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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 57
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Das arme Dirnlein

Es war einmal ein Dirnlein, stramm und sauber; doch die Eltern waren ihm gestorben, die Brüder nicht eben wohlgesinnt – da beschloß das Dirnlein, in die Stadt zu gehen und einen Dienst zu suchen.

Richtig ging es in die Stadt und trat gleich ins erste Haus – zu einem Kaufmann. – Er tänzelte geschwind herbei und fragte mit freundlichem Lächeln:

»Mehl, Schokolade, Heringe gefällig, schönes Fräulein? Oder frisches Waschblau angenehm? Belieben vielleicht Zitronen und Kandis?«

»Nein,« sagte das Dirnlein verwundert, »ich suche einen Dienst.«

»Hm. So. – Wer ist man denn?« antwortete der Kaufmann um einen Ton kälter.

»Kennen Sie mich denn nicht?« rief das Dirnlein. »Ich bin die deutsche Sprache.«

Da sagte der Kaufherr: »Auf Ihre sehr geschätzte mündliche Offerte vom 19. currentis bedauern wir, durch Vorliegendes erwidern zu müssen, daß wir in offerierten Leistungen bereits mit kommerziell geschulten Kräften hinreichend versehen, und sind wir daher in angezogenem Artikel derzeit bedarflos. – Ohne Mehranlaß – achtungsvoll – per procura Schmudickes selige Witwe & Cie: Giesecke.«

Das Dirnlein verstand zwar nicht, las aber aus den Mienen des Kaufherrn die Abweisung und schritt weiter, um ihr Glück im Nachbarhaus zu suchen.

Dort schaltete der Redakteur des Intelligenz-Journals, Herr Doktor Papierdeutsch. – Er legte alsbald die Schere beiseite und sprach:

»Unter den mannigfachen Forderungen des Tages, welche derselbe einem vielgeplagten Ritter von der Feder zu Gehör bringt, kann diese Forderung platterdings als eine der eigentümlichsten bezeichnet werden. Dieselbe ist in ihrer Gänze ein charakteristisches Bild der sowohl im Leserkreis als auch über denselben hinaus weitverbreiteten, jedoch völlig aus der Luft gegriffenen, bestenfalls auf entschwundene Traditionen begründeten Ansicht, daß die Fähigkeit des logischen Gedankenausdrucks in der deutschen Sprache mit der Kenntnis derselben in mehr als fakultativem Maß verbunden sei ...«

Er wollte noch weiterschwatzen – das Dirnlein aber kehrte ihm unmutig den Rücken und trat in das dritte Haus.

Zum Amtmann. – Er hörte die Bitte kaum an.

»In Erwägung,« sagte er, »daß Petentin vermöge Mangels der im Sinne wiederholt erflossener Dekrete der h. h. Oberbehörden erforderlichen Studiennachweise zu der ihrerseits erstrebten Position hieramts als unqualifiziert bezeichnet werden muß, findet das Amt zu entscheiden, daß Petentin unter Wahrung des ihr laut Paragraph 137, Alinea c, an die h. h. zitierten Behörden offenstehenden Rekursrechtes abweislich zu bescheiden sey.«

Das Dirnlein verstand wiederum nicht und schritt weinend aus der Stadt – mutlos aufs Feld hinaus, einen Bach entlang ...

Unter Weidenbüschen saß ein Jüngling mit himmlisch klaren Augen und träumte im Wachen.

Als er des Dirnleins Schritte hörte, schrak er selig empor. Als er ihr holdes Angesicht sah, da meinte er vor Glück zu sterben. Er eilte auf das Dirnlein zu und schloß es in seine Arme – so fest – so treu und zärtlich, daß ihm das Dirnlein gut sein mußte, ob es wollte oder nicht.

Und sie küßten einander und liebten einander und ließen nimmer, nimmer von einander – die deutsche Sprache und der junge Dichter.

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