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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Plötzlich wurde seine Glückseligkeit durch eine neue Furcht gestört: auf einer seiner Wanderungen erblickte er in dem nassen Boden die Figur eines Menschenfußes etlichemal deutlich eingedrückt. Von Rechts wegen sollte sich ein einsamer, von der Gesellschaft abgesonderter Mensch freuen, Spuren von einem Geschöpfe seiner Gattung zu finden, allein er hatte den Kopf voll Menschenfresser und geriet also in ein Schrecken, als wenn er ein Gespenst sähe. Er horchte, er sah sich um – sah und hörte nichts; er stieg auf eine kleine Anhöhe, wo er einen weiten Fleck überschauen konnte, ging ans Ufer – sah und hörte nichts, auch nicht eine Spur war weiter zu finden. Er kehrte zu den Fußtapfen zurück, um sie noch einmal genau zu untersuchen, ob er sich vielleicht getäuscht habe, aber Zehen, Ferse und die ganze Form eines Menschenfußes ließ sich gar nicht verkennen. Unruhig eilte er zu seiner Wohnung, sah alle sechs Schritte hinter sich, ob ihn jemand verfolgte, erschrak vor jedem Busche, jedem Stamme, der ihm unvermutet entgegenstieß, und fürchtete bei jedem Rauschen der Blätter, daß ein Wilder auf ihn herausbrechen werde.

Wie ein gescheuchtes Kaninchen oder ein gejagter Fuchs kletterte er über die Mauer zu seinem Zelte hinab und konnte die ganze Nacht vor Besorgnissen und fürchterlichen Einbildungen kein Auge zutun. Seine aufgewiegelte Phantasie war schon auf dem Wege, dem Teufel die Fußtapfen zuzuschreiben, weil er keine Möglichkeit auszudenken vermochte, wie ein Mensch ohne Schiff auf seine Insel gekommen sein sollte, und gleichwohl ließ sich weder ein Schiff noch sonst eine Spur entdecken, obgleich der Boden anderswo ebenso locker war. Weil er aber nicht begreifen konnte, warum ihn der Satan auf eine so sonderbare Art necken sollte, so kam er auf den gescheiten Einfall, den er gleich anfangs hätte haben sollen, ohne erst einen bösen Geist herbeizuholen, daß es Wilde vom festen Lande gewesen sein möchten, die der Wind oder ein Strom mit ihren Kanots hieher verschlagen hätte und die vermutlich ebensowenig Reiz gefühlt haben möchten, auf einem so öden Erdklumpen zu bleiben, als er nach ihrer Gesellschaft empfand. Noch war aber damit seine Furcht nicht gehoben: lange Einsamkeit macht die Menschen scheu, furchtsam, einbildisch. – Konnten die Wilden nicht sein Boot gefunden und daraus geschlossen haben, daß die Insel bewohnt sei? Konnten sie nicht in verstärkter Anzahl wiederkommen, ihn aufsuchen, schlachten, rösten und speisen? Oder könnten sie ihm nicht alle seine Reichtümer, Ziegen, Getreide und Gerätschaft, wegnehmen und ihn elendiglich Hungers sterben lassen? – Lauter Fragen, womit er sich Tag und Nacht quälte!

Drei Tage lang hielt sich der gute Narr inne, bis ihn der Hunger zwang, sich auszuwagen. Seine Ziegen waren in diesen drei Tagen ihrer Milch nicht entledigt worden und die Euter der meisten ausgetrocknet und verdorben; er erkannte wohl, daß die Furcht ihm nichts als Schaden anrichtete, aber er konnte sich ihrer doch nicht ganz erwehren. Es fiel ihm ein, daß es vielleicht sein eigner Fuß gewesen sein könnte, und ging also an den Ort, um die Tapfen zu messen; unglücklicherweise waren sie viel größer, und so galt auch dieser Trost nichts. Die Unruhe benahm ihm so sehr alle Überlegung, daß er auf den tollen Vorsatz geriet, alle seine Gebäude und Pflanzungen, Zäune und Felder einzureißen, seine Herde auseinander zu lassen, um nicht den mindesten Anlaß zu der Vermutung zu geben, daß hier ein Mensch wohne.

Nachdem er sich lange mit den schlechten Rettungsmitteln herumgetrieben und alle schlecht und verwerflich befunden hatte, dann erst verfiel er auf ein gutes: er wollte sich noch stärker befestigen, und auf dem Flecke, wo fünfzehn Jahre der Friede gewohnt hatte, wurden itzt die ersten kriegerischen Verteidigungsanstalten getroffen, ein Wall aufgeworfen, Gräben gemacht, Palisaden eingeschlagen und hinter kleinen Öffnungen die fünf Musketen aufgepflanzt, die er aus dem Schiffe herübergebracht hatte, daß er in zwei Minuten seine ganze Artillerie losfeuern konnte; die Not, die nach seiner Meinung ihm diese Arbeit unentbehrlich machte, gab seinen Händen doppelte Kraft. Weil er aber immer noch mehr Vertrauen zum Verstecken als zum Widerstehen hatte, pflanzte er rings um seine Festungswerke eine unendliche Menge Stäbe von dem Holze, das so leicht Wurzel faßte; in zwei Jahren war schon aus ihnen eine dichte Hecke geworden, und in sechsen bildete sie einen Wald, so dicht ineinander verwachsen, daß der Feind kein menschliches Geschöpf dahinter entdecken und nur mit der größten Mühe sich durcharbeiten konnte.

