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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 27
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Leben und Sitten der Irokesen

Die Irokesen wohnen zwischen den Großen Seen.

Man hört bei uns oft sagen, sie stürben aus infolge übermäßigen Genusses schlechter Schnäpse. Nichts davon ist wahr. Die Irokesen vermehren sich – sie waren niemals so zahlreich wie heute, und das Schnapstrinken ist der Masse des Volkes durch harte Gesetze sogut wie versagt – mögen die Gesetze auch von wohlhabenden Trinkern oft umgangen werden.

Sie sind schöne, aufrechte, hochgewachsene Menschen von einheitlicher Zucht. Man sieht der Rasse nicht an, daß sich vielerlei Blutquellen in ihr mischen.

Wiewohl sie also eine ursprüngliche Nation nicht sind, die Irokesen, fühlen sie sich mit aller Glut als solche, sind ungemein stolz auf ihren Namen und sehen auf andre Völker hochmütig hinab; mit einer Anmaßung, die sehr verschiedenartige Temperatur hat: Den Neger verachten sie kalten Herzens. Dem Bleichgesicht gegenüber sind sie bei aller Aufgeblasenheit innerlich unsicher und fragen sich insgeheim: ob denn das Bleichgesicht die Überlegenheit irokesischen Wesens auch wirklich und richtig anerkenne.

Sie leben in einer Reservation, d. h., in einem nur ihnen vorbehaltenen Gebiet. Es ist weit über den Bedarf ihrer Kopfzahl ausgedehnt, könnte unschwer noch viele Ansiedler ernähren. Doch die Irokesen sind bei all ihrer primitiven Denkweise schlau: aus Vorsorge für ihre Kindeskinder, aus Angst vor unruhigen Zuzüglern, aus neidischem Geiz beanspruchen sie ihre Jagdgründe ganz allein für sich und dulden nicht, daß Fremde einwandern. – Nicht einmal in die dritte Nachbarschaft soll das Bleichgesicht dringen, bestimmt ein Stammesgesetz der Irokesen, das sie eifersüchtig hüten wie ein religiöses Gebot Man nennt dies Gesetz ›die Monroedoktrin‹ – nach einem sagenhaften Heros, der es soll erdacht und erlassen haben.

Ihre Sprache ist mit englischen Vokabeln dicht durchsetzt.

Die Irokesen leben nur der Jagd. Jagd ist ihre Leidenschaft, ihr einziges Geschäft bei Tage, ihr Gespräch am Abend, ihr Traum bei Nacht. Selbst Häuptlinge und andre Reiche, die auf Beute längst nicht mehr angewiesen sind, betreiben Jagd und wenden daran alle Kraft des Körpers und des Geistes – bis zur Erschöpfung und Verblödung. Ein Medizinmann zählt bei ihnen nur, insofern seine Künste die Jagd fördern. – Längst gilt es nicht mehr, Wild zur Stillung des Hungers aufzubringen: die Irokesen leben in Überfluß nach unserm Maßstab – in Überfluß auch dann, wenn sie zeitweis von Niedergang und Not faseln. Die sogenannte Not der Irokesen trügen wir immer noch mit innigem Behagen. Die Felle bei ihnen stapeln sich zu Bergen – so zahllos, daß Geschlechterfolgen sie nicht verbrauchen können. Die irokesische Begehrlichkeit läßt nicht nach; die Jagd ist Selbstzweck geworden. Sie schließt jeglichen Kulturwillen aus. Schon die Kinder werden zu Jägern, nur dazu erzogen: um ihre Sinne für das Waidwerk wachzuhalten, gewährt man ihnen jegliche Freiheit, sucht sie von anderm Unterricht auszuschließen, der etwa die Augen trüben, Herz und Muskel erweichen könnte. Hingegen übt man die Kinder im Brüllen – damit werden sie einst den Büffel schrecken.

Als die Irokesen ihr Land bezogen, den undurchdringlichen Wald, hatten sie müssen die Weiber in der Urheimat zurücklassen. Das Weib hatte Seltenheitswert. Heute noch, wiewohl die Ursache längst überholt ist, gefallen sich die Irokesen ihren Frauen gegenüber in einer Art von rohem Minnedienst. Die Frauen gehen bunt tätowiert einher, mit kostbarem Pelzwerk geschmückt, und beanspruchen überall Vortritt und Verhätschelung.

Die Religion der Irokesen ist ein strenger, phantasieloser Urglaube, überlagert vom Ahnenkult. Der Urglaube folgt buchstabengetreu der Schrift. Die Moral des Geschlechtslebens ist von dörflicher Starre. Andrerseits neigen die Irokesen zu Gewalttat – man raubt und mordet mehr bei ihnen als anderswo. Ehemals pflegten sie ihren Gegner zu skalpieren; sie tun es längst nicht mehr – sie bemächtigen sich seiner mit Haut und Haar. – Betrug gilt für ein Verbrechen nur, wenn er mißlang. – Der Ahnenkult gebietet ihnen, den legendenumwobenen ersten Häuptling ihres Stammes, George Washington, zu verehren, einen Halbgott, der ihren Mythen zufolge vor etwa 160 Jahren gelebt haben soll. Man schreibt alle verdienstvollen Taten seines Zeitalters ihm persönlich zu – Taten, die von der Volksdichtung ins Unermeßliche gesteigert sind. Auf ihn führt man das Evangelium der Irokesen zurück, »die Verfassung«. Nach dieser gottgeoffenbarten Urkunde richtet sich auch heute noch – äußerlich – das Staatsleben. Sogar die Personen der Umgebung Washingtons gelten als heilig; man setzt ihnen Bildsäulen und betet sie an. Der Hauptort der Irokesen ist nach dem Stammgott benannt; in dieser Gegend steht sein Kult am höchsten; man findet dort Statuen von Washingtons Trompeter und der Amme von Washingtons Trompeter, vor denen ewige Lichter brennen.

Man kann die Irokesen nicht eigentlich als kriegerisch bezeichnen; die fast grenzenlose Fläche ihres Landes enthebt sie des Verlangens nach Eroberung. Immerhin suchen sie Gelegenheit zu bewaffneten Zusammenstößen eher, als daß sie ihnen ausweichen.

Dann fallen sie verheerend in die feindlichen Gebiete ein. Bald haben sie das Schlachten satt, ziehen sich in ihre Heimat zurück, ohne sich um das Völkergetümmel draußen, die rauchenden Brandstätten weiter im mindesten zu kümmern, und frönen abermals ihrer einzigen Passion: der Jagd.

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