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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Erster Teil

Robinsons Familie stammte ursprünglich aus Teutschland her: sein Vater war aus Bremen gebürtig, verließ seinen Geburtsort, um sich in England niederzulassen, erwarb sich in diesem Lande viel Vermögen durch den Handel und wählte die Stadt York zum Aufenthalte für den Rest seines Lebens. Hier heiratete er, und aus seiner Ehe entstand der berühmte Seefahrer, dessen Geschichte itzo jedermann erfahren soll, der meiner Erzählung zuzuhören Lust hat. Die Familie der Mutter hieß Robinson; unser Held nannte sich mit dem vereinigten Namen seiner beiden Eltern Robinson Kreuzner, und die Engländer, diese großen Namenverderber, schufen daraus einen Robinson Krusoe.

Der junge Robinson wurde für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt, allein sein Unternehmungsgeist gab ihm einen so starken Hang zum Leben eines Seefahrers, daß ihn die vernünftigsten Vorstellungen und dringendsten Bitten seiner Eltern von einer so mühevollen gefährlichen Laufbahn nicht abzubringen vermochten. Sein Vater hielt ihm tägliche Ermahnungen, daß er den Vorteil, in einem ruhigen wohlhabenden Mittelstande geboren zu sein, nicht verschmähen sollte. – »Nur dieser Stand«, sagte er ihm oft, »ist zur wahren Glückseligkeit ausgesondert, dahingegen die höhern und niedern Klassen die Übel des menschlichen Lebens unter sich teilen. Der Große wird von Leidenschaften, Projekten, künstlichen Bedürfnissen und künstlichen Leiden gequält; der Landmann, der Handwerker, der Fabrikant kämpft mit den Beschwerlichkeiten körperlicher Arbeit, oft mit Mangel und beständig mit der Ungewißheit des Unterhalts. Der Große wird durch Bequemlichkeit und Überfluß zu tausend Ausschweifungen verleitet, die seine Kräfte, seinen fröhlichen Mut, sein Leben verzehren; die Unbekanntschaft mit dem Elende macht ihn hart, unempfindlich, zu Freundschaft und Wohlwollen weniger geneigt; er seufzt unter Zwang und Langeweile, wenn sie ihm die Gewohnheit auch noch so erträglich macht, und über der unaufhörlichen Bemühung, sich nach andrer Denkungsart zu richten, verliert er selbst seine eigne. Ungesunde, durch Sitzen oder Anstrengung entkräftende Beschäftigungen vergiften in den niedern Ständen das Leben und stecken das Gemüt mit schlechten, unfreundlichen Gesinnungen an. Ein Mittelmann, der Vermögen genug besitzt, um der Abhängigkeit zu trotzen, wenn sie zu schwer drückt, der in seinen Schicksalen wohl Ebbe und Flut, aber nie Sturm und Ungewitter leidet, ist dieser nicht glücklicher als die übrigen? Er hat soviel Leidenschaft und Unglück, als nötig ist, um das Leben nicht tot, fade und lästig zu machen, und selten von beiden so viel, daß es ihn zu Boden schlagen könnte.«

Diese halb wahren und halb falschen Vorstellungen hörte der Sohn gelassen an, glaubte alles und beharrte in seiner Neigung. Er beredte seine Mutter, daß sie ihm bei dem Vater die Erlaubnis auswirken sollte, dem Hange zum Seeleben zu folgen, und da der Alte auch ihren Bitten sich unbeweglich widersetzte, so drang der unbesonnene Jüngling mit der Tollkühnheit eines Wagehalses durch Hindernisse, die er nicht anders wegräumen konnte: er entlief seinen Eltern und ging mit dem ersten Schiffe, das sich ihm darbot, von Hull, wohin er geflüchtet war, nach London, um daselbst Gelegenheit zu wichtigen weiten Fahrten zu finden. Die Angst über einen kleinen Sturm, der dem unerfahrnen Burschen ein großer tobender Orkan zu sein schien, bestrafte ihn den Tag nach seiner Abreise für einen gewagten Entschluß, dessen Gefährlichkeit er nunmehr sehr lebhaft fühlte; allein die wüste Gesellschaft, unter welcher er sich befand, ersäufte seine Reue in Punsch und Branntewein; man sprach ihm Mut ein, und die Herzhaftigkeit, die ihm fehlte, mußte ihm der Trunk verschaffen.

Einige Tage darauf erfuhr er eine noch härtere Bestrafung: ein viel größrer Sturm erhob sich mit solcher Gewalt, daß man das schwache und schwerbeladne Schiff den Wellen überlassen und sich auf einem Boote retten mußte. Als ein Bettler, abgerissen, von Gefahr und Angst entkräftet, mußte der unerfahrne Jüngling zu Fuß nach London gehn; selbst diejenigen, die ihn vorher zu dem Seeleben aufgemuntert hatten, rieten ihm itzo davon ab, weil sie weniger Standhaftigkeit und Kraft in ihm fanden, als dieser Beruf fodert – nichts half! Begierde überwog bei ihm die Stärke so sehr, daß er noch itzt dem Rate, zu seinem Vater zurückzukehren, nicht folgte; er wankte einige Zeit, und die Scham vor seinen Eltern und Anverwandten bewegte ihn endlich, sich auf ein Schiff zu begeben, das nach der afrikanischen Küste bestimmt war.

Der Herr des Schiffes, auf welchem er nach Afrika ging, veranlaßte ihn durch die Freundschaft, die er für ihn sogleich nach dem Anfange ihrer Bekanntschaft faßte, zur Unternehmung dieser Reise; von der Lebhaftigkeit und Gesprächigkeit des jungen Menschen eingenommen, bot er ihm freie Fahrt an und die Erlaubnis, eine kleine Summe zu einem Handel mit Kleinigkeiten anzulegen, die sich an der Küste von Guinea mit Vorteil absetzen lassen. Robinson trieb mit Beihülfe einiger Anverwandten vierzig Pfund Sterlinge auf und brachte dafür bei seiner Rückkunft ohngefähr dreihundert Pfund zurück. Er gewann die Zuneigung und das Vertrauen des Schiffkapitäns und erlangte auf dieser Reise durch ihn viele Kenntnisse in der Mathematik, Schiffahrt und Sternkunde.

