, und doch nicht daraus zu bannen, nicht auszulöschen war, es war ebenso unmöglich, als schweigen, und darum war zu gehen noch das Leichteste. Und er? Nun, das Glück der ersten Wiedersehensstunde war ihm zerstört, dafür gab es keine Hilfe, aber die Liebe der Seinen würde ihm tragen helfen, unter dieser Liebe würde er gesunden; Eberhard hatte wohl recht, wenn er meinte, daß sein ruhiger, starker Sinn eines leidenschaftlichen Empfindens nicht fähig sei, daß er in der Wissenschaft einen Trost finden werde für das verlorene kurze, fast traumhafte Liebesglück. So war es auch für ihn besser, wenn er sie nicht mehr wiedersah, wenn es keine Erklärungen und Aussprachen mehr gab, die nur eine Qual für alle waren und doch in der Thatsache nichts änderten. Die Pfarrerin Grundmann würde sie aufnehmen, nur für wenige Wochen, dann würde ja Eberhard ihr eine Heimath in seinem Elternhause schaffen.

Sie hatte schnell einige Sachen in eine Reisetasche gepackt; sie blickte umher in dem kleinen Zimmer, wie glücklich war sie hier gewesen! Das ganze Weh des Scheidens ergriff sie und noch einmal schwankte sie – noch war es Zeit, noch konnte sie bleiben – aber nein, nein, sie wollte nicht, sie durfte nicht. Aber ein Abschiedswort mußte sie doch hinterlassen!

»Lebt wohl,« schrieb sie in fliegender Hast auf ein Blatt, »ich muß gehen, weil ich nicht bleiben kann; forscht mir nicht nach, vergeßt mich, wenn Ihr könnt und vergebt mir, wenn Ihr künftig von mir hört. Glaubt, daß Ihr so viel unsägliche Güte nicht an eine Undankbare verschwendet habt, mein Herz blutet, daß ich sie Euch nicht lohnen kann, wie ich sollte, aber es giebt eine Macht, die stärker ist als alles Sollen. Ich werde ewig in Liebe und Dank und bitterm Vorwurf Eurer gedenken. Elisabeth.«

Dann schlich sie leise die Treppe hinunter durch die festlich bekränzte Thür, ein Blick noch zurück auf das in Stille und Dunkel liegende Haus und die Vergangenheit war abgeschlossen, sie ging einer fremden, ungewissen Zukunft entgegen.

Der Regen strömte schon seit Stunden gleichmäßig herab, der Wind schlug ihn gegen die Fenster und heulte und brauste dabei, und der eintönig graue Himmel zeigte an, daß es noch lange so fortgehen würde. Es war ein recht melancholisches Wetter, das auch auf den Menschenherzen lastet und das Traurige noch trauriger erscheinen läßt.

Elisabeth saß in dem kleinen niedrigen Zimmer der Pfarrerin Grundmann, an dem Fenster mit den kleinen Scheiben; sie hatte arbeiten wollen, aber ihre Hände ruhten im Schoos und sie sah mit starrem Blick hinaus, in den Regen, auf die enge, schmutzige Straße. Zwei Wochen war sie nun schon hier – ihr dünkte es eine Ewigkeit. Die Pfarrerin hatte sie mütterlich freundlich empfangen, aber doch voll Erstaunen über diese unangemeldete und unerwartete Ankunft, und dann waren die Fragen gekommen, diese Fragen, die Elisabeth so gefürchtet hatte; sie hatte ihr geantwortet, hatte ihr etwas und doch nicht Alles gesagt, und sie gebeten, keine weiteren Erklärungen von ihr zu fordern, ihr nur für kurze Zeit den Aufenthalt in ihrem Hause zu gönnen, dann werde sich Alles lichten und ändern. Die Pfarrerin hatte eingewilligt, sie war auch gütig und liebevoll, aber Elisabeth bemerkte doch, daß sie sie prüfend und zweifelnd beobachtete, und daß die plötzliche Entfernung aus dem Rodan'schen Hause ihr zum mindesten absonderlich erschien. Wie sehnte sie sich das Dunkel lichten, ihr Eberhard als ihren Verlobten vorstellen zu dürfen und sagen zu können: er führt mich zu seinen Eltern. Sie hatte schon am ersten Tage an Eberhard geschrieben, ihm mitgetheilt, daß sie, in dem Gefühl der Unmöglichkeit Erich zu begegnen, Elmenried heimlich verlassen habe, und ihn gebeten, sobald er heimkehre, zu ihr zu kommen. Sie hatte den Brief nach seiner Garnison adressirt und dann acht Tage in zitternder Erregung auf ihn gewartet. Endlich war nicht er selbst, aber doch eine Antwort gekommen. Sie hatte auf einen leidenschaftlichen Dank, einen zärtlichen Liebeserguß gehofft, statt dessen waren es nur wenige, flüchtige Zeilen, die ihr ankündigten, daß er eben erst von seiner Dienstreise zurückgekehrt sei und zu ihr kommen werde, sobald er einen kurzen Urlaub erbitten könne, für den Augenblick sei dies unmöglich.

