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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 133
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Es gehört sich

Paula, das gebildete Stubenmädchen, hatte schandbedeckt das Haus verlassen. Da sagte die alte Köchin:

»Gnä Frau – sein S' unbesorgt, mir werden schon ein andres Stubenmadel kriegen, 's gibt ihrer genug. Und es gab auch ganz brave, wann nicht alle miteinand so verruckte Luder waren. – Ja, die Mannsbülder! Die sein denen Madeln ihr Malör. – Telephonieren die Gnädige nur dem Zubringer! Ich mach derweil ein kurzes Mittagessen. Der gnä Herr kann sich auch einmal begniegen.«

»Begniegen« – das Wort konnte die Gnädige nicht ausstehen. Die Resi war sieben Jahre da und führte es immer im Mund.

Die gnädige Frau klingelte den Vermittler an und verlangte: ein nettes, fleißiges, ordentliches, blondes, katholisches Stubenmädchen.

Eine halbe Stunde später begann die Heimsuchung. Der Gnädigen sagte keins der Mädchen zu. Die eine hatte einen stechenden Blick; die nächste siebenundzwanzig Jahreszeugnisse (nämlich siebenundzwanzig in einem Jahr); die dritte einen zausigen Schopf. Eine hätte beinahe schon gepaßt, aber sie hatte – für ein Stubenmädchen – zu volle Formen.

Zuletzt, nach zweistündiger Pause, die alle Erwartungen aufpeitschte – zuletzt kam Sofie.

Sofie hatte ein glänzendes Zeugnis – von einer Familie, der sie zwei Jahre gedient hatte – bei den Schwägerinnen; Sofie hatte eine angenehme Stimme, sprach hochdeutsch und trug die längstvergessene Defreggerfrisur. Sofie wurde angenommen. Resi sagte, sie hätte durchs Küchenfenster geblickt, und das Mädel gefalle ihr.

Die Gnädige las aus dem Dienstbuch vor. Erst die Personsbeschreibung: Gesicht rund, Haare braun, Zähne gesund. Dann die Zeugnisse.

»Die waren gewiß bös auf einand, die Schwiegersleut,« sprach Resi.

»Wieso – warum?«

»Weil sie die Soffi angaschiert haben, damit sie über die, wo sie schon war, klatschen soll. Und weil sie nur vier Monat geblieben ist, sieht man, daß sie auf nix mit ihr gekommen sein. Sie hat nicht tratschen wollen. – Wann kommt sie denn?«

Die alte Resi war von unerschütterlicher Vertrauensseligkeit. So oft es einen Wechsel gab – sie hoffte das beste. Wiewohl sie immer wieder bitter genug war enttäuscht worden. Von der vorigen, zum Beispiel, der blonden Paula. Doch die alte Resi kannte die Menschen ihrer Welt. Sie brauchte nur zweimal mit einer zu essen, da wußte sie, wie sie mit ihr daran war.

Als Sofie ihre Kleider in den Schrank räumte, fiel der Resi schon etwas auf: Sofie nahm einen Hut aus der Schachtel – einen Hut mit schwarzem Kreppschleier; wie Damen ihn nicht zierlicher tragen, wenn sie trauern; seitwärts aufgebogen, mit Jettnadeln gespickt.

»Was war denn dös?« fragte Resi – und tausend mißtrauische Kobolde kicherten in ihrer Stimme.

»Mein Bräutigam ist vor sechs Wochen gestorben,« sagte Sofie – legte den Hut ins Fach, rollte den Schleier auf und wischte eine Träne ab.

»Ich bitt Sie – und da schleppen S' die Trauerfahne herum? Zu was? – Ja, früher die Madeln! Wann denen einer gestorben ist, da haben sie halt ein andern genommen. – No ja – halten kann man keinen, wann daß unser Herrgott nicht will.« – Und unzufrieden, brummend ging die Resi in die Küche, setzte sich auf ihren Lieblingsplatz und strickte verbissen.

Dann sah sie der Sofie zu, wie sie artig, als wär sie die Gnädige selbst, zu Mittag aß. Sie hielt die Gabel in der Linken, das Messer in der Rechten, spießte niedlich das Fleisch auf und belud jeden Bissen mit einem Häufchen Gemüse.