Nun waren aber seine hauptsächlichsten Nahrungsquellen, seine Ziegen, noch unbeschützt – neue Angst! Sie auch zu verschanzen war zu mühsam und unnütz, weil sie sich nicht wehren konnten; er beschloß also, ein Dutzend von ihnen an einem abgelegnen Orte besonders einzuschließen, um doch auf allen Fall etwas übrigzubehalten, wenn ihm auch der Feind die übrige Herde raubte. Er suchte sich einen Platz, und da er mit ihm fertig war, tat es ihm leid, daß die andern schönen Ziegen in feindliche Hände fallen sollten, und er versteckte ein zweites Dutzend an einen andern Ort; dadurch wurde seine Viehwirtschaft an drei Orte zerteilt und also überaus weitläuftig und beschwerlich.

Als er auf einer seiner wirtschaftlichen Reisen, die er täglich von einem Viehstalle zum andern tun mußte, an der östlichen Seite der Insel, wo er noch nicht weit gekommen war, auf einer Anhöhe stund, wurde er auf hoher See Bewegung und etwas, das einem Fahrzeuge glich, gewahr; weil er keins von seinen Ferngläsern bei sich hatte, konnte er den Gegenstand nicht genau erkennen und quälte sich deswegen mit Mutmaßungen, die bald darauf zu trauriger Gewißheit wurden.

Er ging, um diesen bisher ungekannten Teil der Insel zu untersuchen, eine Strecke weiter und stieß auf ein Schauspiel, wobei er vor Entsetzen fast versteinert wurde, auf einen Platz, mit menschlichen Hirnschädeln, Füßen, Händen und andern Menschenknochen überstreut; in der Mitte glimmte ein Rest von Feuer, und um dasselbe war eine zirkelförmige Bank in die Erde gegraben.

Die erste Mutmaßung, die in ihm aufstieg, als er sich von seinem Entsetzen erholte, konnte keine andre sein, als daß hier benachbarte Wilde zuweilen landeten, ihre Kriegsgefangenen schlachteten und bei ihren barbarischen Siegesmahlzeiten verzehrten, und da er noch glimmendes Feuer fand, so war es höchstwahrscheinlich, daß das Fahrzeug, welches er auf der See vorhin erblickte, mit den Unmenschen angefüllt sein mochte, die eben von einem solchen grausamen Gastmahle nach Hause kehrten.

Er riß sich halb mit Abscheu und halb mit Wut von dem gräßlichen Anblicke hinweg; Tränen stiegen ihm in die Augen, daß Menschen in einem solchen Grade noch unter die Tiere herabsinken können, und die Entsetzlichkeit der Sache brachte ihn so heftig auf, daß er vor Begierde brannte, den Tod so vieler Unschuldigen an diesen Ungeheuern zu rächen und seine Insel nicht länger mehr durch solche Feste der Grausamkeit entheiligen zu lassen. Bald wollte er sie belauschen und mitten unter dem Gastmahle auf sie losfeuern, bald eine Mine unter dem Orte ihrer Versammlungen anlegen, mit Pulver füllen und sie insgesamt in die Luft sprengen, bald mit dem Säbel auf sie einbrechen.

Der Enthusiasmus ging so weit, daß er oft zu dem Orte zurückkehrte und die Gelegenheiten allenthalben auskundschaftete; er fand einen Platz, wo er sie unbemerkt landen sehen, wo er unbemerkt in das Gebüsche schleichen, sich in einen hohlen Baum verstecken, nach ihnen zielen und seine Flinten und Pistolen auf sie abfeuern konnte. Er setzte seine Artillerie instand, lud Kugeln und zerhacktes Eisen in die Musketen und marschierte fast täglich in völliger Waffenrüstung, voll tapfrer Begeistrung seines Eifers für die Menschlichkeit, zu einem Religionskriege aus.

Die Wilden wollten ewig nicht kommen; unterdessen erkaltete sein Enthusiasmus, und das erwachende Nachdenken löschte seine heilige Wut ganz aus. – Was hab ich für ein Recht, sagte er sich, Geschöpfe umzubringen, die nichts dafür können, daß sie so grausam sind? Menschen zu fressen wird bei ihnen in gewissen Fällen nicht für Unrecht gehalten; wer ihr Feind ist, wird von ihnen bekriegt, umgebracht oder gefressen; das ist nun einmal ihr Kriegsrecht und ein Gebrauch, den die gegenwärtig Lebenden nicht selbst erfunden, sondern von ihren Vätern gelernt haben, wie ihn ihre Väter von den Großvätern und diese von allen ihren Vorfahren seit undenklichen Zeiten empfingen. Ich habe kein Recht, sie zu einer andern Denkungsart zu zwingen, und es ist unbillig, wenn ich sie feindselig angreife, solange sie mich nicht beleidigen und also zur Selbstverteidigung nötigen. Außerdem dürfte ja nur ein einziger entkommen und mit einer ganzen Völkerschaft zurückkehren, um den Tod seiner Mitbrüder an mir zu rächen, und wie wollte ich einziger einer solchen Menge widerstehen? –

Billigkeit und Klugheit geboten ihm also, seinen Eifer zu zähmen und seine Musketen niederzulegen, bis eine Beleidigung es ihm zur Pflicht machte, sie zu seiner Selbstverteidigung zu ergreifen. Die Vernunft hatte seine Herzhaftigkeit so sehr daniedergestürzt, daß er wieder in seine furchtsamen Maßregeln verfiel und sich lieber verstecken wollte. Er enthielt sich alles starken Geräusches, schoß nicht, machte kein Feuer an Orten, wo man es weit sehen konnte, und entdeckte zu seiner Beruhigung eine verborgne Höhle, wo er Brot zu backen und sein Essen zurechte zu machen gedachte, ohne daß man Feuer und Rauch in der Ferne gewahr werden sollte; er tat alle Verrichtungen bewaffnet und befand sich also im Stande des immerwährenden Kriegs.

