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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Robinson hatte in der Tat eine große Unbesonnenheit begangen: da ihm die Unsicherheit der Fahrt zum voraus bekannt war, warum vertraute er seinem elenden Fahrzeuge den beträchtlichsten Teil des gefundenen Vorrates an? warum teilte er ihn nicht lieber und versuchte itzo bloß die eine Hälfte hinüberzubringen, damit er, wenn diese ja verlorenging, die übrige bei einer andern Gelegenheit nachholen konnte? – Entweder kann man gewöhnlicherweise in einem solchen Vorfalle an so eine ökonomische Klugheit nicht denken, sondern verfährt mit einer Art von habsüchtiger Übereilung, oder blieb wirklich noch genug im Schiffe zurück, um den Verlust des ersten Transportes zu ersetzen? – Genug, Robinson belud sein Floß mit allem, was er ihm zumuten konnte, und wagte die Gefahr, alles auf einmal zu retten oder auf einmal zu verlieren.

Die Fahrt ging lange Zeit erwünscht, doch entfernte ihn der Strom immer weiter von dem Orte, wo er seine Kleider zurückgelassen hatte – ein Umstand, der ihn einen Zug des Wassers nach dieser Gegend hin und folglich einen Fluß, eine Anfurt und folglich eine bequeme Landung erwarten ließ. Wirklich hatte er auch richtig vermutet: es zeigte sich ihm sehr bald eine kleine Öffnung im festen Lande, durch welche ein starker Strom mit der Flut hineindrang. Er regierte also sein Floß so gut als möglich, um es völlig in der Mitte des Stroms zu erhalten, allein hier bedrohte ihn ein neuer Schiffbruch. Weil er mit der Küste unbekannt war, lief wider sein Erwarten der Floß auf einen seichten Grund, und weil er an dem andern Ende nicht fest lag, fehlte nicht viel, daß die ganze Ladung ins Wasser hinabgleitete. Er stemmte sich aus allen Kräften mit dem Rücken wider die Kisten und suchte zu gleicher Zeit, sich mit seinem zerbrochnen Ruder von dieser gefährlichen Stelle wegzubringen, allein er reichte zu dieser doppelten Arbeit nicht zu. Fast eine halbe Stunde mußte er in einer so beschwerlichen Stellung aushalten, bis ihn die immer höher steigende Flut vollends aufhub und in Bewegung setzte, worauf er sich durch Stoßen und Rudern wieder auf die rechte Fahrt verhalf; und siehe da! er befand sich in der Mündung eines kleinen Flusses zwischen hohem Lande auf beiden Seiten. Weil er sich nicht gern zu weit von der Küste entfernen wollte, um vielleicht bald ein Schiff zu erblicken, das ihn wieder in die menschliche Gesellschaft zurückführen könnte, so suchte er einen bequemen Platz zum Anlegen und entdeckte am rechten Ufer eine kleine Bucht, in welche er seinen Floß mit unendlicher Beschwerlichkeit hineinleitete und wo er bald so vielen Grund fühlte, daß er den Floß mit dem Ruder gerade fortstoßen konnte. Er glaubte schon völlig gewonnen zu haben, als ihn eine kleine Übereilung beinahe am Ende seiner Fahrt um alles gebracht hätte. In der Begierde zu landen, bedachte er nicht, daß der Teil des Floßes, welchen er nach dem Ufer trieb, wegen der Abhängigkeit desselben so hoch zu liegen kam, daß die Fracht an dem andern, tiefer liegenden Ende herunterfallen mußte. Zum Glück merkte er die nahe Gefahr beizeiten, um ihr dadurch vorzubeugen, daß er sein Ruder statt des Ankers brauchte und mit ihm den Floß so lange festhielt, bis die anschwellende Flut ihn in den Stand setzte, es auf einen flachen Grund zu stoßen. Hier steckte er die beiden Stücken von zerbrochnen Rudern, die er auf dem Schiffe gefunden hatte, an jedem Ende des Floßes eins in den Boden und lag auf diese Art so lange vor Anker, bis die Ebbe sich einstellte und das ablaufende Wasser den Grund unter dem Floße trocken machte.

Die erste Sorge nach dieser gelungnen Unternehmung war, einen Wohnplatz auszusuchen, wo der herübergebrachte Vorrat in Sicherheit sein konnte. Noch wußte er nicht, ob er sich auf einem großen festen Lande oder auf einer Insel, auf einem bewohnten oder wüsten Flecke Erdboden, unter wilden Menschen oder wilden Tieren befand. Als er, mit diesen Mutmaßungen beschäftigt, am Ufer dasaß, wurde er in der Entfernung einer halben Stunde einen kleinen Berg gewahr, der unter einigen andern nach Norden hin gelegnen der höchste zu sein schien. Ohne längere Überlegung faßte er den Entschluß, alles am Ufer stehenzulassen und mit einer Flinte, einer Pistole und einem vollen Pulverhorne diesen Berg zu besteigen, um jene Zweifel aufzuklären. Er kletterte mit der beschwerlichsten Mühe zu dem obersten Gipfel hinauf und erfuhr nunmehr sein ganzes Schicksal, sah, daß er mitten im Meere auf einer nicht sonderlich großen, wüsten, unfruchtbaren und wahrscheinlich unbewohnten Insel war, erblickte nirgends, so weit sein Auge reichte, nur einen beträchtlichen Fleck Landes außer einigen benachbarten Felsen und zwei sehr kleinen Inseln, die drei oder vier Meilen nach Westen hin lagen. Gewißheit gibt allemal Beruhigung, selbst im Elende; Robinson wanderte viel zufriedner zurück, nachdem er ganz wahrscheinlich wußte, was er zu erwarten hatte. Er sah sich auf diesem Wege fleißig nach den Mitbewohnern seiner Insel um und wurde hin und wieder Vögel und anderes Geflügel gewahr, besonders in einem weitläuftigen Busche, bei welchem er vorbeigehen mußte. Ein großer Vogel, der auf einem Baum saß und ihn ohne Furcht erwartete, reizte ihn, den ersten Krieg in diesem einsamen Orte anzufangen; er schoß nach ihm, und da dieser Schuß seit der Schöpfung vermutlich in dieser Gegend der erste sein mochte, so setzte er das ganze Gehölze in Bewegung, aus allen Teilen desselben flogen ganze Heere Vögel mit lautem Schnattern und Schreien auf und durchirrten die Lüfte wie eine Armee, der Kanonen die Annäherung des Feindes verkündigt haben; doch sah er keinen darunter, dessen Stimme, Farbe und Gestalt ihm bekannt gewesen wäre. Die Beute, die er erlegt hatte, war ein Raubvogel, unserm Habichte ähnlich, und hatte einen widrigen Geschmack, wie ein Tier haben muß, das vom Aase lebt.

