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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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93 Robert schlief ein wie ein Kind und erwachte wie ein Gott. So schön war ihm die Welt schon lange nicht mehr vorgekommen! Er wollte Emma, die ja beim Scheiden gestern den Vorsatz ausgesprochen hatte, recht lang zu schlafen, nicht zu früh stören. Auf den Zehen schlich er an der Thüre seiner eigenen Wohnung vorbei und schritt dann hastig hinaus in den Tiergarten. Die dichtbelaubten alten Bäume schüttelten ihre hohen Häupter bedenklich über dem Thoren, der aller Hoffnungen voll unter ihnen dahinstürmte.

Es trieb ihn weit hinaus. Endlich aber kamen dem Künstler doch Gewissensbisse darüber, daß er die lichte Tageszeit fern von Staffelei und Palette zubrachte, nachdem die letzte Woche mit all ihren gesellschaftlichen und festlichen Zumutungen ihm ohnehin schon viel zu viel Zeit gekostet hatte.

Eilig trat er den Rückweg an. Aber, eh' er in die Werkstatt sich zurückzog, wollt' er doch seinem Weibchen guten Morgen sagen. Spät genug am Tage war's ja schon, daß sich die Siebenschläferin getrost ernüchtern lassen dürfte. Hätt' er geahnt, wie ernüchtert Emma bereits sich fühlte!

Das Dienstmädchen that sehr besorgt, als er eintrat, und bat ihn leise, aber recht dringend, doch ja nicht bei der gnädigen Frau einzusprechen. Dieselbe leide seit dem ersten Erwachen an entsetzlicher Migräne. Sie könne und wolle niemand sehen und werde schwerlich eine Stunde dieses Tages außer Bett verbringen.

Robert hörte die Krankengeschichte ziemlich verdutzt mit an. Er meinte schon, sich Vorwürfe machen zu müssen, weil er nach dem anstrengenden Feste noch so lange mit seiner Frau geplaudert und gekost hatte. Bis an den grauenden Morgen! Das war lange nicht vorgekommen. . . . Aber ebendeswegen wollt' er es auch nicht bedauern. Warum bedauern, die himmlische Stunde, die ihm sein Weib und sein häusliches Glück zurückgegeben? Nimmermehr! Es war zu schön gewesen! Und ganz eingehüllt in sein seliges Bewußtsein sprang er in sein Atelier hinauf und nahm sich vor, recht fleißig zu sein, wie es für Glückliche sich ziemt, deren Kraft und Kunst die Liebe beflügelt.

Seltsam! Es ward ihm doch schwerer, sich zu sammeln. Die Freude, die Ueberraschung, der Nachgeschmack lang entbehrter Küsse ließen ihn nicht zu der gleichgewichtigen Ruhe kommen, welche der Schaffende braucht, um frei gestaltend über seinem Stoffe zu schweben.

Er strichelte wohl hier und dort am lang begonnenen Werke herum, aber seine Gedanken ließen sich nicht auf den einen Punkt sammeln, um alles andre zu vergessen; sie schwärmten 94 im Gegenteil recht ungebärdig aus und waren mehr oder weniger bei seinem Weibe, dem herzigen, armen Weibchen, das um seinetwillen litt und eine schlimme Nachfeier dieser Hochzeit aushalten mußte.

»Ach was,« dacht' er, »es wird wohl auch nicht so schlimm sein! Solch eine Unpäßlichkeit geht vorüber! Wenn Emma nur erst ordentlich geluncht haben wird, dann gibt sich die fatale Geschichte, und dann kann es gar nicht anders kommen als: es klopft ganz leise, wie in vergangenen Tagen, an der Atelierthür, und hereinhüpft auf zierlichen Pantöffelchen, die weiße Faltenschleppe des neckischen Morgenrocks in der Hand . . . sein Weib, sein wiedergewonnenes zärtliches Weib!«

Er rannte sein Vorstellungsvermögen ganz fest in diese Hoffnung. Und sowie ein Vogel am Fenster vorüberschoß, oder ein Steinchen übers Dach rieselte, oder der Wind einen Zweig in den Baumwipfeln bewegte, oder sonst etwas im Hause knisterte oder knarrte, flog ihm der Kopf herum, und er sah mit Spannung nach der Thürklinke des Ateliers, festen Glaubens, in der nächsten Minute müßte sie sich bewegen und Emma vor ihm stehen.

Der Arbeit war diese lustige Herzensunruhe durchaus nicht fördersam. Nach einigen fruchtlosen Anläufen, die er guten Glaubens unternahm, steckte er die Pinsel bei und legte die Palette aus der Hand. Er wollte was andres anfassen, vielleicht zeichnen, aquarellieren, entwerfen, er wußt' es selbst nicht – vor allem aber durch irgend eine Thätigkeit die Ungeduld seines aufgeregten Gemütes bändigen und die Zeit vertreiben, die noch hingehen wollte, bis Emma bei ihm erschien. Denn daß sie erscheinen würde, das stand fest, daran zweifelte er aber auch nicht im geringsten.

Er ging von einer Staffelei zur andern, zog alte Mappen aus den Schiebladen und kramte in Zeichnungen, in Skizzen, von denen er schon nicht mehr wußte, daß sie von eigener Hand herrührten.

Was allerhand Zeug ihm schon durch den Kopf gegangen war! Worin überall er sich nicht schon versucht hatte! Im Genrehaften, im Monumentalen, im Porträt, in der Landschaft! . . . Pah, nur mit den Landschaften sollte man ihn zufrieden lassen! Und doch das Bildchen, das er da von der Wand nahm, daran es mit dem Gesicht, weiß Gott seit wann schon, lehnte, die Spreelandschaft war nicht das Schlechteste, was er gemacht hatte! Er wischte mit dem Aermel den Staub weg, der reichlich darauf lagerte, und hielt die Malerei gegen das Licht.

Gar nicht übel! Der alte Spitzbube Lefranc würde wohl zur Vollendung gerade dieser Leinwand drängen, um sie 95 womöglich als einen seiner echten Tiburtins zu verkaufen! . . . Die Erinnerung an den abgefeimten Bilderkuppler machte ihn lachen, und er schüttelte das Haupt, selbstbewußt und vergnügt. Wär' mancher froh, wenn er das machen könnte! Er aber, Robby Leichtfuß, er konnte noch Bessres, Höheres! Die große, die monumentale Kunst! Nun gar, das Gefühl im Herzen, mit welchem er heut erwacht war, sucht' er den Weg gerade zu den Sternen; die wunderwirkende Liebe flog ihm pfadweisend voran! Habe Dank, Emma mein!

Er lehnte die kleine Landschaft wieder an und nahm ein und andres Bild, was, rahmenlos gegen die Wand gekehrt, halb oder ganz vollendet feierte, auf, nach einem neuen Gedanken oder einer alten Anregung suchend, die sich heute verwenden ließe.

