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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Nunmehr hatte er bereits zehn Monate in diesem einsamen Aufenthalte zugebracht, und sobald seine Gesundheit wiederhergestellt war, kam ihm der Gedanke, seinen Wohnplatz zu verändern, von neuem ein. Er stellte in dieser Absicht eine Reise an und wanderte zuerst an der Anfurt hinauf, wo er mit seinen Transporten aus dem Schiffe gewöhnlich landete. Nach einem Wege von einem paar Meilen befand er, daß die Flut des Meeres nicht tiefer ins Land hinein ging, sondern sich mit einem nicht allzu breiten Flüßchen endigte, das aus einem Bache süßen und frischen Wassers entstand, das aber itzo bei der trocknen Zeit sehr gefallen war. Am Rande des Baches lag eine Reihe anmutiger Wiesen, eine unübersehliche, reizende, grasreiche Ebene; in den höhern Gegenden, die der Überschwemmung weniger ausgesetzt sein mochten, stand Tabak in ziemlicher Menge, grün, frisch und mit dicken hohen Stengeln, nebst einigen andern Pflanzen, deren Name und Kraft ihm unbekannt war.

Vorzüglich forschte er nach der Kassavewurzel, woraus die Indianer ihr Brot machen, aber umsonst. Aloestauden und wildes Zuckerrohr waren wohl vorhanden, allein wegen Mangel an Wartung unvollkommen. Indessen hatte er doch Entdeckungen genug gemacht, um sein Nachsinnen einige Zeit zu beschäftigen, wie er die gefundenen Früchte und Pflanzen in seinen Nutzen verwenden könne; doch gingen ihm seine Erfindungen nur sehr langsam vonstatten, besonders weil er sich bei seinem Aufenthalte in Brasilien keine gehörige Kenntnis von den eignen Pflanzen dieses Himmelsstriches und ihrer Anwendung erworben hatte.

Bei einer zweiten Entdeckungsreise wanderte er viel weiter bis an das Ende jener grasichten Ebne, wo Strauchwerk und Wald seinen Weg hemmte. Auf dieser Wanderung fand er unter verschiedenen andern Früchten Melonen, die zahlreich auf dem Boden lagen, und Trauben an weit ausgebreiteten Reben, die sich um die Äste der Bäume herumschlangen und zu den vollen großen Beeren einluden. So herrlich und willkommen ihm eine solche Entdeckung sein mußte, so nützte er sie doch mit vieler Mäßigung, weil er aus der Erfahrung wußte, daß der häufige Genuß der Trauben sehr leicht entkräftende Ausleerungen und Fieber verursacht, und beschloß deswegen, sie an der Sonne zu trocknen und als Rosinen aufzubewahren. Über der Geschäftigkeit des Sammelns überfiel ihn die Nacht, und er brachte itzt die erste außer seiner Wohnung auf einem Baume zu, um den folgenden Tag seine Entdeckung fortzusetzen.

Er wanderte immer weiter, ließ gegen Mittag und Morgen eine langgedehnte Reihe Berge liegen und ging in einem anmutsvollen Tale hin, bis es sich öffnete, wo sich gegen Abend eine breite Strecke Land hinzog und gegen Morgen ein kleiner Bach lief, der aus einem Hügel neben ihm hervorrieselte; die ganze Gegend vor ihm war grün, blühend, in dem muntersten Kleide des Frühlings, ein lachender Garten. Süßer kann kein Mensch träumen als Robinson, da er einen kleinen Hügel hinaufstieg und von ihm sitzend die reizende Gegend übersah; das Vergnügen, das dem Menschen natürlicherweise Eigentum und Herrschaft gewähren, wurde so lebhaft in ihm, da er sich als den Besitzer und Herrn dieses kleinen Paradieses dachte, daß es ihm schwerfiel, sich von diesem Anblicke und seinen Vorstellungen dabei loszureißen. Dichte, zahlreiche Gruppen von Kokosbäumen, Pomeranzen und Zitronenbäumen versprachen ihm Schatten und in der Zukunft vielleicht auch Nahrung, denn gegenwärtig hatten sie nur wenige Früchte; doch verschmähte er die grünen Zitronen nicht, die sie ihm darboten, sondern sammelte sie, um sich durch ihren Saft das Wasser gesund und erfrischend zu machen.

Da er mit der Witterung seines kleinen Reichs nunmehr bekannt war und also die Annäherung der zweiten jährlichen Regenzeit erwartete, so nahm er sich vor, Vorräte von allen gefundenen Früchten zu sammeln und für die Monate aufzuheben, wo ihm die feuchte Witterung keine weiten Wanderungen erlauben würde. Er sammelte deswegen Trauben und Zitronen in drei verschiedene Haufen, nahm einen Teil mit sich nach Hause und wollte das übrige Zurückgelassene den folgenden Tag in einem Sacke vollends nachholen, allein mit Verwunderung wurde er bei seiner Rückkunft gewahr, daß sein Fleiß Mitesser herbeigelockt hatte, die gesammelten Trauben waren teils zerstreut, teils ausgeleert und nur noch die Hülsen übrig. Auch merkte er wohl, daß die übrigen den Transport nicht aushalten, sondern unterwegs zerquetscht werden müßten, darum hing er sie an Baumäste, um sie nach einiger Zeit getrocknet in seine Vorratskammer holen zu können, welches ihm auch noch kurz vor dem Eintritte der Regenzeit gelang.