»Daß mich die Nachricht von dieser extravaganten Lösung, die Du für das Dilemma, ohne mein Wissen gewählt hast, nicht eben angenehm überraschte,« schrieb er, »wirst Du begreifen; ich vermuthe, Du bedauerst sie jetzt schon selbst, aber Geschehenes ist nicht mehr zu ändern und so müssen wir versuchen, es so leicht als möglich zu nehmen. Lebe wohl, mein Lieb, hoffentlich sehen wir uns bald.«

Sie war nach Empfang dieses Briefes wie vernichtet; plötzlich lag ihre ganze Zukunft in Dunkel gehüllt vor ihr, sie hatte an Eberhards Liebe geglaubt, und diese Liebe war nicht so stark, so treu, so unwandelbar, als sie gemeint. Der Vergleich mit dem, den sie um seinetwillen verlassen, drängte sich ihr unwillkürlich auf und sie empfand plötzlich das ganze Glück, von einem Manne wie Erich, fest und treu geliebt worden zu sein. Sie hatte dies Glück selbst vernichtet und nun wartete sie auf Eberhard von Tag zu Tag und jeder Tag dehnte sich ihr zu endloser Länge, und sie meinte die Pein nicht mehr ertragen zu können, der Pfarrerin sorgenvolle Miene, und die stumme Frage zu sehen, mit der ihr Auge auf ihr ruhte, und doch hatte sie jetzt weniger als vorher vermocht, ihr Alles zu bekennen. Zudem drückte sie die ganze Umgebung wie eine Last; sie hatte stets auf dem Lande gelebt, war an die Bewegung in freier Luft und an weite Spaziergange gewöhnt, sie hatte seit zwei Jahren in großen, schönen Räumen gewohnt, hier war Alles eng und bedrückt, sie meinte in den beiden kleinen, niedrigen Zimmern nicht athmen zu können, die schmalen, schmutzigen Straßen mit den hohen, dunkeln Häusern beängstigten sie, sie sehnte sich nach Luft und Himmel und Bäumen und wagte doch nicht zur Stadt hinaus zu gehen, in der Angst unterdeß könne Eberhard kommen, auf den sie von Stunde zu Stunde, wie in Todesqualen wartete. Und nun heute dieser Regentag, dieser graue Himmel, der sich, wie ein dichtes Tuch, immer fester und fester um die Erde zu legen schien – es schnürte ihr das Herz zusammen, und diese Ungewißheit, dieses Harren und Warten und Bangen, schien ihr untragbar. Hätte sie nur weinen können, aber es lag wie ein Panzer um ihre Brust, sie athmete schwer und beklommen und legte die Hand über die Augen, sie wollte den Regen, den Himmel nicht mehr sehen!

Wie lange sie so gesessen hatte, sie wußte es selbst nicht, da plötzlich hörte sie Schritte die Treppe herauf kommen, und dann draußen im Flur sprechen, eine Seltenheit in diesem stillen Hause, höchstens daß Jemand im unteren Stock Herrn Grundmann aufsuchte, da oben hinauf, zur Pastorin, kam Niemand. Elisabeth lauschte – täuschten sie ihre Sinne, kannte sie die Stimme – sie sprang auf, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, die Füße hätten sie nicht hinausgetragen, da öffnete sich die Thür und die Pastorin sagte: »Elisabeth, hier ist ein Herr, der Dich zu sprechen wünscht.«

Er folgte ihr auf dem Fuße und mit dem jauchzenden Rufe: »Eberhard!« stürzte sie ihm entgegen, in seine Arme und die lange zurückgedrängten Thränen stossen nun in reichlichen Strömen über ihre Wangen.

