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Gutenberg > Hans Hopfen >

Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ging es Robert Leichtfuß wirklich so schlecht? . . . Entsetzlich schlecht! Schlechter denn je!

Er meinte, das Mißgeschick sei über ihn gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Er hatte doch nur eben alles in des Glückes lachender, rosenfarbener Beleuchtung gesehen! Und jetzt 107 war alles trüb und dunkel, hoffnungsloser mit jedem Tag, und wohin er faßte, blieb ihm, was er für Stütze gehalten hatte, nutzlos in der Hand; wo er anpochte, schob man den Riegel nicht zurück, sondern flugs noch einen zweiten vor. Alle Thüren zu, aber fest zu! Und er heraußen mit dem Kind im Hagelwetter der Not, im unbarmherzigen, sinnverwirrenden, rasend machenden Gepolter der Blitze, Schloßen und Stürme des Geschicks.

Ja, wie's nur gekommen war! Hatte er leichtsinnig nach alter Gewohnheit in den Tag hineingelebt? Nicht daß er wüßte. Hatte er vergeudet? Um Gotteswillen, nein! Er hatte gearbeitet, einsam, emsig, unverdrossen; er hatte sein Kind behütet und sich kein andres Glück gegönnt, kein andres Glück begehrt, als neben seinem heiter spielenden Kinde gewissenhaft zu arbeiten und also ganz seiner Kunst zu leben. Er wußte, daß die Summe, die er in Rom und Florenz sich mühsam zusammengemalt hatte, nicht ewig dauern würde, er hatte jeden Centime zweimal in der Hand umgedreht, eh' er ihn weggegeben. Er hatte sparsam, hatte einfach gelebt. O, so sparsam, um nur nicht in Abhängigkeit zu geraten. Er hatte keine Bedürfnisse mehr, als die gewöhnlichsten, das Leben zu erhalten. Fürs Kind freilich galt ein andres Gesetz. Erna war's gut gewöhnt. Für Erna durfte nicht gar zu sehr gespart werden.

Er wußte wohl, er war kein Rentner. Ach nein! Er war ein Arbeiter. Aber ein tüchtiger Arbeiter, nicht mehr der Taster, der seines Könnens ungewiß hin und her schwankte und nicht wußte, woher der Ruf an ihn ergangen und wohinaus der Weg zum Ruhme führte. Er kannte sich und seinen Wert. Er war zum vollbewußten Künstler ausgereift. Und Paris war die Stadt der Kunst, wo einer mit geübten Fingern nicht zu verhungern brauchte!

Freilich, es war das alte Paris nicht mehr! Man machte Unterschiede zwischen Heimischen und Fremden, recht bedeutende, recht unsinnige Unterschiede, die man früher unter Malern nicht gekannt hatte. Sonst war gut eben gut und schlecht war schlecht gewesen. Und hatt' er sich früher in seiner unfertigen Periode den Teufel darum gekümmert, oder war die alte Zeit wirklich ehrlicher und fördersamer für das bloße Talent gewesen, ihm schien, daß Gönnerschaften, Umtriebe und die alles überschreiende Reklame jetzt ganz andre Wirkung und Ausdehnung hätten, als vordem.

Es war vielleicht keine gute Wahl, als er zum zweitenmal Paris, die schöne Stadt der schönen Künste, zu bewohnen sich entschied! Er wäre vielleicht besser wieder nach Florenz zurückgekehrt und hätte in Gottes Namen Kopieen gefertigt für 108 Engländer und Russen und dergleichen Kenner. Aber was wäre dort aus Erna geworden, wenn er aus dem Palazzo Pitti oder den Uffizien nicht herausgekommen wäre vor Sonnenuntergang, während hier in der kleinen Werkstatt der Murillostraße sein Kindchen lustig neben der Staffelei sein Spielzeug aufgestellt hatte und ihn anlachte, so oft es wollte!

Ach die glückseligen Stunden, ach die gleichmäßig frohen Tage, die er so verlebt hatte voriges Jahr an der hallenden See und nachher hier oben in dem engen, behaglichen Atelier über dem tosenden Paris! Was verlangte Robert viel, um glücklich zu sein: sein Kind, ungestörte Arbeitszeit und des Lebens Notdurft. Sollt' er, der ausgereifte Meister, nicht im stande sein, sich hier auf dem größten Weltmarkte der Kunst, das bißchen Geld zu verdienen, was er für des Lebens Notdurft brauchte? Es wäre ihm lächerlich, wäre ihm kleinlich erschienen, daran auch nur eine Minute lang zu zweifeln.

Manch einmal freilich im Tage ging er, Malstock und Palette noch in der Linken haltend, von der Staffelei hinüber zu dem Schranke und zog mit der rechten Hand die oberste Schieblade heraus und überzählte mit unruhigem Zeigefinger, was ihm an Banknoten und Goldstücken noch vom Honorare des edlen Herrn von Sempach übrig blieb. Es wurde wirklich immer weniger! Von Tag zu Tage weniger! Wenn ihm aber bei diesem Anblick die Sorge hart ans Herz greifen wollte, da schob er die Schieblade hastig zu, drehte den Schlüssel zweimal im Schloß und wandte sich dann jäh nach der Staffelei herum.

Dort saß sein Kind lachend an der Erde, und darüber thronte, in bunten Farben gleißend, die Leinwand, von welcher er alles hoffte, was er jetzt entbehrte, Ruhm, Geld und Seelenruhe . . . von der er zuversichtlich und ohne Ueberspannung das alles hoffen durfte.

»Das Heimwesen des Horaz« nannte er sein Bild. Auf seinem Landgut Sabinum sah man den römischen Dichter rosenbekränzt sitzen – ein schöner Fischerjüngling zu Roqueville hatte seine Züge dazu herleihen müssen – um ihn herum antikes Gerät. Die elfenbeinerne Leier und der silberne Mischkrug für den Falerner fehlten nicht. Ihm zur Seite ein schönes Mädchen, das sich dem Kosenden schelmisch nur halb entwand. Ob es Phyllis oder Lalage, Lydia oder Chloe oder nur eine menschliche Verkörperung der lyrischen Muse sein sollte, blieb dahingestellt.

Klein-Erna, die zuweilen mit naseweisen Bemerkungen die Arbeit des Malers begleitete, rief einmal aus: »Das soll wohl Tante Sophie sein!« und das Kind fing bitterlich an zu 109 weinen, als der Vater behauptete, daß er gar nicht an Sophie gedacht habe und das dort ein römisches Fräulein, welches schon bald zweitausend Jahre tot, sei.

Klein-Erna jedoch trocknete ihre Thränen und sagte mit dem Eigensinn der Kinder, die einen lieben Gedanken so wenig wie ein liebes Spielzeug aufgeben wollen: »Und es ist doch Sophie! Meine gute Sophie!«

Robert fragte sich, ob ihm die Erinnerung einen Streich spielte, als er das blonde Haupt dieser Idealgestalt sich erschuf, und er ließ den Gelbschnabel ungestraft weiter plappern, für welchen das zierliche Figürchen auf der Leinwand nun einmal Sophie hieß und nicht anders.

Auf dem Bilde war noch allerhand zu sehen außer den beiden Menschen nebst dem lyrischen und ackerbaulichen Stillleben um sie herum. Weiter zurück sah man Kuh und Schaf, zu welchen Tieren im vorigen Sommer normännische Vierfüßler Modell gestanden hatten, und über diesen sah man weit hinaus ins Freie: da lag mit allen Reizen der sonneschwelgenden Campagna das alte Tibur am Gebirge. Robert hatte vor zwei Jahren die landschaftliche Skizze in Tivoli selbst gemalt auf einem Sommerausflug zwischen zwei Kopieen für Sempach.

Dies Bild, das er in Paris vollendete, war gleichsam ein Sammelwerk alles dessen, was der Künstler konnte. Nicht die Einseitigkeit, die Fülle eines großen Talentes sollte der staunenden Welt damit bewiesen werden. Und wenn sie erst staunte, die Welt, ei, warum sollte sie nicht auch zahlen!

Robert war seines Erfolges so sicher; trällernd und lachend gab er der Leinwand die letzten Striche der Vollendung, mit wahrer Zärtlichkeit zog er den Firnis darüber, und dann nahm er getrost aus der Schieblade von dem zusammengeschwundenen Geldvorrat einen beträchtlichen Teil, um für das merkwürdige Bild einen auffallenden Rahmen machen zu lassen. Ein altes florentinisches Muster schwebte dem Maler vor Augen. Das zeichnete er auf und ließ danach den Rahmen schneiden, mit dem sein Werk die Ausstellung beziehen sollte.

Der kam also ziemlich teuer; allein das Geld entnahm er getrost seinem schwindsüchtigen Schatze, denn das wird sich lohnen und vervielfältigen! Nicht ohne ein Gefühl der Rührung sah er dem bunten Viereck nach, als es die Männer forttrugen, die es vor die Jury schleppten; nun wird es in fremde Hände wandern, was sein eigenstes Denken und Fühlen gewesen war monatelang! Es ist doch schade, daß man sich vom Besten, was man hat,. als Künstler trennen muß, um es an fremde 110 Leute, die einem gleichgiltig sind, hinzugeben für schnödes Geld. Aber das ist eben Malerlos!

Du hättest dich trösten können, Robert Leichtfuß; so schwerer Verdruß blieb dir erspart! Schnöder Mammon sollte dich nimmer über den Verlust dieses eigensten Werkes trösten. Die Jury, welche über die Zulassung zur Ausstellung entschied, verweigerte dem »Heimwesen des Horaz« die Aufnahme in den Salon dieses Jahres.

Robert Leichtfuß wäre weniger erstaunt gewesen, wenn der Blitz in seine Werkstatt geschlagen und das Bild auf der Staffelei in Flammen verzehrt hätte. Einen Augenblick war ihm, als kreisten alle Wände mit ihm herum und schlängen sich die Jahre wie in einem Wirbel zurück, und da wär' er wieder der arme Schlucker von damals, auf Geratewohl von der Hand in den Mund lebend, ohne jegliche Aussicht auf Glück und Stern.

Ja, war er das? Sollt' er ewig der Niemand bleiben, an dem die Menschen achselzuckend vorbeigehen und sagen: Wir kennen ihn nicht, und er wird wohl betteln gehen müssen. . . . Ei, so gib mir auch die alte Laune wieder, den lustigen Trotz und die königliche Gleichgiltigkeit gegen all das gewöhnliche Elend dieser Welt! Den Bettelstolz des unerschrockenen Talents, dem sein eigenes Streben, sein eigenes Lob genügt, der des Erfolgs nicht bedarf und des Lohnes entbehren kann!

Je nun, war sein Mißgeschick noch das alte, war er doch auch noch der alte Kerl, es zu tragen! . . . Ja, ja, schon gut . . . aber hier auf dem Estrich saß ein kleines Kind von sechs Jahren bei einem zerrissenen Bilderbuch und einer zerbrochenen Puppe und sagte: »Vater, wollen wir nicht zum Essen gehen?«

Ihm freilich war der Hunger vergangen. Ihm lagen die sauberen Entscheidungsgründe schwer im Magen, mit welchen die Unwürdigkeit seines Bildes ausgesprochen worden war. Kein gutes Haar hatten sie an dem ganzen Gemälde gelassen, nicht an den Menschen, nicht an den Haustieren, sogar die Richtigkeit des archäologischen Kleinkrams hatten sie angefochten, diese splitterrichterlichen Tröpfe, das saubere Detail, welches er aus allen Museen Latiums in seine Skizzenbücher getragen hatte! Nichts hatte Gnade gefunden. . . . Nein, doch eins, das alte Tibur dahinten, die Landschaft in dem oberen Viereck, die hatten sie gelobt, sogar mit überschwenglichen Ausdrücken gelobt. Man weiß, was so ein Begleitlob wert ist, soviel wie der Streuzucker, in den die bitteren Pillen gerollt werden, damit das Kind sie in Gottes Namen hinunterschluckt. So große Herren sollten sich so einfältiger Redensarten schämen! Solche 111 Landschaften malte einer im Schlaf, was bedeutete so ein Hintergrund! Die hatten's verstanden, sich bei ihm einzuschmeicheln, die weisen Herren, wie sie ihn Landschafter nannten. Dieser Schimpf hatte noch gefehlt zu dem Unglück.

Und ein Unglück, nicht nur eine Schande schien ihm diese Zurückweisung. Um Gotteswillen, woher Geld kriegen? Seine Barschaft reichte mit aller Genauigkeit voraussichtlich noch für zwei Monate, und vielleicht kaum so weit!

Aber zwei Monate sind lang, und Robert Leichtfuß wird den Mut nicht sinken lassen! Nein, so ein Schwachherz war er nicht. Man hatte denselben Streich schon andern gespielt, von welchen dieselbe Jury dann mit dienstbeflissenen Händen am Tempel des Ruhmes beide Flügelthüren aufriß und jeden Barbar und Kleinkrämer schimpfte, wer vor diesen Klassikern nicht den Hut schwenkte.

Robert hatte Genossen zu Hauf in seinem Mißgeschick, Genossen in alter und jetziger Zeit, Genossen, die Rache für solchen Schimpf nahmen, die Rache, welche dem Künstler geziemt, sein Bild trotzdem vor die Oeffentlichkeit zu bringen und an das Urteil des großen Publikums gegen das Urteil dieser engherzigen Kameradschaft zu appellieren. Es lebe der Salon des refusés! Es lebe die geistreiche Erfindung, die abgewiesenen Bilder zu einer eigenen Sammlung zu vereinigen und aller Welt zu Augen den Beweis zu führen, wie ungenau, wie ungerecht manchmal selbst jene Kenner ihr Urteil schöpfen, in die der Staat von Rechts wegen das größte Vertrauen setzt!

Auch aus dem Salon des refusés verkauften sich Bilder und Statuen. O, erst recht! Sie waren hier freilich etwas billiger. Aber wie manches Stück wanderte aus dieser Gesellschaft der Abgewiesenen in die weite Welt hinaus und machte die Runde durch Europa, um schließlich in irgend einer namhaften Galerie einen Ehrenplatz einzunehmen. Er hielt solch außerordentliches Schicksal wenigstens bei seinem Bilde für mehr als wahrscheinlich. Und er begab sich in diese doch zumeist recht schlechte Gesellschaft.

Als Robert Leichtfuß zum erstenmal an diesen Wänden entlangstrich und die Machwerke betrachtete, mit denen sie behängt waren, lief ihm ein Schauder über den Rücken und die Röte der Scham ins Gesicht. Also diese Schächer, die Schöpfer dieser Mißgeburten, das waren seine Nebenbuhler! Er selbst hatte sich unter sie begeben und gebeten: Nehmt mich als euresgleichen auf! War das der Hafen und das Ziel, bei dem der tollkühne Lauf eines Genies anlangte! Gott sei den armen 112 Sündern gnädig, die da um mich herumhängen! Und bin ich wirklich nur ihresgleichen einer?!

Das Publikum stand in Gruppen herum. Meist vor den schlechtesten Gemälden, bei denen es etwas zum Lachen gab. Und wie sie lachten, und was für arge Witze gerissen wurden! . . . Vor dem »Heimwesen des Horaz« bildeten sich keine Gruppen. Es blieb niemand davor stehen. Kaum daß ein Vorübergehender seine Augen darauf haften ließ. Es war nicht schlecht genug, um in dieser Gesellschaft aufzufallen. Nicht gut, nicht schlecht, was war es denn? Was war er selber? Eine Mutlosigkeit, wie er sie nie gekannt, eine jeden guten Gedanken abtötende Traurigkeit fiel wie ein bleierner Mantel über ihn.

Er stürmte hinaus, davon. Die Menschen, die ihm begegneten, stoben wie Schatten an ihm vorbei. Was war ihm die weite Welt mit allem, das darauf kroch und flog, wenn er kein Maler war! Was sollte aus seiner kleinen lieben Welt werden, wenn er nicht im stande war, für sich und sein Kind das tägliche Brot zu verdienen!

Ein Pferdebahnwagen klingelte dicht vor seinen Ohren. Er sprang jäh zur Seite und hörte, wie der Kutscher vom Bock herunter und die Müßiggänger vom Bürgersteig herüber den traumseligen Narren schimpften, der ehrliche Leute in Gefahr brächte, ihn bei lebendigem Leibe zu rädern.

War er wirklich einer Gefahr entgangen? Er zuckte die Achseln und hastete weiter wie sinnbetäubt. Doch tönte der Anschrei, mit dem er von den Pferden weggerissen worden, wie ein dumpfes Echo in ihm nach.