Das Bild der einnehmenden Gegend, die er auf seiner bisherigen Wanderschaft entdeckt hatte, war ihm unaufhörlich gegenwärtig, und er konnte unmöglich der Begierde widerstehn, sich eine Wohnung dort anzulegen. Gleichwohl, wenn er bedachte, daß er dort tief im Lande und weit von der Seeküste entfernt war und also keine Errettung von seiner einsamen Insel erwarten konnte, sollte auch das Schicksal ein Schiff in diese Gegend führen; wenn er bedachte, daß sein itziger Wohnsitz wegen seiner freien Aussicht auf die See zu jener Absicht der beste auf der ganzen Insel sei; wenn er bedachte, daß er dort zwischen Wald und Berg eingeschlossen werde und sich vielleicht in eine ungesunde feuchte Luft begebe, so konnte er sich unmöglich zu einer Trennung von seinem gegenwärtigen Aufenthalte verstehen. Allein den Genuß eines so reizenden Ortes ganz aufzugeben, das war doch auch schwer! Nach langer Unschlüssigkeit fand er einen Ausweg, der alle seine Wünsche befriedigte: er legte sich in jener angenehmen Ebene eine Sommerwohnung an, wo er den größten Teil der trocknen Zeit zubringen wollte. Eilfertig wurde nach dem Risse seiner alten Wohnung ein Zaun von Stangen und dazwischen geflochtnen Baumästen verfertigt und darinne ein Zelt von einem Stück Segeltuch aufgeschlagen. Wer war nun glücklicher als Robinson? – Der König von Neapel kann sich über sein neues marmornes Landhaus nicht so sehr gefreut haben als der gute Abenteurer über seine segeltuchne Sommerhütte. Nur ging zum Unglück die Regenzeit an, und er konnte sie unter anderthalb Monaten nicht beziehen, weil sie zu leicht gebaut war, um ihn vor der Nässe zu schützen. Er mußte also in seinen Winterpalast, oder, wie man ihn in dieser Gegend nennen konnte, in seinen Regenpalast kriechen und, ohne auszugehn, Sturm und Regen vom August bis in die Mitte des Oktobers geduldig abwarten. Seine Haushaltung war sehr einfach und seine Mahlzeiten sehr kärglich, weil sein Vorrat diese ganze Zeit über zureichen mußte; des Morgens aß er eine gedörrte Traube, seine Mittagsmahlzeit war ein Stück gebratnes Ziegenfleisch oder eine Schildkröte und das Abendessen ein paar Schildkröteneier, wenn er deren habhaft werden konnte.

Nach seiner Rechnung mußte nunmehr entweder bald oder schon ein Jahr verflossen sein; er zählte die Einschnitte an seinem hölzernen Almanache durch und fand schon einige Tage über das Jahr. Dieser Schluß seines Jahres, das mit dem 13. September anging, wurde sehr feierlich begangen: nach den damaligen Grundsätzen der christlichen Kirche fastete er einen Tag lang und hielt sich für die eingebüßte Mittagsmahlzeit bei dem Abendessen desto reichlicher schadlos.

Es ist bereits erwähnt worden, daß er unvermutet zu einer Ernte von einigen Gerstenähren und Reisstengeln gelangte. Bei seiner jetzigen Muße lenkte er sein Nachdenken wieder auf diese Ernte und faßte den Entschluß, die Körner auszusäen. Zum glücklichen Säen und Ernten gehört Beobachtung des Wetters, und diese konnten ihm nichts als gelungne und mißlungne Proben verschaffen. Er teilte also seinen Samen und säete die eine Hälfte nach der Regenzeit aus, wo die Wärme nach seiner Meinung das Wachstum bald beschleunigen sollte; schon ein Fehler! denn da in der ganzen trocknen Zeit zwei bis drei Monate hindurch kein Regen fiel, ging seine Saat aus Mangel der Feuchtigkeit gar nicht auf, und was aufging, verbrannte und verwelkte.

Es wurde ein zweiter Versuch gemacht. Er säete kurz vor den nassen Monaten; seine Saat ging schön auf und wurde in den folgenden Monaten schnell reif. Die Ernte war noch immer nicht sehr erträglich; es mußte entweder an der Bearbeitung des Bodens liegen oder an der Zeit des Säens. Wiederholte Versuche lehrten ihn beides verbessern und zeigten ihm, daß er in einem Jahre zweimal säen und zweimal ernten konnte. Aus diesen Beobachtungen, die ihm sein kleiner Ackerbau nötig machte, erwuchs allmählich sein Kalender; er wußte schon lange, daß dieser Himmelsstrich zwei Jahrszeiten habe, worunter eine jede jährlich zweimal wiederkömmt; doch nunmehr bemerkte er auch den Anfang und das Ende einer jeden. Im halben Februar, ganzen März und der Hälfte des Aprils war Regenzeit; von der zweiten Hälfte des Aprils bis in die erste Hälfte des Augusts dauerte die trockne Zeit; ebenso kam vom halben August bis zum halben Oktober die erste Jahrszeit wieder und von da bis in den halben Februar die zweite trockne Zeit. Das Anhalten einer jeden wurde bald verlängert, bald verkürzt, doch reichten jene Bestimmungen vorderhand zur Regulierung seiner ökonomischen Beschäftigungen völlig hin.

Auf eine andere nützliche Bemerkung führte ihn der Zufall. Als er nach dem Verlaufe der Regenzeit seinen Sommerpalast zum ersten Male wieder besuchte, fand er den Zaun ganz grün: die eingeschlagnen Stäbe waren, wie bei uns die Weiden tun, ausgeschlagen, hatten Zweige getrieben, und es war zu vermuten, daß einige darunter Wurzel fassen möchten, welches auch in der Folge bei den meisten geschah. Die Entdeckung wendete er zur Verschönerung seines alten Zauns an; er suchte die Bäume auf, wovon er jene Stäbe geschnitten hatte, und schnitt ihrer soviel davon ab, daß er seinen ganzen Palisadenzaun damit umpflanzte und aus den meisten ringsherum Bäume bekam, die ihm Schutz und Schatten gaben.

Weil er sich in der Regenzeit niemals mehr aus seiner Wohnung wagte, dachte er itzt die ganze trockne Zeit über darauf, sich Vorräte von allen seinen Bedürfnissen und Materialien zu Arbeiten zu sammeln. Die schicklichste und notwendigste Beschäftigung schien ihm, aus Ruten allerhand Arten von Behältnissen für trockne Sachen zu flechten. Er versuchte, ob der Baum, der die eine Eigenschaft der Weide hatte, daß er sich so leicht fortpflanzte, wie vorhin gesagt worden ist, auch vielleicht ihre Biegsamkeit habe, und fand seine Vermutung bestätigt. Er beraubte daher alle Bäume dieser Art, deren er nur ansichtig wurde, ihrer Kronen, ließ die abgehaunen Zweige an der Sonne dürre werden, verwahrte sie im Keller und flocht aus ihnen in der nächsten Regenzeit eine überflüssige Menge Körbe. Dabei kam ihm eine jugendliche Neugierde sehr wohl zustatten: er hatte als Knabe sich schon oft in der Werkstätte eines Korbmachers aufgehalten, der neben seinem Vater wohnte, und ihm bei seiner Arbeit geholfen, wodurch ihm einige von den hauptsächlichsten Handgriffen hängengeblieben waren.

Ebenso nötig wäre es ihm gewesen, Gefäße für flüssige Sachen zu verfertigen, woran er großen Mangel litt, allein weder der Zufall noch sein Scharfsinn wollten seinem Bedürfnisse noch zur Zeit zu Hülfe kommen.

