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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 179
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Mein letzter Wille

Wir leben – was übrigens viele meiner Mitbürger noch nicht bemerkt zu haben scheinen – in schweren, schweren Zeiten. Fast gewaltsam heißt es sich durchs Leben schlagen – dabei nimmt die Gesetzlichkeit des Alltags erschreckend überhand und beraubt einen aller halbwegs leichten Erwerbsmöglichkeiten. Ein Schritt abseits vom ehrlichen Weg, dem längsten zum Elend – und du bist die Beute der Polizeihunde. Feste arbeiten, intensiv und rechtzeitig vorsorgen tut not. Vorsorgen nicht nur für sich – nein, seit die Witwenverbrennung abgeschafft ist, diese prächtige wirtschaftliche Maßregel unsrer Altvordern – auch Vorsorgen für die geliebten Rechtsnachfolger.

In dieser Erwägung habe ich beschlossen, schon jetzt mein Testament zu fertigen. Hier der Entwurf.

*

»Bei vollkommen klarem Verstand, so klar, wie ich ihn mein Lebtag nicht gehabt habe, verfüge ich, was folgt, als meinen letzten Willen:

Mein Vermögen mit allen Bar- und Liegenschaften gehört meiner Frau. Die Barschaften sind in etlichen Westentaschen zu finden, ein großer Teil liegt, mit einem Verbot behaftet, auf dem Gerichtsdepositenamt. Mein unbewegliches Vermögen besteht aus dem Stammgut meiner Familie, das mir mein älterer Bruder samt dem Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht überlassen hat. Ich trage ihm die Übervorteilung aber weiter nicht nach.

Unbeschadet dieser Verfügung über mein Gesamtvermögen soll mein Freund Dr. Hermann Sinsheimer das Recht haben, aus meinem Nachlaß einen beliebigen Gegenstand zum Andenken auszuwählen, im Wert nicht über 1 RM. 50, schreibe, eine Reichsmark fünfzig Pfennig.

Die Tantiemen aus meinem vor sechzehn Jahren verfaßten Lustspiel ›Der Räuber von Crucina‹ schenke ich meinem Verleger – unter der Bedingung, daß er in der Uraufführung persönlich die Titelrolle kreiere. Die im letzten Akt vorgeschriebenen Torturen sind genau durchzuführen.

Viele meiner Bekannten waren Maler. Ich begnade sie nun mit den Bildern, die sie mir einst gestiftet haben. Doch soll jeder Maler ein von seinem Nebenbuhler gemaltes Bild erhalten.

Meinem Paten Paul Geier fällt jener schwersilberne Löffel zu, den er mir zu meiner Taufe gespendet hat. Der Löffel ist abgenutzt und schwärzlich; er muß daher vernickelt werden, um genau so täuschend auszusehen wie damals. Zwei andre, mit G. B. gravierte prächtige Löffel hinterlasse ich meinem liebenswürdigen Gastfreund und Mäzen Professor Georg Bernhard. Er wird sie hocherfreut begrüßen, sie fehlen an seinem Dutzend.

Meine Kämme, Schwämme, Bürsten vermache ich Erich Mühsam, dem Münchener Freund und Kommunisten. Er möge sie nicht achtlos beiseitelegen, sondern die Gebrauchsanweisung lesen und beherzigen, die ich für ihn verfaßt habe – dann wird er die Scheu vor Kamm und Seife bald überwinden. Credat experto.

Mein Patent als Freischwimmer hinterlasse ich der Kirche meines Heimatortes.

Das Sterbequartal meines k. u. k. Pensionsanspruchs von 28 Gulden habe ich vor Jahren Herrn Moritz Knochenmehl verpfändet. Man bestreite es ihm nicht.

Ich wünsche, an meinem Rasiertag zu sterben – und bei heftigem Regen, jedoch ohne überflüssigen Pomp begraben zu werden. Drei oder vier Priester, etwas Chor und fünfzig bis sechzig Meter Vereine genügen mir. – Von Blechmusik hingegen sehe man ab; die Leute verlangen jetzt schon 20 M. pro Kopf und Bestattung – ein Preis, der in keinem Verhältnis mehr zu dem Vergnügen steht. – Am Grab möge Dr. Faktor jene Rede halten, die uns von frühern Trauerfeierlichkeiten her so vertraut ist.

Künstliche Blumen weise ich als gesundheitsschädlich zurück, andre Liebesgaben erbitte ich in bar. Meine treue Schreibmaschine soll, mit einem neuen Farbband gezäunt, hinter meinem Sarg hergeführt und dann mit mir bestattet werden.

Ich wünsche, in Deutschland begraben zu sein – meine Eingeweide aber bitte ich in meinem teuern Österreich beizusetzen. Die Leber, mein kostspieligstes Organ, händige man unserm Hausarzt aus, worauf er seine Diagnose vermutlich doch noch ändern und die ärztliche Praxis aufgeben wird.

Ich zähle auf die Pietät meiner Erben, wenn ich erwarte, daß man mich neben meine letzte Geliebte, Frau ... Der Name ist mir natürlich heute noch nicht bekannt, ich werde ihn nachtragen. betten wird. Schlimmstenfalls lege man mich zwischen meine literarischen Freunde Franz Blei und Karl Kraus. Man traue aber ihrer einfachen Versicherung nicht und überzeuge sich, am besten durch Beträufeln mit heißem Siegellack, daß sie wirklich schon tot sind. Auch dann muß mein Sarg eine Vorrichtung erhalten zum Verriegeln von innen.

Den Sarg befehle ich hölzern; in einem metallnen könnte ich mich niemals behaglich fühlen. Mein Schädel muß eine Etikette tragen mit der Jahreszahl 19.. – ausdrücklich: post Christum natum. Ich will nicht nach ein paar Jahren als Neandertaler herumgezeigt werden.

Über die Vollziehung all dieser Anordnungen hat als Testamentsvollstrecker mein Rechtsanwalt zu wachen, dem ich da zum erstenmal Vertrauen schenke.

Freunden und Feinden, die ich je im Leben mündlich, schriftlich oder tätlich beleidigt habe – ihnen allen sei hiemit verziehen.

Geschlossen und gefertigt zu München im Hornung Hornung – so nennt der gebildete Münchner mit Recht den Karnevalsmonat sive Februar. 1933.«

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