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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 129
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Des Königs Patenkinder

Tief, tief verschneit lag das Dorf. An seinem Ende die letzte Hütte hatte sich das Rohrdach wie eine Kapuze über die Fenster gezogen.

Anders Mistl – der Bauer – trat vor die Tür, bis an die Hecke; hielt an und blickte zurück und wiegte den Kopf.

Heute nacht hat es ihn heimgesucht.

Er stapfte durchs Dorf, immer den Steig entlang, und spähte neidisch in die Höfe. Vor der Pfarre klopfte er sich umständlich die Stiefel ab, drückte mit dem Daumen das Feuer in der Pfeife aus.

»Gelobt sei Jesus Christus, Herr Pfarrer!«

»In Ewigkeit, Anders! Na, was gibts denn Neues?«

»'s gebet scho was neuchs, Hochwürden. Eine Tauf hätt ich.«

»So, eine Taufe –. No, wann denn? A Bub? A Madel?«

»Hochwürden, drei Buben saans. Drei Buben hat s' heunt nacht gebore, mei Weib. So was! Drei Stück auf amaal!«

Der hochwürdige Herr sprang auf, ging nah an den Anders heran.

»Drei Buben? Weißt 's bestimmt? Daß es Buben sein?«

»Werd schon sei Richtigkeit ham.«

»Und leben s'?«

»Sie dun wohl lebe – in der Früh haben s' glebt.«

»Anders! Mensch! Dann hast du ein Schweinsglück. Wo Drillinge, drei auf amaal, zur Welt kommen – und Buben saan s' – da steht der König Pate.«

»Der König?«

»Ja, so ist das Gebrauch. Geh z' Haus, Anders – ich telegraphier an die Allerhöchste Kabinettskanzlei – na, kurz, des verstehst du eh nit. Geh z' Haus und komm am Abend wieder.«

»Der König? Wie sollet denn der nachanand herkummen?«

»Tepp, dalketer! Schau, daß d' herauskommst! Ich hab jetzt alle Händ voll zu tun.«

»Aber, Hochwürn, ich dät schö bitten ...«

»Kratz ab! Ja, wird's aber nit?«

Da ging der Anders mit wirrem Kopf. Ging die Dorfstraße wieder entlang, seinem Haus zu.

Der König. Und die drei kahlen, kleinen Dinger, die da eng aneinandergedrückt in die Wiege gepackt sind ... Der König. Ist es zu fassen? Was bedeutet das? Was bietet das?

Und da hakte seine Bauernhabgier ein: Wenn der reiche Müller Pate steht, gibt er einen Sack Mehl und zwei Gulden. Der König ...? Anders richtete sich mit einem Ruck stramm und sah stolz und höhnisch in die Bauernhöfe, übern Zaun.

Der da hat drei Kühe. Vielleicht wird er, Anders, übers Jahr auch drei Kühe haben.

Der Prachtl hat eine Kuh und zwei Ziegen. Gut, wär auch nicht schlecht.

Und die Sautnerin, die Witwe, hat eine Sau mit sieben Ferkeln. Damit kann man sich schließlich auch zufrieden geben.

Wenn der Müller zwei Gulden gibt: dann gibt der König sicher, totsicher fünf Dukaten.

Der Anders betrat die Stube. Im Bett lag die Frau. »Guten Tag auch, Alte,« sagte er. Er wollt ihr gern ein Gutes tun, er hat sie hart angelassen heut früh. Gebrummt und gehadert hat er über das Glück.

»Ich hab die Tauf bestellt, Alte.«

»Alsdann ruft die Nachbarin, daß sie's wegtragt, des aane. 's winselt seit a zwaa Stund. Des lebt nit lang.« – Die Bäuerin sagte es, um ihren Mann zu versöhnen.

»Welches? Was sagst? Welches lebt nit lang?« – Und die Bäuerin wußte nicht, wie ihr und den Neugebornen geschah. Im Handumdrehen hatte der Anders alles beschafft: die Nachbarin, die das Kleine umwickelte – Milch für die Kinder – Petroleum für die Lampe – Feuer im Ofen.

Zu Mittag kam die Wirtschafterin des Pfarrers und brachte einen Korb voll Sachen: feinen, eilig gebackenen Kuchen, zartrosigen Schinken, Kaffee, Zucker und einen Topf voll von körnigem Schweinefett.