»Geben Sie Obacht, daß Sie Ihnen nicht verhusten, Sofie!« sagte Resi giftig. Sie saß auf der Mistkiste und aß aus der Kasserolle.

»Es schickt sich, es gehört sich,« lispelte Sofie bescheiden.

»Es gehört sich,« war Sofiens Redensart, die Richtschnur ihres Handelns, vielleicht auch ihrer Gedanken. Sie hielt strenger auf Etikette als eine habsburgische Prinzessin.

Die Gnädige kam an den Herd – grade, als Resi Eierkuchen buk. Die Gnädige war jung, gesund, und der Duft des heißen Fettes stieg ihr angenehm in die Nase. Sie streckte die rosige Pfote aus nach einem Eierkuchen, den Resi eben aus der Pfanne auf die Schüssel gleiten ließ.

»Gsegns Gott!« sagte Resi. »Ja, die Eierkuchen, die schmecken nur frisch. Eigentlich, wann mans recht genießen wollt, da müßt der Herr auf einer Seiten sitzen, die Gnädige auf der andern beim Sparherd, und ich tät abwechselnd backen. Eh es zu Tisch kommt, ist es wie eine Schuhsohlen, wie eine alte.«

Sofie lief flink herbei und bot der Gnädigen Teller und Gabel.

»Schmeckt so besser, Sofie,« sagte die Gnädige und biß drauf los. Und weil sie übermütig war, leckte sie sich noch schnell den Daumen und den Zeigefinger ab. – Sofie hatte eben das Serviettchen herbeigebracht, trug es davon und zog ein Schnäuzchen.

Sonntag nachmittag saßen sie zu zweit in der Küche, die beiden Dienstmädchen. Resi dröselte vor sich hin, zwischen Halbschlaf und Wachen.

Manchmal an solch langen Sonntagnachmittagen dachte die alte Köchin: »Schön wars schon, wann ein Divan in dem Kammerl neben der Küche stehen möcht.« Irgend ein alter, noch so wackeliger Divan. Sie wies aber den Gedanken weit von sich. Sie war keine Frauenrechtlerin.

Sofie hatte die weiße Schürze abgelegt, die der Dienst ihr aufzwang, und trug sich nun ganz in Schwarz. Sie las mit leisen Lippen im Gebetbuch.

Da wurde die alte Köchin weich. Und blickte das trauernde Mädel mißbilligend an. Gott – ist es nicht Unsinn, daß so ein junges Blut im Winkel sitzt? Hin ist hin. Damit findet man sich ab. Und sieht sich um ... An den Liebesgeschichten der Stubenmädeln verstehend teilzunehmen, war eben Resis ganze Freude. Verwandte hatte sie nicht – alt war sie – was konnte sie besseres tun, als andrer Leben mitzufühlen? Nun sollte sie gelangweilt dasitzen – neben so einem traurigen Rühr-mich-nicht-an?

»Aber manchmal,« dachte sie, »reden sich die Madeln eine Traurigkeit nur ein. Wann einer kommt und redet da drüber, da merken sie erst, daß das Herz gesund ist. – Appetit hat sie ja, die Sofie. Was die zum Beispiel heut zur Zehnerjause gegessen hat – den Teller voll Grammeln und sauern Erdäpfeln!«

»Sie, Sofie – wo haben Sie denn vorher gedient als bei uns?«

Sofie fuhr auf.

»Wo daß ich gedient hab? Bei der Gräfin Heimbach als zweites Stubenmädchen. Aber ich war mehr um die Frau Gräfin herum als wie die Kammerjungfer. Sie hat mich sehr gern gehabt, die Frau Gräfin.«

»Ah – so!« sagte Resi – froh, den Schlüssel zu Sofies Benehmen gefunden zu haben. »Bei einer Gräfin. Ja, das verdirbt dann die Madeln für alle andern Plätz. Das tut ihnen in die Krone steigen.«

»Aber, Frau Resi! Ich bin nicht so. Ich bin froh, wann man ein gutes Wort für mich hat – bei meiner Traurigkeit.« – Sofies Stimme bebte.

