Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
Schließen

Navigation:

Die beiden Mädchen erhoben sich; Elisabeth führte sorgfältig die kleine zarte Gestalt an ihrem Arm in das, in elegantem Villenstil erbaute Haus. In dem mit geschmackvoller Einfachheit eingerichteten Wohnzimmer stand zwischen den Topfgewächsen, welche die Fensternische ausfüllten, ein Nähtisch und ein niedriger Sessel. Es war der Arbeitsplatz der Gräfin; über dem Nähtisch hing in einfachem Holzrahmen eine Kreidezeichnung: das Bild eines Knaben. Er trug den Kopf stolz zurückgeworfen, das Haar von der breiten Stirn gestrichen, die großen Augen sahen den Beschauer ernst und sinnend an; er war nicht schön zu nennen, aber dennoch wurde man unwillkürlich von den Zügen gefesselt. Um dies Bild hing Elisabeth ihren Kranz.

»Sehen Sie wohl, als ob er dafür gewunden wäre,« sagte sie heiter, »ich denke es wird die Frau Gräfin freuen.« Sie war vor dem Bilde stehen geblieben und betrachtete es aufmerksam.

» Sie versenken sich ja förmlich in das Anschauen Erich's,« neckte Gertrud.

Elisabeth erröthete ein wenig. »Es ist eigenthümlich,« antwortete sie, »ich finde in dem Bilde Graf Erich, wie er jetzt ist, wieder – und doch auch nicht; würde ich mir aus dem Kinderbilde die Züge des Mannes gestalten, sie würden doch anders werden, als sie in Wirklichkeit sind.

»Erich ist so ernst geworden,« sagte Gertrud sinnend, »es scheint so als ob er einzig und allein der Wissenschaft lebt; es ist so schön, daß wir ihn nahe bei uns haben, daß er viel hier ist, und dennoch möchte ich wünschen, er ginge fort, in die Welt hinein, er würde nicht durch unser stilles Haus gebunden, wäre nicht so liebevoll um seine kranke Schwester besorgt.«

Erich hatte früh eine große Liebe zur Natur gezeigt; er hatte jede Blume, jedes Gras und jedes Moos gekannt, und die weiten Streifereien, die er mit seinem Vater durch Wald und Feld gemacht und von denen er stets mit großen Sträußen für Gertrud zurückgekehrt war, hatten zu seinen schönsten Erholungen gehört. Als der Knabe dann zum Jüngling heranwuchs, hatte diese Naturliebe sich nur vertieft und endlich zu dem Resultat geführt, daß er – entgegen den Familientraditionen, welche die Grafen Rodan dem Offizierstande oder der diplomatischen Karriere bestimmten, sich dem Studium der Naturwissenschaften zuwandte. Er hatte verschiedene Universitäten besucht, war aber, nachdem er seine Studien beendet, doch wieder nach der Universitätsstadt B. zurückgekehrt, von welcher Elmenried kaum eine halbe Meile entfernt lag. So war er in steter Verbindung mit dem Elternhause, und konnte wöchentlich mehrmals einige freie Abendstunden dort zubringen. Trotz seiner Liebe für die Seinen und dem hohen Werth, den er selbst auf das Zusammenleben mit ihnen legte, mochte doch Gertrud nicht Unrecht haben, wenn sie voraussetzte, daß mehr als Alles die zärtliche Sorge für sie, und der Wunsch ihr Leben zu schmücken, ihn hier fesselte. Neben seiner Wissenschaft und seinen ernsten Studien schien eben nur noch diese Liebe in seinem Herzen Raum zu haben; er hatte oft scherzend die Wissenschaft seine Geliebte genannt, und wenn er in traulichem Zwiegespräch mit seiner Schwester Zukunftspläne machte, so handelte es sich dabei immer nur um ein Zusammenleben mit ihr. Sie hatte dann wohl einmal lächelnd gefragt: »Aber Deine Frau, Erich? Glaubst Du, daß sie gern die durch Deine Liebe verwöhnte Schwester im Hause dulden wird?« Dann hatte er jedes Mal mit dem Kopf geschüttelt und erklärt, er werde niemals heirathen, sein Herz sei nicht für die Liebe geschaffen und es gäbe auch sicher keine Frau, die mit seiner liebsten Mutter und Schwester rivalisiren könne.

