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Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
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»Nun aber weißt Du es, Geliebte, und nun giebt es auch keine Trennung mehr. Sind wir auch äußerlich geschieden, innerlich bleiben wir doch Eins und keine Macht kann uns scheiden.« Als sie dann zusammen den Weg nach Elmenried zurücklegten, meinte Elisabeth noch immer von einem Traum befangen zu sein; wie anders leuchtete die Sonne, blühten die Blumen, sangen die Vögel, als eine Stunde zuvor! Es war eine neue Welt und ein neues Leben geworden. Als sie durch den Garten auf das Haus zugingen, sahen sie schon von weitem Gertrud ihnen entgegenkommen.

»O, Gräfin Gertrud!« rief Elisabeth erschrocken, »ich hatte sie vergessen, sie hat meine Unterstützung entbehrt, hat allein gehen müssen, was ihr so schwer wird. –«

»Du wirst der Schwester ersetzen, was Du einmal gegen die Freundin gefehlt hast!« sagte Erich innig.

Gertrud winkte schon von fern mit dem Tuch. Sie war, sichtlich ermüdet vom Gehen, stehen geblieben und ließ die Beiden näher kommen.

»Erich, wie schön, daß Du früher gekommen, als wir hofften,« sagte sie dann, ihm beide Hände entgegenstreckend, »und weil Sie ihn mitgebracht haben, sei es Ihnen verziehen, daß Sie mich so lange auf sich warten ließen, Elisabeth,« fügte sie, zu dieser gewandt, lächelnd hinzu.

»Sie ist meine Braut, Gertrud,« sagte Erich bewegt, »behüte Du sie mir, bis ich wiederkomme.«

Beide Mädchen hielten sich weinend umschlungen.

»Ich habe es gewünscht, und doch nicht zu hoffen gewagt,« sagte Gertrud. »Wie glücklich bin ich, daß Ihr Euch jetzt noch vor der Trennung gefunden habt, o Elisabeth, wie anders werden wir nun zusammen unsers Erich gedenken.«

Elisabeth küßte sie zärtlich, wie rührte sie diese selbstlose Liebe, die sich so rein an dem Glück geliebter Menschen freute.

Als dann Erich seine Braut den Eltern zuführte, fand er auch bei diesen freudigste Zustimmung. Elisabeth war ihnen längst lieb geworden, sie betrachteten sie gleichsam als zu sich gehörend und von vorn herein wäre ihnen das Mädchen, dessen Besitz des geliebten Sohnes Augen so in reinstem, vollstem Glänze strahlen machte, willkommen gewesen.

So verlief denn dieser letzte Abend, dem Alle mit Bangen entgegengesehen hatten, freudiger und freundlicher als man es gedacht, und alle Gedanken und Gespräche richteten sich nun mehr auf die Wiederkehr, als auf die Trennung. Man trank auf das Wohl des Brautpaares, die Gläser klangen aneinander, man entwarf ein Bild des glücklichen Zusammenlebens, das sich nach Erich's Rückkehr und der Hochzeit des jungen Paares, die bald nach derselben stattfinden sollte, gestalten würde, und man beschloß zugleich, auf Erich's Wunsch, die Verlobung jetzt nicht zu veröffentlichen.

»Es hat etwas so unnatürliches,« sagte er, »eine Verlobung den Leuten mitzutheilen, wenn der Bräutigam fern ist. Ich möchte es Elisabeth ersparen, alle die Fragen und Glückwünsche und Verwunderungen entgegenzunehmen, und es ist ja auch für alle fremden Menschen so gleichgiltig, ob sie es wissen oder nicht, daß wir einander angehören; wir wissen es und Ihr wißt es und damit genug. Bei meiner Heimkehr überraschen wir dann die Welt mit unserer Verlobung.«

Elisabeth war es recht so, sie scheute sich, ihr bräutliches Glück, das ihr selbst noch so neu und fremd, so traumhaft war, fremden Augen preiszugeben, sie wollte es als schönes Geheimniß im Herzen bewahren.