»Da bist Du endlich, endlich,« rief sie, »wie habe ich mich nach Dir gesehnt, in diesen langen Wochen, und jetzt hier, in dieser Einsamkeit!«

Er küßte sie und streichelte ihre Haare und Wangen.

»Mein armes Lieb, ich glaube schon, daß Dir die Zeit lang gedünkt, aber es war für mich unmöglich früher zu kommen, auch heute kann ich nur wenige Stunden bleiben und muß noch diesen Abend wieder abreisen; ich kam nur, weil Dein Brief so entsetzlich traurig klang, daß ich's nicht über mich gewinnen konnte, Dich noch länger warten zu lassen.«

»Mußte ich denn nicht traurig sein, Eberhard! Ach, begreifst Du denn nicht, was ich diese Zeit gelitten habe, und nun kam zu Allem noch Deine Unzufriedenheit mit mir und dem was ich gethan habe, und es geschah doch Alles nur aus Liebe zu Dir.«

»Das weiß ich ja, mein Herz, über ein fait accompli ist auch nicht mehr zu disputiren, deshalb genug davon. Du mußt es Dir nur abgewöhnen, alle Dinge so tragisch zu nehmen; mein Gott, warum sich durch so viel Tragik das Leben verbittern! Komm', verdirb Dir Deine schönen Augen nicht durch's Weinen, ich hasse Thränen, trockne sie schnell und lasse uns die wenigen glücklichen Stunden des Beisammenseins genießen.«

Er hatte den Arm um sie gelegt und zog sie zum Sopha. Sie drückte das Tuch gegen die Augen; er wollte keine Thränen, so mußte sie muthig sein.

»Du sollst mich nicht mehr weinen sehen, Geliebter,« sagte sie, »wir wollen ganz ruhig über die Zukunft sprechen.«

»O, die Zukunft wird köstlich sein, wenn Du erst mein liebes Weib bist.«

»Gewiß, Eberhard, gewiß,« antwortete sie beklommen, »doch ich meinte das Nächste, das Heute und Morgen.«

»Nun, darüber giebt es ja nichts mehr zu besprechen, Du hast es leider übereilt entschieden.«

Ihr stockte der Athem. »Wie meinst Du das, Eberhard? Ich verstehe Dich nicht.«

Er zuckte die Achseln. »Nun, liebstes Kind, das ist doch einfach, Du bleibst natürlich hier, bis es mir möglich geworden, meine Eltern vorzubereiten und für uns zu gewinnen.«

»So willst Du mich nicht jetzt, nicht gleich zu Deinen Eltern bringen?« fragte sie bebend. Mein Gott, Elisabeth, ich sagte es Dir ja, daß das nicht möglich ist, daß meine Eltern andere Pläne für mich haben und überhaupt nur schwer in die Heirath mit einem bürgerlichen Mädchen willigen werden. Durch Deine – verzeihe – unüberlegte Flucht aus Elmenried, hast Du die Sache nur erschwert; ich kann unmöglich meinen Eltern, die keine Ahnung von unserer Liebe haben, welche wünschen, daß ich unter den Töchtern der reichsten und vornehmsten Familien des Landes wähle, die heimlich über Nacht aus Elmenried entflohene Elisabeth Held, als meine Braut, nach Rodanseck bringen. Es ist nach diesem Vorgang eben noch um ein gutes Theil schwieriger geworden, meine Eltern, für uns zu gewinnen; jedenfalls kann ich nichts eher thun, als bis ich selbst nach Rodanseck gehe, ihnen mündlich Alles mittheile, und dann ihre Liebe für mich ihre Bedenken besiegt. Vorläufig ist dies unmöglich, ich kann jetzt keinen längeren Urlaub erhalten und folglich mußt Du hier bleiben. Die alte Dame sieht etwas spießbürgerlich aus, und dies Zimmer hier ist eben auch kein Salon, aber ich bitte Dich, Elisabeth, nimm's nur nicht wieder tragisch! Bist Du einmal hierher gegangen, so mußt Du doch nun auch aushalten!«

Elisabeth hatte die Hände vor das Gesicht gelegt; jedes seiner Worte war ihr wie ein Dolchstich, jedes streifte eine Hoffnungsblüthe ab. Sie hatte der Liebe zu ihm so viel geopfert, sie war treulos geworden, hatte die besten, edelsten Menschen getäuscht, verlassen, nur um seinetwillen, und nun sprach er von dem Allen so leicht hin, als ob es eben nichts wäre. Liebte er sie wirklich oder war Alles nur ein Traum gewesen, dem sie ihr ganzes Leben geopfert hatte und aus dem er erwacht war!

