Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Roda Roda >

Roda Roda und die vierzig Schurken

Alexander Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken - Kapitel 10
Quellenangabe
typemisc
authorAlexander Roda Roda
titleRoda Roda und die vierzig Schurken
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160111
projectid6d74c599
Schließen

Navigation:

Industrie

Wie anders war es doch in alter Zeit!

Mit tiefer Wehmut gedenke ich noch heute eines traulichen Familienbildes: Großpapachen, damals noch ein gar rüstiger Herr, saß, mit einem gestickten Hauskäppchen auf dem Haupt, über der Morgenzeitung – Großmamachen las einen Roman von der Luise Mühlbach – Onkel Kaspar rauchte seine lange Burschenpfeife – und Mutterchen (sie hatte sich eben verlobt) – Mutterchen strickte ein paar weiße Wintersocken für ihren Bräutigam. In der friedlichen Runde aber kreiste die Lichtputzschere, und alle wetteiferten im Schneuzen der anheimelnd flackernden Kerze.

Damals brannte man ja nur Talgkerzen.

Seitdem sind viele, viele Jahre vergangen. Die Technik ist bis in die innerste Häuslichkeit gedrungen – man brennt heute Gas oder Elektrizität.

Wir hatten in unsre alte Wohnung Gas einziehen lassen, aber Großmama wurde nie den Gedanken los, daß es nach Ziegenbock stinkt. Elektrizität wieder kostet eine Menge Geld, wenn man noch nicht darauf eingerichtet ist, und man hört auch so viel von Kurzschlüssen.

Da las Großpapachen in der Morgenzeitung von der Spektral-Multiplex-Biform-Petroleum-Lampe – auch im Krakauer Kalender war sie rühmend erwähnt als etwas wirklich Gediegenes.

Zufällig sah ich bei Beer & Cie. im Schaufenster so eine Spektral-Multiplex-Biform-Petroleum-Lampe brennen und fand das Licht ruhig und sehr hell.

Am nächsten Abend nahm ich meine Käthe mit. Wir sahen uns beide das Ding an. Käthe konnte auch nicht viel dagegen einwenden (obwohl sie sonst gegen alles Einwände findet) – sie war nur mißtrauisch, weil die Lampe patentiert war. Aber es ist doch einfach töricht, eine Lampe, nur weil sie patentiert ist, für schlecht zu halten.

Wir besprachen also die Sache zu Hause. Großpapa, der sehr modern denkt – vielleicht am modernsten von uns allen – Großpapachen war dafür, daß ich zu Beer & Cie. fragen gehen sollte: erstens, wieviel die Lampe koste, zweitens, wieviel Petroleum sie brauche, und drittens wegen einer Garantie auf ein Jahr. Aber schriftlich – das schärfte mir Großpapachen ein.

Bei Beer & Cie. traf ich auf einen Kommis, einen sehr geläufigen jungen Mann. Er fragte mich, ob ich einen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher haben wolle – oder eine Spektral-Multiplex-Biform-Lampe.

Ich sagte: eine Spektral-Multiplex-Biform-Lampe.

Er brachte sie herbei und zündete sie an. Und sprach:

»Unsre von allen europäischen Höfen und den höchsten Fürstlichkeiten durch lobende Anerkennungen ausgezeichnete Spektral-Multiplex-Biform-Lampe hat ihren Namen daher, daß die Flamme, wie Sie sehen, in Form eines griechischen Bi brennt. Man kann sie auf acht Kerzenstärken einstellen – wie jetzt – für Gesellschaften bis zu fünf Personen; oder – so – auf neun Kerzen – für elf Personen, darunter auch Kinder; oder – durch diesen Hebeldruck – auf dreizehneinhalb Kerzen – für Hochzeiten und andre größere Räumlichkeiten. Die Tabelle dazu geben wir kostenlos bei. – Die Lampe wird mit Spektralöl gefüllt, und führen wir selbes gleichfalls. Das Spektralöl kostet zwar um eine Kleinigkeit per Tonne mehr als das beste im Handel befindliche Petroleum, hat aber auch einen um 21,5 Prozent höhern Feingehalt an ölig-chemischen Bestandteilen. Hiefür garantieren wir, und legen wir die Tabelle hiezu gleichfalls kostenlos bei. – Die Lampe selbst berechnen wir Ihnen äußerst mit 23,70 ab hier, und haften wir schriftlich bis zur Überstellung ins Haus.«

Also kaufte ich eine Spektral-Multiplex-Biform-Petroleum-Lampe samt allen notwendigen Nebenbestandteilen.

