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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 156
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Die Gans von Podwolotschyska

Es gibt törichte Wiener, die sich mit dem Zerfall des alten großen Österreich-Ungarn abgefunden haben, sich mit dem winzigen Restreich-Österreich bescheiden; die »froh sind«, nichts mehr vom gemischtsprachigen Kreisgericht in Trautenau zu hören, dem viel umstrittenen Sandschak und Trentino. Wie das alles hinter uns liegt! Als wär es nie gewesen. – Und doch gab es einst einen ewigen ›Ausgleich‹ mit Ungarn (64,5 Prozent), der in den Zeitungen soviel von sich reden machte, daß man im fernen Ausland die k. u. k. Monarchie längst nicht mehr für einen Staat hielt sondern für eine Konkursmasse.

Mich aber verzehrt die Sehnsucht nach der Vergangenheit, den vielen schönen ›im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern‹.

Und am meisten – grinst nicht! – schmachte ich nach Galizien. Was war es ein buntes Gebilde! Ein asiatischer Karawanenteppich, der launigen Gestalten voll, breitete es sich von den Karpathenhängen ins Sarmatische.

Dreißig Jahre standen Altösterreichs Reiterhaufen dort in Garnison. Was für Garnisonen: Tarnopol, Trembowla, Torresani und nach ihm Soehnstorff haben es beschrieben – dies Leben zwischen Gutshof, Landschenke, Faktokes und Schlachzizen.

Das Land, wo ein Esterhasy, Magnat und Husar, wetten konnte: er werde heute, heißen Sommermittags, quer durch die Hauptstadt reiten, nur mit einer roten Schwimmhose angetan – und die Ergänzung seiner Uniform – die verschnürte Attila, die blanken Stiefel hatte er sich mit Ölfarbe auf den Leib gemalt ...

Das Land, wo Fürst Karl Fugger, Rittmeister, seiner Schwadron Batisthemden anmessen ließ mit angenähten Manschetten – weil er Röllchen nicht leiden wollte ...

Das Land, wo der Herr Oberst seinem Leutnant befahl: »Herr Leutnant, binnen vierundzwanzig Stunden haben Sie Ihre Schulden zu berappen.« Und der Leutnant ließ vom Polizisten austrommeln: um vier Uhr habe die Judengemeinde auf dem Rynek, Hauptplatz, gestellt zu sein. Am Tisch, im Freien saß der Rechnungsoffizier mit der Gläubigerliste und zahlte bei Heller und Pfennig die Schulden des Herrn Leutnants.

Das Land, wo man Chansonettentruppen auf Regimenter aufteilte: Um 5 Uhr nachmittag kam der Eisenbahnzug mit den Wiener Chansonetten in Rawaruska an. Die Offizierskorps warteten schon auf dem Bahnhof. Um 5 Uhr 10 waren die Chansonetten verschwunden – als hätte man einen Eimer Wasser auf Sand geschüttet.

Das Land, wo man die Gans von Podwolotschyska servierte ...

– – Podwolotschyska war der Grenzbahnhof der alten Kaisertümer Rußland und Österreich. Wer nach endloser Fahrt – einer Nacht, eines Tages und wieder einer Nacht – von Wien – über Krakau – Przemysl – Lemberg – in Podwolotschyska eintraf, er stürzte zunächst hungrig nach der Bahnhofwirtschaft. Und in der Bahnhofwirtschaft fand er zwei lange Tafeln gedeckt mit leckerdampfenden Gemüsesuppen: auf der einen Tafel Borschtsch und auf der andern Schtschij. Borschtsch ist eine Suppe von roten Rüben, Beeten; Schtschij – eine Suppe von Weißkohl mit sauerm Rahm. – Ein seigneuraler Oberkellner ging mit zweierlei Bons um, roten Bons und grünen Bons.

»Wünschen Sie, Panje, unser kleines Menü – zu vier Kronen – Suppe und Rindfleisch – – oder wünschen Sie, Panje, das große Menü, 6 K 50:

Suppe
Rindfleisch
Gansbraten

Zibebenstrudel

Jedermann wählte das große Menü, zahlte 6 Kronen 50, erhielt einen roten Bon ...

Allein, sowie das Rindfleisch gegessen war, entstand eine kleine Pause; ein Mann mit Dienstmütze und Glocke erschien in der Tür, schwang die mächtige Glocke und rief mit Stentorstimme:

»Höchste Zeit zum Zug nach Kiew, Charkow, Moskau, Jekaterinoslaw, Odessa.«

Das Volk sprang im Hui auf die Beine und hastete Hals über Kopf nach den Bahnwagen ...

So spielte sich die Szene tagtäglich ab – viele Jahre, in aller Ordnung – und nie, solange Habsburg in Podwolotschyska regierte, über 140 Jahre, hat ein sterblich Auge den Gansbraten gesehen – – – weil nämlich der Mann mit der Dienstmütze der Bahnhofwirt in Person war.

Einmal aber – und er hatte doch grade heute besonders laut geklingelt und ausgerufen – eines Tages mußte der Wirt zu seinem Schrecken und seiner Entrüstung sehen, daß ihm drei Gäste da einfach sitzenblieben. Er ging zu ihnen hin und läutete und brüllte:

»Allerhöchste Zeit zum Zug nach Kiew, Charkow ...«

»Macht nichts«, sprachen die Herren, »bringen Sie nur den Gansbraten! Wir fahren nämlich gar nicht weiter; wir bleiben hier; wir sind die k. k. Kommission aus Lemberg, betraut mit der Prüfung der galizischen Bahnhofwirtschaften.«

Nun, das österreichische Polen ließ den Himmelsmächten stets einen breiten Raum der Betätigung. – Und was hatte Gott in diesem Fall getan? Der liebe Gott hatte die k. k. Kommission schon heute morgen aus Lemberg abreisen sehen – und in seiner Allgüte und Allweisheit hatte der liebe Gott der Bahnhofwirtin von Podwolotschyska den Gedanken eingegeben, an diesem Morgen eine Gans zu schlachten; als welche Gans allerdings zum Privatkonsum der Gastwirtsfamilie bestimmt war – nun aber, im Augenblick peinlichster Verlegenheit, den Lemberger Funktionären konnte aufgetragen werden.

Als die unersättlichen Beamten nun aber auch noch nach der Süßspeise verlangten, da konnte der Wirt dokumentarisch nachweisen, daß dieser ›Zibebenstrudel‹ nicht mehr zum Menü gehörte; es war des Wirtes Unterschrift. Der Mann hieß so.

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