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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tage vergingen und Stunden, glückliche Stunden, da Robert in einem zierlichen Salon des Hotel Continental die kleine Hand und das niedliche Gesicht seiner Angebeteten mit aller Ausführlichkeit betrachten und auf seine Leinwand naturgetreu übertragen durfte, glückliche Stunden, in denen diese Hand und diese Augen in beseligender Deutlichkeit zu ihm redeten, wenn auch die Lippen noch nicht laut gestanden, denn der Vater ließ in seiner Vorsicht den Künstler und sein Modell selten oder nie allein.

So waren die beiden jungen Leute lang miteinander einig, als Papa Meyer noch immer nicht begriff, warum sich Emma gerade von diesem Maler malen lassen müsse.

Im Anfang schwindelte sie eine fabelhafte Geschichte vor, daß sie schon in Berlin so viel Interessantes von dem Manne gehört, der eine indische Prinzessin entführt, einen russischen Fürsten erstochen und dabei auch noch fabelhafte Summen zu verdienen Zeit gefunden habe.

Das letztere hätte wohl dem liebenden Vater imponieren sollen, aber da hätte er vor allem auch daran glauben müssen. Das aber that er nicht, denn in Liebesangelegenheiten vermochte man ihm wohl ein X für ein U aufzureden, wer ihm aber in Geldsachen etwas weiß machen wollte, der mußte schlauer sein, als selbst sein eigen Fleisch und Blut.

52 Auch that und sagte der ehrliche Leichtfuß nichts, was solchen Irrtum hätte aufkommen lassen. Im Gegenteil, er hatte kein Hehl seines Wesens, und der kluge Meyer sah ihm bald durch Haut und Rippen und bald auch ins Herz.

Aber der lustige Mensch hatt' es nachgerade auch ihm ein wenig angethan. Oder der furchtsame alte Sünder hielt es doch für geraten, sich selber dergleichen weiß zu machen. Und ob er sich auch lang und heftig in Zwiegesprächen dagegen gesträubt hatte: als seines Mädels Bildnis, welches er mit tausend Aengsten und Sorgen entstehen gesehen, fertig, und sein Geschäft in Paris erledigt, als die Abreise beschlossene Sache und die Koffer gepackt waren, da vermochte er dem freimütigen Künstler, der ihm nun alles entdeckte, was er schon lange wußte, auf dessen ebenso bescheidene als herzliche Bitte kein barsches Nein zu entgegnen.

Als die beiden Liebenden in ihrer Herzensnot auf dem Bahnhof allzu rührenden Abschied nahmen, sprach ihnen der Vater sogar ein Wort des Trostes. Er wollte versuchen, die Mutter daheim ihren Wünschen günstig zu stimmen. Mehr wagte Heribert freilich nicht zu versprechen. Aber das war die Hauptsache.

So schieden die jungen Leute immerhin etwas getröstet voneinander. Und Emma ließ nicht lange auf den Brief warten, darin sie dem Geliebten mitteilen konnte, daß Mama, wenn auch nach entsetzlicher Gegenwehr, die Waffen gestreckt und in Gottes Namen ja und Amen gesagt habe.

So wurden Robert und Emma Bräutigam und Braut. Das Porträt, welches der Bräutigam von seiner Braut gemacht hatte, war keine seiner gelungensten Arbeiten. Aber da die unerwartete Verlobung des reichen Mädchens mit einem bis dahin wenig oder gar nicht genannten Maler Aufsehen machte, so erlangte auch dessen erste, in Berlin ausgestellte Leinwand für Meyers Verwandte und Bekannte ein ganz besonderes Interesse; man lobte, man tadelte viel, und als Leichtfuß endlich selber dort eintraf, war er bereits ein bekannter Mann, oder wie viele sich allzuhöflich ausdrückten, ein berühmter Künstler.

Robert stellte noch mehr von seinen Bildern aus, und da er über Nacht in Mode gekommen war, kauften die Händler auch einiges von ihm und bezahlten ihn leidlich. So bekam er, noch eh' er des reichen Mannes Schwiegersohn wurde, einiges Geld, und jedenfalls mehr Geld in die Tasche, als er je vordem auf einmal besessen hatte.

Nur ein Bild ließ er niemand sehen, das Mädchen mit 53 der Maske. Es ward gehütet wie ein wichtiges Geheimnis, dessen Enthüllung das Glück beider Liebenden im ersten Augenblick vernichten konnte.

Emma hatte es ihrem Robert auf die Seele gebunden, nie ein Sterbenswörtchen davon zu verraten, wo und auf welche Weise sie sich kennen gelernt hätten. Und das Bild dünkte beide ein gemalter Verrat.

Wurde es verraten, wo der gute Papa Meyer seine Mittfasten zugebracht hatte, so war er selber vor der Gattin furchtbar bloßgestellt und damit der Zauber, welchen sein Töchterlein in dieser kritischen Zeit auf ihn ausübte, vernichtet, und ihrer Wünsche keiner durfte beim Vater mehr auf Gewährung oder auch nur Unterstützung hoffen.

Und erfuhr erst die Mutter davon, daß Robert und Emma auf dem Ball der großen Oper wie ein Paar ganz leichtfertige Menschen aus dem Volke miteinander Bekanntschaft gemacht hatten, dann war's aus mit ihrer Glückseligkeit, und vor Robert erschlossen sich die Flügelthüren des Meyerschen Salons nie wieder.

Frau Hermione Meyer hatte nur eine Regel, nach der sie ihr Leben stellte, nach der sie ihr Schicksal und das der Ihrigen, ihre Ansichten, ihre Pflichten und ihre Gewohnheiten richtete; sie fragte sich und andere bloß: Ist das vornehm? und »ja« oder »nein« auf diese einfache Frage entschied alles. Vornehmheit war ihre Religion und ihre Philosophie, ihre Moral und ihr Gesetz.

Es galt damals für vornehm, daß Kinder reicher Leute bedeutende Künstler heirateten, oder man vermochte wenigstens, ihr das einleuchten zu lassen, und damit war die Sache der beiden Liebenden gewonnen worden.

Eine Bekanntschaft auf dem Opernball wäre ihr aber gar nicht vornehm, wäre ihr als Sünde gegen den guten Ton und Geschmack erschienen. Darum verbarg Robert das Mädchen mit der Maske zu unterst unter seinen verpönten Sachen. Mehr als einmal war er schon nahe daran gewesen, das Bild zu vernichten. Aber er liebte diese unfertige Leinwand mehr wie irgend eine, welche ihm das Geld der Narren oder das Lob der Kenner eingetragen hatte, obwohl gerade diese ihm Sorgen schuf.

Eitle Sorgen! Als er später, als er einige Monate nach seiner Hochzeit sich von seinen Schwiegereltern in seiner Berliner Werkstatt überraschen ließ, wie er an dem alten Liebling wieder einmal herumstrichelte, da stieg wohl dem Vater das heiße Blut feuerrot ins Gesicht, und es verschlug ihm die Rede, es 54 benahm ihm den Atem, aber es dämmerte der sonst so argwöhnischen Mama, die es lang und lobend betrachtete, keine blasse Ahnung davon auf, daß dies Phantasiegebilde von der ersten Begegnung mit ihrer Tochter eingegeben worden sei. Sie fand wohl eine entfernte Aehnlichkeit mit Emma . . . ach ja, aber was war daran wunder zu nehmen, daß der Maler die Züge seines angetrauten Weibes auf aller und jeder Leinwand verherrlichte, wenn auch nur so ungefähr! Und beide Meyerschen Eheleute hielten dies gemalte Geständnis für nichts weiter als für das jüngste Bild ihres Schwiegersohnes, dazu ihm die Anregung Gott weiß woher gekommen sein mochte.

Des war Leichtfuß und sein junges Weib nicht wenig froh. Denn auch Emma liebte kein Werk ihres Mannes so sehr wie dies traumhafte, nebelartig hingehauchte, ideale Mädchen mit der Maske, scheinbar ihr besseres Selbst. Als es sich einmal gerade schickte, erbat sie in Gegenwart der ahnungslosen Eltern dasselbe von ihrem Robert zum Geschenk. Am nächsten Weihnachten wanderte es aus der Werkstatt in den Salon, und die letzte Sorge, welche den Liebenden aus ihrer Junggesellenzeit nachgeschlichen, war nun verscheucht und gebannt.