Die Reise ging ohne alle widrige Zufälle vonstatten; so vieles Glück und so vieler Gewinst spornte ihn an, eine zweite zu wagen, aber zu seinem Unglücke! Die größten Widerwärtigkeiten vereinigten sich, seinen seemännischen Mut zu erschüttern. Wer wird hier nicht sogleich einen Seeräuber kommen sehn, der ihn in die türkische Gefangenschaft bringt? – Getroffen! Zwischen den Kanarischen Inseln und der Küste von Afrika fand sich bei Anbruch des Tages ein Korsar aus Sale ein und machte mit allen Segeln Jagd auf das Schiff, mit welchem Robinson reiste. Der Kapitän hielt es für klüger, einem Räuber zu entfliehen als zu widerstehen, und segelte so schnell, als möglich war, von ihm hinweg, doch alle Schnelligkeit half nicht länger als bis nachmittags gegen drei Uhr, wo der Türke so nahe kam, daß man sich zum Streite rüsten mußte. Der Bösewicht wollte das Schiff von hintenzu angreifen, aber durch ein Versehen traf seine erste Kanonade die rechte Flanke; man beantwortete sie mit acht Kanonen, man feuerte auf beiden Seiten lange mit Kanonen und Flinten, der Räuber ersah seinen Vorteil, sechzig von seinen Leuten warfen sich in das angegriffene Schiff und richteten unter Mastbäumen und Tauen mit ihren Äxten eine schreckliche Verwüstung an. Man schoß zwar die beschnittnen Feinde tapfer wider die Köpfe, allein sie behielten doch bei aller Gegenwehr die Oberhand; sie hatten das Schiff mastlos und unbrauchbar gemacht, es mußte sich ergeben, und Robinson wurde nebst seinen übrigen Gefährten als Gefangner nach Sale geführt.

Die Leser, die vorhin die Ankunft des Seeräubers so richtig mutmaßten, werden gewiß nunmehr ganz schreckliche Behandlungen in dieser Gefangenschaft erwarten, aber da irren sie sich: es geht unserm Robinson ziemlich gut darinne. Freilich ist er aus einem Kauf- und Handelsmanne zum Sklaven geworden, aber er wird doch nicht mit den übrigen Gefangnen zur Residenz des Kaisers geschleppt, sondern der Kapitän des Raubschiffes behält ihn als einen jungen muntern Burschen für seinen Anteil von der Beute.

Robinson, dem sein neuer Zustand sehr wenig behagte, machte schon Entwürfe zur Flucht, nachdem er kaum darein versetzt war. Er hoffte zuverlässig, daß ihn sein neuer Herr, wenn er auf Streifereien ausging, mit sich zur See nehmen würde; alsdann war doch wahrhaftig nichts leichter möglich, als daß ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff den Korsaren bald oder spät in seine Gewalt bekam, und so hatte Robinsons Sklaverei ein erwünschtes Ende – aber nichts von dem allen geschah. Der neue Herr nahm ihn nicht mit sich zur See, wurde von keinem spanischen oder portugiesischen Kriegsschiffe überwältigt, und Robinsons Sklaverei nahm kein erwünschtes Ende, sondern er mußte zu Lande bleiben, das Gärtchen seines Herrn bauen und alle andre ökonomische Verrichtungen im Hause tun; kam der Kaper von seinen Wanderungen zurück, so mußte Robinson in der Kajüte schlafen und das Schiff bewachen.

Sooft er diese Schildwache hielt, so oft dachte er auch auf die Flucht, aber mit allem Nachdenken war kein Mittel dazu auszusinnen, weil er keinen Mitsklaven hatte, der seine Sprache verstand und die Ausführung seines Vorhabens mit ihm teilen konnte; für sich allein wagte er nichts zu unternehmen und mußte also ganze zwei Jahre in diesem Zustande ohne Rettung und Hoffnung aushalten.

Endlich wurde die Gelegenheit für ihn günstiger. Sein Herr war unglücklich gewesen, hatte kein Geld, um sein Schiff auszurüsten, und war also genötigt, länger als gewöhnlich auf dem Lande zuzubringen. Da auf diese Weise sein Krieg mit den Menschen ruhen mußte, so zog er wider die Fische zu Felde und fuhr wöchentlich etlichemal in dem kleinen Boote auf den Fang aus; Robinson und ein junger Mohr begleiteten ihn alsdann, und weil sich der erste sehr geschickt und eifrig im Fischen bewies, so faßte er soviel Zutrauen zu ihm, daß er ihn mit einem Mohren von seiner Anverwandtschaft zuweilen aussandte, um ihm ein Gericht für seinen Tisch zu fangen.

Auf einer solchen Fahrt wurden sie von einem so dichten Nebel überfallen, daß sie die Küste nicht erkennen konnten und einen Tag und eine Nacht auf dem Meere zubrachten; als er verschwand, sahen sie sich wenigstens eine Meile vom Lande entfernt und ruderten mit desto größrer Arbeit und Gefahr nach ihm zurück, weil der Wind heftig zu blasen anfing. Seit diesem Zufalle tat der Kapitän keinen Zug wider die Fische mehr, ohne sich mit Kompaß und Mundvorrat zu versorgen, und ließ zu diesem Endzwecke das große Boot des Schiffes, auf welchem Robinson gefangen wurde, zurechtmachen, eine Kajüte darauf bauen und darinne Schränke für Branntewein, Reis, Kaffee und andre Lebensmittel anbringen.