Dann kam endlich der kurze, schmerzliche Abschied. Ein letzter Kuß, eine Umarmung, noch ein Händedruck, und Erich hatte sich fast wortlos von den Seinen losgerissen. Elisabeth begleitete ihn bis an die Gartenpforte, wo der Wagen auf ihn wartete; sie gingen schweigend, Hand in Hand durch die dunkle Lindenallee. Durch Elisabeth's Seele zog der Gedanke, wie seltsam es sei, daß der Mann, der ihr gestern nur noch Graf Rodan gewesen, heute hier als der Nächste und Theuerste, der ihre ganze Zukunft in seiner Hand hielt, neben ihr hinschritt. Er schloß sie noch einmal fest in seine Arme und küßte ihren Mund und ihre Augen.

»Lebe wohl, Geliebte!« sagte er »Du meine Braut, meines Herzens Eigenthum. Elisabeth, ich habe gezögert, Dir Deine Freiheit zu nehmen, Dich an mich zu binden, so lange ich Dir fern war, nun aber, da meine tiefe, heiße Liebe alle Vernunftgründe überwältigte, nun Du mein bist, nun vergiß nicht, daß ich Dich auch halten will und werde, daß ich mein Eigenthum mit eifersüchtiger Liebe hüte, daß Niemand und nichts zwischen uns treten darf, Du mein Eins und Alles.«

In seiner Stimme vibrirte eine tiefe Leidenschaft, die bei dem sonst stets so ruhigen Mann, Elisabeth überraschte, ja fast erschreckte.

»Ich bin ja Deine Braut, was und wer sollte uns trennen?« sagte sie.

Er drückte sie schweigend an sich, noch ein Kuß, dann riß er sich los, der Wagen rollte davon und Elisabeth lauschte, mit seltsam aus Glück und Schmerz gemischten Gefühlen, auf das allmählich verhallende Geräusch der Räder.


Auf Schloß Rodanseck herrschte Freude. Graf Eberhard war nach langer Abwesenheit in das Elternhaus zurückgekehrt. Er war das einzige Kind seiner Eltern geblieben, und wenn sie bei seiner Geburt in ihm den Majoratsherrn freudig begrüßt hatten, so war er als solcher ihr verwöhnter Liebling geworden. Freilich war sein sonniges, glückstrahlendes, von Heiterkeit und Lebenslust übersprudelndes Wesen, auch so ganz dazu geschaffen, ihm die Herzen zu gewinnen, und das ernste Gesicht des Grafen Rodan erhellte sich jedes Mal, sobald sein Auge auf seinem Sohne ruhte. Er war von vorn herein, der Familientradition folgend, für den Offizierstand bestimmt worden, und das schien auch vollständig mit den Wünschen des schönen, heitern Jünglings übereinzustimmen. Er trat in das Regiment ein, in dem einst sein Vater gestanden, die Uniform kleidete ihn gut, er gefiel sich und Andern darin und wurde in seiner Garnison bald der allgemeine Liebling, wie er's im Elternhause gewesen war, amüsirte sich in heiterer Geselligkeit und führte im Ganzen das Leben eines glücklichen jungen Mannes, dem vorläufig noch die ganze Welt im Sonnenschein lag. Nach einigen Jahren wurde er, den sowohl sein Name als seine Persönlichkeit zu einem besondern Günstling seiner Vorgesetzten machte, als Adjutant an das Generalkommando zu B. versetzt. Es war das für einen so jungen Offizier eine Auszeichnung, die als solche auch seine Eltern zu schätzen wußten, aber die weite Entfernung des Ortes von Rodanseck mischte doch einen Wermuthstropfen in die Freude. So wurde denn die Urlaubszeit vor seinem Abgange dorthin, von ihnen auch als eine besondere Fest- und Freudenzeit betrachtet. Eberhard selbst liebte Rodanseck mit Stolz, ihm war es nicht nur die Heimath, an die sich alle Erinnerungen einer glücklichen Kinderzeit knüpften, sondern zugleich auch sein künftiger Besitz, der Ort, der mit seinem Namen, mit Vergangenheit und Zukunft seiner Familie auf's Innigste verbunden war. Er war auch gern in seinem Elternhause; für ihn hatte es nur Sonnenschein, Vater und Mutter überschütteten ihn mit Liebe, und sein leichter, fröhlicher Sinn erfreute sich an dieser Liebe, ohne zu beachten, daß sie nur ihm zutheil wurde, und Vater und Mutter kalt, fast fremd aneinander vorübergingen.

