Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
Schließen

Navigation:

Der Graf schien nur mühsam seine aufwallende Heftigkeit zu unterdrücken. »Du vergißt, was Du Dir selbst, was Du mir schuldig bist. Du wirst nicht reisen.«

Gräfin Ebba machte eine ungeduldige Bewegung, dann sagte sie in demselben leidenden Ton, in dem sie bisher gesprochen: »Ich glaube nicht, daß Du mir wie einer Sklavin zu befehlen hast. Wenn ich mich auch sonst Deinem herrischen Charakter in Allem unterordene, von meiner Schwester lasse ich mich durch Deinen Willen nicht losreißen. Du hast in keinem Falle das Recht, die theuren und heiligen Bande zu zerreißen, die mich an Hortense fesseln. Ich habe bereits mit Doktor Brode gesprochen; er ist mit meiner Reise durchaus einverstanden und hat mir schon seine Anordnungen gegeben. Ich gedenke morgen den um elf Uhr abgehenden Zug zu benutzen.«

Der Graf hatte mehrmals mit starken Schritten das Zimmer durchmessen; dann blieb er vor der Gräfin stehen und sagte: »Ich habe nicht die Absicht, mein Recht als Dein Gemahl Dir gegenüber geltend zu machen, aber ich bitte Dich, Ebba, gieb diese Reise auf, bringe die Hoffnungen nicht in Gefahr, deren Erfüllung wir so heiß ersehnen; Du weißt, was davon abhängt.«

Gräfin Ebba zuckte, ohne den in die Hand gestützten Kopf zu erheben, die Achseln. »Du kannst überzeugt sein, daß mir diese Hoffnungen nicht weniger theuer sind als Dir, dennoch können sie mich nicht bestimmen von dem abzulassen, was ich als meine Pflicht erkenne. Hortense, die mir so viel geopfert, mir stets wie eine Mutter und Schwester zur Seite gestanden hat, sie sollte vergebens nach mir rufen! O, es wäre unverzeihlich! Selbst Du, mit Deinem kühlen, prüfenden Verstande, kannst das nicht wollen Und überdies wiederhole ich Dir: wollte ich bleiben, Du und ich, wir beide würden es bereuen, denn die grenzenlose Angst, die Unruhe von Stunde zu Stunde, würden mir gefährlicher werden als die Reise. Ja, ja, lieber Eberhard, wenn es sich um eine Sache handelt, die ich ernstlich will, dann habe ich auch die Energie sie durchzuführen!« fügte sie halb scherzend hinzu.

»O, ich habe das nie bezweifelt,« entgegnete der Graf bitter, »unsere Unterredung ist ja wohl auch beendet.«

»Wen wünschest Du zu Deiner Begleitung mitzunehmen?« fragte er, sich an der Thür noch einmal umwendend. »Das weibliche Personal steht ja unter Deinem Befehl, doch möchte ich wissen, welcher der Diener mit Dir reisen soll, um danach meine Anordnungen zu treffen.«

»Da steht man wieder einmal den unpraktischen Mann,« erwiderte Gräfin Ebba ironisch, »ich soll das Haus einer Kranken, das der Ruhe und Stille bedarf, mit fremder Dienerschaft überfluthen! Ich reise natürlich allein, auch Henriette bleibt zu Hause, die Kammerjungfer meiner Schwester kann mich bedienen.«

»Welche neue thörichte Idee!« rief der Graf erregt.

»Die einzig vernünftige unter den vorliegenden Verhältnissen,« lautete die kühle Antwort »Ich bitte, daß Du meine Reiseeinrichtungen mir überläßt, wie ich Dir ja stets die Deinen überlassen habe.«

Des Grafen Miene wurde immer finsterer, und die leidenschaftliche Erregung zuckte in jeder Muskel seines Gesichtes, dennoch schwieg er und verließ mit einer höflich förmlichen Verbeugung das Zimmer.

Am nächsten Morgen reiste Gräfin Ebba auf etwa vierzehn Tage, wie sie zu Doktor Brode sagte, nach Golten ab.