Robby Leichtfuß, der noch vor kurzem ein armer Teufel gewesen war, der noch vor wenigen Monaten verwahrlost und bedürfnislos das Pariser Pflaster mit unzuverlässigen Schuhen getreten hatte, ohne sich darum zu sorgen, wovon er übermorgen seinen Hunger stillen werde, Robby Leichtfuß wohnte nun breitbehaglich in einer glänzenden Enfilade, deren Spiegelscheiben auf die Tiergartenstraße leuchteten, und er machte auch ein Haus, darin es hoch und lustig herging, und darin man wirkliche Berühmtheiten kennen lernen und mit exotischen Diplomaten zu Mittag speisen durfte.

»Tages Arbeit, abends Gäste!« Dem Wahlspruch folgte er getreu. Obwohl er aller Sorgen um des Lebens Notdurft überhoben war, legte er doch die Hände nicht in den Schoß. Als armer Kerl hatte er sich kein Gewissen daraus gemacht, so oft ihm die Sonne lockend ins Zimmer geschienen, oder aber der Tag zum Malen zu grau gewesen war, nach Herzenslust zu faulenzen und Gott einen guten Mann sein zu lassen, der, wie für die Lilien auf dem Felde und für die kleinen Spatzen auf dem Dach, auch für die großen Künstler auf den Boulevards schon sorgen werde. Nun aber, da er es gar nicht nötig hatte, machte ihm das Arbeiten großen Spaß. Er wußte selbst nicht warum. Das heißt im Anfang nicht. Später begriff er staunend, daß er leichtsinniger Mensch auch mit den Renten des 55 Vermögens, das ihm sein Schwiegervater als Mitgift ausgeworfen hatte, nicht auskam, und der artige Verdienst, der jetzt aus seinem hurtigen Pinsel floß, nicht nur erwünscht, sondern dringend notwendig war.

Da er der Schwiegersohn eines reichen Mannes, und die Zeit zur Verschwendung rasch gewonnener Reichtümer sehr geneigt war, so fehlte es Robert weder an Abnehmern fertiger Bilder, noch an Bestellungen neuer. Und er malte in seiner leichtsinnigen Art, die auch mit seinem Talent unüberlegt umsprang, alles, was der eine wollte, und was der andre brauchte: Porträts und Stillleben, Genrebilder und Historien – nur vor Landschaften hatte er eine unüberwindliche Abneigung. Er wußte wieder nicht recht warum. Aber er hatte nun einmal die Abneigung und empfand sie stechend und brennend, so oft nur von solchen Bildern die Rede war oder irgend eine Versuchung, ein solches zu malen, an ihn herantrat.

Nur ein einzigmal in Jahren that es ihm auf einsamem Spaziergang die Gewalt einer stillen, schmucklosen, rührenden Natur an, und er blieb etliche Tage auf einem elenden Bauernhof am Spreeufer liegen und malte wieder einmal etwas »à la Tiburtin«.

Er wollte wissen, meinte der eitle fahrige Mensch, ob er das auch noch könnte. Aber es war ihm dabei immer, als guckte der Spitzbube Lefranc ihm über die Schultern auf Pinsel und Leinwand, und diese Empfindung war ihm so widerlich, daß er die Arbeit abbrach, noch ehe sie vollkommen fertig war.

Er hatte lange nicht so sorgfältig, lange nicht mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit jedes Fältchen, jedes Fäserchen der ihm gegenüber ruhenden Natur beobachtet, bestaunt und abgespiegelt, denn er hatte sich, wie seine Lobredner und die Freunde des Meyerschen Salons es nannten – »einen gewaltigen Zug«, »eine gigantische Manier« angewöhnt, die minutiöses Detail nicht achtete und nur auf den Blick in gewisser Entfernung großartig zu wirken ausging. Nun hatte er, wie um die gespannten Nerven durch Abwechselung zu erquicken, sich wieder einmal an die Art und Kunst eines andern ihm gar nicht sympathischen Talentes hingegeben, so etwa wie ein verwöhnter Großstädter es als Erholung empfindet, etliche Wochen in einer möglichst unkomfortablen Sommerwohnung alles zu entbehren, was ihm das Leben lieb macht; aber er hielt es nicht lange aus, er entlief dieser wunderlichen Anwandlung, packte das unfertige Bildchen ein und kehrte wieder in sein geräumiges Atelier in der Tiergartenstraße zurück, um weiter in 56 monumentalem Zuge gedankenhaft gewaltige Bildnisse zu malen, an denen nur einzelne Teile klar ausgeführt waren, Bilder, die in die Ferne wirken sollten, und über die sich viel reden ließ von Kennern oder solchen, die sich einbildeten, welche zu sein.

Die Spreelandschaft, obwohl nahezu vollendet, da er sie eingepackt, lehnte er zutiefst an die Wand, er zeigte sie niemand, nicht einmal seiner Frau. Er wollte sie selbst nicht sehen. Er wollte durchaus kein Landschafter sein, denn er schätzte solche Kunst gering.

Auch ging es ihm im Gewissen nach, daß er einmal im Leben, wenn auch nur halbbewußt, mit seinem Pinsel zu einer Unredlichkeit geholfen und wenn auch, ohne es zu wollen, zu einer Fälschung sein Talent hergeliehen hatte. Er wußte, daß Lefranc, wenn er es ihm auch niemals eingestanden, seine Seinelandschaft als einen echten Tiburtin in den Handel gebracht hatte, und das wurmte ihn, das ging dem redlichen Kerl im Gewissen nach, und er hätte viel darum gegeben, diesen einzigen schweren Tropfen aus seinem leichten Blute zu tilgen.

Da er reich geworden war, und da er noch viel reicher zu sein glaubte, als er wirklich war, schrieb er wohl an Lefranc in der Absicht, jene Seinelandschaft zurückzukaufen. Aber der Bilderhändler aus dem italienischen Bollwerk antwortete nur bedauernd, jener Tiburtin, nach welchem Herr Leichtfuß zu fragen beliebte, wäre längst jenseits des Meeres und wohl schon aus einer in die andre Hand gelangt.

Der infame Graukopf konnte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, den frühen Heimgang des großen Genies zu beklagen – er meinte damit wohl wieder Tiburtin – er pries die Kunst des Unnachahmlichen, den nur einer einmal zu ergänzen berufen gewesen; aber dieser eine huldige falschen Göttern. Von einer Bestellung bei Robby, dem reichgewordenen Zigeuner, der jetzt in großem Stil arbeitete und auf monumentale Aufgaben wartete, war in Lefrancs Briefe ganz und gar keine Rede.

Es kamen auch einmal ein paar alte Freunde aus Paris in Leichtfußens glänzende Berliner Werkstatt, so ein paar richtiger verbummelter Genies, die sehr viel Urteil über andre, aber sehr wenig Zeit hatten, selber etwas zu malen. Was Wunder, daß diese Neidharte Robbys jetzige Manier und Leistungen tief unter den Erwartungen fanden, welche sie früher von ihm gehegt hatten. Früher, jawohl! Das kennt man! Wenn er noch mit diesen Wölfen hungern müßte, würden sie 57 noch mit ihm heulen. Nun er mit allem Behagen eigene Wege ging, galt er ihnen nicht mehr für ebenbürtig.

Aber Leichtfuß wußte sich über das abfällige Urteil, das man ihm unberufen aus der Fremde ins Haus trug, bald zu trösten.

Was verstanden diese Bursche von deutscher Kunst, was vom Geschmack der Leute, die damals in Berlin auf Gummirädern fuhren und ihre großen Diners bei Huster bestellten!

Das verstand seine Frau weit besser! O ja!

Und Robby war schon von Paris her der alten Wahrheit nicht verschlossen, daß Gott zwar ein Talent gäbe, was aber aus dem gegebenen Talent würde, das verdanke man zunächst dem Einfluß des Weibes.

Es machte ihm ein großes Vergnügen, sich von seiner Emma in künstlerischen Dingen beeinflussen zu lassen.

Nur wollt' es ihm einige Monate nach seiner Verheiratung so vorkommen, als machte seiner Frau das Beeinflussen in künstlerischen Dingen nicht mehr so viel Vergnügen wie vordem.

Sie hatte ja gewiß angeborenen Kunstsinn! Waren sie nicht schon in Paris selbander in ihrer Brautzeit durch alle Sammlungen geschlendert! Hatte sie nicht einen ordentlichen Kursus der alten und neuen Kunstgeschichte auf diesen Wegen bei ihm gehört! Und wie gehört! Ja, er hatte ein Bräutchen, das lebte und webte in Kunst und künstlerischen Gedanken!

