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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 169
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Jagd im Ried

Nevéry, den sein Rabenvater vor dreiundzwanzig Jahren hatte auf ›Moriz‹ taufen lassen – Nevéry riß die Tür auf und schrie:

»Hast du eine Flinte? Guten Tag!«

Ich zerrte Nevéry vollends ins geheizte Zimmer, schloß die Tür hinter ihm und sagte in mildem Erzieherernst:

»Moriz! Man macht das nicht wie du. Man klopft an und wartet. Man tritt ein und schließt. Dann sagt man: Guten Tag! Hast du eine Flinte?«

Moriz aber hörte nicht auf mich, beutelte sich den Schnee vom Mantel und verlangte einen Kognak.

Ich schenkte zwei ein. – »Prosit!«

»Prost! E ...h! Die Sache ist die,« sagte Moriz, »daß morgen Jagd ist auf Felix Krainers Hotter. Ist diese Kartaune da an der Wand das einzige Feuerrohr, über das du verfügst?«

»Durchaus nicht. Ich hab auch noch einen Armeerevolver, Muster 1873, und das Modell eines weittreibenden Steinmörsers aus den Napoleonischen Kriegen.«

Er betrachtete meine Lefaucheuxflinte – betrachtete mich und sprach:

»Wirst du dich nicht schämen – mit der ...? Schießen wirst du doch nichts wollen? Schade. Sehr hübsche Jagd. Felix rechnet auf Füchse, Rehe – und im Traum sollen ihm sogar Fasanen vorschweben. Halt mit – es wird ein großer Spaß.«

»Hm. Wie steht es mit dem Frühstück?«

»Felix wird sich nicht lumpen lassen. – Du kommst also? Rendezvous um acht bei der Römischen Ruine. – Prosit!«

»Prost!«

»E ...h! – Lebwohl!«

»Lebwohl, Moriz, grüß zu Hause!«

– – – Die Szene hatte sich am 13. Jänner 1900 abgespielt, zu Essegg in Slavonien.

Als mich Peter nächsten Morgens halb sechs weckte, da lag ein garstiger Nebel vor den Fenstern. Ich wollte gar nicht aus dem Bett. Erst als Peter, der Kundige, mir schön Wetter schwor, kroch ich zitternd vor den Waschtisch.

»Peter! Ich gehe doch auf die Jagd. Ist alles parat?«

»Parad', Herr Oberleutnant – Jesus Marja?«

Ich weidete mich, mit dem Zahnwasser im Mund, eine Minute an seiner Bestürzung, eh ich ihn aufklärte. Da aber schnellte er wie ein Sektkorken hoch – brach die alte Flinte auf und wies mir ihre spiegelblanke Bohrung – wies mir die brüchige Jagdtasche – er hatte sie mit Sattelseife auf den Glanz gerichtet – rüttelte die Feldflasche, daß der Schnaps drin gluckste, und wartete stolz, wie es dem guten Burschen gebührt, auf das Lob, das schuldige Lob des guten Herrn.

»Und die Patronen?«

»Patraunen, Herr Ober ...? Jessas, mir haben ja ka Patraunen.«

»Oh doch. Fünf ... da ... dort ... oben irgendwo.«

Wir fanden sie. Es waren Rehposten. Macht nichts. Ich renn ohnehin nur als wilder Jäger mit.

– – – Der erste Trieb war vorbei, der Jagdherr verteilte die Nummern für einen Kreis, den sollten wir jenseits der Remise schließen. Moriz – in Reithosen und Lodenrock – kam mit ungemein verschmitzten Äuglein auf mich zu:

»Das beste an der Jagerei ist doch der Wein.«

»Hallo? Woher weißt du ...?«

Er verdrehte die verschmitzten Äuglein auf einen Busch im Zipfel der Remise, nach einem großen Feuer. Wir schoben uns unbemerkt heran und fanden ein paar Krainersche Kutscher in emsigem Schaffen. Ein Riesenkessel wallte, darin brodelte das Jagdfrühstück; geschnittenes Fleisch, Speck und Kartoffeln – Zwiebel, Salz und Paprika verschwanden haufenweis in Dunst und Dampf. Krainers Pudel stand dabei und sah aufmerksam-wehmütig den Brocken nach. – Auf der Kufe lag ein bauchiges Fäßchen, noch unangeschlagen. Moriz zeigte mir, wie man mit einem Strohhalm daraus trinken kann!

Die Köche lachten. Einer von ihnen, Krainers Leibkutscher, bot uns Platz am Feuer an und breitete einladend seinen Schafpelz auf den eisigen Boden. Moriz hatte einen bedeutenden Spitz weg; er fand es sehr amüsant, die Jagd so stillbehaglich mitzumachen.

»Sei kein Narr! Setz dich!« sprach er mir zu.

»Ach was! Wir sind zur Jagd da – nicht zum Liegen.«

Doch er ließ sich gutwillig nicht fortbringen – da mußt ich ihm wohl den Gefallen tun. Und blieb.

»Sie schimpfen doch nur über uns,« sagte er. »Weil wir lärmen und zu früh weggehen. Dieses Zivilekel, Komers, der immer auf dem Stand bleibt, bis ihn der Jagdherr abschraubt – der zerreißt sich am weitesten das Maul.«

»Aber, Moriz!«

»Na ja – weils wahr ist. – – Haha! Da sieh her!« – Moriz zog triumphierend aus dem Pelz, worauf wir saßen, ein Päckchen von Zeitungspapier, mit einer Wurst darin. – Die Kutscher waren gegangen dürres Holz klauben. Moriz johlte:

»Ein Götterspaß. Der größte Spaß. – Komm her, du Pudel! Da hast du eine Wurst.«

Das ließ sich der Pudel nicht zweimal sagen.