Eines Tages fiel es ihm ein, mit einigen Mohren von seiner Bekanntschaft auf diesem Boote eine Lustfahrt zu halten, und er ließ deswegen starke Vorräte hineinschaffen, nebst drei Flinten und einer hinlänglichen Menge Pulver und Blei, um Seevögel zu schießen, wenn das Fischen sie nicht mehr belustigte. Als Robinson seinem Befehle gemäß alles in Bereitschaft gesetzt und die Gesellschaft im Boote lange erwartet hatte, kam sein Herr allein, berichtete ihm, daß seine Freunde die Partie wieder abgesagt hätten, und gab ihm den Auftrag, mit den gewöhnlichen zween Begleitern, seinem Verwandten und einem jungen Mohrensklaven, auszufahren und etwas für das Abendessen zu fangen, das seine Freunde bei ihm einnehmen wollten. – Halt! dachte Robinson bei sich, itzt wirst du entwischen können; hier hast du ein kleines Fahrzeug mit so vielen Vorräten in deiner Gewalt, was braucht es weiter? –

Er nahm seine Maßregeln diesem Entschluß gemäß, beredete den Anverwandten des Kapitäns, einen Korb voll von ihrem Zwiebacke und einige Flaschen frisches Wasser hineinzuschaffen, unter dem Vorwande, daß sie die Vorräte ihres Herrn nicht anrühren dürften, wenn sie etwa ein Unfall wie letzthin zu weit vom Lande entfernte. Robinson trug heimlich noch andre Bedürfnisse, eine Hacke, Wachs, Stricke und was er nur fortbringen konnte, hinein. Auch tat er den Vorschlag, Flinten und Pulver herbeizuschaffen, damit sie zu ihrem eignen kleinen Vergnügen eine Jagd mit Seevögeln halten könnten; der Bursche argwohnte nichts Böses und willigte mit Freuden darein. Eine Weile vom Hafen machte man den Anfang zu fischen, doch Robinson überredete dem Mohren, daß hier die Fische noch zu schlecht wären, und bewegte ihn, eine Stunde weiterzufahren. Als sie stillhielten und der Anverwandte des Kapitäns im Vorderteil des Bootes stand und sich langweilig umsah, übergab Robinson dem kleinen Mohrensklaven das Ruder und ging zu jenem hin, als wenn er etwas neben ihm suchen wollte, ergriff ihn bei den Füßen und stürzte ihn glücklich über Bord. Der Mohr schwamm wie eine Ente, kam an das Boot heran und bat inständigst, daß er ihn wieder einnehmen möchte, doch Robinson hielt ihm eine Flinte entgegen und sagte ihm drohend: »Ich habe dir kein Leides getan, schwimme zum Ufer, da das Meer ruhig ist! Näherst du dich meinem Bord, so fährt dir diese Kugel durch den Kopf, denn ich bin fest entschlossen, meine Freiheit zu suchen.« – Der Mohr wollte die Wahrhaftigkeit der Drohung nicht auf die Probe stellen, sondern lenkte sogleich um und schwamm dem Ufer zu und wird vermutlich gesund angelangt sein, wenn er nicht unterwegs ertrunken ist.

Robinson vergaß der Menschlichkeit aus zu großem Verlangen nach Freiheit und war beinahe willens, sich des andern Mohren auf die nämliche Weise zu entledigen, doch besann er sich noch zu rechter Zeit und versuchte erst die Güte. – »Xuri«, sprach er zu dem Knaben, »wenn du mir getreu bist, will ich dein Glück machen; lege die Hand auf dein Gesicht und schwöre mir Treue bei dem Mahomet und dem Barte seines Vaters! Oder ich werfe dich wie jenen Beschnittnen ins Meer.« – Der Knabe lächelte furchtsam, streichelte ihm voller Unschuld die Hand, bat um sein Leben und schwur bei dem Mahomet und seines Vaters Barte, ihm treu zu sein und ihn allenthalben zu begleiten, wohin er es verlangte.

Um dem Kapitän eine falsche Richtung zu geben, wenn er ihm vielleicht nachsetzte, schiffte er geradeaus, solange er dem schwimmenden Mohr im Gesichte war, und folgte alsdann dem Winde, der nach Süden blies und ihn zu Ländern voll grausamer Negern und wilder Tiere führte, wo er nicht eine Minute auf Gottes festen Erdboden treten durfte, wenn er nicht von einem unter beiden aufgezehrt sein wollte. Er und sein Begleiter ruderten mit allen ihren Armen, der Wind war so günstig und das Meer so ruhig, daß sie am folgenden Tage nachmittags um drei Uhr sechzehn Minuten schon wirklich hundertundfunfzig Meilen von Sale entfernt und weit auf dem Gebiete des Kaisers von Marokko waren; der Kapitän tu es ihnen nach, wenn er sie einholen will! Gleichwohl hatte Robinson an dieser Entfernung zu seiner Sicherheit noch nicht genug, er landete nirgends, legte nirgends vor Anker, sondern setzte seinen Lauf ununterbrochen fünf Tage lang fort.

Itzt wagte er sich zum ersten Male in die Nähe der Küste, lief gegen Abend in einen kleinen Meerbusen ein und warf den Anker aus mit dem Vorsatze, bei dem Einbruche der Nacht hinüberzuschwimmen und das Land zu untersuchen, aber diesen Vorsatz gab er bald auf. Kaum begann die Dunkelheit, als vom Lande her ein fürchterliches Brüllen, Heulen und Schreien ertönte, welches nach aller Wahrscheinlichkeit eine Abendmusik von wilden Tieren war. Das barbarische Konzert wurde so entsetzlich, daß der arme kleine Mohr vor Schrecken zitterte und furchtsam sich an Robinsons Arme anklammerte, als wenn die wilden Tiere insgesamt schon in vollem Marsche auf ihn losgingen. Robinson sprach ihm Mut zu und stärkte seine Herzhaftigkeit mit einem Glase Branntewein, welches dem Knaben soviel Tapferkeit einflößte, daß er mit aller Gewalt den Ungeheuern den Krieg ankündigen und sie mit der Flinte vor den Kopf schießen wollte; aber wie bald verschwand diese Unerschrockenheit, als er im Wasser ein starkes Plätschern hörte, welches nichts anders befürchten ließ, als daß die Ungeheuer seine Ausfoderung annahmen und schon im Anzuge wider ihn waren! Nicht lange, so brach die Freude, womit sich die Scheusale im Meere herumwälzten, in so schreckende brüllende Töne aus, daß den beiden Abenteurern in ihrem Boote die Haare auf dem Kopfe starr emporstiegen, die Herzen im Leibe wie Schmiedehämmer pochten und alle Glieder wie Espenlaub zitterten. Das war ein Brüllen! ein Brüllen, daß sich die Sterne am Himmel hätten fürchten mögen! Das Geräusch im Wasser näherte sich dem Boote immer mehr, und ob sie gleich in der Dunkelheit nichts deutlich erkennen konnten, so blies doch aus den schnaubenden Nasenlöchern des kommenden Tieres ein so heftiger Wind auf sie her, daß sie daraus auf seine außerordentliche Größe mit vieler Gewißheit schlossen. Der kleine Xuri glaubte sich schon halb verschlungen, drückte sich fest an seinen Gefährten an und ließ nicht einen Augenblick von seinen Händen ab. – »Fliehen, fliehen!« sprach er leise mit bebender Stimme. »Den Anker hurtig herauf und dann fort! damit uns der gräßliche Löwe nicht frißt.« – Robinson versicherte ihn, daß dies nicht nötig sei, holte eine Flinte und feuerte sie los – weg war das Ungeheuer! Eilends schwamm es dem Ufer zu, und bei dem Schusse, einem in diesen Gegenden vielleicht noch nie gehörten Schalle, brüllte und heulte vom Ufer und tiefer aus dem Lande ein allgemeines Chor, wobei beiden vor Entsetzen die Gedanken im Kopfe stillstunden und das Blut in den Adern gefror.

