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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 136
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Schweigen ist Gold

Ort der Handlung ist die Eden-Bar.

Zeit: zehn Uhr vormittag.

Wohlgemerkt: vormittag. – Zu dieser Stunde ist die Bar natürlich völlig verlassen; muffig noch vom Rauch und Alkohol der letzten Nacht. Eine einzige Kellnerin, ungekämmt, in schlampiger Bluse, ist, überrascht durch das Eintreten des ersten Gastes, in die hintern Gemächer geflüchtet, wo sie zunächst die Augenbrauen nachziehen, etwas Rot aufpatzen wird – um diesen sonderbaren Gast flüchtig nach seinen Wünschen zu fragen und sich dann zu waschen und zu kämmen.

Der Gast, der fertiggebracht hat, um zehn Uhr die Eden-Bar aufzusuchen, ist Dommel; jawohl, der berühmte Dommel, Bildhauer, Professor, Ehrendoktor, Präsident der Kunstakademie.

Er ist nicht aus freien Stücken hergekommen – das kann man sich denken.

Vielmehr hat Dommel einen jüngern Bruder, Paul, viel jüngern, mißratenen Bruder, der schon allerhand im Leben gewesen ist – seit etlichen Monaten ist er zur Abwechslung Kaufmann.

Und dieser Paul hat den Herrn Professor vor einer halben Stunde telephonisch beschworen, sofort – aber sofort in die Eden-Bar zu kommen – ohne Ansehung von Abhaltungen, selbst dringendster Geschäfte – denn es handle sich diesmal um nichts weniger als um Leben oder Tod.

Selbstverständlich: Tod oder Leben Pauls; denn auf der Daseinshöhe des berühmten Dommel gibt es wohl Probleme wie: Schaffung des Nationalheiligtums am Niederrhein, 150 Kubikmeter Marmor, 1000 Kubikmeter Granit – doch keine Nötigung, Entschlüsse zu fassen über Tod oder Leben.

Man lebt weiter, selbstverständlich; steigt von Stufe zu Stufe die Treppe des Ruhmes hinan – sollte auch, infolge von Befangenheit des Preisgerichtes, bedauerlicherweise der Idiot Professor Lerchmeyer in Berlin mit der Schaffung des Nationalheiligtums am Niederrhein, 150, beziehungsweise 1000 Kubikmeter, betraut werden.

Die deutsche Kunst steht am Scheideweg – hie Dommel, hie Lerchmeyer – in solch historischem Augenblick käme Herrn Professor Dommel ein Skandal, in den Paul etwa verwickelt ist, höchst ungelegen – und darum, nur darum hat sich Herr Professor veranlaßt gesehen, grade Montag vormittag, knapp vor der Akademiesitzung, ausgerechnet in die Eden-Bar zu eilen – in einer Angelegenheit, die offenbar nebensächlichster Art ist, wo sie doch nichts weiter betrifft als Tod oder Leben dieses mißratenen Bengels.

Und Paul? Wo bleibt er? Er ist nicht da. Ja – den Herrn Professor von der Akademiesitzung aufstören – und selber wegbleiben – das sieht ihm ähnlich.

Eine halbe Minute Wartens auf Paul bietet dem Herrn Professor Zeit, im Geist all die zahllosen ärgerlichen Fälle durchzugehen, in die Paul ihn bisher mithineingezogen hat, und eine wahre Eselswut gegen Paul in sich zu sammeln.

Plötzlich tritt Paul ein; ein großer, bildhübscher, aufrechter Junge mit Bürstenmähne, blanken Augen und ... lachend. Wahrhaftig, er lacht; und zeigt dabei seine wunderschönen Zähne. – – Wenn er schon lacht: hoffentlich vor Verlegenheit??

Er schüttelt dem ältern, dem großen Bruder derb die Hand, setzt sich rasch und erzählt ungefragt – immer mit seinem dummen Grinsen:

»Also was passiert ist? Abscheulich. Ich mußte dich rufen. Ich mußte. Schimpf nicht – du wirst ja gleich hören: Das Puma ...«

»Es betrifft also deine Frau?«

»Ja. Das Puma war doch eine Woche auf dem Land – nicht wahr? Du wirst es überflüssig finden, wie ich dich kenne – darum hatte ich dir auch vorher nichts gesagt ...«

»Bitte – es geht mich ja nichts an.«

»Immerhin – wo du unlängst mit zweihundert Mark ausgeholfen hattest – – aber wirklich, das Puma hatte sich im Laden sehr angestrengt – sie war schon ganz blaß ...«

»Zur Sache, wenn ich bitten darf!«

»Schön. Also: Das Puma sollte einen Monat in Kochel bleiben – so war es ausgemacht. Heute morgen – aus heiterm Himmel kommt sie zurück.« – Er verstummte, das Lachen war erstorben.