Was war denn das dort drüben hinter der großen Staffelei, an der er jetzt meist zu arbeiten pflegte? . . . Ein entzwei geplatztes Bild? . . . Wohl eine Leinwand, die gleich im Beginn ihn geärgert hatte und darum jähzornig zerstört worden war? Denn fertige Bilder pflegte er nicht im Jähzorn zu vernichten. sondern späterer Ueberlegung zu empfehlen. Man fand vielleicht immer noch etwas Brauchbares daran.

Seltsam! Dort drüben war doch gestern kein Bild gewesen! Er wußte es genau, denn dort im Winkel hatte ein Tischchen gestanden, das er erst gestern sich anders wohin zurecht gerückt . . .

Mit langen Schritten ging er nun hinüber an die Wand, bückte sich hastig und griff nach dem weißen Holzviereck, dessen Leinwand durch klaffende Risse überquer gespalten war, so daß man an den sich kräuselnd umbiegenden Rändern erkennen konnte, sie sei auf der andern der Wand zugekehrten Seite mit Oelfarben bemalt.

Er wandte das Ding. Die Leinwandfetzen klappten um und einer über seine haltende Hand . . .

War's richtig, was er im Nu gesehen zu haben glaubte? Oder äffte ihn der dümmste Spuk, den je seine Einbildungskraft ihm vorgeschwindelt hatte?

Er schob mit der andern Hand die Fetzen wieder herauf, daß sie notdürftig zusammenpaßten und die grob verletzten Ränder sich annähernd wieder berührten . . .

Der Maler meinte, ein Schlag aus heiterem Himmel fiel auf ihn nieder. . . . Es war sein Lieblingsbild, sein Bräutigamsmeisterstück, »das Mädchen mit der Maske«, das von roher, zorniger, frevelnder Hand zerstört, ihm in solchem Zustand und in doch so bezeichnender Weise zurückgegeben worden war.

Robert wußte nicht, wie ihm geschah. Er begriff nicht, 96 was da vorgegangen war. Er vermochte sich heut und gestern nicht zusammenzureimen. . . . War er verrückt geworden über Nacht? Hatte Emma den Verstand verloren? Einen Augenblick lang glaubte er wirklich, das sei des Rätsels traurige Lösung.

Er mußte sich setzen. Seine Kniee schmerzten ihn. Da saß er, das Bild auf den Knieen, und paßte mit bebenden Fingern immer wieder die widerspenstigen Fetzen zusammen, an deren Rändern sich bereits die trockene Oelfarbe in winzigen Bröckchen ablöste. Es war nur mehr eine Fratze, was da über seinen Knieen lag, eine Verzerrung seiner Phantasie, die ihn medusisch angrinste. Die Zerstörung des lieben Bildes war gründlich und unheilbar.

Es war auch Emma lieb gewesen das Bild! . . . Und nun nicht mehr? . . . War es ihr nun so verhaßt, daß sie mit diesem verfluchten Streich den Liebenden und den Künstler in ihm zugleich tödlich beleidigen, ja daß sie alle die tausend wie das Gewebe dieser Leinwand ineinander verflochtenen Fäden der Neigung und Erinnerung, die ihrer beider Leben in eins verwoben. mit diesem verfluchten Streich entzweischneiden mußte?

Mußte? . . . Konnte? . . . Und nach dieser Nacht?! . . .

Robert nahm seinen Kopf in beide Hände. Er begriff nicht, was um ihn vorging, nicht, was er mit Händen faßte! Nicht, was geschehen war, und nicht, was werden sollte! Emma nicht! Sich nicht! Nichts mehr!

Die Bilder, die Wände, die Staffeleien, alles drehte sich im tollen Kreis um seinen armen Kopf herum. Er mußte ihn fest bei den Haaren halten, daß ihm der Kopf nicht selber wegkreiselte von den Schultern, der arme Kopf, der ihn noch nie im Leben so geschmerzt hatte, wie in diesem Augenblick.

Der Holzrahmen fiel von seinen Knieen zur Erde. Die Fetzen lehnten sich, sachte bebend, mehr und mehr gegeneinander. Robert sah zwischen seinen Händen, seinen Knieen hinab, wo hier ein gespaltenes Auge, dort eine Hand ohne Finger, da die Hälfte einer Halbmaske zu ihm herausblickten von der fadenausstreckenden Leinwand, und noch immer den Kopf in den Händen pressend, war's ihm, als säh' er zwischen den farbigen Fetzen hindurch in einen tiefen, tiefen, schwarzen, gestaltenverhüllenden Abgrund, darin ein undeutliches Gewirre voll Ekel und Entsetzen brodelte, das er ebensowenig begriff wie die Wirklichkeit.

Auf einmal hörte er, wie ein fallender Tropfen unten auf die Leinwand klatschte und sah den getroffenen Zipfel ein wenig schwanken. Da merkte er, daß seine Hände naß waren und 97 daß er bitterlich weinte, so bitterlich, wie er seit seinen Knabenjahren nicht mehr geweint hatte.

Er, der leichtfertige Mensch, den sonst nie was im Leben angefochten hatte!

Und jetzt begriff er auf einmal alles!

Er begriff, daß zwischen ihm und Emma alles aus war. Er begriff, daß sie gestern noch einmal aus Laune oder aus Bosheit sich ihm an den Hals geworfen hatte, wenn er auch die Triebfeder jener Laune noch nicht ahnte. Er begriff, wie sie dann ob solchen Selbstvergessens, ob solcher Inkonsequenz, ob solchen Sinnenrausches eine aberwitzige Reue, eine blinde Wut erfaßt habe, die ein Opfer, eine Genugthuung, eine Erklärung forderte, auf daß der arme genarrte Mann, von dem ihr Herz nichts mehr wissen wollte, sich keiner tröstlichen, keiner schmeichelnden Täuschung länger hingebe, auf daß er sich nicht etwa länger einbilde, sie liebe ihn nach wie vor, sie erwidere seine Liebe, sie werde sie jemals erwidern!

Da lag die Erklärung, die Kriegserklärung in ihrer ganzen wilden Brutalität vor seinen Füßen. Er sah's im Geiste vor sich, wie Emma, nachdem er ihr Gemach verlassen, außer sich vor Wut gegen sich selbst, wie gegen ihn, zurückkommt, wie sie mit ihrer schmalen, weißen, zuckenden Hand wieder nach dem Falzmesser auf dem Schreibtisch greift, auf dem jetzt der erste Tagesstrahl die Nippsachen von Glas und Gold und Bronze plötzlich aufblinken läßt, wie ihre umirrenden Augen dann plötzlich vom Lichtblick auf dem goldenen Rahmen an der Wand aufgehalten werden, wie sie mit einem halberstickten Schrei auf das Sofa springt und das blanke Messerchen kreuz und quer durch die Leinwand reißt, daß diese geviertelt auseinanderklafft und das zerstörte Wahrzeichen ihrer Liebe sie zu ihrer Genugthuung angähnt.

