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Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
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Gräfin Ebba erwiderte darauf: »Daß Du, dem Wunsche des Vaters gemäß, bei Graf Wilhelm eine Visite gemacht hast, verstand sich von selbst und es freut mich, daß es Dir nicht zu schwer geworden ist; dennoch möchte ich Dich vor der Anknüpfung näherer Beziehungen warnen, wir haben keine Veranlassung, uns der Familie verwandtschaftlich gegenüber zustellen, ihr jetzt Sympathien zu zeigen, die sie uns bisher niemals bewiesen. Uebrigens hat Du vergessen, mir mitzutheilen, aus welchen Gliedern der Kreis eben jetzt bestand. Giebt es dort nicht eine unglückliche, verkrüppelte Tochter? Hast Du sie gesehen?«

»Wie Mama übertreibt,« sagte Eberhard vor sich hin, »und was sie nur gegen die Rodans haben mag!« Keinesfalls konnte es ihn hindern, seinen Neigungen zu folgen und Elmenried wieder und wieder zu besuchen. Den Namen Elisabeths nannte er seinen Eltern gegenüber freilich nicht; er hatte sich selbst nicht den Grund dafür anzugeben vermocht; es war eine halb unbewußte Scheu, zu verrathen, daß sie es war, die ihn dorthin zog, daß er träumend und wachend die süßen Augen vor sich sah, das liebliche Lächeln, die anmuthige Neigung des Kopfes, daß der Name Elisabeth ihm früh und spät wie eine Glücksverheißung in den Ohren klang. Er meinte, es sei zum ersten Mal, daß sein leicht bewegliches Herz von einer tieferen Neigung erfaßt würde; so manches Mädchen schon hatte ihm gefallen, so manchem hatte er gehuldigt und Jeder hatte die Auszeichnung des Grafen Rodan geschmeichelt, aber noch niemals hatte er mehr, als ein vorübergehendes Wohlgefallen empfunden, selbst Valesca von Lauenstein, die er seit den Kinderjahren kannte, mit der er gern gescherzt und gelacht, sie hatte ihm nur gefallen; Elisabeth, so dünkt ihn, liebte er. Er wußte ja, daß diese Liebe nie zu einem Resultat führen, eine Elisabeth Held nie seine Gattin werden könnte, denn wenn es ihm selbst auch jetzt plötzlich ein Vorurtheil schien, daß die Gräfin Rodan einer adligen Familie angehören müsse, so wußte er doch sicher, daß seine Eltern niemals ihre Einwilligung zu seiner Verbindung mit einem bürgerlichen Mädchen, einer einfachen Schullehrertochter geben würden. Er sagte sich's unzählige Male, daß Vernunft und Pflicht ihm gebieten mußten, sie nicht wiederzusehen, einer Liebe, die zu keinem Resultat führen konnte, nicht durch stete Begegnung immer neue Nahrung zu geben, und dennoch war er immer öfter und öfter Gast in Elmenried. Er, dem bisher noch jeder Wunsch erfüllt war, der es nicht gelernt hatte zu verzichten und zu entsagen, wie hätte er zu dem Entschluß kommen können, das Glück aufzugeben, das für ihn darin lag, Elisabeth zu sehen. Anfangs war sie unbefangen freundlich, gesprächig und heiter ihm gegenüber gewesen, allmählich verstummte sie mehr und mehr, sie zog sich scheu in sich selbst zurück, es schien, als ob sie seine Gegenwart fliehen, jedes Gespräch mit ihm vermeiden wollte; ja, wenn er sie anredete, waren ihre Antworten kühl und kurz, und sobald es anging, verließ sie das Zimmer.

Was ihn hätte abstoßen sollen, reizte ihn aber nur umsomehr; es begegnete ihm zum ersten Mal, daß er um die Gunst eines Mädchens zu werben hatte, sie war ihm sonst stets ungesucht zutheil geworden, und gerade dieser Zweifel, wie er ihr Wesen zu deuten habe, dieses Schwanken und Zagen trieb ihn wieder und wieder in ihre Nähe.

