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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Seit dieser Zeit dauerte der Friede lange unter uns; wir Spanier machten eine Art von Republik aus, in welcher ziemliche Einigkeit herrschte, und unsre beiden Vasallen waren sehr wohl mit unsrer Oberherrschaft zufrieden, weil sie uns einen sehr geringen Tribut bezahlen mußten, und außerdem fühlten sie gar nicht, daß sie uns unterworfen waren. Eine so glückliche Ruhe wurde zuerst durch den Geist der Uneinigkeit unterbrochen, der sich in unsre Gesellschaft einschlich. Wir hatten weder Gesetze noch Verfassung, nicht einmal ein abgeteiltes Eigentum, sondern was wir durch gemeinschaftliche Arbeit gewannen, verzehrten wir gemeinschaftlich; dies einzige war unter uns verabredet, daß wir bei Beratschlagung über ökonomische Geschäfte oder bei künftigen kriegerischen Unternehmungen jedesmal die Stimmen sammeln und weder in der Haushaltung noch im Ackerbau, noch im Kriege etwas tun wollten, wenn es nicht die meisten unter uns gebilligt hätten. So genau wir dies beobachteten, so entstunden doch bald mancherlei Klagen: der eine schalt den andern, daß er zu wenig arbeitete, dieser wollte einen Vorzug haben, weil er mehr arbeitete als jener, und da man sah, daß der Fleißige am Ende nichts mehr hatte als der Faule und daß sich der eine so satt aß wie der andre, er mochte viel oder wenig getan haben, so wurde ein jeder faul, und unsre Ernten litten so sehr darunter, daß ich unsern Untergang besorgte; ich tat deswegen den Vorschlag, ein jeder möchte sich soviel Feld nehmen, als er zu brauchen gedächte, wir sollten die Vorräte und Werkzeuge teilen und ein jeder für sich wirtschaften und sich nach Beschaffenheit seines Fleißes satt essen oder hungern. Man hielt dies allgemein für das einzige Mittel, allen Klagen und aller Gefahr des Mangels abzuhelfen, und wir nahmen die Teilung sogleich vor; die Arbeit unsrer drei Sklaven blieb gemeinschaftlich, sie wurden von uns gemeinschaftlich genährt, und was sie säeten und ernteten, teilten wir untereinander.

Wir glaubten allem Unheile vorgebeugt zu haben, aber nun ging es erst recht an. Der eine hatte ein schlechteres Stückchen Boden bekommen als sein Nachbar und mußte also mehr arbeiten, wenn er ebensoviel ernten wollte; jener war unordentlich, konnte nicht auskommen und fiel seinen Nachbarn mit Borgen beschwerlich; die Nachlässigkeit in seiner Wirtschaft erlaubte ihm nicht, zu gehöriger Zeit wieder zu bezahlen, und der andre, der darauf gerechnet hatte, geriet darüber in Verlegenheit; die Ziegen des einen kamen auf den Acker des andern und fraßen ihm sein Getreide ab; aus diesen und vielen andern Gelegenheiten entstunden Streitigkeiten und Zänkereien, woraus sogar zuletzt Schlägereien wurden. Sobald ein jeder ein abgeteiltes Eigentum bekommen hatte, schien der Geist der Einigkeit von uns gewichen und die Zwietracht unter uns eingekehrt zu sein: Eigennutz, Neid, Bevorteilung, Mißtrauen wuchsen allmählich an. Anfangs riefen die streitenden Parteien den ersten, der ihnen begegnete oder einfiel, zum Schiedsrichter auf, allein in der Länge wollte dies nicht zureichen, denn zuweilen sprachen diese Schiedsrichter aus Parteilichkeit oder Unbilligkeit ein falsches Urteil, zuweilen schien es auch demjenigen, dem es unrecht gab, nur darum unbillig, weil es zum Vorteile seines Gegners ausfiel. Man beruhigte sich also zuletzt fast niemals mehr bei einem solchen schiedsrichterlichen Ausspruche, sondern wandte sich gemeiniglich an mich, weil ich der Älteste unter uns war und mehr Kälte und weniger Affekten als die übrigen hatte. Ich gab mir Mühe, dies Vertrauen immer mehr zu verdienen, und vorzüglich suchte ich einem jeden die Billigkeit meiner Entscheidungen so begreiflich zu machen, daß ich endlich der Richter aller Streitigkeiten wurde, und aus Vertrauen unterwarf man sich ohne Weigerung meinen Aussprüchen, als wenn ich das Recht gehabt hätte, sie zur Befolgung derselben zu zwingen.

Der Unterschied der Kräfte, des Fleißes und der Leidenschaften erzeugte unter uns sehr bald Arme und Reiche: ein Reicher hieß bei uns, wer mehr Ziegen und Getreide, bessere Milch und besseres Fleisch hatte und also mehr und besser aß als der andre. Da es einem jeden freistund, soviel Erdreich zu bearbeiten, als ihm beliebte, so wurde die Ungleichheit des Eigentums eine neue Quelle des Reichtums und der Armut und eine neue Quelle zur Uneinigkeit, zum Neide, zum Mißtrauen. Der eine bekam Lust zu einer Ziege, die einem andern gehörte, oder es war ihm bequemer, ein Stück von dem Acker des andern zu besitzen, und wir tauschten und vermieteten aneinander; der Faule, der Unordentliche vertauschte seine Ziegen gegen Getreide oder versprach demjenigen, der ihm Brot in der Not vorstreckte, einige Tage Ackerarbeit dafür oder überließ ihm die Nutzung seiner Ziegen auf einige Zeit, und da allmählich die Gewohnheit unter uns einriß, daß man ein solches Versprechen nicht hielt oder leugnete, so entstund hieraus neues Mißtrauen, und es geschah kein Tausch, kein Vertrag ohne Zeugen, welches ich abermals sein mußte, und sonach war die ganze richterliche Gewalt in meinen Händen, ich entschied Streitigkeiten und gab allen Verträgen durch mein Zeugnis Gültigkeit und übte meine Gewalt ohne Zwang, durch bloße Autorität mit so gutem Erfolge aus als ein Justizrat in Spanien.

