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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 55
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Erinnerungen an J. A. Hustmann

Vor einem Monat haben wir J. A. Hustmann zu Grab getragen. Noch tönt in unsern Ohren das Poltern der Schollen nach, die auf seinen Sarg gefallen sind; allenthalben in den deutschen Gauen widerhallt es von geriebenen Trauersalamandern.

Nur die Tagespresse, deren Holzpapier und Gedächtnis schneller verwesen als der Leichnam des großen Toten – die Tagespresse ist hurtig zu ihren Zeitlichkeiten zurückgekehrt – nach dem Nachruf, den sie dem erstbesten widmet:

»Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem ...«

Vom Schmerz über den Tod Hustmanns gebannt, haben wir (ich meine: seine persönlichen Freunde) bisher zur Ehrung des großen Mannes nicht das Wort ergriffen. Ich im besondern, der ich alles in ihm verlor – den Jugendgenossen und väterlichen Berater – ich habe lange geschwankt, ob ich meine geheiligten Erinnerungen an ihn jetzt schon der Öffentlichkeit übergeben oder damit bis zum zehnten Jahrestag seines Hinscheidens zuwarten solle.

Gründe privatfinanzieller Natur gebieten mir, das Leid niederzukämpfen und heute schon zu erzählen, was ich von Hustmann weiß.

Hustmann hat Revolution gemacht, das Oberste zu unterst gewendet; alte Heiligtümer zerstört, ohne uns neue zu erbauen; er hat vielleicht – so sagen sie ja – Tausende irregeführt: sicherlich aber ist Hustmann ein Genie gewesen, wie es in jedem Jahrhundert nur einmal geboren wird.

So viele Anhänger und – sagen wir es rund heraus! – gedankenlose Nachbeter Hustmann auch fand – auf niemand hat seine Erscheinung so nachhaltig wie auf mich eingewirkt.

Meine Bekanntschaft mit Hustmann begann im Jahr 1890.

Ich war sechs Jahr alt, er sieben.

Sein Abscheu gegen die Massenherrschaft, dem er später so gewaltigen Ausdruck lieh, war ihm schon damals eigen – wie sich denn auch die Ereignisse des Jahres 1890 ohne seine Mitwirkung abspielten. – Desto stürmischer griff er in mein Schicksal ein.

Ich muß, um die Begebenheit verständlich darzustellen, ein wenig auf die Begleitumstände eingehen:

Bekanntlich lebte Hustmanns Tante mütterlicherseits, die unverehelichte Agathe Schlemmer, zu jener Zeit in Rieflau Vgl. Pertheys Hustmann-Biographie, I. Band: »Hustmanns Säuglingsalter«, S. 602 ff.. Auch meine Eltern weilten vorübergehend dort, da mein Vater, nachmals Erster Stadtrat zu Kresnitz, in Rieflau Kälber einzukaufen pflegte. Bei einer solchen Gelegenheit (wie es scheint, im März 1890) spielte Hustmann mit Karl Munschl Karl Munschl lebt als Oberpostoffizial a. D. und Besitzer des Goldnen Verdienstkreuzes mit der Krone zu Wiener-Neustadt. und andern Knaben Räuber und Gendarmen. Ich hatte meinen Vater zu einem Kälberkauf begleitet und kam, während mein Vater das gekaufte Kalb vor sich hertrieb, in kindlichem Bewegungsdrang der Gruppe der spielenden Knaben nahe. Hustmann erfaßte mich am rechten Ohr und riß es mir halb aus.

Auf mein Wehgeschrei suchte sich mein Vater des Angreifers zu bemächtigen. Hustmann kletterte auf einen Baum An jenem Baume erhebt sich seit 1930, der 40. Jährung des Geschehnisses, ein auf meine Anregung errichtetes schlichtes Denkmal, ein Schmuckstück von Rieflau. Inschrift: »Diese Weide errettete – den großen Philosophen – J. A. Hustmann – vor dem Verderben.« – Die Rückseite zeigt in allegorischer Darstellung die Vorsicht als bessern Teil der Tapferkeit, von der Rachegöttin verfolgt. Das Ganze ist das Werk des jungen Künstlers Wyskotschil. und bewahrte so meinen Vater vor der Schmach, Hand an den ersten Philosophen Deutschlands gelegt zu haben. – Vom Baum herab schrie der Knabe meinem Vater zu: »Bauernklachel!«

Hustmann wendete also schon in frühester Kindheit jene Taktik an, der er all seine Tage treu blieb: den Feind nur aus sturmfreier Stellung anzugreifen. So viel man ihn auch später darum schmähte – der stolze Mann ließ von seiner Kampfesart nicht ab.

Auch das Wort Bauernklachel blieb ihm fürderhin nicht fremd. Wir finden es in seinen ›Betrachtungen über die Politik‹ wieder (Seite 13, wo er es auf den oben genannten Munschl anwendet) und dann noch einmal in den ›Irrationalen Nationalen‹ – mit Bezug auf den Verleger der ›Betrachtungen‹.

Mein halbausgerissenes Ohr wurde mir von Dr. Fiala (später Bezirksarzt von Leitomischel) angenäht – eine kleine Narbe aber erinnert mich noch heute an die Rolle, die ich im Leben des Großen zu spielen berufen war.