»Und?« fragte der Herr Professor.

Paul fuhr auf – der Schwall sprudelte weiter:

»Und? Du weißt, wie Frauen sind. Vielmehr: Du weißt es nicht – du Glücklicher hast doch im ganzen Leben nur mit einer Frau zu tun gehabt, mit deiner nämlich. – Das Puma fegt sofort durch die Wohnung, schnüffelt mein Bett ab – schnüffelt meine Kleider ab – und im Badezimmer ...«

»Nun?«

»Im Badezimmer findet sie eine Nadel. Goldne Sicherheitsnadel. – Dabei war die Nadel nicht einmal von Gold, wie sich später herausgestellt hat – nur vergoldet.« – Er schwieg wieder.

Der Professor – langsam: »Das ... versteh ich nicht.«

Paul – wie von einem Skorpion gebissen:

»Puma hat es sofort verstanden. Im Nu hab ich zwei Ohrfeigen sitzen gehabt. Wie ein Staatsanwalt hat sie mich gefragt: ›Wem gehört die–se Na–del???‹ – mit schlagbereit erhobener Hand. Da wirst du begreifen ...« – Paul ließ die Schultern, ließ die Augen sinken – »da wirst du begreifen, daß ich gestanden habe.«

»Gestanden? Was??«

»Alles: den Namen – die Vorgeschichte – den Verlauf – wieso – wann – – alles hat sie mir herausgepreßt.« – Der große, lange Paul war zu einem Knäuel geworden.

»Und dann?«

»Dann ist sie wie eine Furie los. ›Ah, darum schickst du mich aufs Land‹, brüllt sie. ›Aber ich werde es dieser Person eintränken.‹ Und rrrast davon.«

»Und?«

»Was – und? In derselben Sekunde kommt die alte Hausbesorgerin, die wo bei mir aufgeräumt hat, während das Puma auf dem Land war, und sagt: ›Entschuldigen schon, Herr Dommel, daß i stör: hab i net vielleicht mei scheene Nadel hier bei Eahna vergessen?‹«

Der Herr Professor verzieht langsam, ganz langsam, genießerisch den Mund – dann prustet er triumphierend:

»Dein Geständnis war also umsonst abgelegt? Sozusagen für die Katz?«

Paul beißt sich, dem Weinen nah, die Lippen. – »Inwiefern umsonst?« stöhnt er. »Das Puma ist doch damit los – – und grade jetzt, während wir hier sitzen ... kennst du Pumas Temperament nicht? Grade jetzt wird sie ... wird sie ...«

»Nun –?«

»Wird sie die weltgeschichtliche Szene machen, daß die Türen und Schornsteine wackeln.« – Paul saß, ein Häufchen Asche.

»Paul! Eine Szene wird das Puma machen? Wem??«

»Ihr.«

»Der andern meinst du. Der Person?«

»– – – Das ist es ja. Eine furchtbar peinliche Szene für uns alle. Darum eben hab ich dich herbeigerufen; damit du nicht dabei bist, wenn Puma die Szene macht. Ich dachte mir: immer besser, du erfährst es von mir.«

Der Professor brauchte volle dreißig Sekunden – dann hatte sich die Leitung geschlossen.

– – – Eh er aber den Mund aufkriegte, war das Puma eingetreten.

In die Eden-Bar, halbelf vormittag.

Kam hereingeflogen; groß, bildhübsch, aufrecht; Bubimähne, blanke Augen. Und: lachend. Wahrhaftig, sie lachte; und zeigte dabei ihre wunderschönen Zähne.

Packte Pauls Kopf zärtlich zwischen beide Hände und ... lachte.

»Du Nichtsnutz!« rief sie. »Du Scheusal! Aber dir kann man ja nicht böse sein, du Scheusal! Da!« – Sie schnalzte ihm einen festen Kuß auf den Mund. – »Ich hab mirs überlegt und bin halben Wegs umgekehrt. Ich verzeih dir.«

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