Gräfin Ebba war noch immer eine schöne Frau, die noch immer die Freuden der Geselligkeit liebte und gern die Gelegenheit wahrnahm, die sich ihr durch die Anwesenheit des Sohnes bot, wieder einmal frohe Feste in ihrem Hause zu veranstalten. Eines hatte sich an das andere gereiht und selbst Graf Rodan hatte dies Mal freundlicher als sonst wohl bei solchen darein geschaut, denn seinem väterlichen Stolze hatte es geschmeichelt, daß der geliebte, schöne Sohn der Mittelpunkt eben dieser Feste war, daß, wenn er im Kreise der jungen Männer umherschaute, keiner derselben ihm gleich kam an Schönheit, Eleganz, Gewandtheit der Form und einer gleichsam leuchtenden Fröhlichkeit, die nie durch eine Wolke des Trübsinns oder der Verstimmung verdunkelt wurde. Freilich hätte es unter Allen auch wohl kaum Einen gegeben, dem das Leben so gelächelt, dem es so Alles gewährt hatte, wie Graf Eberhard. Kein Wunsch war ihm bisher unerfüllt geblieben, was sein froher Jugendmuth verlangt, war ihm gewährt worden, kein Genuß hatte sich ihm versagt, das Schicksal und die Menschen verwöhnten ihn nach jeder Seite hin, er hatte bis jetzt noch nicht erfahren, was es heißt, entbehren oder entsagen zu müssen. So wurde die angeborene Liebenswürdigkeit seiner Persönlichkeit durch die Gunst der Umstände nur unterstützt und gehoben.

Es war am Tage vor seiner Abreise von Rodanseck; Gräfin Ebba hatte nichts versäumt, um diesen letzten Abend zu einem schönen Fest zu machen, man hatte musicirt, getanzt, gelacht, gescherzt, der bunte Menschenstrom hatte sich durch die Gänge des Parks ergossen, man hatte sich hierhin und dorthin zerstreut, und sich nun wieder in dem festlich geschmückten Saal zum Souper versammelt. Thüren und Fenster nach dem Garten waren geöffnet, duftende Blumenschalen und Vasen schmückten die Tafel und heitere Gespräche flogen hin und her.

Gräfin Ebba saß neben dem Baron von Lauenstein, ihr gegenüber Eberhard an der Seite des Fräulein Valeska von Lauenstein, einer siebzehnjährigen Schönheit, die in heiterster Plauderei mit ihm begriffen war. Es war so ziemlich ein öffentliches Geheimniß, daß die Rodans und Lauensteins eine Verbindung ihrer Kinder wünschten, und wer heute Abend Graf Eberhard und Fräulein Valeska beobachtete, mußte annehmen, daß sie selbst dem elterlichen Plan äußerst geneigt waren.

Baron Lauenstein hatte eben bei dem ersten Glase Champagner einen Toast auf den jungen Grafen ausgebracht, und seine Rede damit geschlossen, daß er wünsche und hoffe, er werde dem Beispiel seiner Väter getreu, ein echter Rodan, vom Scheitel bis zur Zehe, bleiben.