Da war Elisabeth in sein Elternhaus gekommen. Er hatte sich dem Eindruck nicht entziehen können, den das schöne Mädchen, mit der unbefangenen Heiterkeit und dem harmlos lieblichen Wesen, schon am ersten Tage auf ihn gemacht hatte. Wenn sie ihn mit den großen, kindlichen Augen ansah, hätte er weiter und weiter sprechen mögen, nur um diesem Blick noch länger zu begegnen; ihr fröhliches Lachen klang wie Musik in seinen Ohren, und wenn er jetzt öfter denn je nach Elmenried kam, so konnte er es sich nicht verhehlen, daß es nicht das Verlangen bei den Seinen zu sein, war, was ihn hinauszog, sondern die Sehnsucht nach Elisabeth. Wenn sie sagte: »Ach, Graf Erich, da sind Sie, wir haben eben darüber gesprochen, ob Sie heute kommen würden, oder ihm auch zum Willkommen, mit ihrem anmuthigen Lächeln die Hand reichte, dann schlug sein Herz stürmisch und er hatte Mühe das Wort, das auf seiner Lippe lag, nicht auszusprechen. Warum er es nicht sprach? Der Zweifel, ob Elisabeth sein Gefühl theilte, ja selbst nur eine Ahnung von dem seinen hatte, war in ihm nicht so leicht zum Schweigen zu bringen. Ihre unbefangene Freundlichkeit, ihr stets gleiches Wesen zu ihm, sprachen nicht von Liebe, und sollte er durch ein voreiliges Wort, nicht nur seiner armen Schwester, die sich mit ganzer Innigkeit der Freundin angeschlossen hatte, diese rauben, sondern auch sich selbst um das Glück betrügen, wenigstens in ihrer Nähe sein, sich ihrer holden Gegenwart freuen zu dürfen? Er hoffte von Tage zu Tage, daß irgend ein Zeichen ihm ein tieferes Gefühl verrathen, ihm sagen würde, daß sie verstand, was in seinem Herzen vorging, und daß es einen Widerhall in dem ihren fand – doch vergeblich. Auch Gertrud, die sonst so scharfsichtige, die ein Verständniß für jede seiner Empfindungen gehabt hatte, schien dies Mal nichts zu ahnen, wenigstens verrieth sie es durch keinen Blick und kein Wort. Er vergaß, daß bisweilen die Klugheit der Frauen über die der Männer geht, und daß Gertrud vielleicht im Verborgenen die Blume erblühen lassen wollte, deren Wachsthum sie mit stiller Freude beobachtete. Vielleicht folgte sie nicht nur dem Zuge ihres, von warmer Schwesterliebe erfüllten Herzens, vielleicht war es ein wenig Berechnung, wenn sie Elisabeth täglich von dem Bruder, von alle seiner Liebe und Treue, seinem festen, männlichen Charakter, seinem Edelsinn und seiner Klugheit erzählte. Was hätte sie sich Schöneres und Lieberes wünschen können, als Elisabeth als Erich's Frau zu sehen? Elmenried war eben nicht Rodanseck und Graf Wilhelm Rodan hatte durch die Wahl seiner Gattin bewiesen, daß er keinen Werth darauf legte, in den Stammbaum der Rodans keinen bürgerlichen Zweig zu pflanzen. So wäre auch Erich und Gertrud niemals der Gedanke nahe getreten, daß der Name Elisabeth Held ein Hinderungsgrund für eine Ehe zwischen ihr und Erich sein könne.

Auch heute hatte Gertrud wieder lange und eingehend von dem Bruder erzählt und Elisabeth hatte aufmerksam zugehört. Darüber war es geschehen, daß beide die nahenden Schritte nicht gehört hatten, bis plötzlich der, von dem sie gesprochen, vor ihnen stand.

»Ach, Erich, Du hast mich fast erschreckt,« rief Gertrud. »Ich hoffte nicht, daß Du heute kommen würdest, sonst – hätten wir uns nicht so viel mit Dir beschäftigt. Nein, nein, wenn Du auch lachst, ich hätte es nicht geduldet, daß Elisabeth Dich da mit einem so schönen Kranz geschmückt hätte, es wird Dich wahrhaftig noch eitel machen.«

Sein Blick folgte der Richtung ihrer Hand, dann sah er Elisabeth an.