Nach seiner Rückkunft zum Ufer brachte er seine Kisten und übrige Gerätschaft an einen Ort, der ihm zur Wohnung bequem schien; wegen seiner ängstlichen Furcht vor wilden Tieren getraute er sich nicht, die Nacht auf der Erde zuzubringen, und gleichwohl konnte er sich nicht entschließen, seine Vorräte zu verlassen. Die Nacht endigte seine Unentschlossenheit: weil nichts anders für ihn zu tun war, ergriff er kurzweg die Partie, alle Kasten und Bretter in einem Zirkel zu stellen und sich in diesen Verschanzungen ein Lager zu bereiten.

Da sein Aufenthalt in dieser Wüste wahrscheinlicherweise sehr lang dauern sollte, hielt er es für klug, dem Mangel so weit hinaus vorzubeugen, als es möglich wäre, und beschloß daher, mit der nächsten Ebbe wieder zum Schiffe zu schwimmen und einen zweiten Transport zu machen. Er legte den Weg des folgenden Tages glücklich zurück, verfertigte sich am Schiff einen neuen Floß, weil es ihm zu langweilig schien, mit dem ersten mühsam hinüber zu rudern, und brachte verschiedene Sachen von Eisen, Nägel, Beile und eine für ihn höchst wichtige Maschine, einen Schleifstein, Flinten, Kugeln, Segeltücher und Tauwerk an das Land. Seine Besorgnis vor wilden Tieren hatte ihn auch während dieser Abwesenheit von seinem Landmagazine mit Unruhe gequält, allein er fand bei seiner Zurückkunft nicht das mindeste Merkmal eines fremden Gastes, außer daß ein Tier wie eine wilde Katze auf einem Kasten saß und bei seiner Annäherung herabsprang, doch ohne zu entfliehen. Er hielt die Flinte auf sie, allein weil sie mit diesem mörderischen Gewehre nicht bekannt war, so blieb sie ruhig und ohne Furcht sitzen und sah ihn starr an. Ein solches Zutrauen verdiente, daß er sich um ihre Freundschaft bewarb; er suchte sie durch ein Stückchen Zwieback zu gewinnen, das sie mit dankbarer Begierde aufzehrte, und dann kam sie näher, um mehr dergleichen Freundschaftsproben zu erhalten; doch da Robinson dies nicht für gut befand, wanderte sie ab.

Durch den zweiten Transport hatte unser Abenteurer eine Bequemlichkeit bekommen, die seinen Blick in die Zukunft ungemein beruhigen mußte; er konnte sich aus den mitgebrachten Segeltüchern ein Zelt bauen, das seine Vorräte vor der Schädlichkeit der Nässe und der Sonne bewahrte und ihn selbst wider die Anfälle des Wetters beschützte. Er brachte es unverzüglich zustande, schaffte seine ganzen Habseligkeiten hinein und stellte die leeren Tonnen und Kisten statt einer Verpalisadierung im Zirkel um das Zelt, vermachte den Eingang inwendig mit einigen Brettern und stellte auswendig eine umgekehrte Kiste davor, breitete ein Bett auf die Erde, legte zwei Pistolen über den Kopf und eine geladene Flinte neben sich und schlief zum erstenmal mit europäischer Bequemlichkeit unter diesem fremden Himmel.

So groß sein Magazin nunmehr war, so ließ ihn doch die Unersättlichkeit der menschlichen Begierde und die Sorge für die Zukunft nicht in Ruhe, solange das Schiff in dem nämlichen Stande blieb; er tat in den folgenden Tagen noch verschiedene Reisen zu ihm und machte auf der sechsten, als er schon nichts vom Belange mehr zu finden glaubte, eine wichtige Entdeckung von einer Tonne voll Brot, drei Fäßchen Rum und etwas feinem Mehle. Noch war ihm alles nicht genug: er wollte das ganze Schiff stückweise herüberbringen. Er hieb die großen Ankertaue in Stücken und belud sein Floß mit solcher Habsucht, daß er in Gefahr geriet; als er in die Bucht, seinem gewöhnlichen Landungsort, gekommen war, schlug seine unbehülfliche Maschine um und warf ihn mit der ganzen Fracht ins Wasser; er schwamm vollends ans Land, das sehr nahe war, und zog bei der nächsten Ebbe das versenkte Gut heraus.

