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Gutenberg > Hans Hopfen >

Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16 Die seltsame Aufgabe, welche Robert sich gestellt hatte, sich ganz und gar in die Weise eines anderen Malers einzuleben, den er nicht einmal verehrte, an dem er nur dies und jenes bewunderte, war mit jener sieghaften Hast in Angriff genommen worden, mit welcher er sich nach längerem Faulenzen auf alle Arbeit zu stürzen pflegte; aber je länger diese Thätigkeit währte, desto leidiger sah sie ihn an. Was, ein Kerl wie er, schlich da in den Spuren eines andern sklavisch nach, jeden Tritt berechnend wie beim Eiertanz, mit Angst auf jede freie Regung der eigenen Künstlerseele lauernd, die ihn seitab vom geweisten Wege Tiburtins hätte verlocken können! Ihm war, als hätt' er seine Seele dem Teufel verschrieben. Er war verzaubert, er war künstlerisch ein andrer, und er durfte nicht wagen, er selbst zu sein.

Er verfluchte den tollen Einfall, der ihn auf dies Bravourstückchen gelockt hatte. Und ein solcher Ekel überkam ihn vor dem ganzen Tiburtin und seiner Manier mit allen ihren Kniffen und Mätzchen, daß er sich verschwor, nie wieder solch einen frevlen Scherz zu unternehmen.

Er hätte schon damals, als das Bild kaum über die Hälfte gediehen war, die Pinsel und die Leinwand dazu in die Seine geworfen, die dort unten floß; aber er mußte sein gegebenes Wort halten, er glaubte, es sich und der deutschen Kunst schuldig zu sein, zu zeigen, daß er, der zur Zeit Verrufene, wenn er nur wollte, mit gleicher Mühe leisten könnte, was die Mode des Tages vergötterte; und überdies hatte er, ehe die Arbeit gefirnißt werden durfte, schon bald die Hälfte des bedungenen Honorars in kleinen Raten vorschußweise aufgegessen.

Lefranc, der Schlaukopf mit dem grauen Knebelbart, hatte Mühe, sein freudiges Erstaunen nicht in vollem Umfang zu verraten, als er der merkwürdigen Leinwand endlich ansichtig wurde.

»Bei Gott!« rief er, »wer nicht genau zusähe, möcht' es für einen veritablen Tiburtin hinnehmen!«

»Und wer genau zusieht . . .?« rief Robert sich ingrimmig mit rollenden Augen vor dem Händler aufpflanzend.

Lefranc antwortete mit sanfter Verbeugung: »Wer genau zusieht, bedankt sich für das, was Ihr Genie und Ihr Fleiß, vielleicht auch ein wenig Ihr Eigensinn hier geleistet haben, und bezahlt prompt, was ausbedungen worden ist.«

Robert schob das Geld des höflichen Mannes verdrießlich in seine Tasche. Der Händler, der es aufmerksam verschwinden gesehen, legte dann ihm, als er zur Thüre hinaus wollte, die Hand auf die Schulter und fragte verbindlich lächelnd: »Nun 17 wohl, mein Meister, wann darf ich auf den zweiten Tiburtin rechnen?«

»Am großen Nimmermehrstag, mein Herr! . . . Adieu!« rief der Leichtfertige.

Der andre, die Augen auf seine neue Ware heftend und den Schöpfer derselben nicht von der Hand lassend, fuhr mit fast unbedachtem Eifer fort: »Verschwören Sie nichts! Ich würde Ihnen für ein zweites Bild das Doppelte bezahlen . . . das Dreifache! Meiner Treu!«

»Und wenn Sie mir das Vierfache, das Fünffache hinlegten, ich dankte dafür. Einmal und nie wieder! Ja, mein Herr, ich habe Ihnen gezeigt, daß Tiburtin kein Hexenmeister ist. Aber ich bin es müde, Tiburtin zu sein, ich bin es satt bis an den Hals . . . hören Sie? . . . Ich will für den Rest meiner Tage Robert Leichtfuß sein und bleiben! Wenn Sie von diesem wackeren Künstler etwas gemalt haben wollen, so wissen Sie seine Werkstatt.«

»Ja freilich!« entgegnete der Händler sich verbeugend. »Wär' ich das Publikum, ich kaufte nur Roberts; aber unglücklicherweise bin ich nur der Diener des Publikums, und dieses hat nun einmal die Laune, Herrn Tiburtin zu bevorzugen und von Herrn Robert Leichtfuß keine Notiz zu nehmen.«

»Mich ficht das wenig an!« rief der Maler über die Schwelle zurück.

»Seien Sie vernünftig, Herr Robert! Sie haben hier erst Ihr wahres Talent entdeckt und dokumentiert.«

»Grüßen Sie den großen Tiburtin von mir!« lachte Robert, und damit warf er die Glasthür zu und schritt, leise pfeifend, den Boulevard hinab, als wäre ihm abermals eine schwere Last abgenommen worden.

Mit tausend Franken in der Tasche ließ sich schon mit Muße malen, was den Stempel des eigenen Talents an der Stirne tragen und doch der Menge gefallen sollte.

Er malte auch etwas, und es trug auch den eigenen Stempel; aber der Menge gefiel es wieder ganz und gar nicht. Auch seinen Freunden nicht. Er malte darauf etwas andres. Aber der Erfolg war so ziemlich derselbe. Es gelang Robert nicht, sich bei dem zahlenden Publikum in Gunst zu setzen.

Die Kritiker lobten nun zwar manchmal, so im Vorübergehen, mit wenigen Worten seine Bilder, aber das Lob kam ihnen nicht von Herzen und rührte niemand. Die Händler hatten kein Vertrauen zu seinen Versuchen, und den Privatleuten taugten schon die Stoffe, mit denen sich seine Phantasie 18 schleppte, nicht in ihre Schlafstuben und Speisesäle, geschweige gar in ihre Salons.

Robert wollte sich nicht der Mode bequemen, war das vielleicht auch nicht im stande. Und die Mode bequemte sich nicht zu ihm.

Er blieb dabei wie immer getrosten Mutes, aber es ging ihm schlechter und schlechter.


In seiner Not und angeregt durch die großen französischen Meister dieses Fachs gedachte Robert Leichtfuß sich aufs Porträtmalen zu verlegen. Dabei konnte man leicht ein reicher Mann werden. Allein, die sich von ihm abkonterfeien ließen, hatten kein Geld, und die Geld hatten, bemüßigten zu ihrer Verewigung berühmtere Pinsel, als annoch der seinige war. Robert, der unermüdliche, malte derweilen Bettler, Lumpensammler, Studenten und Nähmamsellen, eine Studie nach der andern, getrosten Mutes, eines bessern Schicksals mit seiner bekannten Zuversicht gewärtig.

Kleiner Verdienst erfloß ihm wohl daneben; aber mein armer, eigensinniger Freund kam nicht empor, und seit Wochen hatte sich kein neues Goldstück in seine Werkstatt mehr verirrt.

Draußen aber tobte tolle Karnevalslust. Mittfasten hatte alle Welt auf die Beine gebracht. Alles freute sich, alles jubelte, alles tanzte, schrie und lärmte. Und dazu schien die Sonne, daß man glauben mochte, an den Bäumen müßten heute noch Blüten aufbrechen.

Robert Leichtfuß dachte nicht daran, sich einzuschließen. Der junge Sonnenschein lockte spiegelnd und glänzend von allen Dächern. Es war eine wunderliche Unruhe in ihm, jene treibende Unruhe, aus Lebenslust und Besorgnis gemischt, der man nicht entrinnen kann, denn ob man beim einen oder beim andern Ende seiner Gedanken anlangt, trübselig und froh, man kommt nicht zu Frieden, so wenig wie ein Fangball zwischen zwei hitzigen Spielern.

