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Josephine Gräfin Schwerin: Rodanseck - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Gräfin Schwerin
titleRodanseck
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid8764af6f
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Eberhard war tief erschüttert. Sein Vater verlangte seine Verlobung mit Valeska von Lauenstein als ein Opfer, das er seinem Namen schuldete, er würdigte ihn des Vertrauens, ihm zu sagen, daß er ein ähnliches Opfer gebracht habe, es dünkte ihn unmöglich jetzt länger zu widerstreben, und für den Augenblick erschien es ihm wie eine edle That, wenn er den Wünschen des Vaters nachgab.

»Wie Du willst, mein theurer Vater, so soll es geschehen, ich werde Dir noch heute Valeska als Tochter zuführen,« sagte er, die abgezehrte Hand küssend, die in der seinen lag.

Ein freundliches Lächeln glitt über des Grafen Gesicht. »Ich danke Dir mein Sohn, es ist zu Deinem Glück«, flüsterte er matt, dann schloß er die Augen.

Eberhard verließ leise das Zimmer. Kaum hatte er die Thür geschlossen, als Gräfin Ebba ihm entgegentrat.

»Du bliebst so lange? Was hattest Du mit dem Vater?« fragte sie erregt.

»Ich fahre sogleich nach Parkenau – zu Valeska,« entgegnete er.

Die Gräfin umschlang ihn leidenschaftlich. »Gott segne Dich, mein geliebter Sohn!«

Eberhard machte sich rasch aus ihrer Umarmung los; er war in einer fieberhaften Aufregung und außer Stande sich jetzt in ein längeres Gespräch mit der Mutter einzulassen. Die widersprechendsten Gefühle jagten sich in Kopf und Herz; aber die Empfindung, daß er sich seiner Sohnes- und Standespflicht opfere, war doch die vorherrschende, und die Freude und Dankbarkeit der Eltern verlieh dieser That in seiner Vorstellung einen gewissen heroischen Glanz.

In Parkenau wurde er mit der wohlthuendsten Herzlichkeit empfangen, und als er Baron Lauenstein um eine Unterredung unter vier Augen bat, schien es diesen nicht zu überraschen, er schien vielmehr gerade das erwartet zu haben, was Eberhard ihm in dieser vertraulichen Unterredung zu sagen hatte. Er nannte ihn seinen lieben, theuren Sohn und schloß ihn wahrhaft väterlich in seine Arme. Auch Valeska schien völlig vorbereitet auf seine Werbung und das volle, freudige Ja, mit dem das schöne, reiche, viel umworbene Mädchen sie beantwortete, schmeichelte seinem Stolz und seiner Eitelkeit nicht wenig.

Baron Lauenstein und Valeska begleiteten ihn nach Rodanseck, und das Glück seiner Eltern, die tief bewegten Segensworte, mit denen sein Vater die junge Braut als seine Tochter und als Herrin von Rodanseck begrüßte, hoben Eberhards Stimmung so sehr, sie wurde eine so ernste und glückliche zugleich, daß für den Augenblick kein Schatten auf derselben lag und der Gedanke an Elisabeth völlig in den Hintergrund seiner Seele zurückgedrängt war.

Die nächsten Tage waren voller Aufregungen. Valeska blieb, auf den ausdrücklichen Wunsch des alten Grafen in Rodanseck, und so machte das Zusammensein mit seiner Braut fortdauernde Ansprüche an ihn, dann kam die sich immer steigernde Sorge um den Zustand seines Vaters und die langen Unterredungen, zu welchen dieser ihn wiederholt an sein Bette rief, und in denen er immer auf's Neue ihm die Aufrechterhaltung der Ehre seines Namens und Hauses empfahl, und ihm an's Herz legte, Rodanseck und das Geschlecht der Grafen von Rodan in ungetrübtem Glanz zu erhalten. Zu alle dem kam es, daß Eberhard jetzt zum ersten Mal entdeckte, wie wenig wirkliche innere Zusammengehörigkeit zwischen seinen Eltern bestand. Er fragte sich selbst immer von Neuem, wie es nur hatte geschehen können, daß ihm das früher stets entgangen war; in seiner glücklichen Leichtherzigkeit hatte er sich stets nur seiner schönen Heimath und der Liebe, die ihm seine Eltern erwiesen, gefreut, sein Blick war immer nur auf der Oberfläche und dem freundlichen Bilde, das sie seinem Auge darbot, haften geblieben. Nun plötzlich – war er durch die Mittheilung seines Vaters aufmerksam geworden, oder enthüllte diese Zeit vor dem nahen Abschiede mehr, was sonst verborgen geblieben war? – genug, plötzlich sah er, was er bisher niemals geahnt hatte. Sein Vater verlangte nur nach seiner und Valeskas Nähe, alle seine zärtlichen Abschiedsworte galten nur ihnen, seinen geliebten Kindern, und so viel Gräfin Ebba, auch von den Leiden dieser Tage und dem Kummer ihrer Seele sprach, so fühlte Eberhard doch deutlich heraus, daß es eben nur Worte waren, denen nicht wirklich tief Empfundenes zum Grunde lag.

