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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 64
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Wer hat ihms gschafft?

I

Vor dem Affenhaus in Schönbrunn standen Beethoven und Schubert.

Der Pavian übte Klimmzüge mit einem Arm: ließ sich nieder – hob sich empor: zehnmal – hundertmal.

Schubert: »Das ist sehr schwer – so mit einem Arm.«

Beethoven knurrte: »Wer hat ihms gschafft?« – (anbefohlen?)

Historische Anekdote. Für ihre Echtheit bürgt der Fundort: Neues Wiener Journal.

II

Leute, die jahrelang allein im Gefängnis sitzen – oder vorzeitig abgebaute Kontrollbeamte auf dem Land betätigen sich so:

Schnitzen einen verwirrend schmuckreichen Dom von Lindenholz – ein Golgatha – einen Dampfer, gefügt aus tausend Stückchen; zerlegen das künstliche Gebäu; führen Splitter um Teilchen in eine enghalsige Flasche ein – und in der Flasche, Teil um Splitter, setzen sie den Dom, das Golgatha, den Dampfer wieder zusammen. Man begreift nicht, wie das große komplizierte Schnitzwerk hat in die Flasche geraten können.

Eine mühselige, überaus schwere Arbeit.

Aber: Wer hat ihnens gschafft?

III

›Jaakob kommt zu Laban‹ heißt eine neue Dichtung von Thomas Mann, und ihr erster Satz lautet (beachten Sie: alles Ein Satz):

»Eines Tages, es ging schon gegen Abend, die Sonne neigte sich hinter ihm in fahlen Dünsten, und die getürmte Schattensilhouette, die Reiter und Tier auf den Steppengrund warfen, war lang geworden: an diesem Spätnachmittag also, der sich nicht verkühlen wollte, sondern unter einem ehernen Himmelsgewölbe ohne Windhauch in Hitze stand, so daß die Luft, als sei sie im Begriff sich zu entzünden, über dem dürren Grase flimmerte und dem Jaakob die Zunge im Schlund verschmachtete, denn er hatte seit gestern kein Wasser gehabt, – gewahrte er, zwischen zwei Hügeln stumpfen Sinnes hervorschauend, welche den Durchlaß einer gestreckten Geländewelle bildeten, in der ebenen Weite fern einen belebten Punkt, den sein auch in Mattigkeit noch scharfes Auge sogleich als eine Schafherde mit Hunden und Hirten, um einen Baum versammelt, erkannte.«

Uff! 137 Worte. Der Satz ist zu Ende.

Wie das im Reigen schwebt – in sakralen Rhythmen – wie Schritte sich zu Tanzfiguren schlingen – scheinbarem Ermüden neue Hebung folgt!

Kunstreiches Spiel mit den Genien der Sprache: nur ein Satz.

Unermeßlich schwer, so viel Schönheit und Sinn in einen einzigen Satz zu pressen.

Aber: Wer hat ihms gschafft?

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