Moriz aber nahm ein Ding vom Boden auf, das jener Wurst täuschend ähnlich sah und nichts war als die gefrorne Losung von Krainers Pudel. Dieses Ding packte er ins Zeitungspapier und steckte es in den Pelz.

»Auf,« rief er. »Wir müssen gehen, eh es der Leibkutscher merkt – er wird sonst grob.«

Eben kamen wir zurecht zum dritten Kreis. Moriz, unsicher auf den Beinen, bat den Jagdherrn, uns zwei nebeneinander zu stellen in den toten Winkel, und ich sollte auf Moriz achthaben.

»Roda,« begann er nach dem ersten Hornruf, »wenn ein Has kommt – ich fliehe. Ich habe nur Vogeldunst im Gewehr.«

»Mut, Moriz! Dafür hab ich Rehposten.«

Es war ein offenes Feld und nichts darauf als die Stauden vom vorjährigen Mais. – Bald tummelten sich die Häslein ängstlich im Kreis der schreienden Treiber, der feuernden Schützen. Manch ein ›Langohr‹ – Morizens Ausdruck, bitte! – roulierte in den Furchen. Immer enger ward der umklammernde Kreis. Rechts und links von uns hatte man die geizigsten Geizhälse postiert – die liefen uns vor und schossen unsern Teil. Doch Sankt Hubertus sah hernieder und machte den Schaden gut:

Rührte da ein wahnsinnig Häslein seine Läufe auf Felix Krainer zu, dem alle Entfernungen zu klein sind, seit er Einjähriger bei Schweren Haubitzen war. Auf hundert Schritt pfefferte Felix den Hasen an – der aber schlug einen Haken und hielt grade zwischen mich und Moriz von Nevéry.

Moriz schoß.

Ich schoß.

Moriz schoß wiederum.

Ich desgleichen. – Da legte sich der Hase hin und starb.

»Das ist mein Has,« sagte ich selbstverständlich.

Moriz ließ die weinseligen Augen funkeln und rief:

»Wenn er nicht einen natürlichen Tod erlitten hat, so ist er mein.«

Blutgieriger Miene zog er einen mächtigen Nickfänger aus der Tasche und schnitt dem Hasen die Löffel ab. Einen steckte er sich auf den Hut, den andern zwang er mir auf.

Die Büchsen knatterten, Treiber ratterten. Dann flogen auf langsamen Fittichen die Klänge des Hornes über Feld.

Moriz Nevéry freute sich diebisch über seinen Hasen, besonders auch noch auf das Gesicht des Kutschers, dem er die Pudelwurst eingepackt hatte.

Am Feuer beim Jagdfrühstück fragte der eklige Komers, ein weidgerechter Schütz, so obenhin: ob denn Herr Leutnant von Nevéry schon je einmal vorher habe einen Hasen geschossen?

Moriz sagte ehrlich: »Nein.«

Da lächelte Komers grausam und winkte. Im Nu hatten viere den Moriz am Kopf und an den Beinen und legten ihn bäuchlings nieder auf den Pelz. Komers aber erhob sich, um mit vieler Würde drei gewaltige Rutenstreiche auf Herrn Nevérys Gesäß zu tun:

»Einen für Gott und die heilige Drei,
Einen für Sankt Hubertus dabei –
Einen für König und Klerisei
Und die vieledle Jägerei.«

Brüllend empfing der Arme seine Streiche und rieb sich mit lautem Grollen.

»Das gibts nicht. Den Hasen hat Roda geschossen. Ich beantrage Exhumierung.«

Nun wieherten alle und tranken des perlenden Weins. Das Paprikafleisch im Kessel war gar und rauchte auf zinnernen Schüsselchen. Wer kein Paprikasch mochte, langte nach Schinken und Brateiern.

»Ich bin nur froh, daß ich dem Kutscher die Pudelwurst eingepackt hab,« murmelte Moriz und löffelte sein Paprikasch. – Ein Sanguiniker. Diese Menschen kriegen Prügel und danken für die gepolsterte Bank, auf die man sie dazu gelegt hat.

Nach dem Frühstück lud uns Felix Krainer auf sein Landhaus.

»Paß auf, Roda, daß wir den Kutscher erwischen, dem der Pelz mit der Pudelwurst gehört!« – Wirklich, wir erwischten ihn und stiegen in seinen Wagen.

»Wie heißt du?« fragte Moriz den Kutscher im Fahren.

»Matthes, gnädiger Herr,« antwortete er, ohne einen Blick von seinen Schimmeln zu wenden.

»Hm ... Matthes – was hast du? Du siehst so traurig drein.«

»Ach, gnädiger Herr – nicht der Rede wert.«

Moriz stieß mir in unbändiger Lachlust die Rippen ein.

»Ist dir ein Unglück geschehen, Matthes?«

»Kein Unglück grade, gnädiger Herr, aber ein Pech sozusagen – wie wir armen Leut halt immer schon eines haben.«

»He?«

»Na, in der Früh packt mir mein Weib zu Haus eine Wurst ins Papier ...«

Moriz sprang vor Freude im Wagen herum. –

»Und ... Und?«

»Und die Wurst, wissen Sie, hab ich da ins Paprikasch getan, um mir sie zu wärmen – da ... hat sie sich aufgelöst.«

Moriz war blaß und bleich und kriegte Schlingbeschwerden.

»Moriz,« rief ich – »den Hasen, für den du die Wichse gekriegt hast, den hab ich geschossen. Ich hab ihn seziert – er ist voller Rehposten. Und was die gewisse Pudelwurst anbelangt: ich hab Brateier gegessen.«

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