Itzt hatte er bereits eilf solche Fahrten zu dem Schiffe gemacht und schickte sich zu der zwölften an, als sich der Wind merklich erhub, dessen ungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, er schwamm hinüber und fand nach langem Suchen nichts als einige Messer und an fünfzig Pfund spanisches Gold, ein so unentbehrliches Bedürfnis unter Menschen und für ihn in seiner Einsamkeit das verächtlichste, unnützeste unter allen! – O wie sehr empfind ich itzt, dachte er, daß Geld nur Zeichen des Bedürfnisses, nicht Bedürfnis selbst ist! Das schlechteste Stück Eisen ist in meinem Zustande von größrer Wichtigkeit als eine ganze Ladung goldner und silberner Schätze; wie viele außer mir müssen mit Laster nach ihnen ringen, um Wohlsein und Bequemlichkeit zu kaufen. – Mein Zustand ist in der Tat so unglücklich nicht, als ich anfangs dachte, ich habe ja schon ein Bedürfnis weniger. – Trotz dieser einseitigen, aber für ihn tröstlichen Philosophie konnte er sich doch aus alter Angewohnheit nicht entschließen, dieses für ihn unnütze Metall liegenzulassen, sondern in der Hoffnung, daß er einmal wieder in die menschliche Gesellschaft zurückkehren werde, wo Geld die allgemeinste Ware und das oberste Bedürfnis ist, wickelte er es in ein Stück Segeltuch, um es mit sich an Land zu nehmen. Während seiner Betrachtung hatte sich der Himmel mit Wolken überzogen, und als er Anstalt machte, einen Floß zu verfertigen, war der Wind schon so heftig, daß er diesen Vorsatz aufgeben und darauf bedacht sein mußte, seine Person vor dem Eintritt der Flut zu retten. Er schwamm mit Beschwerlichkeit und wirklicher Gefahr zurück, besonders da er sich mit seiner gewöhnlichen Habsucht beladen hatte, langte glücklich und gerade zur rechten Zeit an, denn der starke Wind wurde immer mehr zum heftigen Sturme, der die ganze Nacht hindurch dauerte, und des Morgens darauf war das Schiff verschwunden, der Sturm hatte es zerbrochen und versenkt.

Sowenig Robinson seiner mehr bedurfte, so erschrak er doch bei diesem Anblicke, teils aus alter Zuneigung, die sich bei uns auch auf leblose Dinge erstreckt, wenn sie unser einziger Umgang sind, teils weil durch den Untergang desselben sein Bedürfnis, seine Begierden und folglich auch seine Geschäftigkeit vermindert wurde; er fühlte itzt aus der Erfahrung, daß seine Betrachtung bei Erblickung des Goldes auf dem Schiffe falsch gewesen war, daß es eine von den wesentlichsten Bestimmungen des Menschen sein muß, viel Bedürfnisse zu haben und durch sie tätiger und glücklicher als ohne sie zu werden.

Da der Sturm seiner Tätigkeit auf dieser Seite ein Ende gemacht hatte, so mußte er sie anderswo zu befriedigen suchen, und sein Zustand bot ihm Gelegenheiten genug dazu an. Er fand, daß sein gegenwärtiger Wohnplatz fast alle Unbequemlichkeiten in sich vereinigte: ein morastiger Boden in der Nachbarschaft des Meeres, in der Nähe kein frisches Wasser, den Sonnenstrahlen und Stürmen völlig offen – alles der Gesundheit und Bequemlichkeit zuwider! Er mußte schlechterdings eine bessere Stelle suchen. Bei seinem Nachforschen wurde er eine kleine grasreiche Ebne an einem ziemlich steilen, doch nicht sonderlich hohen Berge gewahr; die Vorderseite des Berges, der mehr ein großer Fels heißen konnte, bildete nach der Ebne zu eine glatte und beinahe senkrechte Wand mit einigen Öffnungen und Höhlen, die aber nicht weit gingen, und zog sich auf beiden Seiten mit einer kleinen zirkelmäßigen Krümmung herum. Welcher Ort konnte einladender zu einer Wohnung sein! – Der Fels bedeckte gerade die Seite, welche die Sonnenstrahlen am heftigsten trafen, die Seite nach der See war den kühlen Winden offen und gab eine beständige freie Aussicht auf das Meer, daß ihm so leicht kein Schiff entwischen konnte, das in diese Gewässer kam; auch wegen seiner Furcht vor wilden Tieren oder Menschen war er durch jenen natürlichen Wall zum Teil gesichert und durfte nur die übrige Hälfte des Bezirkes verpalisadieren, um ganz sicher zu sein.

Das tat er. Er steckte sich auf dem grünen Platze einen Raum ab, der ungefähr hundert Schuhe in der Länge und nicht viel weniger in der Breite betrug; von dem einen Ende des Felsens bis zum andern pflanzte er im Halbzirkel eine doppelte Reihe dicker, oben zugespitzter Stangen und legte zwischen diese beiden Reihen, die einen halben Schuh voneinander stehen mochten, alle Stücken von den zerhauenen Tauen des Schiffs, die völlig hinreichend waren, den ganzen Zwischenraum auszufüllen; um dem Zaune mehr Festigkeit zu geben, stützte er ihn inwendig durch schief gestellte Stangen, die sich ihm entgegenstemmten. Einen Eingang wagte er gar nicht zu machen, sondern verfertigte eine kurze Leiter, auf welcher er auf den Zaun stieg, die er, wenn er oben war, hinaufzog und an der inwendigen Seite anlehnte, um in seinen innern Bezirk hinabzusteigen.

Zu seiner Wohnung baute er ein doppeltes Zelt, ein kleines, das er bereits, wie erzählt worden ist, aus Segeltüchern aufgeschlagen hatte und nur hieher zu versetzen brauchte, und über dieses ein größeres, zum Teil mit einem Stück gepichter grober Leinwand überzogen – eine Vorsicht, die ihm sehr nötig war, weil in diesem Himmelsstriche zu einer gewissen Jahreszeit sehr häufige und starke Regen fallen!