Während er in vergnügten Träumereien außer dem Hause lustwandelte, trug sie's dann hinauf in seine Werkstatt, ihm die Werkstatt und das Haus und die Kunst und das Leben und alles zu verleiden, was einen Namen hatte und auf Erden war.

Da lag's und redete deutlicher als Schrift und Worte. Sie hatten nichts mehr miteinander gemein, kein Glück und keine Liebe, nicht einmal mehr die Erinnerungen ihrer Herzen, welche Todfeinde heilig halten könnten, während sie in Fehde wirkten. Sie wollte nichts mehr wissen von dem Manne; sie achtete den Künstler keiner Rücksicht wert. Sie hatte ihn getroffen mitten ins Herz, in den Kern seines Daseins, in die Seele seines Schaffens.

98 Es war der erste tiefe Schmerz, der in Roberts Leben einschnitt. Der erste Schmerz, den er empfand, der ihn tief ergriff und im Innern zu wandeln begann.

War es nötig gewesen, sich in so häßlicher, so feiger, so barbarischer Weise von ihm loszusagen? Hätte sie den Künstler in ihm nicht schonen können? Hätte es nicht genügt, ihm das Bild zurückzustellen, das er in der seligsten Zeit seines Lebens geschaffen?

Aber er hätte das Bild in Ehren gehalten, an die Wand gehängt und häufig betrachtet. Er hätte der alten Zeit, der alten Liebe, der Emma von damals gedacht. . . . Und sie wollte nicht, daß er an sie dächte. Das war klar!

Er hätte was darum gegeben, wenn er hätte glauben können, daß sie in einem Anfall von Wahnsinn, in einer krankhaften Laune so unverantwortlich gehandelt. . . .

Aber nein, das war mehr als Laune und andres als Wahnsinn . . . das war der Haß. Liebe, die sich in Haß, Haß, der sich für einen Augenblick in Liebe und dann jählings wieder zurückverwandelt hatte und nun in eigenem Frost erstarrte und ihn anglotzte regungslos, erbarmungslos, hoffnungslos.

Ei, könnte sich dieser Haß nicht doch einmal wieder zurückverwandeln in Liebe? . . . Robert erschrak bei dem Gedanken, er widerte ihn an, er schüttelte ihn ab. Nein! Nie wieder! Alle Bande zerrissen! Alles aus!

Und doch noch fürder zusammenleben? Unter einem Dache wohnen? Nebeneinander durchs Leben so hergehen?

Nein! – Robert sprang auf. Er wollte Emma sagen, was er über ihr Verfahren, über ihren Charakter, über den Wert einer solchen Ehe dachte. . . . Er wollte zu einem Rechtsanwalt, um ihn zu fragen, wie er sich aus solcher Lage als ehrenwerter Mann zu erlösen habe. . . . Er wollte vor allem fort! Das war das Wichtigste, das Richtigste, das Einzige, fort von ihr! Fort aus diesem Hause! Nur fort! Auf Nimmerwiedersehen fort!

Er schob, was von dem Mädchen mit der Maske noch übrig war, mit dem Fuß beiseite, sprang auf und griff nach einem Hute.

Er sah sich noch einmal im Atelier um, ob er nicht etwas, das unzweifelhaft sein war, mitzunehmen vergäße. Seine Bilder konnte er später holen lassen. Mochte sie auch diese zerstören, es lag ihm in diesem Augenblick auch an ihnen nichts. Er fühlte Galerien von ungemalten Bildern in seinem Kopf, die nur seines Pinsels harrten, um in die Wirklichkeit hinauszuschreiten. Also schneidet und zerschneidet, was ihr wollt! Ade, und nun hinaus auf Nimmerwiedersehen!

99 Er eilte der Thüre zu . . . da hört' er ein sanftes, respektvolles Klopfen an derselben. Er stutzte, ärgerte sich über die Verzögerung und war entschlossen, jede Störung kurz abzuweisen. Barsch rief er: »Herein!«

Da flog die Thüre sperrangelweit auf, und über der Schwelle sah er zwei ungleiche Gestalten stehen.

Es war die Amme seines Kindes im kurzen, roten, wendischen Faltenrock, mit schneeweißem Busentuch und nackten Armen, die sie tief nach vorne beugte. In den Händen hielt sie die beiden Zipfel eines langen, weichen, weißen Flortuches, daran, über das Brüstchen und durch die beiden Achselhöhlen gehalten, Roberts Töchterchen die ersten, linkischen und doch so gutgemeinten Gehversuche machte.

»Na, zeig einmal deinem Papa, was du kannst! Zeig ihm, wie schön Klein-Erna laufen kann! Zeig ihm, wie man die Zuckerbeinchen setzt! . . . Eins . . . und zweie! . . . So! . . . Eins . . . und zweie! . . .«

Und das Kleinchen schwankte so putzig an seinem Gängelband und reckte die Beinchen so possierlich in die Höhe und stellte das eine Füßchen über die Schwelle, und stellte das andre ins Zimmer und watschelte dann mit lauten Wonneschreien so stolz und selbstbewußt, so drollig und so entzückend auf den staunenden Papa los, daß dieser sich tief in die Kniekehlen bückte, seinen Hut von sich warf und in beiden weit ausgestreckten Armen das winzige taumelnde Menschlein auffing, das zum erstenmal die Tragkraft seiner Knochen prüfte.

Während der Vater seinen Liebling in langer Umarmung auf dem Boden kauernd herzte und küßte, ward die Spreewälderin nicht müde zu reden.

»Ist das nicht eine Leistung für ein elf Monat altes Göhr? Was? . . . Na, unser Kind steht eben auch in gutem Futter! Nicht wahr, Herzkäferchen! Und wie sie sich geplagt hat, und wie sie stolz ist! Wir haben eben unser Kunststückchen der guten Mama vorgemacht. Und da mußten wir doch gleich zum lieben Papa herauf, um ihm zu zeigen, was wir können!«

Robert hörte nicht weiter, was die Amme noch schwatzte. In seinen Ohren klangs: Mama, Papa! . . . Papa, Mama! Das gehörte so zusammen und die Kinder lallten's hintereinander weg und verwechselten noch eins mit dem andern, wenn sie reden lernten: Pama, Mapa! Papa, Mama! Wird das Kind je lernen, sie zu trennen! Und wenn es die Trennung lernen muß . . . das arme Kind!