Die neuentdeckte Höhle machte ihm kurz nach ihrer Entdeckung kein geringes Schrecken: als er sich in ihr umsieht, um zu untersuchen, ob sie bewohnt werden könne, erblickt er ein Paar fürchterlich große Augen, die ihm wie Sterne in der Dunkelheit entgegenfunkeln. Die Furcht nimmt ihn so stark ein, daß er an keine weitere Nachforschung denkt: er flieht. Gleichwohl ist es doch seiner Neubegierde nicht möglich, ganz ununterrichtet wegzugehen; er schöpft sich ein Herz, faßt einen brennenden Stock und dringt hastig hinein, um desto mutiger zu scheinen, je weniger er es ist. Genau besehen ist das fürchterliche Gespenst eine alte Ziege, die seufzend daliegt und ihren Todestag feiert; er läßt sie vollends in Ruhe sterben und begräbt sie ehrlich auf dem Flecke, wo sie den Atem ausblies.

Die Furcht war also benommen, und die Untersuchung der Höhle wurde fortgesetzt; er fand eine enge Öffnung in ihr, die in eine andre zu führen schien, wodurch man aber nicht anders als auf Händen und Füßen kriechen konnte. Er kehrte den folgenden Tag mit Lichtern zu ihr zurück, kroch durch die enge Öffnung und befand sich unter der schönsten natürlichen Wölbung, wo die Strahlen seiner Lichter von den Wänden auf tausendfache Arten zurückgeworfen wurden; alles schimmerte um ihn her in hellem mannigfarbigem Glanze. Die schönste Grotte war es, die man sich nur vorstellen kann, der Boden trocken und gleich, mit feinem Kiese überschüttet, nirgends an den Wänden eine Spur von Feuchtigkeit oder schädlicher Ausdünstung. Die Beschwerlichkeit des Eingangs und den Mangel an Licht ausgenommen, konnte man sich keine bessere Wohnung auf einer wüsten Insel wünschen, und Robinson beschloß auf der Stelle, diese Grotte zu seinem künftigen Aufenthalte zu wählen, um soviel mehr, da er hier versteckter zu sein hoffte als irgendwo. Er schaffte seine wichtigsten Habseligkeiten hinein und wollte jedesmal seine Zuflucht dahin nehmen, wenn ihn der Feind verfolgte oder aus seiner Festung vertriebe. Da so lange Zeit verging, ehe er eine Spur gewahr wurde, daß die Wilden eine neue Landung auf seiner Insel getan hatten, stellte sich auch seine Ruhe wieder ein; sein getreuer Freund, der Hund, war ihm zwar schon längst gestorben, aber er hatte sich diesen Abgang an guter Gesellschaft durch zween Papageien ersetzt und war also wieder ziemlich glücklich.

Auf einmal entstund neue Unruhe. Zur Zeit seiner Ernte, im Dezember, wo er den ganzen Tag auf seinem Felde zubrachte, zeigte sich ihm des Morgens vor Sonnenaufgang am Ufer in einer Entfernung von ohngefähr einer Viertelmeile ein hochloderndes Feuer, aber nicht an der Seite, wo die Wilden vorher gelandet zu haben schienen, sondern zu seiner größten Bestürzung in der Gegend seiner Wohnung.

Sogleich ließ er seine Ernte im Stiche und rettete sich in seine Höhle; die Ungewißheit ließ ihn auch hier nicht lange, sondern trieb ihn in seine Wohnung; er bereitete sich zur Gegenwehr, lud seine ganze Artillerie und wartete sechs Stunden lang auf das Anrücken des Feindes, es kam kein Feind. Die Ungewißheit wurde ihm abermals lästig, besonders da er niemanden auf Kundschaft ausschicken konnte, und er wagte es, mit Hülfe seiner Leiter auf den Felsen zu klettern; er legte sich oben nieder und entdeckte durch sein Fernglas neun Wilde, die um ein großes Feuer saßen, nicht um sich zu wärmen – denn es war ein schwüler Tag –, sondern um sich wahrscheinlich eine Mahlzeit von Menschenfleische zuzubereiten. Sie hatten zwei Kanots bei sich, die auf dem Trocknen am Ufer standen, und weil damals Flut war, so schienen sie die Ebbe zu erwarten, um wieder abzufahren. Robinson schloß daraus, daß er zur Zeit der Flut allezeit vor ihrem Zuspruche sicher sei, und schränkte also seine Besorgnis und Aufmerksamkeit seitdem nur auf die Zeit der Ebbe ein.

Wie er vermutete, so geschah es. Sobald die Ebbe eintrat, warfen sie sich in ihre Kähne und ruderten fort. Nachdem sie abgereist waren, bewaffnete sich Robinson mit Musketen, Pistolen und Säbel und begab sich auf den Hügel, von welchem er die ersten Spuren dieser kannibalischen Feste wahrgenommen hatte, und erblickte dort drei andre Kähne, die eben vom Lande abgestoßen waren und nach dem festen Lande hinruderten. Er ging zu dem Orte, wo er vor einiger Zeit so viele Menschengebeine fand, und traf neue Reste von kaum verübter Barbarei an; der Zorn schwoll in ihm von neuem empor, und er faßte den Entschluß, bei der ersten Gelegenheit einen Anfall auf die Unmenschen zu wagen.