Seine Bequemlichkeit nahm mit jedem Tage zu; er hatte unter andern eine Hangematte ans Land gebracht, in welcher er nunmehr schlief und also ein gesunderes Lager hatte als vorher auf der feuchten Erde. Das Zelt mußte unterdessen allen Proviant und die übrigen Vorräte aufnehmen, welche die Nässe nicht vertragen konnten, bis er Zeit fand, eine von den Höhlungen des Felsens zu erweitern und zu einem Behältnisse derselben geschickt zu machen. Als ein kluger Baumeister nützte er die ausgegrabne Erde und Steine, seiner hölzernen Mauer mehr Festigkeit zu geben, er schüttete alles inwendig an sie an und brachte dadurch ringsum eine anderthalb Fuß hohe Terrasse zustande.

So viele und mannigfaltige Arbeit kostete manchen Tag, vielen Schweiß und Mühe, besonders in einer so heißen Gegend; dazu kamen zuweilen Zufälle, die ihn von der Hauptarbeit abriefen und um der Vorsichtigkeit willen die Zeit auf Nebendinge zu verwenden nötigten. Als er den Grund zum Zelte gelegt hatte, ergoß sich ein heftiger Regen aus einer finstern Wolke, und nicht weit von ihm fiel der Blitz mit einem schrecklichen Donnerschlage auf einen Baum. Der erste Gedanke mitten in der Betäubung des Schreckens war an sein Pulver – das Wichtigste unter allen seinen Vorräten, das ihm Beschützung und Unterhalt verschaffen sollte! Ohne Zeitverlust verteilte er die ganze Quantität in eine große Menge kleiner Portionen und verwahrte sie in verschiednen, voneinander entfernten Höhlungen des Felsens in der Erde oder wo es ihm sicher genug schien, um wenigstens, wenn seine Wohnung ein Unglück treffen sollte, nicht alles einzubüßen. Bei einem andern Regenstrome machte er die Erfahrung, daß seine Wohnung sehr leicht einer Überschwemmung ausgesetzt war; das Wasser häufte sich in dem innern Bezirke an, und er mußte Öffnungen durch seine Mauer machen, außer derselben Graben führen und dem Boden mehr Abhang geben, um den Abzug zu erleichtern.

Nächst dem mußte er täglich auf den Raub ausgehen, um seine Nahrung zu suchen und mit den Tieren und Produkten der Insel bekannter zu werden. Bei einer seiner ersten Wanderungen wurde er wilde Ziegen gewahr, die ihm gute Mahlzeiten versprachen, allein ihre Furchtsamkeit, Wachsamkeit und Behendigkeit machte alle seine Nachstellungen fruchtlos, bis ihm eine Beobachtung auf das rechte Mittel verhalf, sie zu fangen. Er bemerkte, daß diese Tiere, wenn sie oben auf den Felsen noch so ruhig lagen oder noch so emsig Kräuter zwischen den Steinen heraussuchten, ihn auch in einer weiten Entfernung spürten, sobald er tiefer stund als sie; als wenn er schon hinter ihrem Rücken wäre, sprangen sie sogleich federleicht über Felsen und Abgründe hinweg und verbargen sich; hingegen wenn er höher stund und sie in den Tälern lagen oder weideten, so ließen sie ihn nahe kommen, ohne ihn zu bemerken. Aus einer so oft bestätigten Erfahrung zog er den Schluß: also müssen diese Tiere in einer höhern Stellung mehr Spürkraft haben oder ihr Auge so gebaut sein, daß es die Gegenstände über sich schwerer erblickt; also muß ich, um sie zu schießen, ihren gewöhnlichen Aufenthalt auskundschaften und meinen Weg jedesmal über Berge nehmen, um ihnen den Vorteil abzugewinnen. – Mit dem ersten Schusse nach dieser Bemerkung tötete er ein Weibchen, das ein Junges bei sich führte. Wie eingewurzelt stand das erstaunte Junge da, als seine Mutter fiel, und da sie Robinson auf der Schulter forttrug, folgte es ihm mit den kläglichsten Trauertönen nach; bei der Leiter am Zaune wartete es, bis er die tote Mutter hinübergeworfen hatte, und ließ sich willig von ihm aufnehmen und zu ihr hinübertragen. Sehr gern hätte er das arme verwaiste Geschöpf auferzogen, um einen Gefährten in ihm zu haben, ein lebendiges Wesen, das sein Herz und seine Liebe teilte, allein es hatte noch gesäugt und wollte sich schlechterdings zu keinem Futter gewöhnen; er mußte sich also, um es nicht ganz ungenützt und elend sterben zu lassen, entschließen, seinen ersten Gesellschafter mit eigner Hand zu würgen und zu essen.

Glücklicherweise fiel es ihm kurz nach seiner Ankunft auf der Insel ein, sich einen Kalender zu verfertigen. Er wußte den Tag, an welchem er vom Sturme auf sie geworfen war; diesen schnitt er in ein dickes, glattgehobeltes Holz und bezeichnete den ersten darauffolgenden Sonntag mit einem langen Einschnitte; darunter schnitt er jeden Tag bei dem Aufstehen einen kleinern, und jeder siebente wurde in dieser Reihe wieder so groß als der erste, der vor sechs kleinern voranging. Der Pfahl wurde vor das Zelt in die Erde gesetzt, damit er ihn täglich an die Fortsetzung seines Kalenders erinnerte. Wenn nach seiner Rechnung ein Monat um war – denn er zählte jeden Morgen die gemachten Einschnitte durch –, so wurde der erste Tag des folgenden mit einem Einschnitte bemerkt, der über die ganze Seite des Pfahls sich erstreckte, und der Name des Monats dabei geschnitten.