Was sagst du zu uns, Robinson? Hat der einzige Einfall, einem jeden ein besonders Eigentum zuzuteilen, nicht ganz andre Menschen aus uns gemacht und wichtige Veränderungen in unsrer kleinen Gesellschaft hervorgebracht? Nur Geduld! Die Veränderungen werden noch mehr zunehmen. Was unsre wachsende Verderbnis am meisten beweist, ist der Verfall meines richterlichen Ansehens; die Feindseligkeit und die Abneigung nahm so gewaltig überhand, daß viele schlechterdings sich meinem Ausspruche nicht mehr unterwerfen wollten, wenn ich ihnen unrecht gab, sie wollten ihren Eigensinn mit Gewalt durchsetzen. Der Betrogne, welchem der Betrieger die zuerkannte Ersetzung des Schadens nicht leistete, schaffte sie sich selbst, nahm diesem eine Ziege, ein Stück von seinem Ackergeräte hinweg, und gemeiniglich entschieden die Fäuste, wer Verlust leiden oder recht behalten sollte. Ich sahe mit Betrübnis eine gänzliche Zerrüttung unsrer Gesellschaft voraus, wenn wir dem Übel nicht beizeiten vorbeugten; jede Kleinigkeit veranlaßte zuletzt Schlägereien, und da jede Groll und Erbitterung unterhielt und vermehrte, so waren wir in Gefahr, uns in Parteien zu teilen und durch innerliche Kriege selbst aufzureiben. Einige Gutgesinnte, die hierinne meiner Meinung waren, vereinigten sich mit mir, um die Eigennützigen, die ein getanes Versprechen nicht halten oder einen zugefügten Schaden nicht ersetzen wollten, mit gewaffneter Hand dazu zu zwingen. Wir wurden die Beschützer der Gerechtigkeit: wem Unrecht geschehen war oder wer nicht zu seinem Rechte gelangen konnte, der wandte sich an uns und ersuchte uns um unsern Beistand, der auch soviel wirkte, daß man sich vor uns fürchtete und von selbst gerecht und billig handelte, um nicht dazu gezwungen zu werden.

Da die Beschwerden zu sehr anwuchsen und unsre Entscheidung und Beschützung zu oft nötig wurde, so verursachte uns dies sehr viele Abhaltung von unserer Wirtschaft, und wir setzten deswegen gewisse Tage aus, wo wir das Amt eines Richters und Beschützers pflegen wollten. Aus Erkenntlichkeit gaben uns die Beschützten einen Teil von der Sache, die der Streit betraf, oder arbeiteten dafür, daß wir ihnen zu ihrem Rechte verholfen hatten, einen oder etliche Tage auf unsern Äckern. Wir fanden es unbillig, daß auf diese Weise der Beleidigte oft mehr verlieren oder sich versäumen sollte als der Beleidiger, und kamen deswegen miteinander überein, daß uns jedesmal derjenige, der dem andern einen Schaden zufügte oder ihn auf eine andre Art beleidigte, eine Strafe erlegen müßte, die wir als eine Vergütung für unsre Versäumnis annehmen wollten. Wir entwarfen daher ein Verzeichnis der Beleidigungen und Vergehungen, die unter uns nach unsern Umständen stattfanden, und bestimmten für jede eine schickliche Strafe, die zur Hälfte an den Beleidigten, zur Hälfte an uns bezahlt wurde und in Ziegenmilch, Ziegenfleisch, Getreide, Brot, Weintrauben oder andern Lebensmitteln bestand. Freilich wollten sich nicht alle diesen Gesetzen unterwerfen, sosehr sie auch zum Besten unsrer Gesellschaft abzielten; es war also nichts als Zwang zu gebrauchen, und wir übrigen, die wir sie angenommen hatten, nötigten die Widerspenstigen in jedem vorkommenden Falle mit Gewalt zur Erlegung der bestimmten Strafe oder nahmen ihnen ihre Gerätschaft und ihre Vorräte so lange weg, bis sie sich zur Bezahlung verstunden. Dadurch wurde unsre Versäumnis und unsre Arbeit noch immer größer, und wir verlangten daher, da wir aus Liebe für die Wohlfahrt der Gesellschaft so vielen Schaden litten, daß uns jedes Mitglied versprechen sollte, jährlich gewisse Tage auf unsern Feldern zu arbeiten; die meisten verstunden sich zu diesen Frondiensten und zeichneten sogar einen Fleck Erdreich für uns aus, das sie uns bestellen und wovon sie das Eingeerntete in unsre Wohnungen bringen wollten.

Ich freute mich ungemein über diese kleine Gesetzgebung, die größtenteils mein Werk war, und über die Ordnung und Ruhe, die ich davon in unsrer Gesellschaft erwartete; diese schöne Erwartung wurde plötzlich durch einen Zufall, aber nur auf kurze Zeit, unterbrochen.

