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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Der Statthalter war so listig und veranlaßte eine Teurung an Golde, um seinen Wert wieder ein wenig zu erhöhen; er ließ in dieser Absicht alle Gruben zuwerfen, alles Ausgraben dieses Metalls einstellen und hinderte dadurch die Vermehrung desselben auf der Insel; er ließ allerlei Gefäße daraus machen, sogar die geringsten Dinge, Hammer, Feuerzangen, Nägel und ähnliche Sachen, wurden aus Gold verfertigt und durch dieses Mittel der Verbrauch desselben vermehrt, zumal da die übrigen Einwohner seinem Beispiele folgten und diesen Luxus allgemein machten, wenn man anders den häufigen Gebrauch einer Sache, die nicht selten und folglich nicht kostbar ist, einen Luxus nennen kann, und die gehinderte Vermehrung der vorhandnen Menge und die Vermehrung der Konsumtion beförderten wirklich den Wunsch des Statthalters und brachten dem verachteten Golde einigen Wert zuwege.

Die kleinen Herren, die sich der spanischen Krone bei Eroberung der Insel unterworfen hatten, trieben hierinne die Nachahmung des Statthalters so weit, daß sie ihren Leibeignen goldne Grabscheite, Pflüge, Hacken und die übrige Ackergerätschaft von Gold machen ließen; aber ihr Zustand wurde dadurch nicht im mindsten behaglicher, es war nur vergoldetes Elend und vergoldete Sklaverei. Auch die übrigen, die aus der Leibeigenschaft befreit waren und Freiheit und Eigentum genossen, waren nichts besser mit den goldnen Werkzeugen daran, die sie sich anschafften: sie mußten sich so sehr plagen, fühlten die Last der Frondienste und Abgaben so sehr, als wenn ihre Pflüge von Eisen gewesen wären, denn da das Gold so wenig Wert hatte, so waren die Herren so klug und ließen sich von ihnen den Erb- und Grundzins, die Fastenhühner, die Martinsgänse und alle andre Abgaben nicht in Gold, sondern in Silber und noch lieber in Blei bezahlen, dessen Wert so groß war, daß man sicher totgeschlagen oder beraubt wurde, wenn man in der Nacht allein ging und nur ein Lot bei sich führte. Die Bedürfnisse des Luxus und ihre Kostbarkeit beruhen so sehr auf der Einbildung und der Seltenheit der Dinge, daß hier ein Mann comme il faut sich geschämt hätte, einen goldnen Topf unter sein Bett zu stellen oder aus einem goldnen Löffel zu essen; Blei war die allgemeine Pracht, und ein bleiernes vollständiges Service zu besitzen war nur das Vorrecht der Reichsten; nur an Galatagen und bei andern festlichen Gelegenheiten wurde von Blei gespeist, und das gemeine Volk in der Stadt meldete sich's als eine große Merkwürdigkeit, daß heute das bleierne Service auf des Statthalters Tafel prangte, und lief neugierig, es anzugaffen.

Ebenso konnte man an diesen seltsamen Leuten bemerken, daß alles, was man modern und altmodisch, was man guten Ton in der Art sich zu möblieren, zu kleiden, zu leben nennt, daß alle Liebhaberei in den Künsten auf keinem bessern Grunde beruht. Weiße europäische Leinwand war die teuerste und folglich auch die vornehmste Tracht, und vor einem Manne oder einer Dame in einem Leinwandkleide zog man den Hut noch einmal so tief ab: man merkte gleich, daß es Leute à leur aise waren, denn die Leinwand hatte die weite Reise aus Sachsen nach Spanien, von Spanien auf das feste Land in Amerika und von da nach Robinsonia gemacht, war wegen ihrer Reisekosten sehr teuer, war ein fremdes Produkt aus einem andern Weltteile, selten und also prächtig. Das schönste Gemälde vom Tizian, die schönste antike Venus würde dort ihr Glück sehr wenig gemacht haben: die griechische Nase wäre dort lächerlich und eine weiße Gesichtsfarbe widrig gewesen; kupferfarbichte Gesichter und breitgepletschte Nasen, die beide in der amerikanischen Luft so wohl gedeihen, hielt man dort für die höchsten Schönheiten der Damen, und es war deswegen ein wesentlicher Teil der Erziehungskunst, daß Mütter, die für das Wohl ihrer Töchter sorgten, ihnen in den ersten Jahren ein Brett quer über den Nasensattel banden, damit die beliebte Breite entstund und die Nasenlöcher zu großen Torwegen wurden. Die galanten Weiber sahen alle aus wie bei uns die Trinker, wenn sie ihr Geschäfte einige zwanzig Jahre getrieben haben, und die Ärzte erfanden einen Schnupftabak, der aus der alkalischen Asche einer Pflanze bereitet wurde und den besonders die Koketten sehr häufig brauchten, weil er durch seine beißende Kraft eine Entzündung über das ganze Gesicht verbreitete.Gelehrte, die der Abstammung der Völker so sorgfältig nachspüren, könnten hier mit vieler Wahrscheinlichkeit vermuten, daß unsre Robinsonianer aus Sibirien gekommen wären, weil sie in dem Gebrauche dieses Tabaks auf eine sonderbare Weise mit einem dortigen Volke übereinstimmen (mire consentiunt) – wo ich nicht irre, sind es die Ostjaken; sie mischen unter den chinesischen Tabak die beißende Asche von einer Art Erdschwämme, füllen die Nase damit an und stopfen beide Nasenlöcher mit Stöpseln von Baumrinde zu; allein sie tun es nicht um der Schönheit willen, sondern um dem Gesichte durch die entstehende Entzündung Wärme zu verschaffen. Die süßen Herrchen hatten die Gewohnheit, beständig die Lätze ihrer Beinkleider an einer Seite offenzulassenDies haben die Robinsonianer von den Spaniern gelernt, bei welchen es itzo noch üblich sein soll. , und eine modische Artigkeit war es lange Zeit unter ihnen, sich mit dem Ton ihrer Stimme dem Quaken der Frösche zu nähern. Unter dem schönen Geschlechte herrschte einige Zeit die Mode, daß man den Kopf eines Hirsches in Lebensgröße aufsetzte, wie es unter einer Art Tatarn in Sibirien gebräuchlich ist; das Ganze war aus der getrockneten Blase eines großen Fisches gemacht, den man bei der Insel zuweilen fing, mit Vogelfedern nach dem Leben überzogen und nach dem Leben schattiert; die Augen waren von Glas, das dort für die größte Kostbarkeit galt, weil es aus Europa hingeschafft werden mußte, und das Geweihe, das wenigstens sechzehn Enden haben mußte, wankte bei jeder Bewegung des Kopfs und drückte durch seine mannigfaltigen Arten zu wanken jede Leidenschaft, jeden Affekt, Zorn, Liebe, Eifersucht, Neid, Hohn und Beifall mit bewundernswürdiger Genauigkeit aus; aus dieser Mode müssen es künftige Geschichtschreiber der Insel erklären, wenn ihnen etwa unter den handschriftlichen Nachrichten, die sie gebrauchen, der Liebesbrief eines verabschiedeten Liebhabers in die Hände geraten sollte und sich so anfinge: »Ich habe mit Betrübnis in dem schwankenden Geweihe Ihres Kopfs gelesen, daß Sie mich nicht länger lieben wollen« usw.