Das Alles waren mächtige Eindrücke, die seine Seele ganz gefangen nahmen; und dann, wenige Tage später trat das Erwartete ein: Graf Rodan starb.

Dem Begräbniß, zu dem von nah und fern die Freunde des Verstorbenen und die Vertreter der Aristokratie erschienen, schlossen sich unmittelbar die Geschäfte an, welche die Uebernahme der Güter für Eberhard mit sich brachte, und die seine Gedanken und seine Thätigkeit gänzlich in Anspruch nahmen. Alles Vergangene lag so weit hinter ihm, es schien ihm, als könne er sich kaum mehr auf das besinnen, was noch wenige Wochen zuvor seine ganze Seele erfüllt und gefangen genommen hatte. Sein Leben und er selbst waren anders geworden, neue Pflichten und eine neue Zukunft lagen vor ihm, wenn sich zwischen die Gedanken, die ihn jetzt erfüllten, je zuweilen die Erinnerung an Elisabeth stahl, so schob er sie so schnell als möglich von sich; er wußte ja, daß er ihr schreiben mußte, daß er es längst hätte thun sollen, aber er entschuldigte sich selbst damit, daß die Menge der Geschäfte ihn daran hindere, daß er erst zur Besinnung und Ruhe kommen müsse, ehe er im Stande sei ihr auseinanderzusetzen, daß er nicht anders habe handeln können. Ihr Schicksal lag wie ein Vorwurf auf seiner Seele, und doch zürnte er ihr, daß sie voreilig in dasselbe eingegriffen hatte; wäre sie ruhig abwartend in Elmenried geblieben, Alles stände jetzt anders und besser. Er liebte Elisabeth nicht mehr, wie er es früher geglaubt hatte, aber er liebte auch Valeska nicht, und sobald er seine Braut in die Arme schloß, oder einen Kuß auf ihre Lippen drückte, so erschien Elisabeths thränenvolles, trauriges Antlitz vor ihm, wie er es zuletzt gesehen hatte. So kam eine Unruhe und Aufgeregtheit in sein Wesen, die ihm selbst unsäglich quälend waren und von den Seinen nicht unbemerkt bleiben konnten. Gräfin Ebbas Fragen war er schon wiederholt ausgewichen, als aber auch Valeska endlich eine solche an ihn richtete und sich durch seine Versicherung, daß sie sich täusche, daß nur die Last der neuen, ihm bisher völlig fremden Geschäfte, ihn bedrücke, kaum zufriedenstellen ließ, erkannte er denn doch die Notwendigkeit eines Entschlusses, der, wie er hoffte, ihm Ruhe geben sollte.

