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Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 109
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
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Dschingiskan

Vor einzwei Jahren tauchte in der Brennessel-Kneipe ein sehr niedliches Blondchen auf, eine Berlinerin. Mit Vornamen Rosemäre; die Schreibweise schwankte; übrigens dachte über die Schreibweise niemand nach.

Das Mädel war lebhaft, gescheit; mitunter witzig; offenbar ein gutes Ding. Sie machte auch kein Geheimnis aus sich – man erfuhr am selben Abend, daß sie Kunstgewerblerin war, Vasenmeisterin. Natürlich noch nicht wirkliche Meisterin, sondern sie studierte erst, bei Höbler.

Ferner trat sie, hieß es, in einem Kabarett auf am Sendlinger Tor, wohin niemand ging – unter einem Pseudonym, mit erotischen Dichtungen – des Erwerbs wegen. Und den Vertrautesten gestand sie eine Klavierstunde ein, sowie französische Nachhilfe bei Kindern. Doch der Maler Zoester, Fachmann in neuer Romanistik, tat ihre Befähigung dazu mit einer wagrechten Gebärde ab, während sich Futterer ungünstig über Rosemäres Musikalität äußerte. Die Berlinerin hatte sich aber nun schon so durchgesetzt, daß ihr auch ihr Familienname nicht mehr schadete: Goldschmidt. Einfach: Goldschmidt.

Eines Abends sah man Sigikahn aufstehen und sich deutlich neben Rosemäre setzen. – Die Unterredung der beiden ist durch mehrere Zeugen überliefert:

»Fräulein,« sagte Sigikahn, »Sie sollen sehr gut zeichnen?«

»Man behauptet es«, antwortete Rosemäre kokett und schlug erwartungsvoll ihre schönblauen Augen auf. – Sie wußte nämlich noch nicht, daß dieser dicke, kleine Kahn ein äußerst verkniffener Bursche war, abscheulicher Gesellschafter, weil er sich stets verkannt fühlte – und ein langweiliger Projektenmacher dazu.

»Sie haben auch,« fuhr er fort, »Liebe zu Kindern?«

»Nun ja ...« meinte Rosemäre ... »warum nicht ...?« Und etwas scheu: »Aber wieso?«

Dadurch war sie aber schon, ohne es zu ahnen, Sigi Kahn verfallen – denn jedem, der einige Geschicklichkeit im Zeichnen bekannte, und Kinderliebe dazu, tischte Sigikahn seine große Idee auf – nachdem man sich hatte durch Schwur und Handschlag zum Schweigen verpflichten müssen – jene Idee, von der er sich die goldensten Berge versprach:

Das Bauspiel; oder: Stereotypische Kinderfibel; oder ...: na, der Name tut ja nichts zur Sache. Sigikahn pflegte die Erfindung mit Zündhölzern zu demonstrieren. Alles in allem sollt es ein Bilderbuch sein, aber nicht mit aufgedruckten Bildern, sondern die Bilder waren auf Karton nur leicht befestigt, man konnte sie herausnehmen und Häuser, Kirchen, Landschaften aufstellen: bei A einen Altar – bei B einen Bauernhof und eine Burg. – Die Zeugen sahen vergnügt, wie Sigi Kahn die Berlinerin heimlich und wichtig in Eid nahm – worauf die bekannte Zündhölzerszene folgte.

Zu allgemeiner Überraschung wandte sich Rosemäre nicht etwa gelangweilt ab und sagte zu Kahn »Sie Idiot« – wie alle bisher getan hatten – nein, sie hörte zu, als würde zum erstenmal das Evangelium gepredigt – zum Schluß aber patschte sie in die Hände und rief:

»Herrlich. Prachtvoll. Da muß ich gleich Herrn Schreiber aufmerksam machen, der sucht so etwas schon lange, was ganz Originelles.« – Es zeigte sich, daß Rosemäre einen Herrn Schreiber kannte, einen Direktor, zahlenden Abnehmer origineller Ideen, den noch niemand entdeckt hatte.

Des ehrfürchtigen Staunens aber war kein Ende, als sich schon abends darauf Sigikahn im Besitz von fünfzig Mark Vorschuß zeigen konnte. Jawohl, zeigen: fünfzig Reichsmark, Serie M, Nummer 5041609; ausgegeben auf Grund des Gesetzes vom 8. August 1924; Berlin, den 11. Oktober. Das Reichsbankdirektorium. Auch ein unterschriebener Vertrag ging von Hand zu Hand – darin waren Sigikahn hohe Prozente zugesichert – und selbst Rechtsanwalt Teisinger, der doch sonst so skeptisch ist, bestätigte, daß es ein sehr guter Vertrag war, von Kahns Seite gesehen.