So viele Seltsamkeiten hatte dies Volk vermutlich dadurch bekommen, daß es aus einer Vermischung von mancherlei Nationen entstanden war; das Blut, das in seinen Adern strömte, war eine Mixtur von spanischen, englischen, portugiesischen, amerikanischen Bestandteilen; eine solche Mixtur war auch seine Denkungsart, sein Temperament, seine Sitten, seine Gebräuche und seine Moral, in keinem fand man Zusammenhang, Ordnung und Eigentümlichkeit, alles, sogar die Torheiten, waren geborgt. Dieser spielte den Amerikaner, jener den Spanier, ein dritter den Engländer, alle spielten eine fremde Rolle, keiner wollte ein Robinsonianer sein, und alle waren es.

Daß sich hierzu noch Schläfrigkeit, Untätigkeit und wechselseitige Zurückhaltung gesellte, daran war vorzüglich die Verfassung schuld; wenn Leben und Regsamkeit unter den Menschen herrschen soll, so muß etwas die Triebfeder ihrer Leidenschaft, ihrer Begierde und ihres Bestrebens spannen, und was konnte dies hier sein? Den Ehrgeiz erweckte die Verfassung nicht, denn der Statthalter regierte als ein Despot, und die kleinen Herren, in welche die Insel verteilt war, taten dasselbe; die Ehre, nach welcher jemand streben konnte, bestund also darinne, daß man diesen Herren diente und gehorchte, und eine solche Ehre war mit so vielen Beschwerlichkeiten verknüpft und so unbelohnend, daß sich nur Leute darum bewarben, die es um ihres Unterhalts willen höchst nötig hatten; auch waren die Geschäfte, die ein so kleines Gebiet erfoderte oder verstattete, äußerst gering, unbedeutend, mehr Handarbeiten als Arbeiten des Geistes. – Das Bestreben nach Reichtum war ebenso eingeschränkt, seitdem der Statthalter den wichtigsten Teil des Handels an sich gerissen hatte; so viel man im Anfange gewinnen konnte, da die Regierung den Handel frei ließ, um Leute anzulocken, die sich dort anbauen sollten, so wenig war itzo anzufangen. Außer den vielfältigen Einschränkungen von Seiten der Regierung war auch dieser Umstand sehr ungünstig, daß der Handel den höchsten Punkt erreicht hatte, den er erreichen konnte: der Eigennutz wurde schlaff, weil er sich am Ziele sah, und also auch die Betriebsamkeit. – Das Vergnügen war ebenfalls nicht reichlich vorhanden, weil man keine von den schönen Künsten zu einer beträchtlichen Vollkommenheit gebracht hatte; die Ergötzlichkeiten der Einbildungskraft, des Verstandes und sogar der Geselligkeit fehlten, und es blieb nichts übrig als die sinnlichsten Vergnügungen, die auch dem Grade der allgemeinen Geistesentwickelung am angemessensten waren, denn wo die Verfassung kein Talent und keine hohe Leidenschaft erweckt, da können die Leute nichts Bessers tun als essen, trinken, spielen und was diesem anhängt.