Da war die Seine. Mitten auf der Brücke blieb er stehen, aufatmend, um sich blickend, fragend. Er mußte sich ans Steingeländer lehnen, um nicht in die Kniee zu knicken. Er war wohl gar zu schnell gelaufen. Er besann sich nicht darauf, aber sein Herz hämmerte wie ein ablaufendes Uhrwerk in seiner Brust.

Noch ein bißchen rascher, noch ein bißchen heftiger hämmern, daß der Strang birst, und dann ist alles aus, Ehrgeiz und Kummer und Plage, und der ganze Mückentanz in Gottes gleichgiltig scheinender Sonne, den wir Streben und Leben nennen. . . . Wohl, und was wird dann aus Erna?

Erna, mein Kind, mein süßes Kind, mein Einziges auf der Welt! Er fühlte, wie ihm die Augen schwollen und seine Züge sich bitterlich verzerrten. Er wollte den Vorübergehenden nicht das lächerliche Schauspiel eines einsam mit sich selbst redenden Unglücklichen geben. Er wandte sich um und sein Gesicht dem Wasser zu. Drunten gurgelte, strudelte, floß die graue Seine dahin.

113 Das Kind in den Arm genommen, einen letzten Kuß auf den roten Mund und dann ein Sprung übers Geländer! Die Wasser zischen dir am Ohr vorbei und strudeln an dir hinauf und über dich empor. Du meinst dein Kind noch einmal schreien zu hören, aber die Wogen übergurgeln jeden andern Laut. Die kleinen Arme pressen sich mit verhundertfachter Gewalt an dich. Das Mitleid will dir noch einmal den Willen umkehren. Aber du bist ein Mann und bleibst stark. Noch zwei Minuten den Entschluß festhalten, starr und steif und eisern, dann vergehen dir Sinn, Gefühl und Gedanken, und ihr seid beide frei von allem Jammer, und an den Farbentöpfen in deiner Werkstatt mögen sich dann die Mäuse vergiften, während sie sich die kunstgeschichtliche Frage vorlegen, ob du ein Maler warst oder nicht! . . .

Steigt's doch wie ein Rausch auf aus dem nüchternsten Elemente, dem Wasser, wenn man ins gleichmäßig gleitende Grau hinunterstarrt und das Leben einem schwer auf den Nacken drückt!

Robert neigt sich weiter und weiter vor, ihn überläuft ein Schauder. Und wie einer sich vor wachsender Betäubung durch physischen Schmerz zu ernüchtern sucht, drückt er acht Fingernägel auf einmal heftig in seine Stirn. . . . Was hast du da gedacht? Erna? Du willst dich und dein Kind da hinab?! . . . Und er fängt an helllaut aufzulachen. Er stellt sich aufrecht, trocknet die paar Blutstropfen von der Stirn und fragt sich, ob er denn heut über Durst getrunken habe, weil er auf so ganz wahnwitzige Hirngespinste sich verirrt. Robert Leichtfuß und verzweifeln! Nein, das gibt es nicht! Daß ihn die gekränkte Künstlereitelkeit so aus Rand und Band bringen könnte, hätt' er selber nie vordem geglaubt. Es soll auch nicht wieder geschehen! Nie wieder! Wenn ihn, des Ruhmes mangelnd, wieder Zweifel an seinem Beruf anfallen wollen, wird er sie mit der Versicherung von sich scheuchen, daß er ein Maler sei, weil sein Kind dessen bedürfe. Und damit basta!

Mit dem Gedanken an sein Kind macht er sich auf die Strümpfe. Er weiß schon, was er nun will. Er steuert hinüber nach dem Boulevard des Italiens, wo der alte Spitzbube Lefranc nach wie vor seine Bude hat. Spitzbube, nun wohl, aber ein Kenner der Kunst und der Menschen und einer, der Auskunft weiß in Nöten, und Bilder verkaufen kann, wenn er will. Er hat ihm ja vordem wohlgewollt, vielleicht läßt sich bei dem Manne Brot finden. Nur Mut!

Mit jedem Schritt wird ihm deutlicher, daß ein Mensch wie Lefranc ihm gerade gefehlt habe. Er nimmt sich vor, dessen 114 Weltklugheit auszuhorchen und seinen Feuereifer so gut er kann für seine neuesten Werke in Bewegung zu setzen.

Er hat gehört, daß sich Lefrancs Geschäft ungemein gehoben habe. Als er neulich mit Erna an der Hand am alten Laden vorbeiging, und der spitzbärtige Bilderkuppler unter der Glasthüre stand, tauschten sie Gruß um Gruß. Er kannte ihn also noch. Nur Mut!

Der Laden am Boulevard des Italiens war allerdings noch immer derselbe, allein der Eigentümer hatte sich sehr verändert. Der Knebelbart war ganz grau geworden, dagegen eine funkelnagelneue Perücke den einst so schäbigen Scheitel anmutig, nur etwas auffallend bedeckte. Der sonst ziemlich fleckige Flaus mit weiß abgeschabten Nähten hatte einem tadellosen schwarzen Rock mit zwei Reihen Knöpfen Platz gemacht, und in dem obersten Knopfloch links prangte eine brennrote Rosette. Wenn es nicht ein ausländischer Orden von derselben Farbe war, so war es wirklich die Ehrenlegion.

Lefranc nahm als Kunstverständiger nunmehr noch eine weit bedeutendere Stellung ein als vordem; die Sammler schworen auf sein Urteil, er beherrschte den Markt und war sich dessen mit Unverschämtheit und Würde bewußt.

Als Robert Leichtfuß bei ihm eintrat, schien der Bilderhändler den Besucher nicht gleich zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit war gerade von einer neuen Aufstellung etlicher Tafeln, die seine Kommis vollziehen mußten, in Anspruch genommen, und sein Gesicht mochte in der That mit den Jahren etwas schwächer geworden sein.

Nachdem er erst mit kurzen Worten um Entschuldigung und Geduld gebeten hatte, kam er, sobald die Bilder nach Wunsch aufgebaut standen, an den Eingetretenen heran. Er blinzelte, er fragte, er war nicht sicher, ob er einen alten Bekannten vor sich hätte oder nicht. Plötzlich ging ihm ein Licht auf: »Ach, Sie sind's, der Mann mit dem zähnebrechenden unaussprechlichen teutonischen Namen!« und er schüttelte Robert die Hand.

Aber bald veränderte er den Ton freundlicher Begrüßung und fing zu nörgeln an. »Wir haben uns lang nicht gesehen, schade! Na, ich hörte, daß Sie eine reiche Heirat gemacht haben. Genehmigen Sie meine aufrichtigen Glückwünsche, Herr Robert.«

»Keine Ursache, Herr Lefranc, keine Ursache!«

»O doch, mein Herr! Wenn man reich ist, kann man sich seinen Liebhabereien hingeben, auch wenn sie kostspielig sind, und hat nach der Meinung des dummen Pöbels und nach dessen gehorsamen Dienern, wie leider ich einen solchen abgeben muß, 115 nichts zu fragen. . . . Wollen Sie mir vielleicht ein Bild abkaufen, da Sie nun reich sind? Vielleicht einen echten Tiburtin? Es gibt noch dergleichen. Kommen Sie nur!«

»Sie irren, Herr Lefranc,« entgegnete Leichtfuß bescheiden, aber bestimmt. »Ich komme nicht zu Ihnen, um Bilder zu kaufen, sondern um welche zu verkaufen, wenn's möglich ist.«

»Sie!« Das war alles, was Lefranc darauf erwiderte, aber er rief es unverschämt laut, und sein Mund blieb offen, sein Zeigefinger ausgestreckt, als erstarrten beide vor Erstaunen.

Der Maler fuhr ruhig fort. »Ich bin durchaus nicht reich. Ich bin im Gegenteil nach wie vor darauf angewiesen, mein tägliches Brot im Schweiße meines Angesichtes zu verdienen.«

»Das tägliche Brot?« sagte der Händler. »Und das wollen Sie mit Krusten der Art, wie die im Saale der Zurückgewiesenen, verdienen? Sapristi! Sie haben mehr Mut als Verstand. Reden wir von andern Dingen!«

Er redete jedoch durchaus nicht von andern Dingen, sondern nun erst recht von dem Bilde, das er ein mißlungenes nannte, ohne das kleinste Blatt vor den Mund zu nehmen.

Robert hatte sich Gelassenheit geschworen, er stand vor dem Scheltenden wie ein Badender unter einer Douche, der überzeugt ist, daß die ihn von oben bis unten überrieselnde eisige Unbequemlichkeit seine Hautthätigkeit angenehm befördern und seinem ganzen alten Adam sehr zu gute kommen werde. Er muckte erst auf, als der boshafte Lefranc mit dem bitteren Rezepte schloß: »Wenn Sie meinem Urteil, wenn Sie dem guten Rat eines alten erfahrenen, wohlwollenden Kenners folgen wollen, so schneiden Sie die kleine hübsche Landschaft, die Sie vom alten Tivoli oberhalb jenes Durcheinanders von unvollkommenen Menschen, Tieren und Gerätschaften gemalt haben, aus der Leinwand mit einem scharfen Messer heraus, ziehen sie auf einen eigenen Rahmen und werfen den Rest ins Feuer. Je eher desto besser!«

Robert Leichtfuß hatte genug. Daß dieser boshafte Schwätzer ihm sein »Heimwesen des Horaz« nicht abkaufen werde, das wußt' er nun. Er zeigte ihm den Rücken und wollte gehen.

Lefranc aber reckte großartig die linke Hand nach ihm und, den ausdrucksvollen Finger hoch in der Luft schüttelnd, die Brustseite mit der roten Rosette weit vorgerückt, rief er: »Unglücklicher, wie oft hab' ich Ihrer mit Heulen und Zähneklappern gedacht! So widerwillig wie Sie hat noch kein Mensch sein Glück mit Füßen getreten! Sein sicheres Glück! Ja, wenn es nur Ihr Glück gewesen wäre! Aber das meinige lag 116 darunter. Ich bin nicht arm, und meine bescheidenen Verdienste mangeln nicht der öffentlichen Anerkennung. Gut, aber soll man darum nicht in Wut geraten, wenn man so blödsinnig vereitelten Gewinnes gedenkt! Ja, mein Lieber, Hunderttausende hätte ich gewinnen können, wenn Sie Ihre lächerliche Eitelkeit auf etliche Jährlein hätten bändigen und mir Tiburtins unsrer Faktur hätten malen mögen, wie ich sie damals bei Ihnen bestellte, wie ich sie von Ihnen mit aufgehobenen Händen erbat . . .«

»Mit aufgehobenen Händen?!« wiederholte Robert. Es zwang ihn zum Lachen. Das Lachen aber reizte den Alten, der um entgangenen Gewinn aufrichtig trauerte, noch mehr, und mit rascheren Worten beklagte er sich weiter: »Ich wiederhol' es: Hunderttausende! Wie oft kamen sie übers Meer, wie oft schrieben die Händler von drüben, Tiburtins müßten sie haben, Tiburtin wäre Modeware, keine andre bezahlte sich besser! Wo waren Sie da? Im Lande der Wilden, wo man für Kinder und Narren malen mag! Ach, mein Herr, wenn es Ihnen, wie mir nun scheint, nicht immer nach Wunsch gegangen ist, glauben Sie, daß meine Flüche nicht ohne Wirkung dabei waren. Mutwilliger, der Sie die Menschen nicht nehmen wollen, wie sie sind, Erznarr, der Sie Narren Ihre Meinung aufdrängen wollen! Hätten Sie denn nur für mich gearbeitet? Nicht auch für Ihren eigenen Wohlstand?! In den sieben oder acht Jahren, statt sie nutzlos zu verlieren – denn ich sehe, Sie sind nicht reich – in sieben oder acht Jahren hätten Sie sich ein artiges kleines Vermögen ermalt mit meiner Hilfe. Und wer weiß, so nach und nach, bei geschickter Gelegenheit hätte man ein andres Bildchen mit Ihrer eigenen Signatur vors Publikum gebracht. Man hätte einen der maßgebenden Journalisten für Ihr Talent zu interessieren versucht – denn alles in allem, Sie haben Talent, wenn auch ein andres, als Sie glauben! Sie hätten dem Herrn eines Ihrer eigenen Bilder – keinen meiner Tiburtins, wohlverstanden – zum Geschenke gemacht. Er hätte über Sie geschrieben, einen Aufsatz, zwei Aufsätze, und wäre bei jeder schicklichen Gelegenheit mit wirksamem Fingerzeig auf Sie zurückgekommen. Nun wären Sie ein gemachter Mann, könnten den alten Lefranc und den klassischen Tiburtin auslachen – aber nur über diese Leichen ging der Weg zum Glück! . . . Ach, die dumme Jugend glaubt in ihrem Trutz, sie wüßte besser, als unsereiner, wie Ruhm und Geld erreicht würden! So mit der Thüre ins Haus! Mir nichts, dir nichts, drauf und dran! Ja, gesegnete Mahlzeit! Man kommt wohl mit der Thüre ins Haus, aber auf dem Bauche, und die 117 andern schreiten über einen hinweg zum Ziele, während der Stürmer mit zerbrochenen Knochen beiseite gefegt wird, um sich meist nie mehr zu erheben!«

Der Zornige grub die fünf Finger in seine silberne Dose, stopfte sich unglaubliche Mengen Spaniol in die Nasenlöcher und schlenkerte dann die Körnchen Schnupftabak, die reichlich an seiner Hand kleben geblieben waren, mit heftiger Bewegung von sich in die Luft. Sein Unmut schien ihm ein Recht zu dieser rücksichtslosen Mimik zu geben.

Aber während er also that und sich dann geräuschvoll schneuzte, ward es Leichtfuß möglich, ein Wort zu sagen, von dem er sich Eindruck auf den zornigen Mann versprach. Es kam ihn schwer genug an, zu gestehen: »Ich habe auch einige Landschaften gemalt in der Zeit, daß wir uns nicht gesprochen haben, Herr Lefranc.«

»Sie? Landschaften? Aus freiem Antriebe? Aus freier Hand? Aha, ich verstehe! So heroische Landschaften gewiß! Hundertachtzig Meter über der gemeinen Wirklichkeit. Die Inseln der Seligen oder die Lokalitäten der Odyssee u. dgl. Nichts gesehen, alles gedacht, geahnt, geträumt! O, ich kenne das und bin nicht neugierig.«

»Es gefällt Ihnen, mir Unrecht zu thun,« entgegnete Robert, noch immer kaltblütig, denn er wollte nichts unversucht lassen, um sich einen gangbaren Weg zu Verdienst zu sichern. »Wollen Sie sich nicht einmal durch den Augenschein überzeugen? Darf ich Ihnen nicht eines oder das andre dieser Bilder, die streng und treu nach der Natur gemalt sind, bringen?«

Lefranc schob seinen Kopf in der Luft hin und her. Er hatte sich heiser geredet und schien sich auf landläufige Höflichkeit zu besinnen. Aber es war eine gehaltlose, nichtssagende Höflichkeit.

»O gewiß! . . . Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen dienen zu können. . . . Indessen, Sie wissen . . . Sie kennen den Geschmack der närrischen Pariser . . . neue Menschen wollen in Szene gesetzt sein. Ich sehe dafür keinen Weg. Und vor allem die Zeit und die Jahreszeit sind solchem Experiment nicht günstig. Ich kann Ihnen nichts versprechen. . . . Schicken mögen Sie ja immerhin . . . vielleicht findet sich ein Käufer. . . . Vielleicht!«

Robert sah den Mann, der so leidenschaftlich im Tadel und so vorsichtig im Versprechen war, mit nachdenklichen Augen an. Er verstand gar wohl, daß er nur eine Ablehnung hörte, und erwiderte gleichfalls nur im Sinne einer nichtssagenden Höflichkeit: »Ich danke Ihnen. Ich werde gelegentlich etwas schicken.«

Er ging und hatte die Klinke schon in der Hand, als ihm 118 Lefranc von der Mitte des Ladens, wo er stehen geblieben war, wieder mit hitziger Stimme nachrief: »Und Tiburtin? He? . . . Malen Sie mir einen Tiburtin! Sie wissen, einen von den wahren!«

Robert Leichtfuß wandte sich nach dem Händler um, und so bitterlich ihm gerade zu Mut war, er mußte doch lächelnd die Antwort geben: »Ich denke nicht daran.«

»Ich habe eine ausgezeichnete Gelegenheit, einen Tiburtin anzubringen. Mehrere! Viele! . . . Ich würde Sie wunderbar zahlen! . . . Großartig!«

»Eine Fälschung? . . . Ich danke dafür, Herr Lefranc!«

»Kind, das Sie sind! Wer verlangt von Ihnen mehr Witz, als Sie besitzen? Sie malen ein Bild nach meiner, des Bestellers, Wunsch und Angabe, zeichnen es meinetwegen mit Ihrem Namen oder mit denen der heiligen drei Könige . . . und ich mache mit meinem Eigentum, was mir beliebt. Das ist alles, und es geht Sie weiter nichts an!«

»Guten Abend, Herr Lefranc!«

»Geh zum Teufel . . .« hörte er den alten Bilderhändler sagen, und es kam wohl noch ein und andres Wort hinterher, das niemand als Kosenamen hätte gelten lassen. Aber Robert hatte die Thüre schon von draußen zugemacht, ehe jener seinen Satz vollendete.