Und wie sie dann Arm in Arm auf ihrer Hochzeitsreise die Wunder Italiens bestaunten und genossen, wie sich Venedigs alte farbige Pracht, wie sich die zahllosen Schätze von Florenz, wie sich die strenge Herrlichkeit Roms vor ihnen aufthat, ja, wie er nach der Rückkehr ihr mit bedeutungsvoller Sorgfalt auch all das Schöne wies, was sich in ihrer Vaterstadt aufgehäuft hatte, da macht' es ihn glücklich, solch ein mitempfindendes Gemüt, solch einen ernsthaft nach der Weihe der Kunst verlangenden Geist in seiner jungen Gefährtin zu wissen und täglich neu zu erkennen, daß seine Interessen ganz die ihrigen geworden seien und, was ihn im tiefsten Inneren bewegte, auch zur Triebfeder des verbundenen Lebens geworden sei. Was glaubt man nicht alles in den Honigmonden!

Um so seltsamer berührte es ihn, daß diese Gemeinsamkeit des Denkens und Empfindens sich nach einiger Zeit nicht mehr so freudig, so überzeugend, auch nicht mehr so tagtäglich äußerte.

Der Grund lag wohl darin, daß sich die kleine Frau 58 nicht immer so wohl fühlte, als man es ihr wünschte. Sie litt oft recht peinlich, und sie war kein geduldiger, kein gottergebener Patient. Emma war nervös und that sich ordentlich darauf etwas zu gute. Bei ihrer Erziehung war offenbar keine Mühe aufgewandt worden, dieser reizbaren Schwäche heilsamen Zwang anzulegen. Ganz im Gegenteil! Frau Hermione Meyer erachtete es für vornehm, nervös zu sein, für sehr vornehm, sehr nervös zu sein, denn gemeine Leute waren es selten oder nie, dagegen die vornehmen und reichen es in der Regel waren.

Ueber Kopfweh klagen, war ihr das Zeichen eines subtilen Geistes; seine Nerven verwünschen, war das Paßwort für die höhere Gesellschaft; sich niemals recht wohl in seiner Haut, in seiner Lebenslage, in seiner Familie finden, war das Eigentümliche des feiner gearteten Menschen.

Gesunde, kerngesunde Leute waren Frau Hermione ein Greuel. Gesund sein, war ordinär, war brutal, war, genau betrachtet, unverschämt.

Ihr Schwiegersohn kam ihr . . . recht gesund vor. Aber sie hoffte, mit der Zeit schon einiges zur . . . Verfeinerung seines Wesens beizutragen, da er nun doch einmal da war und nicht übersehen werden konnte.


Wundersam hatte sich Roberts Schicksal gewendet! Seinem alten Aberglauben entsprechend, just als die Not ihm schon bis an den Hals gegangen, war das Glück zu ihm getreten. Und in so unerwarteter, so anmutiger, so entschiedener Weise. Wenn ihn jetzt manchmal in einem Winkel seines Ateliers, in einer Arbeitspause das Nachdenken überkam, und er, die Hand, die noch den Pinsel hielt, im Schoß, halbgeschlossenen Auges in die jüngste Vergangenheit zurückschaute, da meinte er in einen Traum zu sehen, und mehr als einmal faßte er sich mit eigenen Fingern am Haar, wie um sich zu überzeugen, daß er wach sei, daß alles das nicht eitel Einbildung, sondern wahrhaft und wirklich sei, was da an kostbaren Kunstsächelchen und elegantem Hausrat um ihn herumstand und er sein Eigen nannte – er, der etliche Monate vorher nicht wußte, womit er morgen in der bescheidenen Winkelkneipe sein Mittagbrot bezahlen sollte.

Leicht, wie man eine Hand umkehrt, rasch, wie man einen Stein ins Wasser wirft, war er aus seinem schwülen Zigeunertum in den Schoß des Behagens versetzt worden.

Und da lag er nun mitten drin und fühlte sich wohl und lachte, denn, ob es schon wunderlich war, er hatte doch eigentlich 59 nie daran gezweifelt, daß es eines Tags also oder doch so ähnlich sich mit ihm ereignen müßte, und er fand nichts natürlicher, als daß er, der allezeit sorglos wie die Spatzen auf dem Dach und die Lilien auf dem Feld in den Tag hineingelebt hatte, nunmehr der gebietende Herr eines anmutigen Weibchens und der Schwiegersohn steinreicher Philister war.

Er bog sich manchmal vor Lachen, wenn ihm Herr Lefranc einfiel. Das war ja das Schönste an seiner Lage, daß er nach keinem Zwischenhändler, nach keinem Modegeschmack mehr zu fragen brauchte und ganz allein nach der Eingebung seines rücksichtslosen Triebes zum Großen und nach der Laune seines Genies drauflos produzieren konnte, von keiner Nahrungssorge verwirrt, von keinem der elenden Makler im Tempel der Kunst durch unverschämte Zumutung gekränkt. Verkaufte er seine Leinwand – na gut! Bracht' er sie aber nicht an den Mann, war darum doch keine Not, daß er und sein Weib hätten darben müssen. Weit davon!

Ja, jetzt hatte Robert Leichtfuß gut lachen.

Und er lachte denn auch. Recht oft? Na, manchmal . . . Nicht immer? Nicht alle Tage? . . . Ach, nein!

Robert verwunderte sich selbst nicht wenig, als er sich eines Tags auf dem stillen Bekenntnis ertappte, daß ihm in den vier Wänden seiner Werkstatt am wohlsten war, wenn er von der ganzen Meyerschen Sippschaft niemand sah.

Niemand? Auch seine Frau nicht? . . .

Die Hand aufs Herz! . . . Auch seine Frau nicht!

Also liebte er sie nicht mehr? . . . Er liebte sie leidenschaftlich. Er sehnte sich nach ihr. . . . Und doch?

Robert war sich selbst nicht klar über diesen verteufelten Zustand seines Gemüts. Wollte vielleicht nicht klar darüber werden. Noch nicht! Ein andrer hätte vielleicht Thränen vergossen, wenn er sich sagen müßte, daß sein Glück, sein junges Glück schon eine Vergangenheit hatte. Leichtsinnig und leichtlebig, wie er war, warf er alles Unangenehme und also auch dies auf die leichte Achsel und gab sich der frohen Hoffnung hin, Zeit und gute Laune würden es schon wenden, und malte weiter, ohne sich viel daran zu kehren.

Schon gut das alte Rezept! Aber das Menschenherz ist ein Narr, und Robert war bis über die Ohren nach wie vor in seine Frau verliebt.

So kamen ihm die Anwandlungen, den Kopf zu schütteln und sich Gedanken zu machen, öfter als vordem. Ach was, vordem waren ihm derartige Gedanken überhaupt nie gekommen!

60 Aber nun, womit hätt' er nur den Gedanken abwehren mögen, wie so schön, so behaglich, so süß es war, wenn Emma des Morgens im wallenden Schlafrock auf klappernden Pantöffelchen zu ihm in die Werkstatt huschte, sich neben seine Staffelei auf einen Puff kauerte, mit den allerliebsten Grimassen von der Welt über tausend Dinge schwatzte und dann lachend emporschnellte und ihm rücksichtslos um den Hals fiel, um ihn derb abzuküssen, gleichviel, ob weißer Kaschmir und himmelblaue Seide von Pinseln oder Palette ein paar Fleckchen heimtrugen, die kein Wasser mehr daraus zu tilgen vermochte. Wie köstlich verrannen da die Stunden! Ohne daß sie's merkten, ward es dunkel, und die junge Frau saß noch immer im Morgenrock und Pantöffelchen vor ihm, wie sie aus dem Schlafzimmer gesprungen war, und lachte und plauderte und küßte! Das waren gute Tage.

Kam Emma denn jetzt nicht mehr?

Ach, das wohl! Aber anders! So ganz anders! So unbegreiflich anders! Sie blieb lang in den Tag hinein zu Bette. Wenn sie dann doch des Gatten Werkstatt besuchte, so geschah's nur im Fluge, nur im Begriff auszugehen. Zehn Worte, die Augen weit weniger auf den Gatten oder seine Staffelei als auf den Handschuh gerichtet, dessen letzte Knöpfe noch zu schließen waren, oder in den Spiegel, um sich die Hutschleife noch einmal zurechtzuzupfen. Und blieb sie dennoch wider Willen ab und zu bei ihm, so war sie übler Laune, suchte Händel, nahm nicht den geringsten Anteil an allem, was er trieb und dachte, witzelte wohl gar über sein malerisch Beginnen und die großen Scharteken, von denen kein vernünftiger Käufer was werde wissen wollen, klagte über die Zeit, die Welt, das Wetter und ihre Gesundheit, und sprach mit merklicher Beflissenheit von Menschen und Dingen, die Robby nicht ausstehen konnte.