Die kleinen Herren, die sich sonst so tapfer herumtummelten, befanden sich am schlimmsten dabei: die Langeweile rieb sie beinahe auf. Bekriegen durften sie einander nicht mehr, weil der Statthalter einige stehende Truppen hielt, die sie sogleich mit Nachdruck zur Ruhe verwiesen, wenn sie sich die Köpfe zerschlagen wollten. Da sie also nicht mehr im Ernste Krieg führen durften, so spielten sie ihn: ein jeder hielt sich nach dem Beispiel des Statthalters auch stehende Truppen, ohne zu bedenken, daß jene dem Könige von Spanien gehörten, der sie zur Beschützung eines Reichs und zur Verteidigung seiner Krone gebrauchte, und daß sie mit den ihrigen weder sich noch ihre Untertanen, noch die Spanne Land, die sie besaßen, wider den kleinsten europäischen Fürsten in Sicherheit zu setzen vermochten. Gleichwohl wurden die armen Truppen so sehr geplagt, als wenn sie jeden Tag dem Könige von Spanien alle seine amerikanische Besitzungen wegnehmen sollten; sie mußten sich schwenken und drehen, mußten marschieren und feuern, daß die armen Leute weder Arme noch Beine fühlten, und alle diese Mühe, aller dieser Aufwand hatte nicht den mindesten Vorteil für irgendeinen Menschen in der ganzen christlichen und heidnischen Welt zum Endzwecke: alles geschah, um fünf oder sechs Sterbliche nicht vor Langerweile umkommen zu lassen. Diese Sterbliche konnten sich zwar einen nützlichem Zeitvertreib verschaffen, wenn sie für die Aufnahme, den Wohlstand und die Aufklärung der andern Sterblichen sorgten, die unter ihrem Befehle stunden, allein sie schienen dies für keinen Zeitvertreib zu halten. Der Statthalter tat ihnen zwar einigemal Erinnerung darüber, aber sie behaupteten trotzig, daß sie das Vorrecht besäßen, die Zeit und ihr Geld umzubringen, wie es ihnen beliebte. Die natürliche Folge dieses Vorrechts war, daß sie sich, einer nach dem andern, zugrunde richteten, mit Schulden überhäuften, ihre Untertanen in schlechte Umstände brachten und dadurch die Revolution vorbereiteten, die sie endlich alle vernichtete.

Zur Vermehrung der Langenweile mußte das Unglück einen finstern melancholischen Priester auf die Insel führen, der den Leuten in den Kopf setzte, daß man sich in diesem Leben nicht freuen dürfe, daß man allen Vergnügungen entsagen müsse, daß die Freuden nach dem Tode desto voller und größer sein würden, je trauriger, langweiliger und kläglicher man gelebt habe. Er gebot die Ertötung aller Leidenschaften, befahl, daß man seine Seele beständig in so einer sichern ruhigen Stellung erhalten müsse, als wenn sie im Lehnstuhl säße, und verkündigte allen die ewige Verdammnis, die nicht alle zeitliche Sorgen und Geschäfte stehen- und liegenließen und dem Himmel eine Empfindung und einen Gedanken entwendeten.

Die Robinsonianer waren allerdings sehr sinnliche Geschöpfe, die jeden ihrer Triebe nicht bloß befriedigten, sondern überfüllten, sie waren allerdings sehr eigennützig, listig und betriegerisch, weil sie wenig Vermögen und starke Begierden hatten, und da ihnen der Eigennutz der Statthalter die Gelegenheiten zum Gewinst immer mehr abschnitt, ohne den Luxus und die Sinnlichkeit ausrotten zu können, so stieg Bevorteilung und Hinterlist zu einem außerordentlichen Grade empor, und sowenig Wahres die Lehre des melancholischen Priesters enthielt und sowenig sie solchen Leuten willkommen sein konnte, so schaffte sie doch vielleicht auf der Insel viel Gutes. Die Menschen springen unaufhörlich über den Pfad der Wahrheit hinüber und herüber, von einem Äußersten zum andern: von den Ausschweifungen der Sinnlichkeit ließen sie sich jederzeit wohl zur Zerknirschung des Herzens, vom Unglauben zur Schwärmerei, vom Köhlerglauben zur Freigeisterei führen, aber wer ihnen Vernunft predigte, den hörten sie kaum; Glücks genug, wenn er mit Leben und Ehre davonkam!