So gefährlich es war, sich ans Land unter so fürchterliche Einwohner zu wagen, so verlangte es doch schlechterdings der Mangel an frischem Wasser. Nach einer bangen schlaflosen Nacht überlegten sie am folgenden Morgen, was sie tun sollten. – »Gib mir einen Krug!« sprach der kleine Xuri mit kindischer Gutherzigkeit. »Ich will allein gehn und Wasser suchen.« – »Warum das?« fragte Robinson. – »Damit die wilden Tiere nur mich fressen und du mit dem Leben davonkömmst«, war Xuris Antwort. – Robinson wurde von seiner treuherzigen Einfalt und Liebe gerührt, gab ihm Zwieback und ein Glas voll Stärkung des Mutes wie gestern und trat den Weg mit ihm gemeinschaftlich an, beide mit Flinten und Wasserkrügen beladen.

Robinson wollte das Boot nicht aus dem Gesichte verlieren und wagte sich also nicht weit; doch der kleine Mohr, dem sein Mut durch den Branntewein gewaltig gewachsen war, lief in eine Öffnung, die tief in das Land hinein ging, in vollem Trabe hinab, und einige Minuten darauf kam er im Galopp wieder zurück, daß Robinson glaubte, er werde von einem Wilden verfolgt, und deswegen ihm zu Hülfe eilte; allein bei seiner Annäherung wurde er mit Vergnügen gewahr, daß ihm der Bursche freudig ein totes Tier entgegenhielt, das er geschossen hatte. Es sah einem Hasen ähnlich, die Farbe und die größre Länge der Beine ausgenommen, und gab in der Folge eine gute Mahlzeit; aber noch viel mehr Freude verursachte beiden das Glück, daß Xuri auf diesem Wege einen Quell entdeckt hatte, ohne einen wilden Menschen oder ein wildes Tier zu erblicken.

Nachdem sie mit frischem Wasser reichlich versorgt waren, hielten sie sich nicht länger an einem Orte auf, der von keinem Menschen bewohnt zu sein schien. Da Robinson keine Instrumente hatte, um die geographische Breite desselben zu beobachten, vermutete er bloß, daß es der unbewohnte Strich zwischen den Ländern des Kaisers von Marokko und Nigritien sei, den die Negern aus Furcht vor den Mohren verlassen haben und die Mohren wegen seiner Unfruchtbarkeit nicht bewohnen mögen; sonach ist er der Sammelplatz der Löwen, Tiger und Leoparden geblieben und wird von niemandem besucht als von den Mohren, die heerweise zu Tausenden wider die Ungeheuer, die ihn besitzen, auf die Jagd ausziehen.

Sie kehrten in der Folge oft ans Land zurück, um Wasser einzunehmen, und fanden an der ganzen Küste hin keine Spur von menschlichen Bewohnern. Als sie an einem Morgen in der Frühe aus dieser Absicht an einer Erdspitze vor Anker legen wollten und den Anwachs der Flut erwarteten, um höher von ihr getrieben zu werden, empfing Robinson plötzlich von seinem kleinen Gefährten einen Stoß in die Seite, wobei er ihn leise bat, sich von dem Ufer eilends zu entfernen. Robinson sahe nach der Erdspitze hin, auf welche der Finger des Mohren wies, und erblickte einen ungeheuern Löwen, auf dem Sande im Schatten schlafend. Er befahl dem Knaben im Scherz, ans Land zu gehen und das Tier zu töten; dem Buben wurde bei dem Befehle angst und bange, und schon der Gedanke, daß er sich mit einem solchen Geschöpfe einlassen sollte, machte ihn so furchtsam, daß er zur Kajüte flog. Robinson lud alle seine drei Flinten, eine jede mit einem Paar Kugeln, und zielte nach dem Kopfe des Löwen; der Schuß traf die rechte Pfote, welche die Schnauze bedeckte; brüllend sprang das Ungeheuer auf, setzte sich nieder und sah ernsthaft auf die hängende zerschoßne Pfote. Robinson ergriff augenblicklich die zweite Flinte und war so glücklich, den Löwen in den Kopf zu treffen, daß er niederstürzte, zuckend sich wälzte und verschied. Sobald er tot war, bekam der kleine Xuri Herz; er bat um Erlaubnis, ans Land zu schwimmen und ihm vollends den Rest zu geben; ohne sie abzuwarten, warf er sich, die dritte Flinte in der Hand, ins Wasser, kletterte am Ufer hinauf, setzte dem Löwen sein Gewehr auf den Kopf und schoß, daß ihm der Dampf aus den Nasenlöchern herausfuhr. Mit dieser Heldentat noch nicht zufrieden, wollte er ihm schlechterdings den Kopf abhauen und holte deswegen eine Axt; weil er aber zu dieser Unternehmung zu schwach war, begnügte er sich mit einer Klaue, die er triumphierend ins Boot herüberbrachte; doch war sein Zorn gegen das Tier einmal so groß, daß er auch damit nicht vorliebnehmen, sondern ihm das Fell abziehen wollte. Robinson glaubte, es brauchen zu können, und ging den Vorschlag ein; geschäftig sprang Xuri auf dem toten Löwen herum und zog die Haut mit einer Erbitterung herunter, als wenn er sich dadurch für seine vorige Furcht an ihm zu rächen suchte. Die Haut wurde auf dem Dache der Kajüte ausgebreitet, von der Sonne getrocknet und diente zu einer herrlichen Matratze.