Robert kehrte alle Lädchen seines Schreibtisches, alle Taschen seiner verschiedenen Kleidungsstücke um, es fiel nicht mehr heraus, als er schon vorher sein eigen gewußt hatte: der letzte Fünfzigfrankenschein, zu dem sich noch etwas Kupfermünze gesellte.

Robert ward sehr nachdenklich, setzte sich in diesem Zustande wieder vor die Staffelei und strichelte an dem lebensgroßen Brustbilde seines Portiers herum, der ihm zuweilen in frühen Morgenstunden die Ehre erwies, ein wenig Modell zu 19 sitzen, wenn die Treppengeländer abgestaubt und der Hausflur gefegt waren. Natürlich saß er nicht ganz umsonst, und wenn er sein Konterfei betrachtete, so fand er bei aller schuldigen Achtung vor dem Künstler denn doch, daß es dem Abklatsch seines stolzen Selbst etwas an – wie sagen wir doch – etwas an dignité, an Würde gebräche, die er in seinem wirklichen Wesen zur Schau zu tragen sich schmeichelte.

Robert versprach ihm dann regelmäßig, die Fülle seiner Würde noch unfehlbar nachzutragen, wenn er, der Herr Portier, erst einmal ruhiger und ausdauernder sitzen werde, und lehnte das Bild zu andern an die Wand, um es doch gleich wieder ärgerlich vorzunehmen und aus dem Gedächtnis zu berichtigen.

Er besann sich heute länger als sonst bei jedem Pinselstrich und war doch nicht bei der Sache. Er fand das Gesicht dieses Thürhüters unglaublich dumm. Er ärgerte sich über das Schicksal, das ihm nicht noch dümmere, aber zahlungsfähige Modelle vor die Palette stellte, und steckte schließlich den Pinsel bei, um aus seiner Westentasche zum dritten- oder viertenmal den zusammengeknitterten Fünfzigfrankenschein herauszuholen, und ihn nachdenklichen, man kann schon sagen gehässigen Ausdruckes zu betrachten.

Er war offenbar sehr erbost auf diesen letzten Mohikaner, weil dieser nicht die Gabe hatte, sich in seiner Tasche zu vervielfältigen, und er trachtete danach, ihn zu vernichten. Pah! Was kann man mit fünfzig Franken viel anfangen in Paris?

Und dabei fühlte Robert einmal wieder so dringend die Notwendigkeit, mit diesen letzten Resten einer einst stattlichen Summe gründlich aufzuräumen, damit ihm, wenn er erst wieder gar nichts mehr besäße, das Glück ungeniert nahen möchte, damit ihm wieder einmal irgend etwas Unerwartetes, Ueberraschendes, Außerordentliches begegnete, was ihn aus der größten Not und Sorge mit einem Schlage heraus und wieder obenauf brächte.

Wie lang es diesmal brauchen werde, bis es einträte, davon hatte er keine blasse Ahnung; aber daß sich diesmal etwas ganz Besondres ereignen müsse, davon war er überzeugt, denn die Welt war wie rundherum mit Brettern vernagelt und keine Aussicht auf besseres Glück mehr zu erspähen. So trostlos hatte es in seinem Leben noch nicht ausgesehen. Und woher diesmal Hilfe, woher Geld, woher Aufträge kommen sollten, war mit dem besten Willen nicht zu erdenken. Robert war nur in der Not erfinderisch. Also besser, sich einen lustigen Tag machen, als langsam Sou um Sou verknabbern, dabei 20 einem nichts Gescheites einfällt! Fertig wird man so auch damit. Früher oder später, einerlei, es kommt immer wieder der Tag, wo man kein Geld mehr hat.

Aber trotz dieser himmelblauen Philosophie ward ihm doch nicht so leicht ums Herz wie sonst. Er wußte nicht warum. Aber es lag entschieden etwas in der Luft, was sein Gemüt bedrückte. Die Sorgen? Warum nicht gar! Ihm war schier feierlich, schier wehmütig ums Herz. Und dabei strichelte er immer wieder an der einfältigen Fratze des alten Portiers herum und verschimpfierte das Werk seiner Hände mit unbedachten Korrekturen, als sollte sich der würdevolle Hausdiener morgen schon gar nicht mehr wiedererkennen.

Was ihm nur fehlte? Ward er alt? Mit siebenundzwanzig Jahren! . . . War er verliebt? Er kannte kein Frätzchen, das es ihm angethan. . . . Wollt' ihm sein leichter froher Sinn abhanden kommen? Das wäre! . . . Und warum? Weil die Pfennige wieder einmal zur Neige gingen? Davor wollt' er sich doch behüten.

Er warf den würdevollen Hausmeister weit von sich über die Staffelei weg und lief davon. Hinaus in die blaue Luft, unter lachende Menschen und johlendes Volk.

Er kam gerade noch recht, den Fastnachtsochsen in seinem Staate zu sehen. Aber auch der Ochs interessierte ihn heute nicht. Und das Geschrei widerte ihn an, und alle die Possen und Schwänke, daran der Harmlose seine Freude findet, dünkten ihn heut altbacken und geschmacklos. Aber er wollte sich nicht von seiner Laune unterkriegen lassen. Das bißchen Sonnenschein sollte ihn doch nicht sentimental machen.

Na, die Sonne ging früher unter, als er's gedacht. Und wie die Uhr gegen Mitternacht rückte, zog Robert mit etlichen lustigen Freunden in den Saal der großen Oper ein, wo der letzte Maskenball der Saison gehalten wurde.

Es waren noch die Opernbälle der alten Zeit. Pierrots, Debardeurs und Bébés . . . Bébés und Debardeurs in unendlicher Menge, als gäbe es keine schöneren Masken für weibliche Wesen, und Pierrots für die Männer. Der größere Rest bestand wie überall aus Dominos, sorgsam verhüllte Gestalten aus allen Schichten der Gesellschaft, und etlichen Hunderten schwarzer Fracks mit den bekanntesten Männergestalten von ganz Paris darin. Es wimmelte im Saal. In den Logen gingen Besuche von Bekannten und Vermummten ab und zu. Hüben gewohnheitsmäßiger Lärm, drüben herzhafter Uebermut, der sich austobt; hier mißtrauisch aus dem Verstecke spähende Neugierde, 21 da rückhaltlose Bewunderung von Neulingen, Fremden und Provinzialen, dort und überall vornehmthuende Blasiertheit der richtigen Pariser und aller derer, die es gerne sein oder scheinen möchten. Ein buntes Durcheinander, in dem die schwarzen Punkte vorherrschen; ein Gewirr von Gesprächen, Melodieen und Geräuschen, in dem die unartikulierten Laute nie verstummen und in langen Minuten alles übertönen.

Robert hatte gut und in lustiger Gesellschaft diniert; der Trubel rund herum behagte seiner Laune. Wenn er überhaupt daran dachte, daß er nur mehr siebenundzwanzig Franken und zehn Centimes in seiner Tasche habe, kam ihm das ungeheuer komisch vor. Wenn das rettende Schicksal ihm nunmehr erscheinen wollte, brauchte es keinen Augenblick mehr zu zögern, denn daß er von besagten siebenundzwanzig Franken keinen mehr nach Hause bringen werde, schien ihm ziemlich gewiß.

