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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 176
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Es verdirbt den Charakter

Ich bin aus einem garstigen Traum erwacht und tappe mich zurecht. Wenn man so jäh auffährt, weiß man nicht gleich, wo man ist.

Draußen ist schon hell. Mein Wirt steht gebückt neben einer Ziege und milkt sie in einen Zuber.

Ich kämme mir mit den Fingern das dürre Laub aus dem Haar und will mich waschen. Doch sie haben hier auf dem Felsen kein Wasser.

Mein Gott, wie müd ich bin! Wie vergiftet.

Soll ich dem Wirt was zahlen? – Wieviel? – Der arme, gute Kerl ... Doch wenn ich ihm viel gebe, fällt es auf.

Er bringt mir schweigend den Zuber, schneidet mir ein Stück Brot zu und möchte gehen. – Ich muß ihn aber doch ausfragen, sonst verirre ich mich am Ende, und der Tag ist verloren.

»Du – Nachbar ...« – ich löffle mein Frühstück – »mir geht es schlecht seit ein paar Tagen. Ich könnt eine gute Losung brauchen.«

»Eh – dann geh nach Grahowa, dort gibt es immer Arbeit.«

»Grahowa ... Glaubst du, da warten sie auf mich? Die haben mehr Scherenschleifer als du Ziegen.«

»... Also geh nach Bejaschehir.«

»Hör mir mit den Städten auf! Ein Dorf mit Soldaten – wenn du mir das zu nennen wüßtest ...« – Mein Gott, warum sieht er meine Hände an?

»Ein Dorf mit Soldaten ...« – Er denkt nach; hat also keinen Verdacht. – »Soldaten ... Dort oben – siehst du? – auf dem ganz steilen Berg – dem dritten rechts der Ruine? Dort sind Soldaten.«

»Aber wie viele? Denn wegen eines Dutzends lohnt es sich nicht.«

»Freilich, freilich ...« – Und er beginnt mir gutwillig, umständlich und langsam die Kordonposten aufzuzählen, so gut er es versteht.

Ich horche erregt, damit mir kein Wort entgehe. Kein Wort. Jedes einzelne schreibe ich mir mit hartem Griffel ins Hirn.

Dann sinne ich nach – sinne und wäge ab – und werfe zur Linken, was zu leicht ist, und behalte, was taugt, und habe mit einemmal das System der Grenzverteidigung vor mir.

Hallelujah, ist das ein Erfolg! Wie konnte ich es ahnen: dieser Ziegenhirt kennt die ganze beständige Befestigung und Besatzung der Gegend.

»Höre,« sagt er, als ich aufbrechen will, »ich möchte dich um etwas bitten. Schleif mir das Messer da.«

Kann ich es ihm versagen? Ich gäbe ihm lieber zehn Frank, denn ich bin müde – von gestern – vorgestern – von all den Wochen, seit ich den grünen Karren schleppe und trete. – Aber kann ich es ihm versagen?

»Gib her, Nachbar!« – Und ich schleife. Sssss ... geht der Wetzstein – das Wasser tropft darauf und stiebt fort.

»Dank – schönen Dank!«

»Dank Gott,« antworte ich – packe meinen Karren und laß ihn den Saumweg hinabrumpeln – wohl eine, zwei Stunden. Er läuft von selbst – ich muß noch widerhalten. Wenn doch alle Wege so wären!

Unten zieht die Straße. Hundert Schritt davor setze ich mich zwischen zwei Felsblöcke, blicke rundum, ob mich niemand sehen kann – nehme Nadel und weißen Zwirn vor und nähe mir den Plan, so gut ich ihn jetzt weiß, ins Hemd: die Tallinien – lange Stiche; die Rückenlinien – kurze Stiche; die Posten – Knoten; so viel Züge Besatzung – so viel Knoten.

Mittags bin ich fertig. Wohlgefällig sehe ich mir die Stickerei an. Was das für ein hübsches Kroki geworden ist! Jeder Faden der Leinewand bedeutet zwanzig Meter. Noch ein Vergleich mit der Kartenskizze: ... gut, es stimmt. Also fort mit der Skizze! Ich verbrenne sie. Ein Angeber weniger.

Mein Mittagmahl: Brot und Käse.

Dann aber vorwärts! Vor Abend muß ich oben auf dem Werk sein. Nicht zu spät – sonst habe ich nicht mehr Zeit, zu schleifen und mich mit den Soldaten auf guten Fuß zu stellen. Nicht zu zeitig – sonst schleife ich ihnen vor Abend alle Messer fertig, und sie lassen mich nicht oben übernachten.

Ich schiebe meine Last so die Straße hinan, schweißtriefend und erschöpft, ach, so erschöpft, daß ich alles vergesse – da holt mich einer ein.

Ich zucke zusammen.

Doch mein Begleiter ist harmlos. Ein echter Wanderbursche. Uhrmacher von Beruf.

Wir sprechen wenig miteinander.

Nach ein paar Stunden setzen wir uns in den Schatten und machen Rast.

Dort erst mustere ich ihn. – Ja, wer so grobe Hände hätte wie er! Diese Hände, meine unglückseligen Salonpfoten werden mich noch an den Galgen ...

Er zieht eine Nickeluhr aus der Tasche, klemmt sich eine Lupe ins Auge und betrachtet das Rädergetriebe.