Elisabeth war sich nur zu wohl bewußt, was ihn nach Elmenried zog, und wenn sie ihn floh, so that sie es in dem redlichen Streben, sich einer drohenden Gefahr zu entziehen. Sie zagte und bangte vor seinem Kommen, sie wünschte er möge nicht kommen, und dennoch lauschte sie gespannt auf jedes Geräusch, dennoch fühlte sie ihr Herz rascher schlagen, wenn sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm. Sie suchte sich selbst damit zu beruhigen, daß das momentane Wohlgefallen, das sie an dem schönen, fröhlichen Jüngling fand, sich nicht vergleichen lasse mit der tiefen, ernsten Zuneigung, der Verehrung, die sie für Erich empfand, daß sie dies Wohlgefallen mit allen Hausgenossen theile, ja, daß Erich selbst gewiß ein solches der siegenden Persönlichkeit Eberhards nicht vorenthalten würde. Aber diese Beruhigung war nicht stichhaltig, denn im verborgensten Grunde der Seele wußte sie es doch, daß es kein flüchtiges Wohlgefallen war, was sie zu Eberhard zog, sondern eine bewältigende Liebe, mit der ihr ruhiges Gefühl für Erich sich nicht vergleichen ließ. Und wenn sie es den Tag über vielleicht vermochte, sich über sich selbst zu täuschen, so brachte ihr die Stille der Nacht immer wieder die grausame Klarheit, der sie zu entfliehen wünschte. Je reiner und edler Erichs Bild vor ihrer Seele stand, um so bitterer waren die Vorwürfe, die sie sich machte, und unzählige Male trat ihr unter heißen Thränen der Wunsch nahe, sie wäre an jenem Tage, vor nun einem Jahr, nicht auf die Lindenhöhe gegangen. Er hatte ihr damals selbst gesagt, daß er sein Geheimniß mit sich nehmen, sie nicht binden wollte, und nur der Zufall – sie nannte es jetzt einen grausamen Zufall – der sie dort ihm allein entgegengeführt, hatte sein Schweigen gebrochen. O hätte er es bewahrt! Wie glücklich, wie geborgen hatte sie sich in des ernsten, reifen Mannes Liebe gefühlt, wieviel höher stand er als Eberhard, und doch konnte sie dem stürmischen Herzen nicht gebieten. Einmal wünschte sie, Erich wäre erst heimgekehrt, sie hoffte, vor seiner Nähe, vor dem Einfluß seiner Persönlichkeit werde alle Unruhe schwinden und ihr Herz werde ganz und voll zu ihm zurückkehren, und dann wieder fürchtete sie das Wiedersehen, die mit ihm eintretende, notwendige Lösung des Konflikts, unter dessen Gewalt sie jetzt schon so namenlos litt. So durchwachte und durchweinte sie die Nächte und Gertruds Auge konnte die Veränderung in dem glücklich heitern Wesen der Freundin nicht entgehen.

»Was fehlt Dir, Elisabeth?« fragte sie mit einem besorgten Blick in das bleiche Gesicht derselben.

»Mir? Liebstes Herz, was sollte mir fehlen?« entgegnete sie, indem sie sich herabbeugte um eine Blume zu pflücken.

Gertrud entging das Ausweichende der Antwort nicht. »Du stehst blaß aus und Dein Frohsinn ist verschwunden, der unser Aller Freude war. Denke an Erich, Elisabeth, er will Dich wiederfinden wie er Dich verließ und wird, wenn er Dich so verändert sieht, uns schelten, daß wir Dich nicht besser gehütet haben.«

»Kannst Du Dich wundern, daß der Gedanke an ihn mich bisweilen traurig stimmt,« sagte Elisabeth gepreßt, »überdies blieb so lange jede Nachricht von ihm aus.«

»Er wird uns wiederkehren, Elisabeth,« erwiderte Gertrud innig, »mein Herz glaubt daran mit fester Hoffnung, und dann soll er uns freudig seiner wartend finden, nicht wahr?«

Elisabeth umschlang sie und küßte sie leidenschaftlich; Gertrud fühlte, daß ihre Wangen von Thränen naß waren, dann riß sie sich los und eilte auf ihr Zimmer. Gertruds Augen folgten ihr mit einem besorgten Blick. War die bange Ahnung, die sie erfüllte, mehr als ein bloßes Gespenst ihrer Phantasie? Sie hatte sich dagegen gesträubt, zu glauben was ihr unmöglich schien, und doch trat es immer mehr wie eine Gewißheit vor ihre Seele. Sie scheute sich das Wort über ihre Lippen zu bringen, den bangen Befürchtungen dadurch gewissermaßen Gestalt zu geben, und doch sehnte sie sich nach einer Aussprache.