Er verfolgte ein Paar dumme Dominos; er ward von einem Halbdutzend schreiender Pierrots – offenbar Kameraden von der Palette – verfolgt; er zog sich in eine Loge befreundeter Herren zurück, ging wieder in den Saal hinab und wieder die breite Treppe hinauf, wo es nun auf den Gängen des ersten Stockwerks von vermummten Leuten aller Art wimmelte, die sich mit Dandys im Frack neckten oder in einer Konversation mit galanten Herren langsam auf und nieder wandelten.

Welche Dame, welche Dirne, welche Marquise, welche Schauspielerin mochte unter dieser spitzenübersäeten Seidenhülle stecken? Was für wunderliche Dinge hatte jene dem erstaunten Stutzer ins Ohr zu flüstern, der ein übers andre Mal stehen blieb und dringend ausrief: »Nun aber sage mir, wer du bist!« Dort kicherten zwei hinter ihren gewaltigen Fächern; hier wandte sich eine mit zorniger Hast von dem kurz noch so eifrig gehänselten Kavalier ab und lief mit kleinen Schritten davon, während der kühle Spötter, der sie in die Flucht gejagt, mit einem Schlag in einen leidenschaftlich Verlangenden verwandelt, ihr durchs Gewühl nachdrängte, unbekümmert, wen er mit seinen Ellbogen berührte.

Durch die Logenthüren gedämpft, klang aus dem Saal herüber die Coda eines schönen Walzers von Strauß.

Robert lehnte, von Tanz und Scherz und Plauderei ermüdet, an einen Pfeiler des breiten Logengangs, nahe der Treppe. Durch die Augen, die überall malerische Gruppen sahen, wandelte ihn wie gewöhnlich die Lust an, dies oder das, was die Minute bot, ein wenig festzuhalten mit hurtigem Stift.

Er zog sein Taschenbuch, drückte sich mit dem linken Arm 22 an die Wand und zeichnete mit der rechten Hand in hastigen Konturen drei weibliche Gestalten in Männerkleidern, die, anmutig aneinander gereiht, auf der Treppe zum Oberstock saßen.

Es galt ihm nur, den künstlerischen Eindruck im Gedächtnis aufzuschreiben. Das war rasch gethan. Die Masken, die sein Vorhaben betraf, schrieen kichernd auf, da sie merkten, was ihnen geschah, und obschon geschmeichelt, warf sie doch der Uebermut alsbald in andre und wieder wechselnde Stellungen, die bald so absichtlich ins Groteske ausarteten, daß sie dem Beschauer keine Freude mehr bereiteten.

Robert steckte den Stift bei und warf gleichgiltig den Kopf nach der entgegengesetzten Seite.

Seine Blicke blieben an zwei Augen hängen, die aus einer schwarzen langbärtigen Halbmaske auf ihn losfeuerten. Die Larve ward von einem ebenso elegant als kokett aufgebauschten Schopf echter Spitzen überschattet. Der Domino von schwarzer Seide war auch nicht der erste beste, den eine jede gleich bei der Hand hatte.

Die kleine schwarze Gestalt lehnte in der Thüröffnung einer Loge des ersten Ranges wie unbeweglich und schien es nicht unangenehm zu empfinden, daß die Augen des Zeichners, die sich so lange mit dem bunten Gesindel auf der Treppe befaßt hatten, nun endlich an ihren Augen haften blieben.

Die betrachtende Gestalt hielt den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und die rechte Hand über sich an die Thürverschalung gelehnt, so daß der weite Aermel des Dominos über den Handschuh bis ans Ellbogengelenk herabglitt und also zwischen schwarzem Lederrand und schwarzem Aermelsaum ein Stückchen schneeweißen Armes sichtbar ward – wahrscheinlich ohne Wissen der vermummten Dame, die einige Minuten lang aus Neugierde oder Koketterie sich und alle Welt rundum über den Anblick des zeichnenden Mannes zu vergessen schien.

Zu gleicher Zeit zeigte sich ein ungeduldig zappelndes Füßchen, das rasch, aber unhörbar die Schwelle der Logenthüre hin- und widerstrich, als hätte es große Lust, das Pförtlein dieses rot- und goldgeschmückten Käfigs zu verlassen, und wagte das doch nicht.

Auch dieser Schuh und Handschuh verrieten Geschmack und Eleganz, vielleicht auch ein wenig Bizarrerie. Und das kleine Stückchen weißen Menschenfleisches mit seiner anmutigen Kontur genügte dem Künstler, um sich dazu eine zierliche Gestalt voll Ebenmaß und Jugendreiz zu ergänzen, die ihm sehr gefährlich werden möchte – für die nächsten vierundzwanzig Stunden.

23 Das Füßchen wagte jetzt einen Halbschritt auf den Gang hinaus, der Oberkörper beugte sich spähend vor, als erwartete die Vermummte jemand, der viel zu lang ausblieb.

Robert sah dabei mit wachsendem Vergnügen, wie die schwarze Seide sich zwischen Schulter und Schulter wölbte und spannte – da trollte ein Trupp schreiender Debardeurs vorbei, kecke Gestalten in pludernden, bandbesetzten, sammetnen Beinkleidern, die spannenhoch über den Knöcheln endeten und zierlich beschuhte Füße gefällig einrahmten.

Sie johlten die Maske mit jener Allerweltsvertraulichkeit an, welche auf solchen Bällen gebräuchlich ist, und wollten sie mit sich fort ins Gewühl ziehen.

Aber bei dem ersten Wort der Anrede schreckte der Domino vor solcher Berührung ins Innere der Loge zurück, und die Thüre schnappte zu.

Die Debardeurs klopften noch einmal an das Brett, riefen einen Gruß durch das seidenverhängte Guckloch hinein und tollten davon.

Robert verwünschte die nichtsnutzige Störung und blieb noch eine Weile in seiner bisherigen Stellung an der Wand lehnen, die Augen nach dem goldumrahmten Pförtchen gerichtet.

Es öffnete sich nicht. Aber bewegte sich nicht etwas an dem kleinen grünen Vorhang des Gucklochs? Wieder nahte ein Trupp herumvagierender Masken; während er vorüberstob, war Robert an die Thüre getreten. Und als jener vorbei war, öffnete sich die Thüre zwei Hände breit, doch weit genug, daß der Neugierige den spitzenüberladenen Domino schwarz und still im Halbdunkel des Hintergrundes der Loge stehen sah, die rechte Hand auf der Klinke, die linke über dem seidenen Larvenbart auf der wogenden Brust.

»Hier außen geht es toll zu, schöne Maske. Willst du mir nicht in Gnaden ein klein wenig Unterstand gewähren?«

Die kecken Worte, das noch keckere Eindringen des unbekannten Mannes in den engumfriedeten Raum schienen das Dämchen im ersten Augenblick aus der Fassung zu bringen. Die ganze Gestalt stand da wie eine versteinerte.

Auch Robert stutzte nun und blieb halbwegs über der Schwelle stehen. Es wollt' ihm einleuchten, daß das Erschrecken und Erstarren ein ernsteres und feinerfühliges Wesen verriet, wie er allerdings auf dem Balle der großen Oper eines zu finden sich nicht hatte träumen lassen.

So standen sie eine Weile wie gebannt im Halbdunkel vor einander da und starrten einander in die Augen, ohne ein 24 Wort zu sagen; und doch entschied diese stille Minute über ein gut Teil ihres ferneren Lebens.

Das weibliche Wesen machte zuerst eine Bewegung, als wollt' es an dem Eindringling vorüber auf den Gang hinaus.

Da bat Robert um Entschuldigung und trat hinter sich.