– – – Ich hörte nun lange Jahre nichts von Hustmann, bis mich der Zufall im Jahre 1917 mit ihm zusammenführte. Hustmann hatte sich durch seine ›Betrachtungen‹ einen Namen gemacht. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen, daß ich zur Zeit meiner zweiten Begegnung mit ihm darum noch nicht wußte.

Es war im Winterbierhaus zu Wien. Ich saß da in Gesellschaft Peter Knötzels († 1925 als Gymnasialprofessor in Kremsier, bekannt durch seine Programmschrift ›Tacitus, ein lateinischer Geschichtsschreiber‹), als am Nebentisch ein blonder junger Mann auftauchte.

»Das ist Hustmann,« sagte Knötzel.

Wie ein Blitz schoß mir mein abgerissenes Ohr durch den Kopf.

Während Knötzel fortfuhr, über Hustmanns ›Betrachtungen‹ zu sprechen, dachte ich über einen passenden Vorwand nach, die Bekanntschaft mit dem Jugendfreunde zu erneuern. – Knötzel zahlte und ging. Ich aber näherte mich dem Tisch des Philosophen und sprach:

»Guten Abend, Herr Hustmann!«

Sein stahlhartes Auge ruhte sekundenlang – fragend und forschend auf mir. Ein Auge, das Bestien zähmen konnte. Dasselbe Auge, das Professor Eberlein auf dem Berliner Hustmann-Denkmal so schön verewigt hat.

»Was wollen Sie?« fragte er befremdet.

Ich deutete lächelnd auf mein rechtes Ohr.

»Ah so – taub,« murmelte Hustmann und setzte laut fort: »Was Sie wollen?«

Ich antwortete nicht, wiederholte vielmehr meine Gebärde – um ihm Zeit zu lassen, sich meiner zu erinnern.

Nun brüllte er seine Frage.

»Ich bin nicht taub,« begütigte ich ihn.

»Aber blöd,« gab er rasch zurück. – Ein Schimmer der Erinnerung schien ihn zu erleuchten. »Geben Sie mir hier Ruhe,« sprach er, »bringen Sie mir die Rechnung in die Wohnung!«

Ich hatte den Geistesheros nicht recht verstanden, beschloß aber, seiner freundlichen Einladung jedenfalls zu folgen.

Nächsten Tags schon pochte ich, feiertäglich gekleidet, an seine Tür. Er hauste an der Alserstraße Nr. 45 sehr bescheiden, vier Treppen.

Auf Hustmanns lautes ›Herein‹ betrat ich das historische Gemach An dem Hause ist am 2. Juni 1932, dem 15. Jahrestag des Geschehnisses, auf meine Anregung eine schlichte Gedenktafel angebracht worden mit der Inschrift: »Hier – wohnte 1917 – J. A. Hustmann – der große Philosoph.« – Vgl. meine bei der Enthüllungsfeier gehaltene Rede im »Fachblatt für Glockengießerei« vom 3. Oktober 1932.. Der Denker lag auf der Ottomane, wandte den Kopf nach mir und rief:

»Ah, Sie sind es? Die Stiefel drücken entsetzlich.«

»Welche Stiefel, Herr Hustmann?« fragte ich erstaunt.

»Welche Stiefel!! – Mensch – die, die Sie aufschlagen sollten.«

»Aber, Herr Hustmann, ich bin ja gar kein Schuster.«

»Was –?« schrie er, »– nicht einmal Schuster sind Sie? Dann ...« – Er winkte höflich nach der Tür.

– – – Dreizehn Jahre waren vorübergegangen.

Im Dezember 1930 hörte ich, Hustmann liege schwer krank danieder.

Da meinte ich, ihn wieder aufsuchen zu sollen. Seine ›Atomistischen Briefe‹ waren in zwanzig, das ›Tagebuch des Tobsüchtigen‹ gar in achtundvierzig Auflagen erschienen. Hustmann war ein berühmter Mann – aber krank, wie gesagt, sehr krank.

Ich erschien in seiner Villa zu Baden und gab an, daß ich sein Jugendfreund bin; sofort ließ man mich vor.

Ich trat an sein Lager – er erkannte mich nicht mehr.

Um unsre Freundschaft aufzufrischen, erzählte ich ihm von unsero Begegnungen in den Jahren 1890 und 1917 – erzählte insbesondre, wie hart er mich damals angefahren hatte. Da leuchteten seine Augen noch einmal auf – er erhob den Arm und lispelte:

»Wie gern ... ach ... wie gern möchte ich Sie heute ...«

Doch kraftlos sank sein Arm in die Kissen.

Das die letzten Worte, die der Philosoph an mich gerichtet hat.

Sie sind Hustmanns Vermächtnis an mich.

»Wie gern, ach, wie gern möchte ich Sie heute ...«

Umarmen wollte mich der arme kranke Mann, allein seine Kräfte reichten nicht mehr aus, unsern Bund von neuem zu besiegeln.

Ich habe aus dem Ergebnis öffentlicher Sammlungen an der Stelle seines Krankenlagers eine schlichte Marmortafel in die Wand fügen lassen, die sein und mein Bildnis zeigt mit der Inschrift:

›J. A. Hustmann
zum Gedächtnis,
der an dieser Stelle seinen Jugendfreund
Roda Roda
umarmen wollte mit den Worten:
»Wie gern,
ach,
wie gern möchte ich Sie heute ...«
Treue Freundschaft, der Ewigkeit trotzend.‹

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