Er benutzte die frühe Morgenstunde nach einer schlaflos verbrachten Nacht zu einem Briefe an Elisabeth, der ihr ausführlich die Ereignisse und seine, aus denselben hervorgehende Handlungsweise, darlegte, aber unter dem Eindruck des Grolls, den er gegen sie, als die Urheberin schwerer Vorwürfe, die sein Gewissen ihm nicht ersparte, empfand, wurden seine Worte kühl, ja beinahe unfreundlich und der am Schluß hinzugefügte Wunsch, sie möge ihr unbedachtes Eingreifen in die Verhältnisse nicht bereuen und noch in der Zukunft ein Glück finden, das er ihr, unter den obwaltenden Umständen, nicht zu bereiten im Stande sei, klang fast wie ein Hohn. Ihn selbst dünkte es beim Durchlesen des Briefes so, und er wollte schon die Schlußzeilen durchstreichen, dann warf er die Feder wieder hin – mochten sie stehen bleiben. Er kouvertirte den Brief: Fräulein Elisabeth Held, da stand es vor ihm und er athmete erleichtert auf – nun lag auch das hinter ihm. Elisabeth hatte nach Eberhards Besuch nicht umhin gekonnt, den Fragen der Pfarrerin Grundmann Rede zu stehen, und ein offenes Bekenntniß, das sie ihr abgelegt, hatte ihrem schwer belasteten Herzen sehr wohl gethan. Freilich waren ihr die ernstesten Vorwürfe nicht erspart geblieben, aber Elisabeth beugte unter diesen willig das Haupt, sie wußte ja längst, daß dieselben sie nicht ungerecht trafen, und wenn die Pfarrerin zugleich ihr Mißtrauen gegen Eberhard aussprach, so wagte sie nicht mehr, ihn zu vertheidigen, war doch auch ihr Vertrauen längst erschüttert. Jetzt aber konnte sie nichts thun als warten – warten; und Tag um Tag verging, und Elisabeths Augen wurden immer trüber, ihre Wangen immer bleicher und die Pfarrerin sah immer ernster und bedenklicher darein. Er kam nicht, er schrieb nicht, was sollte daraus werden? und doch verbot Elisabeth ihr Stolz, ihm zu schreiben. Das letzte Wiedersehen mit ihm hatte sie ja belehrt, daß es ihn selbst nicht mehr zu ihr zog, so durfte sie nicht glauben, daß irgend eine äußere Veranlassung sein Schweigen herbeiführte und mußte warten, bis er ihrer gedachte; wann würde das sein? Da endlich kam der heiß ersehnte, heiß begehrte Brief. Elisabeth zitterte so heftig, daß sie kaum das Kouvert zu lösen vermochte, und als sie dann das entfaltete Blatt in der Hand hielt, flimmerten die Buchstaben vor ihren Augen und sie mußte sie schließen. Dann las sie; die Worte standen so kalt und erbarmungslos deutlich vor ihr, sie waren nicht mißzuverstehen und ließen keine Hoffnung übrig. Und dennoch war es ihr fast wie eine Erlösung; sie hatte es ja längst geahnt, daß es so kommen würde, daß Eberhard sie nicht mehr liebte, und den Kampf, der ihm einst so leicht erschienen war, jetzt nicht mehr um sie aufnehmen wollte; nun wußte sie es und das Zagen und Bangen, das Fürchten und Hoffen hatte ein Ende. Sie wollte stark und muthig sein, sie wollte tragen, was sie selbst verschuldet hatte, sie wollte nicht unterliegen, aber trotz dieses Entschlusses, der sich aus der Tiefe ihrer Seele emporrang, hielt sie die Hand auf das Herz gepreßt und ihre Thränen rannen in unaufhaltsamen Fluthen.

Als die Pfarrerin, die eben ausgegangen war, ahnungslos heimkehrte, konnte sie ihr nur schweigend in die Arme sinken; und an dem Herzen der treuen, mütterlichen Freundin weinte sie leichter ihren bittern Schmerz aus. Diese verstand Alles, auch ohne Worte, sie wußte was Elisabeth erlebt hatte und empfand mit echt weiblicher Milde, daß jetzt nicht mehr die Zeit sei, ihr Vorwürfe zu machen, sondern sie tröstend zu erheben. –

Monate waren seit diesen Ereignissen vergangen; es war ein stiller und trauriger Winter in Rodanseck. Eberhard hatte seinen Abschied nachgesucht und zunächst einen mehrmonatlichen Urlaub genommen. Die Verwaltung der großen und weit ausgedehnten Begüterung verlangte die volle Hingabe seiner Kraft und Zeit, denn wenn ihm auch tüchtige und bewährte Beamte zur Seite standen, so war ihm selbst doch diese Thätigkeit völlig neu und dessen ungeachtet wollte er sich ihr ganz widmen. Das Vertrauen, das sein Vater in ihn gesetzt hatte, und der Ernst mit dem er ihm seine Pflichten als Vertreter des Namens Rodan und als Besitzer von Rodanseck, an's Herz gelegt, hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und er sah es gegenwärtig als seine hohe, und wie ihn dünkte, schöne Aufgabe an, diese Pflichten voll und ganz zu erfüllen.