Eh' er ganz vor der Thüre war, sagte die Maske ziemlich weinerlich: »Mein Papa läßt mich hier innen unverantwortlich lang allein.«

Es klang wie eine Entschuldigung und doch auch ein ganz klein wenig wie eine Aufforderung, die Ratlose nicht sofort im Stich zu lassen.

Robert mußte lachen, da er das Wort Papa in so kläglichem Ton an dieser Stätte hörte, wo sorgsame Väter gemeinhin ihre unmündigen Kinder nicht auszusetzen pflegen.

Die Maske verdroß dies Lachen an einem Manne, der in einem Aufatmen keck und bescheiden, zartfühlend und übermütig war. Und noch kläglicher als vorhin sagte sie: »Was soll ich anfangen? Ich kenne keine sterbliche Seele hier. Und Papa kommt noch immer nicht zurück!«

»Was anfangen?« sagte Robert, der nun ganz sachte die Logenthüre hinter sich zuzog, während die Maske Schritt vor Schritt mißtrauisch vor ihm zurück wich, bis sie aus dem halbdunkeln Vorraum in die eigentliche Loge und hier von der strahlenden Helligkeit überströmt immer weiterretirierend bis an die Brüstung gelangt war, dort ließ sie sich in den einen Fauteuil fallen.

»Du mußt, schöne Maske, deinen Papa entweder hier abwarten –«

»Aber dabei langweile ich mich zum Sterben, mein Herr!«

»Oder ihn suchen gehen,« fuhr Robert fort.

Und die Maske, sich ein wenig vorbeugend, erwiderte: »Ich ihn suchen gehen? Ich, ganz allein, in diesem Gewühl?« Sie schien den Mann, der dies geraten, für verrückt zu halten. Und fuhr fort: »Wär ich doch nie auf den entsetzlichen Einfall gekommen, mir einen Ball in der großen Oper anzusehen! Oh, oh!«

Es klang fast, als weinte sie wirklich unter ihrer seidenen Larve.

Robert setzte sich rasch auf den Stuhl im Hintergrunde der Loge und redete begütigend zu. Im stillen dacht' er: es ist klar, es sind Fremde oder Provinzler, die sich die Merkwürdigkeit haben verstohlen ansehen wollen, und nun turnt der Schwerenöter von Papa hinter irgend einem Abenteuer durch die Säle und meint, sein Töchterlein habe genug der Freude, wenn es von oben auf die wimmelnden Köpfe 25 herabblicke und sich mit dem Bewußtsein durchdringe, das sei eben der berühmte Opernball!

»Abwarten oder suchen gehen. Es gibt kein Drittes in deiner Lage, schöne Maske,« wiederholte Robert.

»O, doch gibt es ein Drittes!« antwortete jene. »Einen Fiaker nehmen und in mein Hotel fahren! Dann mag Papa mich suchen!«

Sie rückte mit zorniger Geberde am Stuhl, als wollte sie sogleich auf und davon.

Robert rief begütigend: »Geduld, Madame! Nur ein klein wenig Geduld!«

»Ich habe diese Tugend nicht gelernt!« antwortete die Verhüllte, und es klang recht bestimmt.

»Eine Idee!« rief der Maler. »Nimm meinen Arm an, schöne Maske! Ich führe dich als gehorsamster Kavalier durch alle Säle, durch alle Zimmer und Gänge, bis wir den pflichtvergessenen Herrn Papa ertappt haben. Willst du?«

»Hihi!« Die Maske lachte leise bei dem drolligen Vorschlag, aber sie mußte ihn dankend ablehnen.

Robert jedoch, dessen Künstlerherz nicht nur einen Funken gefangen hatte, sondern bereits lichterloh brannte, war durchaus nicht gewillt, auf die erste Ablehnung hin sich geschlagen zu geben; er wandte seine ganze Beredsamkeit auf, die verliebten Gedanken strömten ihm nur so zu und kleideten sich in artig anmutige Worte.

Die Verhüllte blieb standhaft, obschon sie zugab, es wäre herrlich, am Arm eines so kundigen Ritters durch all dies Gewühl zu streifen, alles in nächster Nähe zu sehen und doch die Sicherheit zu fühlen, unangefochten und wohlbehalten wieder daraus hervorzugehen. So eigentlich hatte sie sich das heutige Vergnügen im Geiste vorgestellt. Aber hier oben in dem Käfig war es nachgerade ganz unausstehlich.

»Also kommen Sie! Ueberlegen Sie nicht lange!«

»Nein! Es geht nicht! Leider nicht!«

»Haben Sie Mißtrauen gegen mich, Madame?«

»Gewiß! Und ich weiß nicht, wer Sie sind!«

»Sie sind eine Maske und ich bin ein Herr, den Sie intriguieren. Das genügt, um uns durch den Saal zu schlängeln, so lang es Ihnen Spaß macht. Denken Sie nur, Sie thäten es mir zum Possen. Was indessen die Identität meiner Person betrifft. . . . Warten Sie gefälligst einen Augenblick! . . .«

Er griff nach seinem Taschenbuch und zog seine Visitenkarte hervor.

26 »Hier mein ehrlicher Name . . .«

Die Vermummte schien nicht neugierig zu sein; ohne einen Blick auf die Karte zu werfen, sagte sie: »Und wenn ich auch in den Karnevalsscherz einwilligte, was soll Papa denken, wenn er zurückkommt und mich nicht hier findet. Er schreit Feuer und läuft nach der Polizei, wenn ihn nicht sofort der Schlag trifft.«

»Schreiben Sie ihm einen Zettel, einen recht sichtbaren, und stecken Sie denselben mit einer Nadel hier an die Logenbrüstung!«

»Das wäre. . . . Geben Sie mir, was ich zum Schreiben brauche: Bleistift, Papier! . . . Es soll Papas Strafe sein! . . . Wollen Sie mir Ihr Taschenbuch reichen?«

Sie streckte die kleine Hand nach der Brieftasche aus, die er noch in Händen hielt, und sah ihn mit listiglachenden Augen an.

Er zauderte einen Augenblick, ihr zu willfahren. Er wußt' es nicht gewiß, aber es war doch möglich, daß in seinem Taschenbüchlein Dinge geschrieben oder gezeichnet standen, die nicht für den ersten besten waren, besonders für kein Fräulein höherer Stände – und ein solches mußte er nachgerade hinter dieser eleganten Maske mit dem verlorengegangenen Papa vermuten.

Sie bog sich vor Lachen, da sie ihn zögern sah. Und seine Stimme nachahmend, fragte sie ihn, wie er vorhin sie: »Haben Sie Mißtrauen gegen mich, mein Herr?«

»O, wie können Sie denken!«

»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihre Banknoten behalte! Papa hat genug für sich und mich!«

»O, was die Banknoten betrifft, Sie werden keine finden, und wenn Sie alles durchstöberten!« rief der leichtfertige Maler und reichte der Fremden seine Brieftasche, die auch sein Skizzenbuch war, denn fast alle Blätter waren mit Zeichnungen angefüllt.

Sie lachte noch, da sie es nahm, und er lachte mit ihr.

Kaum daß sie es zwischen den Fingern hielt, ward sie ernsthaft. Sie legte den Arm aufs Knie und betrachtete jede einzelne Seite lang und aufmerksam und schien nur mehr Augen zu haben für diese flüchtig von Meisterhand überstrichelten Blätter.