Indeß den vierzehn Tagen wurden einmal und dann wieder und wieder einige Tage zugelegt. Hortense wünsche so dringend ihr Bleiben, schrieb sie wiederholt an den Grafen, und sie könne sich nicht entschließen, der noch immer leidenden Schwester diesen Wunsch unerfüllt zu lassen, es sei ihr im Gegentheil ein Herzensbedürfniß, der, die bisher immer nur liebend für ihr Wohl gesorgt, nun auch einmal dienen und wohlthun zu können. Wenn er, leider in einem, wie sie nicht unerwähnt lassen könne, sehr herben Ton, der ihr jetzt, wo sie an's Neue von der Fülle der schwesterlichen Liebe verwöhnt worden, doppelt empfindlich gewesen sei – ihr mitgetheilt, daß Doktor Brode fürchte, die noch länger verzögerte Rückreise könne ihrem Zustande gefährlich werden, so müsse sie darauf erwidern, daß ihr längst bekannt sei, wie der gute Doktor garnicht im Stande ist, den Ansichten des Grafen zu widersprechen, so daß sie aus diesen Befürchtungen eben auch nur dessen Mißstimmung über ihre Reise heraus lese. Sie halte es für unnöthig, schriftlich zu wiederholen, was sie ihm schon mündlich darüber gesagt habe, übrigens habe sie sich niemals wohler als eben jetzt befunden und wisse selbst am besten, daß die doch immerhin kurze Fahrt, in einem Eisenbahnkoupé erster Klasse, durchaus unbedenklich für sie sei.

Fünf Wochen waren seit der Abreise der Gräfin vergangen, als Graf Rodan die telegraphische Nachricht erhielt, daß ihm ein Sohn geboren sei. Es war vier Wochen früher, als man das Ereigniß in Rodanseck erwartet hatte. Die bittere Empfindung, die den Grafen einen Moment bei dem Gedanken überkam, daß sein Sohn und Erbe nicht in dem Hause seiner Väter das Licht der Welt erblickt habe, wurde schnell überwogen durch das Gefühl namenloser Freude und befriedigten Stolzes, das seine Brust schwellte. Ein Sohn! der heißersehnte Sohn! Er lebte! Die Fahne, die seit dem Tage seines Einzuges, nach seiner Vermählung mit Gräfin Ebba, nicht von den Zinnen des Schlosses geweht hatte, flatterte lustig im Winde und er hatte angeordnet, daß der Haushofmeister ein frohes Fest für alle Leute des Hauses und alle Einwohner von Rodanseck veranstalten sollte. Für sie alle sollte der Tag der Geburt seines Sohnes, ihres künftigen Gebieters, ein Freudentag sein. Er selbst war sofort nach Golten abgereist. Selbst unter dem Eindruck des beglückenden Ereignisses, war es ihm eine unangenehme Empfindung Frau von Voltzau's Gast sein zu müssen; diese Frau widerstrebte einmal seiner ganzen Natur, und er konnte, so wenig er sich auch sonst unbestimmten Ahnungen überließ, doch sich bei jedesmaliger Begegnung des Vorgefühls nicht erwehren, daß ihm von ihr irgend ein Unangenehmes kommen werde. Und als sie ihm dann auf der Schwelle ihres Hauses entgegentrat, wallte von Neuem die Bitterkeit darüber in ihm auf, daß um ihretwillen sein Sohn nicht in seinem Hause geboren sei.

»Willkommen bei mir und tausend warme Glückwünsche!« sagte sie, ihm beide Hände reichend.

Er berührte sie nur mit flüchtigem Druck und fragte nach Mutter und Kind.

»Sie sind Beide wohl und das Kind so kräftig, so groß, man sollte nicht glauben, daß es noch kaum vierundzwanzig Stunden alt ist.«

Frau von Voltzau ging ihm voran, er folgte ihr in seltsam bewegter und freudig gehobener Stimmung, und als er dann an dem kleinen Bette stand und seine Hand wie segnend auf das Haupt seines Sohnes legte, da war es nicht nur ein Gefühl befriedigten Stolzes, das ihn erfüllte, sondern sein Herz weitete sich, er fühlte, daß er dieses Kind liebte! ja selbst sein Empfinden für Ebba schien plötzlich ein anderes geworden: sie war ja die Mutter seines Sohnes! Er nahm den schlummernden Knaben auf seine Arme und trat an ihr Bett.

»Unser Sohn, Ebba,« sagte er, und eine ungewohnte Rührung bebte in seiner Stimme. »Wie habe ich mich nach ihm gesehnt, wie gezittert, daß es wieder eine Tochter sein möchte! Aber Deine Wangen glühen, ich glaube Du fieberst?« fragte er besorgt.

