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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 16
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Unangenehme Folgen weiblichen Starrsinns

Die folgende merkwürdige Begebenheit hat sich vor zwei Jahren, ungefähr im März, ereignet. Ich gebe sie wieder nach dem Bericht Ben-Akibas:

Da lebte in Enzisweiler, eine halbe Stunde vom Bodensee, der Wirkliche Oberlandgendarm II. Klasse Gottlieb Bamberger, verehelicht mit Klara, gebornen Menhardt, Schreinerstochter.

Dieser Oberlandgendarm Bamberger hatte eine fast krankhafte Vorliebe für Sardellenbutter. Um seiner Vorliebe wieder einmal zu huldigen, gab er eines Morgens seiner Frau den Auftrag, Sardellenbutter für fünfzehn Pfennig einzuholen.

Frau Bamberger unterzog sich dem Auftrag nur widerwillig, da sie überhaupt eine streitsüchtige Person war und besonders dem Buttergenuß des Mannes abhold. Jedoch will sie beim Einkaufen ihrer hauswirtschaftlichen Bedürfnisse vom Krämer ausdrücklich auch Sardellenbutter für fünfzehn Pfennig gefordert haben.

Der Krämer überhörte entweder das Verlangen, oder es passierte ihm eine Verwechslung – kurz: Frau Bamberger brachte, als sie heimkam, nebst ihren andern Päckchen statt der Sardellenbutter für fünfzehn Pfennig Hefe mit. Als Bamberger sein Brot damit beschmierte und den ersten Bissen versuchte, merkte er – als Butterkenner – sofort, daß dieses keine Sardellenbutter war.

Doch kaum hatte er sein Bedenken geäußert, da fiel die Frau über ihn her: er wäre ein Tepp und ein vernaschter Bock – es sei die feinste Sardellenbutter, was überhaupt existiert – und wenn ihm die Speise nicht passe, solle er halt die Schnauze davon halten – sie, Frau Bamberger, werde die Sardellenbutter mit Vergnügen genießen. – Trotz den begründeten Abmahnungen des Mannes, in ihrer blinden Wut verschlang Frau Bamberger die vermeintliche Sardellenbutter.

Der Oberlandgendarm zuckte die Achseln, gürtete die beihabende Seitenwaffe um und ging in den Patrouillendienst. Frau Bamberger aber, erschöpft von ihrem Zornausbruch und durch eine leichte innere Unruhe ernüchtert, setzte sich an den Ofen.

Grade unter dem begünstigenden Einfluß der Ofenwärme begann die Hefe rasch aufzugehen. Frau Bamberger besah sich beunruhigt und mußte merken, daß sie fast zusehends wuchs.

Als Bamberger um elf vom Patrouillendienst heimkam, blieb er schon zwischen Tür und Angel stehen und fragte:

»Ja, was war denn jetzt dös?«

Frau Bamberger saß, die Augen waren ihr entsetzt hervorgequollen, schweißgebadet im Lehnstuhl und ächzte:

»I woaß net. Frag mi – i woaß net. Um a achte war i wie–r–a junges Madl, was noch von gar nix woaß. Und schau mi jetz an!«

»Ja, was hast denn toan?«

»Nix. Gar nix. Bein Ofen bin i g'sessen – toan hab i nix.«

»Woher käm's denn aber nachher?«

»I woaß net. I woaß net,« rief Frau Bamberger bedrückt und verzweifelt.

Also holte Bamberger eine intelligente Nachbarin. Sie untersuchte Frau Bamberger, sagte aber: von so was könne hier gar keine Rede sein. Hingegen meinte Doktor Furtwängler, der Gemeindearzt, den man auf Anraten der intelligenten Nachbarin zugezogen hatte: Ja, meinte er, Fälle einer solchen fast plötzlich auftretenden graviditas, der sogenannten graviditas acuta, wären hie und da, wenn auch selten, vorgekommen, aber trotz ihrer Seltenheit dem Auge der aufmerksamen medizinischen Wissenschaft keineswegs entgangen. Bettruhe und die weitere Entwicklung abwarten – das wär' hier das einzige.

Als der Zustand der Patientin nach einwöchiger Bettruhe stationär blieb, brachte Doktor Furtwängler seinen Kollegen Doktor Schmiles mit, um ihm den Fall zu demonstrieren. Sie untersuchten Frau Bamberger aufs neue, fanden jedoch Puls und Körpertemperatur normal – und da eine graviditas nach Aussage der intelligenten Nachbarin ausgeschlossen war – nun, so einigte man sich auf die Diagnose peripheritas elephantica – eine an sich unbedenkliche Vergrößerung des Leibesumfangs, deren Ursachen noch nicht ganz erforscht sind. Frau Bamberger verlangte stürmisch, aufzustehen und ihren Hausarbeiten nachzugehen – was man ihr auch ohne weiteres bewilligte.

Nun war es interessant, Frau Bamberger in ihrem täglichen Leben zu beobachten. Trotz ihren enormen Dimensionen nämlich hatte ihr Körpergewicht nicht im geringsten zugenommen – im Gegenteil, es ließ sich ein kleiner Auftrieb konstatieren. Frau Bamberger bewegte sich nicht nur leicht, in der Art schlanker Leute, sie war auch imstande, ähnlich wie ein Gummiball, ziemlich hoch in die Luft zu springen und kam dann erst mit wiederholten kleinen Sätzen völlig zur Ruhe. Wenn sie, in der ersten Zeit, ihres vergrößerten Durchmessers ungewohnt, zufällig mal an die Wand prallte, flog sie im Bogen zurück. Nur das Gehen bei Sturmwind war ihr äußerst beschwerlich.

Der Zustand dauerte einige Monate. Schon hatte Bamberger namens seiner Frau einen Vertrag mit einem Berliner Künstlerkabarett geschlossen.

Da kam plötzlich der Umschwung:

Am Morgen vor ihrer Abreise ins Engagement nach Berlin, Glock sechs, tänzelte Frau Bamberger froh und leichthin durchs Haus, trällerte eine Melodie ihres neuen Repertoires:

»Und beim Kramer
sitzt a Lahmer,
hat die Haxen ausgestreckt.
Und dös g'freut den Architekt.«

Dann spitzte sie den Mund und pfiff – pfiff – einen einzigen, langgezogenen Ton von sechs Uhr morgen bis sieben, bis elf – bis Mittag – bis Abend. Und nahm immer mehr ab.

Um halb neun abend verstummte sie. Und war schlank wie je.

Nur etwas verschrumpft und altbacken.

Der Vertrag mit dem Künstlerkabarett mußte natürlich gelöst werden, da ja Frau Bamberger in diesem Körperzustand auf das Interesse des Berliner kunstsinnigen Publikums nicht mehr zu rechnen hatte.

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