Alles genau erwogen, war sein Zustand nunmehr gewiß nicht so äußerst traurig, als es scheint und er vielleicht selbst glaubte. Die Gewohnheit, diese große Stütze der menschlichen Glückseligkeit, mußte ihm erst das Unangenehme seines Aufenthaltes wegwischen, und dann wurde es dem Nachdenken nicht schwer, tausendfaches Gute darin zu entdecken. Wer diese beiden wichtigen Geheimnisse besitzt, sich leicht an jede Situation zu gewöhnen und mit einem scharfsinnigen Selbstbetruge ihr viel Gutes anzudichten, der hat leben gelernt. Robinson kannte entweder diese Erfahrung nicht oder wußte sie nicht zu nützen. – Anfangs war die Menge seiner Geschäfte zu groß, um dem Nachdenken Platz zu lassen: abmattende Arbeiten und tiefer Schlaf füllten sein ganzes Leben aus. Doch itzt, da die notwendigsten Verrichtungen geschehen waren und ihm zuweilen eine kleine Ruhe ohne Schlaf gegönnt wurde – itzt wachte die Reflexion auf und verbitterte ihm die Vorstellung eines Zustandes, dessen Unannehmlichkeiten er im vorhergehenden Taumel überhäufter Beschäftigung nur halb und vielleicht gar nicht gefühlt hatte. Was ihn in solchen Ruhestunden zuerst und am meisten quälte, war die Furcht vor der Zukunft: er dachte sich das Elend, in welches er geraten müßte, wenn sein Pulvervorrat verbraucht, wenn sein Zwieback aufgezehrt wäre, wenn der Regen und stürmisches Wetter sein Zelt verwüsteten, wenn der Blitz seine Wohnung anzündete und seine ganze Arbeit verheerte, wenn er mit Raubtieren um sein Leben kämpfen müßte, wenn ihn eine Krankheit daniederwürfe, wo er, von aller menschlichen Hülfe entfernt, jämmerlich umkommen würde, wenn vielleicht erst in zehn, in zwanzig Jahren, vielleicht niemals ein Schiff in diese Gegenden käme, wenn sein Körper, durch die Gewohnheit abgehärtet, alle Beschwerlichkeiten aushielt und er am Ende doch noch lange Zeit in Mangel, Blöße und Elend leben müßte, gern sterben möchte und nicht könnte – alle diese und jeden andern Zufall dachte er sich, und seine Furcht malte ihm jede dieser Möglichkeiten so fürchterlich vor, daß er bebte und mit Schaudern niedersank, um seine Beruhigung im Schlafe zu finden.

Seine Zufriedenheit hatte schon mehr gewonnen, als er diese Vorstellungen so oft wiederholt hatte, daß sie ihm Langeweile machten und seinen Blick allmählich auf das Gegenwärtige richten ließen. Natürlich fiel anfangs das Gemälde, das er sich davon machte, nicht angenehm aus; der Elende sieht allemal zuerst bloß die schwarze Seite seines Zustandes. Endlich aber – weil es doch besser ist, sich ein Glück einzubilden als gar keins zu haben – kam er so weit, daß er ebenso geschäftig das Gute seines Schicksals aufsuchte, als er vorher das Böse aufzufinden bemüht war, und sich eine Menge noch schlimmerer Zufälle dachte, gegen welche sein itziger Zustand eine wahre Wohltat war.

Ich bin, sagte er sich oft, auf eine öde, einsame, unfruchtbare Insel vom Sturme geworfen worden, ohne Hoffnung, sie jemals wieder zu verlassen. –

Aber wenn ich nun wie meine Gefährten ertrunken wäre? Habe ich nicht das Leben gerettet? Kann ich nicht durch meinen Fleiß die Erde fruchtbar machen und dem Mangel zuvorkommen? Habe ich nicht Werkzeuge, mir Unterhalt und wohl gar Bequemlichkeit zu verschaffen? War es nicht ein Glück, daß das Schiff vom Sturme erst versenkt wurde, nachdem ich das Hauptsächlichste aus ihm ans Land gebracht hatte? Wenn es nun von dem Sturme, der mich auf dieses Eiland warf, zerschmettert worden wäre, und ich müßte itzt ohne Obdach, ohne Lebensmittel, ohne Möglichkeit, deren habhaft zu werden, im Hunger unter den entsetzlichsten Schmerzen herumirren und peinlich sterben? –

Aber so einsam, von allen Menschen abgesondert! Wie schrecklich, wie traurig! –

Macht mir denn meine Erhaltung nicht Beschäftigung nötig, die mir die Zeit verkürzt und mich den Verlust der menschlichen Gesellschaft weniger fühlen läßt? Bin ich vom Morgen bis zum Abend bisher müßig gewesen? Bin ich nicht zugleich von allen Plagereien frei, womit die Menschen einander so trefflich quälen? – Niemand störet mich in meiner Arbeit, niemand streitet über die Grenzen seines Eigentums mit mir, niemand beurteilt die Fehler meines Fleißes zu strenge, niemand beneidet das Glück meiner Ernte, niemand bestiehlt, niemand betrügt mich; ich kann ja frei als unumschränkter Herr tun, was ich will, brauche mit niemandem um Nutzen, Ehre und Vergnügen zu kämpfen, werde nie gekränkt, bedarf keines Richters, keines Advokaten, werde nie um Meinungen oder elende Gebräuche verfolgt, gegeißelt, gebraten – allen Übeln der menschlichen Gesellschaft bin ich entflohen! –

Aber keinen Freund zu haben! Kein lebendiges Wesen zu lieben! Von keinem geliebt zu werden! Mit seiner Empfindung nicht aus sich herausgehen zu können! Das ist hart für eine menschliche Seele. –

Kann ich mir nicht helfen? Der Hund, der so hastig über Bord sprang, als ich das Schiff zum ersten Male durchsuchte, der mir getreulich ans Land nachfolgte, kann der nicht mein Freund sein? Können wir nicht durch lange Bekanntschaft eine Gebärdensprache unter uns erfinden, wodurch wir uns unsre Gedanken und Empfindungen verständlich mitteilen? Vielleicht kann ich meine Gesellschaft durch gezähmte Ziegen vermehren, vielleicht wird ein andres Schiff an diesen Ort verschlagen, vielleicht entdecke ich selbst auf meiner Insel Menschen, die mich fressen oder lieben lernen! –

Wenn der Unglückliche einmal so weit ist, daß er das mögliche Gute seines Zustandes sehen will, dann ist er nicht mehr unglücklich, und er kann endlich dahin gelangen, daß er es sehr übelnähme, wenn man ihn nicht für glücklich hielt.