Erst am zehnten Tage nach diesem Abenteuer wurden sie Menschen an der Küste gewahr, schwarze nackte Figuren, die am Ufer standen und neugierig das Boot vorbeigehen sahen. Robinson wollte auf sie zurudern, doch Xuri riet ihm unablässig das Gegenteil, aus Furcht, von ihnen gefressen zu werden; seine Furcht wurde nicht geachtet und das Boot nach dem Ufer hingelenkt. Bei ihrer Annäherung nahmen sie wahr, daß sie alle unbewaffnet waren, einen einzigen ausgenommen, der einen kleinen Stock in der Hand führte, den Xuri für eine tödliche Lanze ausgab, womit sie weit, weit werfen könnten. Robinson sprach zu den Leuten durch Zeichen und foderte in dieser stummen Sprache etwas zu essen von ihnen; sie winkten ihm, daß er still halten und ihre Rückkunft erwarten sollte. Sie eilten sogleich tief ins Land hinein und kamen in einer halben Stunde mit einigen Stücken getrockneten Fleisches wieder, welches sie vom Ufer darboten. Nun hatte keiner von den beiden Seefahrern das Herz, es ihnen abzunehmen, und die Negern ebensowenig Mut, es sich von den Fremden abnehmen zu lassen; nachdem sich beide Teile lang mißtrauisch angesehen hatten, ergriffen die Schwarzen endlich den weisen Entschluß, legten das Fleisch auf die Erde nieder und entfernten sich davon. Wie ein Pfeil fuhr nunmehr Xuri voller Herzhaftigkeit auf dem Wasser hinüber und holte das Geschenk; sobald er im Boote damit angelangt war, rückten die Schwarzen wieder vorwärts ans Ufer.

Robinson konnte ihnen für ihre Güte nichts geben als Zeichen des Dankes, und indem sie miteinander komplimentieren, siehe! da stürzen sich plötzlich von den nahen Bergen zwei Tiere herunter, die einander aus Liebe oder Wut verfolgen. Die nackten wehrlosen Neger, besonders die Weiber, entflohen mit Furcht und Geschrei, nur der Mann mit der Lanze blieb unerschrocken stehen. Die Tiere jagten sich ins Meer und wälzten sich spielend herum; Robinson zielte mit einer Flinte nach dem nächsten und traf es; das Tier sank unter, kam wieder empor, rang mit dem Tode, wollte das Ufer erreichen und starb unterwegs, das andre entfloh bei dem Knalle. Nicht weniger erschraken die Schwarzen über den Schuß; sie konnten vor Beben nicht weiter fliehen, sondern fielen zur Erde, als wenn er sie getötet hätte. Sehr spät faßten sie wieder Mut, stunden auf und wagten sich schüchtern ans Ufer, nachdem ihnen Robinson lange gewinkt hatte. Kindisch freuten sie sich, als sie das Wasser mit dem Blute des Tieres gefärbt sahen, huben die Hände voller Verwundrung gen Himmel und wagten sich langsam herab, es aufzusuchen. Voller Vergnügen schleppten sie es auf das Trockne und fingen an die Beute zu zerlegen; sie rissen mit einem spitzigen Holze die Haut auf und wollten durchaus, daß Robinson die Hälfte des Fleisches annehmen sollte; er verbat seinen Anteil sehr freundlich, weil er kein Leopardenfleisch zu essen gewohnt war, und behielt sich die Haut vor. Aus Erkenntlichkeit, daß er ihnen eine so vortreffliche Mahlzeit verschafft hatte, brachten sie ihm viele von ihren Lebensmitteln, Wurzeln und eine Art von Körnern, die dem Roggen nicht unähnlich sahen, und auf sein Verlangen nach Wasser trugen zwei Weiber in einem irdenen Gefäße, das an der Sonne getrocknet zu sein schien, eine große Menge herbei, wovon Xuri drei Flaschen voll herüberholte.

Mit so reichlichem Vorrate aller Art versorgt, nahmen sie von ihren schwarzen Freunden Abschied und empfingen sehr viele freudige Bezeugungen des Dankes für den erlegten Leoparden von ihnen auf den Weg. Noch eilf Tage waren sie südwärts geschifft, als aller Anschein vermuten ließ, daß sie sich bei dem grünen Vorgebirge befanden, das er auf seiner ersten Seereise hatte kennenlernen. Als er lange Zeit bei sich überlegte, nach welcher Seite er sich nunmehr wenden sollte, um nicht den Weg zu verfehlen, berichtete ihm Xuri voller Schrecken, daß er ein Schiff sehe, und bildete sich ein, daß es sein Herr sei, der ihnen so weit nachgesetzt habe. Robinson erkannte es für ein portugiesisches und ruderte aus allen Kräften darauf los, aber es ging zu hurtig, um ihm zu begegnen; er hing ein weißes Tuch aus und tat einen Schuß, den sie wahrnahmen, denn sie zogen einige Segel ein, um seine Annäherung zu erwarten. In drei Stunden erreichte er sie; sie redeten ihn spanisch, portugiesisch und französisch an, aber zum Unglück verstand er keine von allen diesen Sprachen. Endlich fand sich ein Matrose aus Schottland, dem er sagen konnte, daß er ein Engländer sei und sich aus der Sklaverei in Sale gerettet habe; man nahm ihn sehr gütig mit seinem Boote ins Schiff, und die Freude über seine Rettung und seine Rückkehr zur menschlichen Gesellschaft berauschte ihn so stark, daß er dem Schiffskapitän seine sämtlichen Habseligkeiten zur Erkenntlichkeit anbot. Der Mann schlug sie edelmütig aus, kaufte ihm sein Boot und seine Leopardenhaut ab und wollte ihm auch den kleinen Xuri feil machen; doch Robinson hielt es für unbillig, die Freiheit eines Knaben zu verkaufen, der ihm so treue Dienste geleistet hatte. Da aber der Kapitän darauf bestand und einen Schein ausstellte, daß er ihm in zehn Jahren die Freiheit geben wollte, wenn er ein Christ würde, so fragte man den Knaben um seine Meinung darüber, und da er zur Annehmung des Vorschlags nicht ungeneigt war, wurde der Handel geschlossen; Robinson freute sich, ihm einen guten Herrn und die Anwartschaft auf die Freiheit verschafft zu haben, und Xuri, der Sklaverei gewohnt, war zufrieden, daß er der Sklave eines guten Mannes werden sollte. Nach den Gesinnungen, die wir Leute auf dem festen Lande haben, würde es uns freilich unanständig und niedrig geschienen haben, für einen so guten, treuherzigen Jungen einen Groschen anzunehmen, allein die Denkungsart eines Seemanns ist nicht so zart; ein Sklave bleibt ihm unter allen Umständen ein Sklave, das heißt eine Ware, die zum Handel bestimmt ist.