Sobald die trockne Zeit wieder anfing, unternahm er eine neue Reise durch die Insel und zwar nach einer andern Seite hin. Die Flinte, ein Beil, einen Beutel mit Pulver und Schrot, einen andern mit Proviant auf dem Rücken, wanderte er in Begleitung seines Hundes aus, ging über das Tal, wo sein Sommerzelt stand, hinüber, erblickte Meer und jenseit desselben Land, eine große lange Strecke Landes, die nach seiner Mutmaßung wenigstens fünfzehn bis zwanzig Meilen von ihm entfernt sein mußte. Nun stund ein ganzes Heer Vermutungen in ihm auf: das Land lag in Westen, es mußte also ein Stück von Amerika sein; aber vielleicht war es eine Insel, vielleicht ein Teil des festen Landes, vielleicht eine von den spanischen Kolonien, vielleicht ward es von Wilden bewohnt, vielleicht gar von den Kannibalen, die nach seiner Meinung alle Menschen, die ihnen in die Hände fielen, totschlugen und fraßen. Er sah lange und unbewegt nach der Gegend des erblickten Landes hin, als wenn er dadurch Gewißheit über seine Vermutungen bekommen könnte, und gab sie endlich auf, um sich an den lustigen Feldern ringsherum zu ergötzen; wo er hinsah, war der Boden eine Tapete von bunten Blumen und hohem üppigen Grase, mit kleinem lichten Gehölze umkränzt. Um ihn herum hüpften Papageien, und er freute sich ungemein, ein Tier zu finden, das seinen Ohren mit der Zeit den Laut einer Menschenstimme zu hören geben könnte. Nach vieler Bemühung auf seinem Rückwege gelang es ihm, einen jungen mit einem Stocke zu treffen, daß er hinsank; zum Glück war der Schlag nur betäubend gewesen, der Vogel erholte sich und wurde von dieser Zeit an in die Lehre genommen.

Auf dem Fortgange dieser Reise bemerkte er in den Gründen viele Tiere, die unsern Hasen und Füchsen ähnlich sahen; er tötete einige, doch konnte er sich nicht überwinden, sie zu essen, weil er sie nicht hinlänglich kannte. Je weiter er seinen Weg fortsetzte, je mehr bedauerte er es, daß er nicht an diese Seite der Insel vom Sturme geworfen worden war; hier war alles so sehr im Überflusse wie bei seiner Wohnung an allem Mangel. Das Ufer lag voller Schildkröten, und an dem Strande bei seinem Wohnplatze ließ sich nur selten eine blicken; alles wimmelte von Vögeln, worunter er die meisten Gattungen gar nicht kannte. Als er nach seiner Rechnung eine Strecke von zwölf englischen Meilen am Strande hin gegen Osten zurückgelegt hatte, setzte er einen starken Pfahl ans Ufer statt eines Zeichens und entschloß sich, wieder umzukehren, um in der nächsten trocknen Zeit eine Reise auf der andern Seite von seiner Wohnung aus bis zu diesem Pfahle zu tun.

Um der Rückreise einige Mannigfaltigkeit zu verschaffen, wollte er sie durch einen andern Weg quer über die Insel hin tun, allein er hätte die Mannigfaltigkeit bald mit Gefahr gesucht, denn er war kaum ein paar englische Meilen gegangen, so befand er sich in einem großen Tale, das ringsum mit Wald und Bergen umzäunt war; er konnte sich in der Richtung seines Weges bloß durch den Stand der Sonne leiten lassen, und auch diese Leiterin entbehrte er die größte Zeit des Tages, weil die Luft immer dichter und neblichter wurde, je tiefer er ins Tal hinab kam. Unter so ungünstigen Umständen ging er drei oder vier Tage durch das Tal hin, und da die Gefahr, sich zu verirren, immer zunahm, entschloß er sich kurz und kehrte auf dem nämlichen Wege zum Strande zurück, um seinen Pfahl aufzusuchen und von da wieder heimzugehen, wie er herwärts gegangen war. Auf diesem Marsche fing er den jungen Papagei, dessen vorhin schon gedacht worden ist, und ein junges Ziegenböckchen, welches sein Hund jagte und erwischte, doch ohne ihm Schaden zu tun, weil der Herr zeitig genug dazu kam, um es zu retten. Er führte es an einem Stricke mit sich nach Hause, versorgte es mit Futter und überließ sich mit ganzem Herzen der Freude, nach einer monatlichen Abwesenheit seine Wohnung wiederzuerblicken. Kein Pilgrim kann so zufrieden Weib und Kinder begrüßen als Robinson itzt seine Hütte – das einzige, was seine Neigung an sich ziehen konnte! Seine elende Hängematte tat ihm itzt so wohl als das herrlichste europäische Lager, nachdem er einen Monat lang auf Bäumen geschlafen hatte, und seine Kost schmeckte ihm doppelt wohl, da er sie itzt wieder in Ruhe nach einem so langen unsteten Leben genoß. Dem Papagei wurde ein Käfig von Ruten geflochten und seine Sprachwerkzeuge täglich aufgefodert.

Sein Pfahl und die Abwechselung der Jahrszeiten lehrten ihn, daß nunmehr das zweite Jahr vergangen sei, und er sah mit Verlangen den Monaten entgegen, wo er eine große Ernte von seinem verbesserten Ackerbau erwartete. Die Saat stund vortrefflich, schoß sehr dicht auf, aber je mehr sich die Ähren der Reife näherten, je mehr Räuber fanden sich ein, die die Frucht seiner Arbeit genießen wollten. Es war nichts anders für ihn zu tun, als daß er das rechtmäßige Eigentum seines Fleißes schützte und List oder Gewalt brauchte. Die wilden Ziegen und die Tierchen, die er den Hasen ähnlich fand, versammelten sich in großen Haufen dabei und fraßen die Saat, ehe sie noch schoßte; er mußte also sein Feld mit einem dichten Zaune verwahren, und des Nachts band er den Hund mit einem langen Stricke daran, damit er ringsherum laufen und sie mit Bellen verscheuchen konnte.

Kaum hatten die Ähren Körner, so fanden sich andre Eßlustige: die Vögel fielen scharenweise darüber her und drohten, alles aufzuzehren. Er schreckte sie durch Schüsse, vor welchen sie flohen, doch um bald wieder zurückzukommen, denn kaum hatte er sich einige Schritte entfernt, so waren die Räuber schon wieder in seinem Getreide. Er ergrimmte über diese Verwegenheit und tat einen Schuß unter sie, der drei von ihnen tötete; diese drei Missetäter hing er allen Vögeln auf der ganzen Insel zur Lehre und Warnung an drei verschiedenen Orten seines Feldes auf, und er versichert, daß seitdem kein Vogel mehr die Ruchlosigkeit begangen habe, ihn zu bestehlen. Da sieht man, was unverdorbne Natur tut: in Europa hat kein einziger Vogel so ein lauteres Gefühl von Ehre und Schande; bei uns sind sie so unverschämt wie die Menschen.