Sie saß mit ihrer Mutter allein und blickte nachdenklich in den grauen Regentag hinaus, der wie ein Schleier über der ganzen Natur lag.

»Ich hoffe, Eberhard Rodan kommt heute zu uns,« sagte die Gräfin; »seine, ich möchte sagen, leuchtende Heiterkeit ist mir immer eine Erfrischung, wie wir sie gerade während unsers Erichs Abwesenheit brauchen können.«

Gertrud schwieg einen Moment. »Mich ängstigt sein häufiges Kommen,« sagte sie endlich leise.

Die Gräfin sah sie überrascht an.

»Ich hätte wenigstens gewünscht, daß er nicht ohne Erich hier wäre,« fügte sie hinzu.

»Ich verstehe Dich nicht, Gertrud!«

»So fürchtest Du nichts für Elisabeth?« begann Gertrud von Neuem. »O liebste Mutter, mir ist so unsäglich bange um sie und Erich!«

Die Gräfin lächelte. »Kind, Du siehst Gespenster! Eberhard ist ein lieber, fröhlicher Jüngling, aber ein Herz, das unserm Erich gehört, kann um seinetwillen von ihm nicht abfallen. Wie überhaupt kommst Du zu diesem Mißtrauen gegen Elisabeth?«

»Ihr verändertes Wesen beunruhigt mich, Du kannst nicht leugnen, daß sie trübe, still und doch aufgeregt ist, ihr heiterer Gleichmuth ist verschwunden.«

Die Gräfin schüttelte den Kopf. »Kann es Dich wundern, daß die Braut, deren Verlobter seit länger als einem Jahr von ihr getrennt, und wir können es uns nicht verhehlen, von mancherlei Gefahren umgeben ist, nicht voll ungetrübten Frohsinns bleibt, kann es Dich wundern, daß Du Thränenspuren bei ihr entdeckst und daß mancherlei Sorge und Unruhe sie quält? Liebes Kind, wäre es anders, ich müßte an Elisabeths Liebe zu Erich zweifeln.«

Als Gertrud schwieg, fuhr die Gräfin fort: »Und überdies ist Elisabeth Eberhard gegenüber so kühl und zurückhaltend, daß es mich oft gewundert hat, wie wenig sein frisches Wesen einen Einfluß auf sie übt.«

»Eben diese unnatürliche Verschlossenheit gegen den, dessen fröhliche Offenheit Alle gewinnt, macht mich ängstlich,« sagte Gertrud.

»Mein Gott, wie geneigt Ihr Mädchen doch seid, in Alles ein Herzensinteresse hineinzulegen,« rief die Gräfin lächelnd. »Sei nur ruhig, meine Gertrud, und traue Elisabeth und der Macht, die unser Erich über die Herzen übt, die einmal den Schatz des seinen erkannt haben.«

Gertrud antwortete nichts weiter. Vielleicht hatte die Mutter Recht, vielleicht quälte sie sich mit unnützen Sorgen.

Eberhard war seines Sieges zu gewiß und stets zu leichten Herzens und Sinnes, um sich den frohen Muth durch seine Liebe trüben zu lassen; es drängte ihn auch zu keiner Entscheidung, denn welche sollte, konnte es sein! So gab er sich der Gegenwart hin und dachte nicht an die Zukunft; er war ja von je gewöhnt, dem Augenblick zu leben, und freudig hinzunehmen, was er ihm bot. Freilich litt er unter der scheuen Zurückgezogenheit Elisabeths, aber dennoch ahnte er hinter derselben die Wahrheit – eine Wahrheit, die ihn glücklich machte.

Es war nach langem Harren ein Brief von Erich gekommen, welcher berichtete, daß seine Heimkehr in wenigen Wochen in Aussicht stände. Es war ein Freudentag in Elmenried und Gertrud athmete auf; vor der Gegenwart des geliebten Bruders mußten alle Wolken verschwinden. Auch Elisabeth war glücklich, sie wollte unter Erichs Schutz flüchten, an seinem Herzen würde sie Ruhe finden.