Gräfin Ebba war in Folge der testamentarischen Bestimmungen ihres Gemahls, schon sechs Wochen nach seinem Tode, nach Guntersdorf, ihrem Wittwensitz, übergesiedelt. Er hatte es sichtlich durchaus verhüten wollen, daß Gräfin Ebba die Herrschaft an sich zöge, oder auch nur einen Einfluß auf die Anordnungen ihres Sohnes gewönne. Guntersdorf lag zwei Meilen von Rodanseck entfernt, mithin war ein täglicher Verkehr ziemlich ausgeschlossen. Eberhard verlangte auch nicht danach; seine neue Thätigkeit füllte ihn vollkommen aus, sie erschien ihm so groß und wichtig, daß ihr alle seine Zeit gehörte und er einzig darauf bedacht war, ein würdiger Nachfolger seines Vaters zu sein. Ueberdies hatte ein wirklich innerliches Verhältniß zwischen ihm und seiner Mutter nie bestanden, war der Grund in Gräfin Ebbas kühler Natur, oder in Eberhards leichtem Sinn, der eines tieferen Anschlusses nicht bedurfte, zu suchen, genug, seine liebenswürdige, gleichsam strahlende Persönlichkeit hatte wohl den Stolz der Gräfin auf den Sohn wachgerufen, und er hatte sich gern durch ihre stete Güte und Nachgiebigkeit gegen seine Wünsche verwöhnen lassen, aber die rechte Innerlichkeit hatte ihrem Verhältnisse stets gefehlt. So entbehrte er kaum dabei, daß er die Mutter nur selten sah. Seine ausgedehnten Aufgaben und seine anstrengende Thätigkeit verhinderten ihn auch an so häufigen Besuchen bei seiner Braut, wie sie sonst wohl natürlich gewesen wären. Ob seine abendliche Ermüdung nach der Tagesarbeit ihm ein gern gewählter Vorwand war, nicht nach Parkenau hinüberzureiten, ob er sich wirklich zu erschöpft fühlte, wirklich die Abendstunden noch zur Durchsicht der Rechnungsbücher benutzen mußte, darüber gab er sich selbst nicht Rechenschaft, genug es vergingen oft 3 oder 4 Tage, ohne daß er Valeska sah. Jedenfalls zog ihn keine unwiderstehliche Macht zu seiner Braut, ja, sobald er sich Parkenau näherte, legte sich's wie ein Alp auf seine Brust und die Freudigkeit, die gehobene Stimmung, die ihn Tag über, während der Arbeit begleitet hatten, waren von ihm gewichen. Er hatte ja seit Jahren das, zwar nie klar ausgesprochene, aber doch vielfach angedeutete Projekt seiner Eltern und des Baron Lauenstein, in Betreff seiner Vermählung mit Valeska, gekannt, und wenn er auch zu keiner Zeit eine feurige Liebe für sie empfunden, so hatte sie ihm doch wohlgefallen, und er war dem, ihm seit den Kinderjahren bekannten Mädchen herzlich zugethan gewesen, so daß er nichts gegen diese elterlichen Wünsche einzuwenden gehabt. Auch heute noch erschien ihm Valeska nicht anders, sie besaß sogar alle die Eigenschaften, die er von der Gräfin Rodan verlangte, ja noch ein gut Theil mehr als das, denn sie hatte ein warmes, aufrichtiges Herz, das ihn liebte, und er empfand mehr als je zuvor die Pflicht, seiner Stellung gemäß, in der Wahl seiner Gattin von andern Gesichtspunkten auszugehen, als nur von der Stimme seines Herzens, ja es gewährte ihm sogar, wenn er von Valeska entfernt war, eine tiefe Befriedigung, durch seine Verlobung mit ihr den letzten, so dringend ausgesprochenen Wunsch seines Vaters erfüllt zu haben. In ihrer Nähe aber, trat immer und immer wieder der Gedanke an Elisabeth zwischen sie und ihn; in diesem Fall bewährte sich sein leichter Sinn nicht, der ihn sonst stets sehr schnell über Schwierigkeiten und auch wohl gelegentlich einmal über Gewissensskrupel hinweggeführt hatte. Hätte er nur wenigstens gewußt, wie sie seine Mittheilung aufgenommen, ja selbst Klagen und Vorwürfe wären ihm lieber gewesen, als dieses völlige Schweigen. Freilich, was hätte sie ihm schreiben sollen, er mußte es ja begreiflich finden, daß sie schwieg, er sollte ihr eigentlich, dankbar dafür sein, aber dennoch bereute er es fast, daß er sie nicht gebeten, ihm mitzutheilen, wie sie ihre Zukunft gestalten wolle. Immer und immer sah er das enge, niedrige Stübchen vor sich, in dem er sie so bleich und traurig gefunden, und es dünkte ihm unmöglich, daß dort ihre Heimath bleiben sollte. Wohin aber konnte sie sich wenden? Das Alles waren quälende Vorstellungen und Fragen, für die es keine Antwort gab, und so sehr es ihn drängte, diese noch von ihr zu erbitten, so verboten ihm doch Ehre, Pflicht und Stolz, ihr noch einmal zu schreiben; es mußte eben Alles aus und vorbei sein.