So viele Gefahren ungeachtet, erntete er doch reichlich; statt der Sense mußte ihm ein alter Säbel dienen, womit er die Ähren abschnitt und in einem Korbe nach Hause trug; das Stroh, dessen er nicht bedurfte, sollte die Düngung der künftigen Ernte werden. Da der eingeerntete Vorrat nicht sonderlich groß war, konnte er ohne Mühe und ohne Dreschmaschine die Körner mit den Händen ausreiben. Alles wurde zu Samen für eine neue Ernte bestimmt, und nicht eher sollte etwas davon verbraucht werden, als bis er sein Brot von einer Ernte zur andern und jedesmal den Samen für eine neue baute. Indessen wollte er alle Zeit darauf wenden, die Werkzeuge des Ackerbaues zu verbessern und die nötige Gerätschaft zum Mahlen und Brotbacken zu ersinnen.

Zum Umgraben der Erde gebrauchte er bisher Schaufeln von einer Art Holz, das man in Amerika den Eisenbaum nennt; es hat die Farbe des Eisens und viel von seiner Festigkeit, ist sehr schwer zu bearbeiten und schwer zu regieren, daß ihm also die Zubereitung des Werkzeugs und der Gebrauch desselben bei dem Umgraben unendliche Zeit und Mühe kostete.

Wenn er den Samen ausgestreut hatte, fehlte ihm eine Egge, um ihn in den Boden hineinzuarbeiten; in Ermangelung derselben tat er es mit einem abgeblätterten schweren Baumaste, den er etlichemal über das besäete Feld schleppte.

Mit diesen elenden Hülfsmitteln brachte er den ganzen eingeernteten Vorrat unter die Erde, umpflanzte sein Feld mit einem dichten Zaune von dem Holze, das so leicht Wurzel faßt, und wandte die nächste Regenzeit zu Erfindung einer Mühle und eines Backofens an. Zum Vergnügen gab er nebenher seinem Papagei im Sprechen Unterricht und brachte es in kurzer Zeit so weit, daß er seinen eignen Namen Poll laut und deutlich aussprechen konnte. Welch eine Wollust für sein Ohr, ein ausgesprochnes Wort von einer fremden Stimme zu hören! So kurz und unbedeutend auch diese Unterredung war, so hatte er doch jemand um sich, der ihn zu verstehen schien, mit dem er vertraut redete und der ihm zuweilen statt der Antwort ein Poll dazwischenplauderte.

Nach seiner Rückkunft von der vorhin beschriebnen Reise hatte er in der übrigen trocknen Zeit seine Versuche, Gefäße für flüssige Sachen zu erfinden, oft wiederholt, besonders da ihm auf seiner Wanderschaft eine fette Erde aufgestoßen war, die ihm eine schickliche Materie dazu zu sein schien. Er machte eine Masse aus ihr, aber bald war sie nicht steif genug, ihre eigne Schwere zu tragen, und fiel zusammen, sobald er etwas daraus formte, bald hatte er sie zu naß an die Sonne gesetzt, und sein Gefäß berstete, bald war die Masse zu spröde und bröckelte sich auseinander, wenn er sie anrührte. Geduld und Emsigkeit überwanden alle Schwierigkeiten: nach vielen vergeblichen Proben fand er endlich die rechte Temperatur und brachte wirklich zwei plumpe Gefäße zustande, die einer großen Schüssel nicht unähnlich sahen. Nachdem sie an der Sonne hart gebacken waren, setzte er sie behutsam in einen Korb und stopfte den leeren Zwischenraum mit Gerstenstroh aus.

Ein so glücklich gelungner Versuch spornte zu mehrern an: er verfertigte noch viele kleinere Geschirre, mit denen es nicht besser und nicht schlechter vonstatten ging. Als er eines Tages sein Essen kochte, sah er eine Scherbe von einem seiner zerbrochnen Gefäße im Feuer liegen, sie war glühendrot und hart wie Stein. Sogleich kam ihm der Gedanke ein, von diesem Zufalle Nutzen zu ziehen. Er machte ein tiefes Loch in die Erde, setzte drei von seinen getrockneten Gefäßen übereinander hinein, legte Holz darum und einen großen Haufen Reisig über sie her, zündete es an und fuhr mit dieser Feuerung fort, bis seine Gefäße glühten, alsdann bedeckte er das ganze Loch mit Holz und Rasen, um die Hitze beisammen zu halten, ließ sie fünf bis sechs Stunden darinne und gelangte beinahe zu seinem Zweck. Er wiederholte die Probe mit andern und lernte allmählich die erfoderliche Hitze und andre kleine Kunstgriffe kennen, daß ihm zuletzt sein Brennen niemals fehlschlug. Die Zierlichkeit der Form fehlte freilich allen diesen irdenen Kunstwerken, allein die Schönheit wurde an keiner Sache vom Bedürfnis, sondern von der Muße erfunden.

Eine Erfindung, das Getreide fein zu mahlen, mußte er vorderhand wohl aufgeben – aber wie? wenn ich's nun stampfte? sagte er sich. Dazu brauche ich einen Mörser. – Er suchte nach einem Steine, um ihn auszuhöhlen, allein die Steine seiner Insel waren entweder zu fest, um sie von den Felsen loszuschlagen, oder zu sandicht, um die Gewalt des Aushöhlens auszuhalten. Er wählte also lieber einen Klotz und höhlte ihn mit Feuer aus wie die Indianer ihre Kähne; alsdann wurde von dem obengenannten Eisenholze ein Stößel gemacht, und seine Mühle oder Getreidestampfe war fertig.

Aber wenn das Getreide gestampft war, bedurfte er eines Siebes, um Mehl und Hülsen voneinander zu sondern; es fehlte ihm ganz an dünner Leinwand, bis er ein paar grobe kattune Halstücher unter der geretteten Gerätschaft eines Matrosen entdeckte, die er zu seinem Zwecke zurücklegte.

