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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 138
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Pension Stierli

Ich sollte drei Monat in Basel bleiben. War knapp im Geld – da hieß es, dem Hotel rasch entrinnen, es war teuer. Jemand – wer, zum Teufel? – empfahl mir: Pension Stierli.

Man zeigte mir ein ziemlich großes Zimmer, es war mir recht.

Erst als ich eingezogen war, betrachtete ich es genauer. Blick: nach Norden, Sträßchen. Tapete: dunkelrote Trauben in blauviolettem Gerank. Es gab einen Tisch, den hatte ein gotischer Zimmermann gefügt; aus Bohlen der Pfahlbauern? Drei Stühle: ein gebogener mit Rohr; zwei von Ebenholz gedreht, aus dem Dogenpalast; der Brokat etwas abgeschabt, da lag rotgewürfelter Barchent. Das Sofa muß einst einer großen Kurtisane gehört haben. Rechts stand ein zweites, ein Sofachen: Lokalzug, Polsterklasse. Bilder an den Wänden: Öldruck – »Hafen von Amsterdam«; »Die Leidenschaften« – Heliogravüre. Quer darunter eine Art Handtuch mit verblichener Stickerei: »Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein.« Ein Buchstabe fehlte.

Die übrigen Räume des Hauses Stierli habe ich niemals erforscht, niemals. Sie dehnten sich hinten ins Dunkel mächtigunheimlich – vielleicht meilenweit ins Dunkel – oh, sicher meilenweit. Hie und da stand eine Tür offen, daraus drangen Zugluft, Zwielicht, Zwiebelgeruch. Eine Tür führte nach dem Klosett – das Dienstmädchen lehrte mich, den Weg dahin im Finstern tappen. Irgendwo in der Polarnacht pflegte ein Telephon zu schrillen; ich brauchte es nicht – da bin ich ihm auch nicht nachgegangen.

Einmal wurde mein Zimmer geräumt, ich mußte draußen warten, in der Vorhöhle der Katakomben, auf einem Stuhl. Die Damen Stierli setzten sich zu mir, so lernte ich sie kennen.

Die Alte unermeßlich dick. Sie atmete schwer. Schon bei unsrer ersten Begegnung, und später immer wieder, erzählte sie von einem Baron Rosen, der hatte vor fünfzehn, zwanzig Jahren da gewohnt. Balte, aus Reval. Schon ein älterer Herr. Hatte wunderbare englische Zigaretten, zu einem Frank die Schachtel (natürlich: heute ist das kein Wunder, aber damals waren Zigaretten so wohlfeil ...) Die schenkte er immer Madame, oft eine ganze Schachtel auf einmal. Er hatte zuweilen Besuch einer Nichte, Gräfin Coudenhove; sehr feinen Frau. – Wenn die Alte so hinschwatzte, fehlte ihr immer ein Konsonant; wie auf dem Handtuch.

Auch über die Tochter Stierli erfuhr ich bald das Notwendigste. Sie ging immer im Samtschlafrock, mit offenem Haar. Der Bengel, der da umherlief, gehörte ihr, war ihr Sohn; fünfte Klasse, Volksschule. Sie war zuerst beim Theater gewesen; aber da sind die Menschen sehr schlecht, der Neid herrscht, Gemeinheit und Intrige. Man muß sich dem Regisseur preisgeben, um es zu was zu bringen als junges Mädchen – das aber wollte sie nicht, haha! Lieber hatte sie geheiratet, überaus jung, kaum sechzehn. Der Sohn ist erst acht. – Sie sah sehr verbraucht aus; sollte das Sofa drinnen am Ende ... – schrecklicher Gedanke – ... sollt es ihr gehört haben? Scharfe Züge wie ein albanischer Häuptling. Nur das schöne Haar war ihr geblieben aus bessern Tagen. – Ich war im Augenblick zu Hohn gestimmt und sagte: »Sie sollten zum Film.« – Daran hätte sie auch schon gedacht.

Ich hatte auf dem Schrank im Zimmer meinen Koffer mit dem Patentschloß, darin verwahrte ich meine Dokumente. Stierlis öffneten den Koffer und stöberten ihn durch. Sooft ich die Wohnung verließ, stand die Alte am Fenster Schmiere; die Tochter stöberte.

Ich fing Gedichte an und ließ sie liegen – sie lasen meine Bekenntnisse. Lasen, wie ich Annetten bestürmte, und was mir Annette darauf schrieb.

