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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 3
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Der Ochs, der Esel, das Kamel

Eines Tages hielt der Kalif Gericht.

Da erschienen drei sonderbare Kläger vor seinem Thron: das Kamel – der Esel – und der Ochse.

Wortführer war natürlich das Kamel; ist ja bei uns auch immer so. Und das Kamel begann:

»Erhabener Kalif! Gefäß und Inhalt der Gerechtigkeit! Du Schmuck des Thrones! Stab des Volksvertrauens! Ich, das arme Kamel – hier mein Bruder, der Ochs – und unser Vetter, der Esel – wir erscheinen vor deinem goldnen Thron, o Kalif, um Klage gegen die Menschen zu führen, die unsre Geschlechter von Alters her verunglimpfen und beleidigen, indem sie unsre ehrlichen Stammesnamen zu Schimpf und Schande für einander mißbrauchen. Sooft ein Mensch eine Dummheit angestellt hat, sagen ihm die andern Menschen nicht etwa: ›Du Mensch!‹ – nein, sie sagen ihm: ›Du Kamel!‹ – Sprich, erhabener Kalif: Ist das gerecht gehandelt? Willst du solche Unbill an uns ferner dulden?«

Der Kalif überlegte lang und lang.

»Hm,« sagte er, »die Klage, die ihr da vorbringt, will ich nicht von meiner Schwelle weisen – aber ... dem Verbot, das ihr verlangt, steht ein uralter Sprachgebrauch der Menschen entgegen. – Immerhin: versucht euer Glück! Geh du, Kamel, nach Süden – du, Esel, nach Westen – und du, Ochse, nach Norden – wandert sieben Tage und seht zu, daß ihr Menschen findet, die dümmer sind als ihr. Wenn es euch gelungen ist, kommt wieder und meldet mir das Ergebnis eurer Wanderung. Dann will ich entscheiden, wie's in euerm Fall künftig gehalten werden soll. – Geht hin – ihr seid entlassen!«

Die drei gingen.

Nach sieben Tagen kamen sie wieder – und der Ochs erzählte:

»Erhabener Kalif – ich glaube, ich habe meine Pflicht getan. Ich glaube, ich habe Menschen gefunden, die dümmer sind als die Ochsen. – Ich war in Arbela. Da stand gefesselt ein Mann auf dem Markt und war angeklagt, einen Beutel Gold gestohlen zu haben. – Allein der Mann beteuerte seine Unschuld; er wäre zu jener Zeit, wo der Diebstahl begangen worden sein mußte, bei seiner Mutter gewesen. – ›Nun,‹ sagten die Leute in Arbela, – ›dann steht die Sache ja sehr einfach – dann wollen wir die Mutter befragen. Sie ist eine überaus fromme und rechtliche Frau – sie wird gewiß nicht lügen.‹ – Sprich, erhabener Kalif: waren diese Leute in Arbela nun nicht dümmer als die Ochsen, die da meinten, eine Mutter würde nicht meineidig werden für ihr Kind?«

»Du hast deinen Prozeß gewonnen,« sagte der Kalif. »Laßt hören, was der Esel zu bieten hat!«

»I–a, i–a – ich glaube, auch ich habe meine Aufgabe gelöst. – Ich trabte durch Gaugamela. Da rotteten sich die Rebellen zusammen und stürmten die Burg ihres Stadtältesten. Sie fingen den Ältesten und hielten Gericht über ihn, weil er lasterhaft gewesen sein sollte, bestechlich und eigennützig. Und sie warfen ihn auf den Scheiterhaufen und verbrannten ihn. Dann aber wählten sie einen andern Stadtältesten – und jubelten ihm zu, als er ihnen versprach: er werde, ehrlich in allen Stücken, nur für das Wohl der Allgemeinheit wirken. – Sprich, erhabener Kalif: waren diese Menschen in Gaugamela nicht dümmer als die Esel – die da meinten, ein Machthaber würde für das Wohl der Untertanen wirken und nicht für sein eigenes?«

Nachdenklich strich der Herrscher seinen weißen Bart und befragte das Kamel.

Und das Kamel, es sprach:

»Ich weidete auf einer Wiese. Da kam ein junges Mädchen daher mit einem jungen Mann. Er wollte sie küssen – sie wehrte ihn ab. Er wollte sie umarmen – sie versagte sich ihm. Er sei wankelmütig, sagte sie – morgen werde er eine andre lieben. – Da hob er die Rechte zum Eid. ›Nie, Geliebte,‹ rief er. ›Ich schwöre dir, solang ich lebe, werde ich immer dich – nur dich lieben.‹ – Als sie es hörte, sank sie an seine Brust. – Sprich, erhabener Kalif – war der Mann nicht dumm, der seine ewige Treue einem Weib verschworen hat? Und war das Mädchen, das ihm die Geschichte mit der ewigen Treue geglaubt hat, nicht dümmer als ein Kamel?«

»Genug,« rief der Kalif, »ihr alle drei habt eure Sache gewonnen. Und bei meinem Bart: fürderhin soll es in meinen Landen keinem Muselman beifallen, einen Menschen ob seiner Dummheit mit dem Namen eines eurer Geschlechter zu belegen. – Geht hin – ihr seid entlassen!«

Die drei gingen.

Vor dem Tor sagte das Kamel:

»Brüder, was gilt die Wette? Der alte Esel da drin bildet sich ein, mit seinem Spruch ist uns geholfen.«

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