»Das ist reizend! . . . Wie das vortrefflich gesehen ist! . . . Besonders Wasser und Bäume. . . . Pfui, ein häßliches Modell! . . . Ah, das ist, was Sie soeben vor der Treppe gezeichnet haben: die drei Debardeurs. Welche zierliche Gruppe; aber auch was für barocke, was für unweibliche Gestalten!«

27 Und nun klappte sie plötzlich das Büchlein zu, umfaßte es mit beiden Händen, legte die Hände auf ihr Knie und sah dem Maler scharf in die Augen.

»Aber, mein Herr, Sie sind ein Künstler, ein großer Künstler! . . . Wie heißen Sie denn? . . . Wer sind Sie?«

Sie hatte wieder das Büchlein geöffnet und suchte mit hastiger, mit zitternder Hand nach der vorhin zurückgewiesenen Visitenkarte Roberts, die in einem Seitentäschchen stecken mußte.

Sie sah bald das Kärtchen, bald den Mann an, dessen Augen ihr lebhaftes Wesen fesselten, und sie sagte dann wie bedauernd: »Ich erinnere mich nicht, Ihren Namen je in einem Katalog oder in einer Galerie gelesen zu haben. Ich besitze freilich ein kurzes Gedächtnis . . . Sie malen doch auch, mein Herr?«

»Für Viere!« rief Robert und fügte leise hinzu: »Wenn ich dich malen dürfte, schöne Maske, ich wäre der glücklichste Mensch auf der Welt und der größte Künstler dazu.«

»Wer weiß!« antwortete der Domino, nur manchmal aus den Skizzen aufblickend. »Ich bin vielleicht häßlich, sehr häßlich!«

»O nein!« rief Robert.

»Häßlich und schlecht! Grundschlecht! Treulos, wankelmütig, eitel, genußsüchtig, gefallsüchtig, rücksichtslos! . . . Ja, mein Herr, rücksichtslos, denn ich bin verzogen und verhätschelt von Kindesbeinen an. Ich rate Ihnen ehrlich: hüten Sie sich vor mir! Gehen Sie mir weit aus dem Wege!«

Sie sagte das ernsthaft, ja zornigen Tones, daß Robert, welcher schon so verliebt war, daß er ihr um keinen Preis lästig fallen wollte, sich wie gekränkt erhob und mit einer Verbeugung antwortete: »Wenn du befiehlst, schöne Maske, so geh' ich.«

»Aber Sie lassen mir ein Andenken an diese Stunde?« fragte der verhüllte Schelm, und es war Robert, als säh' er sie durch Seidenbart und Maske hindurch lachen.

»Welches du willst!« rief er und setzte sich wieder.

»Die drei Debardeurs auf der Treppe!«

»Es gehört dir! Reiße das Blatt heraus!«

»Nein!« rief sie, »das wäre schade! . . . Schenken Sie mir lieber das ganze Büchlein!«

»Mit tausend Freuden! Das Büchlein und jedes andre, und was ich sonst noch bin und habe, wenn du es annehmen willst.«

»Versprechen Sie nicht zu viel!« antwortete sie, »der 28 Appetit kommt im Essen. Und der Teufel – der Teufel, das bin ich nämlich – der Teufel nimmt Sie vielleicht beim Wort.«

Er hätte sich nur gern gleich diesem Teufel verschrieben, aber sie schien nicht zu hören, was er redete, denn sie war ganz mit der Sorgfalt beschäftigt, das Heftchen, welches die Zeichnungen enthielt, aus der Tasche loszulösen, ohne ein Blatt zu beschädigen.

Dies geschehen, gab sie dem Eigentümer die Brieftasche zurück und behielt nur noch ein Weilchen den Bleistift, damit sie auf das letzte der leeren Blätter einige Zeilen kritzelte, wonach sie dasselbe langsam und vorsichtig abtrennte.

»Dank, mein Herr, tausend Dank! . . . Welch ein anmutiges Abenteuer!« rief sie.

»Liebst du die Kunst?« fragte Robert.

»Von ganzer Seele!« antwortete die Maske. »Und wer liebte sie nicht! . . . Die Kunst haßt nur, wer sie nicht kennt!«

Das letzte Wort überraschte den Maler seltsam. Es erinnerte ihn an die bekannte Inschrift über dem Berliner Museum. Schon mehr als einmal während des lustigen Gespräches waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob er eine Französin vor sich hätte.

Und wie wenn sie schon so seelenvertraut miteinander wären, daß sie beide ohne Worte zu wechseln zur selben Minute gleiche Gedanken hegten, sagte die Unbekannte, die ein Weilchen die weiße Visitenkarte zwischen den schwarzen Fingern ihres Handschuhs gedreht hatte: »Ihrem Namen nach zu schließen, sind Sie kein Franzose?«

»Bist denn du eine Französin?« gab er zurück.

»Nein, mein Herr!« antwortete die Gefragte bestimmt und mit deutschen Worten.

Wenn es noch irgend einer Enthüllung bedurft hätte, um dem Faß den Boden auszustoßen, so war es diese. Das entzückende Bewußtsein, eine Landsmännin vor sich zu haben, die Gewißheit, daß das rätselhafte reizende Wesen, das es ihm wunderlich genug im Herzen anthat, keine Französin, sondern eine Deutsche und offenbar eine Deutsche von guter Erziehung und Familie war, wenn sie auch Fürwitz und Mutwille auf diesen Ball geführt und in ein recht drolliges Gespräch mit ihm verwickelt hatte, das Bewußtsein gab ihn ihr ganz gefangen. Er neigte sein Haupt tief und berührte, wie zum Dank für die freudige Enthüllung, den seidenen Saum des Dominos mit seinen Lippen.

Auch auf sie machte die Entdeckung, daß der wunderliche Kavalier ein Landsmann sei, in dieser Umgebung sichtlich 29 günstigen Eindruck. Sie ließ es geschehen, daß er nicht nur die schwarze Seide, sondern daß er auch ihren schwarzen Handschuh mit seinen Lippen streifte. Und in einer Sekunde waren sie vertrauter miteinander geworden, als es unter gewöhnlichen Umständen in Jahr und Tag möglich gewesen wäre.

Aber der unbegreifliche – nein, der köstliche, der unbezahlbare Papa erschien noch immer nicht!

Robert glaubte nun ein Recht zu haben, die Landsmännin zu führen und zu beschützen, und auch dieser schien nachgerade der Vorschlag, welchen sie vorhin mit sittlicher Entrüstung zurückgewiesen hatte, mehr und mehr einzuleuchten.

Sie befestigte das Blatt, welches sie aus des Ritters Skizzenbuch losgetrennt und beschrieben hatte, vorsichtig an dem roten Sammet der inneren Logenbrüstung und stand auf.

»Gut denn, gehen wir in den Saal!« sagte sie. »Aber unter einer Bedingung!«

»Und die ist?« fragte Robert, nichts Gutes ahnend in verliebter Besorgnis.

»Daß Sie mir nicht nachforschen! In keiner Weise! Daß Sie mich verlassen hier auf dem Balle, sobald ich Sie darum ersuchen werde. Unmittelbar auf mein erstes Wort, ohne Zögern, ohne Gegenfrage, ohne jede Bemerkung, stumm und sofort! Und daß Sie sich keinerlei Mühe geben, mir zu folgen, mich auszukundschaften.«

»Und ich soll dich niemals wiedersehen? Ich soll dich nie von Angesicht sehen?« fragte Robert, in einer Sekunde ganz niedergeschlagen.

»O doch! Sie sollen mein Gesicht sehen! Vielleicht länger und öfter, als Ihnen lieb ist!« antwortete jene mit lachender Stimme. Der zwingende Eindruck, den sie auf den Maler ausübte, machte ihr offenbar Freude.