Die Wache, welche wir gewöhnlich auf den Felsen bei der Wohnung ausstellten, berichtete uns an einem Vormittage, daß sie in einigen Gegenden der Insel große Feuer und etliche Haufen nackte Menschen erblicke. Wir konnten nichts anders daraus schließen, als daß die Wilden einmal gelandet sein müßten, und eilten deswegen alle auf den Felsen, um uns genauer davon zu belehren. Wir hatten richtig vermutet: es waren zween große Truppe, die wahrscheinlich einmal eine grausame Siegesmahlzeit halten wollten, allein sie mußten Feinde sein und sich zufälligerweise hier getroffen haben, denn sie setzten sich in Bereitschaft, als wenn sie ein Treffen liefern wollten. Es dauerte nicht lange, so gingen sie aufeinander mit wüstem Geschrei los, Pfeile regneten auf beiden Seiten unter sie herab, viele stürzten zur Erde, und die übrigen gerieten ins Handgemenge, wo sie sich mit großen steinernen Äxten die Köpfe spalteten und so wütend kämpften, als wenn keiner mit dem Leben davonkommen sollte. Nach einem so erbitterten Streite von einigen Stunden fing die eine Partei an zu weichen; vorher behauptete ein jeder hartnäckig den Fleck, wo er stund, und ließ sich lieber in Stücken zerschlagen, als daß er einen Fuß zurückgezogen hätte; doch itzt rennten einige nach dem Meere, vermutlich um sich in ihre Kanots zu werfen, andre liefen tief ins Land hinein, um sich in den Wäldern vor den Feinden zu verbergen, die ihnen aus allen Kräften nachsetzten und sie vermutlich zu Kriegsgefangenen machen wollten. Fünfe nahmen ihren Weg gerade auf unsre Wohnungen zu, und wir stiegen sogleich von dem Felsen herunter, um uns im Notfalle zu verteidigen; gleichwohl hielten wir es für klüger, den Angriff abzuwarten und uns verborgen zu halten, damit sie gar nicht erführen, daß hier Menschen wohnten, allein wir änderten bald unsern Plan. Da sich die fünf Flüchtlinge in dem Gebüsche versteckten, das unsre Wohnungen umgibt, und da keiner von den Nachsetzenden sie weit verfolgte, so beschlossen wir aus dem Zufalle Partie zu ziehn und uns dieser fünf Wilden zu bemächtigen, damit sie nicht nach ihrer Zurückkunft bei ihrer Nation unsern Aufenthalt verrieten und uns vielleicht einen gefährlichen Krieg verursachten. Um indessen keine Gewalttätigkeit zu gebrauchen, schickten wir Franzens Vater an sie ab, der sie fragen mußte, ob sie sich uns als Sklaven ergeben und für den nötigen Unterhalt dienen wollten; wir übrigen schlichen um sie herum, um ihnen im Falle der Weigerung die Flucht zu verwehren. Sie glaubten, daß es einer von ihren Feinden sei, der sie zu Kriegsgefangenen machen wollte, und flohen vor ihm; desto mehr erschraken sie, als sie nach einigen Schritten in unsre Hände fielen und auf keiner Seite weiter konnten, weil wir sie sogleich umzingelten. Der Alte mußte seine Frage noch einmal wiederholen, und sie ergaben sich uns; wir ließen sie zwar täglich durch unsern Dolmetscher versichern, daß sie nicht von uns gespeist werden sollten, wie sie immer befürchteten, allein man konnte ihnen doch lange nicht ausreden, daß wir sie mästeten, um uns mit ihrem Fleische zu laben.

Wir machten die Einrichtung, daß diese neuen Sklaven unsrer ganzen Gesellschaft angehören und bei einem jeden unter uns nach der Reihe und tagweise arbeiten sollten; die Ordnung wurde durch das Los bestimmt, und Franzens Vater machten wir zu ihrem Aufseher. Sie ließen sich sehr gut an, und wir erlaubten ihnen, nicht weit von unsern Wohnungen sich Hütten anzulegen, ein Stück Boden umzuarbeiten und ihr eignes Brot darauf zu bauen, damit uns ihr Unterhalt nicht zur Last fiele, und damit sie Zeit zur Bestellung ihres eignen Ackers und zur Erzeugung der andern Bedürfnisse übrigbehielten, ließen wir ihnen wöchentlich einen Tag frei. Waren wir nunmehr nicht große Herren geworden? Die beschwerlichsten Arbeiten mußten die Wilden für uns verrichten; wir hatten Muße und konnten unsre Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Künste wenden, in welchen wir nicht weitergekommen waren als du; wir hätten auch zuversichtlich einen großen Fortgang darinne gemacht, wenn uns Krieg und Wachsamkeit gegen unsre Feinde nicht die Zeit dazu wegnahmen.

Du wirst dich wundern, woher wir schon wieder Feinde bekommen? Die drei Engländer, die bisher unsre Knechte gewesen waren, wurden es abermals. Während daß die Neugierde uns alle auf dem Felsen versammelte, um dem Treffen der Wilden zuzusehn, nützten jene unsre Abwesenheit und entflohen. Wir besorgten, als wir sie vermißten, daß sie vielleicht sich zu den Wilden geschlagen und ihnen unsern Aufenthalt entdeckt haben möchten; jeden Tag fürchteten wir, daß sie mit ihnen zurückkommen und uns bekriegen würden, um ihr altes mißlungenes Projekt auszuführen, doch unsre Furcht war vergeblich. Ebensowenig wurden unsre beiden Vasallen von ihnen beunruhigt; wir wußten lange Zeit nicht, wohin sie gekommen waren, gleichwohl mußten wir beständig auf der Hut sein. Nach vielen Wochen, als sich unsre Wachsamkeit schon sehr verminderte, kamen auf einmal die beiden Engländer, unsre Vasallen, atemlos zu uns gelaufen und berichteten uns, daß ihre Landsleute sie rein ausgeplündert, ihnen allen Vorrat und alle Werkzeuge weggenommen hätten und damit in den Wald geflohen wären, doch ohne ihren Wohnungen und Feldern den mindesten Schaden zuzufügen; zu unsrer größern Verwunderung setzten sie noch die Nachricht hinzu, daß sie Weiber bei sich gehabt hätten. Wir konnten nichts anders vermuten, als daß sie auf dem festen Lande gewesen waren und sich auf unserer Insel ebenso niederlassen wollten wie wir; dawider hatten wir nicht das geringste einzuwenden und wollten gern als ruhige Nachbarn mit ihnen auf einem Erdklumpen wohnen, wo Raum genug für uns alle war; das einzige beunruhigte uns nur, daß wir nicht wußten, ob sie ebenso friedlich dachten wie wir. Aus dieser Ungewißheit wurden wir lange Zeit nicht gerissen, und zu Vermehrung derselben kamen einige Nächte hintereinander unsre Vasallen nicht mehr zu uns, die bisher jeden Abend mit dem Ackergeräte, das sie sich neu angeschafft hatten, zu uns kamen und bei uns schliefen, weil sie sich nicht getrauten, in ihren Wohnungen allein zu bleiben. Einige von den unsrigen gingen bewaffnet aus, um sich nach der Ursache des Außenbleibens zu erkundigen, und fanden Wohnungen und Felder leer, doch ohne eine Spur von Verwüstung. Nun waren die Umstände noch rätselhafter: sie konnten verräterischerweise zu ihren Landsleuten übergegangen oder auch entführt und zu Sklaven gemacht worden sein. Sosehr uns diese Ungewißheit drückte, so wollten wir doch den Frieden nicht zuerst brechen, sondern lieber einen Angriff abwarten.