»Wünschen auch einen Spektral-Multiplex-Biform-Ohrenschützer? – Nein? – Aber einen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher empfehle ich Ihnen unbedingt.«

»Nein«, sagte ich; »wozu brauche ich einen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher?«

»Na, Sie werden schon sehen.«

– – – Am dritten Abend sitzen wir wieder gemütlich beisammen – Großpapa mit seiner Morgenzeitung – Onkel Kaspar mit seiner Pfeife – da sagt meine Käthe plötzlich:

»Sieh nur, die Lampe geht aus.«

Ich rüttelte sie (die Lampe nämlich) – sie war gefüllt. Ich holte die Tabelle, stellte die Lampe auf sechs Personen und drei Kinder ein – sie blakte.

»Vielleicht ist das Multiplex zu stark erhitzt«, sagte Onkel Kaspar – und ich tat ein andres Multiplex an die Biform. – Aus der Lampe hörte man es zornig brausen, und die Flamme fuhr wie eine Schlange aus dem Zylinder.

»Am besten wäre, die Lampe auszulöschen.«

»Ja – ja, löschen wir sie aus!«

Und ich blies. Anfangs ich allein. Dann bliesen Onkel Kaspar, Käthe und sämtliche Kinder. Wir bliesen zuerst ungeregelt und dann auf Kommando. Der Gouvernante flog der Puder vom Gesicht und ein Zopf aus der Frisur – die Lampe brannte.

Da sah man, wie das Multiplex anfing, von obenher langsam in Rotglut überzugehen. Immer tiefer und tiefer. Jetzt und jetzt mußte die Röte den Lampenkörper erreichen.

Und da – erfolgte ein unbeschreiblicher Krach.

Ich habe jene berühmte Kesselexplosion des Donaudampfers ›Radetzky‹ im Hafen von Preßburg mitgemacht, wo der zweite Maschinist hoch in die Luft flog und die Kunde von dem erschütternden Ereignis als erster nach Bruck an der Leitha brachte. Aber ich muß sagen: ich habe zwischen den beiden Explosionen keinen Unterschied bemerkt. Onkel Kaspar wieder, der damals in Preßburg sein Gehör verlor, fand den Knall der Spektral-Multiplex-Biform-Petroleum-Lampe um eine Nuance lauter.

Unsre Fenster waren auf die Gasse geflogen und eine Rauchwolke wallte gen Himmel ... In der Morgenzeitung stand später: die Rauchwolke wäre fünfzehn Stockwerke hoch gewesen – doch das halte ich für etwas übertrieben. Es brannte der Schreibtisch, es brannte das Fußende von Großpapachens Bett – ferner brannte die marmorne Säule unter unsrer gipsernen Bronzebüste von Beethoven.

Wir alle saßen noch betäubt – unfähig, uns zu rühren.

Da hörte man es unten rasseln und blasen: die Feuerwehr.

Und eine Baßstimme vor der Tür:

»Ist es ein Spektral-Multiplex-Biform-Brand – oder ein andrer?«

»Ein Biform –.«

»Na, dann bedeutet es nicht viel.«

Herein trat ein Feuerwehrmann mit einem niedlichen polierten Apparatchen und richtete einen dünnen Strahl auf die Brandstellen. – Im Nu war alles gelöscht.

Dem Feuerwehrmann auf dem Fuß aber folgte der Kommis von Beer & Cie. und sprach:

»Sie haben hier soeben den ausgezeichneten amerikanischen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher in Tätigkeit gesehen, und dürfte derselbe Ihr sehr geschätztes Wohlwollen gefunden haben. Wir erzeugen solche in zwei Größen: a) für eine bis drei Spektral-Multiplex-Biform-Lampen – b) in größerer Ausführung für vier und mehr Lampen.«

»Um Himmelswillen,« rief ich, »sind denn eure Spektral-Multiplex-Biform-PetroIeum-Lampen geradezu aufs Explodieren eingerichtet?«

Der junge Mann lächelte. »In höflicher Beantwortung Ihrer geschätzten Anfrage vom 19. dieses,« sagte er, »erlauben wir uns, Ihnen ergebenst mitzuteilen, daß der Hauptartikel unsres mit dreiundsiebzig Filialen in sämtlichen Ländern und Königreichen vertretenen Welthauses unsre großartigen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher sind. Nur um unsern ausgezeichneten amerikanischen Spektral-Multiplex-Biform-Löschern eine weitere Verbreitung zu sichern, erzeugen wir unsre Spektral-Multiplex-Biform-Lampen, und geben wir selbe an Interessenten zum halben Selbstkostenpreise ab.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.