Freilich entbehrte er die nötigsten Werkzeuge, die Erde zu bearbeiten: es fehlten ihm Grabscheite, Hacken und Schaufeln; es fehlten ihm, Kleider zu machen, Nähenadeln und Zwirn; allein in diesem heißen Himmelsstriche war Kleidung für ihn das entbehrlichste Bedürfnis, er ging die meiste Zeit des Jahres, die Regenmonate ausgenommen, nackt. Tinte und Federn hatte er in einer kleinen Quantität aus dem Schiffe geschafft, und sie war bald verbraucht, weil er ein Tagebuch über seine wichtigsten Beschäftigungen und Begebenheiten führte.

Dieser Mangel an den nötigen Werkzeugen machte seine Arbeiten so schwer und ihren Fortgang so langsam, daß er beinah ein ganzes Jahr mit seinem Palisadenzaune und den übrigen Festungswerken zubrachte; zwei Tage brauchte er meistens, um ein paar Pfähle im Walde abzuhauen, zuzubereiten und oft sehr weit nach Hause zu bringen, und den ganzen dritten, um sie in die Erde zu schlagen.

Das Werk stand nunmehr im Ganzen da, und Erfahrung und Bedürfnis mußten ihn nach und nach lehren, wo es verbessert und wie es zur Vollkommenheit gebracht werden könnte. So belegte er zum Beispiel die Mauer von außen mit Torf und fand wegen der heftigen und anhaltenden Regen in gewissen Monaten für nötig, über den Hof, zwischen der Mauer und dem Zelte, ein Dach von Stangen und Baumästen zu bauen. Der Keller wurde mit der Zeit erweitert, und weil der Fels aus einem nicht allzu harten Sandsteine bestund, arbeitete er durch ihn hindurch und brach außer den Palisaden eine Tür hinaus, um einen bequemen Eingang in seine Wohnung zu gewinnen und seine Vorräte mit mehr Ordnung in einem größern Raume aufstellen zu können.

Eine von den ersten Bequemlichkeiten, die sich ein Europäer wünschen muß, ist ein Stuhl und ein Tisch; sie wurden beide sehr leicht aus den Brettern gemacht, die zur Bedeckung des Floßes gedient hatten, wiewohl nur mit Hobel und Beil. Der Keller wurde zugleich die Gewehrkammer, und allenthalben herrschte nunmehr der Geist der Ordnung und Reinlichkeit.

Sein Tag war so eingeteilt, daß er jeden Morgen, wenn es nicht regnete, ein paar Stunden auf die Jagd ging, alsdann bis zum Mittage arbeitete, aß, ein paar Stunden wegen der übermäßigen Hitze schlief und von neuem an die Arbeit ging, bis ihn Essen und Schlaf davon abriefen.

Er fand bald, wie er gehofft hatte, Gesellschaft, und der Zufall lehrte ihn Dinge, die er nie durch Fleiß und Nachsinnen gefunden hätte.

Dieser große Urheber der meisten menschlichen Erfindungen brachte ihn unvermutet auf eine Entdeckung, die ihm ungemein viel Freude verursachte: er wurde eines Tages an der linken Seite seines Palisadenzauns einige Stengel gewahr, dergleichen er auf seiner Insel noch nirgends angetroffen hatte. In der Erwartung, daß sie vielleicht eine für ihn eßbare Frucht tragen könnten, verwahrte und hütete er sie sehr sorgfältig vor jedem Schaden, bis er in einiger Zeit zu seinem großen Erstaunen aus jedem eine natürliche europäische Gerstenähre hervorwachsen sah. Weil er sich keine andere Möglichkeit denken konnte, wie sie dahin gekommen sein möchten, so vermutete er, daß es ein einheimisches Produkt sein müsse, und durchsuchte deswegen auf seinen Spaziergängen und Jagden jeden Winkel, jeden kleinen Fleck, um vielleicht mehr davon zu finden: umsonst! Nachdem er sich durch Nachdenken und Nachsuchen müde gequält hatte, besann er sich, daß er vor einem paar Monaten an dieser Seite seiner Wohnung einen Beutel ausschüttete, der den Staub und die Hülsen von altem zerfressenen Getreide enthielt und ihm von ohngefähr bei der Durchsuchung eines aus dem Schiffe herübergebrachten Kleides in die Hände fiel. Ob er gleich damals kein einziges ganzes Korn darunter fand, so war ihm doch nunmehr das Wunder der neuen Erscheinung sehr begreiflich; sobald die Ähren reif waren, schnitt er sie ab und hub sie sorgfältig auf, um künftig ein kleines Feld mit den Körnern zu besäen und sie so lange zu vervielfältigen, bis er sich sein nötiges Brot bauen könnte. An dem nämlichen Orte waren auch einige Reisstengel aufgeschossen, die er in der nämlichen Absicht einerntete.