Einige Tage darauf verlor sich auch einer von unsern Leuten, und nach allen Anzeichen zu urteilen, mußte er aus dem Bette gestohlen worden sein. Die Sache wurde immer ernsthafter, und wir suchten uns durch List Gewißheit zu verschaffen; einer von uns mußte sehr spät des Abends auf dem abgelegensten Acker arbeiten, und achte stellten sich in das Gebüsche in den Hinterhalt. In der Dämmerung langten wirklich zwei Engländer an, vermutlich um eine Wohnung zu bestehlen, denn da sie den Arbeitenden gewahr wurden, merkten wir, daß sie ihren Plan änderten und unter sich verabredeten, wie sie ihn wegkapern wollten. Sie fielen ihn von zwo Seiten an, warfen ihn nieder und drohten ihm mit dem Tode, wenn er nicht im guten folgte; er versprach, mit ihnen zu gehn, und indem, sie abwandern wollten, brachen wir aus unserm Hinterhalte hervor und ergriffen den einen, der andre wurde uns zu zeitig gewahr und flüchtete. Wir setzten ihm nicht nach, sondern begnügten uns damit, daß wir einen in unsrer Gewalt hatten, der uns von unserm Kameraden und unsern Vasallen Nachricht geben konnte.

Unsre erste Frage an ihn war, wie sie zu den Weibern gekommen wären, und er gestund uns ohne Weigerung, daß sie den Wilden auf der Insel gegenüber sie gestohlen hätten. – ›Als die Wilden neulich hier ein Treffen hielten‹, lautete seine Erzählung, ›befreiten wir uns aus der Sklaverei, in welcher wir bei euch leben mußten, ersahen unsern Vorteil und entwandten den streitenden Wilden ein Kanot, das wir im Gesträuche an einem abgelegenen Orte verbargen. Als sie die Insel verlassen hatten, machten wir uns in dem geraubten Kanot auf den Weg und ruderten getrost dem Lande zu, um von den Einwohnern mit List oder Gewalt Lebensmittel zu erobern. Als wir landen, sehn wir drei nackte Mädchen nicht weit vom Ufer sitzen, die sehr ernsthaft mit einem spitzigen Holze Wurzeln ausgraben. Wir hatten seit Jahr und Tag keine Weibsperson gesehn und kamen auf den Einfall, sie zu fangen und mit uns zu nehmen, zu unsern Sklavinnen zu machen und mit ihnen hier auf dieser Insel zusammen zu wohnen. Wir überfallen sie, haschen sie glücklich und bringen sie ebenso glücklich in unsre Kanots. Nach unsrer Herüberkunft suchten wir uns einen Platz nicht weit vom Ufer zu unsrer Wohnung aus, stahlen unsern beiden Landsleuten ihre Instrumente, damit wir uns Hütten bauen konnten, da wir vorher in einer Höhle wohnen mußten. Unsre Mädchen haben hier die Wurzel gefunden, die sie ausgruben, als wir sie fingen, und die sehr wohlschmeckend ist, damit nähren wir uns, haben uns Hütten gebaut, fangen Fische und Schildkröten und leben mit unsern Sklavinnen in so gutem Vernehmen, daß wir der Insel eine starke Bevölkerung prophezeien. Wir wollten gern Brot bauen, und weil uns die Ackerarbeit zu beschwerlich war, entführten wir unsre beiden Landsleute und einen Spanier und drohten ihnen so lange mit dem Tode, bis sie versprachen, uns zu dienen und alle saure Arbeit für uns zu verrichten. Ich bin seitdem wieder auf einer andern Insel gewesen, wo ich sehr gute Leute fand, die mir für zwei alte Nägel eine große Menge Lebensmittel von allerlei Art zukommen ließen. Wir haben diesen Verkehr fortgesetzt: sie kommen herüber zu uns und holen Ziegenfleisch von uns, das sie auf ihrer Insel nicht haben, und geben uns dafür Früchte und Wurzeln; wenn wir etwas von ihnen benötigt sind, fahren wir zu ihnen und holen uns, was wir brauchen. So leben wir, und so werden wir leben und eher sterben, als uns von euch daran hindern lassen.‹ –

Als er seine Erzählung geendigt hatte, versprachen wir ihm einmütig, daß wir sie nicht im mindesten in ihrer angefangenen Lebensart hindern wollten, wenn sie sich als ruhige und friedliche Nachbarn gegen uns verhielten. Um unsrerseits zu einem guten Vernehmen so sehr als möglich die Hand zu bieten, ließ ich mich nebst sieben Spaniern von ihm zu dem Orte führen, wo seine Kameraden wohnten, und tat ihnen den Vorschlag, daß sie uns gegen unsern Gefangenen den Spanier und die zwei Engländer, die sie entführt hatten, zurückgeben sollten; sie weigerten sich und wollten nur einen Mann dagegen auswechseln; da ich ihnen mit Gewalt drohte und meinen Gefährten Befehl gab, das Gewehr auf sie zu richten, im Falle daß sie auf ihrer Weigerung noch länger bestünden, so gaben sie nach und versprachen, sie alle auszuliefern, wenn wir ihnen zween andre Leute dafür schafften, die ihren Acker bestellten, denn sie könnten sich schlechterdings mit so saurer Arbeit nicht beschäftigen. Wir beharrten standhaft auf unsrer Forderung, und weil sie kein ander Mittel sahen, wichen sie unsrer Übermacht und lieferten uns alle drei Entführte aus. Nach geschehener Auswechslung ermahnte ich sie zu guter Nachbarschaft und versprach ihnen im Namen meiner ganzen Gesellschaft, daß wir sie nimmermehr beunruhigen, stören oder bekriegen würden, wenn sie uns das nämliche angelobten; sie taten es, und wir schieden in Frieden voneinander. Deswegen waren wir immer noch nicht völlig sicher, denn die faulen Geschöpfe ließen ihren Ackerbau lieber ganz liegen, als daß sie selber Hand anlegten, und wir mußten daher in unaufhörlicher Sorge sein, daß sie einen neuen Menschenraub an uns verüben würden; zu unserm Glücke verhielten sie sich ruhiger, als wir erwarteten.

