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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 134
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Die Rettung des Fräuleins von Rechenberg

In einer lauen Sommernacht, so einer, die zum Nachdenken geschaffen ist und nicht zum Schlafen, kam mir Pali aus dem Wäldchen entgegen. Immer sieht er aus wie aus dem Puppenladen geholt – aber noch nie hatte er mir so gut gefallen wie jetzt im goldflüssigen Mondlicht. Ich mag diese unbeholfenen, treuherzigen Jungen so gern.

Wir gingen zusammen tiefer in den Wildpark. Lange blieb er stumm neben mir. Ich fühlte, ihn drückte ein Leid, das er mir klagen wird – und in dieser Minute ward ich sein Freund.

Wir setzten uns auf das Bänkchen der Insel. Pali begann zu seufzen. Ich mußte lachen – er seufzte in ungarischer Mundart.

»Gott, der Herr,« sagte er, »was mir die Buz heute wieder gemacht bat!«

Dabei blickte er mich an und wollte gern gefragt sein.

»Wer das is, die Buz? Wissen Sie nicht – die Tochter von dem Obersten mit die drei Töchter – lauter Madeln?«

»Obersten? Drei Töchter?«

»Jaj, Sie kennen sie doch – die Mama hat ja mich und Ihnen bekannt gemacht.«

»Ah, so – Frau Rechenberg?«

Er meinte die Sehenswürdigkeit unsres Badeortes – die schönste Witwe, die je erwachsene Töchter gehabt hat. Eine davon, eben die aller-, allerübermütigste, war Palis Sommerliebe.

»Und welche heißt Buz?«

»Die, was zwischen der ältesten und der jüngsten is«, erklärte Pali. »Getauft is sie auf Jenny – abgekürzt is das Buz. – Wissen Sie, was mir Buz heute gemacht hat?«

»Geküßt?« riet ich.

»Woher wissen Sie? Haben Sie gesehen ...?«

»Nein. Ich denke mirs bloß.«

»O, da irren Sie sich sehr. Wir haben uns ...? Aber! Wie kommen Sie auf diesen Idee?«

»Man kann sich ja irren.«

»Also wissen Sie, was mir Buz heute gemacht hat?«

»Immer noch nicht.«

Die Grillen zirpten eine liebe, feine, surrende Musik, und auf dem murmelnden Wasser tanzten die Mondelfen – leise klirrten ihre Silbersporen.

Da beichtete Pali hastig und unvermittelt:

»Ja, ich bin verliebt in Buz. Weil sie das Schönste is, was es auf der Welt gibt. Sie kommt gleich hinter dem Sonnenschein. Wenn sie so daherlauft, stolz und zierlich als wie eine Reh, da könnt ich sie fangen und forttragen. Buz is sehr hübsch – nicht wahr?«

»Sehr.«

»Sehen Sie – sie gefallt Ihnen auch. Aber – jaj, dieser Unglück – gegen mich is sie falsch. Manchmal sag ich zu mir: ›Pali, Buz liebt dich.‹ Sie kann so nett zu eine Menschen sein, wenn sie will. Sie braucht einen nur anzuschaun, und man is im Himmel. Da war ich die ganze Woche. Auf einmal – gestern – wie ich ihr Rosen bring, sagt sie: ›Danke. Ich liebe Rosen sehr nicht.‹ – War das richtig?«

»Nein – wenigstens nicht grammatikalisch richtig.«

»Abends bei die Zigeuner war sie wieder die Liebenswürdigkeit selbst. Ich hab fünfzehnmal ›Kleine Witwe‹ spielen lassen, weil sie das so gern hat – bis der Badedirektor dem Primasch verbietet, weiterzugeigen. Da kommt nämlich eine Stelle vor: ›Bin einundzwanzig, fesch und patent‹ – und die andern Leute haben sich geärgert, weil der Primasch hat bei diese Stelle um zwei Töne tiefer greifen müssen.«

»Um zwei Töne?«

»Na, Buz is doch erst neunzehn. – Wir waren sehr lustig, und Buz ladet mich ein, wir sollen heute früh zusammen machen einen Kahnpartie.

Richtig heut um neun Uhr war sie beim Bootshaus – in Matrosenanzug, mit bloße Arme. Ich leg die Riemen ein, und fort gehts auf den Teich. Auf die Weiden der Pavilloninsel hab ich mich schon sehr gefreut – dort im Schatten, hab ich geglaubt, daß wir eine Ankerplatz finden ... sagt man jetzt: würden?

Wie wir um die Ecke biegen, sag ich:

›Steuern Sie zur Insel, Buz!‹

›Warum?‹ fragt sie.

›Dort sieht man uns nicht‹, sag ich.

›Warum wollen Sie, daß man uns nicht sieht, Pali?‹

›Damit ich Sie küssen kann, Buz.‹

Da sagt sie:

›Wann Sie mich küssen, spring ich ins Wasser. – Was tun Sie dann?‹

›Ihnen nachspringen, Buz!‹

›Ja! – Sie!‹ sagt die Buz und lacht und fangt an, den Kahn zu schaukeln.

Herr, ich kann Ihnen meine Schrecken nicht beschreiben. Ich schrei noch: ›Buz, hören Sie auf, der Kahn kippt um!‹ – da liegen wir schon beide im Wasser.

Ich weiß noch nicht, wo is oben, wo is unten. Zwei, drei Tempi – ich pack mit einer Hand den Kahn – um Himmels willen, wo is Buz? Die Buz taucht auf – gurgelt – legt zurück den Köpfl – und ich hab sie noch nicht erreicht, so versinkt sie. Ich faß sie am Haar – sie streckt mir den Hand entgegen – und so zieh ich sie mit mir fort, voller große Angst. Immer den Tod vor die Augen, sag ich Ihnen, ganz heiß vor lauter Anstrengung. Endlich erreich ich eine seichte Stelle und wat ans Ufer – die Buz zieh ich im Wasser nach.

Buz laßt sich ans Land schleppen – die ihrige Augen hat sie zu – am Land erwacht sie und steigt im ganzen heraus, immer noch wie halb tot. Ich bin fürchterlich aufgeregt.

›Gott sei Dank,‹ sag ich, ›daß Sie nur leben! Ich hab schon geglaubt, Sie sein tot.‹

Sie lacht ein bißl und schaut mich dankbar an. Sie drückt mir die Hand, greift in die Tasche von ihre Matrosenbluse und ... überreicht mir eine silberne Zigarettendose. In den Deckel is graviert:

›Meinem edeln Lebensretter Pali zum Andenken an den 19. August. Jenny von Rechenberg.‹ – Der heutige Datum.

O, Buz ist sehr falsch zu mir gewesen heute!«

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