Die Besuche, die sie auf der Insel machten, mußten sehr selten geschehen, denn es vergingen fünfzehn Monate, ehe er wieder die mindesten Merkmale von ihrer Gegenwart verspürte; diese Zwischenzeit nützte er, sich immer mehr in Verteidigungsstand zu setzen.

Ohngefähr in der Mitte des Mais, an einem Tage, wo ein schrecklicher Sturm mit einem starken Donnerwetter gewesen war, hörte er den Knall einer Kanone, und indem er zum Felsen hinansteigen wollte, sich umzusehen, kam ein zweiter Schuß von der Seite her, wo er auf der ersten Schiffahrt mit seinem selbstgemachten Boote von Strömen beinahe verschlagen worden wäre. Er vermutete gleich, daß es ein Schiff in Not sei und durch jene zwei Schüsse von seinem Gefährten Hülfe verlangt habe. Robinson wußte wohl, daß er ihm keinen Beistand leisten konnte, dachte aber vielleicht einige Hülfe von den Fremden zu empfangen und machte deswegen auf dem Felsen ein großes Feuer an, welches man auf dem Schiffe gesehen haben mußte, denn kaum loderte die Flamme empor, so geschah ein dritter Schuß und dann noch einige andre, und alle kamen aus einer Gegend; er unterhielt sein Feuer die ganze Nacht hindurch, und sobald es Tag und heitrer Himmel wurde, erblickte er in Osten, weit von der Insel, einen Gegenstand im Meere, den er für ein Schiff vor Anker hielt, weil es den ganzen folgenden Tag, sooft er es betrachtete, auf dem nämlichen Flecke blieb. Seine Neubegierde besser zu befriedigen, ging er, die Flinte auf der Schulter, an das äußerste Ende der Insel, kletterte auf einen Felsen und erblickte deutlich ein gescheitertes Schiff, das an dem Orte Schaden gelitten hatte, wo er selbst auf seiner Fahrt beinahe umgekommen wäre. Er dachte sich verschiedene Möglichkeiten, wie vielleicht dieser Unfall für ihn vorteilhaft werden könnte, vorzüglich hoffte er, daß sich einige Personen daraus in der Schaluppe gerettet haben möchten und auf seine Insel kommen würden. Je angenehmer für ihn die Hoffnung war, Gesellschaft und Beistand wider die Wilden auf diese Weise zu erhalten, je eifriger suchte er die Geretteten ausfindig zu machen, aber das Glück ließ ihn niemanden entdecken. Einige Tage darauf warfen die Wellen den Leichnam eines Schiffsjungen ans Land, aus dessen Kleidung sich aber nicht schließen ließ, von welcher Nation er sein mochte.

Das Meer wurde bald wieder still, und Robinson konnte nicht ruhen, bis er eine Reise zu dem gescheiterten Schiffe getan hatte, um zu sehen, ob sich eine lebendige Kreatur darinne befand, die seiner Hülfe bedurfte. Er reinigte seinen Kahn, belud ihn mit den nötigen Bedürfnissen und war in völliger Bereitschaft abzufahren; noch einmal sah er auf das Meer hinaus, dachte an die Gefahren zurück, die er schon einmal ausgestanden hatte, an die verborgnen Klippen, die heftigen Ströme und die tückischen Winde, die ihn mit einem Stoße auf immer von seiner geliebten Insel entfernen könnten, dachte an alles dies und erschrak so sehr dafür, daß er vor Furcht und Grauen sich an dem Ufer niedersetzte und nicht abfuhr. Indessen wurde Flut, und er mußte seine Reise noch einige Stunden verschieben, obgleich sein Mut wieder zu wachsen anfing. Er gab mittlerweile auf den Lauf der Flut acht und bemerkte, daß sie von Norden kam und also zu seiner Rückkehr sehr günstig war.

Aufgemuntert durch diese Bemerkung, nahm er sich vor, den folgenden Tag bei dem Eintritt der Ebbe aufzubrechen, schlief die Nacht in seinem Kahne und fuhr des Morgens drauf ab; er brauchte nicht völlige zwei Stunden, um bei dem Schiffe anzulangen. Welch trauriges Schauspiel traf er dort an! Das Schiff, welches, nach seiner Bauart zu urteilen, ein spanisches zu sein schien, war zwischen zwei Felsen hineingedrängt; die Wellen hatten den hintern Teil zerbrochen, der vordere war an die Felsen mit Gewalt angeschlagen worden und keine lebendige Kreatur darinne anzutreffen als ein Hund, der bellend hervorsprang. Das arme Tier war vor Hunger beinahe gestorben; Robinson labte ihn mit einem Stücke Brot, half ihm in seinen Kahn und freute sich ungemein, wieder ein Geschöpf gefunden zu haben, das ihm die Stelle des Gesellschafters vertreten konnte. In einer Stube fand er zwei ertrunkene Menschen, in fester Umarmung daliegend; vermutlich mochte das Wasser so heftig hineingedrungen sein, daß es diese beiden Leute erstickt hatte. Robinson eignete sich alles zu, was er fortbringen konnte, und eilte, mit verschiedenen nützlichen Bedürfnissen bereichert, zu seiner Insel zurück. Er fand in den herübergebrachten Kuffern vieles Geld, aber wozu nützte ihm das itzt? Am liebsten hätte er einige Paar Strümpfe und Schuhe gehabt, die er bisher so viele Jahre entbehren mußte, aber dieser Mangel wurde ihm nicht ersetzt; alles wurde in sein großes Magazin, in die Grotte, gebracht.