Da stand er wieder in freier Luft. So arm, so klug, so ehrlich und so aussichtslos wie zuvor. Er wußte nicht, was er sollte, nicht, was er wollte, in diesem Augenblick. Er wußte nur, daß er das nicht durfte, was der Mensch dort drinnen ihm zumutete. Und es that ihm wohl, mitten in seinen ratlosen Sorgen sich des Stolzes freuen zu dürfen, mit dem er diesen Versucher lachend abgewiesen hatte.

Neben ihm und auf der gegenüberliegenden Seite des Boulevards wurden die Laternen angesteckt, obschon das Tageslicht noch nicht ganz verglüht war. Die Wagen rollten in unabsehbaren Reihen, einer dicht hinter dem andern von den Elysäischen Feldern zurück in die Stadt. Dichter und dichter ward das Gedränge auf den Bürgersteigen. Die Herren geschniegelt und gebügelt, weiße Blumen im Knopfloch, die Damen und Dämchen in lichten flatternden Sommergewändern. Wohlleben, Lustbarkeit und Ueppigkeit, wohin das Auge traf. Und mitten drin ein armer ehrlicher Mensch, der sich fragte: Was nun, um Brot für den nächsten Tag zu schaffen?

. . . Ach was, für den nächsten Tag?! Man muß nichts übertreiben! Die gekränkte Eitelkeit hatte Robert Leichtfuß die 119 Laune verdorben und den Mut benommen! War er denn noch er selber? Er erkannte sich nicht wieder . . . er hatte doch noch für zwei Monate vollauf zu leben! In zwei Monaten hatte das Glück tausendfache Gelegenheit, ihm wieder einmal zu erscheinen. Und es wird erscheinen! Gewiß, es wird! Und wenn nicht in zwei Monaten, so doch in dreien! Denn aus dem, womit ein andrer zwei Monate lebt, lebt ein gutwilliger, nicht eben verzärtelter Kerl, wie Robert Leichtfuß, drei Monate und vielleicht gar vier! Man muß sich eben einrichten danach. Er wird sich danach einrichten! Also Kopf in die Höhe und nimmer verzagt!

Er hob den Kopf in die Höhe und schritt seines Weges, die Maleraugen, wie in sorglosen Tagen auf alles heftend, was ihm begegnete. Die Pariser sind ein lustiges, rühriges Völkchen. Und gar um diese Stunde wimmelt's auf dem elegantesten aller Boulevards von wohlhabenden und behaglichen Menschen, die sich zu ihrer Hauptmahlzeit begeben. Abendrot und Lichterglanz wirkten zauberisch mit- und gegeneinander. Hinter den großen Spiegelscheiben der feinsten Garküchen füllten sich die blankbedeckten, appetitlich herausgeputzten Tischchen und vor ihnen hockten, die blitzende Serviette über der weißen Weste, Messer und Gabel in geübten Händen, kauend, schluckend oder befehlend die frischrasierten Stammgäste wie lebendige Bilder üppigen Genießens hinter Glas und Rahmen.

Robert Leichtfuß sah sie sitzen und ging vorbei und dachte, zu Hause werden sie wohl nicht mit dem Essen auf mich warten, sondern die Bonne wird mein Kleinchen rechtzeitig bedienen, und das sitzt nun auch vor seinem Teller und läßt sich die Gottesgabe schmecken.

Des gewiß, beeilte er sich nicht auf seinem Heimweg. Er spürte nach der leidigen Unterhaltung mit Lefranc gar keinen Hunger und hatte noch so viel in Gedanken abzumachen, während er langsam in den zunehmenden Abend hineinschritt.

Als er endlich sein hochgelegenes Stübchen in der Murillostraße betrat, brachte man Erna gerade zu Bett. Das Kind streckte ihm juchheiend vom Arm der Bonne her die drallen Händchen entgegen und freute sich, Papa noch vor dem Schlafengehen gute Nacht zu sagen.

»Hast du denn ordentlich gegessen? Hat's dir denn auch geschmeckt, mein kleiner Schatz?« fragte der besorgte Vater.

»Wunderschön hat's geschmeckt!« erwiderte das Kind und patschte sich vergnüglich auf sein Bäuchlein. Dann sagt' es sein Nachtgebet, küßte den guten Papa, legte sich aufs rechte Ohr und schlief auch schon.

120 Die Bonne wollte nun die warmgestellte Schüssel dem Herrn auftragen. Robert Leichtfuß aber sagte, er habe schon in der Stadt zu Mittag gespeist, und hieß die schönen Reste wieder abtragen und aufbewahren, das reichte dann noch für morgen, denn er sei leider morgen wieder genötigt, en ville zu dinieren. Nur die lange »Flöte« Weißbrot behielt er in der Stube, teilte sie mit dem Messer sanft einkerbend ab in drei gleichmäßige Teile und schnitt sich das erste Drittel herzhaft herunter – »für den Fall, daß er am Abend noch Hunger bekäme«.

»Cecile!« rief er hinaus, »lassen Sie mich doch Ihr Ausgabenbuch wieder einmal betrachten! Ich habe ja über acht Tage nicht mit Ihnen abgerechnet.« Die Bonne schien in der Küche noch einige Posten aus ihrem mühsamen Gedächtnisse nachzutragen, denn es währte eine Weile, bis sie mit dem verlangten Hefte wieder vor dem harrenden Gebieter erschien.

Robert saß in der Fensternische bei der Lampe, kaute sein trocken Brot und unterzog sich der unliebsamen Entdeckung, daß seine Unschuld vom normännischen Strande bereits so viel pariserisch Wesen angenommen hatte, daß sie wie nur irgend ein in allen Kniffen und Pfiffen erprobter Cordon bleu den Korbhenkel tanzen ließ.

Leichtfuß nahm es sonst mit der Küchenrechnung nicht so genau. Jetzt zwang ihn eigene Not zu heilsamer Strenge. Er war nicht mehr wohlhabend genug, um sich den Luxus einer betrügerischen Magd zu gestatten. Ja, genauer betrachtet, war in seiner Lage die Magd selber schon ein Luxus. Ein Magen zu viel! Er ging hinaus in die Küche und kündigte der Fischerstochter von Roqueville an, daß sie sich sobald wie möglich um einen andern Dienst umthun möge.

Die Ueberraschte wollte protestieren, aber es half ihr nichts. Roberts Erklärung war unwiderruflich, und so fügte sie sich mit dem verschwiegenen Vorwurf, daß sie, durch allzulanges Zutrauen des Herrn verwöhnt, sich habe hinreißen lassen, ihn gar zu deutlich übers Ohr zu hauen. Schade, aber was war da zu machen! Man mußte ein andermal eben klüger sein!

Als nach vierzehn Tagen die Magd das Haus verlassen hatte, hieß es für Robert Leichtfuß sich in eine ganz neue und eigentümliche Lebensweise finden. Er kehrte, fegte, wusch und ordnete nun alles mit eigenen Händen. Er machte die Betten selber und war sein eigener Koch. Will sagen, der Koch Klein-Ernas, denn er selber behalf sich meist mit kalter Küche und zwar mit kalter Küche der bescheidensten Art: ein Paar harte Eier zum Frühstück, ein Stück Käse zur Hauptmahlzeit 121 und meist genügte auch schon ein tüchtig Stück Brot mit Salz. Man muß sich nicht verwöhnen!

Aber mit welcher Genauigkeit, mit welchem Behagen schlug er am Morgen dem Kinde die Eier ins Pfännchen und briet ihm zu Mittag ein ganz kleines Beefsteak über dem Petroleumofen!

Erna sollte es nicht schlecht haben beim Vater! Erna sollte niemals auf den Gedanken kommen: Was stahl mich mein Vater aus dem Hause des Reichtums weg, wenn er mir nicht satt zu essen geben konnte! Wie mocht' er mich gewaltsam vom wohlbesetzten Tische meiner Mutter fortnehmen, wenn er mich in den Jahren, wo sich Hirn und Knochen bilden, am Hungertuch nagen läßt!

Nein, so sollte Erna niemals denken! Sie sollte nicht hungern! Sie sollte alles bekommen, was sie brauchte, und in genügender Fülle! Ja, das sollte sie! Es schmeckte ihr auch vortrefflich von seiner Hand und bekam ihr sichtlich.

Robert konnte sich daneben einmal anders begnügen! Er hatte ja vordem fette Jahre gesehen und manchen kostbaren Happen verschlungen; nun sah er zur Abwechselung magere Zeit und übte sich im Fasten. Je nun, es werden schon wieder bessere Tage kommen! Und so frugal seine Mahlzeiten auch ausfielen, er versäumte zu keiner, Frau Fortuna zu Gaste zu bitten, und war getrost, daß diese schon ihr Füllhorn mitbringen und über seiner Tafel ausschütten werde. Dann wollt' er sich in Bälde wieder an Fleischkost gewöhnen.

Ueber den Abschied der breitspurigen Normännin grämte sich Erna durchaus nicht, denn nun war sie ja den ganzen Tag mit ihrem Pappi zusammen und durfte ihm allerlei Handreichungen machen und sich einbilden, Wunder wie viel sie demselben beim Kochen und Waschen helfe. Hei, das paßte dem kleinen Schalk! So schön war ihm die Häuslichkeit noch nie erschienen.

Nur daß Papa sich das, was er gekocht hatte, nicht so, wie's recht war, mit ihr schmecken ließ, das fiel, wenn ihr eigener Hunger gestillt war, doch selbst dem Kinde auf.

»Pappi, warum ißt du denn nicht mit mir?«

»Ich esse ja mit dir, mein Herzchen! Siehst du denn nicht, wie mir's schmeckt! So dicke Brocken nehm' ich und habe den Mund so voll, daß ich nicht reden kann.«

»Aber du issest nur Brot.«

»O nein, nicht doch!« rief der Vater und stippte seine Krumen recht augenscheinlich in den Buttersaft, darin für Erna das Fleisch gebraten worden war, und er machte so vergnügte Augen, wie ein Schlemmer, dem sein Leibgericht in die Nase 122 duftet, und das Kind lachte von Herzen über das spaßhafte Gesicht und merkte nicht weiter, daß der Vater doch nur Brot kaute.

Am Morgen tranken sie dafür recht wacker ihre Milch miteinander. Sonst trank Robert Leichtfuß nichts; nur am späten Abend, wenn das Kind zu Bett gebracht war, eine leichte Mischung von Wasser und Kognak, von einem Kognak freilich, welcher dem Lampenspiritus näher stand als dem fine Champagne; aber es war doch so etwas wie ein geistiges Getränk und half zum Einschlafen, wenn einem die Sorgen gar zu laut durch den Kopf pfiffen.

Auch neue Speisen lernte Robert Leichtfuß kochen, und alle über dem tragbaren Petroleumherdchen. So besonders Milchreis! Robert Leichtfuß leistete Großartiges in Milchreis, und Erna schwärmte für dies Gericht mit Zucker und Zimmet. Da erschien es denn ziemlich oft auf der Tafel, und da hielt Väterchen sogar tapfer mit, wenn er auch Gelegenheit nahm zu erklären, daß er kein Freund von Zucker sei.

Früher hatte er auch in seinen kalten Grog, wie er die Mischung von Wasser und Kognak nannte, ein Stück Zucker gethan. Nachgerade ließ er auch das weg. Man muß sich nicht verwöhnen!

Malen konnt' er bei dieser Lebensweise nur am frühen Morgen einige Stunden. Doch die Sonne kam ja jetzt so früh. Und er war früh auf, denn er pflegte bald nach dem Kinde zu Bett zu gehen. Warum sollt' er daheim die Lampe brennen, wenn er allein wachte, oder gar sich in Gesellschaft herumtreiben, während das Kind allein in der menschenleeren Wohnung blieb! . . . Gesellschaft! Er hatte kein Bedürfnis mehr danach, hatte vielleicht allzeit zu wenig Bedürfnis nach Gesellschaft empfunden. Jetzt war ihm manchmal zu Mut, als wären alle die Leute, mit denen er sonst im Leben verkehrte, lange tot und verschollen, und er ginge mit einer Tarnkappe in einer wildfremden Stadt herum, deren Einwohner ihn gar nicht wahrnähmen. Das Kind war ihm Gesellschaft genug, und er sehnte sich nach keiner andern.

Mit dem Malen ging es ihm auch seltsam. Meist kratzt' er am Morgen wieder aus, was er tags zuvor geschaffen hatte. Die Redensarten Lefrancs dröhnten ihm so störend im Kopfe nach, daß er alles beim verkehrten Ende anzufassen meinte und weder seinem Blick noch seiner Hand mehr recht vertraute. Dann aber kam's wieder von innen heraus mit plötzlicher Lustigkeit über ihn, und er pinselte frisch drauf los, bis es das Kleine nicht mehr im Bettchen aushielt und zum drittenmal herüberrief: »Pappi, bade mich!«

123 Viel kam auf seiner Staffelei nicht zu stande. Was hätt' er hier oben malen sollen! Sein Kopf war so zerstreut, und sein Mut doch gebrochen. Da malte er denn, nur um das Gelenk nicht einrosten zu lassen, was er zunächst vor seinem Fenster vor sich sah im Morgenscheine: Dächer und wieder Dächer, kleine schwebende Gärten darauf, Mansardenfenster mit Blumenstöcken davor, Schornsteine, rauchende Schornsteine darüber und weiße Tauben, die dazwischen hin und her flogen, die Flügel von der Sonne beglänzt. »Ein Stückchen Weltstadt vor meinem Fensterbrett.«

Eigentlich war ihm das Malen jetzt verhaßt. Aber er konnte nicht müßig gehen, und er hatte, wie er sagte, ja nichts andres gelernt als Malen. Da malte er denn so hin, ohne viel darüber zu denken, wie er meinte. Tage, Wochen, ein Monat und noch einer gingen dabei hin, und endlich lehnte er wieder so eine Tafel gegen die Wand und hatte weder Freude noch Befriedigung davon.

Es war ihm überhaupt so flau zu Mute, wie kaum je zuvor an gesunden Tagen. Mein Gott, Milchreis ist ein schmackhaftes Essen. Vor Erfindung des Kaffees und der Kaffeeschwestern luden sich die Weiblein einander zu Milchreis ein, es war ihr Stolz, in Milchreiszubereitung die lieben Nachbarinnen zu überbieten, und das Tratschen und Klatschen soll dabei nicht schwächlicher gediehen sein als in unsern Tagen der raffinierten Genüsse.

Für Frauen mag's vielleicht noch eine gute Nahrung sein und für kleine Kinder gewiß. Aber für einen kräftigen Mann, wochenlang ausschließlich genossen, langt's doch nicht. Robert hatte sich vordem nicht schlecht genährt; zu einem Stück Fleisch am Tage hatt' es vordem noch immer gereicht. Nun meinte er mit dem Milchreis, der so billig kam, einen glücklichen Fund gemacht zu haben. Aber nach vier Wochen solcher Kinderkost widerstand sie ihm, ob er sich auch dazu zwingen wollte. Seine Knochen waren müde, und unter dem Schädel rührte sich der Witz nicht mehr. Er kam sich erschreckend stupide vor. Er sagte sich, daß seine Kochkunst doch gar zu beschränkt sei. »Kein Maler, und nicht einmal ein Koch!« pflegte er zu sagen. Dann ging er hin, und wie sich einer in Gottes Namen um teures Geld eine notwendige Medizin ersteht, kaufte er einmal Fleisch für zwei.

Aber sein Magen war der stärkenden Speise so entwöhnt, daß er sich jetzt gegen Fleisch empörte. Er hätte ihn erst wieder an Fleischnahrung gewöhnen müssen. Aber da er den Milchreis auch nicht mehr riechen konnte, gab er sich Mühe, wieder mit Brot und Käse auszukommen.

124 Das Bild war am Fenster fertig gestellt worden. Ein neues mocht' er nicht anfangen. Der Stumpfsinn des Elends begann gemach, gemach seine Thatkraft zu lähmen. Warum sollte er malen, wenn er doch nichts dabei verdiente! Wo er anklopfte, ward er abgewiesen. Meist genügte schon sein deutscher Name und der deutsche Accent seiner Sprache, daß man nichts von seiner Kunst wissen wollte.