So günstig ihm indessen der Zufall auf der einen Seite war, so grausam war er gegen ihn auf der andern. Als er an einem Morgen ein Geschäfte in seinem Keller hatte, wurde er plötzlich gewahr, daß von der Decke desselben und dem Gipfel des Hügels große Stücken Erde herunterrollten, und zwo von den untergestützten Pfosten krachten sehr heftig. Mit der Angst eines Menschen, der dem Tode zu entrinnen glaubt, flüchtete er aus dem Keller und lief in einem Zuge die Leiter bei dem Eingange hinauf, über die Mauer hinunter und eilte, so weit er konnte, von seiner Wohnung hinweg, um nicht von dem nahen Berge begraben zu werden, der nach seiner Meinung über sie zusammenstürzen wollte. Kaum glaubte er weit genug von der Gefahr entfernt zu sein, um dem Einsturze zuzusehen, als er die Ursache seines Schreckens sehr zuverlässig erfuhr: es war ein wirkliches Erdbeben, und in einem Zeitraume von ungefähr acht Minuten erschütterte der Boden dreimal unter ihm mit der äußersten Heftigkeit, ein großes Stück stürzte von dem Gipfel eines Felsen mit Krachen herunter, und das Meer geriet in allgemeine Bewegung.

Robinson, für welchen dies das erste Erdbeben war, das er erlebte, lag von Bestürzung betäubt und sinnlos auf der Erde und wurde aus seiner Sinnlosigkeit nur durch das Getöse der Erschütterung und des Felsensturzes erweckt. Er fing an, über seinen möglichen Verlust und die traurige Lage nachzudenken, in welche er geraten würde, wenn die Erde seine ganzen Vorräte verschlungen oder so verschüttet hätte, daß er sie mit vieler Arbeit wieder ausgraben müßte, als dichte schwere Wolken über den ganzen Horizont sich heraufwälzten und eine neue Szene des Schreckens erwarten ließen. Der Wind brauste und wurde bald zu dem fürchterlichsten Orkane; das Meer war ein Schaum, die Wellen schlugen getürmt über das Ufer, der Sturm riß Bäume aus ihren tiefsten Wurzeln und drohte allem den Untergang, was er fand. Nach drei so schrecklichen Stunden verminderte er sich allmählich; ein paar Stunden darauf erfolgte eine Windstille und ein gewaltiger Regen. Robinson hatte diese ganze Szene unter freiem Himmel auf der Erde liegend abgewartet, doch itzt nötigte ihn der heftige Regen, Schutz zu suchen; er wagte sich also in sein Zelt zurück, allein auch hier war er nicht sicher genug, der Strom überschwemmte es so stark, daß es beinahe niedergedrückt wurde, und das eindringende Wasser öffnete sich allenthalben Wege. Deshalb nahm er seine Zuflucht in den Keller, aber noch immer mit der Besorgnis, unter dem einstürzenden Felsen seinen Tod zu finden.

So ungestüm das Wetter war, so mußte er sich ihm doch aussetzen, um dem angesammelten Wasser aus seinem Palisadenzaune einen schnellern und stärkern Abzug zu verschaffen. Er stärkte seine erschöpften Lebensgeister durch einen Schluck Rum und ging mutig an die Arbeit. Der Regen hielt die ganze Nacht und einen Teil des folgenden Tages an.

Die ausgestandne Gefahr veranlaßte ihn zu der Überlegung, ob es nicht ratsamer sein möchte, seinen Wohnort zu verändern und dazu einen offnen Platz zu wählen, wo er, wenn vielleicht die Insel öftern Erdbeben unterworfen sein sollte, vor dem Einsturze eines Felsen gesichert wäre. Wirklich war der Berg, wo er gegenwärtig wohnte, von dem Erdbeben gespalten und ein Teil des Gipfels so herüberhängend geworden, daß die nächste Erschütterung ihn herunterwerfen und seine Wohnung zerschmettern mußte. Er ging zu dem Ende zwei Tage lang herum, einen seinem Wunsche gemäßen Ort aufzusuchen und auf Mittel zu denken, wie er die Versetzung seiner ganzen Habseligkeit mit der mindesten Mühe veranstalten könnte. Es tat ihm in der Seele weh, sein mühsam gebautes Werk zu zerstören, und er faßte deswegen den Entschluß, die Gefahr in seiner bisherigen Wohnung so lange dran zu wagen, bis er an einem andern Orte eine neue Mauer nach dem Modell der alten zustande hätte, und so ging er dann ans Werk. Seine Äxte und Beile waren stumpf und sie zu schleifen hatte er niemanden, der ihm seinen Schleifstein umdrehte; er brütete lange über einem wichtigen Projekte, wie er beides zugleich verrichten könnte, und ersann endlich ein Rad mit einem Stricke, daß er den Stein mit den Füßen umdrehen konnte und beide Hände zum Schleifen frei hatte.

Eine Musterung seiner Vorräte lehrte ihn, daß sein Brot stark abnahm, so stark, daß er für nötig befand, seine tägliche Verzehrung auf die Hälfte einzuschränken. Traurig über diese unangenehme Entdeckung, sah er eines Morgens nach dem Ufer hin und erblickte etwas am Strande, das aus dem niedrigen Wasser hervorragte; er näherte sich ihm und fand, daß es eine Tonne mit Pulver war, nebst einigen Trümmern von dem Schiffe, das ihn hieher gebracht und das der letzte Orkan vollends zerschmettert und dem Ufer näher getrieben hatte. Das Pulver war durch die Nässe hart wie Stein zusammengebacken; demungeachtet wälzte er die Tonne das Ufer hinauf und kehrte zu den Trümmern zurück, um zu sehen, ob er vielleicht ins Schiff kommen und noch etwas Brauchbares entdecken könnte, allein es war wegen des Sandes, der es ganz anfüllte, unmöglich; indessen bemühte er sich doch, alles, was ihm anstund, abzusägen und abzureißen. Über dieser neuen Arbeit vergaß er die Verlegung seines Wohnplatzes und brachte den größten Teil des Tages mit dem Transporte der Schiffstrümmer zu; nebenher fing er mit Schnüren von den Fäden eines ausgedrehten Taues und krumm gebogenen Nägeln statt der Angeln Fische, die er an der Sonne dorrte und getrocknet aß. Auch war er so glücklich, eine Schildkröte zu fangen, die für einen Magen, der täglich so lange Zeit her nichts als das Fleisch von wilden Ziegen und Vögeln genossen hatte, eine erfreuliche Abwechselung sein mußte.