Wenn Valeska sich bisweilen über Eberhards seltene Besuche, oder auch wohl über sein zerstreutes und unruhiges Wesen, dessen er in Parkenau niemals ganz Herr werden konnte, beklagte, so fand er in Baron Lauenstein stets einen Vertheidiger. Er lobte den Eifer, mit dem er seinem neuen Beruf oblag und erklärte sein Thun und Verhalten aus der Unbekanntschaft mit demselben und der Fülle der Arbeit, die er ihm darbot.

»Für einen Mann, der viel zu thun hat, ist der Bräutigamsstand gar übel,« sagte der Baron, »wir müssen bald an die Hochzeit denken.«

Graf Rodan hatte die Beschleunigung derselben dringend gewünscht, auch in den äußeren Verhältnissen lag kein Grund des Aufschubs, so sollte denn unmittelbar nach Beendigung des Trauerjahrs die Vermählungsfeierlichkeit stattfinden.

Eberhard sah derselben mit Befriedigung entgegen; war Valeska erst seine Gattin, so hoffte er, daß die dunkeln Gespenster, die ihn quälten, mehr und mehr von ihm weichen sollten, und die glänzenden Vorbereitungen, die man in Parkenau zur Feier des Festes traf, befriedigten sein Gefühl, denn er wußte wohl, daß dieser Glanz nicht allein der Hochzeit der einzigen Tochter galt, sondern mindestens ebenso viel dem Umstände, daß sie sich dem Grafen Rodan, dem Besitzer von Rodanseck, vermählte.

Einer alten Familientradition zu Folge, brachte die Braut nach Schloß Rodanseck stets nur ihre persönliche Aussteuer mit; die Einrichtung der Zimmer stilvoll und würdig zu erhalten, war die Pflicht der Grafen Rodan, und es fand sich in den alten Familienurkunden ein bis auf die Neuzeit fortgesetztes Verzeichniß, welche Zimmer jeder derselben für seine junge Gattin neu hergerichtet hatte, die dann gleichzeitig den Stempel des Geschmacks und der Mode ihrer Zeit an sich trugen.

So hatte Gräfin Ebba auch nach der Bestimmung des verstorbenen Grafen, nach dem vollständig und elegant eingerichteten Guntersdorf nichts von den schweren, reich geschnitzten Möbelstücken aus ihren Zimmern in Rodanseck mitgenommen. Sie hatte sich nur schwer dieser Anordnung gefügt, und dann als Eberhard auf die Durchführung derselben bestand, allein, hinter verschlossenen Thüren, ihr Schreibpult geleert, Papiere geordnet und eigenhändig in dem Kamin verbrannt.

»Es giebt so viele liebe, theure Andenken, Briefe und dergleichen, von denen ich mich schwer trenne und die doch, wenn sie erst einmal aus ihren Verschlüssen genommen werden, wenn ich überhaupt mein Pult, mit seinen vielen verborgenen, und nur mir bekannten Fächern, nicht mit mir nehmen darf, den Flammen preisgegeben werden müssen,« hatte sie gesagt.

