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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 26
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Apostol Rudolfowitsch Gangelbauer

So war denn in allen Ländern der Erde abscheuliche Verwilderung der Sitten eingerissen. Was sich Politik nannte, war Parteigezänk – und dies Gezänk gellte so frech in den Tag, daß man das Hungernagen überhörte.

Die wirklich fähigen, irgend empfindlichen Männer hatten sich vom Markt der Pöbelleidenschaft zurückgezogen. Desto lauter überschrie sich das Heer der Demagogen. Veruntreuung, Simonie waren tägliches Brot der verkommenen Gesellen, und sie rechneten einander ihre schmählichen Einkünfte stündlich auf der Straße vor.

– – – Im Büro des Berliner Ingenieurvereins erschien ein Mann von etwa Fünfzig, mittelgroß, graublond – mit mongoloiden Zügen und kleinen Augen: Apostol Rudolfowitsch Gangelbauer.

Begehr? – Er wollte einen Vortrag halten.

Gegenstand? – Die Maschine im Dienst der Experimental-Psychologie.

Man wies ihn ab. – Er ließ immerhin seine Adresse zurück, »für den Fall, daß die Herren sich's überlegten ...«

Hierauf schrieb Apostol Rudolfowitsch an Ullstein (jene 94 Urenkel Ullstein, denen die deutsche Presse insgesamt gehörte): er bitte um den Besuch der Journalisten in seiner Werkstatt. – Es erschienen drei oder vier Schapsel – ferner Fräulein Zischkale, Modenredaktrice, »weil sie sich für magnetische Experimente schrecklich interessiert«.

Das Unternehmen verlief ohne Ergebnis. Die Reporter verstanden Gangelbauers Maschine nicht; und der knappe Raum der Einheitszeitung für Deutschland war völlig beansprucht durch die Korruptionsaffäre des Präsidenten von Italien.

– – – Fräulein Zischkale fand Gefallen an dem süßgrausamen Asiaten.

Gangelbauer, manisch in seine Experimental-Psychologie verbohrt, lehnte ab.

Fräulein Zischkale, läufig, tat alles, um ihn zwangläufig für sich zu stimmen: Opfermut des Weibes.

Sie warb mit Leibeskräften – sie beraumte einen großen Presseempfang an. – Eine Woche darauf war Apostol Rudolfowitsch so berühmt, daß der greise Theobald Tiger ein Gedicht über den Aufstieg schrieb.

– – – »Meine Damen und Herren,« hatte Apostol gesagt, »die Experimental-Psychologie sucht die Eignung des Menschen für eine bestimmte Arbeit zu messen.

Ich zeige Ihnen hier zunächst eine einfache Vorrichtung: zur Prüfung von Lokomotivführern.

Sie sehen eine Plattform, die genau dem Führerstand einer Lokomotive gleicht: mit Manometer, Wasserstandsglas, Galvanometer für die Lichtleitung, Geschwindigkeitsmesser, Uhr, Stundenplan. Ein Filmstreifen zeigt augenfällig die Fahrt auf der Strecke als rasendes Wandelbild. Der Führer wird sich vom Funktionieren seiner Vorrichtungen überzeugen und dann die ›Fahrt‹ antreten.

Innerhalb einer halben Stunde nun werden dem Prüfling alle – wirklich, alle Unannehmlichkeiten begegnen, die ihn jemals in seiner Praxis auf der Lokomotive treffen können: Mängel der Wasserzufuhr und Feuerung – Versagen der Bremsen – Nebel – drohende Entgleisungen – Zugszusammenstöße; es werden Signale aufleuchten und verlöschen – Tore gesperrt und freigegeben werden ... Und immer hat der Prüfling mit passendem Benehmen zu antworten. Der Apparat wertet die Antworten des Prüflings nach ihrer Raschheit und Richtigkeit. Grobe Fehler werden sich durch alarmierende Glockenrufe offenbaren. – 100 Punkte bedeuten: Tadelloses Verhalten. Ein Prüfling, der auf diesem Apparat nicht 80 Punkte erlangt, ist für das Amt des Lokomotivführers ungeeignet.

Meine Damen und Herren! Der Mechanismus zur Prüfung von Lokomotivführern ist der einfachste seiner Art – doch nur Einzelfall in meinem System. Ich habe Prüfungsapparate für Bankkassierer (die auch die charakterliche Eignung des Kandidaten beurteilen) – für Schornsteinfeger (wo es, unter anderm, auf Schwindelfreiheit ankommt) – für Schiffskapitäne (Alkohol vertragen!) – Redakteure (künstlerischer Geschmack innerhalb der dem Verleger nützlichen Grenzen) – Prostituierte (richtiges Verhältnis von Habsucht und Geschlechtstrieb) – Anthropologen (nationales Feuer, ungezügelte Phantasie) – Dichter (bescheidenes Nahrungsbedürfnis, Unempfindlichkeit gegen Rüpeleien der Brotgeber) – Theologen (wohlwollende Auslegung aufsteigender Glaubenszweifel) – Schriftsetzer (die sich durch unsinnige Texte nicht dürfen im Berufseifer beirren lassen) – Juristen (blitzschnelle Umstellung des Rechtsempfindens) – Ärzte (Gefühllosigkeit für Leiden andrer) – Moralprediger (Unbeirrbarkeit durch eigene Schwächen, Stimmgewalt) – Stenotypistinnen (hübsche Beine) – Schauspielerinnen (hübsche Beine) – Philosophen (Gewandtheit in der Benutzung der Fachterminologie) – Konzertpianistinnen (hübsche Beine) ...

