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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 168
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Der Verwalter

Baron Mirkowitsch, der auf Nowo Selo, war ein Erzgrobian. Er hielt eine Koppel von bösen Doggen auf seinem Gut – die hatte er aber garnicht nötig: erstens biß und bellte er selber grade genug; zweitens ging zu ihm ohnehin nur, wer unbedingt mußte.

Es gab wohlwollende Menschen, die da sagten: In seiner derben Schale steckt ein guter Kern. – Doch wer hat Lust, erst mühselig eine solche Nuß zu knacken? Am Ende ist sie doch taub.

»Ein tüchtiger Landwirt.« – Das heißt: Er war hinter seinen Leuten her wie der Satan, spät und früh; geizte mit Lob und Lohn; verkaufte zäh; und blieb schuldig, solang er irgend konnte.

Immerfort wechselte er den Verwalter. Noch nie hat bei ihm derselbe das Korn angebaut und auch geschnitten. – Man sagte: Mirkowitsch hat mit der »Wiener Landwirtschaftlichen Zeitung« ein Abkommen, er zahlt für die Ankündigung in den »Offenen Stellen« nur den halben Preis. Alle Welt kannte die »Offene Stelle« bei Mirkowitsch; immerzu war sie ausgeschrieben, immer länger und verlockender; nur Neulinge fielen noch darauf hinein.

»Wenn meine Verwalter wechseln,« pflegte Mirkowitsch zu sagen, »ist es nur ein Beweis, daß sie nichts taugen; denn: wann der Gutsherr nichts tauget, so möcht doch er gehen, und die Verwalter möchten bleiben.«

– – – Na, einmal ist also grade wieder Schlachtfest auf Nowo Selo – Mirkowitsch hat einen Verwalter hinausgeschmissen, einen Böhmen, mitten in der Heuernte, und ein neuer zieht ein, wiederum ein Böhme, mit Sack und Pack. Mirkowitsch auf dem Hof, breitbeinig, hält die Hände in den Hosentaschen und schaut sich die Möbel des neuen Verwalters an, wie sie da übereinander auf dem Wagen liegen, kunterbunt, Hals über Kopf ... Spuckt Baron Mirkowitsch aus und weissagt: »O weh! Geblümtes Sopha – das hab ich schon gefressen. Der wird sich wieder nicht halten. Bei mir is noch keiner lang geblieben, was ein Sopha gehabt hat mit Blümerln.«

In diesem Augenblick fährt am Gutshaus ein Bauernwagen vor, und darauf, hinter dem Kutscher, sitzt eine Dame.

Keine Frau. Sondern eine Dame: groß, schlank, in grauem Reisekostüm, mit einem netten Hütchen. Blickt ein wenig hilflos um – und als Mirkowitsch verwundert nähertritt, ist sie hübsch, jung, etwas blaß und von Haar: aschblond.

»Herr Baron ...?« fragt sie – lächelt – und hat nun auch sehr lustige Augen und wunderweiße Zähne.

»Oho,« denkt sich Mirkowitsch. »Sapperment!«

Und was will sie?

Die Verwalterstelle. Nicht für sich natürlich, sondern für den Gemahl.

Mirkowitsch pfeift einen langen Ton, was bei ihm Begleitmusik zu sein pflegt für einen guten Einfall. Himmel – an diese Verquickung hat er noch nie gedacht: der Mann – Verwalter; die Frau – hübsche Blondine ...

Mirkowitsch erklärt ihr die Sachlage: daß die Stelle besetzt ist ... (Sehr bedauerndes tiefes »Oh –«) ... aber ... (hier lächelt die Dame Bitte und Verheißung) ... aber ... sie möge nur ruhig bleiben – der neue Verwalter hat doch das ominöse Sopha mit Blümerln ...

Nein, bleiben will die Blondine nicht; aber warten, bis ... und ob ...

So schnell geflogen wie dieser neue Böhme ist ein Verwalter von Mirkowitsch noch nie.

– – – Mirkowitsch hatte ein Lieblingslied, das pflegte er zu singen, wenn er übermütig war; dies Lied sang Mirkowitsch jetzt täglich.

Und es blieb ihm im Hals stecken.

Nach einigen vergeblichen Versuchen nämlich, sich dieser Frau Nechljudoff zu nähern, hatte Mirkowitsch etwas getan, wozu er sich seit Menschengedenken nicht entschlossen hatte: er, der mißtrauische Mensch, der sich von seinen Leuten immer betrogen wähnte, hatte dem Verwalter 6000 Kronen hingezählt und ihm befohlen, zehn Paar Ochsen einzukaufen; auf dem Markt in Weißlo.