Dann überzählte er jedesmal sein Geld und fand, es reicht ja wohl immerhin für ein paar Wochen noch. Vielleicht im Herbste, wenn die reichen Pariser zurückkehrten nach ihrer Stadt, kam dann das Glück mit ihnen und kehrte bei ihm ein!

Vielleicht kriegte er dann auch wieder Lust zum Arbeiten. Jetzt war er müde und bedurfte der Erholung. Die Tage wurden auch kürzer. Die Sonne ging später auf. Da ward die Zeit ohnehin fürs Malen knapp. Denn wenn Erna die Augen erst aufthat, kriegte der Vater so bald keine Ruhe. Dem Kinde galt alle Sorge des armen Menschen, der sich langsam verkommen fühlte. Dem Kinde soll nichts fehlen!

Manchmal, wenn er Klein-Erna wusch oder kämmte, oder ihr sonst seine Mühewaltung angedeihen ließ, überwältigte den einst so leichtfertigen Mann denn doch die Sorge, und er hielt inne, hielt die kleinen Schultern fest und verschlang das putzige Gesichtchen mit den Augen . . . »Herrgott, was soll werden!« fragt' er leise, fragte immer wieder und meinte, das ratlose Herz müsse dabei brechen.

Glück, du kamst ja immer, wenn die Not am größten war. Die Not ist schon so groß, so groß, und du kommst nicht! Komm, o so komme doch in Gottes und aller Heiligen Namen! . . . Was ist hungern, wenn man für sich allein hungert! Aber sein Kind hungern lassen, sein Kind hungern sehen, das war nicht zu ertragen, davor empfand er quälende Furcht.

Warum hatt' er nichts andres gelernt im Leben als Malen! Jedes Handwerk, und war es eins der mißachteten, gab doch dem Vater Brot für seine Kinder!

Warum war er nicht nach Amerika gegangen! Dort hätt' er untertauchen können in der fremden Menge, und die Sitten des Landes verwehrten ihm nicht, seines Lebens Unterhalt auf jede mögliche Weise zu erwerben. Wer gab ihm hier Beschäftigung! Hier unter diesen zivilisierten Menschen, die überall nach Namen und Stand, Herkommen und Vergangenheit fragten, hielt man ihn für verrückt, wenn er irgend etwas andres als Pinsel und Palette ergriff. Und wenn er nur etwas andres gewußt hätte. Hier durft' er nur malen!

125 Da schrie er wohl manchmal laut auf: »Du armes Kind. was für einen elenden Menschen hast du zum Vater!«

Erna verstand nicht, was dieser Aufschrei bedeutete; das Kind war so ganz an ihn gewöhnt, daß der Sinn solcher Worte ihm unfaßbar blieb. Aber es erschreckte vor seinen Mienen, daß ihm die Thränen in die guten Augen schossen, und es noch lauter schrie als er: »Nicht böse sein, Pappi! . . . Warum bist du böse? . . . Erna hat dich ja so lieb!«

Dann küßte er ihr wohl die Thränen von den langen Wimpern und strich ihr begütigend das blonde Haar und herzte sie, bis sie wieder lachte.

Dann lief er auch wohl wieder einmal an die Schieblade hin, und klaubte die zwei oder drei Goldstücke, die er noch besaß, zusammen und steckte sie dem Kind ins Händchen und sagte: »Halt fest und sprich deinen Segen darüber! Du bist ja mein Glück! . . . Und dir zu liebe wird Gott ein Einsehen haben!«

Erna verstand nichts von dieser verrückten Symbolik und gab die blanken Dinger wieder zurück, denn es dünkte sie kein schönes Spiel, das der Vater mit so trauriger Miene begleitete.

Wenn ihn Angst und Sorge also schier dem Wahnsinn nahe brachten, da ward es ihm in der Stube leicht zu enge. Malen war ihm verleidet. Er griff nach seinem alten Hut, putzte sein Kind heraus und sagte: »Wir wollen in den Park Monceaux gehen!«

Diese Einladung stieß nie auf Widerspruch. Die herrliche Promenade im Schatten wunderbarer Baumgruppen war des Kindes Lieblingsort. Der Sommer war heiß gewesen, auch der Herbst hatte noch heiße Stunden, wo man's in der engen Stube nicht gern aushielt. Da waren Vater und Tochter es gewohnt worden, einige Zeit des Tages auf dem Schmuckplatz dieses neuen Stadtteils zu verbringen und dort unter Silberpappeln oder Palmen zu wandeln oder zu ruhen.

Erna fand da meist muntere Kameradschaft, und Robert Leichtfuß saß davor auf einer Bank, schaute den Kinderspielen mit traurigen Augen zu, versuchte auch wohl in einem Buche zu lesen. . . . Aber es gab kein Buch, das seinen müden Geist fesselte. Dann klappte er das Ding nach einiger Anstrengung wohl wieder zu, ließ es mit der Hand in den Schoß hängen und brütete starren Blickes vor sich hin, bis Kleinchen, vom Spiel erhitzt, sich wieder einmal zwischen seine Kniee drängte und verschnaufte. Das Kind war glücklich. Das merkte nichts von all dem Elend, was den Vater zu Boden drückte. Und so war's noch immer gut!

126 Einmal, es war anfangs Oktober – und ein heißer Nachmittag, obwohl bei jedem Windstoß schon einzelne gelbe Blätter sich von den Bäumen lösten – da saß Robert Leichtfuß wieder im Park Monceaux, ein Buch in den Händen, aus dem er des öfteren aufsah, um Ernas Thun und Treiben väterlich zu überwachen.

Er hatte heute das letzte Zehnfrankenstück aus der Schieblade genommen, und da saß er, mit seinem ganzen Reichtum belastet, und verfolgte die Bewegungen des Kindes, das sich mit noch drei oder vier gleichalterigen Zwergen vergnügte. Ihre Bonnen hockten drüben auf einer andern Bank beisammen. Diese Frauenzimmer kannten ihn schon, hielten ihn für einen Sonderling, vielleicht auch für einen fertigen Narren und scheuten sich, ihn zu stören.

Er hatte sich müde gefragt, was nun werden sollte; er empfand heute weder Furcht noch Sorge mehr, nur eine dumpfe Müdigkeit, die ihn überwältigen wollte. Er hatte die Nacht vor peinigenden Gedanken kaum geschlafen. Er war am Vormittag zu Lefranc und einigen andern Händlern gelaufen – ganz ohne Erfolg. Ach, über das dumme Leben! Und drüben kicherten und lachten die Kinder so vergnügt, als ob sie eitel Freuden von ihrer Zukunft gewärtigen dürften. Er hatte auch einmal gelacht, viel und laut, mehr als andre. Nun lachte er nicht. So gleicht sich's aus.

Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, wenn er zu lesen versuchte. Die Augen versagten ihm. Sie versagten ihm jetzt öfter. Auch manchmal mitten im Malen. . . . Was es nur war mit seinen Augen. . . . Was es nur war . . . mit dem Malen . . . mit dem ganzen dummen Leben . . . den Kindern . . . Kinderspiel . . . Buchstaben . . . und . . .

Das Buch rutschte aus seiner Hand in den Gartenkies zwischen seinen Füßen. Er atmete auf, wie wenn er eine schwere Last losgeworden wäre, der Kopf sank ihm auf die Schulter, und die Natur verlangte ihr Recht, das man ihr zu lang schon verkürzte. Robert schlief zwischen spielenden Kindern und Spaziergängern. Er schlief fest und atmete gleichmäßig.

Von den Vorübergehenden stieß hier und da einer den andern an und zeigte ihm den unbesorgten Schläfer mitten im volkbelebten Park. Die meisten kümmerten sich gar nicht um ihn. Ab und an kam Erna, von den Spielgenossen begafft, herübergetrippelt und guckte nach ihrem Alten und stieg dann auf den Zehen gar vorsichtig, als wär' es so leicht, diesen Schläfer zu wecken, über den Kies zurück zu ihren Gespielinnen und freute sich, daß der schlafende Mann noch nicht zum Aufbruch mahnen konnte.

Der aber schlummerte sanft, und ihm träumte, er führe in einer blankgeschnäbelten Barke einen schönen Fluß hinunter. 127 Vor ihm am Vorderteil des Schiffes standen zwei blonde weißgekleidete Mädchen, deren bekränztes langes Haar im Winde flatterte, sie sangen aus einem Notenblatt ein Lied, aufmerksam und andächtig. Die Woge, die traulich an die Bootswand schlug, schien den Takt dazu zu geben. Und der Wind, den sie durchschnitten, brach aus ihren Blumenkronen rote und weiße Rosenblätter und blies sie zurück, daß diese Roberts Wangen und Lippen streiften. Sie hatten einen eigenen Duft von Rosen und von schönen Frauen. Und der Schlummernde lächelte, wenn er die Rosenblätter auf seiner Haut zu fühlen meinte, und sagte zu sich selbst, wie das Träumenden widerfährt: »Das ist eine artige Szene, und wenn ich erwache, mach ich ein Bild daraus. Es wird eines meiner gelungensten werden!«

Als er aber erwachte, schauerte es ihn über die Haut. Die Sonne, die am Nachmittag so heiß gebrannt hatte, als gält' es einem Hundstag Ehre zu machen, stand jetzt tief, und ihre roten Strahlen wärmten die abendliche Kühle nicht mehr. Die spielenden Kinder waren mit ihren Wärterinnen aus dem Garten verschwunden. Erna stand vor dem Vater; die Ellbogen auf seinen Knieen, eine halbentblätterte Rose zwischen den Fingern; guckte sie ihm lachend in die zuckenden Augen und sagte: »Papa, ich habe solchen Hunger! Die andern sind alle schon zum Speisen gegangen! Komm, gehen wir auch zum Speisen!«

»Ja, ja, es ist Zeit!« sagte Robert Leichtfuß, stand auf und nahm Erna bei der Hand. Dann reckte er sich noch einmal im Gehen hoch aus allen Gelenken und sagte: »Ach, ich habe so schön geschlafen!«

Dann schwieg er, und das Kind schwieg auch, als wollt' es auch den Nachgenuß des Schlafens nicht stören, oder weil es glaubte, Väterchen schliefe noch im Gehen weiter.

Robert Leichtfuß dachte an seinen Traum, und wieso er, mitten in Sorgen entschlummernd, eine so liebliche Vision hatte haben können. Er dachte an das Bild, das er im Traume malen gewollt. Er dachte an das Zehnfrankenstück, das er zwischen zwei Fingern in seiner Westentasche hielt, wie um sich von der Anwesenheit des letzten, solang es ging, zu überzeugen.

»Pappi, ich hab' solchen Hunger!« sagte nun Erna wieder, und recht jännnerlich, wie Kinder das so können, auch wenn es sich nicht mehr um die erste Mahlzeit am Tage handelt.

»Gehen wir speisen!« sagte Robert und mußte lachen. Was hatte er daheim zum Speisen? Trocken Brot! . . . Ach was, von dem halben Napoleondor könnt ihr doch kein Halbjahr lang fett werden! Jetzt geht's in einem hin! Es muß doch 128 Rat geschafft oder ein Ende gemacht werden, so oder so! sagte Leichtfuß zu sich selber und: Das Kind soll nicht hungern! Er kaufte unterwegs in einem Fleischerladen etwas Schinken und an der Ecke beim Krämer ein paar Aepfel; es kostete freilich beinahe einen ganzen Franken, und war ihm dabei zu Mut, als hieb' er arg über die Stränge. Dann gab er daheim dem Kinde das Schinkenfleisch, legte für sich den abgeschnittenen Speck aufs Brot und teilte die Früchte. So saßen sie beieinander und schwatzten und schmatzten, der Vater und sein Töchterchen. Das Kind ward satt und ihm ward wohl, weil er es fröhlich und zufrieden vor sich sah.

Sie plauderten von allerhand. Von Spiel und Gespielen, Essen und Schlafen, Lachen und Weinen. Auf einmal rief Erna, und ihre Gabel stach dabei hoch in die Luft: »Du, heut hab' ich Sophien wiedergesehen!«

»Im Traume wohl!«gab Robert Leichtfuß zur Antwort, und er sah das Kleinchen unwirsch an, denn er meinte nicht anders, als es erlaube sich in kindlichem Uebermut einen Scherz mit ihm.

Erna jedoch machte große ernsthafte Augen und entgegnete: »Nein, nicht im Traum, im Park Monceaux! Ich habe ja gar nicht geschlafen, du hast geschlafen! Und es war Sophie, meine Sophie! Du kannst dich darauf verlassen, Papa! Sie erkannte mich auch gleich. Sie nickte mir zu von ferne. So! . . . Und so, als wollte sie sagen: ›Grüß dich Gott, liebes Kind!‹ Ja, gerade so, wie ich's dir jetzt vormache!«

»War sie denn allein?«

»Nein. Sie ging am Arm eines Herrn . . .«

»Am Arm eines Herrn?«

»Ja, eines jungen Herrn. Und eine alte Dame war auch mit ihnen.«

»So? . . . Und sie kam nicht zu dir heran?«

»Nein!«

»Und du liefst nicht zu ihr hin?« fragte Robert argwöhnisch, denn es dünkte ihn nicht wahrscheinlich, daß die beiden nicht beim ersten Anblick aufeinander zugestürzt und sich in die Arme geflogen wären, und darum hielt er die ganze Geschichte in diesem Augenblick für kindische Aufschneiderei.

Erna jedoch antwortete verdutzt: »Ich wollte wohl zu ihr hin. Da hielt mich Hermance, das dumme Ding, am Flügel fest und meinte, ich dürfe nicht so, mir nichts, dir nichts, aus dem Spiele weglaufen. Hermance ist größer und stärker als ich und so rücksichtslos. Als ich mich von ihr losmachen konnte, sah ich Sophien nicht mehr. Es waren gar so viele Leute im 129 Park. Ich meinte immer, sie müßte zurückkehren, und wartete darum, derweilen alle andren Leute fortgingen, still, bis du aufwachtest. Ich war sehr artig. Nicht? Aber Sophie kam nicht wieder!«

»Du bildest dir nicht etwa bloß ein, du bist gewiß, daß es Sophie war, dieselbe Sophie, die in Berlin bei dir gewesen ist vor sechzehn Monaten?«

»Dieselbe Sophie! Ganz gewiß! Sie ging ganz dichte bei dir vorbei und sah dich schlafen. Und dann nickte sie mir zu. So!«

»Grüßte der Herr dich auch?«

»Nein. Sie grüßte ganz allein. Der junge Herr und die alte Dame redeten gerade miteinander, und er schaute dabei nicht nach meiner Seite.«

»Wie sah er denn aus?«

»Gut sah er aus! Und sehr freundlich! Er hat ein ganz glattrasiertes Kinn und darunter eine blühweiße Halsbinde, so breit! Ganz wie ein Pastor!«

»Du hast wohl Sophien schon öfters hier in Paris gesehen?« fragte Robert noch immer mißtrauisch.

»Nein!« antwortete das Kind. »Heute zum erstenmal!«

»Du hast geträumt!« versetzte Robert ärgerlich, denn all das schien ihm thörichtes Geplapper. Es geschieht ja oft genug, daß Kinder etwas gesehen, einen erkannt zu haben glauben, und es ist nichts als eine Spiegelung ihres Gehirnchens, die sie selbst leichtgläubig und spielerisch über der Wirklichkeit herauszaubern und dann daran festhalten. Auch Erna wollte sich ihre Behauptung nicht nehmen lassen.

Aber Robert hatte des Geredes genug und brach ab. Erna ward still.

Als das Kind zu Bette war, und er noch ein Weilchen ohne Licht sinnend am offenen Fenster saß, kam ihm die Geschichte wieder ins Gedächtnis. Gewäsch, daran er durchaus nicht glaubte. Doch veränderte er an diesem Abend die Mischung, die er trank. Und es war wohl etwas mehr Kognak als Wasser darin. Er fürchtete, nicht leicht einzuschlafen – wahrscheinlich weil er, wider Gewohnheit, schon am Nachmittage geschlafen hatte.

Am andern Nachmittag, als er wieder auf der Bank im Park Monceaux saß, schlief er nicht ein. Er betrachtete alle Vorübergehenden mit aufmerksamen klaren Blicken. Es war kein Herr darunter, der wie ein Prediger gekleidet ging, und keine Dame, die Sophien ähnlich sah. Entschieden, Erna hatte sich täuschen lassen, und irgend eine Spaziergängerin hatte den freundlichen Gruß des hübschen Kindes gern erwidert.

130 Er dachte nicht weiter daran. Er hatte auch Dringenderes zu denken, als einer flüchtigen Herzensschwäche nachzuhängen. Das bißchen Geld schmolz ihm in der Tasche. Nachdem er sich noch eine Woche kümmerlich genug durchgefrettet hatte, hieß es, Rat schaffen. Aber, um Gotteswillen, wie?!

