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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 121
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Begegnung mit dem HErrn

Es war auf dem Ozeandampfer, zwischen Amerika und Bremen, in brausender Nacht. Es dröhnten die Orgeln des Windes, der Wogen.

Ich war überreizt durch Demütigung in Spiel und Liebe, durch Streit, Schnaps, tausend Zigaretten. Sprang zornig aus dem Rauchsalon – Sturm riß mir die Tür aus der Hand, schmiß sie ins Schloß.

Ich torkelte, wankte nach dem Achterdeck.

Da war ich allein; allein mit feuchter, rasender Finsternis – Teer und Tauen; Fetzen schwarzen Meeres flogen über mich.

Ich war von Sinnen ... an der Bewußtseinsgrenze ... Die Wissenschaft hat einen unermeßlichen Wortschatz für diesen Zustand.

Nicht in feuriger Flamme aus dem Busch erschien Er mir – sondern in brausender Nacht, auf dem Achterdeck des Dampfers. Zu sehen war nichts – ich fühlte seine Nähe.

»HErr ...« sprach ich – und stockte schon. Wiewohl ich oft im Leben hochgestellten Persönlichkeiten gegenüberstand – einmal sogar Viktor Barnowsky, ohne zu zittern – – ich wußte ihn nicht anzureden.

»Eure Heiligkeit ...« begann ich wiederum und unterbrach mich: »Verzeihen Sie – der Titel kommt ja schon Hochihrem Stellvertreter zu ... sogar ›Herr Direktor‹ scheint mir zu gering, wo doch Barnowsky ... Und Sie sind ja in manchen Dingen mächtiger selbst als Rothschild ... Ich darf übrigens annehmen, daß Sie mir meine Verlegenheit in der Titelfrage nicht übelnehmen ... Sie scheinen ja in diesem Punkt nicht zu tüfteln, wo Sie sich von den französischen Katholiken ›Sie‹ anreden lassen und von den Protestanten ›Du‹ ... Mein Gott (entschuldigen Sie: diesmal war es nur Interjektion –) – wir in Österreich sagen: »Du, Herr Oberst« ... Kurz und gut: erlauben Sie mir allergnädigst, daß ich Sie einfach ›Herr‹ nenne ... Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr geehrt ich mich durch das Zusammentreffen mit Ihnen fühle – wie erfreut ich bin. Ich habe mir schon lange gewünscht, einmal unmittelbar mit Ihnen sprechen zu dürfen. Und auch Ihnen ...

HErr! Kaum jemand wird soviel wie Sie beweihräuchert. Ganze Organisationen in Europa, in Amerika, Asien – in aller Welt loben Sie gewerbsmäßig. Da wird Ihnen vielleicht ein ruhiges Urteil über Ihre Schöpfung willkommen sein.

Immer wollte ich Sie fragen: wozu, HErr, wozu haben Sie gewisse kleine Insekten geschaffen? Ich habe auf Reisen im Südosten viel darunter gelitten – habe nachgedacht und Ihre Teleologie nie ergründen können.

Dann: in Wien die Oberkellner; genügt ein einziger bedienender Kellner nicht?

Die Geschlechtsorgane finde ich nicht zweckmäßig placiert – mir hätten sie etwa anstelle der Brosche besser gefallen. (Ich muß Ihnen, wenn ich schon davon rede, übrigens sehr danken ...)

Dann: die Umdrehung der Erde. Ließe sie sich nicht noch nachträglich etwas bremsen? Ich brauche täglich fünfzehn Stunden Schlaf und komme so gar nicht zur Arbeit.

Mit dem Klima könnten Sie uns Deutschen auch ein wenig entgegenkommen. Wenn Sie zum Beispiel den Golfstrom etwas ablenkten ...? Aber, Gott, was gebe ich Ihnen Ratschläge? Sie wissen ja selbst am besten ...

Wozu überhaupt Franzosen, Deutsche ... die vielen Völker? Ich halte die Sprachenverwirrung für keine glückliche Maßregel. Allerdings, wenn man wieder bedenkt, daß wir alle hebräisch schreiben müßten, sogar Adolf Hitler ...

Sie selbst leiden ja unter der nationalen Abriegelung nicht – Ihre Werke werden immerzu übersetzt und gehen reißend. Vor allem in englischer Sprache; ich habe in Amerika auf jedem Hotelnachttisch Ihre Erinnerungen gefunden, den ersten und den zweiten Band. Wo die Sachen doch nicht aktuell-politisch sind, ein beinah unbegreifliches Autorenglück. Bitte, bitte – jegliche abfällige Kritik liegt mir meilenfern – das Hohe Lied ist sogar wundervoll. Die Irene Triesch liest immer daraus vor – ganz herrlich. Ich habe sie in New York gehört. Sie doch auch –? So eine kleine Schwarze? – Haben Ew. Gnaden übrigens auch die Veden Höchsteigenhändig geschrieben? Abermals: alle Achtung! Stellenweis höchst originell – und anderswo die Dunkelheit ...: man bevorzugt jetzt Dunkles sogar. – Im Koran ... ich fürchte, da wird Ihr damaliger Sekretär, Muhammed, manchmal nicht richtig mitgekommen sein – wie? – Haben Ew. Gnaden die literarische Tätigkeit völlig eingestellt? Man liest nichts Neues mehr von Ihnen ...

