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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 143
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Mein Freund, Herr Gubalke, Postsekretär

Ich hatte ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, aber desto mehr von ihm gehört. Zunächst die Geschichte seiner romantischen Heirat: Er hatte sich eine Zirkusreiterin zur Frau genommen – direkt aus der Manege. Und man sollte es nicht glauben, wenn es die entferntesten Tanten nicht bezeugten – Frau Gubalke, geborne Saltimbanchi-Ciniselli, wurde eine deutsche Frau, wie sie in den Büchern steht: früh auf und spät nieder, immer am Werk; die zarten Kniechen sollen vom Dielenschrubben Schwielen bekommen haben, ganz wie ein Kamel sie vom gehorsamen Niederlegen bekommt.

Dann, nach einigen Jahren, kam freilich die alte Zirkusnatur zum Vorschein: Frau Gubalke versuchte, ihren Gemahl zu zähmen; anfangs durch Güte, wie es einer deutschen Frau geziemt; aber später anders, wie sie es aus dem Zirkus gewohnt war. Herr Gubalke ließ gelegentlich im intimen Freundeskreis nicht unbedeutende Striemen besichtigen.

Er betrieb seine Scheidung. Daß ihm schon die Ankündigung des Entschlusses drei Backenzähne gekostet habe, ist ein albernes Märchen; die Zähne kamen damals nur ins Wackeln. Wirklich verloren hat Gubalke sie erst, als der Gerichtsbote die Ladung ins Haus brachte – und der Rest von Gubalkes Denture ging kurz vor dem Termin flöten.

Diesen unglücklichen Gatten also besuchte ich, als ich letzthin zufällig in seine Gegend geriet.

Ich fand ihn in einem angenehm eingerichteten Junggesellenheim zweiter Güte.

Als ich bei ihm eintrat, erkannte er mich sofort und zeigte mir mit herzgewinnendem Lächeln die Zähne: sie waren wieder komplett.

Wir setzten uns zusammen, und Gubalke mußte mir erzählen. – Ach, was hatte der Mann nicht alles erlebt!

Und er erzählte:

»Am meisten,« sagte er, »vermisse ich doch meine liebe, alte Häuslichkeit. Wenn ich an meine selige Milli zurückdenke, wie sie so die langen Vormittage auf dem Boden kniete und die Diele wusch, da wird mir ganz warm ums Herz. – Aber, siehst du, man verwindet schließlich auch das. – Zunächst konnte ich mich ja in der weitläufigen Wohnung, in all den Schränken und Kasten nicht zurechtfinden. Was ich brauchte, mußte ich tagelang suchen. – Diese Frauenzimmer, weißt du, haben ja kein System. Sie packen die Frottiertücher zu den Hemden. Warum, frage ich. Frottiertücher gehören doch organisch zur Badewanne. – Im Kleiderschrank verwahren sie oben Bürsten, in der Mitte Kochbücher und ganz unten Lappen. Warum, frage ich. Der Teufel soll sich das merken und die Sachen finden. – Wenn du eine Zeitung suchst, ist sie auf der Heizung. Willst du Tinte haben – die steht in der Speisekammer auf dem Geschirrbrett. Wo ist da der leitende Gedanke? – Gibt es etwas Dümmeres, als den Stadtpelz ins Schlafzimmer zu hängen? Wer braucht zum Schlafen einen Stadtpelz? – Oder: das Fleckenbenzin in der Küche. Hast du je von einer Speise gehört, die man mit Fleckenbenzin bereitet? – So könnt ich dir aus tausend Beispielen beweisen, wie blöd, wie unsystematisch, wie zerfahren jede Hauswirtschaft ist, die von einem Weib geleitet wird. – – Siehst du ...« – Gubalke ergriff mich am Ärmel und führte mich zu einem Ungeheuern Schrank ins nächste Zimmer – »da habe ich das ganze Gerümpel hinausgeschmissen und mir eine neue Häuslichkeit eingerichtet – nach rein vernünftigen Grundsätzen. – Ha, das macht dich wohl sehr neugierig?«

Gubalke grinste und rieb sich die Hände.

»Warte,« sprach er, »ich will dich nicht auf die Folter spannen und dir von A bis Z zeigen, wie ich alles angeordnet habe: nämlich alphabetisch. – Zunächst setzen wir uns!«

Gubalke öffnete das Fach S und holte einen Sessel hervor.

»Da hast du schon ein Beispiel, wie bequem es bei mir ist. Ich sitze gern hart. Ich brauche bloß St zu suchen und – siehst du? – da ist der Stuhl. – So. – Willst du eine Zigarre?«

Ich nickte.