Um seine traurige Moral in Ansehen zu bringen, nahm der finstre Mann die Religion zu Hülfe. Man war bisher auf der Insel weder gläubig noch ungläubig gewesen; die bekehrten Wilden und die Nachkommen der Europäer glaubten einen Gott und ein künftiges Leben, aber eine herrschende Vorstellungsart von diesen beiden Gegenständen war nicht unter ihnen vorhanden, weil sie keinen Unterricht empfingen. Die meisten ließen es bei der dunkeln Idee, die das Wort »Gott« erregte, und bei den Empfindungen der Furcht bewenden, die durch die gottesdienstliche Gewohnheit damit verknüpft waren. Das künftige Leben stellten sie sich zwar auf christliche Art wie einen Himmel und eine Hölle vor, aber wenn man sie fragte, was sie in diesem Himmel zu machen gedächten, so wichen sie in ihren Vorstellungen gewaltig voneinander ab: ein jeder hoffte, das, was er in diesem Leben für die größte Glückseligkeit oder Vollkommenheit hielt, dort im höchsten Grade zu genießen oder zu verrichten; der Leibeigne, der mit schlechter Nahrung und Arbeit kämpfte, hoffte, dort das ganze Jahr müßigzugehn, beständig im Schatten zu liegen, recht gutes fettes Fleisch und guten Branntewein im Überfluß zu finden; ihre Herren hofften, viel zu befehlen, guten Ackerbau, gute Viehzucht und arbeitsame Untertanen; der Kaufmann, den die Monopole am Gewinst hinderten, erwartete einen Himmel ohne Monopole und andre Handelseinschränkungen, reichlichen Absatz der Waren, gute Prozente, Schiffahrt ohne Stürme und Assekuranzen. Man wird hoffentlich die armen Robinsonianer über diese Seltsamkeit ihrer Erwartungen nicht tadeln, wenn man bedenkt, daß bei allen Völkern und in allen Religionen die ersten Vorstellungen vom künftigen Leben auf die nämliche Weise entstanden und ebenso beschaffen sind: der Kalmücke erwartet nach seinem Tode gute Jagd und guten Fischfang, der wollüstige Morgenländer schöne Mädchen und Weiber im Überflusse, der rauhe kriegerische Skandinavier hoffte, in Wodans Halle aus den Hirnschädeln seiner getöteten Feinde Bier zu trinken, die Einwohner der Diebesinseln schmeicheln sich, dort viel Kakaobäume, Zuckerrohr und andre Herrlichkeiten des Gaums in großer Menge und unaufhörlichen Müßiggang zu finden. – Noch weniger wird man die Robinsonianer tadeln, wenn man überlegt, daß selbst noch itzt die Vorstellungen der meisten Schriftsteller von diesem Gegenstande auf dem nämlichen Grunde beruhen: der Schwärmer und Mystiker, die unstreitig die sinnlichsten Menschen sind, versprechen sich eine Art von geistiger Wollust, himmlische Liebesküsse, reichbesetzte Tafeln mit geistlichen Speisen, Pokale voller Wein oder Bier, wovon sie nun unter beiden die größten Liebhaber sind; die Dichter lassen uns beständig Verse singen und auf Instrumenten dazu spielen; die Philosophen versprechen sich, daß sie mit geschärftem Blick in das innere Wesen der Dinge dringen und alles sehen werden, wie es ist, und nicht, wie es unsern äußern und innern Sinnen erscheint; der Astronom hofft, das ganze Weltsystem und alle die Millionen Sterne mit einem Blicke zu übersehen, die er itzt mit den besten Gläsern nicht erkennt; der Liebhaber der Gesprächigkeit und Geselligkeit hofft, daß wir von Stern zu Stern wandeln, uns besuchen und die Ewigkeit mit freundschaftlichen muntern Gesprächen hinbringen werden. Sowenig man also diese alle deswegen tadeln kann, so wenig wird man's auch den Robinsonianern verargen oder sie dumm schelten, weil sie sich den Himmel so vorstellten, wie er ihnen am liebsten war.

Ebenso leicht sind sie auch zu rechtfertigen, daß sie sich, wie alle Völker, ihren Gott so vorstellen, wie ein jeder selbst war oder sein zu müssen glaubte, wenn er sich für vollkommen oder für den Größten halten sollte: der gedrückte Leibeigene dachte sich ihn als einen hochgebietenden strengen Herrn, der jedes Versehen hart bestrafte, dem man demütig gehorchen, den man mit ehrerbietiger Scheu anreden müßte; ihre Herren stellten sich ihn wie den König von Spanien oder den Statthalter der Insel vor und betrachteten sich in dem nämlichen Verhältnisse gegen ihn, in welchem ihre Sklaven gegen sie oder sie gegen den Statthalter stunden; die Kaufleute machten ihn zu einem vorsichtigen geschäftigen Wesen, das jede Begebenheit vorhersieht, jeden Zufall überrechnet und Glück und Unglück austeilt, wie es ihm gut dünkt. Auch hierinne handelten sie nicht anders als alle Nationen und Menschen: die Negern, die in Unterdrückung und Sklaverei leben, kennen auch nur eine gewalttätige, tyrannische, schadenfrohe Gottheit; Griechen und Römer, die eine sonderbare Zusammensetzung von Wildheit und Politur waren, machten sie halb gut und halb böse, halb grausam und halb wohlwollend, äußerst sinnlich und sehr vernünftig.

Nicht weniger Verzeihung verdienen die Robinsonianer, daß die meisten unter ihnen, besonders die bekehrten Wilden, sich nicht mit einer einzigen Gottheit begnügten; die Sklaven, die sich ihren Gott als einen sinnlichen müßigen Despoten dachten, konnten sich unmöglich einbilden, daß er sich die Mühe geben werde, so viele gute und böse Dinge zu machen, wie sie täglich geschehen sahen und oft selbst empfanden; sie gaben ihm also eine Menge geringerer Gottheiten zur Bedienung, die sich gegen ihn aufführten wie Sklaven gegen ihren Herrn – tückisch, widerspenstig, kriechend, hinterlistig. Der einzige Haufen, der ehemals unter Franzens Vater und itzt unter Franzens Nachkommen stund und den fruchtbarsten schönsten Teil der Insel bewohnte, war durch die Gelindigkeit der Regierung und das viele Gute, das ihnen ihr Wohnort darbot, zu einer höchsten gütigen Gottheit emporgestiegen, aber da sie oft betrogen wurden, da zuweilen das Wetter ihre Ernten verdarb oder der Donner ein Haus anzündete, so konnten sie diese und ähnliche widrige Zufälle nicht ihrer guten Gottheit zuschreiben, sondern nahmen ihre Zuflucht zu einigen bösen Untergöttern, die ihre ungebildete Phantasie auf Drachen und andern Ungeheuern durch die Lüfte reiten und solches Unheil in der Welt anrichten ließ. Die Neigung der Menschen, andern durch ihre Erzählungen starke Empfindungen mitzuteilen, brachte sie dahin, jene Einbildungen auf alle Weise auszuschmücken und eine Reihe Fabeln auszusinnen, die so abenteuerlich als schrecklich waren. Selbst die Nachkommen der Europäer, die einen einzigen guten Gott kennen konnten, hatten nicht an ihm genug, sondern machten die Heiligen, die sie nach dem Lehrbegriffe ihrer Kirche verehrten, zu wirklichen Untergottheiten. Sie handelten darinne vielleicht nach der Empfindung jener Dame, die zum Dr. Moore sagte, daß sie sich niemals mit ihrem Gebete an Gott selber wenden könne; »er ist mir zu ernst«, sagte sie, »und ich kann mich ihm nie ohne Zwang und Scheu mit meinen Gedanken nähern; aber die heilige Jungfrau ist so sanft, so herzlich gut, so freundschaftlich, daß ich mein Herz mit viel mehr Vertraulichkeit vor ihr ausschütten kann.« – Die Robinsonianer waren in einem ähnlichen Falle: sie dachten sich ihren Gott nicht ganz, sondern nur zur Hälfte gut. Übrigens bewiesen sie durch diese und andere Verschiedenheiten in ihren Vorstellungsarten, die man ohne Weitläuftigkeit nicht auseinandersetzen könnte, daß der Mensch sich das Unsichtbare so vorstellt, wie das Sichtbare ist, das er kennt: die Kamtschadalen machen ihre Götter zu Schweinen, weil sie es selbst sind, die Griechen zu Mädchenschändern und Trinkern, die Lappen zu Dummköpfen, weil sie selbst keine Ideen haben, der christliche Philosoph zum höchsten Verstande und zum besten Willen. Nach der Verfassung des kleinen Fleckens, den der Mensch kennt, formte er auch die Regierungsverfassung der ganzen Welt: der Grieche und Römer republikanisch, der Morgenländer despotisch mit Vasallen und Sklaven, der Europäer monarchisch. Nach der Denkungsart der Gesellschaft um und neben sich, nach seinen Schicksalen und Erfahrungen modelt der Mensch auch seine Weltregierer – zornig, leutselig, eigennützig, sinnlich, ernst, steif, mehr oder weniger gut, wohltätig oder karg.