»Eins?« rief Resi begeistert. »Ein gutes Wort? Zwanzig – wann Sie nur hören wollen.«

Sofie klappte das Gebetbuch zu. Vorher legte sie hübsch das weißseidene Bändchen ein – beim Gebet: ›Für die Seelen der Verstorbenen‹.

»Was Sie da treiben, meine liebe Sofie, is Unsinn. Die Trauer. Das sich vergraben. Das nicht links, nicht rechts schauen. – Sein denn Sie ein Fräuln? Bei einem Fräuln – wann die Schönheit vergeht – das Geld besteht. Solche Madeln – halt in dera Lage, wo Sie sein – die haben nix als wie ihr bissei Jugend, die vollen Wangen ... na, und das übrige. Wann Sie die Zeit beim Gebetbüchel verbringen – nachher, wann Sie alt und runzlig sein, können Sie Haferkörner spitzen gehen nach Kukutin. Ich bin eine alte Wittib – mir därfen Sie glauben.«

»Es gehört sich ...« kam es, leise wie ein Hauch, aus der Ecke. Und frischer: »Gott, Frau Resi, wann einem einer stirbt, den was man gern gehabt hat und gehofft hat ...«

»Na ja, das begreif ich,« sprach Resi mild. »Es tut einem schon leid – besonders, wann er ein kräftiger Mann gewesen is.«

Die Köchin sann ein Augenblickchen nach und fragte plötzlich: »Und haben Sie keinen andern?«

Sofie errötete. »Einen andern? No, wann ich wollt ...«

»Derzählen S'!«

Resi rückte näher. Endlich ein Tröpfchen Labsal für ihre dürstende Seele!

»Es ist nicht viel zum sagen, Frau Reserl. Er war ein Freund von meinem Gustl. Schon wie mein Gustl noch gelebt hat und wir glücklich waren, hat er ... hat er mich gern gehabt. Ja, ich glaub,« sagte Sofie nachdenklich, »schon vorher. Verstehen Sie, Frau Resi? Vorher – noch eh ich mit meinem Gustl gegangen bin.«

»No, alsdann! Da hat doch derselbige das mehre Recht an Ihnen? Wie heißt er denn? Was is er?« drängte Resi. »Segen Sie ihn denn oft?«

»Oh ja, sehen tu ich ihm schon. Ich weiß nicht, wie daß es kommt – ich begegen ihm oft. Er heißt Max. Max Platzer, und Drucker ist er.«

»Na, das passet ja,« sagte die Resi – und ein schlüpfriges Altweiberlächeln zog ihr den Mund breit.

»In einer Druckerei ist er. Nächste Woche ist der Ball.«

»Na – und?«

»Gott – er hat mich eingeladen – er bitt – er bettelt, ich soll gehen.«

»Freilich werden Sie gehen – was denn? Sie ziegens Ihnen nett an, frisierens Ihnen, parfemieren Ihnen mit Rosenwasser – das lichtgrüne Kleid nehmen Sie, was Sie im Kasten haben ...«

»Nein,« sagte Sofie, »es gehört sich ...«

»... nicht« wollte sie vollenden und wurde ungeduldig unterbrochen:

»Hören Sie nur um Christi willen schon mit der Bledheit auf! ›Gehört sich!‹ Sie kenneten einem wirklich damit zuwider werden. Wem wollen Sie einen Gfallen tun? Soferl, ich sag Ihnen, Sie stengens sich selber im Licht. Wann Sie mir jetzt folgen ...«

So wurde Sofie vom engen Pfad der Etikette gedrängt.

So geschah, daß Sofie sich Ausgang für Sonntag abend erbat – auf den Ball der Druckergehilfen. Allerdings – das hellgrüne Kleid zog sie nicht an – das konnte Resi nicht durchsetzen. Sofie nähte Abends vorher bis Mitternacht und schneiderte sich einen breiten schwarzen Gürtel zurecht zu ihrem weißen Kleid. Hinten wallte er lang wie ein Flor herab. Und vorn saß grade in der Herzgegend eine schwarze Schleife.

»Wie die gnädige Komtesse Lina Hochzeit gehabt hat,« erzählte Sofie, »da hat die gräfliche Familie auch für einen Tag die Trauer abgelegt.«

Max, der Drucker, wartete unten am Tor. Sie gingen miteinander in die Nacht.