Ihre Teilnahme an der Kunst, ihr jüngst noch so glücklich zur Schau getragenes Verständnis schienen wie mit einem rauhen Hauch aus ihrer Seele weggeblasen zu sein und so gründlich, daß Robert auch mit seinem besten Willen keine Spur davon mehr entdeckte.

Seltsam! Was andere Frauen, selbst die widerspenstiger Natur, fromm und zahm macht, die Hoffnung auf ein neues werdendes Leben, das ließ Emma von Tag zu Tag sich unausstehlicher geberden. Sie leistete was in »Nervosität« und behauptete, dazu in ihrem Zustand ein gutes Recht zu haben. Ihre Mutter bestätigte das mit dem ganzen Gewicht ihrer 61 Erfahrung und ihres vornehmen Gefühls. Und Robert in seiner Gutmütigkeit und Liebe war nahe daran, das absonderliche Wesen seiner Frau für natürlich begründet und aus den Umständen erklärlich zu erachten, so sehr er darunter litt und so viel Liebes und Gutes er dabei entbehrte.

Hätte sie's nur nicht gar zu arg getrieben!

Aber sie schien in ihm nur mehr einen Menschen zu sehen, der ihr Leiden und Beschwerden verursachte. Alles Zartgefühl ging ihr nach und nach verloren. Sie kannte keine Rücksicht auf seine Arbeit, auf seine Gewohnheiten mehr. Sie nannte seine Kunst Tagdieberei, und als er sie eines Abends in zärtlicher Anwandlung arglos an ihre wunderliche Begegnung auf jenem Ball der großen Oper in Paris erinnerte, sprang sie vom Stuhl auf mit heftiger Bewegung und rief: »Laß doch die alten dummen Geschichten! . . . Daß nur um Gotteswillen Mama niemals etwas von der Wahrheit erfährt, wie und wo wir zwei uns haben kennen lernen! Sie würde mir's nie vergeben und ich . . . ich schämte mich zu Tode!«

Robert starrte sie sprachlos an. Der Mund blieb ihm offen stehen, und in den Ohren sang's ihm, wie wenn in seinem Kopf eine Saite gesprungen wäre. Sein süßes Geheimnis, das beseligende Bewußtsein eines wonnevollen Abends, einzig in seiner Art, und der Diamant im Schatzkästlein seiner Erinnerungen – wie, was, das Weib seiner Liebe schämte sich dessen und nannte das altes dummes Zeug?!

Er traute seinen Ohren nicht, er begriff das Wesen nicht, das da vor ihm stand und sich noch immer wand und drehte vor Ungeduld und Ungeschick, den untersten Knopf an einem langen Handschuh zuzunesteln.

War er wirklich mit diesem zornigen Kobold verheiratet? Oder war er verrückt geworden und hörte Reden, die nur in seiner Einbildung gehalten wurden?

In demselben Augenblick riß Emma, wie von Unmut überwältigt, das widerspenstige Knöpfchen abdrehend, einen spitzen Triangel aus dem Leder ihres Handschuhs und stieß einen langgepreßten Seufzer aus ihrer Brust, der klang wie ein Schrei.

Und dann sah Robert nur noch, wie die Volants ihrer Straßenschleppe über seine Schwelle tanzten, und hörte nur noch die Absätze ihrer Stiefelchen draußen auf dem Gange klappen und etliche Thüren hintereinander zuschlagen. Die entferntere klang immer gelinder als die vorige, Robert horchte achtsam darauf, als wäre dies Decrescendo äußerst wichtig für seine Lage. dann ward alles still um ihn, mäuschenstill, todesstill.

62 Wie einer aus einem Traum erwacht, sah er sich rund um; seine weit aufgerissenen Augen tasteten langsam sich von einem Gegenstande zum andern, von diesem Bilderrahmen zur Staffelei und vom Ende der Leinwand zu jenem Schrank, und gingen all den Schnickschnack durch, der darauf gepflanzt stand, und dann auf dem Tisch die Bleikapseln mit den Farben und die Bürsten und Pinsel daneben, und das ganze Durcheinander von Handwerkszeug und Zierrat und Pfauenfedern und frischen Blumen – und auf einmal schleuderte er die Palette, die er noch samt einem Büschel Pinsel in der Hand hielt, heftig zur Erde und warf sich auf den nächsten besten Stuhl und den Arm über die Lehne und verbarg sein Gesicht.

Als er es nach einer Weile wieder emporhob, sah er die Werkstatt nur wie durch einen Schleier. Und als er diesen Schleier wegwischen wollte, ward seine Hand ganz feucht.

Solch eine Stunde, wie diese, hatte Robert Leichtfuß noch nicht gehabt in seinem Leben, und er meinte, auch diese nicht verdient zu haben.

Daß Emma Launen hatte – je nun, das mochte sein! Er hörte ja oft genug, daß das vornehm wäre, und er hatte ein dickes Fell, daß ihm nicht jedes Weiberwort ins Gemüte drang. Aber daß sie ihrer Laune so unschönen Ausdruck gab, das wurmte nicht nur den Menschen, sondern vor allem auch den Künstler in ihm. Er fand es so thöricht von ihr, daß sie im Uebermut Bande zu lockern beflissen war, die er noch für unzerreißbar achtete.

Daß sie ihn trotz Uebermut und Laune noch liebte, daran zweifelte Robert noch nicht. Konnte Liebe, eine Liebe wie die gewesen, die ihm das wunderliche Weib an die Brust geführt, vergehen wie eine Laune?! Nein, das glaubte Robert nicht. Dazu war er zu stolz, zu selbstbewußt, und liebte selber noch zu sehr. . . . Aber warum quälen, was man liebt? Seine Furcht ging nur dahin, daß er, also verletzt, an seiner eigenen Liebe zu ihr Einbuße erleiden möchte. Und diese Liebe war ihm heilig. Er wollte sie seinem Weibe bewahren, unversehrt und unvermindert, wie sie am ersten Tage gewesen, bis zu dem letzten; da er die Augen für ewig schließen würde, die sie noch so gerne sahen.

Er saß noch immer mit dem Arm über der Stuhllehne da und starrte mit feuchten Augen vor sich hin. Er fühlte schaudernd, daß ein Schlag über sein Herz gegangen war, davon seine Liebe, wenn nicht geschädigt, doch für den Augenblick erschüttert war. Er wollte nicht aufstehen, bis er sich wieder im 63 Gleichgewicht und im Besitze seiner vollkommenen Neigung zu dem angetrauten Weibe wußte.

Da zuckte er unwillkürlich zusammen. Ihm schauderte, als wäre der Versucher zu ihm getreten, während in ihm eine Stimme rief: Unwürdiges duldet kein Mann! Schüttle die Fessel ab, die dich an ein Weib schmiedet, das dich nicht mehr liebt und dessen kein Hehl hat. Laß ihr den goldnen Kram und zierlichen Firlefanz, der dir doch keine verscherzte Minute, keinen verdorbenen Gedanken aufwiegt, schnüre dein Bündel und geh davon!

Er sprang auf und maß die Werkstatt mit langen Schritten. Es hielt ihn nichts als die Liebe zu seinem Weibe hier zurück. Er fühlte in diesen Augenblicken, wie wenig ihm die andern dieser Sippschaft, wie sie seinem innern Menschen nichts waren. Der Reichtum, das Wohlleben, daran er sich in diesen zwei Jahren gewöhnt, galten dem alten Zigeuner ohnehin nichts. Er sah sie lange nur als eine lästige Fessel an. Aber diese Fessel sollte ihn nicht halten! Sie hatte kaum eines Bindfadens Kraft, wenn es galt, den Weg zur Freiheit wiederzufinden, zu jenem ungebundenen Leben, darin die guten Gedanken gedeihen, und die gute Laune niemals alle wird, während jetzt und hier in diesem vergoldeten Käfig ihm so erbärmlich, so vorwurfsvoll, so unwürdig zu Mute war, wie nie vordem.