Während dieser Beschäftigung wurde – was ihm bisher ungewöhnlich gewesen war – die Witterung merklich rauh: es fiel ein dünner kalter Regen, der lange ohne Aufhören fortdauerte und ihm nicht wohl bekam. Er fühlte Frost, bekam Kopfschmerzen, brachte die Nächte ohne Schlaf zu oder in kurzem unruhigen Schlummer voll schreckender Träume und den Tag mit traurigen Vorstellungen über die Zukunft und quälenden Mutmaßungen über den Ausgang seiner Krankheit. Den dritten Tag war ein förmliches Fieber da: der Paroxysmus wurde heftig und lang anhaltend; so entkräftet er war, so mußte er doch den folgenden Tag auswandern, um sich etwas zu Besänftigung des übermäßigen Hungers zu verschaffen, der das kalte Fieber gemeiniglich begleitet. Er schoß eine wilde Ziege, schleppte sie mit großer Anstrengung seiner Kräfte nach Hause, bratete verdrossen ein Stück davon und aß mit desto größerm Appetite. Das Fieber wurde bei jeder Rückkunft angreifender und sein Zustand immer trostloser; der Hunger wütete in ihm, und gleichwohl war er selbst an den guten Tagen zu matt, um auf die Jagd zu gehen, kaum imstande, die Flinte zu tragen, und so verdrossen, daß er die Mühe scheute, ein Glied von der Stelle zu bewegen.

Eine Woche hatte er bereits in diesem Schweben zwischen schmerzhaften Empfindungen und ebenso schmerzhaften Besorgnissen zugebracht, als er an einem heitern Tage den kraftlosen Körper aus seiner Wohnung schleppte und sich in den Sonnenschein setzte; seine Flinte lag neben ihm, und er hatte kaum Kraft genug, den Hahn aufzuziehen; unfehlbar wäre er ebenfalls zum Losdrücken zu schwach gewesen, wenn sich ihm auch die beste Beute gezeigt hätte. – »Oh!« sagte er mit einem starken Akzente zu sich, indem er so dasaß, »was ist ohne den Menschen der Mensch? – Ein Raub der Krankheit, des Elends! die hülfloseste Kreatur von der Wiege bis ins Grab! Das Tier wird ohne Hebamme geboren, ohne Arzt geheilt, lebt und stirbt und bedarf keiner Hülfe als der Hülfe der Natur; nur der Mensch wurde unendlichen Leiden und Bedürfnissen preisgegeben, um beständig fremden Beistandes zu bedürfen. Oh, die ihr euch durch Nichtswürdigkeiten entzweiet und den Annehmlichkeiten gegebner und empfangener Dienste entsagt! Ein Tag in meinem Zustande würde euch bald lehren, wie wert dem Menschen der Mensch sein muß.« –

Über dieser Selbstbetrachtung versank er in einen erquickenden Schlaf, wo sie von seiner erhitzten Einbildungskraft in lebhaften Bildern fortgesetzt wurde; das beste seines Traums war, daß er ihm zu einem Hülfsmittel wider sein Fieber den Einfall gab. Unter der Menge unzusammenhängender Vorstellungen, die ihm durch den Kopf liefen, waren sein Keller und sein Zelt die öftersten; er durchmusterte alle Kisten und kleine Behältnisse und fand in der einen eine große Quantität Tabak, den er gierig herausnahm und in einer Gesellschaft von kranken Brasilianern, die seine Imagination ohne alle wahrscheinliche Vorbereitung sogleich herbeischaffte, mit der heftigsten Begierde verschluckte. Bei seinem Erwachen fiel ihm unter verschiedenen Fragmenten der gehabten Träume auch diese Tabaksgesellschaft ein, ein Gedanke erzeugte den andern, er besann sich, daß bei den Brasilianern der Tabak die Universalarzenei wider alle Krankheiten ist, und beschloß, nach ihrem Beispiele den Vorrat, den er in einer Kiste hatte, zu seiner Kur anzuwenden. So gewaltsam das Mittel war, so schlich er doch in seinen Keller, holte seinen Tabak hervor und machte einen Versuch auf mancherlei Weise: er kaute die Blätter, er legte andre etliche Stunden in Rum, um diesen herrlichen Extrakt bei dem Schlafengehn zu trinken, er legte ein Stück auf Kohlen und schluckte den Dampf mit Mund und Nase bis zum Berauschen ein. Diese dreifache barbarische Kur, die vielleicht die Mode mit der Zeit auch in unsre europäische Medizin bringen wird und die er in einem Nachmittage gebrauchte, tat die herrlichste Wirkung von der Welt: sie verursachte ihm einen so berauschenden Schlaf, daß er die ganze Nacht und den folgenden Tag, ohne aufzuwachen, in einem fort schlief, und er konnte sich es sogar nicht ausreden, daß er drei Tage hintereinander geschlafen habe. Als er erwachte, fühlte er sich so frisch und gestärkt, daß man's kaum glauben sollte, wenn er es nicht ausdrücklich versicherte; kurz, das Mittel ist probat, denn er wurde seit diesem langen Schlafe zusehends besser, das Fieber schwächer, und nach einer doppelten wiederholten Kur blieb es gar weg. Inzwischen machte er aus dieser Krankheit den Schluß, daß die Regenmonate, März und April, wo er sie bekam, der Gesundheit ungleich schädlicher sein müßten als der nasse September und Oktober, und zog daraus eine Regel für sein künftiges Verhalten.

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