Er hatte nunmehr vierundzwanzig Jahr in seiner Einöde gelebt, mit Mangel, Furcht, Gefahr und Elend gekämpft und alle diese Feinde glücklich überwunden; das Verlangen, zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, erwachte itzt mit neuer Stärke und wurde für ihn zum dringendsten Bedürfnisse; da ihn keine andern Sorgen beschäftigten, quälte er sich mit Überlegungen, wie er der Einsamkeit entkommen sollte. Der größte Teil seiner Entwürfe war lächerlich: bald wollte er in seinem elenden Kahne nach dem festen Lande hinüberschiffen, bald sich dem Meere auf Geratewohl überlassen, wie er tat, als er sich aus der Gefangenschaft zu Sale befreiete, um entweder einem Schiffe zu begegnen oder in den Wellen umzukommen. Die Heftigkeit, womit er diesen verzweifelten Entschluß auszuführen wünschte, verbitterte ihm jeden Augenblick; er lief unruhig hin und her, und jeder Gegenstand, den er erblickte, erfüllte ihn mit Traurigkeit, daß er sich von ihm trennen sollte; seine geliebten Ziegen, seine Wohnung, seine Grotte, sein Sommerpalast, seine Äcker, jedes Plätzchen, wo er Vergnügen oder Schmerz gefühlt hatte, versetzte ihn in Wehmut, sooft er vorüberging und sich erinnerte, daß er sich von allen diesen Vertrauten seines Herzens bald scheiden sollte. Es blieb bei Wunsch und Entwurf, und die Ausführung verzögerte sich von Tag zu Tage. Während dieses Aufschubs erkannte er die Mißlichkeit seines Plans und machte sich einen neuen. Er wollte den Wilden auflauern, sie anfallen und ein Schlachtopfer ihrer Grausamkeit erlösen, damit der Errettete aus Dankbarkeit sein Freund würde und ihm den Weg nach dem festen Lande zeigte. Seine Begierde machte ihn in diesem Vorsatze so beharrlich, daß er sich nicht scheute, seine Errettung durch Blut erkaufen zu wollen, und er tröstete sich darüber mit dem schönen Grunde, daß diese Wilden seine Feinde wären, die die Ruhe seiner kleinen Insel störten. Man merkt, daß ihm die Leidenschaft diesen Grund eingab, denn er ist falsch.

Weil er sich sein Unternehmen so schön gerechtfertigt hatte, ging er nunmehr auf Kundschaft aus und durchstrich alle Gegenden, die seine vermeinten Feinde am meisten besuchten, aber achtzehn Monate hindurch ließ sich auch nicht einer blicken. Endlich an einem Morgen wurde er sechs Kanots am Ufer gewahr, aus welchen die Wilden schon ausgestiegen und außer seinem Gesichte waren. Sechs Kanots! Er berechnete, daß ein solches Fahrzeug gewöhnlich fünf bis sechs Personen enthielt, und das waren also ungefähr dreißig Menschen, mit denen er allein anbinden sollte? – Viel gewagt! Die Stärke des Feindes hemmte seinen Mut auf einige Augenblicke, er horchte, stieg auf den Felsen bei seiner Wohnung und erblickte durch das Fernglas so viele, als er berechnet hatte; sie tanzten mit tausend lächerlichen Stellungen um ein großes Feuer herum. Einige Zeit darauf holten sie zween Kriegsgefangene aus einem Kanot, um sie zu zerfleischen; der eine fiel auf den ersten Schlag mit einer Keule zu Boden, und ohne Verzug warfen sich drei von seinen Mördern über ihn her, öffneten ihm den Leib und zerlegten ihn in Stücke. Unterdessen stand der andre Unglückliche daneben und erwartete jede Minute den tödlichen Streich, der ihn neben seinen Gefährten hinstrecken sollte; er ersah seinen Vorteil, und indem man mit der Zerlegung des Erschlagnen beschäftigt war, machte er sich auf und lief mit der größten Eilfertigkeit davon. Robinson erschrak nicht wenig, als er ihn den Weg nach seiner Wohnung nehmen sah, sosehr es ihn auch freute, vielleicht zur Errettung des Unglücklichen etwas beitragen zu können. Er vermutete, daß ihn der ganze Trupp verfolgen würde, und erwartete also einen heftigen Streit, wenn er den Entflohenen in Schutz nähme. Zu seiner Beruhigung setzten ihm nur drei nach, und der Verfolgte kam ihnen so weit zuvor, daß sie ihn wahrscheinlich niemals einzuholen vermochten, wenn er die Flucht nur eine halbe Stunde aushielt.

Zwischen dem Ufer und Robinsons Wohnung war eine kleine Bai, wo er erhascht werden mußte, wenn er nicht schwimmen konnte; ohne Anstand warf er sich in das Wasser hinein, obgleich die Flut sehr hoch ging, und in wenig Augenblicken war er schon herüber und setzte seinen Lauf fort. Die Verfolgenden taten zwar das nämliche, aber viel langsamer, und einer von ihnen kehrte gar wieder um.