In diesem Zustande fand der finstre Bußprediger, dessen vorhin Erwähnung geschah, die Religion auf der Insel, als er ankam; der größte Teil der Einwohner fürchtete Gott als einen Despoten und wandte sich deswegen mit seinem Anliegen an Mittelspersonen, um ihm nicht zu nahe zu kommenDies war auch völlig der Zustand der christlichen Religion in den Jahrhunderten der Barbarei. ; man besuchte die Örter, wo die Bilder dieser Schutzgötter standen oder die Seelen dieser Patrone herumschwebten, handelte mit ihnen um ihren Beistand und bestach sie mit Geschenken, völlig wie noch itzt der Ostjake aus Dankbarkeit seinem Götzen das Maul mit Fischfett schmiert, wenn er guten Fischfang gehabt hat, oder wie der Tatar in einer gewissen sibirischen Horde zu seinem Götzen sagt: »Gib mir gute Jagd, und ich gebe dir einen hübschen neuen Rock und eine neue Mütze! Wo nicht, so hau ich dich in Stücken oder laß dich in deinem alten schmutzigen Kittel.«

Der Übergang von solchen Religionsbegriffen zur finstern menschenscheuen selbstquälenden Denkungsart war also nicht sehr schwer, und Gervasius – so hieß der Mönch – tat unglaublichen Fortgang mit seiner Predigt; er erhöhte die Furcht vor der Gottheit durch die schrecklichsten Gemälde von ihrem Zorne und durch die abscheulichsten Abbildungen von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur; unaufhörlich stellte er den Menschen als das elendste Geschöpf vor, das keinen Schritt tun könnte, ohne von seinem verderbten Herzen und von bösen Geistern zur Sünde hingerissen zu werden, dem also die Geißel des göttlichen Zorns beständig drohte und die Flammen der Hölle beständig entgegenloderten. Aus allen diesen Vorstellungen zog er den Schluß, daß man durch unablässige Buße, durch Zerknirschung des Herzens, durch Gebet, Fasten, Wachen, durch Ertötung des Fleisches und aller Begierden, durch willkürliche Schmerzen, durch Traurigkeit und Melancholie den Zorn Gottes entwaffnen und dieses Leben recht elend machen müsse, um sich dadurch die Freuden des künftigen zu erkaufen. Die Robinsonianer konnten sich nicht leugnen, daß sie bloß der Sinnlichkeit lebten; ihr Gemüt war schon mit Religionsfurcht angefüllt, und die schreckliche Beredsamkeit des Mannes fand anfangs bei den Weibern und endlich auch bei den Männern Eingang. Viele waren so sinnreich und vergüteten zum voraus durch Bußübungen die Sünden, die sie künftig tun wollten und nunmehr mit desto größrer Gewissensruhe taten, weil sie den göttlichen Zorn schon besänftigt hatten. – Andre begingen Sünden und das gröbste Unrecht, sooft ihre Leidenschaften sie dazu antrieben, und machten es hinterdrein durch Büßungen und Geschenke wieder gut. Keiner verfiel darauf, das Geld wiederzuerstatten, um welches er jemanden betrogen hatte, oder die Bedrückungen und Kränkungen demjenigen zu vergüten, der sie von ihm leiden mußte, sondern einige legten sich auf die Erde und ließen sich, wie Kaiser Otto, von ihren Küchenjungen mit Füßen treten; einige schenkten Kerzen und Räucherwerk in die Kirchen; man kleidete die Altäre, ein Heiligenbild, einen Priester. – Eine dritte Gattung trieb die Sache noch weiter: sie taten weder Gutes noch Böses, nützten und schadeten der Welt nicht, sondern brachten ihr Leben unter unaufhörlichen Qualen und Beschwerlichkeiten hin, um die Gottheit gegen die möglichen Sünden zufriedenzustellen, die sie wegen ihres angebornen Verderbens hätten tun können; hier stund einer am Ufer des Meers und schrie jeden Tag einige Stunden aus allen Leibeskräften, bis ihm der Odem verging; dort sammelte einer in der größten Hitze zeitlebens Kieselsteinchen zur Erbauung einer Kapelle; dieser reiste jeden Monat einmal auf der ganzen Insel herum, aber nicht gerade auf zwei Beinen, sondern er rutschte auf den Knien von einer Kapelle und Kirche zur andern; jener enthielt sich des Schlafs, solang es nur möglich war; einer fastete sich wahnwitzig, ein andrer enthielt sich der Ehe, ein dritter der Schuhe, und einer nahm sich gar vor, zeitlebens keine natürliche Ausleerung abzuwarten.