Das Schiff, welches ihn aufgenommen hatte, fuhr nach Brasilien, wo ihn der Kapitän an einen seiner Freunde empfahl; er machte sich bei diesem Manne mit dem Baue des Zuckers bekannt, bekam durch desselben Vorschub einen Naturalisationsbrief, wodurch er in den Besitz eines Stücks wüsten Landes gesetzt wurde, legte sich eine eigne Plantage an, fand durch einen Lissabonner Kaufmann Gelegenheit, für die Hälfte seiner hundertundfunfzig Pfund, die er in London bei einer Anverwandtin vor seiner zweiten Reise nach Guinea niedergelegt hatte, englische Waren nach Brasilien zu bekommen, verkaufte sie teuer, war mit dem Zuckerbau glücklich und befand sich wohl.

Für einen Menschen von so unstetem Temperamente wie Robinson ist kein dauerhaftes Wohlsein auf der Erde; Projektiersucht und Neigung zum herumschweifenden Leben trieben ihn an, seiner Ruhe zu entsagen und einem Vorschlage Gehör zu geben, der ihn nachmals in den unglücklichsten Zustand versetzte.

Er hatte einigen seiner Bekannten einen Plan mitgeteilt, wie man durch Hülfe der Negersklaven, mit denen damals noch ein geringer Handel und bloß unter besondrer Begünstigung und zum Vorteile des Königs von Spanien getrieben wurde, den Anbau des Tabaks und Zuckers wohlfeiler und einträglicher machen könnte. Eine so herrliche Aussicht für ihre Gewinnsucht spornte sie zur Ausführung seines Projekts an; sie beschlossen, ein Schiff nach Guinea gemeinschaftlich auszurüsten, um Negern auf ihm heimlich ins Land zu bringen und unter sich zu verteilen. Zugleich trugen sie ihm an, mit diesem Schiffe als Kaufmann hinüberzugehn und den Handel zu führen, weil er schon in Guinea gewesen war und die Gelegenheit kannte. Dafür versprach man ihm, daß er so viele Sklaven als ein jedes von den Mitgliedern der Unternehmung erhalten sollte, ohne etwas zu dem angelegten Kapitale beizutragen.

Einer so angenehmen Lockung konnte ein solcher Liebhaber des herumschwärmenden Lebens nicht widerstehen; gern verließ er alles, was er hatte, und entsagte dem gewissen Vorteile, den ihm seine Plantage versprach, um einem Ungewissen auf der See nachzulaufen. Er willigte in den Antrag, bestieg das Schiff und trat seine Reise an.

Nichts ist in einer Reisebeschreibung weniger unerwartet als ein Sturm; man wird sich daher nicht im mindesten wundern, wenn dem armen Robinson nicht lange nach seiner Ausfahrt einer der schrecklichsten begegnet, mit welchem jemals ein Schiff gekämpft hat, und ihn nach Norden an die Küste von Guinea trieb. Sein Schiff war durch die Grausamkeit des Wetters in den erbärmlichsten Zustand versetzt und so beschädigt worden, daß man die Fortsetzung der Reise bis zu dem Orte seiner Bestimmung auf ihm schlechterdings nicht wagen durfte. Man beschloß, nach einer von den englischen Kolonien zu segeln, um dort eine Ausbesserung mit ihm vorzunehmen; auch dieses hinderte ein neuer Sturm. Die Angst, die er verursachte, wurde noch durch die Besorgnis vermehrt, daß man an Küsten zu geraten fürchtete, die von Karaiben bewohnt wurden, und die schrecklichen Begriffe, die man sich damals von der Menschenfresserei dieses Volks machte, verminderten die Freude um ein Merkliches, als man nach langem Herumtreiben sich dem Lande zu nähern glaubte. Mit Zittern und Furcht, vielleicht der Raubbegierde hungriger Menschenfresser entgegenzueilen, richtete man seinen Lauf nach dem vermeinten Lande und geriet in eine wirkliche Gefahr, indem man nur eine eingebildete besorgte; das Schiff saß plötzlich auf einer ungeheuern Klippe fest, die man für Land angesehen hatte. Die Wut des Windes schlug die Wellen mit der äußersten Heftigkeit empor, erfüllte das Schiff von allen Seiten mit Wasser und stieß unaufhörlich den Boden wider die spitzigen Felsen, auf welchen es saß. Mit trauriger Niedergeschlagenheit sah man die losgerißnen Bretter fortschwimmen und das Wasser durch die entstandnen Öffnungen so stark hineindringen, daß alles Pumpen nicht vermochte, es zu bezwingen, und die erschlafften Kräfte des Widerstandes eine allgemeine Mutlosigkeit hervorbrachten. Nicht einmal ein dünnes Brett schied mehr Tod und Leben, sondern man war schon mitten in den Wellen, und jede Minute Verzögerung machte die Erhaltung unmöglich. Schon glaubte man bei jeder neuen Erschütterung und jedem neuen Stoße an den Felsen, daß es der letzte entscheidende Stoß sein würde, als der Steuermann den mutigen Entschluß faßte, ein Boot mit Hülfe einiger Matrosen über Bord zu werfen; soviel es ihrer fassen konnte, sprangen in der Geschwindigkeit hinein, und weil es die Flut augenblicklich von dem Schiffe entfernte, wurde den Hineingesprungnen ein Kampf erspart, der unvermeidlich schien, wenn es nicht überladen werden sollte; jeder drängte sich hinzu, der erste zu sein, und alle, denen die Entfernung des Bootes die Rettung benahm, standen mit gerungnen Händen, jammernd und wehklagend, am Bord des Schiffs.