Desto schlimmer waren ihre Weiber daran: da sie durch einen Raub in die Hände ihrer Männer gekommen und von einer ganz andern Nation waren und noch ganz die Einfalt und Rohigkeit der Natur hatten, so wurden sie als wirkliche Sklavinnen gehalten. Eigentliche Liebe fand bei einer so großen Ungleichheit nicht statt, wiewohl die wilden Kerle ihrer auch nicht fähig waren; ihre Liebe war also bloße Brutalität, ohne Achtung und Freundschaft, und die armen Geschöpfe mußten folglich die Lasttiere ihrer Männer sein, mußten alle Arbeit verrichten und wurden mit Schlägen und durch harte Begegnung zum Fleiße gezwungen. Sie waren zu schwach und zu furchtsam, um sich zur Gegenwehr zu stellen, und gerieten dadurch bei diesen herrschsüchtigen Barbaren in noch größre Verachtung: sie mußten Wurzeln ausgraben, Weintrauben und andre Früchte sammeln, den Acker bestellen, die Ziegen abwarten, das Essen machen und ihre Männer bei Tische bedienen; bei jeder Arbeit hatten sie einen zur Aufsicht, der anordnete und strafte, ohne eine Hand anzulegen; hatten sie nichts zu tun oder waren ihre Männer abwesend, so wurden sie in eine Höhle gesperrt, damit sie nicht entfliehen sollten und keiner von den übrigen Bewohnern der Insel sie entführen konnte. Ihr Ackerbau schlief ganz ein, weil sie keine Aufmerksamkeit darauf wandten und mehr Lust zum Herumschweifen hatten; auch konnten sie durch ihr Verkehr mit den Wilden Nahrungsmittel genug bekommen, und außerdem fanden sie auch einen andern Weg, zu Getreide und Brot ohne Ackerbau zu gelangen. Da ihnen der Mädchenraub schon einmal so gut gelungen war, so führte sie ihr Handelsgeist auf den Einfall, diese Räuberei zu einer Handlungsquelle zu machen: sie stahlen also Mädchen auf den benachbarten Inseln und vertauschten sie an unsre beiden Vasallen gegen Brot, Milch, Ziegenfleisch, und ehe wir uns dessen versahen, schlich sich dieser Handel auch unter einigen Spaniern ein; die Ältesten unter uns widersetzten sich mit mir einem solchen Verkehr, allein unser Ansehn half nichts, und wir mußten einen gefährlichen Aufstand und vielleicht gar eine schädliche Trennung befürchten, wenn wir zu hartnäckig widerstunden. Der Handel hörte nicht eher auf, als bis ein jeder gehörig versorgt war, und dann trieben die unverschämten Menschenräuber ihr Gewerbe auch mit wilden Mannspersonen, die sie an ihre beiden Landsleute und an die unsrigen als Sklaven verhandelten. Doch muß ich den Spaniern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie mit ihren Weibern besser umgingen: sie foderten zwar alle Arbeit und alle Dienste einer Sklavin von ihnen, aber es kam doch nie zu Mißhandlungen, mit ihrer Liebe war schon ein Grad von Achtung verbunden; einige unter diesen jungen Wilden, die etwas offnere Köpfe und mehr Annehmlichkeiten hatten als die übrigen, brachten es sogar so weit, daß sie ihre Männer regierten, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Die einzige Beschwerlichkeit, die sie sehr drücken mußte, war die beständige Einsperrung, in welcher sie jeder hielt, teils damit sie nicht entwischten und Gelegenheit fänden, zu ihrer Nation zurückzukommen, teils aus Eifersucht, damit sie nicht zu einem andern gingen, welches sehr leicht geschehen konnte, da sie weder Sitten noch Wohlanständigkeit noch Tugend kannten.

Dieser Zeitpunkt der Ruhe und des Friedens war uns in vieler Rücksicht nützlich. Wir hatten Sklaven, die unsern Acker, unsre Viehzucht und die übrige Wirtschaft besorgten; viele unter uns hatten Weiber, die das Hauswesen führten, und wir wandten die Muße, die wir dadurch erlangten, zur Verbesserung unsrer Handwerke und Künste an. Dazu kam noch ein andrer Sporn des Fleißes: wir hatten die Bekanntschaft der Wilden gesucht, mit welchen die drei Engländer handelten, und waren auch mit ihnen in Verkehr geraten, und sie bekamen eine so gewaltige Neigung zu unserm Getreide und unsern Tischen, Stühlen, Betten, Gefäßen und andern Arbeiten, daß wir nicht genug fertigen konnten, um ihre Nachfrage zu befriedigen, und für alles, so unvollkommen es auch war, bezahlten sie uns mit Wurzeln, Fischen, Schildkröten, Früchten, was und wieviel wir von jedem verlangten. Ihre Neigung wuchs desto stärker, da wir alle unsre Kunstwerke mit mancherlei bunten Erden und besonders mit dem glänzenden Safte einer Frucht bestrichen, welches unsre Käufer so sehr entzückte, daß sie sich oft um einen elenden roten Stuhl oder Löffel zankten und daß immer einer den andern überbot. Wir nahmen an unserm Ackerbau und an unsrer Industrie augenscheinlich wahr, was für ein mächtiger Antrieb des Fleißes die Ausfuhr ist: wir arbeiteten mehr und besser und sannen täglich auf neue Erfindungen, Verbesserungen und Verschönerungen. Dadurch fiel aber der Handel der drei Engländer beinahe ganz, denn die Wilden kauften lieber bei uns, da wir eignen Ackerbau hatten und ihnen das Getreide wohlfeiler geben konnten als die Engländer, die es erst von uns bekamen; mit dem Menschenhandel verdienten sie auch nichts mehr, obgleich einige Habsüchtige unter uns ihre Sklaven außerordentlich vermehrten, um desto mehr Getreide bauen und desto mehr gewinnen zu können. Viele bekamen dadurch eine Menge Viktualien auf den Hals, die ihnen meistenteils verdarben; die Engländer, die auf unser Handelsglück schon längst neidisch waren und schlechterdings nicht selbst arbeiten wollten, kamen auf den Einfall, die Waren, die wir von den Wilden eintauschten, und unser Getreide zu verführen: die Wagehälse taten mit ihrem Kanot ungeheure Reisen zu weitentfernten Inseln, setzten dort unsre Sachen ab und brachten uns dafür viele Früchte, Tiere und andre Dinge mit, die wir auf unsrer Insel nicht hatten. Dadurch verloren wir freilich einen großen Teil des eignen Handels, denn die Wilden ließen sich unsre Waren lieber von den Engländern bringen und ersparten sich den Weg zu uns; allein wir büßten im Grunde nichts dabei ein, denn wir waren immer Herrn des Preises, wenn man es einen Preis nennen will, und die drei Engländer hatten eine Beschäftigung, gewannen ihren Unterhalt und fielen uns daher weder durch Stehlen noch Krieg beschwerlich.

