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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 17
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Diplomatie

»Señor Rodriguez,« sprach der Duque de las Estacas y Esproncedas, »wie man die Sache immer wenden mag, ist heute der 23. April 1950. Betrachten Sie das letzte Intimat unsres Ministeriums, und Sie werden bemerken, daß es gerade Jahr und Tag alt ist.«

»Gewiß, Exzellenz! Recht auffällig.«

»Mehr als das, Señor Rodriguez: ein wenig sonderbar. Ich will nicht erst darauf hinweisen, daß ich – und daher auch das Personal der Botschaft seit Jahr und Tag keine Peseta an Gehalt bezogen haben – das ist leider in dem Stande der königlichen Finanzen nur zu begründet. Ich will auch nicht behaupten, daß zwischen unserm Vaterland und Seiner Majestät, dem Mikado irgend welche Angelegenheiten schwebten, die Instruktionen aus Madrid nötig machten. Im Gegenteil – und ich beanspruche das Verdienst daran für mich – die Beziehungen der beiden Staaten sind so freundlich wie nur je, seit ich die Auszeichnung genieße, Seine Majestät, unsern erhabenen König am Hof von Tokio vertreten zu dürfen.«

»Nun Exzellenz –?«

»... Ich habe heute meinen guten Tag, Rodriguez, und will wie ein Vater zu Ihnen sprechen. – Junger Mann, nicht nur das Schweigen des madrilenischen, nein, noch mehr das des japanischen Hofes beunruhigen mich ein wenig.«

»Wie wär es, Exzellenz, wenn wir in einer vorsichtig abgefaßten Note fragten ...?«

»Fragen, Señor Rodriguez? Sind Sie von Sinnen? Ein Diplomat fragt nicht. Er ahnt und wittert. – Und mein Gefühl sagt mir: etwas ist hier nicht in Ordnung.«

»In der Tat, Exzellenz, auch ich glaube, eine Art ... Abkühlung zu bemerken. Mir ist manchmal, wenn ich Gesellschaften aufsuche, als habe man eben von mir gesprochen, ... als ...«

»Señor Rodriguez – ich wage nicht daran zu denken – Sie haben sich doch nicht am Ende hinreißen lassen, die gebotene Reserve aufzugeben? Und auch nur im geringsten zu verraten, daß Ihnen das Benehmen der Gesellschaft auffällt?«

»A mis soledades voy – de mis soledades vengo.«

»Das will ich hoffen. Schweigen ist die Tradition unsrer Diplomatie.«

»Ich schmeichle mir, darin ein eifriger Schüler Eurer Exzellenz zu sein. – Die europäischen Attachés machen sich seit einiger Zeit unsichtbar. Jo me rio. Ich zeige durch kein Wimperzucken Erstaunen oder Indignation darüber.«

»Recht so, Señor Rodriguez! – Ihre Beobachtungen stimmen übrigens mit meinen überein. Es bereiten sich Veränderungen vor.«

»Und woraus belieben Eure Exzellenz das zu schließen?«

»Woraus? Señor Rodriguez, als im Jahre 1481 ein Estaca y Espronceda Ihre Majestät, die Katholische Königin vor der Entdeckung Amerikas warnte, hatte er auch keine greifbaren Gründe anzugeben – und wie schrecklich hat nach des Allmächtigen Willen die jüngste Vergangenheit die Befürchtungen meines Ahnen verwirklicht! – Aus kleinen Anzeichen, die ein andrer kaum der Beachtung wert findet – aus winzigen Schatten von Tatsachen, die noch keine sind – auf Grund einer gewissen Sehergabe kombiniere ich, daß hier oder dort ein Wolkenflöckchen aufsteigen und den politischen Horizont mit einem leichten Hauche trüben könnte.«

»Oh –!«

»Kaltes Blut, Herr Sekretär! Ich denke dabei durchaus noch nicht an eine Spannung. Tout est pour le mieux. Aber ...«

»Eure Exzellenz geruhen also, Ihr Hauptaugenmerk auf das Ausbleiben einer Berufung zu Seiner Majestät, dem Mikado zu richten?«

»Señor Rodriguez, empfangen Sie aus dem Mund eines Estaca y Espronceda die Lehre, daß es nur eine Art verläßlicher Kalküle gibt: die aus den allersubtilsten Prämissen. Das Stillschweigen des kaiserlichen Hofes ist aber zu fühlbar. Es kann einen Diplomaten nicht täuschen. Es ist, glauben Sie mir, nur ein Vorhang, um ganz andre, unendlich fernere Möglichkeiten zu verschleiern. – Welche? Das wollen wir von Juan erfahren.«

»Von Ihrem Portier, Exzellenz??«

»Jawohl, junger Freund! Aber auf meine Weise.«

– – – »Nun, Juan? Du rasierst dich nicht seit einigen Tagen?«

»Nein, Vuesencia, untertänigst zu melden.«

»So ... Na ... Und glaubst du, daß dir der Bart zu Gesichte stehen wird?«

»Nicht das gerade, Vuesencia. Aber es ist jetzt Mode so in Tokio – mit Respekt.«

»Mode. Hm. – Bei den Botschaftsportiers?«

»Mit Verlaub – bei den Portiers überhaupt, Vuesencia.«

»Und seit wann?«

»Nun, Vuesencia – seit die Russen im Lande sind.«

»Die Russen, sagst du, im Lande. Inwiefern, Juan?«

»Vuesencia, untertänig zu melden, insofern, als sie doch eben heut vor einem Jahr in Tokio eingezogen sind und Seine Majestät, den Mikado verjagt haben. Wenn sich Vuesencia an eine mächtige Schießerei zu erinnern geruhen, die damals stattfand ...? Das war das Bombardement.«

»Was sagst du, Mensch?? – Eilen Sie, eilen Sie, Señor Rodriguez, um des Himmels willen, chiffrieren Sie an unser Ministerium ...«

»Vuesencia, der Heiligen Jungfrau von Burgos sei's geklagt – das wird nicht nötig sein. Denn an demselben Tage, heut vor einem Jahr, ist unser glorreiches Vaterland von seinen ausländischen Gläubigern gepfändet und an den Meistbietenden versteigert worden. R. M. Vanderbilt & Son Limited herrschen in Kastilien – Gebrüder Bleichröder in Leon – in Navarra Morgan – und auf dem Montjuich der Katalanen weht die Fahne von Amschel Rothschild.«

»Ay de mi Alhama, Juan! Und all das sagst du mir erst jetzt?«

»Vuesencia haben mir streng verboten, über Politik zu sprechen.«

»Pardiez! Eine kleine Andeutung konntest du immerhin riskieren.«

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