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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 139
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Rache

Die Rache ist in der Schätzung der Menschen sehr gesunken.

Ehemals galt sie als göttlich: »Die Rache ist mein; ich will vergelten,« spricht der HErr – 5. Buch Mosis, 32, 35.

Immerhin blieb sie Jahrhunderte leckeres Volksnahrungsmittel: »Rache ist süß.«

Lord Bacon noch, Großsiegelbewahrer der Jungfräulichen Königin, nannte die Rache »eine Art wilder Gerechtigkeit«.

Aufklärung und Humanität haben die Rache mißbilligt, vom Piedestal gezerrt. – Lessing in seinen Sämtlichen Werken: »Rache ist keine Zierde für eine große Seele.« Napoleon, sicherlich auch kein Geringer, nannte Rache »Zeitverschwendung«.

– – – Gut, erhabene Seelen mögen ohne das Bedürfnis nach Vergeltung auskommen – wir Kleinen werden den General Risto verstehen:

Der alte Herr pflegte, wenn das Wetter es halbwegs zuließ, im Wasser vor der Stadt zu angeln.

Eines Morgens ließ er sich wie gewöhnlich unter den Erlen am Ufer nieder, packte, wie gewöhnlich, seinen Mundvorrat aus der Waidtasche: Brot, Käse, Würstchen – fachte ein kleines Feuer an, hängte das Kesselchen darüber und gedachte seine Würste zu wärmen, wie gewöhnlich.

Auf dem Baum nebenan nistete eine Krähe. General Risto kannte sie und war ihr keineswegs wohlgesinnt. Wenn er Pech beim Fischen hatte, schrieb er die Schuld daran, mit Recht oder Unrecht, dem mißgünstigen Geschrei der Krähe zu.

An jenem Morgen nun ließ sich das Werk des alten Herrn von Anfang übel an. Wider Erwarten hatte sich ein kleiner unangenehmer Wind erhoben und löschte das Feuerchen; erst nach etlichen Versuchen gelang dem General, ein neues anzuzünden.

Als er sich nun erhob, um noch ein paar Äste Reisig zu sammeln, nahm die Krähe die Gelegenheit wahr, stürzte sich vom Baum, packte blitzrasch das Frühstück des Herrn Generals zusammen – das Brot, den Käse und die Würstchen – und flog triumphierend damit ins weite.

Der alte Soldat stand da – stand nüchtern da mit seinen unerfüllten Wünschen.

Er konnte der nichtsnutzigen Krähe ihren Streich verzeihen, gewiß – das wäre edelmütig gewesen.

Doch General Risto ist alter Soldat, ein Mann, nicht angekränkelt von weichen Regungen; er sann auf Rache.

Nicht länger, als man braucht, um einen Fluch mittlerer Gattung auszustoßen – und General Risto hatte seinen Entschluß gefaßt.

Hurtig – wer hat dem bejahrten Herrn die Gewandtheit zugetraut? – erkletterte der General den Baum; holte aus dem Nest die Kräheneier und brachte sie wohlbehalten zu Boden.

Das Wasser im Kesselchen wallte. Leuchtenden Auges, mit rätselhaftem Schmunzeln um die Lippen tat der General die Eier in das heiße Wasser und sott sie, indem er, nach Gewohnheit der Hausfrauen, fünf Vaterunser betete und fünf »Gegrüßt seist du, Maria!« – Da waren die Eier verläßlich hart.

Nun aber aß der alte Herr nicht etwa die Eier – oh, das wäre niedrigen Sinns gewesen; sondern behutsam, wie er sie herabgeholt hatte, wie viel Müh es ihm auch verursachte, tat er die Eier wieder in das Krähennest; ließ sich befriedigt ab vom letzten Ast, schritt an sein Kesselchen, schob es in die Waidtasche, sammelte das Fischzeug und ging heim.

Nicht Tage – nein, Wochen – zuletzt Monate, berichten Augenzeugen, hockte die räuberische Krähe auf ihren Eiern und brütete unverdrossen.

Der Sommer verging – sämtliche Vögel auf Meilen in der Runde freuten sich ihrer Jungen, fütterten sie auf, flogen fröhlich mit ihnen aus. Jene diebische Krähe aber, die den General Risto gekränkt hatte – sie saß stummbetreten auf den hartgekochten Eiern und fragte sich spät und früh nach dem Grund ihres unbegreiflichen, ihres beschämenden Mißerfolgs, bis sie an Gott und der Welt zu zweifeln begann, bis sie stückweis ihre Federn verlor und ratzekahl vor Gram und Kummer dasaß.

So still und fest hat sich ein kerniger Soldat an seinem Feind gerächt.

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