Nun war noch das wichtigste Geschäfte übrig – das Backen. Ein Mensch, der seine Erfindungskraft schon so vielfältig geübt hat wie Robinson, tut endlich sehr schnelle Schritte; eine Erfindung bietet der andern die Hand: sein Backofen gelang ihm deswegen sogleich. Er machte zu diesem Behuf einige irdene, sehr breite, aber nicht tiefe Gefäße. Wenn er etwas zu backen hatte, machte er auf seinem Herde, der eine Grube in der Erde war, mit gebacknen Steinen aus seiner Fabrik belegt, ein großes Feuer, so lange bis die Steine ganz durchhitzt waren; alsdann fegte er die Asche rein weg, legte einen Klumpen Teig auf die heißen Steine und stürzte eins von jenen breiten flachen irdenen Gefäßen darüber, häufte die heiße Asche daran und ließ sein Brot backen, das vermutlich nicht köstlich, aber doch eßbar wurde.

Alle diese Erfindungen und ökonomische Arbeiten nahmen fast sein ganzes drittes Jahr hin; er säete und erntete dabei zu gehöriger Zeit, und zwar so reichlich, daß er schon beinahe seine völlige, wiewohl sparsame, Konsumtion und den Samen einer neuen Ernte erzeugte.

Wenn die wesentlichsten Erfindungen gemacht, die nötigsten Bedürfnisse befriedigt und dem künftigen Mangel nur so leidlich vorgebeugt ist, dann erweitern sich im Menschen die Begierden; sie können sich unmöglich auf den kleinen Fleck seiner Subsistenz einschränken; er strebt über ihn hinaus, und wenn keine Geschöpfe seiner Art da sind, um seine innere auflebende Wirksamkeit auf eine andre Art in Bewegung zu setzen, so ist die Neubegierde eine der ersten Begierden, die in ihm aufwacht. Robinson fühlte sie itzo so stark, daß er der Versuchung, das erblickte Land näher kennenzulernen, unmöglich widerstehen konnte; trotz aller Gefahren, die er dabei befürchtete, sann er täglich auf Mittel, über ein so breites Meer, als ihn davon trennte, hinüberzukommen. Es fiel ihm ein, daß das Boot, mit welchem er Schiffbruch gelitten, umgestürzt am Strande lag – ob das nicht vielleicht brauchbar zu machen wäre? – So unmöglich der Anschlag war, ohne alle Beihülfe das Boot aus dem Sande herauszuarbeiten, so schleppte er doch mühsam eine Menge Hebebäume aus dem Walde zusammen, brachte beinahe vier Wochen mit der Arbeit zu und vermochte doch nicht, es von der Stelle zu bringen und noch viel weniger ins Wasser zu schieben. Was war zu tun, als daß er den Plan aufgab?

Die Schwierigkeit fachte seinen Mut und seine Begierde noch mehr an: er nahm sich vor, selbst ein Boot zu machen, das heißt, nach Art der Indianer einen Baum auszuhöhlen und mit ihm die Reise anzutreten. Mit mehr als kindischem Vergnügen freute er sich über die Bequemlichkeiten, die ihm seine Arbeit viel leichter und vollkommner machen müßten als alle Kanots der Indianer, die den Gebrauch des Eisens noch nicht kannten. Eilfertig wurde eine der dicksten und höchsten Zedern auf der ganzen ihm bekannten Insel ausgesucht; zwanzig Tage mußte er an dem Stamme hacken, ehe sie fiel; zwei Wochen brauchte er, um sie von Ästen und Zweigen zu reinigen, und nicht weniger als einen Monat, um dem Baume die bauchförmige Gestalt eines Boots zu geben, damit es aufrecht auf dem Wasser schwamm; es kostete fast ein ganzes Vierteljahr, die inwendige Höhlung zu machen, zumal da er sie aus Eigensinn nicht mit Feuer, sondern mit einem Meißel machen wollte.

Itzt war das wichtige Werk fertig, und er konnte sich nicht enthalten, sich selbst darinne zu bewundern und lauten Beifall zuzuklatschen; alles war herrlich und schön, nur hatte er in der Berauschung einen wichtigen Umstand zu berechnen vergessen – wie er die große Maschine ins Wasser bringen sollte. Mit niedergeschlagner Betrübnis stand er neben seinem Kunstwerke und fühlte die Unmöglichkeit, es flottzumachen. Zwar war es nur zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, allein unglücklicherweise ging es gegen die Anfurt bergan. Er hatte das Herz, die kleine Anhöhe wegzugraben und nach dem Ufer zu abhängig zu machen: abermals umsonst! Er vermochte nicht, sein Boot von der Stelle zu schieben.

Die Begierde setzte ihm den Sporn in die Seite: er wollte schlechterdings seinen Plan durchsetzen. Er faßte den Entschluß, einen Kanal vom Meere bis zum Boote zu graben; er maß die Weite sorgfältig aus, berechnete die nötige Tiefe und Breite, und am Ende seines Überschlags fand sich's, daß er mit seinen zwei Händen wenigstens zehn Jahre bedürfe, um den Kanal zu vollenden. Welche Kränkung! Er mußte sein Fahrzeug als ein Denkmal seiner Unbesonnenheit liegenlassen und voritzt die Hoffnung zu einer Seereise aufgeben,

Über diesem ersten donquichotischen Streiche, den ihm seine erwachten Begierden spielten, war ihm das vierte Jahr verstrichen. Solange er hinlänglich Tinte hatte, führte er ein Tagebuch über alle Kleinigkeiten, wie bereits angemerkt worden ist, und machte dabei einige Bemerkungen, die es erklären, wie ehemals die Menschen so allgemein einen Unterschied zwischen guten und bösen, glücklichen und unglücklichen Tagen machen konnten. Er fand, daß er an dem nämlichen Tage, wo er seinem Vater entlief, durch einen Kaper gefangen und zum Sklaven geworden war; an dem Tage seiner Geburt wurde er von dem Sturme auf die Insel geworfen, wo er sich noch aufhielt. Dieses zufällige Zusammentreffen zweier merkwürdigen Begebenheiten auf einen Tag hätte ihn leicht bewegen können, diese Tage mit einem abergläubischen Selbstbetruge auszuzeichnen, wenn er nicht ein unterrichteter Europäer gewesen wäre.

Nächst der Tinte war sein Zwieback schon lange ausgegangen; er mußte sich länger als ein Jahr ganz ohne Brot behelfen, bis seine Ernte einträglich genug und seine Erfindungen zum Brotbacken gemacht waren.