Er riß das Wams auf, das ihm als Arbeitskittel diente, und griff nach seinen Kleidern, als gält' es, stehenden Fußes das Weite zu suchen. Da fiel sein suchender Blick auf das bekannte Bild der Dame mit der Maske, welches seit einigen Tagen behufs irgend einer kleinen Restauration wieder in seiner Werkstatt aufgestellt war.

Der alte Zauber war doch noch unverloren. Robert hatte auf einmal all seinen Humor wieder und fing unbändig an zu lachen. Konnt' er die Vergangenheit aus seiner Seele wegwischen, wie man einen Kreidestrich von der Schiefertafel löscht! Hatte das Mädchen dort ihm nicht seine Liebe geschenkt! War sie nicht sein Weib geworden! Und trug sie nicht ein Kind unter dem Herzen, dessen Vater er war!

Er ein Vater! Er, der alte Habenichts, der eingefleischte Boulevard-Bummler von damals, er sollte so ein kleinwinziges, schreiendes, zappelndes Menschlein sein eigen nennen! sein Fleisch und Blut! sein Kind! Der Gedanke hatte so viel Entzückendes für den guten Kerl, daß er sich tagtäglich darin berauschte, und daß dieser auch jetzt wieder allen Kummer, alle Kränkung, alle zornigen Entschlüsse von seinem Herzen wegschmeichelte und nur die Wonne der Hoffnung darin zurückließ.

64 Er konnte sich stundenlang ausdenken, was alles er mit solch einem kleinen Wesen angeben und aufstellen werde. Er, der seine Eltern früh verloren und Geschwister nie gehabt, der die Tage seines Lebens von Familienfreuden wenig genossen, und auch in seiner Ehe das nicht so recht gefunden hatte, was man ein glückliches Heim nennt, er schwelgte in dem Luftschloß, darin er als würdiger Vater mit so einem putzigen kleinen Geschöpf existieren und dazu sich wohl als die Dritte im Bunde auch wieder seine Frau gesellen sollte, zu ihm sich gesellen sollte in alter Neigung.

Ja, daß soll sie! Laßt sie nur erst wieder ihres Daseins froh werden, laßt sie nur erst genesen, laßt nur erst das Kind zwischen ihnen beiden sein, dann wird alles wieder gut werden, und besser werden, als es je gewesen! Ja, gewiß! Wenn sie auch jetzt schmähte und schmollte, was lag denn an Weiberworten! Sie redete, wie ein Kranker redet. Sie wußte selbst nicht, was sie redete. Und Robert wär' ein ganzer Narr, wenn er sich durch solche Hausmusik irre machen oder gar zu tollen Streichen hinreißen ließe. Nicht nur ein Narr, ein Verbrecher wär' er, wenn er seinem Weib davonliefe, da Hoffnung, Gefahr und Schmerz sie ihm heiligen und nur immer näher und näher ans sorgende Herz rücken mußten, mochte sie zuweilen immerhin Gesichter schneiden und krause Reden führen.

Holla! Robert Leichtfuß war wieder im Gleichgewicht. Und er nahm sich fest vor, was auch Frau Emma thun und sagen möge, weder die Geduld noch die Laune und schon ganz gewiß nicht die Liebe zu ihr zu verlieren.

Diesem Vorsatz blieb er treu. Auch da es ihm manchmal recht schwer gemacht wurde. Frau Hermiones Tochter war nicht von denen, welche Nachgiebigkeit und ein weiches Herz zu Edelsinn und Güte verpflichten. Sie war nicht gewohnt, ärgerliche Regungen preiszugeben, weil man ihr nicht mit Strenge widersprach, und war nicht danach erzogen worden, Launen zu entsagen, weil man sie freundlich überzeugte, daß dieselben ungerecht waren.

In einer wilden Laune hatte sie sich an Roberts Hals geworfen, Vater und Mutter hatten dagegen einwenden mögen, was sie gemocht. Aus einer wilderen Laune, die von einer Laune ihrer Mutter genährt wurde, gefiel es ihr dann, den Mann zu plagen, den die Liebe zu ihr wehrlos machte.

Daß er dabei mit lächelndem Gleichmut stille hielt, nährte nur ihre Lust und stachelte ihre Keckheit. Er hätte sollen auffahren, hätte sollen zanken, daß die Wände schallten und ihr 65 Hören und Sehen verginge, ernsthaft und fürchterlich, das wäre Abwechselung gewesen. Aber immer wieder verzogen werden, das war langweilig. . . . Wer weiß, vielleicht wenn er sich einmal entschlossen hätte, das ungezogene Gespons braun und blau zu schlagen, so hätte diese Emma ihren Robert wieder geliebt und seinem Hause Frieden gegeben.

Aber solcher Art Dressur lag fern ab von dieser Künstlerhand, die sich lieber unter Emmas Fuß gebreitet hätte, damit die rauhe Erde die zarte Sohle des unbändigen und doch so geliebten Weibes nicht unsanft berühre.

Frau Emma ward der wachsenden Entfremdung in ihrem Herzen wohl gewahr. Und sie gab sich auch gute Gründe dafür an. O, ja!

Sie hatte sich damals zu Paris in dem Gedanken berauscht, die Frau eines berühmten Mannes zu werden. Sie hatte gehofft, wo immer sie an seinem Arm erschiene, würden die Flügelthüren aller und der exklusivsten Salons sich weit vor ihr aufthun und ihr glorreich und mühelos den Eintritt in eine Welt öffnen, die vielleicht um kein Haar besser und lustiger war als die ihrige, die ihr aber, eben weil sie stolz sich vor ihr verschloß, als aller Sehnsucht wert, als der Gipfel aller Wünsche, als das Ziel ihrer Eitelkeit erschien.

Sie hatte geglaubt, Robert brauchte nur auszustellen, und er wäre berühmt, er brauchte nur zu erscheinen und anzuklopfen, und er wäre von aller Welt mit offenen Armen im Triumph empfangen.

Im Grunde glaubte sie das noch.

Aber Robert that nicht das Geringste, diesen ihren Wünschen zu entsprechen. Ihm war Geselligkeit außer dem Hause das Entbehrlichste was es gab. Die vier Wände seiner Werkstatt, die vier Wände seines behaglichen Heims – darin war ihm wohl. Anderswo nicht. Gezwungenes Geplauder mit fremden, ihm gleichgiltigen Menschen war ihm ein Greuel und der schwarze Frack eine Last. Er konnte es nicht begreifen, daß es Emma ganz anders zu Mute sein sollte. Und wenn sie ihm dies ausdrücklich versicherte, war es ihm nur zum Lachen. Das konnte doch ihr Ernst nicht sein.

Wenn sie ihm aber klar zu machen suchte, daß ein geselliges Wesen zu seinem Ruf, seinem Fortkommen, seinem Ansehen in Berlin nötig sei, was sollte das auf einen Menschen wie Leichtfuß für eine Wirkung üben!

Nein, um solchen Zweck kein Opfer seines Behagens! Der Ruhm kam, wie der Dieb in der Nacht, wie die Liebe 66 mit achtzehn Jahren, wie der Blitz aus heiterem Himmel: unversehens, jählings, und da war er, kaum daß man's gedacht!

So versicherte der sorglose Maler. Der ersehnte Ruhm aber, den Emma für ihre gesellschaftlichen Bedürfnisse so notwendig brauchte, kam nicht wie der Dieb in der Nacht und die andern beliebten plötzlichen Erscheinungen. Der Ruhm kam ganz und gar nicht! Ja es sah nach zwei Jahren danach aus, als wär' er weiter als je von Heribert Meyers Schwiegersohn entfernt.

Im Anfang, da Robert mit der Ueberraschung in Berlin auftauchte, er werde des vielberedeten reichen Mannes Tochter heiraten, den goldenen Backfisch, welchen so manch ein angesehener Mitgiftjäger ebenso eifrig wie fruchtlos im eigenen Netze an sich zu ziehen versucht hatte, da hatte die Neugier dem Glücklichen zu raschen Erfolgen geholfen. Vielleicht, wenn Robert diese ersten Erfolge geschickt und liebenswürdig benutzt hätte, daß die Gesellschaft ihn zu einem ihrer Lieblinge machte, auch wenn seine Werke keine ersten Preise auf den Ausstellungen errangen! Vielleicht daß sie auch den Ungeselligen wider Willen auf ihren Schild gehoben hätte, wär' es ihm gelungen, ihr durch immer neue, die alten überbietenden Werke zu imponieren.