»Liebst Du mich denn noch, Eberhard?« fragte sie, mit flehendem Blick zu ihm aufschauend, »sage mir die Wahrheit!«

»Du thörichtes Kind, weshalb wäre ich denn sonst zu Dir gekommen,« antwortete er lachend, »doch nur um Dich zu sprechen, deinen holden Mund zu küssen, und in Deine süßen Augen zu sehen. Ich bin nur eben ein leichtlebiger, fröhlicher Mensch, der die Stunde genießt, wie sie sich bietet, und dem Glück vertraut, das ihm noch immer hold gewesen ist; thue das auch, mein Liebling, und glaube mir, solches Vertrauen wird belohnt.«

Er zog sie an sich und küßte sie und sie lehnte den Kopf an seine Brust; wie gern hätte sie ihm geglaubt!

»Und wie geht es in Elmenried?« fragte sie beklommen, »bringst Du mir kein Wort von dort?«

Mein Gott, Elisabeth, Du fragst wie ein Kind!« rief Eberhard ungeduldig. »Begreifst Du es denn nicht, daß ich nach diesen Vorgängen unmöglich nach Elmenried hinaus konnte? Der Weg dorthin ist mir doch nun versperrt; ich habe zum Glück vorläufig eine genügende Entschuldigung, durch das Manöver, das uns für die nächsten Wochen gänzlich in Anspruch nimmt, und weiter hinaus sorge ich nicht, Du weißt es ja. Ich könnte mich unmöglich unwissend stellen, das würde mir Ehre und Pflicht verbieten, ebenso unmöglich könnte ich mich jetzt aber auch als der bekennen, um deßwillen Du entflohen bist, Graf Erich müßte mich nothwendig fordern, die Sache käme meinen Eltern zu Ohren, ehe ich es wünsche, und in einer Weise, die sie uns nicht günstig stimmen konnte! Wärst Du ruhig in Elmenried geblieben und hättest einen unnöthigen Eclat vermieden, so wäre eben Alles anders und besser gewesen. Zu Deiner Beruhigung jedoch: Graf Erich ist in B. und damit beschäftigt, seine Reiseerfahrungen zu einem Werk zusammenzustellen, wie ich unter der Hand gehört habe. Nun aber lasse es genug sein dieser unerquicklichen Dinge, lasse uns die kurze Stunde, die ich nur noch übrig habe, fröhlich plaudern, wie es sich für ein junges Liebespaar ziemt. Soll ich mir wahrhaftig nur deshalb, durch eine höchst gewandt extemporirte Geschichte den kurzen Urlaub erschwindelt, die Reise hierher gemacht haben, um meine süße Braut in Thränen zu sehen?«

Elisabeth versuchte zu lächeln, ihr war das Herz so schwer, aber sie fühlte, daß sie durch Klagen und Thränen den Geliebten immer weiter von sich entfernte, und wirklich gelang es auch seinen Liebesworten, seinem heitern, siegesfrohen Wesen, mit dem er die Welt bezwingen zu können meinte, sie für Momente vergessen zu lassen, was auf ihrem Herzen lastete, sie glücklich zu machen in ihrer Liebe.

Dann kam der Abschied; er schied so leicht und fröhlich, mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Es wird Alles gut, Liebste, sorge Dich nicht,« sagte er. »Warte nur, bis ich in Rodanseck gewesen bin.«

»Das Warten ist so schwer,« erwiederte sie unter Thränen, »darf ich denn nicht nach Elmenried schreiben und wenigstens dorthin Alles erklären, mein Herz durch ein ehrliches Bekenntniß erleichtern? Was werden sie von mir denken, wofür mich halten!«

»Aber liebstes Kind, das ist doch einfach unmöglich, jetzt, wie die Sachen stehen, ist Schweigen und Geheimniß das Einzig-Mögliche, quäle Dich und mich nicht durch eine nutzlose Ungeduld; und nun lebe wohl, mein Lieb, es ist höchste Zeit, daß ich gehe, sonst versäume ich den Zug.«

Noch einen Kuß, einen letzten Blick, er war fort, und Elisabeth sank wie gebrochen in den Stuhl.