Er kramte in seinen Sachen herum. Was er an wertvollen Kleinigkeiten besessen, war ja schon in jener harten Zeit in Venedig versilbert worden. Eine goldene Busennadel, die ihm der Freiherr von Sempach in Rom zum Andenken verehrt, und Emmas Trauring, den er bei der Nachricht von der Ehescheidung abgelegt hatte, das war alles, was er fand. Sonst hatte er schlechterdings nichts mehr, worauf ein Leihamt einen Groschen geliehen hätte. Auf bemalte Leinwand lieh niemand etwas. Und kaufen wollte sie auch niemand, seine bemalte Leinwand. Das war ja sein altes Schicksal! Da packte er denn die zwei Kleinigkeiten in weißes Papier und machte sich mit ihnen auf den Weg nach dem Mont de Piété.

Es durfte nicht länger anstehen. Erna hatte schon gestern und vorgestern nicht viel besser gegessen, als er selber, und er hatte keinen verungänzten Franken mehr in der Tasche. Das konnte nicht so weiter gehen. Das Kind war so lieb und geduldig; es klagte nicht über die magere Kost; aber es sah nicht mehr so frisch und gesund aus, wie sonst. Oder es kam doch Robert so vor in seiner liebenden Besorgnis. Also fort!

Der Weg durch die Avenue de Messine, der lange Boulevard Haußmann, um die Neue Oper herum und jenseits des großen Boulevards weiter durch das Gewirr von kleinen Straßen in die Rue des blancs Manteaux, wo das große Leihhaus seinen Eingang hatte, war zu weit, als daß er daran gedacht hätte, Kleinchen mit sich zu nehmen. Auch wollte er es gar nicht auf diesem beschämenden Wege bei sich haben. Wie schon zu öfteren Malen, wenn er Erna daheimlassen mußte, bat er auch heute die Pförtnersfrau des Hauses, ob er das Töchterchen ihrer sicheren Obhut übergeben dürfte. Es war eine gutmütige, gutgelaunte Frau, die selber keine Kinder hatte, aber, wie alle Welt, einen Narren an Erna gefressen hatte und, während sie Erbsen pellte oder Strümpfe stopfte, den fragestrotzenden, lustigen Wildfang ganz gern um sich hatte. Bei der Concierge war Erna gut aufgehoben. Das wußte Robert. Und sie wußte, daß der wunderliche Mieter vom fünften Stock ihr eigenhändig den Hals umdrehen würde, wenn sie seinem Kinde Uebles widerfahren ließe.

So ging denn Robert Leichtfuß allein den sauren Gang. 131 Anfangs recht hurtigen Schrittes. Dann langsamer. Er sprach noch einmal bei einem Bilderhändler in der Nähe der Börse ein und fragte, ob er die Kopie des Claude Lorrain, die er einst für den Baron von Sempach gemalt und dem Mann hier vor sechs Wochen gebracht hatte, nicht habe verkaufen können. Der Mann lachte ihm ins Gesicht. In dieser toten Jahreszeit Bilder verkaufen! So einfältig konnte nur ein Mensch fragen, der weit von Paris geboren war! . . . Der Maler sah auch sein Bild nicht im vorderen Laden ausgestellt. Es hing unter anderm Gerümpel, das zu verkaufen man nicht hoffen durfte, in der Hinterbude . . . es war nichts zu machen, nichts zu erwarten. Was wollte er auch zögern, den fatalen Ehering Emmas los zu werden! Wie manch liebendes Weib muß sich in Geldnot den Reifen vom Finger ziehen, an dem sie mit vollem Rechte noch mit dem ganzen Herzen hängt; was war ihm Emma? . . . Allerdings, Emma war ihm nicht viel, war ihm nichts mehr; aber er dankte diesem Ring, daß Erna auf der Welt war, und darum hatte er ihn gewissermaßen noch in Ehren gehalten, auch da er ihn lang abgelegt. Allein zu überschüssigen Sentimentalitäten war seine Lage wirklich nicht angethan. Rüstiger und rascher machte er sich auf.

Die Hoffnung, daß er heute noch immerhin bar Geld auf die Hand kriegen würde trotz allen Mißgeschicks, feuerte seine Schritte an; aber das Bewußtsein, daß er nach all den Anstrengungen, die er in einem arbeitsamen Leben seiner Kunst geweiht, gezwungen war, das letzte bißchen, was er an Geldwert besaß, ins Leihhaus zu tragen, war nicht erhebend, und er fühlte das ziemlich bitter. Was dann, wenn auch dies Geld aufgezehrt sein wird? . . . Er mochte nicht so weit denken.

Wie er ans Ende der Rue Montmartre gelangt war, fuhr zwischen der Kirche Saint-Eustache und den Centralmarkthallen eine Mietskutsche an ihm vorbei; dieselbe konnte in dem Gedränge von Gemüsekarren, Leichenwagen und Wasserfässern, das sich eben hier staute, nicht rasch vom Fleck. Robert Leichtfuß ließ seine Maleraugen im Gewühl herumgehen, und sie fielen von ungefähr auch in die Voiture de remise, die vor ihm hielt.

Es war ihm wie ein Schlag: er sah in Sophiens blaue Augen, in ihr lächelndes, rosiges Gesicht. Sie hieß den Kutscher halten, neigte sich vor und reichte Robert die Hand.

Dann stellte sie ihn einer älteren Dame vor, die ihr zur Rechten auf dem Rücksitze saß: »Madame Bertholet,« eine Frau von sichtlich bewußter Würde, die ihr Kinn ein wenig in den Fetthals drückte, dann die Aeugelein über den 132 Fußgänger weg nach dem Turm von Saint-Eustache drehte und das für einen Gruß hielt. Der Name Leichtfuß bedeutete ihr offenbar wenig oder nichts, wenn sie ihn überhaupt bei der Vorstellung verstand. Der Herr auf dem Vordersitz, ein junger glattrasierter Herr mit einer auffälligen weißen Pastorenkrawatte und sprechenden blauen Augen, schien etwas mehr Interesse an der Bekanntschaft zu haben, aber auch wohl nur aus allgemeiner Höflichkeit und aus besondrer Rücksicht für Sophie. »Monsieur Martin« sah mit wohlwollendem Lächeln auf Robert herab, mischte sich aber nach einem französischen: »Bien charmé, Monsieur, de faire votre connaissance,« nicht weiter in das Gespräch, das sein Gegenüber auf deutsch weiterführte:

»Wie groß und hübsch Erna geworden ist!« sagte die Schweizerin, »ich habe sie gleich auf den ersten Blick wiedererkannt.«

»Neulich im Park Monceaux?« erwiderte Robert und lächelte. Und auch Sophie lächelte, da sie des Schlummerers auf der Bank gedachte, den die Falten ihres Kleides im Vorübergehen gestreift hatten.

»Wie geht es Ihnen?« fragte Robert, während der Wagen notgedrungen einige Ellen weiterfuhr, und er neben dem Schlage folgte.

»Gut! Sehr gut!« antwortete Sophie, und ihm kam vor, als schickte sie einen strahlenden Blick der Freude in die Augen des Mannes, der ihr gegenübersaß.

Sie wollte offenbar den Herrn jetzt ins Gespräch ziehen; aber der Kutscher wandte sich auf dem Bock um und sagte sehr bestimmt und etwas ärgerlich: »Es ist keine Möglichkeit, hier zu halten, Madame. Ich muß weiterfahren.«

Und ein Stadtsergeant, der sich herzudrängte, sagte in der nächsten Sekunde das nämliche, nur mit jener schnarrenden Grobheit, die ein Vorrecht seines Standes ist.

Die Unterhaltung ward also wider Willen der beiden Beteiligten abgerissen. Robert sah nur noch, wie Sophie im Wagen aufstand und ihm über die Lederfalten des zurückgelegten Schirmdachs mit der Hand lebewohl winkte, und er hörte sie nur noch rufen: »Sie erlauben doch, daß Erna mich einmal besucht! Wir wohnen Rue de Rivoli, Nummer . . .«

Er war es zufrieden, daß er die Nummer im Lärm der Wagen und Menschen um ihn herum nicht mehr verstehen gekonnt. Wozu auch! . . .

Rue de Rivoli, eine feine Straße! Sophie war, demnach zu schließen, in guten Verhältnissen. Auch ihr artiges 133 Kapothütchen schien nicht um billiges Geld erworben zu sein. Für derlei Kleinigkeiten hatte der Maler ein Auge.

»Wir wohnen . . .« Wir? Wen verstand sie unter wir? Sich und die alte Dame? Oder sich und den Herrn Pastor Martin? . . . Kapothütchen pflegten eigentlich nur verheiratete Frauen zu tragen. . . . Sie hatte Robert vielleicht, Gott weiß wohin, ihre Verlobung angezeigt und setzte die Neuigkeit als bekannt voraus.

»Mag's doch drum sein!« sagte Robert Leichtfuß, der aus dem Gedränge heraus sich auf den Bürgersteig der Rue Rambuteau gerettet hatte. Er faltete im Weitergehen unwillkürlich die Hände und sprach vor sich hin: »Um Gotteswillen, was wäre daraus geworden, wenn der Kuß ins blonde Haar nicht der einzige geblieben wäre, wenn du mit Gewalt der Liebe auch noch ein Weib an dich gekettet, an dein erbärmliches Schicksal gekettet hättest!«

Das Herz that ihm weh, als er diesen tiefen Blick in Künstlers Erdenwallen that, und angesichts seines Elends noch Gott danken mußte, daß Sophie sich damals seiner aufwallenden Leidenschaft kühl entzogen hatte und seinem Schicksal ausgewichen war. Und dabei faßt' es ihm doch wie Schwindel an den Kopf. Er hatte heute noch keinen Bissen gegessen. Er mußte sich mit der Hand an einem Laden halten, um nicht umzuknicken. Es ging vorüber, aber es war ihm bei der Schwäche einen Augenblick gewesen, als schwebte wieder der Traum von neulich vor seinen Augen, das schlanke Schiff mit den beiden blondhaarigen Traumgestalten darin, und die eine sah so ähnlich aus wie Erna und die andre wie Sophie . . .

Es ward ihm jetzt öfter so schwach. Er wunderte sich darüber, achtete aber nicht mehr darauf, als er wieder weitergehen konnte.

Fahr wohl, schöner Traum! Die Frauen sind so klug! . . . Gott sei Dank, daß sie so sind, klüger als wir! –

Für Emmas Ring und Sempachs Busennadel kriegte Robert Leichtfuß auf dem Mont de Piété bare siebenundzwanzig Franken geliehen, nach Abzug von Kosten und Zinsen.

Es war mehr als er erwartet hatte. Da er so die zwei Goldstückchen in der flachen Hand betrachtete, stieg Schamröte in seine Wangen, und wieder ward ihm dabei sehr unwohl. Aber etwas wie Freude half ihm die Anwandlung besiegen. Er kam sich einen Augenblick wie ein reich gewordener Mann vor.

Er mußte über sich selbst lächeln. Aber er war nun doch sicher, mit einiger Vorsicht und Entsagung sich über eine und 134 andre Woche weghelfen zu können. Weiter als Wochen dacht' er schon lieber nicht mehr, wie die Bettler. Und diese momentane Sicherheit, dies greifbare Ergebnis seiner Wallfahrt nach dem Leihhaus beschäftigte ihn auf dem Heimwege mehr, als die flüchtige Begegnung zwischen den großen Hallen und der Kirche Sankt Eustachius. Er wollte nicht an diese Begegnung denken. Er empfand sie ja nur wie eine neue Demütigung.

Und doch erzählte er am Abend seinem Kinde, daß er Sophien gesehen habe. Und das Kind triumphierte, weil es recht behalten, und freute sich laut über die Aussicht, seine Freundin zu besuchen.

Der Maler war dieser Besuche nicht so sicher. Von dem Kinde um Gründe bedrängt, warf er die Vermutung hin: »Wer weiß, ob es dem Herrn mit der weißen Krawatte recht ist.«

»Was hat denn der dreinzureden?« fragte Erna kecklich.

»Je nun, er ist vielleicht ihr Mann,« antwortete Robert.

»O nein!« rief das Kind heftig. Der Vater sah es überrascht an. Die großen blauen Augen hielten ihn fest, als redete ein bitterer Vorwurf aus ihnen. Dann stürzten ihr die Thränen über die Wimpern und schluchzend drückte sie das Gesichtchen an seine Brust.

Sie konnte nicht sagen, warum sie so heftig weinte. Robert quälte sie nicht weiter mit Fragen. Er strich ihr das Haar und hielt sie still an seinem Herzen. Sie waren eins im Empfinden: so jung sie war, sie war ihm Trost und Freude. Nach andrer Freude begehren, versagte er sich. Das Elend hatte ihn erstaunlich mürbe gemacht, meinte er. So sah er über das blonde Haupt seines Kindes nicht nach dem Weibe hin, das ihm heute strahlend in Schönheit und Gesundheit erschienen war, sondern zwang seine Gedanken auf die nächste Zukunft. Er rechnete sich aus, wie viel er von den fünfundzwanzig Franken, die er heimgebracht, auf Fleisch, wie viel auf Brot, wie viel auf Petroleum und sonst die allerwichtigsten Dinge verausgaben dürfte. Dann sagte er sich, daß der Mietzins schon seit Monaten fällig sei, daß er in diesen Tagen herbe darum gemahnt werden würde, und was werden sollte, wenn man den schlechten Zahler mitsamt seinem Kind auf die Straße setzte . . .

Die Summe für die zwei Stübchen und die kleine Küche war nicht bedeutend, aber er hatte doch lange nicht so viel bar Geld beisammen gesehen, als sie betrug. . . . Es dämmerte, es wurde Nacht. Das Kind war in seinen Armen eingeschlafen. Er wagte nicht, es aus dem ersten Schlummer zu wecken und saß immerfort still so da und betrachtete sein Elend mit brennender Seele.

135 Der Mensch ist ein Herdentier. Wer sich zu weit und zu lang abseits von seinesgleichen hält, verliert die Fähigkeit, sich Menschen anzuschließen, verliert den Anspruch auf ihre Teilnahme, verliert das Gemeingefühl, das ihn berechtigt, auf fremde Hilfe zu bauen.

Ueber ein Jahr hatte sich Robert mit dem kleinen Kinde seitab der Herde gesetzt. Immer mehr und mehr war er und endlich ganz vereinsamt. Es war ihm peinlich, an jemand andern als sein Kind das Wort richten zu müssen. Es kam etwas wie Verlegenheit, wie Scham über ihn, wenn er einem dritten irgend welche und war's eine ganz gleichgiltige Antwort geben sollte. Weit weg von allen! Das war die Empfindung, die ihn beherrschte. Es kann von andern dir nichts Gutes mehr kommen! Ihre Berührung wird dich nur mehr schädigen, als die früheren schon gethan haben, und überdies dich beschämen!

Ein Gedanke nagte mehr als jeder andre an seinem stolzen Herzen: daß er mit all seiner Anstrengung nicht vermochte, sich über Wasser zu halten; daß er, der sich vollauf berechtigt geglaubt hatte, sein Kind an sich zu reißen, trotz Kunst und Ausdauer nicht im stande war, es mit seiner Hände Arbeit zu ernähren.

Diese Enttäuschung fraß an seinem Herzen und sog ihm das Blut aus seinem Gehirn. Es gab Stunden, wo er glaubte, wahnsinnig zu werden. Sein Körper war dann einer wunderlichen Schwäche verfallen, die er, der robuste abgehärtete Mann, früher niemals gekannt, auch nichts Aehnliches je empfunden hatte. Daß die elende Nahrung, die er sich gönnte, um nur dem Kinde nicht zu wenig zu geben, am Verkommen seiner Kraft und Gesundheit schuld war, wollte er sich nicht gestehen. Und wenn er sich doch einmal die Wahrheit gestand, na, dann zuckte er dazu die Achseln und sagte, das sei eben nicht zu ändern. Er könne schon einen guten Puff aushalten. Und es würden schon bessere Tage kommen.

Ob die besseren Tage nicht länger ausbleiben würden, als sein armer Adam die Püffe des Schicksals ertragen könnte, auch das fragte er sich zuweilen. Aber mit dem Reste lächelnder Selbstironie fügte er hinzu: Das müßte sich eben erweisen, das müßte man eben abwarten!