»Ich verspreche es Ihnen, daß wir uns wiedersehen werden. Aber ich will bestimmen, wie und wann und wo. Ich will Ihre Vorsehung, ich will Ihr Schicksal spielen. . . . Wehe mir. wenn Ihnen Ihr Schicksal so wenig wie mein Angesicht gefallen wird!«

»Keine Sorge! Gehen wir!«

»Einverstanden?«

»Mit allem, was du willst!«

»Top! . . . Ihren Arm, Herr Landsmann! . . . Ach, was wird Papa nur sagen, wenn er den Zettel findet! Ahaha!«

Sie lachte laut und ausgelassen, da sie nun ihren Arm in den des glückseligen Robert legte, der bei der weichen Berührung 30 dieses in aller Vermummung angebeteten, nie gesehenen Wesens ein Entzücken fühlte, das ihm selber rätselhaft erschien. Den ganzen berückenden Zauber des Geheimnisvollen beim Ahnen sicherer Anmut kostete die arme Seele aus.

Und auch das wandelnde Frauenrätsel an seiner Seite schien trotz aller begreiflichen Angst vom glücklichen Bewußtsein dieser unverhofften Stunde gehoben, bald drückte sie sich scheu an ihn, als wollte sie sich vor aller Welt verstecken, bald hob sie stolz das verhüllte Haupt, da sie am Arm des heiteren Mannes das Gewühl des großen Saales durchschritt und Robert bald von diesem, bald von jenem Träger eines berühmten Namens um so zierlichen Abenteuers willen geneckt, beglückwünscht, beneidet wurde.

Der elegante Domino fiel auf. Man drängte dem Paare nach. Man verwickelte die rätselhafte Erscheinung, hinter welcher man nacheinander fälschlich verschiedene Bekannte witterte, in muntere Gespräche. Es hagelte drollige Mißverständnisse, gute Witze, zierliche Höflichkeiten. Und das kleine Ding in Spitzen und Seide machte dem Begleiter keine Schande. Es zeigte schlagfertigen Geist und salonfähige Laune und handhabte dabei die französische Sprache so gewandt, als wäre sie von Kindesbeinen an in diesem Idiom erzogen worden.

Roberts Vorsicht und eigenes Verhalten wahrte sie vor jeder ärgerlichen Begegnung, vor jedem unzarten Wort, vor jeder unliebsamen Störung auf dieser wunderlichen Suche nach dem besten der Väter. Trotzdem schauderte sie mehr als einmal, wie wenn mitten im Gewühl, das sie arglos durchstreiften, mädchenhafte Scheu und kindliche Sorge sie anfaßten, und dann flehte sie leise und dringend, Robert möge sie fortführen und wieder hinauf in die Loge bringen und sie dann verlassen.

Robert freute sich dieser Anwandlungen, die ihm den sittlichen Wert seiner Unbekannten zu verbürgen schienen. Denn bei aller Verliebtheit und der Aufregung des köstlichen Augenblicks berührte ihn doch ein und das andre Mal verzeihlicher Argwohn, was denn das für ein Fräulein sei, das er einsam und scheinbar verzagend in einer Loge auf dem Opernball traf und das sich doch von ihm lustig hin und her führen ließ, um einen Papa zu finden, der sich im Verlauf einer weiteren Stunde vielleicht zu einer Mythe, zu einer billigen Vorspiegelung verflüchtigte.

Ein und das andre Mal hoffte er dies sogar recht aufrichtig. Dann rührte wieder der flehentliche Ton, der Ton der 31 Wahrheit, der aus diesem lästerlichen Durcheinander hinausbegehrte, sein besseres Selbst, und er bat im Stillen seine Götter, ihn einen würdevollen, stattlichen, verzweifelnden Vater finden zu lassen, der ihm seinen Ritterdienst mit Zutrauen vergelten und den ungeheuchelten Wunsch aussprechen möge, die so merkwürdig gewonnene Bekanntschaft in ehrbar umfriedeter Häuslichkeit gefälligst fortzusetzen.

Aber nein! So viel unbekannten älteren Herren sie auch begegneten, seine Begleiterin sagte zu keinem: Vater, hab' ich dich endlich gefunden! oder was sich sonst bei solcher Entdeckung schickte.

Doch beschäftigte diese Frage nach dem verlorengegangenen Erzeuger seiner Angebeteten wieder nicht nur Robert, sondern, wie sich alsbald herausstellte, noch weit mehr jene selbst. Sie drängte jetzt ungestüm aus dem Saal und drohte ihm davonzulaufen, geschehe, was da wolle, wenn er sie nicht augenblicklich und auf dem kürzesten Wege in ihre Loge zurückbrächte, wo sicherlich Papa schon längst und in der größten Ungeduld ihrer harrte.

Die Angst ward immer vernehmlicher. Die Vermummte redete hastig und weinerlich, wie ein Kind, das sich vor Schlägen fürchtet.

Robert war nicht der Mann, ihr jetzt nicht zu gehorchen. Mit einem Eifer, der ihn beinahe dem Verdruß der Begegnenden aussetzte, erkämpfte er seinem Domino den Rückweg durchs Gewühl zur Treppe, die nach den Logen des ersten Ranges emporführte.

Da, hart am Stiegengeländer, hörte er auf einmal einen leisen Aufschrei dicht an seiner Seite. Sich rasch zu seiner Maske wendend, sah er, wie sich das vermummte Wesen neben ihm zusammenduckte, so daß es hinter seinen Schultern und der Wand für diesen Augenblick verborgen stand.

Rasch das Gesicht wieder der Treppe zukehrend, gewahrte dann Robert einen kleinen feisten apoplektischen alten Herrn mit stolpernden Beinen die Stufen herunterhasten. Derselbe zerdrückte gerade einen Zettel zwischen seinen dicken übermäßig beringten Fingern und schien in höchster Aufregung und Besorgnis zu kochen.

Ist er das etwa? sagte sich Robert sehr enttäuscht und wollte schon auf den Mann zutreten, als er sich von einer kleinen Hand am Frackzipfel festgehalten fühlte.

In demselben Augenblick sagte eine andre weibliche Maske, die ihnen den schwarzverhüllten Rücken zukehrte, im echtesten 32 Pariserisch zu dem erwähnten Herrn, auf den sie am Fuße der Treppe gewartet zu haben schien: »Nun, mein Alter, hast du dein Baby gefunden?«

Der Angeredete machte, die letzten Stufen heruntersteigend, eine abwehrende und verzweifelnde Bewegung mit beiden Ellbogen, ließ es sich aber doch im Weiterschreiten gefallen, daß der Domino, der ihm aufgelauert hatte, sich in seinen Arm hing. Man wußte nicht, welcher von beiden den andern führte.

Robert blickte den beiden Unbekannten starr nach, bis sie in den hin und her wogenden Gruppen allmählich verschwanden. Strähnen des grauen Haares, die sonst in ruhigen Momenten über die kahlen Stellen des Scheitels sorgfältig querübergezogen lagen, standen dem dicken Herrn jetzt wie halbausgerupfte Federn hinten vom Kopf ab. In der linken Hand trug er fortwährend sein gelbseidenes Taschentuch und gestikulierte damit zu seinen eifrigen Reden.

Er hatte keinen hübschen Gang. Nein, gewiß nicht! Auch keine hübschen Beine. Er war so, was man einen fidelen Sechziger zu nennen pflegt, obschon er vielleicht noch am Ende der Fünfzig stand. Er sah aus, als hätte er die Taschen voll Geld. Er sah aus, als spräch' er kein reines Deutsch. Und das war ihr Vater?! . . . War ihm die Tochter ähnlich?!