Auch hierbei sei man nicht zu voreilig, die armen Robinsonianer wegen dieser Ungereimtheiten zu tadeln, handelte nicht die ganze Welt vom Anbeginn so? Der Glaube an eine eigennützige und zornige Gottheit und an die Notwendigkeit, sie durch selbstgewählte Schmerzen und Geschenke zu besänftigen oder sich gewogen zu machen, war von jeher so allgemein, daß seit dem Anfange der Welt nur ein kleines Häufchen davon ausgenommen ist, das man Protestanten nennt.

Dieser mönchische Geist, den eigentlich die Melancholie und die ungestüme Sinnlichkeit des orientalischen Temperaments in die Welt brachten, erzeugte auf unsrer Insel die abenteuerlichsten Erscheinungen: Schwärmerei, Wunder, Träume, Gesichter waren die nächsten Folgen. Langes Wachen und Fasten entkräftete den Körper, erhitzte das Blut, und in der aufgeregten Phantasie erzeugten sich seltsame Bilder; die wallende Einbildung überwältigte die geschwächten Sinne und drang ihnen die Erscheinungen des Gehirns für wirkliche Gegenstände auf: sie sahen und hörten Wunder, und der Stolz des eingebildeten Heiligen überredete ihm, daß sie das Werk seiner Glaubenskraft wären. Er bildete sich ein, daß er der ganzen Natur gebieten könnte; Schwärmer wollten durchs Gebet das Wasser aus dem Meere auf die Berge gezogen haben, wollten die Sonne stellen könnenWie Mutius, ein ägyptischer Mönch. Zu allen diesen Torheiten der Robinsonianer findet man ähnliche Beispiele in der christlichen Kirchengeschichte. wie eine Uhr, Toten auferwecken und auf der Meeresfläche hinwandeln. Betrieger folgten den Schwärmern unmittelbar nach und verrichteten durch Taschenspielereien, was jene sich nur einbildeten.

Wo diese Ertötungen des Fleisches die Schwärmerei nicht hervorbrachten, da wurde sie von dem Ungestüm der Sinnlichkeit erzeugt, welches besonders unter dem weiblichen Geschlecht sehr häufig geschah. Viele wollten Gott dadurch gefallen, daß sie nie heirateten; sie fühlten die Regungen der Natur, und da sie keinen Sterblichen ohne Sünde zu lieben sich getrauten, so liebten sie Gott; das zurückgehaltne Feuer ihres Herzens zündete die Einbildungskraft an, erfüllte sie mit üppigen Bildern, und sie dachten und sprachen von dem unsichtbaren Gegenstande ihrer Liebe, wie noch keiner der wollüstigsten Dichter von seiner Korinnis oder Galatee gesungen hat.

Indem also die Einbildungskraft und eine geistliche Sinnlichkeit die Oberhand über den Verstand gewann und ihn ganz unterdrückte, entstund allmählich wirkliche Abgötterei auf der Insel. Die Bilder, welche den Schöpfer, den Stifter der Religion und merkwürdige heilige Personen vorstellen sollten, waren anfangs, als Robinson einen Gottesdienst auf der Insel einführte, nichts als sinnliche Zeichen, wodurch man der schwachen Vorstellungskraft der Insulaner zu Hülfe kommen wollte; nicht lange darauf schlich sich die Meinung ein, daß das unsichtbare Wesen und die abgebildeten Personen wirklich die Bilder belebten, und itzt vergaß man ganz, daß es nur Abbildungen von Abwesenden sein sollten, und erwies den Bildern die Verehrung, die man dem erzeigen mußte, was sie vorstellten. Die Zahl der heiligen Dinge wuchs täglich, und der Aberglaube breitete sich so gewaltig aus, daß man diesen heiligen Sachen alle Wirkungen zuschrieb, die man nur von der Natur erwarten konnte: ein Stein von dieser Kapelle half wider das Einschlagen des Donnerwetters; ein Hader von dem Kleide jenes Heiligen mußte Kröpfe vertreiben; alle Ärzte gingen müßig, denn niemand wollte mehr Rhabarber und Sennesblätter nehmen, weil er auf viel leichtere Art von geistlichen Ärzten geheilt werden konnte. Die abergläubische Frömmigkeit stieg so hoch, und die Betriegerei, die der Einfalt jederzeit auf dem Fuße nachgeht, zog so sehr Nutzen daraus, daß man sogar den Staub von den Bildern als eine Universalarzenei verkaufte. Man tadle die Robinsonianer nicht, denn noch itzt kaufen die zahlreichen Verehrer des Dalai-Lama seinen Stuhlgang und heben ihn in blechernen Büchsen auf als ein sichres Präservativ wider alle Krankheit und alles Unglück oder tragen ihn in Säckchen am Halse.