Aber was schaffte denn Robert in seinem Atelier, darin ihm so unsagbar wohl war? Große, graue, greuliche Kartons voll überlebensgroßer Figuren in wulstigem Durcheinander, lauter Preisaufgaben für monumentale Werke, die in öffentlichen Gebäuden al fresco an die Wand gemalt werden sollten, bald in einem Rathaus, bald in einer Ruhmeshalle, bald in einem Museum, bald in einem Bahnhof.

Robert war jedesmal der Ueberzeugung voll, daß kein andrer als sein genialer Entwurf den Preis und den Auftrag zur Vollendung davontragen würde. Sein Leichtsinn lachte über jeden Einwand. . . . Aber in Wirklichkeit errang er den Preis, den er schon so sicher in der Tasche zu haben wähnte, niemals. Auch keinen Auftrag, o Gott bewahre! nicht einmal die leiseste lobende Erwähnung!

Es trieb der ehrgeizigen Frau Thränen der Scham in die Augen. . . . Auf ihren Robby machte der Abfall seiner Entwürfe, wenn er auch monatelang darüber Essen und Schlaf versäumt hatte, so gut wie gar keinen Eindruck. Denn bis das Resultat der einen Konkurrenz bekannt wurde, hatte der Leichtfertige ja längst wieder sich in eine andre verrannt und war so ganz mit Leib und Seele bei der neuen Sache, daß ihm der Erfolg der alten mehr oder weniger gleichgiltig erschien.

Nur immer mit großen Dingen sich beschäftigen, nur immer 67 mit ungeheuerlichen Entwürfen die breiten Wände füllen und sich selbst wie die Welt in Erstaunen setzen! Das machte glücklich, das hob die Seele, hob sie hoch empor über das kleinliche bürgerliche, alltägliche Geschick und dessen Zufälligkeiten.

Was, Erfolg! Den mochten Schuster und Schneider anbeten, Handwerker, Streber und sonst erbärmliche Kreaturen! Er nahm gewaltigeren Flug in lichtere Höhen, dorthin wo der ewige Ruhm durch die Aeonen leuchtet, der strahlenschleudernde Ruhm, der auch auf ihn eines Tages niederflammen und ihn mit einem unvergänglichen Glorienscheine umleuchten werde.

Ob ihn Professor X oder Geheimrat Y in den nächsten Wochen zu ihren Bällen einladen würden, das war einem solchen Menschen selbstverständlich ganz einerlei. Er lachte einer andren, fernaufgehenden Sonne entgegen, während das Weibchen mit dem nüchternen praktischen Sinn und dem nagenden kleinlichen Ehrgeiz in ihren Händchen das Batisttuch zerriß, mit dem sie sich verstohlen die Thränen des Zornes aus den Augen gewischt hatte.

Der Lachende und die Weinende verstanden sich nicht mehr.

Und der Lachende sah auch in seiner Sorglosigkeit nichts von andren Vorgängen, die immer mehr und mehr zu Emmas Ueberzeugung beitrugen, daß sie vordem recht unüberlegt gehandelt habe, als sie in einem ersten heißen Anflug von Verliebtheit ihre Hand in die Hand eines Menschen gelegt, der zum Gemahl für sie so wenig taugte.

Emma hatte eine Schwester, Brigitte. Zwei Jahre jünger, stand diese dicht vor ihrem neunzehnten Geburtstage, von Gesicht nicht so hübsch, aber etwas größer und stattlicher von Figur, gemessener in Gang und Haltung als Emma, das Ebenbild ihrer Mutter und genau deren Lebensansichten bekennend und ausführend. Was vornehm war, war gut, was nicht vornehm war, Sünde und Schande.

Praktischen Sinnes und gewitzigten Geistes, leidenschaftsloser absichtlicher Natur, konnte sie nicht auf einen ähnlichen Streich verfallen, sich wie die tolle Emma einen Künstler oder so was dergleichen zum Eheherrn zu erkiesen. Die Maler waren zudem nicht mehr so in der Mode in der Berliner Gesellschaft wie in früheren Saisons. Die Welt war fortgeschritten. Gelungene Töchter reicher Väter konnten sich nach irgend einer Baronie umsehen, die zwar an irgend welchen Enden dringend frischer Vergoldung bedurfte, im übrigen aber einen mehr oder weniger allerliebsten Menschen zum Träger hatte.

Brigitte hatte sich beizeiten umgethan. Sie hätte es vielleicht mit ihrer Wahl nicht so eilig gehabt; allein im gewohnten 68 Gegensatz gegen die ältere, hübschere, von Haus aus klügere und vom Vater verhätschelte Schwester bereitete ihr's ein tiefgefühltes, wenn schon unaussprechliches Vergnügen, derselben einen Schwager zu bestellen, daß jene, auch in aller Stille, vor Neid bersten möchte.

Kleine Genugthuung schöner Seelen, die sich im übrigen zu schätzen wußten und einander viel zuliebe thaten.

Brigitte hatte lange genug das Lied mit anhören und mitsingen müssen, was für einen ausgezeichneten Menschen Emma zum Mann erhalten habe: so geistreich, so kunstreich, so bieder! und Gott weiß was noch! Brigitte verlangte gar nicht so viel. Sie begnügte sich mit einem hübschen, lustigen ausrangierten Lieutenant, der wenig Gedanken, viele Schulden, aber über einem alten, echten turnierfähigen Namen eine siebenperlige Krone hatte.

Der Freiherr Jobst von Wolkenfels-Krümelshausen war in der That ein recht liebenswürdiger Mensch, der durch sein offenes, zufahrendes Wesen für sich einnahm und aus seinen Schulden kein Hehl machte.

Im vorigen Winter durch irgend eine Fügung der himmlischen Vorsehung oder aber eines irdischen Heiratsvermittlers mit der Familie bekannt geworden, bewarb er sich seit dem Frühling merklich um Heriberts jüngere Tochter und war seit Wochen bereits ein allabendlicher Gast des Hauses.

Man zischelte schon untereinander, wann die öffentliche Verlobung ausgesprochen werden sollte. Dann währte es noch einige Monate, und Brigitte war Frau Baronin . . . eine wirkliche Freifrau von Wolkenfels-Krümelshausen . . . und Emma war und blieb Frau Leichtfuß schlechtweg. Wie das klingt! Ha!

Und sie hätte es leicht auch so gut haben können!

Jobst hatte einen Vetter, einen richtigen Vatersbruderssohn, mit ganz denselben volltönenden Namen und Prädikaten, Horst Wolkenfels, der noch viel hübscher und stattlicher war als Brigittens Erwählter, und der nicht einmal so viel Schulden hatte wie dieser, eine schlanke, hagere, äußerst feudale Erscheinung mit einem großartigen Schnurrbart und dunklen, nachdenklichen, ach, so vielsagenden Augen . . .

Wie gut hätte es sich gemacht, daß zwei Schwestern zwei Vettern heirateten . . . Hirngespinste! Narrenspossen! Brigitte ward ganz allein Baronin, und Emma war und blieb Madame Leichtfuß tout court, die des zur Bekräftigung demnächst einem kleinen Leichtfuß das Leben geben sollte . . .

Daß ihr gerade jetzt so dumme, ja so verbrecherische 69 Gedanken kamen, machte Roberts Frau manchmal über sich selbst schaudern. Aber was konnte sie dagegen thun? Es war stärker als ihr guter Wille. Und es schreckte ja ihren Robby nicht, der sich den Teufel was um die Luftschlösser seiner Frau kümmerte und über irgend einen neuen Konkurrenzentwurf nicht hinaussah.

In der That hatte der Maler jenen interessanten Herrn kaum bemerkt. Es war einer mehr von den ihm völlig gleichgiltigen Leuten, welche den Salon seiner Schwiegermutter bevölkerten, und demzufolge auch ab und zu einmal in dem seiner Frau erschienen und wieder verschwanden, ohne sich seiner Aufmerksamkeit weiter zu empfehlen.

Horst von Wolkenfels hatte sich seinerseits auch wenig mit Robert zu schaffen gemacht, dafür etwas mehr mit seiner Frau und viel mehr mit seiner Schwiegermutter. Er wohnte für gewöhnlich weit weg in Mecklenburg auf dem Lande und war offenbar von seinem Vetter verschrieben worden, um ihm durch seine gewinnende Persönlichkeit Sukkurs zu bringen.