Der Kreis seiner Wünsche wurde immer weiter; da sie das Bedürfnis so wenig mehr beschäftigte, so fand sich die Bequemlichkeit an seiner Stelle ein. Bis hieher hatte er Hitze und Regen meistens ohne Kleidung ertragen, höchstens schützte er sich durch ein Hemd wider die sengende Sonnenhitze und durch ein Kamisol wider die Nässe, und da seine Kleidung zerrissen war, entbehrte er sie ganz, ohne daß es ihm weh tat. Itzt fühlte er auf einmal die Beschwerlichkeit dieses Mangels; er dachte darauf, sich neue Kleider zu verfertigen, holte die paar Wachtröcke, die er aus dem Schiffe gerettet hatte, hervor, schnitt sie in Stücken und flickte sich daraus eine Kutte zusammen. In Ermangelung der Nähenadel brauchte er zugespitzte Stücken Holz oder Fischgräten, und statt des Zwirns zog er die Fäden aus aufgedrehten Stricken; auch diente ihm zuweilen das Bast von einem lindenähnlichen Baume dazu; hätte er große Fische gehabt wie die Nordländer, so würden ihm ihre Gedärme zu diesem Gebrauche sehr nützlich gewesen sein. Aus den Fellen der vierfüßigen Tiere, die er aß, wurde eine Mütze gemacht, die rauche Seite auswärts gekehrt, und da er den großen Nutzen derselben spürte, verfertigte er sich in der Folge eine ganze Kleidung davon – eine Jacke und ein Paar offne Beinkleider. Von der auswendigen haarichten Seite lief der Regen ab und prallten die Sonnenstrahlen zurück.

Um sich die Unannehmlichkeiten des Wetters noch mehr zu ersparen, sann er auf einen Sonnenschirm; er hatte dabei das Schicksal wie bei allen seinen bisherigen Erfindungen – er stümperte so lange, bis ihm einer gelang, den er auswendig mit Tierfellen überzog, zusammenlegen und im Notfalle wider Sonne und Regen gebrauchen konnte.

Inzwischen konnte er doch von dem Gedanken, ein Kanot zu bauen, nicht abgehn; er hatte die Herzhaftigkeit, ein neues anzufangen, doch ließ er sich seinen ersten mißlungnen Versuch zur Warnung dienen und ging behutsamer zu Werke. Er wählte einen viel kleinern Baum, kam deswegen in kürzerer Zeit damit zustande und konnte ihn mit weniger Mühe ins Wasser bringen. Er wußte seine Freude kaum zu fassen, als er sein Fahrzeug zum ersten Male schwimmen sah. Sogleich wurde ein kleiner Mastbaum, der schon in völliger Bereitschaft lag, eingesetzt, befestigt und mit einem Segel aus den zerrißnen Segeln des großen Schiffs versehen. Die erste kleine Probe lief völlig zu seiner Zufriedenheit ab; doch hielt er es, um sein Fahrzeug erst genauer kennenzulernen, für dienlich, vorderhand bloß eine Reise um seine Insel an den Küsten hin zu tun. Es wurden also mit möglichster Hurtigkeit an den innern Seiten des Kahns Behältnisse oder Kästchen zur Verwahrung des Pulvers, Proviants und andrer Bedürfnisse angebracht, worinne alles wider das einsprützende Seewasser und den Regen gesichert war; zugleich wurde auch eine schmale Höhlung in den Boden gemacht, um die Flinte darein zu legen und sie mit einer Tierhaut in der nämlichen Absicht zu bedecken. Auf dem Hinterteile des Fahrzeugs steckte er den ausgebreiteten Sonnenschirm auf, und so tat er zuweilen eine kleine Lustfahrt zur Probe an den Küsten hin; allein mit dem Gegenwärtigen sich zu begnügen ist nicht in der Natur des menschlichen Geistes, er will und muß schlechterdings weiter. Robinson wurde von der Begierde hingerissen, sein kleines Reich ganz zu umschiffen, und er versorgte sich mit den nötigen Bedürfnissen, um einige Zeit auf dem Meere auszuhalten. Ein paar Dutzend seiner Gerstenbrote, gerösteter Reis, Rum, eine halbe Ziege, Pulver und Kugeln wurden eingeladen, nebst einem Wachtrocke zur Bedeckung in kühlen Nächten, und nun fortan!

So klein der Umfang der Insel und so glücklich der Anfang der Reise war, so fanden sich doch bald genug Schwierigkeiten. An der östlichen Seite derselben streckte sich eine lange Reihe Klippen weit ins Meer hinaus und dann eine trockne Sandbank, die eine gute Stunde betragen mochte. Sonach mußte er über zwei deutsche Meilen weit ins Meer hinaus, wenn er diese Spitze umfahren wollte. Mit seinem schlechten Boote wagte er viel dabei; es war also wohl der Überlegung wert, ob er nicht lieber umkehren als sich ohne Rettungsmittel in eine unbekannte Gefahr begeben wollte. Aus dieser Ursache legte er sein Fahrzeug vor Anker, der aus einem zerbrochnen Schiffshaken bestund, band es an einen Baum am Lande an und stieg aus, seine Flinte auf dem Rücken, kletterte auf einen erhabnen Felsen, wo er die ganze Klippenreihe übersehen konnte, und beschloß, die Fahrt um sie zu wagen.

Er bemerkte bei seiner Beobachtung auf dem Hügel einen sehr heftigen Strom, der nach Osten und ganz nahe an der Spitze hin lief. Um sich bei dem starken Winde, der eben diesem Strom entgegen blies, keiner Gefahr auszusetzen, lag er zwei Tage still, bis sich der Wind lagerte.

Er fuhr ab. Kaum war er an der Spitze der Klippen und nicht so weit, als sein Boot lang war, vom Ufer entfernt, so merkte er einen starken Strom, der ihn mit aller Gewalt von seiner Bahn abtrieb. Es wehte kein Wind, alles Rudern war unwirksam, und er hielt sich ganz gewiß für verloren. Er wurde immer mehr vom Ufer entfernt, und es war nichts anders für ihn zu erwarten, als daß er in das weite Meer hinausgeführt wurde, um dort in dem elendesten Mangel umzukommen und nie wieder zu seinem kleinen Reiche und seiner geliebten Wohnung zurückzukehren, denn hatte er einmal die Insel aus dem Gesichte verloren, so war dies unmöglich. Er verfluchte seine tolle Neubegierde, blickte wehmütig nach seiner Insel hin und rief mit erhabnen Händen: »O du glückselige Einöde! Wie undankbar war ich, daß ich dich verließ! Oh, gelangte ich wieder zu dir, nie, nie wollt ich dich verlassen!« – Seine Rettung schien wirklich ganz unmöglich; sein Kähnchen schwamm auf der ungeheuren Meeresfläche wie ein Span auf einem großen Teiche herum, war wenigstens vier Stunden weit in die See hinein verschlagen und seine Kräfte von Rudern und Angst ermattet. Endlich gegen Mittag spürte er ein kleines Lüftchen; dies gab ihm wieder Mut; eine Viertelstunde darauf erhub sich ein frischer anmutiger Wind; er richtete seinen Mast auf, spannte das Segel und arbeitete, sosehr er konnte, um aus dem Strome herauszukommen. Es gelang ihm mit Hülfe des Windes, und er geriet in einen Gegenstrom, der ihn gerade nach der Insel hinführte, und nach verschiedenen Schlangenwegen, Krümmungen und Rückfahrten kam er endlich wohlbehalten wieder ans Land.