»Unser Kranz war so schön geworden,« sagte diese, »und die Frau Gräfin liebt den Platz so sehr –«

»Ach,« fiel ihr Erich in's Wort, »also nur für meine Mutter!«

»O nein,« entgegnete sie rasch, »ich selbst habe das Bild so gern, diese großen Kinderaugen sahen so nachdenklich daraus hervor, als wollten sie irgend ein Geheimniß errathen, ein Räthsel lösen, als –«

Sie brach plötzlich ab; vielleicht fiel ihr eben ein, daß der Mann, der da vor ihr stand, noch dieselben Augen habe, die jetzt auch sie so tief anschauten, als ob sie ein Räthsel lösen wollten. Sie war tief erröthet, fuhr dann aber, scheinbar völlig unbefangen fort: »Nun Sie haben ja auch den Geheimnissen der Natur nachgeforscht, den wunderbaren Zusammenhang in ihren Gesetzen gesucht und –«

»Doch das Räthsel nicht gelöst,« fiel er ihr in's Wort, »das mir vor Allem wichtig war. Wo sind die Eltern?« wandte er sich, abbrechend, an Gertrud.

»Sie kommen wohl bald,« erwiderte diese, »dort wird schon der Theetisch arrangirt und Du weißt, Papa liebt die Pünktlichkeit.«

Eine Viertelstunde später hatte sich die Familie um den Theetisch versammelt. Graf Wilhelm sah jetzt kaum weniger stattlich aus als damals, vor mehr als zwanzig Jahren, da er, mit dem Knaben Erich an der Hand, den Wald von Grünrode durchstrichen hatte; und seine Gattin war mit ihren milden, sanften, von innerster Befriedigung durchleuchteten Zügen, auch heute noch eine schöne Frau zu nennen, Elisabeth saß hinter dem silbernen Theekessel und bereitete mit der ihr eigenen Anmuth den Thee. Ein belebtes Gespräch ging unterdeß hin und her; Jeder berichtete von dem, was er während der letzten Stunden gethan und auch Erich hatte sich dabei betheiligt, aber die Gräfin und Gertrud bemerkten, daß er heute stiller als sonst war, und die Falte zwischen den Augenbrauen, die sich auf den Stirnen fast aller Rodans fand, sich heute tiefer und finsterer zusammenzog.

Die Flamme unter dem Theekessel war erloschen, Graf Wilhelm hatte sich die Abendcigarre angezündet und die Dämmerung lag schon über dem Zimmer, als Erich begann:

»Meine Lieben, ich habe Euch heute Mittheilung von einem wichtigen Entschluß zu machen, den ich gefaßt, und dem, ich hoffe es, Eure Zustimmung nicht fehlen soll.«

Elisabeth hatte sich leise erhoben und wollte das Zimmer verlassen.

»Fräulein Elisabeth, gehen Sie nicht fort,« bat Erich, »Sie gehören ja zu unserer Familie und ich wünsche, daß auch Sie hören, was ich den Meinen zu sagen habe.«

Elisabeth setzte sich wieder nieder; ihr war seltsam beklommen, sie konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben, weshalb, aber sie fühlte, daß ihr Herz bis hoch zum Halse hinauf schlug, und sie segnete die Dämmerung, welche die Röthe ihrer Wangen verdeckte. Sie fürchtete jede Aenderung in ihrem Leben, es war so glücklich, jede Neuerung konnte nur einen Schatten auf dies Glück werfen – das war's, wovor sie erschrak.

Als dann Erich mittheilte, daß er die Aufforderung erhalten, sich einer Expedition in die Gewässer der Südsee, als Naturforscher anzuschließen, und daß er, obgleich ihm die Trennung auf ein bis ein und ein halb Jahr sehr schwer werde, doch geglaubt habe, eine Gelegenheit, seine Studien auf verschiedenen Gebieten so gründlich betreiben, sein Wissen so bereichern zu können, nicht vorübergehen lassen zu dürfen, athmete Elisabeth tief auf. Er wollte fortgehen, auf lange – sein Scheiden mußte eine große Veränderung in dem Leben in Elmenried hervorrufen und eben diese Veränderung hatte sie gefürchtet; und dennoch war es ihr, als spräche eine Stimme in ihrem Herzen: nur das!