»Kommen Sie weit her –?« fragt er mich.

»Von dort oben. Ich hab beim Hirten geschlafen.«

»Und gestern –?«

»Gestern in Gradatz.«

»Wie ist denn dort das Geschäft – he –?«

»Na – so – so.«

»Viele Messer?« – Und im Sprechen nimmt er noch zwei Lupen aus dem Sack, verstellt sie, jede in einer Hand, vor dem Auge hin und her ... und ... mein Gott – der Mann hat ja ein fertiges Fernrohr bei sich und richtet es auf den Kordonposten –! – »Viele Messer geschliffen –? Viele Soldaten dort –?«

Ich stelle mich dumm und schweige. Wenn ich der Klügere sein will, muß ich mich dumm stellen.

Wir brechen auf. Ich schiebe wieder, und er geht langsam neben mir her. Ich beneide ihn, weil er ein so bequemes Gewerbe hat. Uhrmacher ... Den braucht man doch überall – die Maske ist gut.

Einmal, als ich ihn mit einem scheuen Blick streife, begegne ich seinen Augen. Ich nehme mir vor, nicht wieder hinzusehen.

Wie frech er ist! Er benimmt sich, als säße er zu Haus im Club. Ohne Scheu spricht er von den Befestigungen und versucht mich auszuholen. Ich will möglichst bald von ihm loskommen – der ungeschickte Mensch wird über kurz oder lang entlarvt sein, und ich mit ihm.

»Sie –« sagt er plötzlich, »– Sie wollen da auf den Kordonposten? Und wozu?«

»Halt ... Arbeit suchen ...« stottere ich erbleichend. – Wenn er ein Agent provocateur wäre ... oder auch nur ... In wessen Sold steht er eigentlich?

»Arbeit suchen Sie da oben? Ich werde Ihnen was sagen: dort oben braucht man keine Stickereien. – Ich habe Ihnen nämlich vorhin mit meinem Patentfernrohr zugesehen: Sie haben ein hübsches Hemd. – Reden wir ehrlich miteinander! Welches ist Ihr Lieblingslied?« – Er pfeift die Marcia reale und äugt mich verschmitzt an.

Nur nicht verraten! Mich jetzt nicht verraten! Ich fühle, wie mein Blut einfriert.

»Was Sie für ein komischer Kauz sind!« fährt er fort. »Wir sind Genossen – warum geben Sie's nicht zu? Sehen Sie die Maschala? Da wollen wir doch beide hin. Also auf gute Kameradschaft – welches Lied Sie auch immer singen! Wenn unsre Vaterländer Feinde sind – was geht es uns an?« – Er hält die Hand hin.

... Ich schlage ein.

Wir sehen uns in die Augen. Was darin glimmt, ist Treue.

»Ja, auf gute Freundschaft!« ruf ich. Und von der Seele fällt mir eine drückende Last. Daß ich nun nach dem wochenlangen marternden Schweigen reden darf – oh, das tut mir unendlich wohl. Daß jemand um mich ist, der meine Sorgen teilt, meine Pläne, meine Freuden und Enttäuschungen, meine krampfende Angst und jubelnde Hoffnung. Wohl, unendlich wohl.

Wenn wir unbelauscht sind, auf der Wanderung, da öffnen wir unsre Herzen und lassen einander hineinblicken.

Und ich danke ihm.

Und er dankt mir.

– – – So ziehen wir von Neumond bis Neumond zusammen von Werk zu Werk – Spürhunde einer heiligen, markzerrüttenden Jagd. Vor uns fallen die Geheimnisse, das edle Wild; wir wühlen in ihren Eingeweiden und saugen ihre Adern aus.

– – – Eines Tages liegen wir im Gras. Er schläft.

Da trottet vom Hang her – den Weg, den auch wir gekommen sind – eine Patrouille. Sie hält grade auf uns.

In dieser Minute, wo der Henker die Hand nach meiner Kehle streckt, arbeitet in mir ein entsetzlicher Gedanke: wenn es drum und dran geht und die Verfolger uns fassen, werde ich den Schläfer neben mir verraten, um mich selbst zu retten.

Mir ist, als verginge ein Leben, ehe die Patrouille da ist – mit riesigen Schritten aus der Unendlichkeit.

Um Gottes wi...

Nein.

Sie gehen vorüber.

Da erst wage ich zu atmen.

... Und Cesare Finzi vom Königlich italienischen Generalstab, mein Gefährte, dessen Schlaf ich betrog, ergreift meine Hand und sagt:

»Die sind fort. – Aber wir müssen uns trennen.«

»... Warum?« frage ich unsicher.

»Weil ... weil ... als die dort kamen, da ist mir gewesen, als sollte ich ... Ah, denken Sie nicht schlecht von mir! – Die Furcht, die Furcht ... Man wird zum Tier. Ich habe ... Sie preisgeben wollen, um heil zu bleiben ...«

Er steht auf und geht langsam, ohne sich umzublicken. Im Weggehen murmelt er:

»Unser Geschäft verdirbt den Charakter. Es verdirbt den Charakter.«

– – – Ich habe ihm noch lange nachgeblickt.

Schade um ihn. Ist ein treuer Freund gewesen. Der aufrichtigste vielleicht, den ich im Leben gehabt habe.

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