Die Geretteten, unter welchen sich auch Robinson befand, waren nicht aus aller Gefahr, sondern ihr Untergang schien nur verschoben zu sein. Das Boot konnte unmöglich, sosehr sich auch der Sturm gelegt hatte, die noch immer hohe See aushalten; man konnte ihm durch nichts als Ruder eine Richtung geben; jeder war durch die Arbeit im Schiffe zu sehr entkräftet, um diese neue Beschwerlichkeit lange zu ertragen oder das Ruder mit großer Wirkung zu regieren. Sie sammelten den ganzen Überrest ihrer Stärke, um nach dem Lande zu rudern, und wagten die Gefahr, entweder auf sandichtes oder klippenvolles Ufer geworfen oder in einen Meerbusen getrieben zu werden, wo sie vielleicht ebenes Wasser antreffen möchten. Mitten unter dieser ungewissen Erwartung wurde ihre Furcht plötzlich in Schrecken verwandelt: eine hochgetürmte Welle stürzte das Boot um, und es war nichts übrig als zu schwimmen, bis man ermattete und sank. Robinson war mit einigen seiner Gefährten von dieser ungeheuern Welle ans Ufer geschleudert worden und lag, als sie zurückwich, fast ohne Besonnenheit im Sande; er hatte sich kaum ein wenig gesammelt, als er sich aufraffte, um zu entfliehen, eh ihn eine neue Welle von seinem trocknen Posten vertriebe, allein die Flut verfolgte ihn, und plötzlich war er wieder so tief im Wasser, daß er sich durch Schwimmen fortarbeiten mußte; bald schleuderten ihn die nacheilenden Wellen vorwärts, bald rissen sie ihn wieder zurück. Er widerstund mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte, bis ihn die Flut mit einem empfindlichen Stoße auf einen Felsen warf, wo er sich mit Händen und Füßen anklammerte, um Atem zu schöpfen; allein was half's ihm, daß er auf dem Felsen im Trocknen hing? – Jeden Augenblick mußte er fürchten, daß ihn eine neue Welle hinwegriß und begrub. Er warf sich also mit der Entschlossenheit der Verzweiflung in die See hinab, schwamm, watete, ging, kletterte an dem hohen Ufer hinauf und sank kraftlos, von Freude und Ermattung überwältigt, auf den Boden hin in einem dem Schlafe ähnlichen Taumel, der ihm Besonnenheit und Empfindung raubte.

Als er aus diesem ohnmächtigen Schlummer erwachte, drangen alle Empfindungen der Freude auf seine Seele zu; berauscht von seinem Glücke, saß er noch lange Zeit in tiefem Traume da, eh er seine Aufmerksamkeit auf seine Gefährten und den Ort seines Aufenthalts wenden konnte. Keinen einzigen von ihnen erblickte er, weder tot noch lebendig, und fand bloß in der Folge einige von ihren Kleidungsstücken.

Die erste Trunkenheit der Freude über seine Erhaltung ging bald vorüber, um einem traurigen Nachdenken Platz zu machen. Wie schrecklich war noch immer sein Zustand! Naß, in zerrißnen Kleidern, ohne Speise, ohne Gewehr saß er hier in einer Einöde, wo sich nicht die mindeste Spur von Bevölkerung und Anbau zeigte, vielleicht unter ausgehungerten wilden Tieren, um ihnen eine willkommne Beute zu werden. Nichts fand er in seiner Tasche als ein Messer, eine Tabakspfeife und einen kleinen Vorrat durchnäßten Rauchtabak – alles sehr leidige Hülfsmittel für einen abgezehrten Körper!

Tiefsinnig und mit halber Verzweiflung ging er aus, etwas aufzusuchen, das Hunger und Durst einigermaßen befriedigen könnte, und fand zu seiner großen Freude frisches Wasser; doch für die Stillung seines Hungers zeigte sich nicht das geringste, wenn er nicht mit Blättern und Grase vorliebnehmen wollte. Die Nacht nahte sich; um sich vor den Anfällen wilder Tiere zu schützen, wählte er einen dickbewachsenen, tannenähnlichen, dornichten Baum zu seinem Lager, bewaffnete sich statt des Gewehrs mit einem knotichten Stocke, stieg hinauf, reinigte mit dem Messer seine Ruhestelle von den Dornen, so gut er konnte, band sich mit Zweigen fest und wurde sogleich von dem tiefsten Schlummer überfallen, daß er nicht lange das Melancholische der Szene fühlte, wo er schlief. Eine einsame öde Ebne, mit einzelnen, weit auseinander stehenden Bäumen besetzt, die itzt in der tiefsten Finsternis begraben waren! Kein Laut, nicht einmal das Zwitschern eines Vogels! Allgemeine schauernde Stille und in der Ferne das Getöse der Wellen, die sich am Ufer brachen! Über sich tief hängende, schwere, finstre Wolken, die ohne Bewegung zu stehen und jede Minute herabzustürzen schienen, und mitten in dieser fürchterlichen Szene schmachtend und kraftlos auf einem Baume eine ganze lange Nacht hindurch zu liegen! – Wie hätte der arme Verlaßne dies Bild ohne Todesschrecken empfinden können, wenn ihm nicht der Schlaf zu Hülfe gekommen wäre!

Desto fröhlicher war der Anblick, der sich seinen Augen des Morgens darauf bei seinem Erwachen darstellte: ein lichter, lachender Himmel, den nicht ein Wölkchen trübte, der erquickendste Sonnenschein, von kühlenden sanften Winden gemildert, in der Ferne eine ebne ruhige See! – Alle diese Bilder und Empfindungen gaben seinen gestärkten Lebensgeistern einen neuen Umtrieb; er stieg auf den höchsten Wipfel des Baums, der zu seiner Lagerstätte gedient hatte, und genoß das Entzücken dieses Anblicks so stark, als man es nur empfinden kann, wenn man mit Sturm und Tode gekämpft hat. Er bemerkte zu seiner noch größern Zufriedenheit, daß das Schiff dem Ufer näher getrieben und die See weit vom Strande gewichen war; es stand aufrecht und schien in dem Sande festzuliegen. Der erste Gedanke bei dieser Entdeckung konnte kein andrer sein als der Wunsch, zu dem Schiffe zu kommen und sich mit einigen Bedürfnissen aus demselben versorgen zu können; auf diesen Punkt wurde nunmehr sein ganzes Nachdenken und alle seine Aufmerksamkeit gerichtet.