Wie Flugfeuer sprang es von Dach zu Dach, in der Dämmerstunde wußte es jedermann im Dorf: Der merkwürdige Apparat, der unverstanden und kaum benutzt im Posthaus auf dem Tisch stand, hatte geklappert und die Kunde gebracht: daß Seine Majestät, der König allergnädigst geruhe, die Patenstelle bei den neugebornen Drillingsknaben des Bauern Andreas Mistl zu übernehmen.

Hochwürden, der Pfarrer, kam den schneeverwehten Pfad herabgeschritten, bis zu Mistls verschlafener Hütte – so eilig, daß die Reverendaschöße wie Rabenfittiche flogen. Er betrachtete die drei Kleinen. Sie staken in blau-rot gestreiften Daunen, hatten runzelige, alte Gesichter und wimmerten.

»Ja, Mistl, das is a Gottesgeschenk! Da habts ihr in euer Dummheit Königspatenkinder zu Söhnen kriegt, 's fehlt ihnen wohl an nichts?«

»Gfehlt sich nix, Hochwürden. Was der Mensch dun kann für seine Kinder, des dut er. Ich dank auch schön für des, wo die Fräuln Köchin bracht hat.«

Der Bauer aß fein zu Nacht – von dem zartrosigen Schinken, dem weißglänzenden Speck. Die Bäuerin hielt sich zurück und löffelte nur eine Suppe. Eine starke Hühnersuppe war es, damit sie morgen bei Kräften wäre. Das Huhn – ein schwarzweißes, das bedeutet Glück – das Huhn hatte die Müllerin gebracht – und einen Sack voll Kuchenmehl der Müllerbursche hinterher.

Am andern Morgen stellte sich die Frau des Kaufmanns ein, Frau Roth. Der Hausknecht keuchte unter der Last der Geschenke. Frau Roth holte sie langsam, mit heimlichem Protz aus der Greinzen. Vorgestern hatte die Mistlbäuerin ein Viertelpfund Kaffee auf Borg gewollt – Roths gaben keinen Kredit. Bei des Königs Patenkindern ließen sie sich nicht lumpen. – Frau Roth war auch die erste, die ein blankes Geldstück schämig und doch nachdrücklich der Bäuerin unter das Kopfkissen schob.

Es war noch früh am Morgen. Gleich nachdem Frau Roth gegangen war, stand die Bäuerin auf. Ein wenig schwindlig war ihr der Kopf, aber sie wußte ihre Schuldigkeit.

Das Haus des Andreas Mistl wurde gescheuert, Stube und Diele mit Sand bestreut, der Kupferkessel blankgerieben und der eiserne Ofen geschwärzt. In die Moosbank zwischen die Doppelfenster steckte das Fräulein Lehrerin vier Papierrosen. So gingen Mistls dem Fest entgegen.

Was noch nie dagewesen war, geschah: Hochwürden selbst kam in Mistls Haus, begleitet vom Kirchendiener, brachte das Taufgerät mit und taufte die drei Buben. Vor dem verschneiten Heckenzaun hielten klingelnd und nickend die Pferde des Herrn Bezirksvorstands, dampfend von der einstündigen Fahrt. In der Stube stand der Herr Bezirksvorstand, feierlich in schwarzem Rock, und hob die drei Kinder in Vertretung Seiner Majestät aus der Taufe.

»Wie sollen s' denn heißen?« hatte der Pfarrer gefragt. Und beantwortete sich die Frage selbst:

»Des älteste Franz – des zweite Josef – und des dritte ...«

»Andreas, wie der Vader,« ergänzte Mistl rasch. Stolz schwellte seine Brust: die Frau Bezirksvorstand war mitgekommen und die Frau Bezirksrichter nebst der Gattin des Grundbuchführers; sie waren sehr bewegt und ließen jede ein Geldstück zurück als sichtbares Zeichen der Rührung.

Am andern Tag klingelte es achtmal vor Andreas Mistls Tür von silbernen Schlittenschellen. Damen in feinen, weichen Pelzen stiegen aus den Schlitten – adelige Gutsbesitzerinnen der Umgebung. Die Kutscher schleppten Packen. Ein Fäßchen Wein ums andre rollte in Mistls Keller, ein dickbäuchiger Fettopf um den andern.