Die Gläser hatten aneinander geklungen; Alle hatten sich zu Eberhard gedrängt, denn Jeder hatte ihm noch ein freundliches Wort sagen wollen; als sich dann das bunte Durcheinander gelichtet, und Alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, dankte Gräfin Ebba dem Baron mit dem lieblichen Lächeln, das sie auch jetzt noch hervorzuzaubern vermochte, für seinen schönen Toast.

»Er kam aus dem Herzen, Frau Gräfin,« erwiderte er, »ich liebe Ihren Sohn; er ist ein junger Mann, auf den jeder Vater und jede Mutter stolz sein müßte, ein ganzer Edelmann, eben ein echter Rodan, wie ich es erst schon auszudrücken versuchte. Und doch,« fuhr er lächelnd fort, »gerade als ich zuvor diese Worte gebrauchte: »ein Rodan vom Scheitel bis zur Zehe« fiel es mir auf, wie wenig, äußerlich genommen, diese Bezeichnung auf ihn paßt. Es ist eigentümlich, wie garnichts von den Rodanschen Familienzügen sich in ihm findet. Die starke Nase, die breite Stirn, die dunkeln Augen und Haare, Alles fehlt ihm; man hätte die Rodans die Dunkeläugigen nennen können, so hervorstechend war gerade dieser brünette Typus bei ihnen. Ich glaube, Ihr Eberhard ist der erste blonde Rodan.«

Gräfin Ebba sah lächelnd, glücklich – zu dem Sohne hinüber. »Ich glaube, Eberhard ist schöner als es die Rodans zu sein pflegen,« entgegnete sie. »Ich darf es wohl sagen, denn auch mir gleicht er nicht, obgleich er, der Blonde, allerdings ganz in die Familie der Niederfeldens hinein gehört, die Alle blond und blauäugig sind. Ihnen gegenüber kann ich es ja aussprechen – mein Mann darf es nicht hören, er würde es übel deuten – daß es mich eben besonders froh macht, daß mein Sohn in meine Familie hineingleicht, ich fühle ihn nun so ganz als mein Eigen. Ich glaube, er erinnert an meinen Großvater.«

Die Gräfin hatte so lebhaft wie selten gesprochen, und eine helle Röthe war ihr über Stirn und Wangen gelaufen. »Der Mutterstolz erwärmt selbst diese sonst so kühle Frau,« dachte Baron Lauenstein, »aber wenn je, so ist er hier berechtigt,« und indem er noch einmal auf die in Glück und übermüthigster Fröhlichkeit strahlenden Züge Eberhards blickte, sagte er, als Erwiderung auf die Bemerkung der Gräfin: »dann muß Ihr Großvater ein schöner Mann gewesen sein, Frau Gräfin.«

Als die fröhliche Gesellschaft sich spät trennte, und endlich der letzte Wagen davongerollt war, bemächtigte sich der Zurückbleibenden etwas von der Abschiedsstimmung, deren sich wohl Niemand vor einer längeren Trennung erwehren kann. Eberhard mußte am nächsten Morgen in früher Stunde aufbrechen, und so hatten sich denn die Eltern noch zu einem letzten Gespräch mit ihm niedergesetzt. Es war noch dies und das für diese letzte Stunde zur Besprechung übrig geblieben, es konnte jetzt wohl leicht eine längere Zeit als je zuvor vergehen, bevor man sich wiedersah.

