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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 122
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Wie ich meinen Glauben verlor

Ich entstamme einer gottesfürchtigen Familie. Urgroßvater und Großvater waren Kapläne. Großmama heiratete später einen Devotionalienhändler, der Aloysius mit Vornamen hieß – Aloysius mit Ypsilon – und ihr in seiner Demut den pfarramtlichen Fehltritt gern verzieh.

Mein Vater wählte klerikal; seine liebste Lektüre war »Das geistliche Jahr« des Freifräuleins Annette von Droste-Hülshoff. Die Werke der Handel-Mazzetti verwarf mein Vater, die schienen ihm zu weltlich.

Überdies habe ich eine Tante, die Christine Pia heißt. Sie hat ein Glasgemälde für Mariazell gestiftet. Onkel Pferdinand, der Trottel, ist darauf als Heiliger Gottfried abgebildet – nur etwas idealisiert.

Tante Christine ist es auch gewesen, die mich erzogen hat. Als ein Himmelsschluß mich ihrem persönlichen Beispiel entrückte, schrieb sie mir lobesame Briefe, worin sie für die häufigsten Wendungen und Wörter Abbreviaturen setzte:

G. s. D. – Gott sei Dank,
hlg. – heilige. usw.

Das ist die Geschichte meiner Jugend.

Und doch: mußte ich plötzlich meinen Glauben verlieren. Das war so:

Eines Abends, ich wohnte damals in Paderborn bei der Witwe Ursula Schlauch – eines Abends also, Mitte Dezember vor zwei Jahren, legte ich mich mit einem innigen Gebet schlafen und schlief, bis ich, wie gewöhnlich, um fünf Uhr morgens erquickt erwachte.

Es war, wie gesagt, Mitte Dezember. Die Stube eiskalt. Die Diele von Stein.

Ich setzte mich im Bett auf, sprach mein Morgengebet, und nun ...

... nun sollte ich aufstehen. Mitte Dezember. Das Zimmer eiskalt. Die Diele von Stein.

Meine irrenden Augen suchten nach den Filzpantoffeln.

Die Filzpantoffeln standen, gut fünf Meter weg von mir, in der andern Stubenecke.

Wenn ich dachte, daß ich diese fünf Meter auf der frostigen Diele zurücklegen sollte, da schauderte mir.

Ich rief nach der Witwe Schlauch – sie war in die Frühmette gegangen.

Ich in dem schönen warmen Bett – die Filzpantoffeln in der andern Stubenecke – und dazwischen fünf Meter Polargebiet.

Wer, wer verhilft mir zu meinen Filzpantoffeln?

Wer anders als Er, zu dem ich bisher immer mit kindlichem Vertrauen aufgeblickt hatte – Er, der die Raben nähret und die Lilien kleidet?

Und ich faltete meine frommen Hände und schickte ein heißes Gebet zum Himmel, worin ich Gott bat, mir meine Filzpantoffeln zu bringen.

»O HErr,« sprach ich, »Dir gehorchen die Sonnen und Sterne, Dir die Stürme und Fluten – Dir kann der kleine Dienst nicht schwerfallen, um den ich Dich anflehe – ich, Dein treuer Knecht, der sein Leben Deiner Lobpreisung geweiht hat.«

Also opferte ich dem HErrn von fünf bis sieben.

Vergebens.

Um einviertel acht kam die Witwe Schlauch aus der Frühmette zurück. Ich schickte sie sofort in die Buchhandlung um Haeckels ›Welträtsel‹.

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