Die Damen sahen schon einen Teller auf dem Tisch stehen, diskret von einem weißen Tuch bedeckt. Unter das weiße Tuch glitten die weißen, feinen Frauenhände, und verheißend klirrten die Spenden.

Am dritten Tag bekam die Post die Weisung, den jüngsten Mistls drei Sparkassenbüchelchen auszustellen. Das Obersthofmeisteramt wies ihnen insgesamt dreihundert Gulden an.

An diesem Tag – es war ein glücklicher Tag gewesen – mit viel Schellengeläute und neugierig teilnehmendem Frauenbesuch, zwanzig weiße Hände waren unter dem Tuch auf dem Teller verschwunden und wieder aufgetaucht – an diesem Tag sagte die Bäuerin zum Bauern:

»Ich mein, es duts nit mehr bis früh.«

»Welches? Was sagst? Welches duts nit mehr?« fragte er, aufgeschreckt aus seinem glücklichen Kopfrechnen.

»Ich mein, der Franzl, der dut bis früh nit lebe.«

Da sah der Bauer das Kindchen aufmerksam an. Der Anblick gab ihm wenig Hoffnung. »So, so – der Franzl,« sagte er. »Wo doch die Herrschaft aus Neuenwalde und die von Walterskirchen noch garnit dawaren.«

»Ja, es is gar schwach.«

»Gib ihm halt zu drinke.«

»Es mag seit früh die Brust nimmer. Un grad des hab ich gsäugt, grad des. Die andern Hascherln haben eh nur ausm Flaschl kriegt ... Wann man den Doktor holen dät aus der Stadt?«

»Was versteht a Doktor von klaane Kinder, wo a klaans Kind nit rede kann?!«

Die Nachbarinnen gingen allesamt nach Haus. Die Lampe lökte und wollte einschlafen. Es war Mitternacht.

Franzl, der Älteste, verzog die kleinen Glieder, röchelte leise und kraftlos; und verschied. Um halb eins. Wo doch morgen die Herrschaften aus Neuenwalde und die von Walterskirchen kommen sollten ... Der Teller mit dem weißen Tuch stand noch auf dem Tisch.

»'s is aus,« sagte die Bäuerin. Sie hatte das Kindchen auf dem Schoß gewiegt und hielt nun die kleine Leiche auf den gespreizten Armen.

Der Bauer starrte vor sich hin –. Dann hatte er die Lösung gefunden:

»Des, daß der Franzl dot is, brauch niemand nit wisse. Un was mei Schwester Zenzi is, die hat vor a zwaa, drei Wochen entbunde. Bis fruh um sechse kann ich zruck sein – un mir geben hold der Zenzi aa was. Den Franzl, den armen Franzl dun mir indes in den Schuppen. Es dut friere. Kannst ihn aber in a Duchet wickeln.«

Der Bauer machte sich müde auf den Weg – dem fernen Dorf zu, wo seine Schwester wohnte. Einsame Nacht. Ein beizend scharfer Wind strich über Feld.

Der Anders kam schweißgebadet um sechs Uhr morgens heim und legte ein lebendiges Knäblein an die Stelle des toten Franzl.

Die Herrschaften aus Neuenwalde und Walterskirchen kamen, besahen die Kinder und spendeten ein Erkleckliches.

Die Baronin Walterskirchen sagte: »Das eine ist ganz groß und dick neben den beiden andern.«

»Des is der Franzl, 's Älteste,« antwortete der Bauer.

Am andern Abend starb das Josefl. Der Vater legte ihn in den Schuppen neben das tote Brüderchen – machte sich auf und wanderte die ganze Nacht, um das kinderreiche Haus seiner Base Evi zu erreichen.

Sie hatte zwar ein Mädelchen gekriegt – schon vor drei Monaten – aber ... wer sah ihm an, daß es ein Mädel war? Für ein Drittel der Summe, die noch einkommen sollte, tat sie mit. Ihr Mann spannte an und fuhr Frau und Tochter und den Vetter Mistl bis knapp vors Dorf. Denn verlassen wollte die Mutter das Mädel nicht; und dann auch wegen der Kontrolle der Spenden ...