Weißlo liegt doch über der Drau. Der Viehmarkt dort ist Montag. Montag um fünf fängt er an, um neun ist er zu Ende. Wer rechte Auswahl will, muß um vier zur Stelle sein; folglich Samstag losfahren. – Und vor Dienstag kann er nicht zurücksein.

Zehn Paar Ochsen – keine Kleinigkeit – da kann man kräftig übers Ohr gehauen werden – selbst vom ehrlichsten Makler.

Aber Mirkowitsch war so versessen auf die Frau, daß er es riskierte: um den Verwalter für zwei Nächte von seiner Frau zu trennen.

Und mitten im schönsten Sang seines Räuberliedes mußte Mirkowitsch innehalten, als er sah, wie Frau Nechljudoff unter freundlichem Abschiedswinken mit ihrem Mann nach Weißlo fuhr.

Mann?? Nein, Männchen. Nechljudoff war so nichtig, so schmächtig von Gestalt, daß alle sagten: Der bleibt einmal dem Mirkowitsch als Schmutzkruste in den Pranken.

Das Verwalterspaar kam mit den zehn Joch Ochsen zurück – und Mirkowitsch verlor kein Wort über den Einkauf – schuldbewußt, wie er war; hatte sich übrigens auf ärgeres gefaßt gemacht.

Dann kam der Herbstanbau. Nechljudoff erschien mit einem saubern fertigen Plan. Wirklich: einem geschriebenen Plan.

Mirkowitsch sagte: »Tun Sie mit Ihrem Papier, was Sie wollen, mit Respekt gesagt. Auf meiner Wirtschaft gibt es dergleichen nicht. Ich ordne an, wo und was gesät wird – und damit basta.«

Nechljudoff steckte sein Dokument ein und kuckte in die Luft.

Als aber Mirkowitsch etliche Tage darauf nach dem Bresnjak reitet, einem nassen Stück Land am Bach, da sieht er eine ganze Kette Weiber Samen stecken.

»Was soll das?« fragte er. »Was tun die Weiber?«

Der Verwalter – ganz einfach: »Bohnen stecken.«

»Was für Bohnen, zum Teufel?«

»Saubohnen, Herr Baron,« sagt Nechljudoff.

Dem Mirkowitsch fällt der Unterkiefer aus dem Gesicht. Er hat doch ausdrücklich angeordnet: Weizen. – Saubohnen sind auf Nowo Selo überhaupt noch nie gebaut worden.

»In diesem kalten Boden wird Weizen nicht gedeihen,« sagt Nechljudoff. Und kuckt in die Luft.

Das ist aber noch garnichts: Auf den sogenannten Weinberg, einen Hügel hinterm Schloß, hat dieser hergelaufene Russe Sonnenblumen hingepflanzt. Jawohl, Sonnenblumen.

Da aber ist Mirkowitsch in den Saft gegangen.

»Sie!« sagt er, »woher haben Sie Ihre Weisheit? Wo sind Sie zuletzt in Stellung gewesen?«

»Zuletzt bei Ronacher in Wien.«

»Wo??« fragt Mirkowitsch. Denn er glaubt, nicht recht gehört zu haben.

»Zuletzt bei Ronacher in Wien.«

»Als Gutsverwalter?? Landwirt??«

»Bewahre. Ronacher ist ein Variété. Ich war dort Eintänzer; zuletzt.« Sagt der kleine, magere Russe; und kuckt in die Luft.

Das war zuviel. Da ist selbst Mirkowitsch tonlos blieben; für Minuten.

Endlich hat er sich erfangen.

»Hören Sie, Nechljudoff! Sie Rindvieh!«

»Herr Baron??!«

»Na, ich werd doch zu einem ausgemachten Esel noch Rindvieh sagen dürfen?«

»Herr Baron!« antwortete der Russe und kuckte diesmal nicht etwa in die Luft, sondern dem Mirkowitsch frech in die Augen, »Herr Baron, daß ich als brotloser Flüchtling eine Zeit hab die erstbeste Beschäftigung ergreifen müssen, tut nichts zur Sache.«

»Ein Windhund sind Sie; ein dummer Schweinehund« – oder wie sich Mirkowitsch eben schon auszudrücken pflegte.