Robinson brannte vor Verlangen, das Leben des Entflohenen zu beschützen und sich durch diesen Dienst einen Hausgenossen zu erwerben; hastig stieg er vom Felsen herab, nahm seine Flinten, lief nach der Meerseite hin und suchte den Fliehenden durch sein Schreien aufzuhalten, aber das arme furchtsame Geschöpf glaubte in ihm einen neuen Feind zu finden und wich ihm aus. Sein Beschützer ging dem ersten von den beiden Nachsetzenden entgegen und warf ihn durch einen plötzlichen Schlag mit der Flintenkolbe zu Boden. Der andere, als er seinen Kameraden fallen sieht, bleibt stehen; Robinson eilt unerschrocken auf ihn los, aber als er sich ihm nähert, erblickt er in seiner Hand einen Bogen, auf welchen er eben den Pfeil legt; er kömmt also seiner Absicht zuvor und feuert auf ihn – der Wilde stürzt. Der Flüchtige erschreckt so gewaltig über den Schuß, daß er keinen Fuß weiter setzen kann; Robinson winkt ihm freundlich, der Wilde nähert sich einige Schritte, bleibt mißtrauisch stehen, kömmt näher und entfernt sich wieder. Ohne Zweifel bildete er sich ein, daß er zum zweiten Male in Gefangenschaft geraten sei und wie seine beiden Feinde umgebracht werden solle.

Robinson gab seiner Miene alle mögliche Freundlichkeit, um ihm Herz zu machen; der Wilde näherte sich ihm auf seine wiederholten Winke mit wachsendem Zutrauen und warf sich alle zehn oder zwölf Schritte auf die Knie, um seine Dankbarkeit zu zeigen. Als er auf diese Art ihm völlig nahe gekommen war, warf er sich auf die Erde, küßte sie, nahm einen von seines Befreiers Füßen und setzte sich ihn auf den Kopf, vermutlich um dadurch seine Unterwürfigkeit auszudrücken und sich ihm als Sklave zu ergeben. Robinson hob ihn auf und machte ihm einige Liebkosungen, um sein Zutrauen noch mehr zu gewinnen. Unterdessen kömmt der Wilde wieder zu sich, den Robinson mit der Flintenkolbe totgeschlagen zu haben glaubte; der Errettete, als er es gewahr wurde, sagte einige Worte, die sein Befreier freilich nicht verstund, aber welch ein Vergnügen waren diese Töne für die Ohren des armen Einsiedlers, der nunmehr seit fünfundzwanzig Jahren keine menschliche Stimme gehört hatte!

Doch itzt erlaubten die Umstände nicht, sich diesem Vergnügen lange zu überlassen; der auflebende Wilde fing schon an sich zu erheben, und Robinsons neuer Sklave wurde von neuer Furcht überfallen, aber sobald er seinen Erretter die Flinte auf ihn richten sah, bekam er wieder Mut und bat durch Zeichen um den Säbel, und kaum hatte er ihn, so ging er seinem aufgelebten Feinde entgegen und versetzte ihm einen so tödlichen Streich, daß er leblos zu Boden stürzte. Nach einer so wohlgelungnen Tat kam er hüpfend zurück, feierte seinen Triumph mit lautem Gelächter und tausend seltsamen Gebärden und legte den Säbel nebst dem Kopfe des erschlagenen Feindes zu Robinsons Füßen.

Nichts schien sein Erstaunen so sehr zu erregen, als daß der andere Indianer in einer so weiten Entfernung getötet werden konnte; er näherte sich dem Körper, betrachtete ihn aufmerksam, kehrte ihn von einer Seite zur andern und untersuchte vorzüglich die Wunde, welche die Kugel auf der Brust gemacht hatte. Nach langer verwunderungsvoller Betrachtung kam er mit dem Bogen und den Pfeilen des Erschlagenen zurück; Robinson gab ihm durch Zeigen zu verstehen, daß er ihm folgen sollte, um den übrigen Wilden zu entgehen, deren Nachsetzung er fürchtete. Ehe er diesem Befehle gehorchte, riet er durch Zeichen zu einer sehr nötigen Vorsichtigkeit: er wollte die Toten vorher begraben, damit die übrigen sie nicht fänden, und auf Robinsons Erlaubnis waren in wenig Augenblicken zwei Löcher in den Sand gemacht und die Leichname verscharrt. Darauf wanderten die beiden Sieger in die Grotte und hielten ihre Triumphmahlzeit mit Brot, getrockneten Weinbeeren und Wasser. Der Wilde fand diese Gerichte so köstlich, daß er mit ungemeinem Appetite aß; Robinson wies ihm ein Bündel Reisstroh an, um darauf von der Ermüdung auszuruhen, die ihm seine angestrengte Flucht verursacht hatte.

Es war ein großer wohlgebauter Mensch von ungefähr fünfundzwanzig Jahren; alle seine Glieder hatten Kennzeichen der Stärke und Behendigkeit; seine Miene war männlich ohne viele Wildheit, und aus seinen Zügen sprach sogar bei gewissen Empfindungen, besonders wenn er lächelte, etwas von der Sanftheit, die sonst nur den Europäern eigen ist. Seine Haare waren nicht kraus und kurz, wie die Haare der Indianer gewöhnlich sind, sondern lang und schwarz, seine Stirne hoch und seine Augen voll Feuer, seine Gesichtsfarbe mehr gilblich als braun, das Gesicht rund, der Mund nicht sonderlich groß und voll schöner glänzendweißer Zähne.