Robert saß auf dem Estrich seiner Malerwerkstatt zwischen 100 seinem Malergerät. Der blaue sonnige Himmel lachte durch das breite Fenster in der Decke und durch die offenstehende Balkonthüre herein. Und er hielt sein Kindchen in den Armen, das müde von seinen ersten, ach, so anstrengenden Bestrebungen lachend und juchheiend an seinem Herzen lag.

Konnte er das Kind verlassen? Durfte er es verlassen, das arme Kind, das eine so boshafte, so schlechte Mutter hatte?

Sein Kind! Das einzige Gut, was er noch sein nannte auf dem weiten Erdenrunde! Das einzige Menschenleben, an dem er hing, mit allen Fasern seines liebenden Herzens hing? Sein Glück, sein Stolz und seine Freude! Sein Eins und Alles, wofür zu leben und zu schaffen noch der Mühe wert war!

Er neigte seine Stirne herab auf die blonden Löckchen des Kindes; er küßte es langsam, ja feierlich auf Stirn und Augen und gelobte sich und ihm, er wolle es nie verlassen, wolle es dieser Sippe nicht überlassen, die er verachtete, und die ihn haßte! Komme, was da wolle, sie sollten das Kind nicht Lügen lehren über einen Vater, der ihm fern blieb! Sie sollten ihm das Herzchen nicht stehlen und abwendig machen. Er wollte sein Kind, sein einziges Kind lieben und erziehen, diesen allen zum Trotz, und sich als Vater und Herr darüber behaupten, mochten sie ihn anfallen im Angesicht und im Rücken!

Die alte Elastizität seines Gemüts kam ihm zu Hilfe. Wer so ein Kind hatte, war nicht unglücklich! Wer solch ein Kind hatte, der konnte der Neigung eines launischen Weibes entraten! Wen solch ein Kind liebte, der konnte auf andre häusliche Freuden verzichten! Ja, verzichten auf die Freuden, auf das Haus, auf die Frau . . .

Auf die Frau verzichten? . . . Ging das an? . . . Wär's möglich, das Kind zu behalten und der Frau Valet zu sagen?

Das kam vor. . . . War er dazu berechtigt? In seinem Herzen, gewiß! Vor Gott nicht minder! Aber vor der Welt und ihrem geltenden Rechte? . . . Schwerlich! Das ging ihm jetzt jählings durch den Sinn.

Wenn er zum Richter und zum Anwalt lief und sagte: Trennt mich von dem argen Weib, aber laßt mir das Kind! er sah's voraus, wie sie ihn als kaum geheuer anstarrten, er hörte voraus, wie sie ihn fragten: Warum?

Warum? Weil ihm sein Schatz nach einer lustigen Ballnacht in etwas bösartigem Katzenjammer ein Bild entzweigeschnitten? . . .

Durft' er Richter und Anwalt sagen, was ihm und ihr dies Bild bedeutete? Wollt' er sein süßes Geheimnis preisgeben? . . . Er nicht!

101 Er sah und hörte es, wie sie ihn da auslachten, der Anwalt und der Richter, und wie sie ihn heimschickten mit seiner Klage. Für solch ein gar zu intimes Vergehen gab's keinen Paragraphen. Wer ungezogene Kinder erziehen will, muß ungezogene Weiber zähmen können. Ein Eisenbahnbillet in die weite, weite Welt konnte ihm der Richter freilich nicht absprechen, aber das Kind würde er ihm nun und nimmer zusprechen, wenn er sein Weib böslich verließ – wegen etwas bemalter und dann zerschnittener Leinwand – haha! und noch dazu in einem Hause, wo Leinwand so reichlich und so billig bemalt wurde, wie bei Leichtfußens!

Er gefiel ihm nicht, der Richter, den er im Geiste sah; aber sein Kind gefiel ihm, das er in seinen Armen vor Zärtlichkeit schier erdrückte, so daß es, über den zärtlichen Papa erbost, zu zetern anhub.

»Ei, ei, ei!« begütigte die Spreewälderin: »wer wird so ungeduldig sein! Freilich wir sind sehr pünktlich, sehr ordentlich, sehr genau! Wir wissen, daß es unsre Zeit zum Spazierengehen ist. Ja, die Stunde hat längst geschlagen. Gelt ja, Ernachen? Komm, komm, komm, machen wir uns auf die Strümpfebümpfe! Wägelchen ist schon eingespannt, hoto!«

Robert ließ es geschehen, daß die Amme den süßen Schreihals aus seinem in ihre Arme nahm, wo er sich alsbald beruhigte.

»Wohin gehen Sie denn, Hedwig?« fragte der Maler, jetzt erst vom Fußboden sich erhebend.

»In den Tiergarten, auf den Spielplatz. Nicht wahr, mein Engel? Wo die vielen Kinderchen im Sande buddeln und schippen und reifenspielen, was Ernachen so gerne sieht. Kußhändchen! Sag Ade, Papachen, ade!«

»Nein, nicht adje!« rief der glückliche Vater. »Ich gehe mit euch! Kommt!«

Damit stülpte er sich den weggeworfenen Hut auf den Kopf, griff sich ein Skizzenbüchlein, das er bequem in die Tasche stecken konnte, und folgte der Amme, die breitspurig und sorgsam das Kind die schmale Ateliertreppe und dann die große Stiege vom Oberstock in den Hausflur hinabtrug.

Vor der Thüre von Leichtfußens Wohnung stand schon das silberlackierte Weidenwägelchen, darein die Amme das Kind bettete, um dann darüber eine seidengestreifte, spitzenbesetzte Decke zu breiten, die zu beiden Enden des kleinen Schiebgefährtes zierlich herabhängen mußte.

Während Robert noch halb spöttisch die Vornehmthuerei der Wendin betrachtete, die selber wie eine Operettenbäuerin 102 ausstaffiert war, mit ihrer langflügeligen Haube, ihrem kurzen roten Rock, ihren roten Strümpfen und weißen Puffenärmeln, ging neben ihm die Thüre auf, und Emma, den Kapothut auf dem Haar, den Handschuhknöpfer zwischen Hand und Handschuh, blieb sichtlich betroffen auf der Schwelle stehen. Sie hatte die Begegnung mit ihrem Mann offenbar nicht gesucht; aber sich zurückziehen vor ihm wollte sie auch nicht, schon der Mägde wegen nicht. So blieb sie denn wie angewurzelt stehen und wartete, was er thun werde. Ein schadenfroher Ausdruck zuckte kaum merklich um Augen und Mundwinkel.

Robert ließ sie nicht lange warten. Der ganze, kaum eben gedämpfte Groll dieses Morgens brodelte bei dem Anblick des Weibes wieder in ihm auf. »Es ist mir lieb, daß ich dich treffe,« sprach er. »Bitte, komm für einen Augenblick hinein. Ich habe dir etwas zu sagen.« Dann wandt' er sich zu Kind und Amme zurück und hieß sie auf ihn warten.