Darauf der Russe:

»Schweigen Sie, Herr Baron! Ich bin Landwirt von Beruf – wie Sie. Noch mehr: Ich bin ein gebildeter Landwirt. Und überdies bin ich Kavalier – wie Sie – und lasse mich nicht beschimpfen.«

Mirkowitsch – man muß ihn den Auftritt selbst erzählen hören – Mirkowitsch hat nur ein klein bißchen gelacht.

»So?? Kavalier?? Schön.«

Klirrt ab ins Schloß und kommt nach einem Weilchen wieder mit einem lackierten Kasten. Der Wagen stand gerade bespannt vor dem Tor.

»Steigen Sie ein!« sagt Mirkowitsch. – Und zum Kutscher: »Dahin, wo ich unlängst auf dem Anstand war!«

Sie fahren; keines hat ein Wort geredet. – Dem Mirkowitsch mag der Bauch gerodelt haben vor Zorn: über diesen blödsinnigen, aufsässigen, spindeldürren Verwalter – wahrscheinlich noch mehr über die Frau, die mit den Augen verspricht und mit den Händen abwehrt.

Im Wald beim Hochstand hält der Kutscher; Mirkowitsch nimmt den Kasten unter den Arm und schickt den Kutscher weg.

Spießt einen Zweig in den Boden und sagt zu Nechljudoff:

»Da stellen Sie sich hin!«

Schreitet zwanzig Schritt ab und spießt wiederum einen Zweig hin:

»Das ist mein Platz.«

Dann öffnet er den Kasten, und es liegen zwei Pistolen drin.

»Wählen Sie!« sagt er zum Russen.

Der Russe versteht nicht.

»Eine Pistole sollen Sie wählen,« befiehlt Mirkowitsch, »Sie sind doch Kavalier – nicht wahr??« Mit grimmiger Lache. »Wenn ein Kavalier beleidigt wird, so schießt er sich. Sie sind beleidigt. Sie haben den ersten Schuß.«

Da greift sich Nechljudoff an den Kopf und sagt ganz aufgeregt:

»Herr Baron, was fällt Ihnen ein? Ich werde doch ... ich werde doch nicht auf Sie schießen?? Auf einen Menschen? – wegen eines Wortes??«

»Ah?« brüllt Mirkowitsch. »Nicht schießen? So ein Kavalier sind Sie? Dann ...«

Und Mirkowitsch fällt über den armen kleinen Russen her – außer sich vor Enttäuschung und Wut – vor Wut über Saubohnen, Sonnenblumen – über Mann und Frau – hauptsächlich über die schöne unnahbare Frau – knallt er dem Russen rechts und links zwei Maulschellen hinein, die konnten einen Grobschmied erweichen.

Der Russe steht. Nein, er ist nicht umgefallen – er steht.

Steht totenbleich, kuckt in die Luft und ... weint.

Dann beginnt er zu sprechen:

»Herr Baron, was soll ich nur mit Ihnen anfangen? Sie sind ja wahnsinnig. Sie sind bewußtlos. – Ich wiederhole Ihnen: Ich bin Landwirt von Beruf – ich habe in England, in Amerika studiert. Ich war Besitzer eines zehnmal größeren Gutes, als Sie es haben – und mein Gut war berühmt in halb Rußland als Musterwirtschaft. Man hat die Studenten der Hochschule für Bodenkultur zu mir gebracht, damit sie bei mir lernen. – Dann bin ich verjagt worden, aus politischen Gründen, und mußte allerhand treiben: ich bin Tänzer gewesen und ... Boxer. Haben Sie niemals Sportblätter gelesen? Ich war Professional, Weltmeister, Fliegengewicht. Baron, glauben Sie mir und lassen Sie es auf eine Probe nicht ankommen: ich könnte Sie binnen einer Sekunde so zurichten, daß nicht einmal Ihre Mutter Sie wiedererkennt. – Jetzt sagen Sie selbst: Was, was soll ich mit Ihnen anfangen – als Kavalier? – und Menschenfreund?«

Dabei sind dem Russen die Tränen nur so geronnen.

Mirkowitsch hat ihm stummbetreten die Hand gereicht.

Mirkowitsch hat auch nie mehr den Verwalter gewechselt. Nechljudoff herrscht heute noch auf Nowo Selo – baut Saubohnen, Sonnenblumen – Tabak, Esparsette, Topinambur – weiß Gott, was noch für Frucht, die kein Auge je hier vorher gesehen hat – und Mirkowitsch ist durch Nechljudoff, nur durch Nechljudoff, binnen zwei Jahren aus seiner ewigen Verschuldung herausgekommen.

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