»Mein geliebter Sohn, wir werden Dich unaussprechlich vermissen,« sagte die Gräfin, »aber wir mußten ja immer darauf gefaßt sein, Dich einmal von uns zu lassen. Söhne sind allzeit nur Gäste im Elternhause und wir müssen für jeden Tag dankbar sein, den sie uns schenkten.«

Graf Wilhelm drückte dem Sohne die Hand. »Natürlich darfst Du ein so günstiges Anerbieten nicht ablehnen; es wird eine interessante Zeit, voll reicher Erfahrungen, voll umfassender Studien sein, und ich freue mich derselben von Herzen für Dich, mein Sohn.«

»Und welche Schätze, welche köstlichen Sammlungen wirst Du heimbringen,« sagte Gertrud scheinbar heiter, obgleich Erich's Ohr wohl die unterdrückten Thränen in ihrer Stimme hörte, »ich freue mich jetzt schon auf Deine lebhaften Schilderungen alles dessen, was Du gesehen und erfahren hast, Du verstehst es so schön zu erzählen.«

Natürlich bildete für diesen Abend Erich's Reise den einzigen Gegenstand der Unterhaltung; in vier Wochen mußte er nach Hamburg, wo die Expedition sich einschiffen wollte, und mannigfache Vorbereitungen würden bis dahin seine Zeit in Anspruch nehmen. Das Alles wurde erwogen, geprüft, besprochen. Als dann Erich aufbrach, war der Abschied ein besonders herzlicher, denn jeder gedachte dabei der langen Trennung, die so nahe bevorstand.

Als er zuletzt auch Elisabeth die Hand reichte, sagte er: »Nur Sie, Fräulein Elisabeth, haben mir noch nicht gesagt, was Sie über meinen Entschluß denken?«

Sie sah ihn unbefangen freundlich an und sagte: »Ich möchte Sie um das Glück einer solchen Reise beneiden, Herr Graf; wie herrlich muß es sein, eine fremde Natur kennen zu lernen, die uns eine neue Welt eröffnet.«

»Nichts weiter? Nur das?«

»Nun, daß wir Ihre Gegenwart Alle sehr entbehren werden,« setzte sie hinzu, »das werden Sie nicht bezweifeln.«

Er drückte flüchtig ihre Hand und ging.

Erich kam jetzt, wenn es seine Zeit irgend erlaubte, täglich nach Elmenried, und es schien als ob jeder Einzeln die Stunden des Beisammenseins noch doppelt wolle. Er selbst war ernster als gewöhnlich, ja es dünkte Elisabeth, als ob er sich oft mühsam zu einem Gespräch und zu einer Heiterkeit zwinge, die ihm nicht natürlich war, nur um die Seinen über den Eindruck zu täuschen, den die Aussicht der Trennung auf ihn übte. Sie selbst konnte ein Gefühl der Beklemmung und Bangigkeit nicht los werden; ihr war es, als würde ihr Leben nun eine ganz andere und neue Gestalt gewinnen, als würde viel Licht und Sonnenschein daraus schwinden. Sie mochte es sich selbst nicht gestehen, noch weniger es die Andern merken lassen. Ihr dünkten anderthalb Jahre eine so endlos lange Zeit; hatte sie bis dahin gemeint, in Elmenried eine Heimath für's Leben gefunden zu haben, so war es ihr jetzt oft, als werde sie von Erich Abschied für immer nehmen. Dessen ungeachtet war sie fröhlich; theils, weil sie die Verpflichtung fühlte, Gertrud durch ihre Heiterkeit über den Kummer hinwegzuhelfen, theils, weil sie sich selbst über die Beklommenheit täuschen wollte, die auf ihr lag.

Die vier Wochen waren schnell vorüber. Es war der Tag, an dem Erich zum letzten Mal hinaus kommen wollte, am nächsten Morgen reiste er nach Hamburg ab. Alle waren sich bewußt, daß der Antritt dieser Reise ein bedeutendes Ereigniß für ihn war, daß sie ihm nach allen, Seiten hin große Erfolge sicherte; so befanden sich auch Alle in einer gleichsam gehobenen Stimmung, zugleich aber lag auf Allen der Druck des Abschieds.