»Ich,« sagte der Mann, der die Romane setzt, »ich bin froh, Fräulein Soferl, daß Sie Ihnen besonnen haben. Ich will das als ein gutes Zeichen auffassen, daß Sie geneigt sein, meine Liebe anzunehmen.«

»Es ist noch zu früh ...« antwortete Soferl ausweichend.

Auf der Elektrischen bekam er nur einen Stehplatz auf der vordern Plattform und sah von dort aus die Sofie an; sie saß eingeklemmt zwischen zwei dicke Frauen und drehte sich hin und her, um Ausblick auf ihn zu gewinnen. Der himmelblaue Schal rutschte ihr vom Kopf. Das Licht glänzte auf ihrem blonden Scheitel.

Im Ballsaal war es schon bei Beginn stickig heiß und fußbreit voll. »Wie ein Heringfaß,« sagte Max unzufrieden. – Sofie blieb abseits stehen. Sie starrte in das Gewühl, wie es auf und ab flutete. Und die Augen der Mädchen, der jungen Frauen leuchteten.

Da war sie nun und hatte garnicht herkommen wollen. Da war der Rudi Huber, ein alter Freund ihres verstorbenen Bräutigams. Wen führte er am Arm? Die Tilda. Tilda lachte. Und wie sie lachte! Wie sie mit den Augen blinkerte! Ja, die hatte immer nur der Liebe und Freude gelebt. Der wars immer gut gegangen. Der war keiner gestorben. Tilda hatte einen nach dem andern davongejagt – wenn sie merkte, daß man es nicht ernst meinte. Tilda – die sucht so lang, bis sie einen aufs Standesamt bringt. Die wird – wie sagt die alte Resi? – die wird nicht Haferkörner spitzen gehen nach Kukutin. Wird sich schon einen fangen und heiraten. Heiraten. Während sie, die Sofie, einen schwarzen Hut trägt und den Kreppschleier hinter sich herzieht.

Die Musik legte los. Mit einem alten Walzer. Der Walzer ergriff Sofies Nerven und riß daran – nach diesem Walzer hatte sie – wie oft – mit Gustl getanzt.

»No?« fragte Max, der Drucker. »Drahn wir eins?«

Sofie schüttelte den Kopf. – »Ich hab Ihnen gesagt: ich geh auf den Ball, aber tanzen tu ich nicht.«

»Gut, Soferl, gut – wann Sie nur da sein – an meiner grünen Seiten,« sagte Max begütigend und winkte dem Kellner.

Sofie nahm ein Gläschen Rotwein. Der Wein schoß ihr übermütig durch die Adern. Sie blickte noch neidischer in die frohe Menge.

»Die sein lustig!« sagte sie und horchte auf die Blechmusik. Eine Polka. Auch die hatte sie oft getanzt. Sie wiegte den Kopf und ein wenig auch die Hüften.

»No, Soferl?« fragte Max wiederum – dringender.

»Armer Teufel –« dachte Sofie, »er soll sich jetzt wegen mir die Füß in den Leib stehen! Er muß mich wohl gern haben.«

»Soferl! Also?!«

Leise wie ein Hauch schwebte es aus dem Weltraum an Sofie heran: ›Es gehört sich nicht.‹ Sie antwortete zögernd:

»Gut – ein kleines Radel. Aber tanzen mir langsam – von wegen der Trauer.«

– – – Drei Wochen später kündigte sie der gnädigen Frau.

»Warum denn, wohin denn?«

»Ich will mich verändern, gnä Frau.«

Die Gnädige sah Sofie an, sah ihr in das stille, ein wenig betrübte Gesicht. Eine boshafte Lust stieg in der Gnädigen auf, ein stiller Hohn. Wie, diese trauernde Braut, diese kleine Heuchlerin hatte sich getröstet? Diese unangenehme ›Gehört sich‹ mit den feinen Manieren?

»Sie heiraten? Aber Sofie! Wie paßt es sich denn, in tiefer Trauer Hochzeit zu machen?«

»Oh, gnä Frau, davon kann keine Red nicht sein,« sagte Sofie in stolz bescheidener, selbstsicherer Abwehr. »Heiraten tun mir erst nach Ablauf des Trauerjahrs. Indessen ... indessen gehen mir nur so mit einander wohnen.«

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