»Noch Eines,« sagte der Graf nach einer längeren Pause, in der selbst Eberhard's stete Heiterkeit für einen Augenblick von dem Trennungsgedanken getrübt war, »Elmenried liegt kaum eine halbe Meile von B. entfernt, Du wirst es nicht vermeiden können, dem Grafen Wilhelm einen Besuch zu machen.«

»Und weshalb nicht?« fiel die Gräfin ihm rasch in's Wort. » Wir stehen außer aller Verbindung, mich dünkt, daß keinerlei Veranlassung für Eberhard vorliegt, dorthin zu gehen.«

»Die Pflicht der Höflichkeit gebietet es,« entgegnete der Graf ruhig, »und die verwandtschaftliche Rücksicht.«

»Verwandtschaftliche Rücksicht?« wiederholte Gräfin Ebba, »ich wüßte nicht, daß Du jemals dergleichen gegen jene Familie bewiesen hättest. Du hast Dich ihr stets völlig fern und fremd gegenüber gestellt. Warum soll unser Sohn diesem Beispiel nicht folgen!«

»Ich hatte keinen Grund, mich zu meinem Vetter anders zu stellen als er sich zu mir stellte. Bei Eberhard ist das anders. Er steht als Neffe dem Onkel, als junger Mann dem alten gegenüber, dieses Verhältniß legt ihm Verpflichtungen auf, deren Erfüllung sich der gebildete Mann, am wenigsten aber der Offizier und Edelmann nicht entziehen darf.«

»Ich erinnere mich einer Zeit, in der Du selbst noch sehr viel jünger warst und doch jede Beziehung mit Graf Wilhelm und seiner Frau vermiedest; ich sehe nicht ein, weshalb Du unserm Sohn auferlegen willst, was Du selbst nicht mochtest! Ich glaube nicht, daß dort ein geeigneter Umgang für ihn ist!«

»Weshalb so viele unnütze Worte!« sagte der Graf, sich langsam in den Stuhl zurücklehnend. »Ich begreife diese Ereiferung nicht, über einen so unbedeutenden Gegenstand wie eine Visite! Von einem Umgang Eberhard's in Elmenried, habe ich nicht gesprochen. Die Visite aber wünsche ich, dies mag genug sein.«

Gräfin Ebba schwieg; sie fühlte wohl, daß dem entschieden ausgesprochenen Willen ihres Gatten gegenüber, jedes weitere Wort vergeblich sein würde; wie ungern sie sich indeß fügte bewies eine gewisse Verstimmung, deren sie nicht Herr zu werden vermochte. Am nächsten Morgen reiste Eberhard ab. Sein fröhlicher Sinn hatte den Abschied von den Eltern auf eine längere Zeit leicht überwunden, und der Eintritt in den neuen, schönen Ort, ihm zusagende Dienstverhältnisse und angenehme kameradschaftliche Beziehungen, vereinigten sich, ihm seine Versetzung im günstigsten Lichte erscheinen zu lassen. Er beschloß schon nach wenigen Tagen seinen Besuch in Elmenried zu machen. Die warme Sommerluft, der tiefblaue Himmel, die in herrlichster Pracht prangende Natur, vereinigten sich, ihm einen Nachmittag auf dem Lande sehr wünschenswerth erscheinen zu lassen. Er erinnerte sich dabei der ungewohnten Heftigkeit, mit der seine Mutter gegen diesen Besuch protestirt hatte. »Die gute Mama!« sagte er leise vor sich hin. Er meinte darin einen neuen Beweis ihrer Liebe zu ihm zu erkennen, die ihm jedes Unangenehme ersparen wollte, und ein solches sah sie wohl in dieser erzwungenen Visite. »Nun, man wird ja sehen,« setzte er sein Selbstgespräch fort, »wie sich Onkel und Tante zu mir verhalten werden, die kleine verwachsene Kousine ist freilich keine ganz angenehme Zugabe, gut nur, daß der gelehrte Vetter eben auf einer Vergnügungsreise nach dem großen Ocean begriffen ist, der wäre jedenfalls keine erwünschte Bekanntschaft.«