Emma, die sich vor der Dienerin keiner Zurechtweisung aussetzen wollte, gehorchte ohne Widerrede dem Wunsche des Gatten, so wenig ihr gerade heute der Sinn nach einem Zwiegespräch mit Robert stand.

Im ersten Salon angelangt, wandte sie sich dem Nachfolgenden zu und fragte, nur einmal flüchtig von den Handschuhen aufsehend, mit deren vielen Knöpfen sie noch immer beschäftigt war: »Du wünschest?«

Robert drückte die Fingernägel in seine Handflächen, um den Zorn, der in ihm kochte, nicht übersprudeln zu lassen, und brauchte einige Sekunden, um seiner Stimme Herr zu werden.

»Du hast mir heute meinen . . . unsern alten Liebling, das Bild des Mädchens mit der Maske, das ich nach unsrer ersten Begegnung in Paris aus dem Gedächtnis gemalt habe, in Fetzen geschnitten ins Atelier gestellt?«

Emma gab nicht sofort Antwort, entweder weil sie keine Antwort wußte, oder weil ein widerspenstiges Knöpfchen am linken Handgelenk ihr wieder einmal mehr zu denken gab als ihres Gatten Rede.

Erst als das Knöpfchen riß und ihren Unmut so steigerte, daß sie mit dem Fuß aufstampfte, schien sie sich zu besinnen, es stünde jemand vor ihr und fragte sie was.

Sie sah mit dem plötzlichen Augenaufschlag, der ihr eigen war, in ihres Mannes Gesicht. Dasselbe kam ihr erstaunlich vor, etwas unheimlich sogar. Und nicht ohne Unbehagen sagte sie: »Nun ja, das Bild . . . was soll's weiter?«

»Ich frage, warum du mir das Bild verdorben hast?«

103 »Das Bild war mein Eigentum. Du hattest es mir geschenkt,« entgegnete sie trotzig. »Ich kann mit meinem Eigentume anfangen, was mir beliebt!«

»Und ich frage dich: warum beliebte dir diese Herzensrohheit?«

»Oho!« rief Emma und wich einen Schritt zurück; aber Robert ging ihr den Schritt nach und wiederholte mit rollenden Augen und bebenden Lippen das Wort »warum«.

Emma war nicht von den feigen Weibern. Sie warf den Kopf ins Genick und sprach: »Weil mich das Bild ärgerte. Und es ärgerte mich, weil es ein Zeuge meiner Narrheit, meiner Schwäche war.«

»Deiner Schwäche? . . . Deiner Pflicht!«

»Meiner Pflicht? (Sie lachte hell auf.) Je m'en moque pas mal!«

»Emma!« rief Robert außer sich.

»Schrei nicht so laut!« sagte jene, »die Dienstleute merken sonst, daß du mir einen Skandal machst. Was ist auch weiter daran? Ich hab's gethan aus Laune, aus Dummheit, aus Bosheit, wie du willst! Einerlei! . . . Du weißt ja, daß ich manchmal wunderliche Launen habe. In solch einem launischen Anfall habe ich mir dich eingebildet, in einem solchen dich geheiratet. Warum nahmst du mich, wenn dir meine Launen greulich waren? . . . Ich muß verbraucht werden, wie ich bin. Und ich bin nun einmal nicht anders!«

»Du bist klug und bewußt genug, Emma, um überlegt zu haben, was du mir angethan hast, und wie es auf mich wirken muß. Warum also diese Kränkung und an diesem Tag?«

»Warum und immer warum?« . . . antwortete sie und wiegte sich ungeduldig in den Hüften, ohne ihn anzusehen. Auf einmal wie von einem andern Gedanken oder bloß von der Lust, diesem unleidlichen Gespräch ein Ende zu machen, bewegt, schlug sie die Augen wieder hoch auf und die sorgfältig beschuhte Hand ihm entgegenstreckend, rief sie: »Verzeihe mir!«

Es klang wie ein schlechter Spaß. Robert fand kein Wort der Antwort. Es war still im Salon, so still, daß man durch mehrere Thüren hindurch das Greinen Ernas vernahm, der das Warten im Hausflur gegen Gewohnheit und Gefallen ging.

Ihre Mutter ward es müde, die Hand noch länger ausgestreckt zu halten, die der Beleidigte doch nicht ergriff, und unmutig sich wendend, sagte sie: »Was ist das für ein Unsinn, das Kind in den Flur zu bannen, statt es an die frische Luft zu lassen, das arme Kind.«

104 »Das arme Kind!« wiederholte Robert, und mit diesen Worten faßte er sie, aber nicht an den dargereichten Fingern, sondern am Handgelenk und sprach: »Des armen Kindes wegen müssen wir zusammen weiterleben, müssen auch nach dem, was du gedacht und gethan, zusammen weiterleben. . . . Mach mir's nicht unmöglich, Emma! Sonst zerbrech' ich dich mit diesen meinen Händen. Denn von dem Kinde kann ich mich nicht trennen.«

Emma, die ihren schönen Handschuh unter seiner umklammernden Faust gefährdet fühlte und auch sonst diese Unterhaltung nicht geheuer fand, schrie auf. Robert ließ sie fahren und wandte sich zum Gehen. Da stand er Heribert Meyer gegenüber, der wohl schon vorher in der Wohnung gewesen sein und sich nur vor dem Schwiegersohn nicht gern blicken lassen mochte, auf den Schrei seiner Emma jedoch in den Salon gestürzt war.

»Was geht denn hier vor?« rief der Kommerzienrat so laut und hoch er's vermochte. »Was bilden Sie sich denn ein, Herr Schwiegersohn? Ich glaube gar, Sie mißhandeln mein Kind!«

»Niemand mißhandelt Ihr Kind,« antwortete Robert, dem keifenden Alten gegenüber ganz gelassen. »Der Mißhandelte in diesem Falle bin nur ich. Sie können sich beruhigen!«

»Ich will und werde mich aber nicht beruhigen, mein Herr!« entgegnete Heribert außer sich und zögerte nicht, seiner Galle freien Lauf zu lassen und sich in häßlichen Redensarten zu ergehen.

Robert sah sich das schimpfende Herrlein des Genaueren an, das wie ein Hampelmann mit allen Vieren vor ihm zappelte. Er fand es so komisch, daß er trotz des Ingrimms, der ihn noch vor wenigen Minuten so sehr erregt hatte, lachen mußte. Aber was sollten Worte hier noch fruchten! »Gute Unterhaltung miteinander! Ich gehe zu meinem Kinde!« Das war alles, was er sagte. Lachend ging er zur Thüre hinaus, und während er neben dem Wägelchen, das die Spreewälderin dem Tiergarten zuschob, einherschritt, dachte er, daß er in dieser Stunde mit jenen beiden abgerechnet habe, daß der Traum, mit einer gleichgestimmten Familie einträchtig und gleichberechtigt zu leben, vorüber, und ihm wirklich nichts von diesem Faschingstraum geblieben sei, als sein Kind und seine Kunst.

