Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Roda Roda >

Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 178
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
Schließen

Navigation:

Balkanleute

Dem türkischen Würdenträger bleibt jene jahrelange Vorbildung erspart, die das Leben des westeuropäischen Diplomatennachwuchses so nutzlos umdüstert.

Der türkische Würdenträger macht nur eine kurze Schule durch, die etwa unsern Gymnasien entspricht – und dann einen dreimonatigen praktischen Kursus in abweisenden Gebärden.

*

»Sie sind rumänischer Jude? Na, hören Sie: als Jude in Rumänien leben – das bringt auch wieder nur ein Jude fertig.«

*

Zum Wunderrabbi von Bojam kam Simon Trümpetenschleim, Gutspächter weit drüben aus Kadobeschtje, brachte reiche Geschenke mit und bat flehentlich um Regen.

»Sei ohne Sorge,« sagte der Rabbi, »ün spann den Schirm auf. Eh du heimkimmst von deiner Pilgerreise, frommer Sohn, wird es schon haben angefangen zu tröppeln.«

Simon Trümpetenschleim in gläubigem Hoffen spannte den Schirm auf und fuhr heim. Zuerst tröpfelte es, dann knisterte der Regen.

Der Regen fiel, die Woche begann. Die Woche verging, der Regen prasselte.

Am dritten Schabbes kam ein Telegramm vom Rabbi aus Bojan:

»trümpetenschleim was is? drahtet ob weiterregnen soll.«

*

Ich hatte Händel mit dem Oberkellner des Restaurants »Splendid«, Bukarest, Calea Victoriei.

Ich habe mich fürchterlich an ihm gerächt.

Ich wartete, bis eines Samstags abend der große Salon voll und voll besetzt war mit eleganten Gästen – da trat ich ein und rief mit Stentorstimme:

»Fliehen Sie! Alles ist herausgekommen.«

Im Nu war die große elegante Gesellschaft davon.

Der Kellner stand da mit unbeglichenen Zechen in der Höhe von 14 625 Lei.

*

Ein serbischer Bauer erzählte mir:

»Ja, Bruder, es ist anders bei uns worden, seit wir ein freies Volk sind. – Früher, zu Türkenzeiten, da war der Moslem Herr, und der Christ war Sklave. Ich setzte mich auf meinen Esel und ritt auf den Markt. Ein Türke kam die Straße entgegen. Ich lenkte mein Eselchen in den Graben und ließ dem Türken die ganze Straße frei. Meinst du, es genügte dem Türken?

›Hund‹ schrie er, ›Christ, daß sich die Hunde um deine Knochen rauften! Herunter vom Esel und nieder mit dir in den Staub! Im Staub grüßt man den türkischen Herrn.‹

Was meinst du – ich mußte herunter vom Esel.

Jetzt? Seit wir ein freies Volk sind? Hab ich überhaupt keinen Esel mehr.«

*

Das war in Tschatschak, Westserbien. Der Herr Protopope, Probst, sagte mir:

»Ich lese mit Verwunderung Eure Blätter – wie unduldsam Ihr seid dort in Deutschland. Es gibt Chauvinisten bei Euch, Antisemiten. Bei uns, siehst du, ist dergleichen unbekannt; hier gibt es keinen Haß.«

»Und habt Ihr viele Juden hierzulande?«

»Nein, Kindchen. Der letzte Jude ist vor mehr als 120 Jahren getötet worden.«

*

Sofia ist eine ungemein interessante Stadt.

Ich durfte dort einer gruseligen Geheimsitzung der makedonischen Komitadschi beiwohnen; war Zeuge, wie vierzehn Todesurteile gefällt wurden gegen Verräter und politische Gegner.

Nach der Sitzung kreiste ein Teller – man sollte Beiträge stiften für die Komiteekasse.

Ich stiftete zehn Franken.

»Verzeihung,« sagte der Präsident, »Sie müssen noch vier Franken zulegen; der Eintrittspreis beträgt einen Frank per Todesurteil.«

*

Ein Montenegriner bei Wuk:

»Herr, man erzählt bei uns sicherlich viele Lügen über Euch Deutsche, über Euer sonderbares Leben. Sag mir, Herr, ist denn wirklich wahr, daß es bei Euch in Wien Leute gibt, die reich sind und doch kein Vieh haben? Männer, die ihrem Weib die Hand küssen? Und das Weib gar übers Wasser tragen, wenn sie hinübermüssen – statt daß das Weib den Herrn hinübertrage?«

*

Mein Freund Kromar und ich durchquerten einmal Montenegro.

Da kamen wir zu einem Wojwoden und blieben über Nacht bei ihm.

Schnaps, Brot, sogar Fleisch – nichts fehlte zu unserm Glück.

Nur störte mich, daß der Wojwode meinen Freund auffallend bevorzugte. Er redete ihn ehrfurchtsvoll an, mich aber duzte er.

Warum?

»Mein Lieber,« sagte der Wojwode, »dein Freund ist offenbar ein vornehmer Herr, er kann nur deutsch. Du aber? Ich weiß, was ich von Leuten zu halten habe, die meine Sprache reden.«

*

Postmeister von Kadiköi – bei Konstantinopel – ist ein kleiner Kaufmann aus Deutschböhmen. Er hat wenig zu tun – ich glaube, garnichts: Das Geschäft geht faul. Und Briefe? Als ich mich da aufhielt, war ich der einzige Postempfänger – auch das nur alle fünf, sechs Tage.

Einmal ging ich zu diesem Herrn Pospischill – fragen, ob nichts für mich eingetroffen sei.

Er lachte schon von weitem. »Gratuliere,« rief er, »gratuliere!«

»Wozu denn?«

Er reichte mir den verschlossenen Brief und sagte:

»Warten Sie nur – Sie werden schon auch lesen.«

 << Kapitel 177  Kapitel 179 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.