Die freudige Aufregung war für Gertruds zarte Nerven zu heftig gewesen, starkes Kopfweh und gänzliche Abspannung waren ihr gefolgt, und da ihr bei solchen Zuständen Ruhe und völlige Stille am wohlsten thaten, so lag sie allein in ihrem verdunkelten Zimmer auf dem Sopha. Die Gräfin hatte einige Besorgungen in der Stadt zu machen, und so war Elisabeth allein in dem Wohnzimmer, von dem sich die Thüren nach dem Garten öffneten.

Das Alleinsein steigerte ihre erregte Stimmung und sie ging ruhelos umher; sie wußte selbst nicht, weshalb ihr Herz so heftig schlug, ob in Hoffnungsfreudigkeit oder in Bangen; sie setzte sich an den Flügel und schlug einige Ackorde an, vielleicht, daß die Musik ihr Herz befreite. Ihre Finger glitten leise über die Tasten, in einfachen Präludien, da fiel ihr eine alte Melodie ein, sie hatte lange nicht daran gedacht, es war ein Lieblingslied des Pfarrers gewesen, dem sie es oft gesungen; sie begann zu spielen und sang leise dazu und dann lauter, und nun wußte sie, weshalb ihr eben heute das kleine, rührende Lied in den Sinn gekommen war:

»Wär' ich geblieben doch auf meiner Haide,
Da hätt' ich nichts erlebt von all' dem Leide!
Wär' ich daheim doch nur, wär' ich geblieben,
Da hätt' ich nichts gewußt von all' dem Lieben.
Ach, bleiben darf ich nicht, und kann nicht scheiden,
Wär' ich geblieben doch auf meiner Haiden!«

Wie ein Weheschrei verhallte es: »Wär' ich geblieben doch auf meiner Haiden!«

»Fräulein Elisabeth!« Sie sprang erschrocken auf und fuhr mit der Hand über die Augen, die voll Thränen waren – Eberhard stand vor ihr.

»Fräulein Elisabeth, verzeihen Sie wenn ich Sie erschreckt habe, Sie überhörten meinen Eintritt und ich wollte Ihren Gesang nicht unterbrechen. Aber weshalb singen Sie ein so trauriges Lied?«

»Ach – es war ein altes Lied – eine liebe Erinnerung – ich weiß es selbst nicht.«

Sie sprach es mit zitternder Stimme und mühsam nach Fassung ringend, aber sie fühlte, wie ihr die Thränen über die Wangen rannen.

»Mein Gott, Sie weinen, Sie sind unglücklich, Elisabeth, o, ich beschwöre Sie, ich kann Sie nicht weinen sehen!«

Er hatte ihre Hände ergriffen und sie senkte die Augen vor dem Blick, der sie traf.

»Achten Sie nicht auf meine Thränen,« sagte sie, indem sie strebte, ihre Hände aus den seinen zu befreien, »es war nur eine momentane Stimmung, die mich überkam.«

»Nein, nein, Sie täuschen mich nicht,« rief er, »und ich muß es wissen, wer es wagt, Ihnen Kummer zu bereiten.«

»Niemand, o sicher Niemand,« antwortete sie beklommen, und da es ihr nun gelungen war, ihre Hände aus den seinen zu ziehen, ging sie an den Flügel zurück, schloß ihn und fügte rasch hinzu: » die Frau Gräfin kommt wohl bald zurück, wollen Sie vielleicht bis dahin den Herrn Grafen aufsuchen, er ist wahrscheinlich draußen –«

»Sie dürfen mich nicht so fortschicken, Elisabeth,« unterbrach er sie, »nun ich Sie endlich einmal allein finde, lasse ich den Moment nicht so vorübergehen; ich muß wissen, weshalb Sie mich fliehen, weshalb Sie mir kein Wort gönnen. Sagen Sie mir, bin ich Ihnen denn so verhaßt?«

»O Herr Graf,« antwortete sie in tödtlicher Angst, »welche Frage!«

»Ich will, ich muß eine Antwort haben, ich bin es nicht gewohnt, vergeblich zu fragen,« rief er.