Sobald er den Fuß darauf gesetzt und sein Boot befestigt hatte, überfiel ihn eine so lebhafte Freude über seine Errettung und zugleich eine so starke Furcht vor dem Meere, daß er sich entschloß, einen sichern Ort zur Verwahrung seines Boots auszusuchen und die Rückreise vollends zu Fuß zu tun. Er befand sich itzt auf der nördlichen Seite der Insel und kannte die westliche, welche er nunmehr umfahren sollte, gar noch nicht. Der erste Entschluß wurde also beibehalten, eine Bucht für das Boot ausfindig gemacht, und nachdem es in Sicherheit gebracht war, wanderte er mit Flinte und Parasol am Ufer hin. Nach einem kurzen Wege kam er zu seiner großen Zufriedenheit an den Pfahl, den er bei seiner ersten Entdeckungsreise zu Fuß am Ufer aufgerichtet hatte, und nun war ihm der Heimweg nicht schwer. Er erreichte seine Wohnung mit der gerührtesten Freude und befestigte sich in seinem Vorsatze, sich nie wieder von ihr zu trennen.

Aber das Boot! – Täglich beunruhigte ihn der Wunsch, ein so mühsam gearbeitetes Werk nicht ungenützt dort liegenzulassen, aber es mit neuer Lebensgefahr herüberzuholen, dazu war er durch die ausgestandne Gefahr zu furchtsam geworden. Er mußte sein Verlangen abweisen und auch ohne Boot zufrieden sein wie zuvor. Desto mehr Zeit bekam er durch dieses eingezogne Leben, seine Manufakturen zu verbessern; aber nunmehr näherte sich ein neuer Mangel, ein Mangel, den seine Erfindsamkeit unmöglich durch eine neue Fabrik ersetzen konnte: sein Pulver nahm so gewaltig ab, daß bald seine ganze Jägerei ein Ende haben mußte. Was war zu tun? Er mußte auf Listen sinnen, wie er Ziegen und andre eßbare Tiere fangen konnte; er mußte sie zähmen und aus dem herumschwärmenden Jäger zum wirtschaftlichen weidenden Hirten werden.

Zuerst legte er Schlingen, besonders in der Hoffnung, eine trächtige Ziege zu bekommen, aber umsonst! Seine Stricke waren zu mürbe, und wenn er dazukam, eine Beute auszulösen, fand er seine Schlingen zerrissen und die Ankörnung weggefressen.

Das nächste, was er versuchte, war eine Grube. Er machte in den Gegenden, wo sich sein Wildbret oft äste, verschiedene tiefe Löcher, legte ein Geflechte von Ruten mit einem schweren Steine darauf, bedeckte das Geflechte mit Gras und streute Reiskörner und Gerstenähren darauf; es ging ihm mit dieser Falle nicht besser als mit den Schlingen. Endlich kam er hinter das Geheimnis, die Falle so einzurichten, daß alles, was sie nur berührte, in die Grube hinunterfallen mußte, und an einem Morgen traf er in einer solchen Grube einen großen alten Bock, in einer andern drei Junge, ein Böckchen und zwei Weibchen, an. Der Alte war so wild, daß er sich nicht an ihn getrauen konnte, und deswegen bekam er seine Freiheit wieder; allein die Jungen wurden zusammengefesselt und nach Hause gebracht, um der Anfang einer künftigen Herde zu werden.

Itzt trat also Robinson in einen der ruhigsten Stände, worinne sich die Menschheit jemals befunden hat – in das Hirtenleben.

Vor allen Dingen wählte er einen Platz, der hinlänglich Weide, Wasser und Schatten hatte, und schloß ihn in einen dichten Zaun ein, damit weder seine zahmen Ziegen entfliehen noch die wilden sich mit ihnen vermischen und sie durch ihre Gesellschaft wieder wild machen konnten. Er arbeitete mit allen Kräften an dem Zaune und ließ bei der Arbeit seine Ziegen angebunden um sich herum grasen; zur Erholung belustigte er sich zuweilen mit ihnen, gab ihnen Gerstenähren oder Reis, den sie ihm aus den Händen fraßen, und da der Zaun fertig war, hatte sie der tägliche Umgang schon so sehr zu seinen Vertrauten gemacht, daß sie ihm meckernd allenthalben nachliefen und um eine Handvoll Gerstenähren baten.

In einem Zeitraume von anderthalb Jahren wuchs seine Herde bis zu zwölfen an, Böcke, Ziegen und Zickel zusammengerechnet, und zwei Jahre darauf bestand sie schon aus zweiundvierzig Stücken, ob er gleich viele für seinen Tisch geschlachtet hatte.

Es ging ihm, wie es überhaupt den Menschen bei ihren Erfindungen gegangen ist: sie kannten lange die Gegenstände, ehe sie auf alle Arten ihrer Nutzbarkeit geführt wurden. So weidete Robinson lange seine Herde und nährte sich mit ihrem Fleische, ehe er auf den Einfall kam, ihre Milch zu nützen, und seitdem er darauf verfiel, wurde sie eins seiner vorzüglichsten Lebensmittel; er lernte nach vielen verunglückten Versuchen Butter und Käse daraus machen, ohne diese beiden Künste vorher gewußt zu haben.