Ergrimmt, wie er gegen sein Schicksal war, wollt' er ihm mit aller Hartnäckigkeit zeigen, daß er denn doch so leicht nicht unterzukriegen sei. Er streckte das für Ring und Nadel erhaltene Geld so weit aus, als es irgend menschenmöglich war. Er aß nur mehr Brot und nahm dazu morgens und abends ein Schlückchen vom billigsten Kognak. Er lebte für etliche 136 Centimes den Tag. Er sah jetzt auch danach aus. Er fühlte freilich, daß das keine heilsame Lebensweise sei; aber er konnte schon nicht mehr viel essen. Sein Magen hatte sich ordentlicher und reichlicher Nahrung entwöhnt.

Er ward müder und müder, gleichgiltig gegen alles, was nicht sein Kind anging. Leider nahm der Sonnenschein gar merklich ab. Die Abende wurden kühler und kühler, die Morgenstunden kamen einem schon empfindlich kalt vor. Erna klagte bereits manchmal, daß sie friere in der Stube. Robert suchte zusammen, was er an wärmeren Kleidungsstücken noch hatte, und ließ das Kind länger im Bett liegen. Er selbst lag länger zu Bette des Morgens, um nicht zu frieren. Aber dann wollte Erna, die er lesen gelehrt hatte, am Abend nicht so früh schlafen gehen, sich nicht so bald von ihren Büchern trennen. Die Lampe mußte denn doch wieder begossen werden. Die Dunkelheit kam so früh. Feuerung und Beleuchtung! Zwei Sorgen, die ihn den Sommer über nicht gequält hatten, ihn aber jetzt ratlos machten. Er kam auf den Einfall, in der Dämmerung seinem Kinde Märchen und Geschichten aus dem Gedächtnis zu erzählen. Darüber ward es dunkel, aber das Kind hörte geduldig zu. Nur leider versagte jetzt auch sein sonst so gutes Gedächtnis und sein Vorrat hielt nicht immer Stich, und was er dazu erfand, paßte meist schlecht und wollte Erna nicht immer gefallen.

Um diese Zeit kam auch sein Bild, »Das Heimwesen des Horaz«, natürlich unverkauft, zu ihm zurück. Ein ärgerliches Wiedersehen! Und kostete auch Geld. Trinkgeld für die Träger.

Mit dem feinen goldnen Rahmen, den er vordem so teuer bezahlt, gelang es ihm, den Hauseigentümer zu vertrösten. Derselbe nahm ihn als Pfand für die fällige Miete in Empfang. Lange wollte er trotzdem nicht mehr zusehen und sagte das auch barsch genug; allein im stillen dacht' er sich, daß beim Pfänden des Künstlerheims nicht viel herauskommen möchte, und er »das Wertvollste, den vergoldeten Rahmen« in Besitz nehmend, sich freie Hand lasse, den seltsamen Herrn erst in strenger Winterszeit auszutreiben, was denselben vielleicht alsdann wirksamer zum Zahlen nötigen würde.

Robert konnte das Bild nicht sehen, was ihm so grimmige Enttäuschungen verursachte. In einer zornigen Stunde, da er nur mehr ein Paar Silberlinge in seiner Tasche wußte, nahm er ein scharfes Messer und that, wie der höhnische Lefranc ihm vor einigen Monaten geraten hatte, er schnitt in abgemessenem Viereck die Tivolilandschaft aus der Leinwand heraus und nagelte sie auf einen entsprechenden kleinen Rahmen. Robert gefiel das 137 Ding jetzt nicht besser, aber Narren und eingebildete Kenner mochten das ja für ein selbständiges Bild nehmen! Er zuckte geringschätzig die Achseln dazu. Aber ihm könnt' es ja nur lieb sein!

Das im Leihhaus erhaltene Geld war aufgezehrt. Er hatte seit Tagen sich auch das Schlückchen Kognak versagen müssen. Die notdürftige Nahrung für Erna war heute beim Krämer geborgt. Der mußte bezahlt werden, wenn man ihm wiederkam. Brot war nur mehr für morgen in der Lade. Alles, was auch nur irgend welchen Geldwert gehabt, war versetzt oder verkauft. Nun hieß es das Bild loswerden oder verhungern.

Robert schlug die frischaufgezogene Landschaft in ein altes Tuch, befahl Erna der Concierge und ging mit dem verkürzten Werke fort. Die Pförtnersfrau war auch nicht mehr dieselbe gegen ihn und das Kind wie sonst. Sie wußte, daß der Herr die Miete schuldig geblieben. Trinkgelder hatte sie auch schon seit geraumer Zeit keine mehr gesehen. Sie war ja eine menschenfreundliche Frau und kargte nicht mit Gefälligkeiten gegen die Hausbewohner; aber von ganz nutzlosen und uneinträglichen Gefälligkeiten war sie keine Freundin, und mit Leuten, die, nach Versicherung des Eigentümers, bei der nächsten Gelegenheit auf die Straße gesetzt werden würden, wünschte sie sich nicht näher anzufreunden. Dies eine Mal wollte sie das Kind noch bei sich behalten, aus Barmherzigkeit und weil der Herr einen gar so wichtigen Gang vorzuhaben behauptete; aber nur für anderthalb Stunden, und das sei das letzte Mal. Ihre Portiersloge sei keine Kinderbewahranstalt, und wer für Kinder nicht sorgen könne, sollte sich auch nicht mit Kindern beladen!

Ja, ja, Lefranc mußte das Bildchen kaufen! Es war kein andrer Rat. Der alte Thordrache mußte wieder bar Geld in der Hand der Leute sehen, die er schätzen sollte! Das Kaminchen mußte Feuerung, die Lampe mußte Steinöl erhalten! Erna mußte zu essen kriegen! Mußte, mußte, mußte! . . . Hörst du nicht, Schicksal?!

Es war ein unfreundlicher Novembertag, in den Robert mit seinem eingeschlagenen Bilde hinaustrat. Der Herbst hatte sich lang besonnen, eh' er sich empfahl. Nun gab's einen Kehraus, daß einem die Seele im Leibe wackelte. Die riesigen Staubwolken wirbelten die zahlreichen gelben Blätter eingeschlossen und verschleiert vorbei; wie Gespenster aus der Sahara fegten sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Straßen hinab. Hier und da hörte man einen Laden oder auch ein Fenster zuknallen, und dann klingelten Glasscherben die Wand entlang, und man konnte von Glück sagen, wenn sie einem nicht auf den Kopf oder 138 die Hand fielen. Ein kleiner Hund, dem alle Haare gegen den Strich standen, trottete jäh vorüber, als nähm' ihm der Wind die Straße unter den Beinchen weg. Dort flog ein schwarzer Filzhut pfeilschnell über den Fahrdamm, ein Herr mit umgestülptem Regenschirm lief hinter ihm drein; aber ein rascher Wagen, der ihn im Vorüberrollen von oben bis unten mit Kot bespritzte, fuhr auch über die flüchtige Kopfbedeckung und räderte sie zu schanden. Es regnete nur so strichweise. Jetzt gar nicht, und gleich darauf schüttete es einen wie mit Eimern voll. Robert hatte Mühe, seine viereckige Leinwand gegen Wind und Wetter zu steuern, und er eilte darum so rasch er konnte.

Es sollte ihn eigentlich sehr wundern, wenn Lefranc, wenn irgend jemand ihm ein Bild abkaufte! Aber Lefranc hatte ihm doch genau gesagt, was er mit dem »Heimwesen des Horazius« anfangen sollte. Derselbe war doch nach jenem Ausspruch gewissermaßen verpflichtet, das Bild zu vertreiben. Und wenn es Robert recht billig ließ, dann sah der alte Spitzbube leichten Vorteil dabei und zählte ihm noch heut etliche Thaler auf die Hand. Die leichtbewegliche Phantasie des hungrigen Künstlers malte ihm hastig allerhand Möglichkeiten aus, wie ihn der kundige Lefranc zu Gewinn führen möchte. Er hörte in seiner Aufregung schon ordentlich die Goldstücke klingend aneinander klappen. Ei, die beruhigende Musik! Blase nur, Sturm, schütte nur, Gußregen, wenn wir nur unser Bildchen an Mann bringen, dann wollen wir schon lachen, Erna und ich! Und wir bringens an! . . .

Herr Lefranc war heute gewiß nicht mit dem rechten Fuß aus dem Bette gestiegen. Seine beiden Kommis hatten es nicht leicht, ihm irgend etwas recht zu machen. Er ging widerborstig in seinem Laden hin und her, wie ein Tier im Käfig und schalt dabei in einem fort aufs Wetter, auf die Zeit, auf die Jahreszeit, auf Paris und New York, auf Künstler und Kunsthändler und den übrigen Rest der zivilisierten Menschheit.

Daß sich bei solchem Platzregen und Wirbelsturm kein Käufer würde blicken lassen, verstand sich von selber. Und doch mußte man stillhalten, ein allzeit aufwartender Sklave des Tyrannen Publikum!

Aber es war in Wahrheit durchaus nicht das Wetter, was Herrn Lefranc so außerordentlich erboste. Sonst pflegte er, wenn sich die Wolken über dem Boulevard ausschütteten, breitbeinig hinter der Spiegelscheibe seiner Ladenthüre zu stehen und mit mephistophelischem Schmunzeln auf die dummen Leute zu blinzeln, die ihre Füßchen oder Füße durch die Nässe zogen, während er geborgen im Trocknen stand und ihre Sprünge über Pfützen, 139 ihr Tänzeln über den glattgewaschenen Makadam, ihr Hineinpatschen in die Lachen mit unerschütterlichem Behagen beobachtete.

Auch die ausbleibenden Käufer waren es nicht, die seinem Humor den Garaus machten. Was seine Galle heut überströmen ließ, war der erstaunliche Erfolg, den ein Kollege von ihm, ein andrer Bilderhändler dort hinten in der Rue de Chateaudun, bei Versteigerung des gesamten Nachlasses eines kürzlich in Rom am Typhus verstorbenen Malers errungen hatte. Die Kenner und die Liebhaber hatten sich in Scharen hinzugedrängt. Freilich der Herr Kollege war ein feiner, ein unverfrorener und der sich auf das Schlagen der Lärmtrommel verstand wie keiner! Aber solch ein Ausverkauf war seit Jahren nicht dagewesen. Ja, es war wieder Geld in Paris! Geld wie Heu! Die schönen Prozente, welche sein Bruder in Merkur bei dieser Gelegenheit in die Tasche stecken durfte, brachten den neidischen Lefranc um jeden Rest guter Laune. Er fühlte sich ordentlich gekränkt, ja gewissermaßen übervorteilt durch die größere Schlauheit oder Unternehmungslust jenes andern und baute darauf, in Bälde irgend ein Geschäft auszuwittern und auszubeuten, das den Nebenbuhler wiederum neidisch auf Lefrancs Glück machen müßte.

Aber sein Spürsinn fand nichts im Bereich der Wahrscheinlichkeit. Und dazu dieses miserable Hundewetter! Ist das ein Beginn der Saison! Himmelkreuzmillionen . . .

In diesem günstigen Augenblick griff Roberts nasse Hand nach der nassen Klinke, und in der nächsten Minute rieselte es von seinen Kleidern auf das Parkett des Kunstsalons, daß Lefranc voller Unmut heftig nach dem Ladenjungen schrie, er möge mit Lappen und Bürsten herzueilen, um die Lachen zu beseitigen.

»Was wünschen Sie von mir, mein Herr?« fragte er dann Robert Leichtfuß schon nicht mehr höflich.

»Ich habe Ihren Rat befolgt, Herr Lefranc . . .«

»Was für einen Rat? Ich habe Ihnen keinen Rat gegeben, ich gebe eigensinnigen Leuten, wie Sie sind, niemals Rat,« unterbrach der Alte den Redenden, der mittlerweile, gelassener scheinend, als er war, sein Bild aus dem tropfnassen Umschlagtuche wickelte.

»Doch, Herr Lefranc! Sie gaben mir einen Rat, und ich glaube, einen guten,« sagte er dann lächelnd, denn er wollte es jetzt mit dem unwirschen Menschen beileibe nicht verderben.

Ueber Lefrancs saueres Gesicht huschte es plötzlich wie Schimmer freudiger Ueberraschung. Er sah von weitem ein gutes Geschäft. »Sie haben Vernunft angenommen? Sie haben mir einen Tiburtin gemalt?« sprach er.

140 »Das nicht. Aber ich habe aus dem Bilde, welches ich im Salon der Abgewiesenen ausgestellt, die Landschaft herausgeschnitten, die Ihnen so gut gefallen hat. Da sehen Sie einmal!«

»Gut gefallen? Mir? Nichts hat mir an jener unsinnigen Kruste gefallen! Was bilden Sie sich ein!«

»Aber Sie rieten mir doch ausdrücklich, Herr Lefranc . . .«

»Nichts riet ich Ihnen! Ihnen ist überhaupt nicht zu raten! Sie sind ein Narr, der dem Verdienst aus dem Wege geht. Und ich rate Ihnen kurz und bündig nur das eine: mich gefälligst in Ruhe zu lassen.«

Robert war zu Mute, als drängte man ihn an eines Turmes Rand und zwänge ihn, hundert Fuß hoch hinunterzuspringen und den Hals zu brechen. Der hartherzige lügnerische Schuft da vor ihm war ja seine letzte, seine und Ernas einzige Hoffnung. Er wäre ihm so gern an die Gurgel gefahren und mußte doch an sich halten und ihm auch noch schön thun.

»Ich bitte Sie, Herr Lefranc, werfen Sie doch einen Blick darauf! Es muß Ihnen nach Ihrer damaligen Versicherung ja gefallen . . .«

»Nicht sehen! Nicht sehen!« schrie der Alte und wandte sich ab.

Robert meinte, das Herz fiele ihm aus der Brust. Er spreizte wie ein Ratloser die Finger an seinen Händen aus. Ein Zittern überkam ihn. Er überwand es, faßte sich, schluckte alle aufsteigende Bitternis hinunter und brachte dann die Bitte vor: Er möchte bei dem Wetter doch das kleine Bild hier lassen dürfen. Das Tuch war tropfnaß, er hatte kein andres, und es war so mühsam, mit dem Viereck durch den Platzregen zu wandern. . . . Und . . . und vielleicht verkaufte sich das Ding denn doch . . .

»Meinetwegen!« antwortete der Händler sehr geringschätzig und ohne die Tafel eines Blickes zu würdigen. »Ich habe ja noch mehrere Ladenhüter. Kommt mir auf einen mehr nicht an! . . . Heda, Monsieur Fervelle, nehmen Sie dem Herrn da dieses Machwerk ab und legen Sie's zu den übrigen, die sich am großen Nimmermehrstag verkaufen werden! So!«

Der angerufene Kommis kam herein und that mit notdürftiger Höflichkeit, wie ihm von seinem Patron geheißen war. Robert sah sein Bild in der Hinterbude verschwinden und den eifrigen Herrn Fervelle wieder zu seiner Korrespondenz zurückkehren.

Was nun? Er mußte sich ein Herz fassen. Er reckte wieder die Finger von sich und schluckte, schluckte. Nach einer kleinen Pause voll Peinlichkeit hub er leise und recht sanft wieder an: »Herr Lefranc!« dann mußte er sich räuspern.

»Was ist Ihnen gefällig!« erwiderte der Angeredete und 141 wahrlich in ganz andrem Tone, als Robert an ihn hingeredet hatte und jetzt weiter redete.

»Mein Gott, ich hatte kein Glück in letzter Zeit . . . mit einem Wort: Möchten Sie mir nicht einen kleinen Vorschuß auf das Bild gewähren?«

»Ich? Auf das Bild? . . . Auf einen Bruchteil jenes großen Fiaskobildes aus dem Salon der Zurückgewiesenen? . . . Eh, Herr Fervelle! Herr Fervelle, ich bitte, geben Sie Herrn Robert das Meisterwerk, welches er Ihnen eben anvertraute, sofort wieder, aber sofort!«

»Nein, lassen Sie nur, Herr Fervelle!« sagte Leichtfuß mit abwehrender Bewegung seiner ausgespreizten Finger. »Jetzt nicht! Ich werd' es schon abholen lassen!«

Er schluckte wieder mühsam, drehte seinen nassen Hut in der Hand und ging langsam der Glasthüre zu. »Guten Tag, Herr Lefranc,« sagte er leise. Was wollte er machen! Hier war nichts zu holen.