Das natürlichste war, sich nach dem Boote umzusehen, das ihn den Tag vorher seiner Rettung nahegebracht hatte; er ging also längst des Ufers hin und wurde es auch wirklich gewahr, allein ein heftiger Meerstrom trennte ihn von dem Orte, wo es lag; er mußte also für diesmal den Plan, zu ihm zu schwimmen, aufgeben. Zu dem Schiffe zu schwimmen war wegen seiner weiten Entfernung und der starken Ströme nicht weniger unmöglich; auch diesen Vormittag mußte er unter leeren Entwürfen, trostlosen Hoffnungen und vergeblichen Bemühungen zubringen. Sein Nachsuchen auf seinem Wohnorte lief nicht glücklicher ab; der Hunger setzte ihm den Sporn in die Seite, und er kehrte zu dem Ufer zurück. Er sah, daß das Meer während seiner Herumwanderung noch ein beträchtliches Stück weiter vom Strande zurückgewichen war; Mut oder Verzweiflung machte ihn entschlossen, er warf seine Kleider hastig am Ufer hin und wanderte in der drückendsten Sonnenhitze dem Wasser zu, um in ihm Hülfe oder Tod zu finden. Er schwamm glücklich bis zum Schiffe und fand, daß er es nur erreicht hatte, um eine neue Schwierigkeit zu bekämpfen. Es lag in niedrigem Wasser auf dem Grunde fest und ragte hoch über dasselbe hervor, daß es fast unmöglich war, eine Hand anzuschlagen und sich an ihm hinaufzuschwingen. Den weiten Weg wieder zurückzuschwimmen mangelten ihm die Kräfte; seiner Hülfe so nahe, umzukommen oder unverrichtetersache wieder zur vorigen Trostlosigkeit zurückzukehren war beides gleich schrecklich. Fast wollte er das letzte wagen, als er an dem Vorderteile des Schiffs, das tiefer im Wasser lag als der hintere Teil, der auf einer Sandbank ruhte, ein herabhängendes Stück eines Taues gewahr wurde; er arbeitete aus allen Kräften, es zu fassen, schwang sich an ihm in die Höhe, daß er auf einem hervorragenden Brette fußen konnte, und kletterte alsdann mit unsäglicher Mühe vollends weiter hinan. Sein erster Weg war nach den Proviantkammern; einen großen Teil des Vorrats fand er unverdorben, und ohne Anstand wurde sein Körper für den erlittnen Abgang seiner Kräfte reichlich entschädigt. Er aß, suchte weiter, lief herum, um neue Vorräte zu entdecken, fand in der großen Kajüte eine Flasche Rum, trank, lief weiter, bald in die Vorratskammer, bald oben, bald unten – alles mit der freudigsten Geschäftigkeit. Nichts fehlte nunmehr als ein Mittel, diesen Schatz auf seinen Wohnort zu bringen und vor neuen Unfällen zu bewahren. Nichts konnte ihm zu diesem Endzwecke in Ermangelung eines Bootes dienen als ein Floß. Er sah sich deswegen nach Stangen, Brettern und Balken, nach Sägen und ähnlichen Zimmermannswerkzeugen um, fand alles, was er brauchte, und fing seine Arbeit an.

Zuerst warf er vier Stück Zimmerholz über Bord, wovon ein jedes mit einem Stricke an das Schiff gebunden war, daß es nicht fortschwimmen konnte; alsdann stieg er hinab, zog sie alle nach sich her und band sie an beiden Enden mit Stricken so fest zusammen, als es seine Kräfte zuließen, legte einige Bretter darüber und hatte nunmehr bereits einen wirklichen Floß, auf welchem er sicher herumgehen konnte; allein das Holz war zu leicht, um es mit einer großen Last zu beschweren; er sägte deswegen das letzte vorrätige Stück Holz in drei Teile von gleicher Länge und legte sie in gleicher Entfernung über den Floß und darauf alle Bretter, deren er habhaft werden konnte. Nun wurde beratschlagt, was den ersten Transport ausmachen sollte, und bald entschieden. Aber eßbare Sachen durfte er nicht so bloß auf den Floß legen, wenn sie nicht durch das Überspülen des Seewassers verdorben werden sollten – er suchte Kisten, erbrach drei von denen, die er fand, leerte sie aus und füllte sie mit Schiffzwieback, Käse, geräuchertem Fleische und einem Reste europäischen Getreides an, das zum Futter für Hühner und andres Federvieh bestimmt gewesen war; Rack, Cordialwasser oder was sonst für Getränke dieser Art sich darbot, wurde ebenfalls nicht vergessen.

Während dieser Beschäftigung merkte er, daß die Flut allmählich und sehr sanft stieg, und weil ihm seine am Ufer zurückgelassenen Kleider einfielen, die der Gefahr, weggeschwemmt zu werden, sehr ausgesetzt waren, so versorgte er sich zunächst mit einigen Kleidungsstücken oder vielmehr Materialien, aus welchen sich Kleider machen ließen. Die wichtigste Beute war eine beträchtliche Anzahl von Zimmermannsinstrumenten und andern eisernen Werkzeugen, die ihm unentbehrlich waren, um sich eine Wohnung zu bauen und den Boden zu bearbeiten. Das letzte, was er aufsuchte, war Gewehr, Pulver und Kugeln. Alles war zustande, der Floß hinreichend beladen und weiter nichts übrig als die entscheidende Schwierigkeit, wie er mit ihm glücklich und wohlbehalten das Land erreichen sollte.

Der Anschein zu einem guten Transporte machte ihm Mut; die See war still und eben, die Flut lief nach dem Ufer hinauf, und der schwache Wind wehte nach dem Lande zu; so viele günstige Umstände ließen ihn nicht länger warten; er hieb die Stricke entzwei, womit sein Floß an das Schiff befestigt war, stieß mit seiner Ladung ab und trat die gefährliche Reise an. Sein Fahrzeug zu regieren, brauchte er ein Stück von einem zerbrochnen Ruder; er hatte keine Segel und mußte sich der Willkür des Windes und der Flut überlassen, ob sie ihn an Ort und Stelle bringen oder in einem Augenblicke seine ganze Fracht umwerfen oder in die See hineintreiben wollten. Mit der ängstlichsten Erwartung wie ein Mensch, der jede Sekunde fürchtet, seine letzte Hülfe vom Meer verschlungen zu sehen, trieb er langsam nach dem Ufer zu.

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