Es that ihm weh. Denn, ob er es auch selbst empörend und unbegreiflich fand, er liebte sein Weib noch immer. Sein Herz und seine Sinne konnten nicht so rasch vergessen, als sein Verstand und sein Ehrgefühl es verlangten. Es that sehr weh, aber er glaubte, mit jenen beiden fertig zu sein; glaubte, daß 105 ihm kein Leid, das sie ihm anthun möchten, noch zu Herzen gehen könnte, und glaubte, das Leid, was sie ihm bereits angethan hatten, bald zu verwinden.


Robert und Emma lebten nun zwar unter einem Dach, aber jedes ging seiner Wege, und keines von beiden sah mehr auf die Wege des andern. Der Maler hauste oben unter dem Dach in seiner Werkstatt und schlief auf dem Notbett im Nebengelaß; in seine Wohnung im Erdgeschoß kam er nicht öfter, als er mußte; in die Wohnung seiner Schwiegereltern im ersten Stockwerk kam er gar nicht mehr. Heribert sah, so auffallend als er konnte, an seinem Schwiegersohn vorbei, wenn ihm dieser wider Willen einmal begegnete; Hermione fand Roberts Benehmen, wie es ihr Gatte berichtet hatte, so unvornehm wie möglich, aber zu sagen hatte sie ihm nichts. Er ihr noch weniger. Es waren Menschen, die ihm von Herzen immer fremd geblieben waren. Er merkte es erst jetzt, denn er merkte, sie waren es nicht, die er entbehrte; wohl aber sein Weib, an das er öfter dachte, als ihm lieb war, wenn auch nicht immer mit freundlichen Gedanken.

Sein ganzer Trost, seine Liebe, sein Glück war nunmehr sein Töchterchen. Im Gemüte zu sehr verstört, um den ganzen Tag vor der Staffelei schöpferisch thätig zu sein, war es ihm bald zur liebsten Gewohnheit geworden, das Kind aufzusuchen, wenn man es ins Freie brachte.

Da saß er stundenlang neben den Spielplätzen und guckte zu, wie die kleinen Dinger im Sande gruben und bauten und sich tummelten und sich zankten. Er verglich die andern Kinder mit seiner Erna und fand, daß es ihresgleichen nicht mehr gäbe. Nun war sie schon über ein Jahr alt und konnte schon des Gängelbandes entbehren, wenn sie auf ihren feisten Beinchen hin und her stampfte, immer kecker, immer sicherer, immer drolliger.

Die Spreewälderin war als Kindsfrau bei Erna verblieben. Sie hatte das kleine Wesen liebgewonnen, und da es nicht schwer war, herauszufinden, daß der Vater weit zärtlicher an ihm hing als die Mutter, so war Hedwig, so wenig Gedanken sie sich zu machen liebte, im Innersten auch dem freundlichen Herrn mehr ergeben als der launischen Frau, die sie oft ohne Grund rauh anließ und aus eitel Rechthaberei kränkte, wo sie's doch redlich gut gemeint hatte.

Robert redete nicht viel mit der Wendin, und ließ sich um so geduldiger von ihr erzählen, die nicht müde ward, an ihrer Pflegebefohlenen Geist und Gaben zu entdecken.

106 Im Tiergarten neben dem spielenden Kinde sitzend, zeichnete er in sein Skizzenbuch Bäume, Gebüsche, Wasserufer und was sonst an landschaftlichen Motiven ihm vor Augen lag. Kinder zu zeichnen, hatte er bald aufgeben müssen, denn Mütter und Wärterinnen pflegten ihn dann zu umringen und zu bitten, auch ja noch dies und jenes Köpfchen aufs Papier zu werfen und es ihnen dann zu schenken. Für Gras und Blätter, totes Holz und stehendes Wasser hatten sie kein Interesse, und als sie merkten, daß er sich nur mit der unbelebten Natur abgab, ließen sie ihn in Ruhe.

Auch Emma schien ihres Daseins zufrieden, solang der Sommer dauerte. Aber der Herbst ließ nicht lange mehr auf sich warten, und mit dem Anfang des Winters kehrten Brigitte und ihr Gatte von ihrem Rittergute zurück in die Hauptstadt. Zu großer Freude der Eltern, zu geringerer Freude der Schwester, die trotz ihrer älteren Würden und Rechte mit einemmal auf den zweiten Platz hinunterrutschte und in den Augen der Baroninmutter einen vornehm verschleierten, aber doch für ihr Verständnis deutlichen Vorwurf las: Warum nicht auch du?!

Ueber diesen stillen Vorwurf der Mutter hätte sich Emma bei den lang ausgeprobten elegischen Gewohnheiten der eitlen Frau leicht hinweggesetzt. Aber Brigitte, die sonst in allen Stücken vor der älteren und klügeren Schwester gelehrige Rücksicht, ja eine gewisse aufblickende Verehrung an den Tag gelegt hatte, war wie ausgewechselt vom Lande zurückgekehrt. War es die Schule ihres Gatten oder der Umgang mit einem Haufen toller Landjunker, denen das schlaue Berliner Kind zu imponieren verstanden hatte, Brigitte war voll von einem schnippischen Hochmut, der sich wie selbstverständlich und vollberechtigt gab, und sie war vom ersten Tag ihrer Rückkehr auf nichts andres bedacht, als ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und der alten Freundschaft – Madame Leichtfuß mit eingeschlossen – den Beweis zu liefern, daß sie in der aristokratischen Welt festen Fuß gefaßt habe, und es die reine und überflüssige Gutmütigkeit sei, wenn sie noch mit irgend jemand aus ihrer früheren bürgerlichen Bekanntschaft verkehrte.

Gern that sie's nicht. Man sah's ihr an. In ihrem Salon war's nicht behaglich, wenigstens nicht für Leute, die sich nicht gleicherweise aufspielen konnten wie Frau von Wolkenfels.

Hermione thronte inmitten dieses Salons mit stiller unnahbarer Vornehmheit, ohne irgend jemand oder irgend etwas zu bemerken, was ihr nicht zu Gefallen stand. Sie redete weniger und leiser als je, aber sie fühlte sich wie neugeboren. 107 Endlich hatte sie das Leben und den Kreis gefunden, für den sie, der ihr paßte. Sie war mehr in der Wohnung ihrer Tochter als in ihrer eigenen, und beide Wolkenfels hatten keinen Wunsch zu äußern, den sie nicht durch lauten Machtspruch oder heimliches Ränkespiel bei Heribert zu fördern und zu erfüllen wußte.