Er fuhr links herum und bot mir sie.

»Ja, mein Lieber,« sagte er, »jetzt komme ich nicht mehr mit dem Finger in die gespannte Mausefalle, wenn ich die Pantoffeln unterm Bett vermute; muß nicht mehr das Haus vom First bis zum Keller abrennen, wenn ich die Reisetasche haben will. – Ein Griff – und ich habe die Reisetasche. – Ein Griff – und ich habe die Pantoffeln. Nicht etwa einen, wie zu meiner seligen Milli Zeiten. Nein, beide. – Zeig mir, wenn du kannst, eine deutsche Weiberwirtschaft, wo du mit Einem Griff zwei Pantoffeln findest!«

Er nickte befriedigt, als ich schwieg.

»Trinkst du einen Cognac? Bitte sehr: CCognac. Hier hast du ihn. – GGläschen. – Wo stecken sie denn, zum Teufel? – Da muß mir meine Aufwartefrau, dieses Roß, die Gläschen hinters Glaubersalz stellen. Man hat seine rechte Plage mit den Leuten.«

»Prost!«

»Prost!« rief Gubalke. – »Gott im Himmel, wenn ich mich an so eine Sommerreise mit meiner verflossenen Milli erinnere – das war ja die Prüfung des Himmels. Um einen Gegenstand zu finden, brauchen ja die Frauenzimmer durchschnittlich einen Tag. Zu einer Sommerreise braucht man aber hundert Gegenstände. Juni, Juli, August ist es geworden, ehe wir reisefertig waren. – Jetzt? ... Apropos, eine feine Zigarre, was? – Ah, sie scheint dir nicht zu schmecken« – Gubalke errötete über beide Ohren – »ich will dir eine andre Marke dedizieren – aus dem Fach P, meine Privatzigarren, die sind ein wenig milder ... Deine war aus BBesucherzigarren. Verzeih – es ist unwillkürlich, rein aus Gewohnheit geschehen ... Um also auf besagte Hammel zurückzukommen: Muß ich heute in die Welt hinaus, sei es im Dienst oder zum Vergnügen – es dauert keine Viertelstunde, und ich habe meine sieben Zwetschgen beisammen. – Oder es passiert daheim etwas, angenommen, man wird unwohl – sag selbst, hast du in deiner Wirtschaft sofort das Medikament bei der Hand? – Nicht wahr, nein? Nun sieh aber mich an!«

Gubalke schritt auf das Fach Ch zu und klappte es auf.

»Im Augenblick sind die Ch ...« Er brach jäh ab, und seine Augen flackerten vor Zorn.

»Dieses Roß!« schrie er. »Wo hat sie mir wieder die Choleratropfen hingetan? Gestern waren sie doch noch da – zwischen den Chevreauschuhen und meiner griechischen Chrestomathie. – Am Ende schreibt das Roß Cholera mit K ...«

Er suchte bei K.

»Na, hab ichs nicht gesagt? Richtig stellt sie mir die Choleratropfen mitten in den Koks hinein, und mein ausgestopfter Kolkrabe liegt in der Kompottschüssel. Die Leute sind ja manchmal wie vernagelt. – Bei der Gelegenheit nehme ich mir übrigens gleich eine andre Krawatte. Meine hat gestern zwischen dem Kraut und den Krebsen gelegen, da ist sie etwas fleckig geworden ... – Du bleibst doch zu Abend bei mir ...? Offen gestanden, ich kann dir selbst nicht dazu raten. Ich war vorhin in der Küche – die Petersiliensauce riecht ein wenig nach Petroleum. – Wieso, weiß Gott. – Dieser Tage beim Pfannkuchen ist mir das auch schon aufgefallen. – – Ja, mein lieber Freund, so ein Hauswesen in Ordnung zu halten, ist nämlich gar nicht so einfach, wie du vielleicht glaubst. Wie diese Trottel im Ministerium die neue Orthographie eingeführt haben – was meinst du, was das bei mir für ein Durcheinander war? – Ich möchte lieber abbrennen, als, Gott behüte, noch eine neue Orthographie mitmachen. Noch heute ist mein Tee voller Quecksilber – aus der Zeit, wo ich ihn wütend neben dem Thermometer hervorgeholt habe. Man hat doch Tee früher mit Th geschrieben. – – Du willst also wirklich gehen? ... Gut, dann trinken wir noch einen Abschiedsschnaps.«

Gubalke griff ins Fach A, um mir einen Abschiedsschnaps zu kredenzen – da kreischte jemand mörderisch auf. – Es war die Aufwartefrau, die hatte sich zu einem kurzen Schläfchen ins Fach A zurückgezogen.

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