In der nächsten Woche blieben Kahn-Rosemäre drei Tage weg – dann verschwanden sie ganz – und als sie wieder erschienen, trugen sie Trauringe. Der Wirt der »Brennessel«, Herr Loibl brummte in seinem Baß: »Schad, daß ihrs net ehnder gsagt habts. I hätt d' Hochzeit bei mir ausgricht – 's wär a scheene Reklam gwesen fürs Gschäft.« – Er schenkte ihnen fünf Pfund Wurst in die neue Ehe, die berühmte hausgemachte Wurst, ohne Hufnägel und sonstige Beimischungen, auch eine Flasche Bocksbeutel und einen hübschen Teller.

Die Menage schien sich gut anzulassen. Man vernahm bald von einer Ottomane, die sich Sigikahns angeschafft hätten, und etwas Teppich.

Sigikahn ruhte nämlich nicht. Er suchte sein Schattenspiel hervor. Das berühmte Schattenspiel Sigikahns ›Pierrot und Colombine‹. Hast du's nicht gesehen, war Rosemäre im Ausstellungstheater und hatte das Schattenspiel dem Oberregisseur Dr. Furtinger angedreht. – Gegeben ist ja das Zeug niemals worden, um die Götter nicht zu reizen; aber zweihundert Mark Vorschuß kriegte Sigikahn.

Innerhalb von zehn Monaten hatte Rosemäre angebracht: Sigikahns »Sammlung alter Sprichwörter« bei Kloß & Sohn (sie kannte den alten Kloß persönlich); Sigikahns ›Persische Schwänke‹ im Melpomene-Verlag (wo sie den Prokuristen in einem einzigen Nachmittag so umbog, daß er fünftausend Exemplare voraushonorierte); Sigikahns ›Ausgewählte Gedichte‹ bei der Süddeutschen Dichterehrung (hier beschwatzte Rosemäre den Chef des Aufsichtsrates). – Sigikahn blähte sich kugelrund, zum Platzen. Er redete mit Künstlern überhaupt nicht mehr; nur noch mit Verlegern, mit Rechtsanwalt Teisinger und Professor Schabuschnigg.

Der Rechtsanwalt war Sigikahns Syndikus, mit ihm sprach Rosemäre die Kontrakte durch. Die Verleger kauften Sigikahns Entwürfe auf dem Halm; sogar den Romantorso ›Die Zukünftigen‹, diesen Schwefel. Und Sigikahns ›Balladen‹. Auf die ›Zukünftigen‹ bekam Sigikahn Vorschuß, »damit der Dichter in Ruhe schaffen könne«, sagte Herr Kloß. Die Balladen – zwei Stück – »erwarb« die Konkurrenz, ›Süddeutsche Dichterehrung‹, – es war eine Luxusausgabe geplant, Pergament mit eigenhändigem Namenszug des Dichters.

– – – Wer weiß, in welche Höhen das Glück den dicken Kahn noch trug – wenn er nicht eines Abends die Unvorsichtigkeit beging, sich neben Schabuschnigg zu setzen.

Schabuschnigg ist Reallehrer. Mathematiker. In der »Brennessel« heißt er »der Ornithologe« – nach seinem liebsten Gesprächsthema. Ein Geschlechtsneidhammel. Er hat schon vier Schwabinger Ehen entwurzelt, indem er »sich als Ehrenmann verpflichtet fühlte, dem bedauernswerten Gatten die Augen zu öffnen.«

Sigikahn also setzt sich zu Schabuschnigg, und Schabuschnigg beginnt ihn nach seinen Erfolgen auszufragen. Sigikahn entfaltet knarrend das Pfauenrad.

Sagt Schabuschnigg hämisch: Ja, wer eine so betriebsame Gattin hat ...

Sigikahn darauf: Gewiß, auch ihr gebühre einiges Verdienst ... aber den Fond – den Fond des Ruhmes habe der Künstler eben mitzubringen. Und »Freund Höfle« (der Prokurist) habe vor, Sigikahn für den Nobelpreis vorzuschlagen.

Schabuschnigg mit saurer Lache: Grade Herrn Höfles Freundschaft beziehe sich offensichtlich nur, nur auf die Frau Gemahlin.

Sigikahn widerspricht – harmlos anfangs – dann etwas gereizter – endlich sehr entschieden – bis sich Schabuschnigg wieder einmal »als Ehrenmann verpflichtet fühlt«: er, Schabuschnigg, wisse doch ganz genau, wie der Romantorso ... wie heißt er doch gleich? ... richtig: ›Die Zukünftigen‹ – wie also dieser Roman den Weg gefunden hat in den Melpomene-Verlag; über Kochel nämlich, Hotel »Grauer Bär«.