Nach einem halbstündigen Schlummer, unter welchem Robinson zu seinen Ziegen gegangen war, verließ der junge Wilde die Grotte und suchte seinen neuen Herrn auf; freudig lief er ihm entgegen, als er ihn fand, warf sich auf die Erde und drückte seinen Gehorsam mit den nämlichen Gebärden aus wie vorhin. Wie ein Hund lief er seinem Herrn allenthalben nach, begaffte alles, was er ihn tun sah, mit ungemeiner Aufmerksamkeit und der größten Befremdung. Am drolligsten war seine Nachahmungssucht; jede Gebärde, Bewegung und Handlung machte er auf der Stelle nach: wie Robinson den Topf mit Milch an den Mund setzte, so setzte er ihn auch an; wie jener das Brot in die Milch tauchte, so tauchte er es auch ein; wie jener saß, ging, stund, die Hand oder den Kopf bewegte, so saß, ging, stund er auch, so bewegte sich auch seine Hand und sein Kopf. Alles schmeckte ihm trefflich wohl, und er labte sich mit so gierigem Appetite, als wenn er Robinsons Vorräte noch denselben Tag verzehren wollte.

Die Nacht brachten sie zusammen in der Grotte zu, und des Morgens darauf begaben sie sich auf den Hügel, von welchem sie den Ort sehen konnten, wo die Wilden ihre grausamen Mahlzeiten hielten: es war keiner mehr da. Robinson schöpfte Herz, bewaffnete seinen Sklaven mit einem Säbel und dem eroberten Bogen, gab ihm eine Flinte zu tragen und nahm zwei andre auf seine eigenen Schultern; mit dieser Bewaffnung rückten sie gegen den Ort an. Menschenknochen, angenagte Stücken Menschenfleisch fanden sie in Menge, und der junge Wilde legte vier Steinchen in die Hand, um anzuzeigen, daß man vier Kriegsgefangne auf die Insel gebracht und also drei gegessen hatte, weil er, der vierte, entlaufen war.

Robinson gab seinem neuen Sklaven den Namen Franz, bemühte sich sehr, ihn einige Worte Englisch zu lehren, und machte ihm während dieses Unterrichts eine Kleidung von Ziegenfellen. Franz nahm sie um der Neuheit willen mit vielen Freuden an, als sie fertig war, aber zitternd und furchtsam ließ er sich sie anziehen, als wenn man ihm Fesseln anlegen wollte. Auch wurde sie ihm bald sehr lästig; er stand unbeweglich da und glaubte, sich nicht rühren zu können, und machte jede Bewegung so steif und schwerfällig, als wenn er ein eisernes Kleid auf dem Leibe trüge. Als er vollends seine veränderte Figur im Wasser erblickte, lachte er überlaut; er warf sein rauches Gewand, sooft er konnte, von sich, und nur Robinsons Gegenwart und Drohungen bewegten ihn, daß er sich allmählich, doch sehr langsam daran gewöhnte.

Die Vorsichtigkeit verlangte, daß er nicht mit dem Schießgewehr umgehen lernte; Robinson, weil er von seiner Treue noch nicht genug versichert war, ließ ihn deswegen gar nicht in seine eigentliche Wohnung, auch damit er nicht aus kindischer Neubegierde mit einem geladenen Gewehre sich selbst Schaden zufügen sollte; wie ein Kind pflegte er jeden Gegenstand zu befühlen, den er zum ersten Male sah, und aus Nachahmungssucht hatte er schon etlichemal Miene gemacht, eine Flinte loszudrücken, wenn er sie seinem Herrn nachtragen mußte. Robinson ließ ihn diesen Dienst seitdem nicht mehr tun, weil er das Geheimnis des Schießens für sich behalten wollte, um sich durch diese Kunst bei ihm furchtbar zu machen, denn bei aller Folgsamkeit und Treue ließ er zuweilen eine Reizbarkeit des Zorns blicken, aus welcher man viel Gefahr besorgen konnte, wenn ihn eine unglückliche Veranlassung zur Flamme bringen sollte. Eine drohende Miene, ein scharfes Wort dämpfte sogleich solche Aufwallungen; er demütigte sich alsdann voller Furchtsamkeit wie ein ausgescholtener Schoßhund und näherte sich langsam und schüchtern, wenn ihn sein Herr durch freundliche Mienen und einen gütigen Ton wieder zu beruhigen suchte. Er mußte völlig wie ein Kind abwechselnd durch Furcht und Güte regiert werden.

Er lernte zwar Robinsons Muttersprache etwas langsam, aber doch in kurzem genug davon, um die Sachen, welche täglich vorkamen, zu benennen und zu unterscheiden, und er konnte sehr bald jedes Ding bringen, wenn ihm sein Herr die englische Benennung desselben sagte. Dieser Unterricht wurde ununterbrochen bei allen Verrichtungen fortgesetzt, bei dem Melken der Ziegen, bei der Bestellung des Ackers, bei dem Essen, und die Aufmerksamkeit, womit Franz seinem Lehrer zuhörte, die Mühe, die es ihm oft kostete, die gelernten Worte auszusprechen, die häufige Verwechselung, die er mit ihnen vornahm, war zuweilen ungemein belustigend.

