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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 2
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Brief an Herrn Dr. Daniel M. Clellan,
Universitätsprofessor in Washington (C. D.)

Lieber Herr Professor,

Sie haben eine ›Geschichte der deutschen Literatur‹ geschrieben und verlangen mein Urteil. – Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Professor.

Ihre weltmännische Gebärde verdiente Erwiderung mit Redensarten des Lobes. Ich aber, im Herzen getroffen, muß Ihnen deutsch antworten, das heißt: grob.

 

Warum, zum Teufel, haben Sie die komische Dichtung im Anhang abgetan, in kleiner Schrift, im letzten Winkel Ihrer Betrachtungen? Werdet Ihr Gelehrten denn niemals Vernunft annehmen? Werdet Ihr die komische Kunst erst schätzen, wenn sie Altersschimmel angenommen hat (Nestroy, Busch, Offenbach) oder gar unverständlich geworden ist wie die Komödien des Aristophanes?

 

Herr Professor!

Unsre Sinne geben uns ein sehr unvollkommenes Weltbild; wir nehmen beiweitem nicht alle Vorgänge (was dasselbe ist: Dinge) um uns wahr.

Noch mehr: Unsre Sinne geben uns ein falsches Weltbild. Das Nächste – ein Jucken am Hals, einen bellenden Hund vor der Tür, ein Kerzenlicht auf dem Tisch – drahten uns die Sinne mit aufdringlicher Deutlichkeit. Sie verschweigen uns aber den Donner der Protuberanzen, die riesenhaften Nebelsysteme der Milchstraße.

Den Mond und die Sonne zeigen uns die Sinne nicht größer als zwei Melonen im Garten.

Der Verstand sollte den Irrtum unsrer Eindrücke korrigieren: und er versagt; wir können nur Gegenstände in ihrem Umfang begreifen, die wir gebaut, erklettert, abgetastet haben: einen Kirchturm, einen Berg. Schon die Höhe der Wolken über dem Meer ist uns nicht mehr bewußt.

Uns sind nur Entfernungen vorstellbar, die wir gegangen sind: drei Kilometer – hundert Kilometer – tausend. Eine Strecke etwa wie fünf Millionen Meilen – oder ein Lichtjahr – wir vermögen uns solche Größen nur durch Vergleich und Verjüngung nahzubringen.

Geben wir nun unsrer Sonne die Größe eines Wagenrades, so ist die Erde eine Erbse, hundert Meter weit von ihr; und spannweit von der Erde ein Stecknadelkopf: der Mond.

Dann aber ist der nächste Fixstern, Alpha Centauri, immer noch unvorstellbar weit. Wir müssen den Maßstab abermals verringern – die Sonne zu einer Nuß machen – dann erst rückt uns Alpha Centauri in begreifliche Nähe: tausend Kilometer.

Es ist die Entfernung von Hamburg bis Triest. Die Sonne also – eine Nuß – in Hamburg; Alpha Centauri – eine Nuß – in Triest. Dazwischen Nacht und Kälte. Die Erde ist zu einem Körnchen geworden von einem Drittel Millimeter.

Doch Sonne und Alpha Centauri sind ja selbst nur geringe Körper – bei ihrer Betrachtung dürfen wir uns nicht aufhalten.

Pressen wir das Weltall in die Strecke Hamburg-Triest (die größte, die wir uns noch vorstellen können): dann ist die Sonne selbst nicht mehr da, geschweige die Erde. Die Geschichte der Menschheit ist von fünftausend Jahren zusammengeschrumpft auf eine Zehntausendstelsekunde.

Und nun erst wissen wir um die Bedeutung des Menschen im All: sie ist gleich Null. Das organische Leben auf unserm Planeten ist eine Episode. Der Mensch, durch das Korrektiv seiner falschen Maßstäbe vom Größenwahn geheilt, sieht seine völlige Zwecklosigkeit ein.

Der Mensch hat keine Aufgabe in der Welt, also auch keine Pflichten. Die Erhaltung des Selbst und der Art – Urquellen unsrer Leidenschaften – sind zwecklos. Wer sich ein einziges Urteil bildet, ohne das All mitzudenken, ist bewußtlos.

*

Herr Professor! Lassen Sie uns zu Ihrem kleingedruckten Abschnitt über die komische Dichtung zurückkehren!

Was ist Anlaß des Lachens? Nach Kant (so sagt er ungefähr): Auflösung einer großen Erwartung in Nichts.

Nun, alle große Erwartung der Menschheit ist verdammt, in Nichts aufgelöst zu werden.

Was ist Satire? Das Zurückführen einer aufgeblähten Scheingröße auf ihr Maß.

Haben wir beide – Sie und ich – nicht eben erst die aufgeblähte Scheingröße Menschheit auf ihr Maß zurückgeführt?

»Wer sich ein einziges Urteil bildet, ohne das All mitzudenken, ist bewußtlos.«

Nicht wahr, Herr Professor – ich brauche die Gedankenkette nicht erst zu schließen; Sie sehen ein, daß es eine andre als die komische, satirische Kunst gar nicht geben sollte und nicht gibt.

Die Menschen sind den Läusen näher als den Göttern. Dichter, die den Menschen anders sehen, sind bewußtlos.

Der Mensch ist überaus klein; seine Größe Humbug.

Der Eine darf den winzigkleinen Menschen mitleidig anschauen: der Humorist; der andre verächtlich: der Satiriker.

Niemand aber darf den Menschen und seine Süchte groß sehen; oder er ist dumm.

*

Das, Herr Professor, ist die Wahrheit.

Wenn Sie wieder einmal eine Literaturgeschichte schreiben: halten Sie sich an die Wahrheit!

*

Doch was rede ich? Entweder meine Predigt hat gewirkt – dann werden Sie keine Literaturgeschichte mehr schreiben.

Oder ich habe in den Wind gesprochen – Professoren sind unbelehrbar: dann werden ich und meinesgleichen wieder im Anhang, im letzten Winkel und kleingedruckt erscheinen – weit hinter den Dummen.

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