Emma war im Anfang entschiedenen Willens gewesen, sich recht eng an die Schwester anzuschließen. Sie führte ja in der Verstimmung mit ihrem Gatten kein sehr lustiges Leben und hätte sich ganz gern in diesem Winter durch alle Lustbarkeiten mitschleppen lassen, mit welchen die Neuvermählten sich das Leben in der Großstadt angenehm machten. Allein sie konnte schon nach den ersten Versuchen jene gesellschaftliche Eifersucht nicht beschwichtigen, die zu erregen Brigitte bewußt und unbewußt nicht müde ward.

Es kam zu Szenen zwischen den beiden Schwestern, zu Auseinandersetzungen, zu Verdruß, Schmollen und Versöhnungen, wiederholten Versuchen, miteinander intim zu verkehren und immer neuen Kränkungen eines wunden Ehrgefühls, welches Emma wie eine Krankheit mit sich in all die fremden Salons schleppte, nachdem das Feuer auf dem eigenen Herde nicht mehr ausreichte, zwei still an sich zufriedene Herzen zu erwärmen.

Je kälter die Luft, je lustiger die Saison, je vergnügungssüchtiger Schwager und Schwester wurden, desto unleidlicher fand Emma die Menschen, die Stadt und das Klima; und Vater Heribert, der manchen langen Abend neben ihr unter vier Augen verbrachte – denn gar so wohl, wie er heuchelte, war auch ihm nicht in dem freiherrlichen Hause – Vater Heribert hatte manchmal arge Launen auszustehen und bittere Thränen zu trocknen. Emma begehrte durchaus nach Luftveränderung.

Sein Labsal war dann immer, auf Robert zu fluchen und zu schimpfen, denn dieser Farbenklexer war an allem schuld.

Da erkrankte Klein-Erna, die bis dahin es an Gesundheit und Frische jedem Baby des Berliner Westens zuvorgethan hatte, an Scharlach und Diphtherie und lag in bösem Fieber. Der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf. Die Spreewälderin hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Vater, der sein Kind so abgöttisch liebte, von der Gefahr in Kenntnis zu setzen.

Emma hatte Hedwig nicht darum gebeten, aber sie fand es natürlich, und es überraschte sie auch nicht, da sie ihren Mann alsbald trotz der ungewohnten Stunde bei ihr eintreten und mit kurzem Gruß am Bette seines Lieblings Posto fassen sah.

Der Tag verstrich bang und sorgenvoll. Robert schaltete und waltete in der Wohnung, als hätt' er sie nie verlassen, er 108 gab alle Befehle streng und genau und sorgte dafür, daß was der Arzt angeordnet pünktlich erfüllt werde. Eine Krankenwärterin aus dem Diakonissenhaus stand ihm bald zur Seite.

Mit seiner Frau sprach er wenig, aber das wenige unbefangen. Sie war ja die Mutter und hatte das gleiche Recht auf Angst und Sorge wie er.

Es ward Nacht. Er hieß die Krankenpflegerin nun die ersten Stunden ruhen und ihn dann ablösen, wenn er sie wecken würde. Die Lampe war beiseite gestellt, durch das Zimmer warf nur ein Nachtlicht einen dünnen fahlen Schimmer. Robert saß in einem Stuhl unfern des kleinen Lagers und betrachtete, die Arme über der Brust verschränkt, das unruhige Haupt, dessen goldige Löckchen sich von dem weißen Linnen kaum merklich abhoben.

Emma kam ab und zu auf die Schwelle und sah herein und rief ihren Mann ganz leise an, wie es stünde, und ob er nichts brauchte. Er antwortete mit einem Nicken oder Schütteln des Kopfes und stand zuweilen auf, um den Rachen der kleinen Patientin nach Vorschrift des Arztes vom quälenden Belage zu befreien.

Langsam verrannen die bangen Stunden. Da, Robert glaubte, sie schlief schon, kam Emma auf den Zehen an das Bettchen heran und sah lang und nachdenklich auf ihr Töchterchen. Sie klagte sich an, daß sie in Handreichungen so ungeschickt sei. »Und dann,« fügte sie hinzu, »offen gestanden, ich habe eine Art Ekel vor jedem Kranken. Ich weiß, es ist schlecht und thöricht, und ich würde es zu überwinden trachten, wenn ich damit etwas helfen würde; aber ich würde mit dem Ekel nicht auch meine Unbeholfenheit ablegen und dem Kranken mehr schaden als nützen.«

»Du kannst dich beruhigen. Die Wärterin ist zuverlässig,« antwortete Robert, ohne das Gesicht von der schlafenden Erna wegzuwenden.

Seine Frau stand unbeweglich und sah ihn an und sah das Kind an und dann wieder den Mann, der keinen andern Gedanken hatte, welcher nicht Liebe zu dem kleinen Ding da war.

Wenn es jetzt stürbe! Der Gedanke fuhr auf einmal durch Emmas Kopf. Wenn es zerrisse das einzige Band, welches die beiden einander Widerstrebenden noch so fest zusammenhielt, dann wären sie frei! Emma wäre ganz frei und könnte bald danach über ihr Herz und ihre Hand verfügen nach Gutdünken.

Ihr Auge blitzte in der Dunkelheit, und sie stand wie der erbarmungslose Todesengel am Bett ihres eigenen Kindes.

109 Robert sah auf, er wußte nicht warum. Er faßte seine Frau fest ins Auge. »Sagtest du etwas?« fragte er. »Mir war so.«

»Nein!« antwortete Emma betroffen. Dann lächelte sie gezwungen: »Hörst du Gedanken?«

»Nein!« versetzte Robert und wendete seine Aufmerksamkeit wieder ganz dem Kinde zu.

Aber der Bann des frevelhaften Einfalls war gebrochen. Sie staunte über den verworfenen Gedanken, der sich wie ein beschämter Versucher von ihr entfernte, entgegengesetzten Gefühlen Raum gebend, ehrlicher Besorgnis und mütterlichem Ernst, dessen Anwandlung sie sich mit bewußter Freude hingab. Nach einer Weile kniete sie sachte neben Roberts Stuhl an die Erde, faltete die Hände am Rande der Lagerstatt und schaute die Schlafende an. Es war, als betete sie.

Robert betrachtete sein Weib und fand, daß es jetzt ganz anders als vorhin, daß es sanft und schön aussah. Aber bereits war ein andrer Gedanke in Emmas Nachsinnen erwacht, der die mütterlichen Empfindungen wieder ein wenig dämpfte. Sie gab ihm vorsichtig Worte: »Wenn Erna gesund wird – Gott gebe es! – sollten wir dem harten Berliner Winter nicht entfliehen und mit dem Kinde irgendwohin nach dem Süden gehen, wo es sich leichter erholen wird?«

»Wir?« fragte Robert unwillkürlich, denn es klang ihm doch zu befremdlich, daß er mit Emma sich einträchtiglich, zufrieden, wie ein Mann mit seiner besseren Hälfte, auf eine Reise machen sollte. Und wiederholt, als fürchtete er falsch verstanden zu haben, fragte er: »Wir?«

»Ja,« versetzte Emma. »Du willst dich doch nicht von deinem Kinde trennen!«

»Nein!« antwortete Robert, und dann war wieder alles still um die drei.