So wanderte statt Josefchens, der kalt und starr im Schuppen neben Franzl lag, das Lenchen in die Wiege. Evi, die Mutter, hockte versteckt in der Kammer – und wenn die feinen Damen und Herren gegangen waren, stahl sie sich hervor und tränkte ihr Kind; und zählte das Geld nach, das die Herrschaften zurückgelassen hatten.

Am andern Morgen wär der Schwindel beinah ruchbar worden: zwei Bäuerinnen traten in die Stube – eben, als man die Kinder badete. Zum Glück konnte man das Mädel noch rechtzeitig wegpacken.

»Wie die gedeihn!« sagten die Bäuerinnen. »Nur des aane, des werd immer klaaner. Des macht nit lang.«

Es war der Anders, der nicht lang machte. Er starb tags darauf.

Als es soweit war, verschwand Evi mit ihrer Tochter. Unter dem Hemd in einem Leinensäckchen trug sie ihren Baranteil.

Der Schwager holte in aller Stille seinen Buben heim.

– – – Anders Mistls Drillinge hatten ein wunderschönes Begräbnis.

Der Pfarrer segnete sie auf dem Friedhof noch einmal ein.

Die Dorfleute waren vollzählig da und die Schulkinder. Die Herrschaft aus dem Schloß hatte drei Kränze geschickt und die drei weißen Särgchen bezahlt. Der Graf und die Gräfin kamen angefahren, der Bezirksvorstand, der Richter, der Apotheker und Bürgermeister und fünf Schlitten voll Damen. Wie es Patenkindern des Königs gebührt. Der weißbedeckte Teller feierte noch eine schöne Nachlese.

Dann war es vorbei. Der Pfarrer ging als Letzter der Herrenleute.

»No, Bäuerin,« sagte er, »der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen – der Mensch muß sich in Demut fügen.«

»Hochwürden, ich hätt a Frag,« rief der Anders. »Was werd mit die drei Sparbücheln, wo jetzend die Kinder hin saan?«

»Die erbt natürlich ihr, Mistl, als der Vater.«

»No, nachher is scho gut aa.«

Sie tranken Kaffee und brockten Kuchen ein, die Bäuerinnen, die zur Tröstung blieben. Die Bauern soffen Wein und fraßen Wurst und Speck und rauchten Pfeifen.

»So a schöne Leich is nie nit gewest, seit des Dorf steht,« sagten sie. »Un des Glück! Die Ehr! A Patzen Geld obendrein.« Und gingen dann einer nach dem andern mißgünstig heim.

Der Bauer und die Bäuerin blieben in der Stube.

Der Bauer saß am Tisch, die Bäuerin im Winkel auf dem Schemel. So starrte sie auf die Wiege. Die war nun leer. Eins ums andre hatte sie sterben sehen. Vorgestern, da war doch noch eins von den drei Kindchen bei Leben gewesen ... Zuerst war der Franzl gegangen. Den hatte sie grade am liebsten gehabt; er hatte so schöne blonde Ringellöckchen mit auf die Welt gebracht. Und 's Josefchen hatte sie mit zwei blauen lieben Gluren angesehen. Wenn sie doch wenigstens den Anders hätt behalten dürfen – den Jüngsten, den Schwächlichsten, den Unwichtigsten ... Aber nein: alle drei lagen nun in der kalten Erde.

»Fuchzg Kronen,« sagte der Bauer, »zahlen mir Steuer; vierunddreißig bist 'm Juden schuldig. An Pelz kauf i mir und a Paar Stiebel. Im Frühjahr laß i 's Dach ausbessern und kauf a trächtige Kuh.«

»Alle drei,« dachte die Bäuerin. »Wie s' da in die Sargerln gelegen saan – wie die Engerln. A jeds mit an Kranzl um den Kopf, und die klaan Handerln gefaltet.«

»Un wann mir des kauft ham,« sagte der Bauer, »so bleibt uns noch des Geld auf der Sparkass.«

Und drehte sich nach der Bäuerin um, die hart aufgeschluchzt hatte, und fragte erstaunt, unwillig, verständnislos:

»Aber, Hanni! Was weinst du denn?«

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