Hätte sie ein Zauber jetzt im Nu von seiner Seite verschwinden lassen, ich glaube, Robert würde sich in diesem Augenblick über den Verlust der eben noch so heiß Begehrten leicht getröstet haben. Da fühlte er, wie die Gestalt an seinem Arm zusammenzuckte, als schüttelte sie der Zorn, und er hörte sie vor sich hinmurmeln: »Das ist empörend!«

Er wollte schon fragen, was? da wand sie ihren Arm aus dem seinen, faßte mit beiden Händen in ihr Kleid und wollte allein die Treppe hinaufeilen. Sie schien den Kopf verloren zu haben.

»Was ist Ihnen?« fragte Robert sie einholend.

»Lassen Sie mich, mein Herr!« rief sie wild, und Thränen klangen in ihrer Stimme.

Die Entrüstung gefiel ihm, so wenig ihm derjenige gefiel, welchem sie galt. Denn der dicke Herr war offenbar der gesuchte Vater, und der andre schwarze Domino war offenbar die Veranlassung, welcher Robert die lange Unterhaltung mit seiner Maske zu verdanken hatte.

Das Gedräng auf der Treppe ließ die grollende Tochter nicht so hurtig in die Höhe steigen, als ihre Ungeduld es 33 verlangte. Zornig ob dieser Zögerung stampfte sie mit dem Fuß auf die Stufe.

»Beruhigen Sie sich, mein Fräulein,« sagte nun der Maler, der wieder dicht hinter sie getreten war und ihre widerstrebende Hand erfaßte.

»Lassen Sie mich allein!« antwortete sie heftig.

Als er ihr aber zuflüsterte: »Was wollen Sie jetzt in der leeren Loge? Zusehen, wie sich Papachen im Saal bewegt?« Da wandte sie sich jählings um und sah ihm scharf in die Augen.

Sie auf der oberen Stufe, er auf der unteren, so trafen sich die Blicke der beiden fast auf gleicher Linie. Dies Blicken Aug' in Auge schien das Fräulein zu besänftigen. Leise neigte sie sich vor, als sollte Stirn und Stirn sich berühren, als wollte sie ihren Blick so tief wie möglich in seine arme Seele bohren.

»Seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie eben so schlecht behandelte!« sprach sie. »Vergessen Sie mich nicht! Und nun rasch fort! Bringen Sie mich zu meinem Wagen!«

Sie sprang die kaum erklommenen Stufen wieder hinab, und Robert hatte Mühe, der Davoneilenden an der Seite zu bleiben.

Sie standen im Vestibül der Oper, eh' er's hoffte.

»Einen Fiaker! Bitte! Rasch!« sagte sie zu ihrem Begleiter.

»Aber bedenken Sie, Fräulein, ohne Mantel, ohne Ueberwurf in dieser Kühle nach der Hitze im Saale!«

»Ich bin nicht so empfindlich!« gab sie zurück. »Nur hurtig, daß ich Papa'n zuvorkomme und ihm heut abend nicht mehr ins Gesicht sehen muß. Der schuldige Respekt möchte dabei Schaden leiden! O, wenn Mama erführe, daß wir beide auf dem Opernball gewesen . . . und er . . . gerechter Gott! . . . Ich bitte Sie, einen Wagen!«

Zögern half da nichts, und Robert mußte der Bittenden willfahren. Ein Mann, der müßig vor der Pforte auf derlei Geschäfte lauerte, fand ihm bald einen Fiaker. Robert führte den Domino am Arm die Freitreppe hinab, in einer seltsamen Mischung der Gefühle diesen letzten Augenblick einer berauschenden Unterhaltung auskostend, und hob die zierliche schwarze Gestalt in den Wagen.

Da hatte sie auch schon die Thüre vor ihm zugezogen, aber sie ließ ebenso rasch das Fenster herab. Das schwarzumbänderte, schwarze Gesicht, die starre Seidenfratze im kleinen viereckigen Rahmen des Wagenfensters mutete ihn wie verwandelt an, so spöttisch, so boshaft, so geringschätzig!

34 »Wohin soll Sie der Kutscher bringen, Madame?«

»Ich werd' es demselben im Weiterfahren selber sagen. Sie sollen es nicht wissen!«

Robert reichte dem Kutscher einen seiner letzten Fünffrankenthaler auf den Bock hinauf und rief ihm zu: »Schnell geradeaus! . . . Aber halt, noch einen Augenblick!«

»Was wünschen Sie noch, mein Herr?« fragte die kichernde Stimme.

»Sehen wir uns nicht wieder?«

»Vielleicht!« lautete die Antwort und dabei winkte die schwarze Hand mit den Blättern seines kleinen Skizzenbuches ihm Lebewohl zu.

Robert faßte den Rand des Wagenfensters mit beiden Händen, als könnt' er das Gefährt zurückhalten, wenn die Pferde zu früh anzögen.

»Lassen Sie die Maske fallen! Ich bitte Sie!« flüsterte er.

»Warum?«

»Warum! Welche Frage! Schon damit ich Sie wiedererkenne, wenn wir uns begegnen!«

»Das soll Ihnen Ihr Herz sagen, mein Herr!« Und sie lachte wieder. Aller Aerger, der sie aus dem Saale gejagt hatte, schien bereits verwunden.

»Sie wollen mein Herz zum Narren haben!« rief Robert vorwurfsvoll. »Zeigen Sie mir Ihr Angesicht! Einen Augenblick nur! Es sei ein Zeichen Ihrer Achtung!«

Der Domino lachte schon wieder. »Heuchler, der Sie sind! Es ist Ihnen gar nicht um ein Zeichen meiner Achtung zu thun. Sie fürchten bloß in diesem Augenblick lächerlich zu erscheinen, das ist alles! Lächerlich fürchten Sie zu erscheinen. weil Sie glauben, ich sei so häßlich, daß Ihnen das ganze Abenteuer leid werden möge.«

»Also gute Nacht!« sagte Robert verzichtend.

Und die Dame im Wagen sprach weiter: »Ich hab' es Ihnen ja vorausgesagt, daß ich häßlich bin. . . . Nun also. . . . Fort Kutscher! Ade, mein Herr!«

Der Wagenlenker schnalzte, die Pferde zogen an, die Räder bewegten sich kreischend, da fiel, wie geflissentlich vorbereitet, die Larve vom Haupte, das sich aus dem viereckigen Wagenfenster herausbeugte, und die reichlichen Gaslaternen vor dem Opernhause beleuchteten ein lachendes Mädchenangesicht, das grüßend nach dem überraschten Robert zurückblickte, bis es die Dunkelheit der nächtlichen Ferne einschlang.

Robert wollte aufjubeln. Unwillkürlich hob er die rechte 35 Hand, wie wenn er ein Schnippchen schlüge. Nein, sie war nicht häßlich! Ganz und gar nicht! Der lose Schalk! Ein feines kapriziöses Gesichtchen mit ein Paar dichten schwarzen Brauen und ein Paar prächtigen dunklen Augen und mit einem lachenden Mund voll tadelloser Zähne.