Auf diese Weise war in unsrer Insel Ausfuhr und Einfuhr, inländischer und auswärtiger Tauschhandel entstanden; unsre beiden Vasallen folgten dem Beispiele ihrer beiden Landsleute, tauschten ein Kanot von den Wilden und taten damit weite Reisen, um neue Handelswege zu entdecken.

Welch gewaltige Veränderungen brachten alle diese Umstände in unsrer kleinen Gesellschaft hervor! Welche neue Ungleichheit und welche neue Leidenschaften! Als ein jeder unter uns ein abgeteiltes Eigentum bekam, machte Fleiß und Faulheit, Habsucht und Genügsamkeit, daß der eine mehr erbaute und mehr Erdreich sich zueignete als der andre; itzt gab es Herren unter uns, denen fünf oder sechs Sklaven gehorchten, und andre, die kaum einen oder zwei hatten, weil sie aus Unfleiß oder Ungeschicklichkeit gleich anfangs nicht genug erwarben, um mehrere eintauschen zu können, und da dieser Unfleiß oder diese Ungeschicklichkeit noch immer fortdauerte, so wurden sie immer ärmer, je reicher jene wurden. Aus dieser täglich zunehmenden Ungleichheit des Vermögens erwuchs Neid, Unzufriedenheit, Verleumdung, Stolz, Geiz, Eigennutz; ein jeder war wider den andern, ein jeder suchte den Vorteil des andern zu schmälern; die Reichen fühlten ihre Obermacht, verachteten die Armen und gingen hart mit ihren Sklaven um; unser Richteransehn geriet in Verfall, weil wir zu schwach waren, unsre Aussprüche mit Zwang durchzusetzen; man hielt sein Wort, sein Versprechen und war gerecht, bloß, wenn man befürchtete, seinem Vorteile zu schaden, oder wenn der andre so mächtig war, daß man Rache von ihm besorgen mußte; der eigne Nutzen und die Furcht, ihm Eintrag zu tun, war die allgemeine Triebfeder der Billigkeit und Unbilligkeit. Die Veranlassungen zu Streitigkeiten vermehrten sich, weil ein jeder itzo mehr Eigentum, mehr Betriebsamkeit und folglich mehr Gelegenheiten hatte, den Nutzen des andern mit Vorsatz oder von ohngefähr zu hindern; aber weil ein jeder dem andern so leicht schaden konnte, so schonte man sich auch wechselsweise und wurde behutsam, daß man sich nicht in Streit verwickelte. Da niemand eine Macht über sich hatte, die ihn zwingen konnte, ihre Entscheidung anzunehmen, so machte ein jeder seine Sache selbst aus; der gekränkte Teil nahm seine Sklaven zusammen und zog wider den Beleidiger zu Felde, brach in seine Wohnung, plünderte sie oder nahm etwas von dem Seinigen in Verwahrung, bis sich der andre zu einem Vergleiche verstund. Mir blutete zuweilen mein Herz, wenn ich diesen Unruhen zusehn und jeden Augenblick erwarten mußte, daß die Mitglieder unsrer Gesellschaft ihre Hände mit dem Blute ihrer Mitbrüder färbten; man errichtete Bündnisse gegeneinander, und nicht selten kam es zu Tätlichkeiten.

Unsre Gesellschaft hätte sich notwendig in verschiedene Haufen zerteilen müssen, oder sie hätte sich durch diese Feindseligkeiten selbst vernichtet, wenn nicht eine allgemeine Gefahr dazwischengekommen wäre, die uns alle vereinigte, um einem gemeinschaftlichen Feinde zu widerstehen. Die Wilden der benachbarten Insel, welchen die drei Engländer so viele Mädchen, Weiber und Mannspersonen gestohlen hatten, waren auf einmal dahintergekommen, wer diese Räuberei an ihnen beging. Sie waren sehr vielfältig bei unsrer Insel gewesen, um mit uns zu handeln; allein durch die beständige Einsperrung, worinne die unsrigen ihre Weiber hielten, verhinderten wir, daß keine ihren Landsleuten zu Gesichte kam, dies geschah itzo zum ersten Male durch die Schuld unsrer beiden Vasallen. Der Handelsgeist, der sie zu allen Inseln der Nachbarschaft herumtrieb, hatte sie zu weit entfernt, sie blieben zu lange außen, und der Unterhalt, den sie ihren Weibern zurückgelassen hatten, war verzehrt; vom Hunger gezwungen, arbeiten sich diese armen Geschöpfe aus ihrem Gefängnisse heraus, das sie sonst aus Furcht nicht verließen, laufen an das Ufer und werden in einem Kanot einige von ihren Landsleuten gewahr, die bei uns Waren geholt haben. Sie schreien ihnen zu, die Wilden nehmen sie auf, erfahren von ihnen, wie sie geraubt und wie sie von ihren Männern gehalten worden sind. Nach ihrer Zurückkunft vereinigt sich sogleich die ganze Nation zu einem Kriege wider uns, und indem wir ein solches Ungewitter am wenigsten vermuten, ist die ganze Gegend mit Kanots und die Insel mit Feinden angefüllt, ohne daß wir es wissen.