Der alte Meyer, der denn doch vor den Schulden Jobsts nicht unempfindlich scheute, ward vielleicht durch die Hoffnung kirre gemacht, durch einen adligen Schwiegersohn sich den ganzen Elan der Wolkenfelser und was drum und dran hing, zu verbinden. Darum richtete der Helfer auch seine Wirkung sofort und ausschließlich gegen denjenigen Teil der Familie, welcher für solche Phantasmagorie am empfindlichsten war, den weiblichen Teil.

Horst war zu solcher Hexerei sehr geeignet. Er sprach wenig, blickte viel, wußte mit einem sachten, etwas billigen Sarkasmus gegen Abwesende sich scheinbar eine gewisse Ueberlegenheit der Anschauung und des Selbstbewußtseins zu geben, die er in Wahrheit gar nicht besaß, und machte über alldem den Eindruck eines sehr nachdenklichen schönen Menschen, der einen alten unverwindbaren Seelenschmerz wie sein kostbarstes Kleinod überall mit sich herumtrug.

In der That hatte der hübsche Freiherr mit den finsteren Brauen nie einen empfindlicheren Verlust erlitten als einen am grünen Tisch zu Montecarlo und er trug sich mit keinem wichtigeren Gedanken, als wie er dem noch ärmeren Vetter, der lange genug aus seiner Schüssel aß, zu einer reichen Partie verhelfen möchte.

Als er dann kam, sah und siegte, konnte er den Gedanken nicht abweisen, daß er besser gethan hätte, selber um das Goldkind der für alles Vornehme so leidenschaftlich begeisterten Frau Hermione zu werben. Aber das war nun zu spät. Sein Vetter 70 hatte sich bereits des schönen Herzens, welches noch im Hause Meyer frei war, versichert. Und das war auch was wert.

Um seinen Vetter nicht zu stören, wandte er alle Aufmerksamkeiten der Mutter und der verheirateten Schwester zu. Und weil das nur nützen konnte, sogar mit emsiger Beflissenheit.

Emma, die jeden Abend im Salon ihrer Mutter zubrachte, verhielt sich diesem Anbeter gegenüber sehr zurückhaltend. Nicht nur aus Anstand, sondern weil es sie gegen das Schicksal schmollen machte, daß dieses Glück und die Möglichkeit, es ihrer Schwester gleich zu thun und eine Freiherrnkrone auf ihren Wagenschlag malen zu lassen, viel zu spät kam, als daß sie ihm ein freundliches Gesicht hätte zeigen mögen. Noch mehr aber trug zu dieser Zurückhaltung die Sorge bei, lächerlich, ja grotesk zu erscheinen, wenn sie in ihrer jetzigen Beschaffenheit ernsthaften Angesichts einem Schmeichler Gehör schenkte.

Sonst?! . . . Sie seufzte, wenn sie sich diese Frage stellte.

Und wie manche Frauen in ihrem Fall von unbegreiflichem und doch so heftigem Gelüsten nach exotischen Früchten oder verbotenen Speisen geplagt werden, so liefen all ihre Gedanken nur immer in den einen unmöglichen Wunsch aus, sich von der jüngeren Schwester nicht übertrumpfen zu lassen, sondern es ihr mindestens gleich, womöglich zuvorzuthun.

In dem Kind unter ihrem Herzen sah sie nur ein Hindernis mehr, das ihr erwuchs, ihre Phantasieen in Wirklichkeit zu übertragen. Noch ehe es geboren ward, fühlte sie schon eine Abneigung, wie sonst nur eine verzweifelnde Sünderin gegen die Frucht verbrecherischer Freuden.

Sie ward durch dieses verschwiegene Wünschen und Verwünschen nicht erquicklicher für ihre Umgebung und nicht liebenswürdiger gegen ihren ach so bürgerlichen Gatten.

Herr von Wolkenfels war nach etlichen Wochen, sobald die Hoffnungen seines Vetters in den sichern Hafen väterlicher Zustimmung gesteuert waren, mit einem letzten tiefsinnigen Blick auf die zukünftige Schwägerin seines Anverwandten, wieder von dannen gefahren. Für seine dermaligen Verhältnisse war ihm das Pflaster der Hauptstadt zu teuer.

Emma hatte ihm nicht sehr gnädig Urlaub gegeben. Aber als er gegangen, machte sie sich über ihr unleidliches Benehmen Vorwürfe und war gegen alle Welt noch verdrießlicher als je. Robert wußte nicht warum.

Sie sagte, sie fühle sich leidend. Und sie war auch leidend. Daran war nichts zu verwundern.

Der Zustand ihrer Seele wie ihres Leibes verschlimmerte 71 sich von Tag zu Tag. Sie weinte und heulte halbe Nächte lang, mehr vor Zorn und Ungeduld, als vor Beschwerden.

Sie biß in ihr Sofakissen, wenn sie's übermannte, nur um Schwester und Mutter, die sich vielleicht darüber gefreut hätten, ihren Aerger nicht merken zu lassen. Aber ihre Mägde waren zu bedauern, und niemalen vordem ist selbst im Hause Meyer so viel Glas und Porzellan von zierlichen Fingern an die Wände geflogen, als in diesen bangen Tagen legitimer Erwartung.

Robert hatte den ganzen Tag allein in seiner Werkstatt verbracht. Auch die Mahlzeit nahm er allein zu sich; seine Gattin hatte sich heut' wie gestern mit unerträglicher Migräne entschuldigen lassen, die sie zu Bette hielt. Ein Besuch, den er ihr im Schlafzimmer machen wollte, war noch glücklicherweise auf der Schwelle von der Zofe aufgehalten worden, die ihm versicherte, daß eben erst ein sanfter Schlummer die Leiden der Gnädigen abgelöst habe. Es wäre Sünde, sie gerade jetzt zu stören.

Robert hatte das eingesehen und war wieder in sein Atelier hinaufgeklettert, das ihm schon vor zwei Jahren auf dem Dachboden der Meyerschen Villa geräumig eingerichtet worden war. Die Schwiegereltern bewohnten nach wie vor das erste Stockwerk, die jungen Eheleute das Erdgeschoß hinter dem breiten, wohlgepflegten Vorgarten.

Nachdem Robert, bis ihm die Dämmerung auf die Hand fiel. gezeichnet und dann im Zwielicht vor sich hingebrütet hatte, überkam ihn eine wunderliche Unruhe, wie er sie sonst nicht kannte.

Er vermochte keinen Gedanken festzuhalten. Die Finger streckten sich unwillkürlich, als ekelte sie's vor jeder Berührung des gewohnten Handwerkszeuges. Das Blut sang ihm, wie ein zirpendes Heimchen, in den Ohren, und doch war ihm immer, als sollte er horchen, horchen und er wußte doch nicht worauf.

Ueberreizte Nerven vom allzulangen Arbeiten! dachte er und trat auf den Balkon, der neben seiner Werkstatt auf einem Teil des Daches eigens für ihn geebnet war, damit er, wenn er Luft schöpfen wollte, ins Freie treten und hier herumwandeln könnte, ohne – so geschützt lag die Stelle – von den Blicken eines neugierigen Nachbars oder Spaziergängers belästigt zu werden.

Auch er sah von da oben nur den fahlen Abendhimmel, in dem der erste Stern gegen das abwärts fliehende Licht ankämpfte und die Wipfel des Tiergartens, von deren halbentlaubten Zweigen ab und zu die vergilbten Blätter wie windverwehte Stückchen Schatten querüber flatterten.

Es war ihm, als wäre die Luft voll unentwirrbaren Geräusches, einer betäubenden Mischung von Wagenrasseln, 72 Hufschlägen, Fußtritten, Klingeln, Bellen und Rufen. Aber wenn er genau hinhorchte, war's doch nichts, was er hörte. Und er wollte doch durchaus etwas hören, etwas was ihn erlöste aus diesem unnatürlichen Zustand halber Betäubung.

Allzuviel Einsamkeit war ihm nicht gut. Er mußte lachen bei dem Gedanken, und die verflossenen Pariser Zigeunertage fielen ihm ein, an deren so vielen er mutterseelenallein gewesen war, noch viel einsamer als jetzt. Freilich nicht immer . . . o nein!

Wie ein welkes Blatt, das der Wind über den Weg ihm zublies, kam ihm der Gedanke: Es war doch schön damals, so frei, so ungebunden, so ganz ohne Familie . . . !

Aber auch ohne Frau?! Und er schüttelte das Haupt, daß der Gedanke, der ihn so jählings angeflogen, auch wieder von ihm abfiel.