»Stimmt. Da hat meine Frau den Roman dem Höfle vorgelesen. Sie liest sehr gut.«

»Drei Tage hat sie vorgelesen, Herr Kahn. Dem Herrn Höfle. In Kochel.«

»... Der Roman ist recht lang ...«

»Die Gnädige hat im »Grauen Bären« gewohnt.«

»Ja. Und Freund Höfle beim Fischer am See.«

»Nein, Herr Kahn; auch Höfle im »Grauen Bären«. Im selben Stockwerk. Sogar am selben Flur. Ich war damals in Kochel – ich weiß es. Zimmer 23.«

»Wer – Zimmer 23??«

»Ihr Freund Höfle und Ihre Frau Gemahlin. Zimmer Nr. 23.«

»Unsinn: Sie können doch nicht beide in einem ...«

»Dochdoch. Ich weiß es – ich war damals in Kochel – ich weiß es. Zimmer 23. Beide. Drei Tage – Höfle und Ihre Frau Gemahlin. Dort hat sie ihm ›Die Zukünftigen‹ vorgelesen.«

– – – Sigikahn erhob sich; verschränkte die Hände hinten und ging einmal stumm durchs Lokal.

Dann schrie er: »Nein!! Nein!!« Schrie wie ein Gorilla.

Und lief davon.

Schabuschnigg ist von allen sehr gezankt worden. Es ist aber nicht wahr, daß Zoester ihn verprügelte. Die Ohrfeigen hat Schabuschnigg erst viel später bekommen, gegen halbeins, von Ringelnatz, der zufällig dazukam – eine Ohrfeige von Sinsheimer – achtzehn von Ringelnatz und drei von einem Fremden.

– – – Rosemäre ist noch in der Nacht davon – angeblich nach Berlin.

Sigikahn war sehr unglücklich, sehr. Er hatte Rosemäre doch geliebt. O, viel tiefer geliebt, als man glaubte.

Am ärgsten getroffen war er in seiner Eitelkeit. Er schämte sich zu Tode. – Eine gewisse Frieda, Maschinschreiberin, wohnte unterhalb von Sigikahns; sie erzählt: Tag und Nacht sei Sigikahn durchs Zimmer marschiert, daß die Dielen wankten.

Dann wurde es oben still; Sigikahn schrieb; eine Ode vom Heiligen Sebastian, wie sich später zeigte.

– – – Die Affäre in der »Brennessel« hatte sich Sonntag abgespielt – Dienstag früh kommt Sigikahn ins Büro zu Teisinger. Und erzählt ihm die Geschichte. »Herr Rechtsanwalt,« sagt er, »Sie müssen die Scheidung einreichen.«

Teisinger benimmt sich sehr komisch; ist blaß, rekelt sich verwirrt; findet schließlich den Faden, versucht Sigikahn abzureden – »man dürfe als Künstler ... man sei doch Kulturmensch, nicht Banause ...«

Doch Sigikahn ist bockbeinig. Von Verzeihen und Verstehen keine Rede. Nein, Scheidung. Auf der Stelle: Scheidung.

Dann, sagt Teisinger, soll Sigikahn vielleicht einen andern Anwalt suchen – Teisingern sei peinlich, gegen Frau Rosemäre vorzugehen, die er persönlich hochschätze.

Sigikahn ist verschnupft; billigt aber im ganzen Teisingers Haltung – nimmt Abschied – – – wendet auf der Schwelle plötzlich, schreitet auf Teisinger zu und kuckt ihm scharf in die Augen.

»Sie!« sagt er. »Sie auch.«

Fällt in den Klientensessel, der zu diesem Zweck aufnahmsbereit dazustehen scheint – und heult – heult wie ein Kind.

– – – In dem Klientensessel ist aus Sigikahn Dschingiskan geworden – Dschingiskan, die Gottesgeißel.

Wutschnaubend hat Dschingiskan das Büro verlassen und ist zu Höfle. – Eine Viertelstunde später hatte Höfle alles unterschrieben: von den ›Persischen Schwänken‹ werden nicht fünftausend Stück erscheinen, sondern zwanzigtausend; bis 1. Juli, voraus zahlbar.

In der ›Süddeutschen Dichterehrung‹ trümmerte Dschingiskan ein Regal entzwei. Der Chef des Aufsichtsrats ist schwer verheiratet. Ergebnis: ein Vertrag, ein Schuldschein.

Im Ausstellungstheater – Oberregisseur Furtinger winselte wie ein Hündchen; half ihm alles nichts: das Schattenspiel aufführen oder zahlen; oder Krach. – Furtinger gab Wechsel.

Dschingiskan rast mordend und plündernd durch Europa. Sadistisch quält er, richtet er, vernichtet er seine Feinde.

Dschingiskans Balladen erscheinen noch diesen Monat – in Ballonseide; mit Goldschnitt. Von den ›Ausgewählten Gedichten‹ sind drei Ausgaben vorgesehen: für Liebhaber – für Büchereien – für das Volk.

Beim alten Kloß ist Dschingiskan noch gar nicht gewesen. Den will er als letzten fressen.

Der alte Kloß ist dem Selbstmord nah. Diese Schande – vor der Frau, den großen Söhnen, vor dem Personal! Der alte Kloß hat schon – nur so zur Vorbereitung, um Dschingiskan gnädig zu stimmen – in einem ungemein schmeichelhaften Brief um »die Ehre« gebeten, die »Ode auf den Heiligen Sebastian, sowie die drei nächsten Werke des Meisters in erstklassiger Aufmachung herausbringen zu dürfen.«

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