Wir waren durch langen Frieden so sicher geworden, daß wir nicht einmal Wachen mehr ausstellten. An einem Vormittage trieb der Wind einen gewaltigen Dampf nach unsern Wohnungen her, der nichts anders als ein großes Feuer verkündigte; einige von uns eilten sogleich auf den Felsen und zu unserm außerordentlichen Erstaunen erblickten wir die Wohnungen unsrer Vasallen in vollem Feuer und eine Menge bewaffneter Wilden, die in zerstreuten Haufen herumliefen. Wir alle bewaffneten uns augenblicklich, ein jeder brachte Sklaven und Weiber in die genauste Verwahrung, und nun hielten wir Rat; es schien uns höchst billig, den beiden Engländern beizustehen, und gleichwohl durften wir uns nicht aus unsern Wohnungen wagen, ohne sie nebst unserm ganzen Vermögen in die größte Gefahr zu setzen. Nach langem Überlegen beschlossen wir, vier Personen auszusenden, die sich durch das Gebüsche heimlich schleichen und die Ursachen des Feuers und die Absichten der Wilden näher untersuchen sollten, und das Los bestimmte, wer diese Kundschaft verrichten mußte; wir übrigen setzten uns indessen in vollkommenen Verteidigungsstand. Die fünf Wilden, welche wir bei Gelegenheit eines Treffens fingen2. Teil, S. 161. und zu unsern Sklaven machten, hatten sich Wohnungen angelegt, wie ich schon erzählt habe, und machten eine Gesellschaft für sich aus; anfangs mußten sie uns nach der Reihe herum arbeiten, allein seitdem ein jeder unter uns selbst Sklaven genug hatte, belohnten wir ihr gutes Verhalten dadurch, daß wir ihnen alle Arbeit erließen; sie bauten für sich auf den eingeräumten Feldern, soviel sie wollten, entrichteten uns jährlich eine gewisse Abgabe in Getreide, und das übrige gehörte ihnen und Franzens Vater, den sie als ihre Obrigkeit unterhalten mußten; doch den Handel verstatteten wir ihnen aus guten Gründen nicht. Sobald wir durch unsre Kundschafter erfuhren, daß die Nation, die mit uns bisher in Verkehr gestanden hatte, unser Feind und die nämliche war, mit welcher sich vor langer Zeit auf unsrer Insel die Völkerschaft schlug, zu welcher jene fünf Wilde gehörten, so trugen wir kein Bedenken, sie zum Kriege wider ihre und unsre Feinde aufmuntern zu lassen und als unsre Lehnsträger aufzubieten. Sie schnaubten vor Wut, als ihnen Franzens Vater den Befehl dazu gab, und tanzten und frohlockten, als wenn sie zu einem Feste gehen sollten.

Indessen nahte sich das feindliche Heer langsam, und die Wache auf dem Felsen berichtete uns, daß sie still stünden und überlegten, vermutlich wie sie unsern Wohnungen ebenso mitspielen könnten als den verbrannten. In einer so kritischen Lage hielten wir es nicht für ratsam, die Folgen ihrer Überlegung abzuwarten, sondern die Hälfte der unsrigen stellte sich mit Gewehr in den Busch, der unsre Wohnungen umgab, die andre Hälfte blieb innerhalb derselben; jene feuerten plötzlich unter die Feinde, um sie furchtsam zu machen, und als wenn der Donner unter sie herabgefahren wäre und sie zerschmettern wollte, eilte der ganze Trupp dem Meere zu, warf sich in die Kanots und fuhr vom Ufer ab. Sie kreuzten noch einige Zeit in einer kleinen Entfernung von der Insel herum, allein da wir ihnen noch eine Ladung Musketenkugeln nachsandten, eilten sie aus allen Kräften hinweg, und wir verloren sie endlich ganz aus dem Gesichte.

Wir konnten leicht vermuten, daß dies nicht der letzte Besuch sein würde, und wir gaben deswegen den drei Engländern Nachricht, daß sie auf ihrer Hut sein und sich mit uns zur Verteidigung unsers gemeinschaftlichen Wohnorts vereinigen sollten. Sie versprachen uns zwar ihre Hülfe, aber sie schienen doch mehr ihre Rechnung dabei zu finden, wenn sie sich auf die Seite unsrer Feinde schlügen. Sie waren schon längst auf unser Handelsglück neidisch gewesen und glaubten itzo eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben, wie sie es stören könnten; aus dieser Ursache, sie mochte nun Neid oder Habsucht sein, wurden sie bei einer zweiten Landung der Wilden ihre Anführer und also unsre Feinde, indem wir sie noch für unsre Freunde hielten. Sie zogen gerade auf unsre Wohnungen los, und wären wir nicht so wachsam gewesen, so hätten in einigen Minuten alle unsre Hütten in Feuer gestanden; wir gingen ihnen mutig entgegen, und unser Gewehr gab uns sehr bald den Sieg. Sie wichen zwar, allein die Insel verließen sie doch nicht, und wir mußten fürchten, daß sie sich nur zurückgezogen hatten, um ihren verderblichen Anschlag in der Nacht auszuführen.