Es war unvermeidlich, daß unter einem so kleinen unwissenden Haufen nicht Leute von vorzüglichem Kopf und Herze geboren werden sollten, die mit der Stärke ihres Verstandes durch Vorurteile, Aberglauben und Schwärmerei durchdrangen und das Leere, Abgeschmackte, Betrügerische im allgemeinen Glauben und Gottesdienste einsahn; aber es war auch ebenso natürlich, daß viele darunter, weil sie an die Stelle des Schlechten nichts Besseres zu setzen wußten, alle äußerliche und alle willkürliche Religion verwarfen; die herrschende Partei beschuldigte sie zwar, daß sie gar keine Religion hätten, allein dies war teils Unwissenheit, teils Verleumdung. Diese Ungläubigen, wie man sie nannte, verwarfen bloß alle willkürlichen Vorstellungsarten, die bei allen Völkern den Gegenständen der Vernunftreligion untergeschoben worden sind, und alle Glaubenssätze, die die meisten Völker durch eine besondre Offenbarung erhalten haben wollen, wie die Verehrer des Fo und die Anhänger des Mahomet beweisen.

Diese Ungläubigen mochten nun ganz oder zur Hälfte oder gar nicht recht haben, so war doch dies die herrlichste Gelegenheit zu Zänkereien, Kriegen, Haß, Mord, Verfolgung und Blutvergießen, und es wären zuversichtlich so viele Menschen verbrannt, gesotten, gehängt, vertrieben, arm und elend gemacht worden wie in allen christlichen Jahrhunderten; man hätte zuversichtlich soviel unnütze FragenNur einige auffallende will ich hier für solche Leser auszeichnen, die sich außerdem um diese Abscheulichkeiten nicht bekümmern. Der Pater Sanchez soll in seinem Buche de matrimonio untersuchen, utrum virgo Maria in copulatione cum Spiritu s. semen emiserit. – Im neunten Jahrhundert behauptete Ratramnus, daß Christus bei seiner Geburt per naturae ianuam auf die Welt gekommen sei; Paschasius Radbertus hingegen wußte ganz gewiß, daß er clauso prorsus ventre geboren war. – In dem nämlichen Jahrhundert sollten die Stercoraniten behaupten, corpus Christi in s. coena cum reliquis faecibus eiici. – Im zwölften Jahrhundert hatte Amsdorf, dessen Name deswegen noch ein Brandmal verdient, die himmelschreiende Verwegenheit zu behaupten, daß gute Handlungen zur Seligkeit schädlich wären. , abgeschmackte Distinktionen, leere Worte ausgesonnen, so tolle vernunftlose Meinungen ausgebrütet wie in allen christlichen Jahrhunderten; man hätte den unerlaubtesten Gewissenszwang, Inquisition und symbolische Bücher eingeführt, wie alles dies unvermeidliche Übel in Religionen sind, die nicht bloß in gottesdienstlichen Gebräuchen, sondern auch in besondern Glaubenssätzen bestehen, und hätten auch die Robinsonianer die letztern nicht gehabt, so würden sie doch selbst in den Zerimonien so gute Gelegenheit zum Zanke gefunden haben wie die russische Sekte, die alle einer großen Sünde beschuldigt, die das Alleluja dreimal und nicht zweimal singen, die den Segen mit zwei und nicht drei Fingern austeilen. Glücklicherweise erstickte eine allgemeine Veränderung auf der Insel plötzlich diese Menge von Uneinigkeiten, die schon zu keimen anfingen.

Der itzt regierende Statthalter war schon längst damit umgegangen, den vielen kleinen Herren, unter welche die Insel verteilt war, alle ihre Vorrechte und Freiheiten zu rauben und ihre Gebiete unmittelbar unter spanische Herrschaft zu bringen; er fachte deswegen den Geist der Zwietracht unter ihnen an und bediente sich dazu des fanatischen Eifers, der schon lange unter den Geistlichen brannte und wegen der bisherigen Statthalter nicht hatte in Tätlichkeiten ausbrechen dürfen. Den Anfang des Streites veranlaßte der wichtige Zweifel, ob Personen, die zur Büßung ihrer Sünden von einem heiligen Orte zum andern auf den Knien rutschten, Hosen tragen dürften oder ob sie diese Wallfahrt mit bloßen Knien verrichten müßten. Man hatte sich schon vielfältig darüber von beiden Seiten in den Bann getan, und der itzige Statthalter schickte, um sein Projekt auszuführen, einen Geistlichen heimlich an den Herrn des Gebiets ab, wo man die Hosen exkommunizierte; dieser Bestochne erzählte einen Traum, worinne ihm ein Apostel die Entdeckung gemacht haben sollte, daß alle Leute des Todes wert wären, die nicht mit bloßen Knien jene Handlung verrichteten. Der Herr des Gebiets fühlte in sich den hohen Beruf, die verdiente Exekution an jenen Verbrechern zu vollziehen, und trug schon in Gedanken den Lorbeerkranz, den er sich durch eine so erhabne Tat verdienen wollte; sein ganzes kleines Heer wurde von dem abgeschickten Geistlichen mit fanatischer Tapferkeit begeistert; diese Ungeheuer, die im Grunde nichts als Barbarei und Mordsucht beseelte, nannten sich den Arm des Herrn, das Schwert der Gerechtigkeit, schwärmten herum und brachten alle Hosenrutscher um, die sich blicken ließen. Der Statthalter erreichte seinen Zweck: alle übrige Herren nahmen Partei; der Statthalter schickte seine Soldaten aus, den Aufruhr zu dämpfen, ließ die Anführer gefangennehmen und machte ihnen als Rebellen den Prozeß; sie mußten sich einer den andern hängen, und der letzte war genötigt, sich selbst den Strick um den Hals zu knüpfenEine herrliche Methode, die auch der König von Schweden, Karl XII., bei polnischen Bauern gebraucht hat. .