Sie schüttelte matt den Kopf; in diesem Moment schlug der Knabe die Augen auf.

»Blaue Augen!« rief der Graf überrascht, »die Rodans pflegen sonst alle dunkeläugig zu sein. Es sind wohl Deine Augen, Ebba, und sie sollen mich stets an die Liebes- und Dankespflicht mahnen, die ich der Mutter meines Sohnes schulde.«

Er war so glücklich, so tief erregt, daß er der Gattin etwas Liebes zu sagen wünschte und in diesem Augenblick nicht ahnte, welche liebeleere Kühle in seinen Worten lag.

Aber auch sie schien von denselben befriedigt, denn sie drückte seine Hand und schloß lächelnd die Augen. Erst als das Kind leise zu weinen begann, fuhr sie erschrocken auf. »Ich fühle mich sehr angegriffen,« flüsterte sie, »ich glaube wirklich ich fiebere.«

Frau von Voltzau trat rasch zu ihr, legte die Hand auf ihre Stirn und erklärte, daß sie der Ruhe und völliger Stille bedürfe.

Nach einigen Tagen reiste Graf Rodan nach Rodanseck zurück; als Gräfin Ebba mit dem Knaben folgte, prangten Garten und Park schon in voller Sommerpracht. Wenige Tage darauf wurde mit alle dem Glanz und der Großartigkeit, die solchem Fest gebührten, die Taufe des jungen Grafen von Rodan gefeiert.

Graf Hochstedt hatte ihn über die Taufe gehalten, nach Beendigung der Ceremonie drückte er Rodan die Hand und sagte: »Jetzt also giebt es wieder einen zweiten Grafen Eberhard von Rodan.«

Im Garten von Elmenried, der Besitzung des Grafen Wilhelm Rodan, saßen unter einem blühenden Syrmingengebüsch zwei junge Mädchen. Die Aeltere, mit bleichen, leidenden Zügen und einer zusammengesunkenen, ein wenig verwachsenen Gestalt, hätte man eigentlich unschön nennen können, wenn sie nicht die großen leuchtenden Augen gehabt hätte, die eben mit dem Ausdruck liebender Bewunderung auf ihrer Gefährtin ruhten, welche mit einer Menge bunter Frühlingsblumen im Schooß, die sie zum Kranz zusammenwand, selbst wie eine Göttin des Frühlings anzuschauen war.

»Diese Blume müssen Sie mir schenken, Elisabeth,« sagte die Aeltere, einen Mairosenzweig aus der Blumenfülle ergreifend. »So, den stecke ich Ihnen in's Haar, Sie müssen immer Blumen tragen, es gehört zu Ihnen.«

Sie befestigte den Strauß in den vollen Haarknoten des jungen Mädchens, das nun lachend einen zweiten Zweig ergriff und sagte: »Das nennen Sie ein Geschenk! Warten Sie, diesen sollen Sie wirklich für sich haben, Gräfin Gertrud, ich stecke ihn Ihnen in die Flechten.«

Gräfin Gertrud schob die schon gehobene Hand zurück. »Nicht doch, liebe Elisabeth, für mich paßt Blumenschmuck nicht. Sie wissen das auch ganz gut und sollen nicht so thun, als vergäßen Sie es. Wenn ich einmal im Sarge liege, dann können Sie mich mit Blumen schmücken, mir sogar einen Kranz in's Haar flechten.«

