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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 166
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Der kluge Joschkele

Sie haben noch nichts vom klugen Joschkele gehört? War doch ein so berühmter Mann? Ratgeber war er von sieben Bezirken. Wo einer nicht hat ein und aus gewußt, ist er zum klugen Joschkele gegangen; hat Joschkele zwei Minuten nachgedacht und sofort entschieden: so oder so.

In Neutra war eine ältere Frau – Pollak hat sie geheißen, Pini Pollak. Der Mann war ihr gestorben. Aber sieben Kinder hat sie gehabt, eins kleiner als das andre, und für sieben Kinder nicht Brot auf Hosen.

Faßt sie sich ein Herz und geht zum klugen Joschkele.

»Joschkele,« sagt sie, »von was soll ich leben? Ich bin nix, ich weiß nix, und ich kann nix. Aber sieben hungrige Kinder hab' ich und ein großes Leid mit sie.«

Zog Joschkele die Stirn kraus und sagte: »Ein sehr ein schwerer Fall.« Sann nach und sann – und plötzlich rief er strahlend und siegessicher:

»Pinileben, wirst du leben von der Dummheit der Menschen. Du wirst werden eine Doktorin.«

»Joschkele! Seid Ihr – Gott behüte – um den Verstand gekommen? Ich? Eine Doktorin?«

Joschkele nickte nur und zwinkerte mit den Augen, faßte Frau Pollak an der Hand und führte sie in den Garten.

»Pinileben, siehst du, von diesem Kraut – das is ein Wunderkraut – wirst du kochen Tee und alle Kranken damit heilen. Eine Handvoll schenk ich dir zu Gutem. Geh hin und sei gescheit.«

»Wenn aber ... wenn das Kraut aus is?«

Joschkele wurde heftig. »Nu, geh heraus in Garten und bemüh dich selber, sei so freundlich, und rupf dir wieder Gras.«

– – – Und Frau Pollak wurde Doktorin. Sie wartete nicht erst, bis sie gerufen wurde; wenn sie hörte, die und die Frau hat die Gicht, ging sie hin und kochte ihr Tee. Und wenn sie hörte, eine andre Frau hat Fieber, ging sie hin und kochte ihr Tee. Und ob eine Schweißfüße hatte oder rote Augen – Frau Pollak kochte Tee.

Nach vier Wochen kam ein wildfremder Mensch zu Frau Pollak und sprach:

»Sie, Frau Pollak, meine Ella liegt im Wochenbett und plagt sich nebbich sehr. Möchten Sie nix zu ihr kommen, liebe Frau Pollak, und ihr geben von Ihrem berühmten Tee?«

Da änderte Frau Pollak ihre Taktik und ging hinfort nur, wenn sie gerufen wurde. Und kochte unverdrossen Tee. Nur mußte sie hie und da den Wohnsitz wechseln – wegen dem Neid von die Doktoren. Und wohnte nach dreizehn Jahren im neunundzwanzigsten Dorf. Die Kinder waren großgeworden – die Töchter verheiratet – Frau Pollak hatte Geld stehen auf Borg – kam nurmehr, wenn man sie mit dem Wagen holte – und wußte drei verschiedene Beschwörungsformeln auswendig: eine für ganz junge Frauen in die Beine – eine für ältere Frauen überhaupt – und die dritte für ganz alte Frauen bei Zucker.

– – – Siehe, da sagte eines Tages der greise Joschkele zu seinen Kindern:

»Kinder, worauf ich Gusto hätt: auf einen wirklich schönen Karpfen in fetter polnischer Sauce.«

Am Abend dampfte der Karpfen in der Schüssel.

Joschkele schälte ihm die Kiemen aus, dann die Zunge und ein großes Mittelstück – und als er's aß und schmatzte und sich's lobte ...

... da streckte er plötzlich die Arme hoch, kullerte mit den Augen und wurde blau im Gesicht, blauer als der Karpfen.

Und röchelte und hatte eine Gräte im Schlund.

»Gottes willen, Gottes willen, Vatterle!« riefen die Töchter; »einen Arzt, einen Arzt!« die Söhne; und die Mutter schrie:

»Was heißt einen Arzt – ein Arzt kann doch nicht helfen? Spannts geschwind an und holts Frau Pini Pollak.«

Joschkele lag auf dem Diwan und hörte nichts und wußte nichts; röchelte nur und atmete schwer – eine schwere halbe Stunde, die schwerste seines Lebens.

Da öffnete sich die Tür – und wer schob sich herein? Frau Pini Pollak, mit Gold behangen, in knisternder Seide – Frau Pini Pollak – zum erstenmal seit ihrer Doktorschaft kleinlaut und verlegen.

»Joschkele, was is, was habts Ihr? Hör ich: eine Gräte im Hals?«

Da blickte Joschkele auf. Und verschlang die Frau mit seinen Augen und wollte sich angestrengt erinnern.

Mit einemmal wußte er's:

»Das ist doch ... das ist doch die Frau Pollak, der was ich vor dreizehn Jahren ...«

Frau Pollak darauf mit ganz, ganz winziger, unsicherer Stimme:

»Joschkele ... ich ... ich wer Euch kochen Tee.«

»Pini! W–a–s wirst du kochen?? Tee??? Du??? Mir???«

Joschkele brüllte vor Lachen auf. Lachte und prustete und spie und wand sich und heulte vor Heiterkeit.

Und die Gräte war draußen.

»Nu,« sagte Frau Pollak beleidigt »auf'n ersten Schluck Tee hättet Ihr schon warten können im Interesse meines Renommees.«

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