Der Statthalter hatte nun zwar, was er wünschte, aber er wollte noch mehr. Es tat ihm leid, daß der König von Spanien den Nutzen von seiner Unternehmung genießen sollte, und dachte deswegen darauf, sich unabhängig zu machen. Er versagte dem Vizekönig auf dem festen Lande, unter welchem er stund, seinen Gehorsam, lieferte nichts mehr in die königliche Kassen, und ob er gleich bisher so unumschränkt regiert hatte wie der Vizekönig, so wollte er sich doch von dem kränkenden Gedanken befrein, daß er von jemandem abhänge, um sich als einen Souverän betrachten zu können. Es fiel ihm nicht schwer, seine ehrgeizige Absicht durchzusetzen, allein er suchte die Würde eines Souveräns in zwei Dingen, die seinen Untergang unvermeidlich machten – in Pracht und Bedrückung. Die Einwohner entrichteten sonst die Auflagen nur zur Bestreitung der Kosten für das gemeinschaftliche Wohl, für öffentliche Sicherheit, Bequemlichkeit, und itzt wurden sie täglich häufiger und mit der größten Strenge eingetrieben, um die Pracht eines eitlen Regenten zu unterhalten, der eine Untreue an seinem König beging. Man wurde schwürig: man murmelte, fluchte und wünschte insgeheim dem Bedrücker den Untergang; das Feuer glimmte so lange, bis einer von den Kassierern des Despoten die Verwegenheit hatte, einen angesehnen Bürger, der ihm die Vorausbezahlung einer Abgabe verweigerte, mit dem Stocke zu schlagen. Dies war die Losung zu allgemeinem Aufruhr; man ergriff die Waffen; der Aufstand verbreitete sich durch die ganze Insel; der Despot wurde ermordet, und an die Stelle der Unterdrückung trat die Anarchie: niemand regierte, und jedermann wollte regieren.

Der Krieg dauerte unaufhörlich fort; jede Partei verwüstete, wohin sie kam; die Dörfer lagen in der Asche, die Städte waren Steinhaufen, die Äcker wurden nicht gebaut, der Handel stund, die Einwohner starben durch Schwert und Hunger; aus den vielen Leichnamen entstund eine Pest, und die Insel war eine menschenleere Wüste, wie ein tragisches Theater, auf welchem ein barbarischer Dichter gewürgt hat. Nichts blieb übrig als Spuren der Bevölkerung, Steine mit Aufschriften, verschüttete Pantoffeln, Trinkgefäße und Nachttöpfe, vermoderte Strümpfe, verstreutes Geld, zerbrochene Waffen, umgestürzte Heiligenbilder, damit dereinst ein amerikanischer Antiquar alle diese Altertümer ausgraben und der Akademie der Wissenschaften in Kanada oder der Sozietät der Altertümer unweit Hudsons Bai mit vielen Zitaten aus den alten teutschen, französischen und englischen Schriftstellern beweisen kann, daß hier einmal Europäer wohnten. Wie viele Tätigkeit wird dieser verödete Kothaufen noch einmal nach Jahrtausenden unter dem Menschengeschlechte verbreiten! Die Altertumsforscher in Nordamerika werden sich zanken, ob die Robinsonianer hohe oder niedrige Absätze an den Schuhen trugen; sie werden sehr scharfsinnig die verschiedenen Epochen dieser Höhe festsetzen; sie werden englische und spanische Inschriften auf verfaulten Brotschranktüren nach selbsterfundnen Alphabeten entziffern und alles darinne finden, was sie wollen. Die Eskimos werden alle diese kostbaren Reste sauber in Kupfer stechen lassen und einen Kommentar dazu schreiben; in Novazembla sticht man sie nach, übersetzt den Kommentar mit Anmerkungen und Verbesserungen und schimpft in jeder Zeile auf die verdammten Eskimos, die alle Namen verhunzen und keine Jahrzahl, kein Datum, kein Kapitel in ihren Zitaten richtig angeben. Die grönländischen Nachdrucker lassen ein Exemplar kommen, drucken den Text auf Löschpapier nach, bringen so vielen Unsinn hinein, als sich in ihren Köpfen auftreiben läßt, und machen in Island einen starken Absatz damit. Die Rezensenten, die bei der novazemblischen Übersetzung nicht gebraucht worden sind, fangen an launisch zu werden und beweisen mit Schimpfwörtern, daß kein einziger Strumpf dem Originale gemäß abgezeichnet ist, das sie nie gesehen haben; man läßt sie schwatzen, wird des Bilderbuchs überdrüssig und macht daraus ein Elementarwerk für Kinder. Auch die Kinder werden ekel; niemand kauft das Werk mehr, die Buchhändler verschicken große Schiffsladungen von dem Makulatur nach Kamtschatka zu Patronen, weil dort ein blutiger Krieg entstanden ist, worinne man sich mit der Robinsonia illustrata die Köpfe zerschießen will. – Einen andern Teil des Werks erhandeln die Papiermacher in Sibirien, weil die schöne Literatur unter den Samojeden, Tschuwaschen und Buräten so gewaltig eingerissen ist, daß man nicht soviel Papier machen kann als die tschuwaschischen Reimer Verse drucken lassen. – Die dritte Hälfte wird in Küchen, Kellern, Kramläden und an andern Orten zu beliebiger Konsumtion verbraucht, und endlich ist der Name Robinsonia aus allen menschlichen Köpfen und Büchern so gänzlich vertilgt, daß man so wenig von der Insel weiß als wie vom Südpole.


Sic transit gloria mundi.

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