Eberhard beabsichtigte, die beiden Zimmer, die Gräfin Ebba speciell bewohnt hatte, und welche sich unmittelbar an die von ihm für Valeska mit aller nur erdenklichen Eleganz und Bequemlichkeit hergerichteten, anschlossen, unverändert zu lassen. Theils war es ein Akt der Pietät gegen seine Eltern, theils meinte er, daß es Gräfin Ebba angenehm sein würde, bei einem gelegentlichen Besuch in Rodanseck, neben Valeska, die sie sehr liebte, und in alt bekannten Räumen zu logiren.

Er war in den, für Valeska bestimmten Zimmern gewesen, in denen Handwerker aller Art thätig waren, und ging nun, nachdem er dort seine Anordnungen getroffen hatte, durch die Zimmer seiner Mutter. Unwillkürlich schweifte auch hier sein Blick umher und blieb an dem großen, alterthümlich schönen Schreibepult haften. Dasselbe war für eine Dame eigentlich zu groß, überdies ließ sich kaum annehmen, daß die Gräfin bei einem Besuch in Rodanseck es vielfach gebrauchen würde; da es sich aber mit einer Menge von Fächern und Schubladen als sehr praktisch erwies, kam Eberhard der Gedanke, es in sein Arbeitszimmer bringen zu lassen. Der Schlüssel steckte darin, er schloß rasch auf, um sich noch einmal über die innere Einrichtung zu orientiren, öffnete mit Befriedigung ein Schubfach nach dem andern und freute sich daran, wie geschickt, theilweise mit verborgenen Schlössern, dieselben angebracht waren. Plötzlich ließ sich das Eine nicht schließen, er zog es vollständig heraus, und griff mit der Hand in den leeren Raum; ein zusammengedrücktes Stück Papier hatte sich dazwischen geschoben. Er wollte es zur Erde werfen, da fiel sein Blick unwillkürlich darauf; es war beschrieben, in Frau von Voltzau's wohlbekannter Handschrift, und da stand sein eigener Name: »sorge nur, daß Eberhard um jeden Preis –« Unwillkürlich interessirte es ihn, zu erfahren, was er um jeden Preis sollte; er glättete das zur Hälfte durchgerissene Blatt und fügte es an einander. Es war ein Stück eines Briefes, Anfang und Schluß fehlten, es schien ihm doch indiskret, dies zufällig in seine Hände gekommene Blatt zu lesen, und er wollte es eben völlig zerreißen, als sein Auge auf die ersten Worte fiel: »Rodan ahnt nichts, sei dessen sicher.« Das frappirte ihn und jetzt glaubte er weiter lesen zu müssen. »Rodan ahnt nichts, sei dessen sicher, woher also die nutzlosen Sorgen; überdies trägt ja die Täuschung zu seinem Glück bei, Du weißt in welcher Stimmung er vorher war und wie sein Auge stolz und freudig leuchtete, als wir ihm den Erben in die Arme legen konnten. Also ruhig und besonnen, Ebba, für das Schweigen der Betheiligten stehe ich ein, es ist auch nicht schwer zu erlangen, da es in ihrem eigenen Interesse liegt; Du sorge nur, daß Eberhard um jeden Preis in Dir die zärtlich liebende, den einzigen Sohn verwöhnende Mutter findet, damit kein Zweifel –« hier war das Blatt abgerissen.

Eberhard starrte darauf hin, als könne er den Blick nicht losreißen von den verhängnißvollen Worten, die er gelesen hatte, und deren Sinn er noch nicht voll fassen und begreifen konnte. Und dann las er es noch einmal und noch einmal und immer blieb es dasselbe, das Unbegreifliche, das Vernichtende – er war nicht Graf Rodan! 24 Jahre waren nur ein Scheinleben, ein Nichts, ein Trug gewesen, und jetzt erst sollte die Wahrheit kommen, welche Wahrheit!

