Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Roda Roda >

Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 174
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
Schließen

Navigation:

Galgenhumor

Für die meisten von uns ist Galgenhumor nur Tropus, Redefigur.

Ich aber habe einen Fall von wirklichem Galgenhumor erlebt – vor vielen dreißig Jahren:

In Banjaluka, Bosnien, war nach langlanger Fahndung der Räuber Nikolitsch gefangen worden. Auf abenteuerliche Weise übrigens: Er hatte sich, von den Gendarmen des Landes verfolgt, endlich elend, hungrig, abgerissen bei Nacht in die Stadt geschlichen. Er wußte, in diesem Haus am Rand wohnt eine arme, einsame Witwe, eine Türkin. Und diese alte Witwe überfiel er – bei ihr versteckte er sich, hier glaubte er sich sicher; die österreichischen Behörden scheuten sich, islamitische Frauenhäuser aufzustören.

Nach einigen Tagen fühlte er sich sicher genug, auszugehen: vermummt als türkische Frau, in Schleier und Mantel seiner unfreiwilligen Herbergsmutter.

Doch er hatte nicht mit den scharfen Augen der andern Türkinnen gerechnet; sie erkannten Mantel und Schleier der Nachbarin, merkten sofort – am Gang – den fremden Mann – steckten die Köpfe zusammen und tratschten darüber. So erfuhren auch die türkischen Männer darum, begannen die sonderbare Straßenerscheinung zu beobachten – und Nikolitsch wurde erwischt.

Das Gericht verurteilt' ihn zum Tod. Morgen mit dem frühesten wird er auf der Viehweide gehängt werden.

Des Abends vorher fragte man Nikolitsch um seinen Wunsch. Und der arme Sünder sagte:

»Ich möchte ein Paar recht weite Filzpantoffeln haben für meinen letzten Gang.«

»Mensch,« rief der Profos, »deine Stiefel sind doch weit genug? Sind doch auch nicht so abgenutzt, daß sie für dein Leben lang – die paar Stunden – nicht vorhielten?«

Nikolitsch ließ sich auf keine Unterhaltungen ein – er bestand auf seinem Begehren: er wolle ein Paar recht weite Filzpantoffeln.

Gut, man brachte sie. Er probierte sie an, schüttelte aber störrisch den Kopf und sagte: »Nein, die sind mir noch nicht weit genug.«

Man mußte ein zweites Paar holen – ein drittes und ein viertes – endlich mit dem allergrößten war er zufrieden. Und männiglich wunderte sich und dachte: Was will er nur mit diesen riesigen Pantoffeln?

Am Morgen kam der griechische Pfarrer. Nikolitsch wies ihn zurück: er brauche keinen Priester, er werde in einer Stunde mit Gott selber reden.

Es kam das Pikett, um Nikolitsch abzuholen. Er ließ sich willig die Hände fesseln.

Ließ sich auf den Karren laden und aus der Stadt schaffen – auf die Viehweide, wo schon Tausende von Menschen des Schauspiels harrten.

Man las ihm nochmals das Urteil und wollt ihn zum Galgen führen. Er sagte:

»Nein, ich geh allein.«

Schritt pfeifend und tanzend auf den Galgen los; dicht davor warf er das rechte Bein empor und rief:

»Hoch Franz Joseph!«

Der erste Pantoffel flog himmelan.

»Hoch Elisabeth!«

Und der zweite Pantoffel flog.

Um sich diesen letzten Witz, diese lang ersonnene Pointe zu sichern, hatte Nikolitsch die Profosen so lang, so eindringlich um ein Paar recht weite Filzpantoffeln gequält.

 << Kapitel 173  Kapitel 175 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.