Der Händler besah ihn von der Seite, er merkte, daß der sonst so aufrechte, so bewegliche Leichtfuß andern Gang und andre Haltung hatte als sonst. Auch eine andre Stimme. Die Stimme des Elends, sie war nicht zu verkennen. Vielleicht war der Trotzkopf mürbe gemacht. Aber Schwäche durfte man ihm nicht zeigen. Und Mitleid wäre hier eitel Schwäche. Barsch und trocken rief er ihm nach:

»Wenn Sie von mir Geld erhalten wollen, Herr Robert, so wissen Sie längst, auf welche Weise das von mir zu bekommen ist. Für nichts geb' ich nichts! Malen Sie mir Tiburtins, nach meiner vorher einzuholenden Bestimmung, und ich zahle Ihnen für jedes Stück in der Größe des vor Jahren gelieferten tausend Franken. Wohlverstanden tausend Franken! Sie haben's in der Hand!«

Robert stand auf der Schwelle; achselzuckend sagte er: »Das kann ich nicht! Ich bin ein ehrlicher Mann und will es bleiben!«

»Gott mit Ihnen, ehrlicher Mann!« rief Lefranc und wandte ihm den Rücken.

Leichtfuß nickte noch ein wenig mit dem Kopf und trat dann wieder in den Regen hinaus.

Der Wind hatte nachgelassen an Heftigkeit. Ein dünner Sonnenstrahl schlich sich eben unter den Regenwolken durch und ließ den Makadam des Fahrwegs in seiner Nässe grell wie einen Brennspiegel aufglänzen, daß Robert wie geblendet mit der Hand vor die Augen fuhr. Die Wagen rollten hurtig von rechts und links. Die Fußgänger eilten mehr oder weniger 142 hastig unter triefenden Schirmen an ihm vorbei. Der Sonnenstrahl war bald wieder von den Wolken verschluckt. Ringsum ein eintöniges, frostiges, rieselndes Grau!

Robert zog die Schultern in die Höhe und ging dahin. Langsamer, viel langsamer, als er gekommen war. Er hätte den nächsten besten auf der Straße anrufen mögen: Was nun?! Er hätte den nächsten besten niederschlagen und ihm seine Börse entreißen mögen. . . . Und dann fielen wieder alle heftigen Gedanken in sich zusammen und nur der dumpfe Druck seiner beispiellos jämmerlichen Lage war ihm fühlbar.

Er krampfte die Fäuste in seiner Tasche zusammen und drückte die Arme fest an seinen Leib. Was thun? Was angeben? wimmerte er still in sich hinein. Vor seiner Stirn war ein Schmerz, wie wenn einer mit einem platten Brette dagegen pochte. Und kein Gedanke, der irgend eine Hilfe zeigte!

Auf einmal schoß ihm doch ein Einfall durch den Kopf – eine Erinnerung. Er hatte jüngst in den kleinen Anzeigen einer Zeitung gelesen, daß ein Photograph einen gewandten Retoucheur suchte. Vielleicht reichte er dazu aus mit der erworbenen Kunstfertigkeit! Ein elendes Brot! Unwürdig für einen Künstler wie er! Aber was sonst? Es warf doch eine karge Mahlzeit ab im Tag. . . . Drollige Einrichtung der Natur, den unsterblichen Geist von einer Handvoll Brot abhängig zu machen, abhängig ganz und gar! Robert blieb vor dem Schaukasten eines Photographen stehen. Es war einer der erbärmlichsten. Solche Machwerke mit einem Pinsel nachfahren, scheußlich! Aber Hungern ist noch scheußlicher. Erna durfte nicht hungern! Heute freilich wird sie niemand davor retten. Das arme Kind!

Er kehrte das Gesicht von dem Kasten des Photographen ab und gegen den Fahrweg. Ein eleganter Gig zwischen zwei mannshohen Rädern, wie eine Blume in ihrem Gezweig, in seinen Sprungfedern sanft schwankend, sauste vorbei und bespritzte in seiner geringschätzigen Eilfertigkeit die nächsten Zuschauer mit jähen Kotflecken. Auch der in der Nässe glänzende Lack des Wägelchens war über und über mit Kot befleckt. Ein eifriger Sportsmann, der selbst bei diesem Wetter seinen Rassegaul eigenhändig lenkt! Der Sportsmann im englischen Doppelkragenmantel und mit der langen Peitsche kannte Robert, denn er nickte ihm freundlich zu, nicht ohne ein bißchen Prahlerei in Minen und Geberde zu legen. Robert sah dem Vorbeisausenden stumpfsinnig nach. Er kannte ihn wohl, diesen Dandy! Sie hatten einst auf der Malerschule nebeneinander gesessen. Der Bursch hatte nicht mehr Talent zum Künstler als Hinz und Kunz, aber er hatte Glück gehabt. Er malte kleine Sächelchen, Figürchen, Tierchen, ein Schickist nach der Mode – jeder Pinselstrich ein Dukaten! Robert hätte damals nicht um einen Weltteil seine künstlerischen Hoffnungen gegen die seinen tauschen mögen. – Nun fuhr jener mit eigenen Pferden in sein Atelier – und er hatte nicht eine Brotkrume zu verdienen, wenn ihm nicht ein Photograph Handlangerdienste anvertraute.

Er raffte sich aus seinem Brüten auf. Ein Livreebedienter, der den Fahrweg passieren wollte, war hastig mit dem Ellbogen an ihn gestoßen. Derselbe sah den nassen Menschen mit dem blassen, verzweifelten Gesicht an, ob es der Mühe wert sei, sich bei diesem Mitbürger zu entschuldigen; pas grande chose! dachte er, und ohne ihn eines Wortes zu würdigen, ging er breitspurig weiter. So ein Kerl, der durch Aufwarten und Thürenöffnen seine Mast verdiente, war jetzt ein vornehmer Herr gegen den Nichts und Niemand Leichtfuß, der ratlos im Regen auf dem Boulevard Malesherbes stand.

Gassenkehrer fegten mit langstieligen, breiten Bürsten den Makadam, damit der Schlamm, welchen Staub und Regenwasser so rasch auf der vielbefahrenen Straße bildeten, alsbald beseitigt würde. Diese Gassenkehrer waren meist Deutsche. Robert wußte das und trat einen an, der eben mit seinem Geschäft bis an den Rand des Bürgersteiges geraten war.

»Landsmann,« sagte er freundlich, denn der Mann war in seinen Augen ein sicherer Mann, der mit seinem Besen Weib und Kind ernährte, und in dem Besen sah er heut ein ehrwürdig Instrument, dem Pinsel verwandt und ihm teilweise vorzuziehen. »Glauben Sie nicht, daß ein kräftiger, ehrlicher, arbeitsamer Mann, der sich anderweit nicht mehr fortbringt, Aussicht habe, bei der Straßenreinigung angestellt zu werden?«

»Vielleicht, wenn er große Protektion sehr einflußreicher Leute hat! Sonst kein Gedanke! Es warten ihrer Hunderte auf so eine Anstellung. Und was für Leute! Ist nicht Gassenkehrer, wer will!«

Robert schüttelte den Kopf und versuchte sich im Weitergehen weiter zu besinnen.

Robert dachte heute so langsam. Es fiel ihm selbst auf. Auch sein Gang war langsam, obwohl ihn fror in seinen nassen Kleidern. Aber es war ihm alles einerlei!

Er blieb vor dem großen Glasfenster eines Delikatessenhändlers stehen. Riesige Schaltiere und Geflügel aller Größen, gerupft und im Federschmuck, herrliches Obst und die Büchsen verschiedenartiger Pasteten waren in eine unvergleichliche 144 sinnverwirrende Arabeske hier zusammengestellt. Darüber hingen Gewinde von bräunlich glänzenden Würsten, dazwischen stachen Gruppen von stumpf schwarzen Trüffeln, rosenfarbenen Radieschen, wie in modefarbenem Atlas schillernden Zwiebelchen und in Zuckerguß starrenden Früchten hervor. Robert sah eins nach dem andern mit weit aufgerissenen Augen an. Es war ihm dabei, als schnitte man mit Messern in seinen Eingeweiden herum, und er konnte sich doch nicht von dem leckeren Anblick trennen. Er drückte die Stirne mitsamt dem Hut an die große Scheibe, wie um bequemer zu sehen. Ach, wenn man mit den Augen essen könnte! Ach, was es für wohlschmeckende Dinge auf der Welt zu essen gab! Und welche Abwechselung darin! Es gab Leute, merkwürdigerweise, die aus Abwechselung und Auswahl der Speisen eine Wissenschaft machten! Es gab eine Kunst, zu essen! Es gab Eßkünstler! . . . Und es gab andre Ebenbilder Gottes, die nicht mehr hinsahen, was sie aßen, um nicht vor Ekel zu verhungern. Und ein solcher war er. Eine unsagbare Begierde, lecker zu speisen, viel zu speisen, in all den kostbaren Sachen und Sächelchen zu wühlen, zu naschen, zu schwelgen, ein nagendes Gelüsten, sich einmal vollzufressen bis zum Platzen, kam da über ihn, daß er sich an der Messingstange, die vor die Spiegelscheibe zum Schutz wie eine Barre befestigt war, mit beiden Händen hielt, denn er meinte, das Glasfenster mit den Fäusten einschlagen zu sollen und wenn auch mit zerschnittenen blutüberströmten Händen an sich zu raffen, was nur seinen Hunger, sein Gelüsten, seine Gier zu stillen tauglich wäre.

Dann war's ihm wieder, wie wenn ihn ein Schwindel niederzuwerfen drohte. Die kurze Sinnverwirrung nahm ihm doch das Bild fort, das seinen Hunger so entsetzlich aufstachelte. Die Hand vor den Augen, sammelte er sich auf. Denk' doch an dein Kind! Es kann nicht bei der Concierge bleiben! Und daheim ist noch ein Stück Brot. Mach, daß du heimkommst! Spute, spute dich, armer Hund! Hier auf dem Boulevard gibt es nichts für dich zu essen! Und stehst du noch länger da und gaffst in die Glasfenster, so juckt es dich, zu stehlen. Was wird dann aus Erna, wenn dich erst ein Stadtsergeant am Kragen hat?

Herr Gott, mein armes Kind! Heim! Heim! . . .

Er schreitet weit aus. Er läuft stellenweise. Es ist noch weit bis in die Rue Murillo! Und die dumme, boshafte Frau in der Portierloge hat gesagt, sie wolle nicht länger mehr als anderthalb Stunden daheimbleiben und könne nicht länger auf das Kind achtgeben. Also nur rasch!

Glücklicherweise hat der Regen jetzt aufgehört, 145 wahrscheinlich nicht für lange! Aber es wird Robert doch warm im eiligen Schreiten; wohler wird ihm nicht! Es ist ihm, als müßt' er, heimkommend, vor dem Kind auf die Kniee fallen und es mit aufgehobenen Händen um Verzeihung bitten, daß er es zu sich genommen und jenen Leuten entrissen hat, die immer vollauf und gut zu essen hatten.

Aber bei dem Gedanken an jene Leute, denen er das Kind weggenommen hat, bei dem Gedanken an das treulose Weib und an deren würdige Eltern, da bäumt sich in ihm alles auf in glühendem Haß. Und ging's in Hunger und in den Tod, besser, als jenen Nichtswürdigen Fleisch von seinem Fleisch und Herz von seinem Herzen überlassen haben!

Nun hat er auch wieder Kraft. Nun hat er auch wieder Gedanken. Freundliche Gedanken sind es nicht; aber sie beflügeln seine Schritte. Da hat er auch schon die Avenue de Messine hinter sich . . . kurz um die Ecke der Avenue Ruisdael und nun linksum, da ist er in der Murillostraße. Dreißig hastige Schritte noch, und er steht vor seinem Hause.

»Wo ist mein Kind?« fragte er erstaunt, als er in der Portierloge weder Erna noch die Concierge, sondern nur deren Gatten sah, der die Hände mit einem Zeitungsblatt auf dem Rücken gekreuzt, eine kurzstielige Korporalpfeife zwischen den eingekniffenen Lippen, in grünen Pantoffeln ärgerlich auf und nieder ging und auf seinen Gruß etwas lange warten ließ.

»Ach, Sie sinds!« sagte der Thürhüter dann nach einer Weile blinzelnder Betrachtung. »Sie sind mir auch ein sauberer Vater! Ich danke!«

Robert, der vor Gram und Hunger ohnehin nicht ganz frei im Kopfe war, begriff nicht recht, was der Mensch da sagen wollte. Angst überkam ihn, man möchte Erna gestohlen haben. Er stürzte entsetzt auf den Zeitungsleser zu und rief: »Wer war da? Was hat man Erna gethan?«

Der andre kehrte sich aber gar nicht an diese ihm gleicherweise unverständlichen Fragen und fuhr in seiner Art fort: »Und ein Maler wollen Sie sein? Mit Augen, die nichts sehen! Hohn! Da ist meine Frau anders. Auf den ersten Blick hat sie gesehen, daß das Kind krank ist . . .«

»Wie? Was? Krank? Mein Kind krank?« schrie Robert.

»Nu versteht sich! Jedermanns Kind wird einmal krank! Aber Ihr Kind darf niemals krank werden! Ein Privilegium wohl für Malerkinder! Leider sind alle Privilegien abgeschafft.«

»Aber wo ist denn Erna? Wo ist Ihre Frau?!« rief der Maler außer sich.

146 »Wo werden sie sein?« antwortete der Pförtner, sichtbar mit sich zufrieden, daß er den Vater, dessen krankes Kind ihn und seine Frau behelligte, mit gehöriger Angst bestraft hatte. »Droben bei Ihnen sind sie. Meine vortreffliche Aglaë hat das schlottrige, kleine Wesen zu Bette gebracht und ihm ein warmes Süppchen gekocht. Steigen Sie gefälligst hinauf, mein Herr, und bedanken Sie sich bei der unvergleichlichen Frau!«

Robert Leichtfuß war schon bei der Thüre draußen und hörte die letzten Worte kaum mehr. Er hatt' es eilig, die fünf Treppen hinaufzukommen; er war indessen noch nicht halbwegs des ersten Stockwerks gelangt, als er sich von dem mißliebigen Pförtner wiederholt und dringend beim Namen rufen hörte. Wider Willen hielt er ein im Lauf und beugte sich übers Stiegengeländer, um hinabzufragen, was jener von ihm wollte, daß er ihn bei solch einem Anlaß zur größten Eile verzögerte.

Er sah den Mann auf seinen grünen Pantoffeln unten innerhalb der Treppenschnecke stehen, und während er mit der Linken seine Zeitung noch nicht losgelassen hatte, mit der Rechten einen Brief in die Höhe halten.

»Der Postbote hat das Ding da für Sie abgeworfen, mein Herr!« rief der Concierge. »Beinahe hätte ich es Ihnen zu sagen vergessen. Es ist ein eingeschriebener Brief. Also wohl von Wichtigkeit. Ich habe in Ihrer Abwesenheit den Empfang bestätigt. Geben Sie sich die Mühe, die Sache in Empfang zu nehmen.«

Robert fragte jetzt den Teufel nach allen erdenklichen Postsachen; da aber dieser Gatte der unvergleichlichen Aglaë keineswegs der Mann dazu war, einem Mieter in den fünften Stock seine Briefschaften nachzutragen, blieb ihm nichts übrig, als das Dutzend Stufen rasch in zwei Sätzen hinunterzuspringen und dem Saumseligen das mehrfach markierte, mit einem breiten, roten Siegel petschierte Papier aus der Hand zu reißen.

Während er ohne weitere Zögerung die Treppe hinaufhastete, erbrach er den Umschlag, dessen Aufschrift keine bekannte Hand verriet. Sein erster Blick war nach der Unterschrift. Sie lautete: »Kuno Freiherr von dem Stumpe-Wanzebökh, Dr. jur.«

Was wollte dieser Fremdling mit dem heraldischen Namen von Robert Leichtfuß und noch dazu in einem versicherten Schreiben? Obwohl ihn Besorgnis und Sehnsucht nach dem Kinde jagten, ließ er doch im Aufwärtssteigen seine Augen über die feste, klare Handschrift gehen.

Der Freiherr entschuldigte sich zuerst, daß er sich herausnehme, der Ehre persönlicher Bekanntschaft entbehrend, sich in eine Familienangelegenheit Roberts zu mischen, begründete aber 147 dann sein Vorgehen mit der Mitteilung, daß er in wenigen Monaten Frau Hermione Meyer heiraten und damit vollkommen berechtigt erscheinen werde, deren Angelegenheiten zu vertreten. Frau Hermione sehne sich sehr nach ihrer Enkelin Erna und hege den natürlichen Wunsch, ihre Erziehung zu vollenden und ihre Zukunft zu gestalten. Sie begreife nun aber auch sehr wohl, daß es ihrem ersten Schwiegersohn peinlich sein müsse, seine Tochter im Hause seiner geschiedenen Frau mit andern Töchtern aus zweiter Ehe aufwachsen zu lassen. Sie könne jedoch nicht glauben, daß er dieselben Bedenken, dieselbe Abneigung gegen das Haus der Großmutter Ernas hegen werde, besonders unter so veränderten Umständen. Ihr zukünftiger Gatte, der Schreiber dieser Zeilen, könne das Ansuchen der vortrefflichen Frau – schon wieder eine vortreffliche, eine unvergleichliche Frau, und was für eine! dachte der Treppensteiger – der Freiherr könne den Wunsch seiner Braut nur durch die treugemeinte, ehrliche Versicherung unterstützen, daß er Erna mit der größten Sorgfalt erziehen und – da bei den vorgeschrittenen Jahren seiner Zukünftigen eigner Kindersegen wohl kaum mehr zu erhoffen sei – wie seine eigne Tochter in allen Stücken halten werde.