Meine Damen und Herren! Die umfangreichste, komplizierteste Maschine aber – wie Sie sehen, selbst einer Lokomotive volumengleich – dient der Beurteilung von Staatsmännern.

Achtzehn Stunden, meine Damen und Herren, hat der Kandidat auf der Plattform festgeschnallt zu sitzen und 1395 Hebel richtig zu bedienen – bis er den Platz mit der Qualifikation zum Staatsoberhaupt verläßt.

Niemand kann die Handhabung der Maschine erlernen; die 1395 Hebel gestatten Milliarden von Kombinationen – starke Veranlagung und reiches Wissen allein ermöglichen dem Kandidaten, die vorgesehene Zahl von 80 Punkten zu erreichen.«

– – – Zuerst lachte man über Apostol Rudolfowitsch.

Dann vergaß man ihn fast.

Dann gab der Ordentliche Öffentliche Psychologe der Universität Bonn ein vernichtendes Gutachten über Apostol ab.

Was die Sowjets in Moskau veranlaßte, sich die Sache mal anzusehen. – Bestellung von drei Probeapparaten.

Prachtvolles Ergebnis. – Apostol Rudolfowitsch wird Mode in Moskau, Washington, London und Paris; nach einem Jahr: in Kopenhagen, Barcelona.

In Berlin baut die A. E. G. unter Umgehung der Apostolschen Patente ein verbessertes Modell für Angora.

In Bayern, Ungarn wird die Einführung der Gangelbauer-Mechanismen »und aller gleichgerichteten Apparate zur Prüfung öffentlicher Funktionäre« strengstens untersagt.

– – – Endlich, in einer Stunde erbitterter Anfeindung, der Kopflosigkeit beehrt der Deutsche Reichspräsident Erasmus II. (1950 bis 1954) das Etablissement Gangelbauer. – Oh, hätt' er es nie getan!

Er begrüßt den Chef und läßt sich die Direktoren vorstellen; teilt huldvolle Sätze unter sie aus.

Man geleitet ihn nach der Plattform; er betritt sie mit gefrornem Lächeln.

Geruht, sich anschnallen zu lassen.

Und regiert ... regiert ...

Nach drei Minuten ein Alarmzeichen: Gefahr!

Schweißtriefend, knapp, wird der hohe Prüfling noch durch eine Notverordnung ihrer Herr.

Nach einer Viertelstunde sieht man ihn keuchen. Er weiß nur mehr ein Mittel, den innern Wirren auszuweichen: Krieg nach außen.

Kaum hat er mit der Rechten den Hebel gezogen, als er den Sessel unter sich weichen fühlt.

Noch gelingt ihm, ein beruhigendes Dementi in das Schrillen der Glocken zu mischen –

– nur mehr der Griff ›Rücktritt‹ rettet ihn vor Umsturz.

– – – Gierig hat der Kanzler den Kampf des Präsidenten mitangesehen. Drängt sich sofort eifrig auf den noch warmen Sessel.

Eine Viertelstunde scheint alles gut zu gehen.

Doch die Hindernisse wachsen. Wachsen. Wachsen.

Exzellenz regiert. Handhabt flink – immer nervöser – Ringe, Hebel und Ventile.

Regiert. Regiert.

Die Hindernisse wachsen. Wachsen. Wachsen.

Es brüllt der Trichter Sozialdemokratie. Es brüllen Zentrum, Deutsche Volkspartei, Bauernbund.

Es brüllen alle Trichter. Es rasen alle Glocken. Es glühen alle Hebel.

Da langt der Kanzler vertrauend nach dem großen goldnen Gott.

Eine Falltür gähnt auf – Schnallen springen, die den Prüfling fesselten – er fällt sechs Meter in die Tiefe schmerzbetroffen auf sein Steißbein.

– – – Die Prüfung zum Staatsmann durch die Gangelbauermaschine ist seit 1954 – an Stelle der allgemeinen Volkswahlen – Bestandteil der Deutschen Reichsverfassung.

– – – Von März 1954 bis Anfang April regierte in Deutschland der neunzehnjährige Kaspar Schlinger, bisher Schuhmachergeselle in Münzesheim, Post Gochheim, Württemberg (81 Punkte). Man zahlte dem tüchtigen jungen Mann neidlos ein in der ersten Begeisterung verdreifachtes Gehalt.

Ende April unterzog sich der einundneunzigjährige Graf Lerchenfeld, ehemals Bayerischer Ministerpräsident, trotz hohem Alter dem schwierigen Examen und siegte mit 82 Punkten. – Der Schuster mußte abdanken.

Der alte Graf fand bald einen Nachfolger: Salo Krotoschiner, Handelsagent zu Stolp, brachte es auf 83 Punkte – sieben davon allein ›für deutsches Empfinden‹.

Endlich – 1956 – bestieg Apostol Rudolfowitsch Gangelbauer den Präsidentensessel und blieb Reichsoberhaupt bis an seinen Tod, 1993, zwei Menschenalter.

– – – Als man nach Gangelbauers Beerdigung die verrostete Maschine wieder in Gang setzte, zeigte sich, daß der verstorbene Herr Reichspräsident Änderungen an ihr vorgenommen hatte – betrügerische Änderungen, denen eben er seine lange Regierungszeit verdankte.

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