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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 11
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Landleben

In zahllosen Mitbürgern gärt und glimmt heimlich die Sehnsucht nach dem Lande. Man träumt von einem Häuschen im Grünen – einem Garten mit Blumen – Frieden – Abendläuten – Sonnenuntergang.

Nicht Rousseau hat an diese Rückkehr zur Natur erinnert: es ist Großmutters Erbmasse, Atavismus des dritten, entwurzelten, in die Stadt verpflanzten Geschlechts.

Doch warum nicht gleich auf Bäume klettern? wie der Urpapa?

Hört mich an: Laßt diesen blödsinnigen Durst nach Landluft! Ich bin auf dem Lande aufgewachsen; mein Geburtsort hatte 49 Einwohner; 96 vom Hundert waren Analphabeten; zwei Prozent konnten lesen und schreiben: ich nämlich.

Da bin ich bis zu meinem zwanzigsten Jahr geblieben. Ich kenne das Landleben durch und durch.

Nieder mit Virgil, Georgica, Bucolica! Pfui, Rousseau! Haller und Mörike an die Laterne! – Es muß endlich enthüllt sein – in Wahrheit verhält sich die Sache wie folgt:

Die Natur besteht aus Ameisen und Brennesseln, das Dorf aus Fliegen, Bauern, Kälberdreck.

Das Land ist unbewohnbar. Die Hütten enthalten Wanzen. Die Mauern triefen. Die Türen klaffen. Die Öfen rauchen.

Der Zustand des W. C. allein schon schreit zum Himmel. Es steht weitab vom Haus, einsam auf der Flur. In das Türchen ist ein Herz geschnitten. Dünste zeigen das Wetter an; schlechtes Wetter. – Ich habe versucht, zum Ersatz die Kinderschaukel einzuführen, an die fruchtschweren Zweige des Apfelbaums gebunden; die Erfindung hat sich nicht bewährt. – Zu Reite in Tirol hat man die Kommodität auf den Speicher verlegt; man muß solang mit der Kuhglocke läuten, um die Fußgänger unten zu warnen; trotzdem häufen sich Unglücksfälle.

Ruhe auf dem Land? Haha: die Stiere brüllen, die Kühe muhen, Schafe blöken, Hähne krähen, Hühner gackern – jegliche Art Vieh macht sein Geräusch. – Und die Bauern? Ha! – Und die Balken? Krachen. – Das ist die Ruhe auf dem Land.

Man wähnt, es gebe selbstgezogenes Gemüse auf dem Land. Der Wahn trügt – es gibt kein Gemüse. Selbstgezogene Karotten erreichen im besten Fall Daumengröße; ich habe auch Westenknöpfe erlebt. – Ich habe, mit dem Schweiß des Fleißes auf der Stirn, Spargelbeete von Meilenlänge angelegt, zwölf nebeneinander, wie Eisenbahndämme. Ergebnis: Stricknadeln, nichts weiter. Einmal ernteten wir einen Bleistift; man mußte ihn vor dem Genuß mit dem Hammer schmieden. – Wirklichen Spargel gibt es nur in Büchsen.

Daß auf dem Lande Obst gedeiht, ist häretischer Aberglaube. Nein, Obst gedeiht nicht. Die Pflaumen sehen nur so aus; sind aber sauer, hart, wurmzerfressen und mit Harztropfen behangen. – Die Äpfel sehen nicht einmal so aus; Adam muß ein Rindvieh an Gefräßigkeit gewesen sein – falls er auf dem Lande aufwuchs.

Das Fleisch ist ungenießbar; es besteht aus Sehnen. – Den Hühnern ist das Federkleid unmittelbar an das Skelett gewachsen. Übrigens krepieren die Hühner vorzeitig an Pips; die Gänse werden von Hühnerläusen gefressen, die Enten von den Ratten; nur die Ratten bleiben – Sieger im Daseinskampf.

Die Atmosphäre schneit und regnet. – Lesen Sie doch die Anzeigen der Wetterwarte: täglich seit zwanzig Jahren prophezeit sie wachsende Nässe, Verschlimmerung. Wohin soll es führen? In nochmals zwanzig Jahren?

Malzumal, in den Pausen zwischen zwei Katastrophen, prangt er richtig, der goldne Sonnenuntergang.

Dann breitet sich rosiger Kitsch über die Gefilde – eine kosmische Ansichtskarte. Zum Speien.

Soviel über das Landleben.

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