Vergnügten Sinnes ritt er die Landstraße entlang. Es war so schön draußen; die ganze, anmuthige Umgebung, der Ritt, der frische Wind, der draußen wehte, Alles stimmte ihn fröhlich, und gleichzeitig mußte er sich's immer vorstellen, wie wenig er, der elegante, heitere Offizier, dem die ganze Welt im rosigen Lichte erschien, zu den ernsten Verwandten in Elmenried passen werde; er kannte sie freilich nicht, er wußte so gut wie nichts von ihnen, aber der gelehrte Sohn, die kränkliche Tochter und das Stillleben draußen – keiner seiner Kameraden war je in Elmenried gewesen – das Alles gab zusammen ein sehr ernstes Bild. Das sollte ihm aber seinen frohen Muth nicht trüben, er wollte einmal sehen, ob seine übermüthige Fröhlichkeit nicht auch ernste Leute besiegen werde, noch hatte ja Keiner seiner Liebenswürdigkeit widerstanden, er war überall der verwöhnte Liebling gewesen, so würde er sicher auch heute, wenn er aus Elmenried fortritt, von dort das Prädikat eines angenehmen, liebenswürdigen Mannes mitnehmen. Im Uebrigen hatte er noch keine große Eile sein Ziel zu erreichen; schönes Wetter, ein hübscher Weg, eine brennende Cigarre, die er nothwendig vor Elmenried fortwerfen mußte – so ritt er langsam weiter, sein schöner Goldfuchs, den ihm der Vater geschenkt, hatte es lange nicht so bequem gehabt. Er sah schon ein in der Sonne blitzendes Schieferdach aus der dunkeln Baumgruppe hervorleuchten, das mußte Elmenried sein. Rechts, einige hundert Schritte von dem geraden Wege entfernt, erstreckte sich in das Wiesenland hinein ein kleines Wäldchen; es konnte kaum ein großer Umweg sein, wenn er dasselbe durchritt. Freilich erschien es ihm wie ein Spielzeug, gegen die meilenweit sich ausdehnenden Rodansecker Waldungen, aber immerhin bot es eine Strecke Schatten und einige alte, schön belaubte Baume. Er gab seinem Thier die Sporen und ritt in vollem Galopp den schmalen Feldweg entlang; wie er dann aber die ersten Baumgruppen gewonnen hatte, und auf den schmalen, moosbewachsenen Steig einlenken wollte, leuchtete ein helles Gewand durch das dichte Unterholz – ein junges Mädchen stand vor ihm. Sie wich einen Schritt zur Seite, er zwang sein Pferd augenblicklich zu einer langsameren Gangart und legte grüßend, gleichsam wie um Entschuldigung bittend, die Hand an die Mütze. Sie dankte mit einem Lächeln, als ob sie erklären wolle, er habe sie nicht erschreckt und war ebenso schnell, wie sie zwischen den Bäumen aufgetaucht, wieder hinter denselben verschwunden.

Eberhard sah der anmuthigen Erscheinung nach. Freilich hatte der breitrandige Strohhut ihr Gesicht mindestens zur Hälfte verschattet, dennoch hatte er die dicken, schwarzen Flechten, die sich zu einem graziösen Knoten im Rücken verschlangen, den rosigen Mund, das liebliche Lächeln gesehen, und so war der leise Ausruf: Wie schade! mit dem er der Enteilenden nachsah, ein unwillkürlicher Ausdruck seines Empfindens. Soviel er gehört, gab es außer Elmenried, in der unmittelbaren Nähe hier keine größere Besitzung, es war aber kaum denkbar, daß eine junge Dame von den entfernteren Gütern, oder aus der Stadt bis hierher allein spazierenging. Seine Kousine konnte es nimmermehr sein, er wußte ja, welches Leiden die Arme trug, also vielleicht eine Försterstochter oder dergleichen. Aber ihre Erscheinung war durchaus ladylike – ein Räthsel und deshalb um so interessanter, vielleicht konnte er die Lösung desselben schon in Elmenried erfahren. Während er weiter ritt, spähte er durch die Bäume, ob er nicht irgendwo ein lichtblaues Kleid schimmern sähe, doch vergeblich. Bald hatte er auch wieder die kleine Waldstrecke hinter sich und Elmenried war dann in wenigen Minuten erreicht.