Er atmete tief auf; das hätte schlimm ablaufen können. Er war doch gar zu leichtsinnig! Wäre sie wirklich häßlich gewesen, so wie der alte Knabe vielleicht, den er mit Recht oder Unrecht für ihren Erzeuger hielt . . . puh! – Es schüttelte ihn bei dieser Vorstellung – er hätte sich zu Tode geschämt. Nun aber kosten seine Gedanken mit dem neckischen Bilde, das immerzu im schwarzen Rahmen des Kutschenfensters auf nächtlichem Grunde vor seinen Augen dahinfuhr und ihm zunickte, wie ein Traum, wie ein Versprechen, wie ein wachsendes Bißchen inniger Liebe!

Ja, ja, ihm sagt' es der raschere Schlag seines eigenen Pulses, auch ihr launisches verzogenes Herzchen redete in dieser Minute zu seinen Gunsten, und er wird sie wiedersehen, und sie werden weiter miteinander plaudern, lange süße Geschichten.

Aber wann?! . . . Heute nicht mehr! Das stand leider fest. . . . Doch eine zuversichtliche Stimme in seinem Innern sagte: Bald! Bald!

Wie nur dies bald beschleunigen? Er dachte das und jenes aus. Aber alles, was er sich ausdachte, glitt ihm als unnütz wieder zwischen den Fingern durch und wurde verworfen. Es hieß eben Geduld haben, Geduld und Vertrauen.

Sie besaß die Tugend der Geduld nicht, hatte die Vermummte auf dem Balle gesagt. Das freute Robert nun nachträglich gar sehr. Denn, wenn auch sie Feuer gefangen hatte – und solche Leidenschaft konnte unmöglich einseitig empfunden werden – dann wird die Ungeduld ihres Wesens auch Mittel und Wege finden, ein Wiedersehen anzubahnen! . . . Wenn aber nicht? Wenn die Laune dieses Abends sich getrosten Herzens ablegen und beiseite schaffen ließe, wie Domino und Maske, die ihr auch ein paar Stunden Spaß gemacht und, nun ihr Dienst gethan und der Mummenschanz vorüber war, keinen Wert mehr für sie hatten? . . . Der Gedanke war zu abscheulich, als daß eine Natur wie die Roberts lange dabei verweilen mochte. Aber der Gedanke kam doch ab und zu wieder. Es war etwas in jenen verschmitzten Augen, etwas in ihrer neckenden Stimme, das ihm zuzuwinken, zuzurufen schien: nimm dich in acht! . . . Hatte sie nicht selbst gesagt, sie wäre grundschlecht, launisch und falsch?

36 Robert lachte laut auf. Hatte sie nicht auch gesagt, sie wäre häßlich von Angesicht! . . . Durch sein Auflachen betroffen, hatte sich ein Stadtsergeant nach ihm umgedreht und kam langsam martialischen Schrittes auf den einsamen Schwärmer zu, der im Frack und Klapphut noch immer unter den Säulen der Auffahrt stand und den Wagen nachsah, die davonrollten.

»Sie werden sich einen Schnupfen holen, mein Herr!« sagte der Polizist in jenem geschäftsmäßig bärbeißigen Ton, mit welchem in Frankreich alte Soldaten in Beamtenstellung auch die gleichgiltigsten und friedlichsten Bemerkungen herunterzuschnarren lieben.

Robert sah den Sergeanten an wie einen Wecker am frühen Morgen und sagte: »Einen Schnupfen? Das fehlte mir jetzt gerade! Ich danke Ihnen, mein Herr.«

Damit ging er wieder ins Opernhaus zurück. Nicht aber, um noch einmal den Ballsaal zu betreten. Gott bewahre! Seitdem der kleine Kobold, der ihn zwei Stunden lang so lieblich geneckt hatte, daraus verschwunden, waren für Robert alle Lichter dort ausgelöscht, war die Musik nur störendes Geräusch und jeder andre Mensch einfach unausstehlich.

Er ließ sich nur in der Garderobe seinen Mantel umhängen – eine Handreichung, die seine Barschaft wieder um hundert Centimes verringerte – und machte sich sofort auf den Heimweg

Nun kam ihm allerdings, wie er so den Boulevard hinabwandelte, der Gedanke an die wenigen Franken und etlichen Sous, die bis auf weiteres sein ganzes verfügbares Vermögen ausmachten.

Donnerwetter ja! Jetzo hätte er reich sein mögen, recht reich! Zum erstenmal im Leben wünschte er sich sehnlich, ein vermöglicher Mann zu sein . . . und warum? Um zu verschwenden, um der Geliebten zu Füßen zu legen, was schön und kostbar und ihrer wert war!

Allein schon im nächsten Augenblick mußte er über sich selber lachen. Was war denn Geld? Blinkender Kot und der Kuppler der Dummen und aller von Mutter Natur Vernachlässigten! Brauchte ein Künstler, brauchte ein Kerl wie er Geld, viel Geld, um einem Mädchen zu gefallen, um ein Mädchen zu gewinnen? Warum nicht gar! Er verargte sich solch einen Gedanken und blies ihn weit von sich.

Und war so frohen, so arglosen Herzens. Er hätte jeden Lumpensammler, welcher die Kehrichtbütte auf dem Rücken, den Stöberhaken in der Hand, auf dem nächtlichen Weg ihm 37 begegnete, er hätte jeden Stadtsergeanten, der, mißtrauischen Blickes ihn messend, an dem heimzügelnden Nachtschwärmer vorüberstrich, aufhalten und ihnen sagen mögen, daß heute eine wunderbare Nacht gewesen sei, die für ihn den Anfang eines neuen Lebens bedeuten werde.

In dieser Stimmung bestieg er den Montmartre, in dieser Stimmung legte er sich zu Bette, in dieser Stimmung wachte er am andern Tage – spät am Tag – auf und sprang jählings in die Höhe, als stünde das Glück schon ein Weilchen klopfend vor der Thür und sei Gefahr im Verzuge, wenn er nicht sogleich öffnete.

Es stand aber nichts und niemand vor der Thür, und der Tag verging, ohne daß ein Lebenszeichen von seiner Unbekannten gegeben wurde, und der nächste Tag auch, und der dritte und vierte gleicherweise.

Da ward der verliebte Maler sehr unwirsch und philosophierte in lästerlichster Weise über das Weib und seine Schwächen im allgemeinen und die seelische Beschaffenheit der treulosen Person, die sein Herz gestohlen hatte, noch ganz besonders. Was aber alles weder an der Thatsache noch an dem Bewußtsein etwas änderte, daß er über beide Ohren verliebt war und nicht einmal recht wußte, in wen.

Robert meinte es nachgerade vor Sehnsucht nach seiner Unbekannten gar nicht mehr aushalten zu können.

Es trieb ihn aus seiner Werkstatt, es trieb ihn in der ganzen Stadt herum; er studierte die Fremdenlisten der verschiedensten Hotels durch und betrachtete sich die Leute, welche nachts aus den großen Theatern strömten, er lief an jedem Vormittag durch alle Säle des Louvre, er machte jeden Nachmittag die längsten Spaziergänge in den Elyseeischen Feldern und im Boulogner Gehölz, und er versäumte nichts, was einer angeben kann, der im Menschenmeer der Großstadt ein einzelnes kleines Mädchen sucht und keinerlei Anhaltspunkt hat, es zu finden. Keinen andern Anhaltspunkt als sein drängendes Herz und ein eitles leeres Versprechen.

Alle Mühe war umsonst, alles Suchen war vergebens – und doch verließ ihn die Zuversicht nicht, dem reizenden Kobold wieder zu begegnen. Aber er ward schier dumm und thöricht vor lauter Erwartung und Sehnsucht, und in seinem Kopfe fand kein andrer Gedanke mehr Platz als der an die kaum einmal gesehene Geliebte. –


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