»Ich fliehe Sie nicht, vielleicht ein Zufall –«

»Mit solchen unbestimmten Worten entkommen Sie mir nicht, Elisabeth,« unterbrach er sie. »Sie müssen es ja wissen, daß von Ihrer Antwort mein Glück, mein Leben abhängt, weil ich Sie liebe!«

Ein leiser Aufschrei; sie schlug die Hände vor das Gesicht und blieb wie gelähmt unter der Macht dieses Wortes stehen.

»Hat es Sie so erschreckt, Elisabeth?« sagte er »mein Gott, Sie mußten es doch längst ahnen und wenn Sie mich nur auch lieben, was ist's denn Schreckhaftes, daß zwei junge, glückliche Menschen sich gut sind und sich festhalten wollen für alle Zeit.«

Er war bemüht, ihr die Hände herab zu ziehen, sie aber wehrte es ihm und er sah, daß Thränen zwischen ihren Fingern hervorquollen.

»Warum nur diese Thränen,« fuhr er fort, »ich kann sie nicht sehen, es bringt mich außer mir! So sprechen Sie doch nur ein Wort, ein einziges Wort.«

»O, ich bin so namenlos unglücklich,« hauchte sie.

»Sie sind unglücklich – vertrauen Sie sich mir an, ich will es versuchen Ihnen zu helfen; ist man nicht gut zu Ihnen, sagen Sie es mir; es schien mir stets, als ob Alle Sie liebten.«

»Sie sind Alle gut, engelgut zu mir und das eben drückt mich nieder.«

Ihre Hände waren herabgesunken und ihre Augen sahen ihn so unbeschreiblich traurig an, daß sein Herz in tiefstem Mitleid überwallte.

»Elisabeth, geben Sie mir das Recht Ihnen zu helfen,« bat er, »sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie mein sein wollen!«

Er hatte den Arm um das weinende Mädchen gelegt und wollte sie näher an sich ziehen, sie aber entzog sich ihm schnell und trat weit zurück.

»Lassen Sie mich, lassen Sie mich Graf Rodan! Gehen Sie und wenn Ihnen meine Ruhe lieb ist, wenn Sie mich – ich Ihnen nicht gleichgiltig bin, dann kommen Sie nicht wieder.«

Sie hatte es mit erlöschender Stimme gesprochen; sein Auge leuchtete auf.

»Gut, ich will gehen, ich will auch nicht wiederkehren, aber nur dann, wenn Sie mir gesagt haben, daß Sie mich fliehen, weil Sie mich hassen, nur dann Elisabeth, so lange ich das nicht aus Ihrem Munde, der nur die Wahrheit reden kann, gehört habe, so lange mir nur noch ein Fünkchen Hoffnung bleibt Ihr Herz zu gewinnen, so lange weiche ich nicht, ich komme wieder und wieder, und stehe mit Wort und Blick –«

»Haben Sie Mitleid, gehen Sie!«

»Nicht eher bis ich das Wort von Ihnen gehört. Seien Sie wahr, Elisabeth, sagen Sie mir, daß Sie mich nicht lieben.«

Sie hob wie beschwörend die Hände zu ihm empor.

»Sagen Sie mir, daß Sie mich nicht lieben!«

Er hatte ihre Hände ergriffen und stand nahe vor ihr, seine Augen hingen mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Liebe an ihr.

»Ich –« begann sie.

»Sehen Sie mich an,« gebot er, »Auge in Auge will ich die Wahrheit von Ihnen hören.« Er wußte wohl, daß alle ihre Stärke vor seinem Blick zusammenbrechen würde.

Sie hob das Auge. »Ich – liebe – Sie –« Sie stockte. – »Nein, ich kann nicht lügen!« brach es wie ein Aufschrei aus ihrer Brust.

Sie wollte sich von ihm wenden, wollte entfliehen, aber in demselben Moment hatte er auch schon mit einem Jubelruf sie an seine Brust gezogen und seine Küsse brannten ihr auf Mund und Augen. Für einen kurzen Augenblick hatte sie die Welt umher vergessen, und empfand nichts als das Glück von Eberhard geliebt zu sein; dann raffte sie sich auf und rief verzweifelt: »Lassen Sie mich, verachten Sie mich, ich bin es werth, ich bin Braut, des besten, edelsten Mannes Braut.«

»Aber Du liebst diesen Mann nicht, denn Du liebst mich, und Du wirst das Band lösen, das Dich fesselt,« sagte Eberhard, sie von Neuem an sich ziehend.