Nun, mit der Verbreitung Ihrer Schriften können Ew. Gnaden zufrieden sein. Da muß sich sogar Bonsels verstecken. – Wir irdischen Autoren im allgemeinen haben nichts zu lachen. Es geht uns lausig – mit Respekt gesagt ... Wie wäre es Ew. Gnaden ...? Sie haben sicherlich Einfluß – besonders bei katholischen Verlegern ... Wenn Sie sich ein wenig für mich verwendeten?

Glauben Sie mir: an dem Unglück meines Lebens sind nur die Verleger schuld. Sollt ich einst – lange vor der Zeit – vor Ihrem Richterstuhl erscheinen müssen, werden auch nur die Verleger an meinem frühen Ende ... Bitte, sagen Sie nicht immer ›Weiß schon, weiß schon‹ – lesen Sie lieber, was Tucholsky darüber schreibt!

Ich habe der Verleger sieben gehabt. Mein erster hieß Ferdinand Amico. Sie haben zahlreiche und ziemlich harte Strafen über ihn verhängt – ohne die Tätigkeit des Wiener Landesgerichtes auszuschalten. Als Amico Ferdinand sich vom Weltgetriebe in die Einsamkeit zurückgezogen hatte, meinte man allgemein, er würde nun über die Rätsel Eurer Herrlichkeit nachdenken. Statt dessen klebte er Düten und ging täglich von Drei bis Vier unter Aufsicht eines Wächters spazieren. Man fand in seinem Nachlaß 6000 Exemplare meines Buches, die nicht verrechnet waren. 6000 Stück, HErr! Ich glaube, diese Zahl wird selbst Ihnen imponieren, der Sie mit Einsteinschen Ziffern zu rechnen gewohnt sind.

Der zweite Verleger – auch ihn haben Sie durch Ihren Pleitegeier mehrfach umkreisen lassen – hatte drei Bücher von mir verlegt – verlegt, so daß nicht einmal ich sie mehr finden konnte.

Darauf bewirkten Ew. Herrlichkeit, daß ich einen Berliner Verleger aufsuchte. Erinnern Sie sich? Er fuhr im Auto, das war so groß wie ein Schlafzimmer, und hatte ein rauchendes Torpedo in den Zähnen. Und sagte, meine Bücher könnten nicht als vollwertig literarisch gelten, dazu seien sie denn doch nicht langweilig genug.

Da ging ich zu dem andern, der die Bücher nahm. Als ich meine Zigarette wegwarf, hob er sie geschwinde auf und rauchte sie weiter.

Und der Europäische Verlag in Pankow? Er machte seine Entschlüsse ›abhängig von der nächsten Generalversammlung unsres Aufsichtsrates‹ und bestand doch alles in allem aus Herrn Pniower, einem Kautschukstempel, und einer Schreibmaschine. Letztere war brünett und mies und nannte den Herrn Chef ›ihren süßen Jungen‹. Der süße Junge sprach: ›Ich habe Sie einmal für ein Talent gehalten, doch solche kleine geschäftliche Fehlirrtümer kommen vor.‹

Der letzte ... Bitte, sagen Sie nicht schon wieder ›Weiß schon, weiß schon‹ – lassen Sie mich zusammenhängend erzählen ... Der letzte Verleger also war Menziles. Menziles, genannt Euphrosyne G. m. b. H. Als ich ihm mit Ihrem Zorn drohte, lachte er nur – ihm mußt ich schärfer zusetzen, mit dem Rechtsanwalt.

HErr! HErr! HErr! Tun Sie etwas für die irdischen Schriftsteller! Sie sind ja allmächtig, HErr!

Doch was rede ich? Sie werden wieder eine Sintflut schicken – das Wetter heute deutet ja schon darauf. Was weiter? Noah wird eine Arche bauen und mit Brehms Tierleben eine Reisebuchhandlung eröffnen. Sie unternehmen ja nichts Ernstes gegen die Verleger. Wie?«

Ich horchte.
Horchte gespannt.
Keine Antwort.
Der Sturm brüllte ins Leere.
Da merkte ich, daß Er gegangen war.

– – – Dies meine erste Begegnung mit dem HErrn.

Wahrscheinlich völlig ergebnislos.

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