»O Gräfin, wie mögen Sie so sprechen!«

»Und weshalb nicht? Glauben Sie, daß ich es nicht weiß, daß mein Leben kein langes sein wird und kann? Was thut es auch, wenn man die kurze Lebenszeit nur glücklich ist! Warum sehen Sie mich so zweifelnd an? Glauben Sie nicht, daß ich glücklich bin? O so sehr! Meine Eltern haben mir von frühester Kindheit an eine Fülle der Liebe geschenkt, sie haben mich verwöhnt, beglückt, wie nur ein Kind es von den gütigsten Eltern erfahren kann. Nun, Sie kennen ja meine Eltern, Sie wissen, was es heißt mit ihnen zu leben, und Sie kennen auch meinen Bruder; freilich, Erich ist eine so tiefe, auch wohl ein wenig verschlossene Natur, Sie mögen nicht ganz wissen, welch' ein Mensch er ist – auch er ist stets so liebevoll, so hingebend zu mir gewesen, ich glaube die theuren Meinen wollen mir durch ihre Liebe ersetzen, was ich vielleicht sonst an Lebensglück entbehren muß. Und dann habe ich ja die Natur, Frühling und Sommer, Blumen und Sonnenschein und Vogelgesang, ich habe meine Bücher, Alles was große Menschen gedacht und erfunden, findet einen Widerhall in mir, habe ich da nicht Veranlassung glücklich zu sein, ist es für die kurze Lebenszeit, die mir wohl nur bescheert ist, nicht des Glückes genug?«

Als sie schwieg, zog Elisabeth ihre Hand an die Lippen und sagte bewegt: »O Gräfin, Sie sind ein Engel!«

Gertrud lächelte und strich mit der Hand über das liebliche Gesicht des jungen Mädchens. »Sie sind eine kleine Schwärmerin und werden mich mit all Ihrer Anbetung noch verderben. Wahrhaftig, Sie haben es schon gethan, denn ich vergaß, unter alle das Glück das mir das Schicksal bescheert hat, auch das zu zählen, daß ich Sie gefunden habe, Elisabeth, und daß Sie bei mir geblieben sind und nicht müde werden, mich lahmes, krankes Mädchen zu geleiten und mich mit Ihrer sonnigen Heiterkeit zu erfreuen. Ich wüßte wahrhaftig jetzt garnicht mehr, was ich ohne Sie beginnen sollte, und doch überfällt es mich oft wie ein vorahnend ängstlicher Gedanke, daß Sie mich verlassen könnten.«

Elisabeth schüttelte lachend den Kopf. »Das dürfen Sie nicht fürchten, Gräfin Gertrud, meine Heimath ist bei Ihnen und mir ist es oft, als hätte – obgleich ich ja immer fröhlich und zufrieden war, mein Leben doch eigentlich erst begonnen, seit ich hier in Elmenried bin. Alles was vorher war, scheint mir so dunkel und trübe.«

»Sehen Sie, wie selbstsüchtig ich immer war!« rief Gertrud. »Ich habe in alle den Monaten des Beisammenseins, so viel von mir, und Allem was mir lieb und theuer, geschwatzt, und dabei noch so wenig von Ihrem Leben gehört. Jetzt gleich, erzählen Sie!« –

»Erzählen,« wiederholte Elisabeth, »ach, es ist so wenig zu erzählen! Sie wissen, mein Vater war ein armer Dorfschullehrer. Er hatte wohl in seiner Jugend ein besseres Loos erhofft, aber der Wunsch, sich mit meiner Mutter zu verheirathen, hatte ihn bestimmt, diese traurige Stellung anzunehmen, damals gewiß in der Hoffnung, daß es nicht für immer sein sollte. Aber er hatte keine Gönner und verstand es nicht, sich selbst oft in Erinnerung zu bringen, so blieb er bis an sein Lebensende auf unserm einsamen Dorf, ich glaube, daß der Vater es oft bereut hat, dorthin gegangen zu sein und da mag dann wohl auch die Mutter darunter gelitten haben, sie war oft verstimmt und übellaunig und schalt mit uns Allen. Die arme Mutter, sie hatte es wohl auch schwer, die Sorgen des täglichen Lebens lasteten auf ihr, und vier Kinder zu erziehen war mit dem geringen Gehalt gewiß nicht leicht. Ich war die Jüngste und die einzige Tochter, der Vater war sehr gut zu mir und ich glaube er bevorzugte mich ein wenig, die Mutter – nun, sie sorgte ja auch für mich, wie für alle ihre Kinder, sie schaffte von früh bis spät, aber ich empfand es, als ob sie mich nicht so lieb habe wie die Brüder, denen ich auch ziemlich fern stand. Sie war oft hart und strenge zu mir, freilich war es wohl meine Schuld, denn ich ging ihr nicht zur Hand, wie ich gesollt hätte; mein Sinn stand nach Anderm und die Hausarbeit war mir eine Last. Ich wurde von meinem Vater in seiner Schule unterrichtet, aber mir genügte das sehr bald nicht, und doch hatte der Vater nicht Zeit sich mehr mit mir zu beschäftigen, wenn er es auch gern gemocht hätte. Da – ich erinnere mich des Tages noch sehr genau – kam Frau von Voltzau, die Besitzerin von Golten zu uns; ihr Gut grenzte unmittelbar an unser Dorf und sie war sehr gütig zu uns. Ich glaube meine Mutter hat manche Unterstützung von ihr empfangen und schüttete ihr wohl bisweilen ihr beschwertes Herz aus, denn Frau von Voltzau blieb oft lange und sprach dann immer eingehend und sehr freundlich mit der Mutter. Sie klagte ihr auch an diesem Tage, daß ich nicht anstellig sei und nur Sinn für Bücher oder Spazierengehen habe, wie es sich für ein armes Schulmeisterkind nicht schicke. Frau von Voltzau meinte, sie solle nur Nachsicht mit mir haben, und wenn ich Lust hätte, etwas zu lernen, so würde das sich ja wohl machen lassen; der Herr Pfarrer werde mich gewiß gern unterrichten, sie selbst wolle mit ihm darüber sprechen.

