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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 159
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Die Ballade

Irgendwo in Osteuropa war es, eines lauen Nachts in einer Schenke.

So elegante Gaststätten gibt es nicht in Berlin, London, New York: die Decke tieftiefschwarz, mit zahllosen grelllodernden Sternen; die Wände durchsichtig; tauige Teppiche von Gras; musterhafte Lüftung durch Bergwind – er brachte unbeschreiblich starken Jasmingeruch in Schwaden; und eine Jazzmusik von Wasserbrausen. – Die Schenke hieß ›Café Luft‹ und bestand aus einem Brettertisch, zwei Bänken und vier Stangen.

Wir saßen und redeten ... von Frauen? Nein, seit einer halben Stunde von der Dichtkunst.

»Ihr glücklichen Deutschen, Franzosen, Angelsachsen!« rief einer von den jungen Männern. »Was wißt ihr vom innern und äußern Elend unsrer Literaten! Wenn bei uns ein Roman es auf sechshundert Exemplare bringt, ist es ein vielbeneideter Bucherfolg. Man führt ein Stück dreimal in der Hauptstadt auf, im ganzen siebenmal in der Provinz. Eine Novellette, dann muß sie schon Aufsehen erregen, bringt dem Autor einen Dollar in eurer Währung. Unsre Gedichte ... ich schweige davon lieber. – Was mich aber, was uns alle am bohrendsten und immer schmerzt, ist der geringe Widerhall – gar kein Widerhall des Auslandes. Verse von Kipling zünden in Tasmanien Herzen an, in Delhi, Rhodesia, Vancouver und Schottland. Der alte Villon ist in Kischinew ebenso bekannt wie in Bordeaux. – Unser Gregor Ris aber? Was hat er Balladen geschrieben! Längst verdient er den Nobelpreis. – Roda Roda! Sie verstehen, reden die Sprache. Helfen Sie uns! Übersetzen Sie die Perlen unsres Schrifttums! Erst einmal ins Deutsche. Bald werden die andern aufhorchen – Russen, Spanier, Engländer. Endlich – wir wollen warten: in zehn Jahren genießt Gregor Ris mit seinen Balladen Geltung in der Welt, wie er verdient. – Zugegeben, Übersetzung ist nur Notbehelf – selbst kongenial kann sie die Pracht des Urtextes nicht im Gröbsten, geschweige denn im Zart-beziehungsvollen erreichen – Übersetzung ist: braune Photographie eines farbenfunkelnden Gemäldes. Immerhin, wenigstens von den Umrissen der Komposition gibt sie dem Fremden eine Vorstellung. – Roda! Gregor Ris soll Ihnen eine seiner Balladen rezitieren – gleich die berühmteste: ›Der grausame Fürst‹. Und Sie – nicht wahr? – werden uns, der kleinen, verkannten Nation den Gefallen tun ... werden sich die Mühe nehmen ... werden versuchen – ich sage: versuchen, die herrliche Ballade deutsch nachzuformen – im Rhythmus und Grundton des Originals. – Wollen Sie? – Fang an, Gregor Ris!«

Er sagte die Ballade auf.

»Nun?« fragten sie mich gespannt, bangend, besessen.

»Sehr schön.«

»... Und werden Sie's zustande bringen? Es deutsch auszudrücken?«

»Ich glaube: ja. Die erste Strophe habe ich schon fertig im Kopf – die übrigen müßt ich zu Hause aufzeichnen.«

»O, er hat die erste Strophe schon im Kopf! Lassen Sie hören, Roda – auf der Stelle!«

Ich stützte mich auf den Tisch, blickte ins leere Dunkel und begann:

»Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und hehr,
Weit glänzt' es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranz,

Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.«

»Wunderbar,« jauchzten sie wie aus Einem Mund. »Getroffen.«

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