Graf Wilhelm und seine Gattin empfingen ihn sehr freundlich und Eberhards leicht gewonnenes Herz fühlte sich auf das Angenehmste angesprochen, ja selbst die kleine Kousine Gertrud, bei der er das, den Verwachsenen so oft eigene, anspruchsvolle und kokette Wesen, zu finden erwartet hatte, gefiel ihm in ihrer milden Sanftmuth. Er fand es, nach seiner raschen Art, schon in der ersten Viertelstunde unbegreiflich, daß sein Vater die Beziehungen mit Graf Wilhelm vermieden, und seine Mutter noch am letzten Tage sich so lebhaft gegen jede Anknüpfung derselben geäußert hatte; andererseits aber machte der schone Jüngling, dem der frohe Lebensmuth, die Freude am Leben aus den Augen leuchtete, auf seine Verwandten den angenehmsten Eindruck, und so war bald ein lebhaftes Gespräch im Gange.

»Es ist Ihren Eltern gewiß schwer geworden, sich von Ihnen zu trennen,« sagte die Gräfin, »man behält den einzigen Sohn gern in seiner Nähe.« Sie seufzte ein wenig, und ihre freundlichen blauen Augen ruhten mit einem warmen Blick auf dem jungen Mann.

»Sicher, Frau Gräfin,« entgegnete Eberhard, »und dennoch würden meine Eltern es nicht anders wünschen, da meine Versetzung hierher eine ehrenvolle, und meine Stellung eine angenehme ist. Ueberdies gefallen mir die Stadt und die Umgegend ausgezeichnet. Wie reizend liegt z. B. Elmenried, wie schön ist der Weg hierher, ganz romantisch, ich scheute einen kleinen Umweg nicht, um noch das allerliebste Wäldchen zu passiren, das sich dort unmittelbar an den Wiesenweg anschließt.«

»Das ist hübsch, daß Ihnen unser Wäldchen gefällt,« rief Gertrud erfreut, »ich liebe es so sehr und die seltenen Tage, an denen ich es erreichen kann – es ist für meine Kräfte recht weit – gehören für mich stets zu den Festtagen.«

»Ja, und dieses Wäldchen, so klein es ist, eine Duodezausgabe eines Waldes,« sagte Eberhard, »birgt doch Geheimnisse, die –«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Elisabeth trat ein. Beide sahen sich einen Moment überrascht an, dann schloß Eberhard lächelnd den Satz mit den Worten: »Für die Elmenried die Lösung hat. Ich hoffe, mein Fräulein, Sie haben den Schreck, den ich Ihnen vorhin bereitete, mir, oder eigentlich – da ich völlig unschuldig daran war – meinem Thier vergeben.«

Elisabeth verneigte sich lächelnd und Eberhard beantwortete die erstaunten Blicke der Andern, durch eine Mittheilung über ihre vorangegangene Begegnung.

»Und nun endlich die gegenseitige Vorstellung,« sagte die Gräfin, »die wir bei Ihrer humoristischen Erzählung ganz vergessen haben. Graf Eberhard Rodan, Fräulein Elisabeth Held, die Freundin meiner Tochter und unsere liebe Hausgenossin.«

So saß nun Eberhard der anmuthigen Erscheinung gegenüber, die ihm zuerst so schnell vorüber gehuscht war, und triumphirte im Stillen über sein gewohntes Glück, das ihn auch in diesem Augenblick nicht verlassen hatte. »Was ich wünsche, geschieht!« hatte er oft in frohem Uebermuth gesagt; so hatte sich's auch heute bewährt, der Gedanke, der noch kaum die Gestalt eines Wunsches angenommen, hatte schon Erfüllung gefunden und sein Blick hing mit Entzücken an dem schönen Mädchen. Ihre Augen leuchteten so fröhlich und ihr Lachen klang so hell, ihr ganzes Wesen war wie ein Sonnenstrahl.