»Nie, niemals, ich kann es nicht,« jammerte sie.

Seinen Bitten, seinen Schmeichelworten, seinem beruhigenden Zureden gelang es allmählich, sie zur Mittheilung ihrer Verlobungsgeschichte zu bewegen, und sein leichter Sinn, der es gewohnt war, von allen Dingen nur die sonnige Seite zu sehen, fand in der Schnelligkeit dieser Verlobung und der unmittelbar darauf folgenden Trennung, die leichte Möglichkeit einer Lösung.

»Vorläufig müssen wir unsere Liebe geheim halten,« sagte er, »wozu jetzt eine unnöthige Aufregung herbeiführen. Sobald Graf Erich zurückgekehrt ist – glücklicherweise dauert das nicht mehr lange – sagst Du ihm, daß Du Dein, in der Uebereilung, in dem Augenblick der Trennung ihm gegebenes Wort zurücknähmst, daß Du ihn nicht lieben, niemals die Seine werden könntest.«

»Sie nehmen das so leicht und es ist doch unmöglich,« sagte Elisabeth, in den Tönen tiefsten Schmerzes.

»Unmöglich ist es nur, wenn Du mich nicht liebst,« rief Eberhard, »vor der Sonne unserer Liebe weichen alle Schatten. Gar manche Verlobung ist schon gelöst und wie ich Graf Erich, nach dem was ich von ihm gehört habe, beurtheile, vermag er gar nicht heiß und leidenschaftlich zu lieben. So wird er sich in das Nothwendige finden, seine Wissenschaft wird ihn trösten und was kannst Du dafür, daß Du jetzt erst erkannt was Liebe ist, daß Du Dankbarkeit, Wohlwollen, Freundschaft dafür gehalten hast. Du verläßt dann natürlich sofort das Haus und gehst –«

»Wohin?« unterbrach sie ihn tonlos.

»Du mußt sobald als möglich zu meinen Eltern,« entgegnete er, »das ist selbstverständlich; allein es ist immerhin nicht eher möglich, als bis ich in Rodanseck gewesen bin, und selbst mit ihnen gesprochen habe. Denn Du mußt wissen, meine Eltern legen viel Gewicht auf Stand und Namen, sie haben es bisher als sicher angesehen, daß ich meine Gattin aus den ersten Familien des Landes wähle, ja ich glaube sogar, sie haben bereits für mich gewählt; doch sie lieben mich, ich bin ja ihr einziger Sohn, und wenn es auch einen Kampf kosten wird, so werde ich doch ihre Herzen und ihren Willen besiegen. Dann findest Du in Rodanseck eine Heimath, die kurze Zeit bis dahin – nun da giebt es schon Rath und Hilfe.«

Was Eberhard noch vor wenigen Stunden unmöglich gedünkt, schien ihm jetzt ein Leichtes: die Einwilligung seiner Eltern zu gewinnen. Er und Elisabeth liebten sich ja, er hatte den ersten Kuß auf des holden Mädchens Lippen gedrückt, was sollte es da noch Trübes geben in der Welt, welche Schwierigkeiten wären da noch zu überwinden. Er küßte ihr die Thränen von den Augen und bat sie Muth zu fassen und nur des Glückes ihrer Liebe zu gedenken, nicht des Schmerzes, der jetzt damit verbunden sei, und den sie schwerer auffasse, als es noththue.

Auf Elisabeths wiederholte flehende Bitte verließ er sie endlich. Es wäre ihr nicht möglich gewesen, jetzt mit ihm zusammen der Gräfin zu begegnen und Eberhard selbst hätte es kaum vermocht, in diesem Augenblick ein ruhiges Gespräch zu führen. Dennoch hatte er wieder und wieder gezögert, war noch einmal und noch einmal umgekehrt, zu noch einem Kuß, noch einem Liebeswort zum Abschied und Elisabeth hatte Alles über sich ergehen lassen; es war wie ein Traum, wie ein Rausch, das Glück sich von Eberhard geliebt zu wissen, und der Schmerz, das Gefühl unsühnbarer Schuld, die sich mit dem Gedanken an Erich verbanden. Was hatte sie gethan, wie sollte es enden!