Emma hatte sich die Sache rasch, aber genau überlegt. Fort wollte sie von Berlin. Denn dies Berlin, in dem jetzt Brigitte die große Dame spielte und alle Welt von ihrer Superiorität überzeugte, war ihr unleidlich. Der Vater konnte die Stadt und seine Geschäfte nicht verlassen. Robert war ihr Gatte vor der Welt – mochte er dann auch ihr Reisemarschall sein! Er würde sich dem Kinde zu liebe darein fügen, alles Weitere würde sich schon finden. Die Hauptsache war nun, daß Erna gesund und reisefähig wurde! Emma hatte jetzt keinen sehnlicheren Wunsch als diesen.

Sie redete fürs erstemal nicht weiter davon. Aber mit dem echten weiblichen Instinkt erriet sie, daß Robert dem Kinde 110 zu liebe, und um dessen Genesung zu fördern, sich mit dem Gedanken der Reise schon befreunden werde.

Nur ihrer Besorgnis um Ernas Befinden gab sie oft und mit leidenschaftlicher Ungeduld Ausdruck. Im Uebrigen wartete sie schweigend ab, daß der Widerwille, sich von seinem rekonvaleszenten Kinde zu scheiden, ihren Gatten mehr und mehr zu einem Entschlusse bewegen werde, der ihm vor Ernas Erkrankung undenkbar erschienen wäre.

Mit der Idee, selbdritt mit Emma auszuziehen, machte sich Robert nicht so rasch vertraut, sondern erst nach und nach, da es dem Mädchen besser ging. Solang sein Herzblatt nicht außer Gefahr war, dachte er an nichts als an das Kind, und wie er es vom Tode retten könnte. Weil er aber Emma treulich neben ihm ausharren und sogar ihrem physischen Widerwillen zum Trotz mit Hand anlegen sah, wo er ihrer bedurfte, vergab er ihr viel, wenn auch nicht alles, was sie gegen ihn gesagt und gethan hatte. Die alte, nie ganz ausgerottete Liebe saß ja ohnehin noch, ein Verräter, in seinem Herzen. Dieser Verräter redete ihm ein, daß Emmas Verdienst größer wäre als das seine, weil sie erst einen körperlichen Schauder und die Seelenangst überwinden mußte, um einen Kranken, einen gefährlichen Kranken zu pflegen, während er, der derbere Mann, irgend welchen Ekel nicht niederzukämpfen brauchte und an Gefahr für sich selbst gar nicht dachte. Er setzte alles, was sie that, auf Rechnung ihrer Mutterliebe. Und daß sie das Kind so liebte, that ihm wohl. So hatten sie denn doch wieder ein starkes Gefühl miteinander gemein!

Daß es Mütter geben könnte, die ihre Kinder nicht leidenschaftlich liebten, vermochte sich ein Mensch wie Robert nicht vorzustellen. Daß man Liebe heucheln oder doch in ihren Aeußerungen weit übertreiben und dabei Hintergedanken hegen könnte, die ganz andre Ziele verfolgten, war seiner geraden Natur unverständlich. Seiner bisherigen Erfahrung zum Trotz, hatte er Emma noch lang nicht ausgelernt.

Sie war eben auch ein unberechenbares, willkürliches Wesen, das, um den Teufel einmal bei Lichte zu besehen, sich mit lautem Gelächter in die Hölle gewagt und hinwiderum vor der Himmelsthüre kehrt gemacht hätte, bloß etwa weil der Gesang der Engel gerade nicht im Walzertakt ging.

Sie hatte nur eine sehr kurze Jugend gehabt, eine Glanzzeit der Seele, in der sie für alles Gute und Schöne geschwärmt und ein kostbares und begehrenswertes Wesen hatte sein wollen nur durch ihren inneren Wert. Das war lang vorbei; 111 ihr Ehrgeiz hatte gewechselt, und ihre wünschenden Gedanken bohrten sich andre Wege, als sie vordem sich hatte träumen lassen.

Daß ihr Mann noch immer in seinen altmodischen Idealen befangen blieb, daß er nach allem, was er in den letzten Zeiten erfahren, noch immer nicht recht zu merken schien, wo sie hinauswollte, daß immer wieder ein bißchen Gemütlichkeit genügte, mehr oder weniger sein Herz zu rühren, daß er, neben ihr sitzend in seiner väterlichen oder vielmehr schon mütterlichen Besorgnis um das Kind, die Mutter dieses Kindes nicht denken hörte – das erhob ihn nicht in ihrer Wertschätzung. Sie zuckte die Achseln über ihn und empfand ein gewisses Mitleid mit diesem Gemütsmenschen. Entschieden nein, er war nicht von ihrer Stärke! Geringschätzung stimmt nicht rücksichtsvoll, besonders keine Natur, wie Emma eine war. Für jetzt zog sie wohlweislich die Krallen ein, denn ihr lag vor allem daran, aus Berlin zu kommen.

Sowie Klein-Erna nur einigermaßen wieder wohl war, drang sie auf schleunige Abreise. Da sie ihre Ungeduld mit dem Befinden des Kindes und mit der Sorge um dessen rasche und völlige Genesung begründete, so gab Robert seine Einwilligung zur Abreise, und da er es nicht übers Herz brachte, seinen kleinen Liebling aus den Augen zu verlieren, da das falsche Weib sein Bitten mit so inniger Betonung vorbrachte, daß man an eine völlige Wandlung seines Innern glauben konnte, so kam Robert auf den Glauben, der Schrecken über die Krankheit Ernas und die Sorgen um deren Genesung hätten Eindruck auf seine Gattin gemacht. Viel Erwägen und Bedenken war nie seine Sache gewesen. Er schnürte sein Bündel und reiste mit Kind und Mutter ab.

Die Aerzte hatten Frau Leichtfuß einen mehrmonatlichen Aufenthalt in Venedig empfohlen. In der stillen Lagunenstadt würden sich ihre angegriffenen Nerven erholen, in der feuchten Seeluft würden ihre Atmungswerkzeuge, die sie für sehr leidend hielt, gesunden. Auch der kleinen Rekonvaleszentin sollte das weiche milde Klima wohl thun. Robert hatte nichts gegen diese Wahl einzuwenden. Welches Künstlerherz zöge es nicht immer wieder in jene wundersame Märchenstadt! Und überdies war ihm jeder Ort recht, wo er sich seines Kindes völlige Genesung versprechen konnte.


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