Von diesem Tage an ging ich täglich in das Pfarrhaus; zuerst hatte ich den Unterricht mit dem Sohn des Herrn Pfarrers zusammen, er war aber viel älter als ich und wurde auch bald in die Stadt zur Schule geschickt, und nun unterrichtete er mich allein. Er war sehr gut zu mir und auch die Frau Pfarrerin hatte mich lieb und sie behielten mich zuerst bisweilen einen ganzen Tag bei sich, dann geschah es öfter und öfter und schließlich war es zur Regel geworden, daß ich früh Morgens zu ihnen hinüberging und erst am Abend nach Hause zurückkehrte. Es war kein Abkommen darüber getroffen, aber ich glaube, auch den Eltern war es so recht. Als dann mein Vater starb und die Mutter allein zurückblieb – die Brüder waren schon alle aus dem Hause – wäre es vielleicht natürlicher gewesen, daß ich die Mutter nicht verlassen hätte, aber wir verstanden uns so wenig, paßten so garnicht zu einander, und ihr war es schließlich lieb, wenn ich Morgens zu den lieben Pfarrer's ging, ja sie war verstimmt, wenn ich einmal früher heimkehrte als gewöhnlich und noch ein paar Stunden bei ihr saß. Sie lebt in ihrem kleinen Häuschen sorglos, ihre Wirtschaft giebt ihr genügende Beschäftigung und ich glaube, sie ist zufrieden. Als ich heranwuchs, hörte zwar der regelmäßige Unterricht auf, aber ich lernte doch noch unter des guten Herrn Pfarrer Aufsicht dies und das; er gab mir vieles Schöne zu lesen, ich trieb etwas französisch, half auch der Frau Pfarrer bei ihren Arbeiten und ihren Besuchen bei den Armen des Dorfes, und außerdem trieb ich mich viel im Freien umher, streifte durch Feld und Wald und war glücklich mit mir allein. Da starb Pfarrer Grundmann, mein Herz verlor sehr viel an ihm, aber auch mein äußeres Leben hatte eine völlig andere Gestalt gewonnen, denn die Frau Pfarrer wollte zu ihrem Sohn nach der Stadt ziehen, und ich verlor dadurch das Haus, das meine eigentliche Heimath geworden war. Meine Mutter sprach davon, daß ich irgend eine Stellung suchen müsse; denn bei ihr bleiben könne ich nicht – ich wollte es auch nicht – und Frau von Voltzau, die sie zu Rathe gezogen, hatte versprochen, sich nach einer passenden Stellung für mich umzusehen. Da traf ich auf meinen einsamen Spaziergängen Sie, Gräfin Gertrud – nun Sie wissen –«

»Ob ich es weiß!« fiel Gertrud ein. »Ich war auf den Arm meiner Mutter gestützt, die kleine Strecke in den Wald hineingegangen, wohin ich täglich nach dem Bade, auf den Befehl des Arztes, mußte. Da sah ich Sie, so wie eben jetzt, mit Blumen im Schooß, beschäftigt einen Strauß zu binden. Wie Sie da, von den Aesten der Buche beschattet, auf dem Moose sich niedergelassen hatten, selbst wie eine eben erblühte Blume unter den Blumen, der Anblick war zu reizend um mich nicht zu fesseln; ich blieb stehen, machte meine Mutter auf Sie aufmerksam, Sie sahen uns und die arme Lahme, die selbst nicht im Stande war, sich einen so schönen Strauß zu pflücken, mochte wohl Ihr Mitleid erregen, genug Sie standen auf, traten auf mich zu und schenkten mir Ihre Blumen.«