Sie untersuchten meine Taschen, beim Kleiderbürsten, und schnüffelten mein Bett ab. Aus Medikamenten, die auf meinem Waschtisch standen, erfuhren sie um meine Krankheit; das war mir sehr unangenehm. Die Alte soff meinen Cognac. Sie nahm sich nichtmal die Mühe, das Manko durch Wasser zu ersetzen; bevorzugte doch den Cognac unverdünnt. – Sie mausten meine Taschentücher und wischten sich damit die Wimpern, sooft sie eine meiner Verfehlungen erkundet hatten.

Der Rechtsanwalt drohte: wenn ich mit den Raten für das Kind in Rückstand bliebe ... Ich verbrannte den Brief. Dann fiel mir ein: Droht der Rechtsanwalt aus Dresden? – oder der aus Prag?

Ich musterte den Umschlag; hatten die Weiber ihn geöffnet, schon ehe sie mir ihn abgaben; die Haarnadel der Alten stak noch darin.

Sie sahen einen Türspalt aufglühen, wenn ich Licht machte, sahen ihn auch verlöschen. Hörten, wenn ich mich wusch. Sie wußten um meine Verdauung.

Ich hatte schlaflose Nächte. Sie spähten durchs Schlüsselloch: warum? – Ein Agent besuchte mich. Sie horchten: wozu?

Über das uneheliche Kind waren sie nun unterrichtet und über meine Krankheit. Im Koffer hatten sie auch meine Bankrechnung entdeckt. Sie wußten um meine Geschichte in Dresden: Konkurs und Pfändung. In der Vorhöhle hockten sie im Dunkel, die bleichen Molche, und wenn ich vorbeiging, blickten sie mich mit grünen Augen an, vorwurfsvoll, bekümmert – mit Augen, des Dunkels gewohnt.

Sie kannten die Höhe meines Vermögens, die Ausgaben und Schulden; daß ich nur noch für einen Monat zu leben habe. Das Dienstmädchen gab vor, ich hätte ihr nur zwei Frank Trinkgeld gegeben; sie errechneten aus meinem Portemonnaie: Nein, drei. Daß meine Tante in Prag ein schlimmes Café betreibt, muß ihnen der Agent gepetzt haben.

Ich machte mir Notizen stenographisch. – Die Tochter hatte mal den Handelskurs besucht. Da schrieb ich in griechischen Buchstaben; sie war auch auf dem Gymnasium gewesen.

Ich bewarb mich um einen Posten im Chemietrust; heut abend erfahre ich das Ergebnis. – Schon mittags sagte mir die Alte: Baron Rosen habe das seinerzeit ebenfalls versucht und sei abgewiesen worden; »obwohl er niemals wegen Veruntreuung vorbestraft war,« setzte sie hinzu; und ihre Augen leuchteten grünbekümmert.

Da erschrak ich, die Knie schlotterten mir; ich verkroch mich in meine Stube und heulte. Sie hörten es. – Ich sprang auf, ging hinaus zu ihnen und stammelte: leider müsse ich weg aus Basel – nächste Woche würde ich aus der Wohnung gehen. – Oh nein, sprach die Alte, sie nähmen nur Dauermieter; drei Monat wenigstens – das hätten sie mir von Anbeginn gesagt. – Die Tochter nickte entschlossen – schon sah ich sie vor Gericht die Finger zum Eid erheben.

Wie komme ich weg von hier? – Morgens sagte ich: »Hören Sie, Frau Stierli, ich muß Ihnen etwas gestehen. Ich habe bei der Schwarzen Reichswehr in Deutschland einen Mord begangen ... – es ist ein großer Preis auf mich gesetzt.« – Mutter und Tochter schüttelten nur ernst die Köpfe. Mord? – wann könnte das gewesen sein? Sie kannten doch mein Vorleben Stund um Stunde, wußten, daß ich log.

– – – Endlich waren die drei Monate bei Stierli um. Ich zog nach Frankfurt; nach Stockholm; nach Budweis.

– – – Fünfzehn Jahre später begegnete mir auf einem Dampfer im Mittelmeer eine Frau. Sie durchschaute mich wie einen Bergkristall – keins meiner Moleküle blieb ihr verborgen, Körper, Seele und Vergangenheit; wußte alles von mir – von mir und Baron Rosen, dem Balten. Alles, alles. Kam eben aus Basel; hatte bei Stierli logiert.

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