»Der Briefbote kam wohl,« sagte sie zu Gertrud, »aber er hatte nichts für uns.«

»Eine Enttäuschung, die sich leider nur allzu oft wiederholt,« antwortete diese seufzend.

»Wir erwarten mit Sehnsucht Nachricht von unserm Sohn,« bemerkte die Gräfin erklärend zu Eberhard. »Sie wissen, daß derselbe sich einer Expedition nach der Südsee angeschlossen hat? Nun, Sie können denken, wie sehr wir nach jeder Kunde von ihm verlangen, die oft lange ausbleibt und dann wieder einmal in rascher Folge eintrifft, wie ihm eben durch das an Land gehen oder die Begegnung von Schiffen, die Beförderung von Briefen möglich wird. So ist man eigentlich in steter Spannung und wenn dann endlich ein Brief kommt, so befriedigt er doch nicht, denn wieviel Tage der möglichen Gefahr liegen zwischen Absendung und Empfang. Mein Mann schilt über diese Unruhe und Selbstquälerei, wie er es nennt, aber die Frauenherzen können einmal darüber nicht hinweg.«

Damit hatte sich das Gespräch auf Erich und seine Reise, die Hoffnungen, die er an dieselbe geknüpft und die Erfolge, die er schon erzielt, gewandt. Alle betheiligten sich lebhaft daran und schienen dafür interessirt, nur Elisabeth schwieg; so heiter und unbefangen sie vorher geplaudert hatte, jetzt blieb sie stumm und ihre Augen waren unveränderlich auf die Handarbeit gerichtet, die plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. Eberhard entging das natürlich nicht. Jedenfalls ist ihr dieser Erich nicht gleichgiltig, entweder sie liebt ihn, oder sie haßt ihn, dachte er. Beide Möglichkeiten interessirten ihn, und er konnte sich's nicht verhehlen, daß ihm die zweite bei Weitem Wünschenswerther schien, aber auch bei Weitem wahrscheinlicher. Eine Sympathie zwischen diesem fröhlichen, jugendfrischen Mädchen und dem ernsten, nur seiner Wissenschaft lebenden Gelehrten, als welchen noch eben die Eltern Erich geschildert hatten– unmöglich! viel eher konnte er ihr abstoßend sein!

Unter dem Eindruck dieser Ueberlegung wandte er sich plötzlich an Elisabeth mit der Frage: »Und Sie mein Fräulein? Schenken auch Sie dieser Forschungsreise des Grafen Interesse?«

Eine heiße Röthe überflammte ihr Gesicht. »Gewiß,« erwiderte sie, »wie sollte die selbstlose Arbeit des Gelehrten, die Mühsal und Gefahren nicht scheut, nicht meine lebhafteste Theilnahme erwecken, sie würde es, selbst wenn ich Graf Erich nicht kennte.«

Gertrud hatte ihre Hand ergriffen und die Gräfin nickte ihr freundlich zu.

Eberhard ritt in gehobener Stimmung heimwärts. Ihn dünkte, er habe ein paar sehr angenehme Stunden verlebt und der Entschluß, baldigst wieder nach Elmenried hinauszukommen, war bereits gefaßt, ehe der Graf und die Gräfin ihn dazu aufgefordert hatten. Schon am nächsten Tage schrieb er in einem Briefe nach Rodanseck: »Deine Güte, liebe Mama, mit der Du mich vor einem unbequemen Besuche in Elmenried bewahren wolltest, hätte mich beinahe um eine angenehme Bekanntschaft gebracht. Es ist ein freundlicher Ort, ich wurde sehr liebenswürdig empfangen und gedenke der Einladung, meinen Besuch zu wiederholen, nächstens zu folgen.«

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