Er hatte zwar wenig von seinem Weibchen in letzten Zeiten. Nun ja, doch das war erklärlich. Und er hatte doch vordem so viel von ihr gehabt! Sie hatte ihm alles gegeben, was ein liebendes Weib geben kann, und war sie dann auch manchmal wunderlich und launisch gewesen, es ging ihr hin in seinen Augen und er wollte jetzt sich nur der guten Stunden erinnern, die er ihr verdankte.

War das kein Schrei? . . . Er meinte so, eine Sekunde lang, und sagte sich dann selber, daß es Sinnestäuschung war. Und doch kam im nächsten Augenblick eine Todesangst über ihn, daß es ihn nicht länger mehr hier oben litt, sondern wie er ging und stand hinunterjagte, um nach seinem Weibe zu sehen.

Sie schlief doch nicht den ganzen Tag! Daß sie ihn kein einzigmal an ihre Seite rief, wenn sie litt, er hätte es ihr, gerade jetzt in seiner liebevollen Stimmung, von Herzen übel deuten können. Es ließ ihn nicht länger zaudern, er mußte zu ihr!

Es war alles still in der Villa, da er in der Dunkelheit die kleine Treppe vom Atelier ins große Stiegenhaus hinuntertastete. Im obern Stockwerk angelangt, fand er die Thüre zur Wohnung seiner Schwiegereltern sperrangelweit aufstehen und über den Gang her glänzte reichliches Licht durch die Milchglasscheiben der Salonthüre auf Gang und Flur hinaus.

Vielleicht war Emma drinnen bei ihrer Mutter.

Er trat ein und störte sichtlich die beiden Verlobten, welchen der dritte im Salon gar nicht erwünscht kam.

Jobst saß am Klavier, ohne zu spielen, und Brigitte schien sich, kurzsichtig, wie sie war, gerade sehr tief auf das Notenpult des Instruments gebeugt zu haben, wahrscheinlich um eine Frage der Harmonie zu entscheiden.

73 »Guten Abend, allerseits!« rief Robert, sich eines flüchtigen Lächelns nicht erwehrend. »Ist Emma nicht hier? . . . Nein? Dann erlaubt, daß ich euch wieder allein lasse.«

»Wohin willst du, Schwager?« rief Brigitte und trat hastig vom Piano weg und zwischen ihn und die Thüre.

»Zu meiner Frau!« antwortete Robert und machte Miene sie zu umgehen. »Ich habe sie seit dem Frühstück nicht gesehen.«

»O bitte, bleib hier, Robby!« versetzte nun altklugen Tons die Schwägerin. »Mama läßt dir sagen, du möchtest ja nicht hinuntergehen, sondern sie hier im Salon erwarten. Sie komme gleich wieder herauf.«

»So?« sagte Robert unangenehm berührt. Dann zuckte er die Achseln und ging, ohne nach den beiden jungen Leuten weiter hinzusehen, die sich wieder am Klavier zu schaffen machten, in wachsender Unruhe hin und her.

Nach einer Weile stand er wieder still und sagte. »Mama bleibt lang aus . . . ich will doch . . .«

»Habe nur noch ein wenig Geduld, Schwager!«

»Die gnädige Frau sagte wirklich, sie würde sofort wieder erscheinen,« fügte Jobst von Wolkenfels sekundierend hinzu.

Robert schraubte mechanisch einen der Lampendochte niedrieger, der zu flackern angefangen hatte. Es war eine seltsame Stille im Zimmer. Sie drückte auf Roberts überreizte Sinne. Er wandte den Blick nach den beiden Leutchen hin und fand beider Augen fest auf ihn gerichtet.

»Was ist denn los?« fragte er.

»O, es scheint, daß Emma etwas leidend ist«, antwortete Brigitte und sah dann flugs mit niedergeschlagenen Augen beiseite, als müßte sie erröten. Jobst lächelte diskret.

Dem Maler schnürte jäh aufsteigender Zorn die Kehle zu. »Leidend?« war alles was er herausbrachte. Bei sich aber dachte er: wenn meine Frau leidet, erfahre ich es zuletzt? Und warum zuletzt? Was für ein Narrenhaus, in dem ich lebe!

Er hatte die Thüre schon aufgeklinkt, da er Brigitte hinter sich zetern und Jobst pflichtschuldigst ersuchen hörte, er möge doch in Geduld hier oben warten. Er kehrte sich nicht mehr nach ihnen um; in demselben Augenblick aber gellte ein Schrei von unten herauf, der ihm wie mit spitziger Nadel ins Ohr stach. Kein eingebildetes Geräusch, das seine überreizten Nerven ihm vorzauberten, nein, ein wirklicher, Mark und Bein durchdringender Schrei – und es war seines Weibes Stimme!

Robert sprang die Treppe mit etlichen Sätzen hinab und stieß eine Thüre nach der andern auf, bis er vor der 74 Schlafkammer aufhorchend stille stand. Er atmete noch einmal tief und drückte dann behutsam, kaum hörbar die Klinke nieder.

Das empörte Gesicht seiner Schwiegermutter focht ihn wenig an. Mochte sie die Anwesenheit des Gatten in der Wochenstube nicht für vornehm erachten, es war ihm nie weniger an ihrem Einverständnis gelegen als in diesen herzensbangen Minuten. Er sah weder ihre Winke, noch hörte er ihre Worte. Er hatte Augen und Ohren nur für sein Weib.

Nie hatte er sie so leidenschaftlich geliebt, nie sich selbst so gering geschätzt, als da er sie um seinetwillen leiden sah und weder mithelfen noch mitleiden konnte.

All die kleinen Verdrießlichkeiten und Launen, mit denen Emma seit einiger Zeit ihm manche frohe Stunde verbittert hatte, sie waren in seinen Augen tausendmal aufgewogen, ach was aufgewogen! Das Gewicht dieser schweren Stunden senkte die eine Schale so tief, daß aus der andern hoch emporgeschnellten all ihr böser Inhalt wie Spreu, darein der Wind bläst, davonflatterte auf Nimmerwiedersehen.

Eine Heldin, eine Märtyrerin der Liebe war ihm sein Weib und er schwor sich mit stummem Eid, sie dafür auf den Händen zu tragen sein lebenlang, wenn sie nur diese Nacht überstände.

Mitleid und Angst preßten ihm das Herz zusammen und falteten seine Hände krampfhaft ineinander, wie er vorzeiten gethan, wenn er als Knabe nicht mehr aus noch ein gewußt und zu Gott aufgeschrieen hatte, um eine übernatürliche Hilfe aus den Wolken herabzubeten.

Und Stunde verrann um Stunde, eine länger als die andre, und noch immer keine Erlösung!

Karbolgeruch erfüllte die Zimmerluft. Peinliche Stille; nur hie und da ein vorsichtiges Hin- und Wiedergehen auf den Fußspitzen über den Teppich, das Klappern eines Löffels auf der Marmorplatte des Nachttisches, und dazwischen das laute gedehnte Aufschreien wie eines armen Tieres auf der Marterbank. Lampendämmerung, aller Hausrat in schweren Schatten, nur an der halbverhüllten, gegen die Wand gekehrten Lampe ein grelles Blinken gegen die Tapete, dem auf der andern nächsten Wand ein Glanzlicht auf dem Goldrahmen eines Bildes antwortet.

Robert kennt das Bild wohl, das da auf ihn heruntersieht, das Mädchen mit der Larve in der Hand, das aus dem schwarzen Wagenschlag herausnickt und ihn anlacht.

So hat seine Liebe begonnen . . . und soll sie nun so zu Ende gehn? . . . Es war zum Verzweifeln. Da durchbrach ein heller, gellender, zeternder Schrei die angstvolle Stille, daß die 75 Wände widerhallten und dem eben noch verzweifelnden Manne die Thränen der Freude jählings in die Augen schossen: der erste Schrei des neugebornen Kindes! Der Schrei der Erlösung!

Als der Arzt ihm die eben getrocknete Hand mit den Worten entgegenstreckte: »Ich wünsche Glück zur ersten Tochter!« wagte Robert die frohe Botschaft noch kaum zu glauben. Als er aber einige Minuten später mit eigenen Augen das jämmerlich schreiende, mit allen Vieren zappelnde Wesen aus dem Badewännchen heben sah und bald darauf die Wärterin das krebsrote Ungeheuerchen in schneeweiße Windeln gewickelt dem »Herrn Papa« auf die ungeschickten Arme legte, da gab es keinen glücklicheren Menschen auf Erden als Robert Leichtfuß.


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