Wie lange er so gestanden, das unselige Blatt in den Händen, waren es Minuten, waren es Stunden, er wußte es selbst nicht; ihn dünkte es als wäre er um Jahre gealtert, als hätte sich ihm plötzlich die ganze Welt in ein kaltes, düsteres Grau gehüllt. Er wollte Gewißheit haben, er wollte Alles hören, jetzt sollte das Dunkel ganz gelichtet werden, die Mutter sollte ihm Rede stehen, die Frau, die er so lange Mutter genannt hatte. Er riß an der Glocke und befahl sein Pferd zu satteln; der Diener sah ihn erstaunt an, wie verstört war sein Wesen, wie fremd und seltsam klang seine Stimme.

»Was zögern Sie, schnell mein Pferd,« befahl er noch einmal.

Ein wilder Ritt führte ihn nach Guntersdorf; die körperliche Anstrengung that ihm wohl, sie wehrte auch dem Denken und denken wollte er jetzt nicht, denn jeder Gedanke war ja eine Qual!

Als er in Guntersdorf angelangt war, warf er dem ihm entgegeneilenden Diener schweigend die Zügel zu und ging dann mit raschen, energischen Schritten die Stufen hinauf.

»Ist die Frau Gräfin allein?« fragte er, sich noch einmal umwendend.

»Ja wohl, die Frau Gräfin ist in ihrem Zimmer,« antwortete der Diener, »darf ich den Herrn Grafen anmelden?«

Eberhard machte eine abwehrende Handbewegung und ging weiter; erst vor dem Zimmer seiner Mutter blieb er stehen, er athmete tief auf und legte die Hand gegen die Stirn, als müsse er sich noch einmal klar machen, was er erlebt habe und was er hier wollte. Dann hob er den Kopf mit einer stolzen Bewegung und trat nach einem raschen Klopfen, ohne die Antwort auf dasselbe zu erwarten, ein.

Gräfin Ebba erhob sich mit einer freundlichen, aber ein wenig erstaunten Miene.

»Ach, Du, mein Sohn, so plötzlich und ungemeldet!« Es klang eine nicht mißzuverstehende Mißbilligung durch ihren Ton: »aber dennoch willkommen,« fügte sie hinzu und wollte Eberhard umarmen.

Dieser trat einen Schritt zurück. »Vielleicht heißt Du mich nicht willkommen, wenn Du den Zweck meines Besuchs kennst.«

»Mein Himmel, wie feierlich,« entgegnete die Gräfin lächelnd, aber ihr Blick wich dem Eberhards aus und die Hand, die sie auf den Tisch stützte, zitterte.

Eberhard hatte in die Brusttasche gegriffen. »Ich komme –«

»Willst Du Dich nicht setzen,« unterbrach ihn Gräfin Ebba. Sie ließ sich selbst in einen Sessel sinken und wies auf den ihr gegenüberstehenden.

Eberhard schien die Aufforderung zu überhören.

»Ich komme,« begann er von Neuem, »um Rechenschaft über den Inhalt dieses Blattes von Dir zu fordern. Lies!«

Er reichte ihr das Blatt. Die Gräfin sah darauf hin, dann in Eberhards kreidebleiches Gesicht und dann sank sie selbst geisterhaft blaß in den Stuhl zurück. Aber im nächsten Moment hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen.

»Zunächst darf ich wohl fragen, wie Du zu der Kenntniß eines Briefes gelangt bist, der nicht an Dich gerichtet war?« sagte sie, ohne Eberhard anzusehen. »Hast Du meinen Korrespondenzen nachgespürt?«

»Mutter!« fuhr Eberhard auf. Dann strich er mit der Hand über die Stirn und fuhr in gemäßigterem Tone fort: »Lasse uns nicht über Nebensachen reden, wo es sich um meine Zukunft, meine Vergangenheit, mein ganzes Leben handelt; ich fand das Blatt in Deinem Schreibepult in Rodanseck. Es läßt keine Deutung als die eine, entsetzliche zu und doch will ich, muß ich sie aus Deinem Munde bestätigt hören. Sprich!«

Gräfin Ebba zögerte; sie bewegte sich unruhig auf dem Sessel hin und her, sie rang die Hände, aber kein Laut kam über ihre Lippen.

»Sprich!« wiederholte Eberhard.

Da richtete sie sich auf und ergriff seine Hände. »Und weshalb soll ich sprechen, Eberhard? Lass es gut sein, vernichte das Blatt und vergiß, was Du gelesen, es war ein Traum, nichts weiter.«

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