»Und Sie waren so gütig zu mir,« sagte Elisabeth, »Sie sprachen so freundlich, dankten mir und Ihre lieben Augen sahen mich dabei an, mit einem Blick, der mir tief in's Herz drang.«

»Und dann sahen wir uns wieder und wieder,« nahm Gertrud das Wort, »Sie wurden meine liebe tägliche Begleiterin auf meinen kurzen Spaziergängen, Sie pflückten mir Blumen und Erdbeeren, Sie sangen mir Ihre Volkslieder vor, wir plauderten, wir lasen, bis dann eines Tages mein lieber, gütiger Vater, der es wohl gemerkt hatte, wie lieb Sie mir geworden waren, mir den Vorschlag machte, Sie zu fragen, ob Sie mit uns nach Elmenried kommen möchten.«

»Und wie glücklich war ich, wie freudig sagte ich Ja,« fuhr Elisabeth fort, »meine Mutter und die liebe Frau Pfarrer nannten es eine Fügung des Himmels, daß gerade in diesem Augenblick mir ein so gütiges Anerbieten kam. Nur Frau von Voltzau war nicht damit einverstanden,« setzte sie lächelnd hinzu, »sie meinte eine solche Stellung sei für mich nicht angemessen, ich würde keine richtige Beschäftigung haben, würde verwöhnt werden, mir fehle doch die rechte Bildung um einer Gräfin Rodan genügen zu können, genug sie hatte unzählige Einwendungen. Selbst meine Mutter war ganz ängstlich geworden und meinte, Frau von Voltzau könne doch Recht haben, es sei besser wenn ich nicht nach Elmenried ginge, es würde sich schon etwas Anderes, Geeigneteres für mich finden. Ich aber ließ mich nicht irre machen und erklärte meiner Mutter, daß Frau von Voltzau, trotz all ihrer Güte, doch kein Bestimmungsrecht über mich habe, und daß, da die Mutter und die Frau Pfarrer nichts dagegen einzuwenden gehabt hätten, ihre Meinung keinen Einfluß auf uns üben dürfe. So ging ich denn mit Ihnen und zuletzt schien auch Frau von Voltzau ganz zufrieden, als ich mit der Mutter in Golten war, um ihr Lebewohl zu sagen, und meinte, ich solle nur recht dankbar für das große Glück sein, das mir zu Theil geworden, freilich fügte sie hinzu: Sie würden meiner wohl bald überdrüssig werden und dann sollte ich nur mit gutem Muth eine andere Stellung suchen.«

Gertrud lächelte. »Frau von Voltzau hat wahrscheinlich ein Vorurtheil gegen uns; ihre Schwester ist die zweite Frau eines Grafen Rodan, eines Vetters meines Vaters, die sich, aus irgend welchen Gründen, nicht gut, oder eigentlich garnicht mit einander stehen. Deshalb wohl ihre Abneigung gegen uns. Nein, nein, liebe Elisabeth, haben Sie keine Sorge, wenn Sie mir nur treu bleiben, ich halte Sie schon fest, wie Alle, die ich einmal in mein Herz geschlossen.«

Elisabeth zog Gertrud's Hand, die sich sanft auf die ihrige gelegt hatte, an die Lippen, und sagte: »da ist nun bei alle dem Erzählen auch mein Kranz fertig geworden. Was machen wir mit ihm? Sehen Sie nur wie schön er ist, da muß er auch einem würdigen Zweck dienen.«

»Lassen Sie uns nachsinnen! Setzen wir ihn dort am Springbrunnen der Nymphe auf's Hanpt? Oder krönen wir in meinem Zimmer den Apoll damit? Oder –«

»Jetzt weiß ich's!« unterbrach sie Elisabeth fröhlich, »wir schmücken das Bild des Grafen Erich damit. Sie sollen sehen, der Kranz wird gerade die richtige Größe haben.«

»Gut, wie Sie wollen, kommen Sie!«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.