Unsre Lage war äußerst traurig: unsre Sklaven und Weiber mußten wir verbergen und hüten, daß sie nicht zum Feinde übergingen; unsre Habseligkeiten, Vorräte, Werkzeuge und andre Dinge brachten wir in die Höhle unter dem Felsen, daß sie nicht mit unsern Wohnungen ein Raub der Flammen wurden; zum Glücke waren eben unsre Felder leer, daß uns also von dieser Seite kein Schaden geschehen konnte, aber unsre Uneinigkeit bedrohte uns mit einem größern. In diesem Falle fühlten einige die Notwendigkeit, einen Anführer zu haben, von dem alles abhing, dem alle gehorchen müßten; sie taten den übrigen den Vorschlag, einen zu wählen, und die Nähe und Größe der Gefahr machte, daß die meisten darein willigten; die Wahl fiel auf mich als auf den Ältesten und Erfahrensten, und sosehr ich mich anfangs weigerte, so entschloß ich mich doch endlich aus Liebe zum gemeinen Besten dazu. Ich stellte sogleich Wachen aus, machte alle möglichen Anstalten zu unsrer Sicherheit und verteilte unsre kleine Mannschaft in zween Haufen an die beiden Ende unsrer Wohnungen; von jedem Haufen mußte stundenweise die eine Hälfte schlafen, die andre unter dem Gewehr und auf jeden Überfall gefaßt sein.

Unsre Vorsichtigkeit wurde gleichwohl hintergangen: die Engländer, die alle Zugänge zu unsern Wohnungen wußten, hatten sich in der Dunkelheit herangeschlichen und eine in Brand gesteckt; daß die Engländer vorzüglich die Urheber dieses Unglücks waren, erfuhren wir dadurch, daß unsre Wache einen ertappte, als er eben beschäftigt war, noch eine anzuzünden; man brachte ihn sogleich in die engste Verwahrung, und wir freuten uns außerordentlich, daß uns dieser Zufall belehrte, wie verräterisch unsre vermeinten Freunde gegen uns handelten und wie wenig wir unser Vertrauen auf sie setzen durften. Die angezündete Wohnung war nicht zu retten; wir mußten bloß sorgen, daß die Flammen nicht weiter um sich griffen, und zu gleicher Zeit den Feinden widerstehen, die mit verdoppelter Wut auf uns hereinbrachen. Unser Zustand war äußerst kritisch, das Schauspiel schrecklich, und eine Begebenheit machte es rührend: die Frau des Spaniers, dem die brennende Wohnung gehörte, war darinne eingesperrt wie die übrigen alle; sie schrie und heulte mit dem fürchterlichsten Klagetone, als das Feuer aufzulodern anfing; ihr Mann, so hart er sie sonst hielt, sprang augenblicklich hinzu und stürzte sich in die Flammen hinein, um sie zu retten, und indem er die Tür einstieß und das arme Geschöpf herausriß, brach ein Trupp wilder Weiber mit wüstem Geschrei auf ihn herein, die Mutter der Geretteten voran, die ihre Tochter an ihrer Stimme erkannt hatte; ihr fürchterliches Geheule tat in der Stille und Dunkelheit der Nacht neben dem Geprassel der Flammen und dem Getöse der Streitenden eine so heftige Wirkung auf uns alle, daß dies allein beinahe hinreichend gewesen wäre, uns den Mut zu benehmen. Die Mutter wollte ihre Tochter hinwegreißen, der Spanier seine Frau nicht verlieren; ein jedes von beiden zog sie mit allen Kräften bei Händen und Füßen nach sich hin, und sie war in Gefahr, zerfleischt zu werden, mit so erbitterter Begierde wollte jeder Teil seine Beute behaupten; die übrigen Weiber fielen über den Spanier her, zerrissen ihm mit den Nägeln das Gesicht und waren schon im Begriff, ihm die Kehle zuzudrücken; er stritt mannhaft und ließ seinen Raub nicht fahren. Ich und zwei von den unsrigen waren zwar gleich zu seiner Hülfe herbeigeeilt, aber wir vermochten nicht die wütenden Weiber mit Prügeln und Säbelhieben zu vertreiben; um also unsern Kameraden zu retten, gab ich Befehl, unter sie zu feuern, man tat es, und der Schuß traf die Unglückliche, um welche der Streit sich erhoben hatte; die übrigen Weiber stürzten vor Schrecken zu Boden, daß dadurch der Spanier Zeit gewann, sich von seinen Gegnerinnen loszumachen. Kaum war die Getötete niedergesunken, so erhub sich ein neues Heulen unter den Weibern; die Mutter nahm den Leichnam auf die Schulter und hätte sich eher in Stücken zerhauen als ihn fahrenlassen. Die Spanier waren wider dieses weibliche Heer so ergrimmt, daß ich sie nicht zurückhalten konnte; selbst indem es mit dem toten Körper davoneilte, setzten sie ihm nach und verwundeten die meisten darunter.

Dieser Todesfall, so ungern wir ihn sahn, war unser Glück; die Weiber verloren durch ihn allen Mut zum Widerstande, und kaum hatten sie ihr klägliches Totengeschrei erhoben, so wiederholten es die Männer und flohen gleichfalls. Nachdem wir auf diese Weise wieder Atem schöpfen konnten, wurden wir erst die Wunder der Tapferkeit gewahr, die wir verrichtet hatten. Die fünf Wilden, die wir unsre Vasallen nannten, hatten gefochten wie Löwen, und kein einziger war ohne Wunden; jeder Spanier hatte den Platz behauptet, den er verteidigen sollte, und mancher einen Haufen von zwölf oder mehr Personen zurückgetrieben. Wir waren alle durch die Größe der Gefahr mit Tapferkeit belebt und alle entschlossen, die Treulosigkeit der Engländer zu rächen und unsre Feinde entweder aus der Insel zu verscheuchen oder uns unterwürfig zu machen. Ich hielt deswegen mit denjenigen, die sich durch ihren Mut am meisten hervorgetan hatten, eine Beratschlagung über die Ausführung unsers Vorsatzes, und es wurde ausgemacht, daß der dritte Teil von den unsrigen zur Verteidigung unsrer Wohnungen, Weiber, Sklaven, Gefangnen zurückbleiben, und die übrigen in zween Haufen den Feinden entgegengehen sollten.

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