Erich hatte mit den Vorbereitungen für die Abreise und mit Abschiedsbesuchen in der Stadt so viel zu thun, daß er gemeint, erst zu einer späten Stunde nach Elmenried kommen zu können. So war die gewöhnliche Tageseintheilung, die von der ganzen Familie gern festgehalten wurde, auch heute nicht unterbrochen. Gertrud hatte sich, wie immer in der Nachmittagsstunde, auf ihr Zimmer zurückgezogen, und Elisabeth benutzte diese Zeit zu ihrem täglichen weiten Spaziergang; Bewegung im Freien und weite Gänge waren ihr seit ihrer Kindheit Bedürfniß, und da Gertrud nur auf die kürzesten Wege sich beschränken mußte, benutzte Elisabeth stets diese Nachmittagsstunde zu ihren Spaziergängen.

Sie hatte einen, ihr besonders lieben Weg eingeschlagen, der sich über Wiesen, einen Bach entlang, hinzog und schließlich zu einer kleinen Anhöhe führte, von der aus man einen freundlichen Blick nach der nahen Stadt einerseits und anderseits nach Haus und Garten von Elmenried hatte. Elisabeth hatte heute nicht so freudigen Herzens wie sonst, dem Genuß alle der in Duft und Sonnenschein schwebenden Schönheit umher, sich hingegeben, sie hatte immer wieder an Erich und an den Abschied denken müssen und an die Gefahren, denen er entgegen ging, und immer von Neuem tauchte die Frage auf: wirst Du ihn wiedersehen? Sie war langsam und nachdenklich die kleine Anhöhe hinaufgestiegen; oben befand sich unter dem Schatten einer alten, weitästigen Linde eine Bank. Elisabeth war es gewohnt, dieselbe als ihren alleinigen Besitz zu betrachten, Niemand sonst pflegte diesen Platz zu besuchen; heute saß dort ein Mann; sie zögerte einen Augenblick, ob sie umkehren oder weiter gehen solle, aber er hatte wohl schon die nahenden Schritte gehört und sich rasch erhoben – es war Erich.

»Ach, Herr Graf,« rief sie, ihm unwillkürlich die Hand entgegenstreckend, »eben beschäftigten sich meine Gedanken mit Ihnen und Allem was Ihnen von Gutem und Bösem auf der weiten Reise bevorstehen möchte.«

»Das war schön von Ihnen, Fräulein Elisabeth,« sagte er, »ich danke Ihnen dafür. Ich hatte meine Geschäfte in der Stadt früher beendet als ich glaubte, und konnte nun der Lust nicht widerstehen, zu Fuß hinaus zu wandern und noch einmal diese Höhe zu ersteigen, noch einmal dieses liebe Bild in mich aufzunehmen. Vielleicht hoffte ich auch ein wenig, Sie hier zu treffen, ich weiß ja, daß Sie diesen Platz lieben.«

Sie hatten sich beide auf der Bank niedergelassen, und Elisabeth entgegnete, während ihr Blick über die liebliche Landschaft schweifte: »Ich kann es mir denken, daß Sie wünschen sich noch einmal das liebe Bild einzuprägen, den vollen Eindruck von Elmenried, so schön und anmuthig wie sich's hier zeigt, auf die Reise zu nehmen, damit es Ihnen unter der Macht alles Neuen, das Ihrer wartet, nicht ganz verloren geht.«

Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich wollte mir nur noch einmal die Vergangenheit und alles Liebe und Theure, das mir die Heimath geboten, hier zurückrufen, mein Gedächtniß bedarf der Einprägung dieses äußeren Bildes nicht, um es festzuhalten und aller Geliebten hier zu gedenken.« Er schwieg einen Augenblick. »Und auch die Meinen werde ich in alter Liebe und Treue wiederfinden, sie werden mich nicht vergessen« fuhr er fort. Dann wieder eine Pause. »Aber Sie Elisabeth,« begann er von Neuem, zögernd, »werden auch Sie an mich denken?«

»Wie können Sie zweifeln, Herr Graf« erwiderte sie herzlich, »ich werde täglich daran denken, wie Sie auf weitem Meer umherschiffen.«