Robinson wollte ihm seinen Geschmack an Menschenfleische dadurch benehmen, daß er ihn an andere Speisen gewöhnte und ihm einen Abscheu gegen jene grausamen Mahlzeiten beibrachte; er besuchte deswegen oft mit ihm die Örter, wo seine Landsleute ihre Siegesmahle gehalten hatten und äußerte jederzeit in Mienen und Gebärden den heftigsten Widerwillen und Ekel bei den Resten, die noch zerstreut dort lagen, worüber sich Franz anfangs freilich wunderte und sich mit ganz entgegengesetzten Empfindungen daran erinnerte, wie wohl es ihm sonst hier geschmeckt habe. Bei dieser Gelegenheit erzählte er in seinem verworrenen Englisch, daß er an dem einen Orte einem solchen barbarischen Feste beigewohnt habe, wo man zwanzig Feinde verzehrte; da er nicht über drei zählen konnte, legte er zwanzig Steinchen auf die Erde und gab Robinson den Auftrag, sie an seiner Stelle zu zählen.

Um seine Ehrfurcht gegen das Schießgewehr zu vermehren, ließ ihn sein Herr lange Zeit das Laden nicht gewahr werden; wenn er losgeschossen hatte, mußte Franz die getötete Beute suchen, unterdessen lud Robinson seine Flinte von neuem, daß der erstaunende Franz mit offenem Munde ganz außer sich dastand und nicht begreifen konnte, wie eine so kleine Maschine so eine unerschöpfliche Quelle von Feuer und Tod war. Er näherte sich deswegen einem Gewehr nicht anders als mit tiefster Ehrfurcht und sprach mit ihm wie mit einem lebendigen Wesen; wie sich in der Folge auswies, waren diese Anreden jedesmal Bitten, daß ihm dieses feuerspeiende Ungeheuer das Leben nicht nehmen möge.

An Salz und gebratenes Fleisch gewöhnte er sich spät, und bei dem ersten Versuche, den er mit beiden machte, geriet er in Verzückungen und verzerrte sein Gesicht wie bei dem ekelhaftesten Geschmacke.

Sobald sie imstande waren, sich einander völlig verständlich zu machen, ging Robinson in seinem Unterrichte weiter und suchte ihm seine Religionsbegriffe mitzuteilen. In dieser Absicht fragte er ihn eines Tages, als sie am Ufer beieinander saßen, wer nach seiner Meinung alles, was er hier erblickte, Wolken, Hügel, Wälder, Meer, gemacht habe. – »Ein sehr, sehr alter Mann«, antwortete er, »der Benakmuke heißt und länger lebt als alle Dinge.« Robinson fragte ihn, ob man diesen alten Mann nicht ehren müsse, und er gab zur Antwort, daß alle Dinge zu diesem Alten sagten O, welches in seiner Sprache Ehrerbietung und Unterwürfigkeit ausdrückt. – »Aber wo kommen die Leute in deinem Lande nach dem Tode hin?« – »Sie gehen alle zu dem Benakmuke.« – »Und die Feinde, die ihr freßt?« – »Sie gehen alle zum Benakmuke.« –

Robinson machte ihm ein vollständigeres Bild von dem höchsten Wesen und sagte ihm unter andern, daß sein Gott die Gebete hörte, die er zu ihm täte; daraus schloß Franz, daß Robinsons Gott vornehmer sein müßte als Benakmuke, weil er weit über Sonne und Sternen wohnen sollte und doch alles hören könnte, was man von ihm bäte, da hingegen Benakmuke nur auf hohen Gebirgen wohnte, und doch müßte man zu ihm gehen, wenn man mit ihm reden wollte. – »Hast du oft mit ihm gesprochen?« fragte Robinson. – »Nein«, antwortete Franz, »das dürfen junge Leute nicht, sondern bloß die Ookake; diese gehen zu ihm und sagen O und bringen darauf seine Antwort zurück.« – Diese Ookake waren die Priester seines Landes, wie man von selbst merken wird.

Der ehrliche Robinson, der selbst nur einfältiglich glaubte, was ihm seine Kirche zu glauben befahl, wurde oft durch die Fragen seines Lehrlings in Verwirrung gesetzt, besonders als er sich Mühe gegeben hatte, ihm eine genaue Beschreibung vom Teufel zu machen. Franz wunderte sich, warum sein Gott, wenn er mächtiger wäre als der Teufel, dieses Ungeheuer nicht umbrächte. Robinson wußte sich nicht zu helfen und versicherte ihn, daß dieses am Ende der Welt geschehen würde; aber Franz ließ sich nicht damit beruhigen, sondern wollte schlechterdings, daß ein so schädlicher Feind umgebracht werden sollte, ehe er Schaden täte und nicht nachdem er ihn getan hätte. So mangelhaft dieser Unterricht war, so versichert doch Robinson, daß er Franzen in kurzer Zeit zu einem guten Christen gemacht habe – »und vielleicht zu einem bessern, als ich selbst war«, setzt der gute Mann hinzu.

Unter so gutherzigen Bemühungen brachte er in Gesellschaft seines Franz drei Jahre hin, und nach seinem eigenen Zeugnisse waren dies die angenehmsten während seines ganzen Aufenthaltes auf der Insel. Er glaubte, daß sein Sklave nunmehr in seiner Treue und guten Gesinnungen gegen ihn genug befestigt sei, um ihn mit dem Gebrauche des Schießgewehrs bekannt zu machen; auch hatte der Bursche durch den dreijährigen Umgang mit einem Europäer den größten Teil seiner Wildheit verloren und war so sehr der Freund seines Herrn geworden, daß dieser keine Gefahr bei ihm besorgen durfte. Er wurde also mit einem Messer und einer Axt bewaffnet, lernte schießen und ward völlig so ein streitbarer Kriegsmann wie Robinson.

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