Was fehlte ihm itzt zur Zufriedenheit? – Er war ein kleiner König, Regent und Besitzer einer ganzen Insel, unumschränkter Monarch seiner Untertanen, der Ziegen, Herr über ihren Tod und ihr Leben, ohne jemals in seiner Ziegenmonarchie Rebellion, Meuterei und Ungehorsam besorgen zu dürfen. Er hielt Tafel wie ein Monarch; der Papagei saß ihm auf der Schulter und hatte als Favorit die Erlaubnis, so viel zu schwatzen, als ihm beliebte; der alte Hund saß ihm wie ein bejahrter treuer Diener zur Rechten und genoß aus seinen Händen die Belohnung seiner Treue; seine beiden Katzen lauerten wie ein paar Hofleute auf einen gnädigen Bissen und zankten sich knurrend darum, wenn er ihnen einen zuwarf. Um nicht in einen großen Irrtum zu geraten, wisse man, daß dieses nicht mehr die Katzen sind, die er mit sich aus dem Schiffe nahm, sondern eine Nachkommenschaft von ihnen; jene lagen itzo schon längst im Schoß der Erde begraben. – Wenn er sich mit noch süßern Vorstellungen vergnügen wollte, betrachtete er sich als den Vater einer großen Familie, den Hund als einen trauten Freund; die Katzen waren ein paar Schmarotzer, die mit gekrümmtem Buckel und knurrend ihm seine Gnade abschmeichelten oder unverschämt mit der Pfote foderten, wenn sie zu lange außen blieb, und die Ziegen drängten sich, sooft er unter sie kam, mit kindlicher Liebe und Zutraulichkeit um ihn herum und erwarteten von ihm Futter, Vergnügen und Wohlsein; der Papagei war sein Gesellschafter, und nichts fehlte dem Familiengemälde als eine gute Hausfrau. Seine Tafel war reichlich und mannigfaltig besetzt, die Herbeischaffung seiner Lebensmittel kostete ihm keine große Mühe mehr; er lebte also schon in einem gewissen Luxus, in Bequemlichkeit, Ruhe und Überfluß, wenn man seinen gegenwärtigen Zustand mit dem vorigen vergleicht.

Annehmlichkeit, Ordnung und Reinlichkeit herrschten überall in seiner Wohnung. Sein Hauptquartier an dem Felsen hatte verschiedene Abteilungen bekommen, um Geschirre und die Arten der Vorräte, die sich nicht zusammen vertrugen, voneinander zu sondern; die Gräben, welche das Regenwasser ableiteten, waren in gutem Stande und aus den Palisaden seines Zauns hohe schattichte Bäume geworden, die ringsum sein Zelt umschlossen, Kühlung und Anmut verbreiteten, vor Regen und Hitze verteidigten und auch zur Sicherheit dienten, weil sie das Zelt so genau verbargen, daß man hier die Wohnung eines Menschen gar nicht vermuten konnte. Auf einen ähnlichen Fuß war auch sein Sommerpalast eingerichtet und mit den nötigsten Bedürfnissen und Bequemlichkeiten versorgt, daß er sich also dort aufhalten konnte, wenn er wollte, ohne sich mit einem weitläuftigen Transporte belästigen zu müssen. Herr von einer Winterwohnung, von einem Sommerhause, von einem Stücke Feld, von einem Weinberge, von einem Stalle mit vierzig Ziegen! – Wer kann größre Domänen auf einer wüsten Insel begehren?

Die Sicherheit vor dem Mangel gab ihm Phantasien: es war ihm nicht mehr genug, seinen Körper zu bedecken und vor der Witterung zu schützen, sondern seine Kleidung sollte nunmehr auch bequem sein und gut stehen. Die Mütze, vorher aus Ziegenfellen unordentlich zusammengeheftet, bekam itzt eine spitzige Form, und das Fell, das von ihr hinten herabhing, um den Nacken wider Regen und Sonne zu bewahren, erhielt einen zierlichen Schnitt. Das Wams, das wie sein ganzer Anzug aus Ziegenfellen geschaffen war, wurde itzt bis zu den Knien verlängert und aus der Haut eines alten Bocks ein Paar Beinkleider darunter gezogen. Die Füße verlangten gleichfalls eine Bedeckung und bekamen ein Paar Halbstiefeln, die wie Gamaschen an der Seite offen waren und zusammengebunden wurden. Die Hüfte umgab ein Gurt, worinne statt des Säbels auf der einen Seite die Axt und auf der andern die Säge steckte; an einem Streifen Ziegenfell hing ihm quer über die Schulter unter dem linken Arme ein doppelter Beutel für Pulver und Schrot. In einem Korbe auf dem Rücken trug er seine Lebensmittel, wenn er weit auswanderte, oder andre Dinge, die er von einem Orte zum andern schaffen wollte, und auf der Schulter eine Flinte; das Haupt bedeckte sein Schirm wider Sonne und Regen. Den Bart hatte er bisher bis zu einer Viertelelle anwachsen lassen, itzt wurde er abgeschnitten und ein lang herabhängender Schnurrbart über der Oberlippe zur Zierde beibehalten.

Sonach war Robinson alle Stände der Menschheit nunmehr durchwandert: er war Jäger, Fischer, Ackersmann, Hirte gewesen; er hatte Handwerke, Künste und Schifffahrt erfunden, und er befand sich itzo in dem Genusse der erfundenen Bequemlichkeiten so wohl, daß ihm Ruhe und Sicherheit vor Mangel Langeweile machten. Die Neugierde, zu erfahren, wie es in dem Teile seiner Insel aussehe, den er noch nicht kannte, plagte ihn außerordentlich, und er wünschte deswegen sehnlich, sein Kanot in der Nähe seiner Wohnung zu haben; das Verlangen stieg so hoch, daß er Anstalt machte, es herüberzuschaffen, und eine Reise zu der Bai unternahm, wo er es zurückgelassen hatte. Er langte dort an, bestieg eine Anhöhe und wurde mit Erstaunen allgemeine Ruhe und Stille im Meere gewahr; der Strom, der ihm bei seiner ersten Fahrt so viele Furcht erregte, war gänzlich verschwunden.

Er sann lange, woher diese unvermutete Erscheinung entstehen möchte, und nach wiederholten Beobachtungen entdeckte er, daß jener Strom von der Ebbe und Flut und von der Richtung des Windes abhing, und aus den Bemerkungen dieser beiden Umstände machte er sich eine Schifferregel, zu welcher Zeit des Tages und bei welchem Winde er sich der See in dieser Gegend anvertrauen konnte. Er hätte zwar nach diesen Beobachtungen die Zeit abpassen können, wo sich sein Kanot ohne Gefahr auf die andre Seite der Insel bringen ließ, allein das Andenken der neulichen Gefährlichkeiten erfüllte ihn mit so großer Furcht, daß er sich nicht an dies Unternehmen wagte, sondern lieber den Entschluß faßte, noch ein Boot in der Nähe seiner Wohnung zu bauen.

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