Diesem ersten Tage folgten andere, voller Qual und Leid. Sie hatte es versucht an Eberhard zu schreiben, ihm zu sagen, daß sie das Geschehene bereue und daß er sie vergessen möge, aber sie hatte das Blatt wieder zerrissen, denn konnte sie auch vergessen was sie gethan, konnte sie noch ihr Auge zu Erich aufschlagen, konnte sie noch wagen, dem edlen Mann, der ihr vertraut und sein Glück in ihre Hand gelegt hatte, zu begegnen? Das Alles wogte ihr wie ein Chaos durch Kopf und Herz und es dünkte ihr eine Wohlthat, daß sie sich auch körperlich krank fühlte und dieses Uebelbefinden für ihre Hausgenossen ein genügender Grund ihres veränderten Wesens sein mußte.

Die Gräfin wollte einen Arzt zu Rathe ziehen, aber Elisabeth weigerte sich entschieden und versicherte, daß, wenn man ihr nur erlauben wolle, ein wenig der Ruhe und Stille zu pflegen, sie bald völlig wieder hergestellt sein würde.

»Was wird aber Erich sagen, wenn er Dich so bleich findet, mein liebes Kind?« sagte die Gräfin, ihr zärtlich die Wange streichelnd. »Nun, jetzt freilich bist Du nicht bleich, wie Dir der Name das Blut in die Wangen treibt,« setzte sie lächelnd hinzu.

»Bis er kommt ist Alles wieder gut,« versicherte Elisabeth und beugte sich tief über das Buch in dem sie geblättert hatte, »wenn ich nur mich ruhig halten und nach meiner Neigung auf meinem Zimmer bleiben darf.«

Das wurde ihr natürlich gern gestattet und so konnte sie auch Eberhards wiederholten Besuchen in Elmenried entgehen, so ungeduldig er auch jedes Mal auf ihren Eintritt wartete. Ihm wäre es nicht schwer geworden, ihr vor den Augen Anderer zu begegnen, ihr dünkte ein solches Wiedersehen unmöglich. Statt dessen hatte sie mehrere Briefe von ihm empfangen, deren jeder zärtliche Liebesschwüre und rosige Zukunftsbilder enthielt; sie bedeckte diese Blätter mit ihren Küssen und Thränen, sie waren ihrem Herzen Seligkeit, Schmerz und bitterer Vorwurf zugleich. Sie hatte ihm geantwortet, ihm gesagt, daß sie von einander lassen müßten, daß, wenn sie auch nie mehr denken könne Erich anzugehören, sie doch auch nicht auf den Trümmern seines Glückes das ihre aufbauen könne. Darauf hatte er ihr erwiedert: schriftlich könne er ihr nichts antworten, er müsse und werde sie aber sprechen und solle es zum letzten Mal sein, so dürfe sie ihm dieses eine, diesen Abschied nicht weigern. Nach dem, was zwischen ihnen vorgegangen sei, könne sie ihn nicht mit einem kühlen Briefwort allein abfinden, und wenn sie es wolle, so werde er sie in Elmenried aufsuchen, und nicht weichen, bis er sein Ziel erreicht habe. Er werde Wort halten, darauf könne sie sich verlassen, denn er wolle und müsse sie endlich sehen und sprechen. Und Elisabeth halb von Angst getrieben, daß Eberhard irgend eine Unvorsichtigkeit begehen könne, halb dem sehnsüchtigen Verlangen des eigenen Herzens folgend, willigte ein.

So trafen sie sich in jenem Wäldchen, in dem er ihr zuerst begegnet war, und seiner stürmisch überfluthenden Liebe, seinen hoffnungsfreudigen Worten, die Alles so leicht nahmen, was ihr unüberwindlich schien, gelang es nur zu schnell ihr die Trennung von dem Geliebten als unmöglich darzustellen.

»Bedenke doch, mein Liebling,« sagte er, »was würde es uns, was würde es Erich Nützen, wenn wir uns eine ewige Trennung auferlegten. Würde er glücklicher, weil Du und ich nun einsam trauern und uns nach einander sehnen, würde damit nur irgend etwas für ihn an der traurigen Thatsache, daß er Dich nicht besitzen kann, geändert? Nein, nein, Elisabeth, sei nicht thöricht, denke Dich nicht in ein Entsagenmüssen hinein, das keinen Sinn und keine Bedeutung hat.«

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