Eberhard hatte sich in die Ecke des Coupés gedrückt, und versuchte mit dem Dampf seiner Cigarre seine Verstimmung in die Luft zu blasen. Eine solche war ja niemals lange andauernd bei ihm, er verstand es ja, immer schnell wieder jedem Dinge die fröhliche Seite abzugewinnen, und sich der Sorge oder des Aergers zu entschlagen. Heute aber wollte es doch nicht so leicht als wohl sonst, glücken; die Luft schien ihm schwül und unbehaglich, er ließ das Fenster herunter und beugte sich hinaus. Der Regen schlug ihm in's Gesicht, ein scharfer Wind wehte ihm entgegen und er zog ärgerlich den Kopf wieder zurück. Hatte sich denn heute Alles verschworen, ihm diesen Tag und diese Reise unangenehm zu machen! Er schloß das Fenster, zog den Mantel höher hinauf, drückte den Kopf in das Kissen und schloß die Augen: er wollte schlafen! Aber der Schlaf kam nicht, es quälten ihn zu viele böse Gedanken, warum erschien ihm denn nur heute Alles so viel schwerer als sonst! Freilich, er hatte sich auch noch nie in einer ähnlich schwierigen Lage befunden. Es war nicht zum ersten Mal, daß er einem Mädchen von Liebe gesprochen, aber noch Keine hat es so ernst genommen als Elisabeth, auch er hatte für Keine so warm und tief empfunden als für sie, gewiß, er hatte sie geliebt, ehrlich und wahr, und als er ihr damals in Elmenried gesagt, er wolle mit seinen Eltern reden, ihre Liebe werde seinen Bitten nachgeben und dann werde er sie zu ihnen nach Rodanseck bringen, da war das Alles wahr empfunden, sein ernstes Meinen und Wollen gewesen, und es war ihm auch nicht schwer erschienen. Damals hatte er unter dem Einfluß von Elisabeths Persönlichkeit gestanden; ihre Schönheit, ihre Anmuth hatten ihn gefangen genommen, und gerade der Widerstand, den sie ihm entgegensetzte, reizte ihn um so mehr. Dann war die Trennung gekommen, und fern von ihr, unter neuen Eindrücken, war ihm schon Alles anders erschienen als zuvor. Es dünkte ihn plötzlich sehr schwer, ja fast unmöglich, die Zustimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit Elisabeth zu gewinnen, er sah einen längeren, schweren Kampf voraus, der vielleicht mit einem, nur allmählich wieder zu heilenden Bruch zwischen ihm und den Eltern enden würde, und das Alles um eines Mädchens willen, das ihm in keiner Weise ebenbürtig war! Dem Grafen Rodan stand die Wahl unter den schönsten, den vornehmsten, den reichsten Mädchen frei, keines würde ihn zurückweisen und er sollte um einer Elisabeth Held willen, sich in unzählige Unannehmlichkeiten und Kollisionen bringen! Das Alles dünkte ihn eine große Thorheit und er hatte schon halb und halb den Entschluß gefaßt, bei seiner Rückkehr, dem, seinen Wünschen bisher entgegengesetzten Widerstand Elisabeths, nachzugeben. Er hatte gemeint, ihr Wiedersehen mit Graf Erich, werde diesen Widerstand nur steigern, statt dessen fand er bei seinem Eintreffen in B. ihren Brief, mit der Nachricht ihrer Flucht von Elmenried. Er war in hohem Grade verstimmt darüber; nun war ihm plötzlich die Entscheidung aus der Hand genommen und er in eine Aktivität hineingedrängt, die ihm äußerst lästig war. Elisabeths Handlungsweise, die er vor wenigen Wochen noch für einen Beweis ihrer hingebenden und selbstlosen Liebe gehalten hätte, erschien ihm jetzt durchaus unüberlegt, thöricht, ja unweiblich; so verzögerte er die Fahrt zu ihr von Tag zu Tag, und nun, da er sie wiedergesehen, hatten ihre Thränen, ihre Klagen, ihr Wunsch nach einer öffentlichen Verlobung, ihn in eine noch üblere Lage versetzt und seine Mißstimmung nur gesteigert. Er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth und hätte von Herzen gewünscht, er wäre Elisabeth nie begegnet, denn er empfand nur zu klar, daß seine Liebe zu ihr nicht stark genug war, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich vor ihm thürmten.

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