»Und werden Sie mich auch ein wenig vermissen?«

» Gewiß, ich –« sie wandte das Auge ihm zu und senkte es vor seinem heißen Blick rasch. Sie erröthete, wurde verwirrt und stammelte noch einmal: »gewiß.« Erich hatte ihre Hand ergriffen. »Liebe Elisabeth,« sagte er und eine tiefe Bewegung vibrirte in seiner Stimme, »ich hatte mir vorgenommen zu schweigen, ich wollte Ihr Herz nicht beunruhigen, Sie nicht vor einer so langen Trennung binden; fand ich Sie wieder, wie ich Sie verließ, hatten Sie mir ein freundliches Andenken bewahrt, ja, war vielleicht gerade in dieser Trennung Ihnen bewußt geworden, daß ich Ihnen mehr war als der Bruder Ihrer Freundin, als der Hausgenosse, dann erst wollte ich reden. So hatte ich mir's ausgedacht in vernünftiger Ueberlegung, fern von Ihnen; nun aber, Elisabeth, da ich Sie hier finde, Sie mir noch einmal allein, wie bisher so selten, gegenüber sind, da fällt die vernünftige Ueberlegung zusammen vor dem heißen Verlangen meines Herzens; mir scheint es, als ob das Schicksal selbst sich mir verbündete, als dürfe ich seinen Wink nicht mißverstehen. Ich meine, Sie müssen es längst wissen, Elisabeth, daß ich Sie liebe, und in einzelnen, glücklichen Momenten habe ich geglaubt in Ihrem Blick, Ihrer Stimme, Ihrem Wort, ein Verstehen und Erwidern zu entdecken; dann wieder habe ich mir gesagt, daß ich, der so bedeutend ältere, ernste Mann, Ihrer fröhlichen Jugend nicht sympathisch sein könne. So habe ich geschwankt zwischen hoffen und fürchten, und wollte warten, was die Trennung aus Ihrem Herzen machen würde. Nun aber hat mich der Augenblick überwältigt und ich frage Sie nun, liebe Elisabeth, ob Ihr Herz für mich spricht, ob Sie mir gut sind, mir Treue halten wollen durch die Zeit der Trennung, ob Sie, wenn ich zurückkehre, mein liebes, geliebtes Weib werden wollen?«

Elisabeth hatte längst schon das Gesicht in den Händen verborgen, ihr Athem ging rasch und schwer und auch als er jetzt schwieg, blieb sie in derselben Stellung und vermochte ihm nicht zu antworten. Es war ihr Alles so neu, so überraschend, er war stets so ruhig, so gleichmäßig freundlich zu ihr gewesen, daß ihr niemals der Gedanke gekommen war, er könne sie lieben. Sie wußte selbst nicht, ob das, was sie empfand, Schreck oder Freude war; hatte sie deshalb vor der Trennung gebebt, weil sie ihn liebte? war sie deshalb in den letzten Tagen so seltsam unruhig und bewegt gewesen? Alle diese Gedanken jagten durch ihren Kopf und es mußte wohl eine lange Pause gewesen sein, denn jetzt ertönte wieder seine Stimme, so weich und milde und traurig, daß es ihr tief zu Herzen drang: »Sie wollen mir keine Antwort geben, liebe Elisabeth, und so muß ich wohl glauben, daß ich Sie mit meiner Frage verletzt oder beunruhigt habe. Vergeben Sie mir und vergessen Sie jedes Wort, das ich heute in thörichter Verblendung zu Ihnen gesprochen, lassen Sie es Ihren Frieden nicht stören, mag es Sie Elmenried und meiner armen Gertrud nicht entfremden. Ich gehe ja fort, und wenn ich wiederkehre –«

Es zitterte wie unterdrückte Rührung in seiner Stimme, ihre Hände sanken herab, sie wandte das Auge ihm zu, ein Strahl unendlicher Liebe traf sie aus dem seinen und vor ihm schwanden alle Zweifel und alles Bangen, es überkam sie plötzlich wie die Gewißheit höchsten Glückes, von diesem Manne geliebt zu sein. Ihr Gesicht war in holder, mädchenhafter Scheu von einer dunkeln Blutwelle übergossen und sie flüsterte: »Ihnen zürnen? O nein, es war nur so fremd, so unbegreiflich!«

»Elisabeth!« Er hatte ihre Hände ergriffen und sie an sein Herz und seine Lippen gepreßt. »Elisabeth, Du willst mein sein?«

»So ist es wahr? Sie lieben mich wirklich? Sie wollen mich, eben mich zur Frau?«

»O Du, meine Braut!«

Er hielt sie in seinen Armen und sie erzählte ihm unter Lachen und Weinen, wie sie die Trennung von ihm gefürchtet, wie sie, von Unruhe und Bangen hin- und hergetrieben, es doch nicht geahnt habe, daß sie ihn liebe.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.