Nichts liege dem vornehmen Sinne der verwitweten Frau Meyer ferner, als was Leichtfuß gewaltsam, ja gewissermaßen widerrechtlich sich angeeignet habe, durch einen ähnlichen brutalen Akt oder durch das skandalöse Zuhilferufen fremdländischer Gerichte wieder an sich zu bringen. Sie wolle vor allem es mit Güte, mit annehmbaren Vorschlägen versuchen. Es sei in Berlin nicht unbekannt geblieben, daß es Herrn Leichtfuß zur Zeit nicht so glänzend gehe, als seinem großen Talente zu wünschen wäre. Man wisse, daß er sich gegenwärtig nicht in der Lage befinde, seine Tochter nach Gebühr zu unterhalten, geschweige gar sie standesgemäß zu erziehen. Die zukünftige Frau Baronin von dem Stumpe müßte aber darauf dringen, daß ihre leibliche Enkelin standesgemäß erzogen werde; der liebenden Großmutter müßte das Herz brechen bei der Vorstellung, daß ihr Tochterkind vielleicht an dem Notwendigsten Mangel leide.

Und aus allen diesen und noch mehreren Gründen glaube der Freund und Berater seiner Braut nicht zur Unzeit mit dem Vorschlage hervorzutreten, Robert Leichtfuß möge ihm, dem hochachtungsvoll Unterzeichneten, gestatten, Erna persönlich in Paris abzuholen, um selbe in die Arme ihrer Großmutter zurückzuführen, und dafür die notariell beglaubigte Zusicherung einer Geldentschädigung oder gleich diese selbst in giltigen Wertpapieren in Empfang nehmen.

148 Der Schreiber würde sich überaus glücklich schätzen, dieses kostbare, dieses schönste Hochzeitsgeschenk seiner Braut überbringen zu können. So oft Robert sein Kind besuchen wollte, würden sich ihm die Pforten des freiherrlichen Hauses derer von dem Stumpe bereitwillig öffnen, obwohl diesseits nicht die Absicht bestünde, über die Höhe der zu fordernden Entschädigungssumme zu streiten.

Ja, man gehe im Vertrauen zur guten Sache so weit, daß man bei einem angesehenen Pariser Bankhause – dasselbe war genau bezeichnet – gleich jetzt eine kleinere Summe Herrn Leichtfuß zur augenblicklichen Verfügung stelle, falls derselbe infolge dauernden Mißgeschickes diese erheben und dagegen nur seine Bereitwilligkeit, auf den hier vorgeschlagenen Ausgleich bedingungslos einzugehen, schriftlich erklären möge.

Den Schluß bildeten wieder Höflichkeitsversicherungen des wohlerzogenen Mannes. Robert war eben wieder bei der äußerst feudal paraphierten Unterschrift angekommen, als er auch atemlos vor seiner Wohnung stand und mit vor Aufregung zitternden Fingern den Schlüssel im Schloß umdrehte.

So sehr dieser Brief dazu geeignet war, in Roberts wunder Brust alle Leidenschaften aufzuwiegeln, er wußte doch nichts mehr von dem Briefe, den er noch offen in der Hand hielt, wie er jetzt durch die Küche stürmte und die Zimmerthür aufriß und Erna in ihrem schlichten Bettchen liegen sah. Ein blasses Gesicht mit glänzenden Augen, die ihn, ach, so ängstlich ansahen, und kleine zitternde Händchen, die sich wider den Befehl der wichtig thuenden Pförtnersgattin nach dem ersehnten Vater aus der Decke reckten.

»Na, da ist er ja endlich, dein Herr Papa!« rief Aglaë, die Unvergleichliche. »Und Gott sei Dank, daß er endlich da ist! Zu früh kommt er nicht. Man hat doch noch andres zu thun, als fremder Leute Kinder zu hüten. So, nun sei gescheit und werde bald wieder gesund, mein Kätzchen!«

»Ich konnte nicht früher kommen, liebe Frau. Und tausend Dank für Ihre Güte! Gott lohn' es Ihnen! Aber was ist geschehen? Um Gotteswillen, reden Sie doch!«

»Was wird geschehen sein! Das Kind ist eben krank geworden. Das fliegt einen so an in der großen Stadt, wo jede Sekunde Milliarden Krankheitskeime in der Luft herumwirbeln und alle Nahrungsmittel gefälscht sind. Wer Kinder hat, weiß das. Und Sie, mein Herr, sollten es eben auch wissen. Sie sollten es schon seit Tagen wissen. Erna kann nicht erst heute so sein, wie sie ist. Keine fünf Minuten war das Kind in meiner Loge, da sagt' ich schon: Mein Kätzchen, mit dir ist's nicht richtig! . . . ›Nein,‹ sagte sie, ›mir ist wirklich nicht gut. . . .‹ 149 Wo thut's dir denn weh? fragt' ich. . . . ›Hier am Hals und hier am Kopf und hier und hier!‹ wiederholte sie. . . . Na, wie ich Ihre Heimkehr erfleht habe, mein Herr, davon können Sie sich keinen Begriff machen! . . .«

»Aber Erna klagte ja nicht ein bißchen!« sagte Robert und befühlte sein Kind jetzt überall, wo ihm Aglaë Schmerzen angesagt hatte.

»Das Kind hat 's Klagen eben verlernt, Herr Robert!« antwortete die Concierge. »Wundern darf man sich nicht, wenn so ein Kind krank wird. Ihr Männer versteht nichts von Kinderwartung. Hat man je erlebt, daß ein einzelner, ein ganz einsamer Mann sich mit einem Kind ohne andre Pflege als die seine abgibt! Das geht nicht an! Nimmermehr geht das an! Wozu hätte denn Gott die Frauenzimmer erschaffen! Es mag Ihnen ja über Gebühr schlecht mitgespielt worden sein! Es kümmert mich nicht, aber man hat doch seine Augen und kann sie nicht immer zudrücken. Wie sehen Sie selber denn aus, mein Herr! Auf die Hälfte sind Sie zusammengeschwunden! Und mit dem Mann, als welcher Sie vor Jahr und Tag hier eingezogen sind, gar nicht mehr zu vergleichen, geschweige gar zu verwechseln! Und das Kind hat dabei auch nicht, was es braucht . . .«

»Dem Kinde ist nichts abgegangen!« rief Robert, im Kern seiner Sorgfalt und väterlichen Ehre verletzt. »Bis gestern hatte es alles, was es brauchte! Nicht wahr, mein Herz?« Dann kehrte er sich wieder ganz der kleinen Kranken zu und ließ sie den Rachen öffnen und bestätigte an Pulsschlag und Körperwärme, daß sie ein heftiges Fieber schüttle.

Derweilen fuhr Aglaë fort zu zetern: »Hatte, was es brauchte? Das verstehen Sie nicht, mein Herr, und ich bitte meinen Freimut zu entschuldigen. Ein Kind braucht eine Mutter! Und wenn das da keine hat, wie es scheint, na, dann geben Sie ihm eine! Das ist Ihre Pflicht! . . . Und der Aermste findet doch noch eine Närrin, die bereit ist, seine Not mit ihm zu teilen! Wem sagen Sie das! Wir sind alle aus einem Holze!«

Damit ging sie, halb von Unwillen gegen Robert, halb von Mitleiden gegen sein Kind bewegt, hinaus. Auf der Schwelle kehrte sie sich noch einmal um und rief: »Was dem Kinde jetzt vor allem not thut, ist ein Arzt, ein guter Arzt, kein Quacksalber! . . . Wenn Sie einen holen gehen, na, dann sagen Sie es unten in der Portierloge, und ich werde noch eine halbe Stunde bei Kätzchen warten. Jetzt muß ich nach meines Mannes Suppentopf sehen. Der ist doch auch noch auf der Welt!«

150 Fort war sie, da Robert mit gerührter Stimme ihr noch nachrief: »O Madame, wie gut Sie sind! Wie viel besser ist Ihr Herz als Ihre Zunge!«

Ja, sie war wirklich gut, die unvergleichliche Aglaë! Von jener Güte, die in der Not zur Hilfe bereit ist, wenn sie auch sonst meist nur die schlechten Seiten ihrer Nebenmenschen der Erwähnung wert hielt und in gewöhnlichen Fällen diese Mitmenschen lediglich nach der Höhe ihrer bereits gespendeten und allenfalls noch zu erwartenden Trinkgelder schätzte.

Robert war allein mit seinem Kinde, mit dem gefährdeten Kinde, das er über alles liebte. Er suchte sich vor allem eine Idee von dem Leiden seines Töchterchens zu machen. Er wollte nicht glauben, daß es wirklich krank sei. Erna war immer ein ganz gesundes Kind gewesen. In den anderthalb Jahren, die es bei ihm lebte, hatte ihm nie das Geringste gefehlt. Es konnte ihm doch jetzt in diesem unsagbaren Jammer nicht auch noch das Aergste anthun und krank, schwer krank werden! Und doch war es so, und Robert Leichtfuß mußte es sich in den ersten Minuten wider Willen gestehen.

Alle Pulse flogen an dem kleinen Geschöpf. Die Hautfarbe, der Ausdruck des Gesichts, die Augen, ja selbst die Stimme schienen verändert. Ihm war, als hätte man ihm sein Kind vertauscht, sein gesundes, herziges, frohgemutes Kind gegen ein elendes, fröstelndes, angsterfülltes. Und doch nein, dies gefährdete, kranke, hilfsbedürftige war erst recht sein Kind, und sein Herz fühlte an jeder Faser, wie fest es an sein Vaterherz gewachsen war.

»Papa,« jammerte das fiebernde Wesen. »Papa, hilf mir doch, ich kann nicht schlucken! . . . Papa, nicht wahr, ich muß nicht sterben?!«

»Aber, Liebchen, wie kommst du auf den Einfall?«

»Die Frau des Hausmeisters hat gesagt, es sei nicht zum Spaßen, und wenn ich nicht einen guten Arzt bekäme, dann würd' ich wohl sterben!«

»Und das sagt man einem Kinde!« knirschte Leichtfuß zwischen den Zähnen und fuhr mit den ausgestreckten Fingern in sein Haar.

»Papa, mir wird das Sprechen so schwer! Hier thut's so weh!«

Dem armen Kind in seinen Schmerzen brach der Schweiß auf der Stirn aus. Die hilfreiche Aglaë hatte offenbar noch ein übriges gethan und der Kranken durch unvorsichtiges Reden Angst gemacht.

Robert bat Erna, den Mund weit aufzumachen, drückte 151 mit dem Stiel eines blechernen Löffels die Zunge nieder und ließ den vollen Tagesschimmer in den wunden Rachen fallen. Der Gaumen zeigte flammende Röte wie auf wundem Fleisch, und die ganze Höhle schien ihm mit weißen Geschwüren besäet. Diphtherie! Das war sein schrecklicher Gedanke, und er fühlte, wie sich ihm die Kopfhaut vor Sorge zusammenzog.

Nur noch einen Augenblick stand er ratlos da. Dann lief er an sein Kofferchen, wo er von seinen Reisen her aus Vorsicht für das Kind etliche kleine Hausmittel stecken hatte, machte, so gut er's wußte, für solchen Fall ein Gurgelwasser zurecht und unterwies Erna, wie es zu gebrauchen sei.

Erna that als folgsames Kind, wie ihr befohlen ward. Aber Angst und Schmerz ließen sie alsbald wieder in Thränen ausbrechen und, die rührenden Händchen faltend, schluchzte sie: »Nicht wahr, Väterchen, du läßt mich nicht sterben?«

»Nein, Kind! Verlaß dich darauf! Lieber selber sterben!« rief Robert, den durchnäßten Rock ablegend und in Hast ein andres Kleidungsstück umwerfend.

»Und du holst mir einen Arzt, einen guten Arzt?«

»Den besten Arzt in ganz Paris sollst du haben!« sagte Robert, dem selber die Zähne wie einem Fieberkranken klapperten. Er wußte nicht, wo aus, wo ein, jeder Gedanke versagte sich ihm bis auf den einen: Dein Kind darf nicht sterben!

Da fiel ihm der offen daliegende Brief, den Baron Stumpe im Auftrag von Ernas Großmutter geschrieben hatte, in die Augen. Mechanisch griff er mit der einen Hand nach dem Papier, mit der andern nach seinem Hute. Da hatte er ja in der Hand, was ihm augenblicklich Geld verschaffen konnte, Geld genug, um einen Arzt zu bekommen und aller Hungersnot überhoben zu sein. . . . Um welchen Preis! Um welchen Preis! Herr Gott im Himmel! Das Kind retten, um es zu verlieren! An diese schandbare Sippschaft verlieren, der er es mit aufloderndem Vaterherzen entzogen hatte, nach dem Rechte, das in seinem Herzen geschrieben stand! Und verlieren mit entfremdetem Herzen! Verlieren auf Nimmerwiedersehen!

Er schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn. Er riß sich das Halstuch auf, denn der seelische Kampf benahm ihm den Atem.

Da richtete sich das Kind mit erglühendem Köpfchen in seinem Kissen mühsam auf. »Vater!« kam es röchelnd aus der wunden Kehle, und es klammerte sich mit beiden Aermchen an Arm und Schulter des herzugeeilten Mannes fest. Ein Krampf schien es zu ersticken . . .

Der Anfall ging vorüber. Aber es ließ noch nicht die 152 Aermchen los, als könnt' ihm die Nähe des Vaters Sicherheit gewähren, bis die Kraft erlahmte und es ganz erschöpft mit halbgeschlossenen Augen, die zu brechen schienen, zurückfiel. Die annoch geröteten Wangen waren von dicken Thränen überströmt. Heftig ging sein Atem. In Robert aber war keine Faser, die nicht in Beobachtung seines armen Kindes gespannt war. Sanft wischt' er ihm die Zähren vom Gesichte.

Da schlug das Kind die Augen weit auf, sah ihn an mit einem Blick, als hätt' es die Krankheit um Jahre gereift, und hauchte so flehentlich – das Herz konnte einem brechen bei dem rührenden Klang der lieben Stimme – »Papa! Kannst du mir denn nicht helfen?«

»Ja, ich kann dir helfen!« sprach Robert mit rauher Kehle, sprang auf und ergriff den Brief Stumpes mit beiden Handen und hielt ihn vors Gesicht.

»Ja, mein geliebtes Kind, ich werde dir helfen! Ein Hundsfott, wer sein Kind in der Not im Stich läßt! Ich helfe dir! Des sei getrost!«

Damit riß er das Papier in zwanzig Fetzen, schleuderte sie von sich und stürmte, wie er ging und stand, zur Wohnung hinaus, die fünf Treppen hinunter und schrie in die Portierloge hinein: »Madame Aglaë! Ich hole einen Arzt! Ich nehme Sie beim Wort: hüten Sie mein Kind bis zu meiner Rückkehr. Sie sollen fürstlich für Ihre Güte belohnt werden!«

»Man geht schon hinauf! Man geht schon hinauf!« antwortete die Angerufene und watschelte aus ihrem Gelaß. Sie war offenbar dieses Vorschlags gewärtig gewesen. Während sie sich anschickte, die Stufen zu steigen, rief ihr Robert nach: »Aber ängstigen Sie mir die Kleine nicht!«

»Das galt nur Ihnen, mein Herr! Ich wollte Sie par ricochet treffen . . . Jetzt ist's nicht mehr not. Jetzt läuft er nach dem Arzte!« brummte sie. Die letzten Worte schon für sich, denn Robert war bereits auf der Straße.

Er rief den ersten besten Fiaker an, den er erblickte. »Auf die Stunde! . . . Zunächst nach dem Boulevard des Italiens, zu dem Bilderhändler Lefranc. Sie wissen ihn! . . . Und so rasch als möglich, Kutscher! Ein doppeltes Trinkgeld! Es handelt sich um ein Menschenleben!«

Hei, hei! Wie der Wagen über den spritzenden Makadam dahinsauste mit dem Manne darin, der keinen roten Heller in der Tasche hatte.

Lefranc stand denn doch staunend still, als er Robert Leichtfuß aus einem Mietswagen springen sah. Er hatte ihn 153 nicht mehr erwartet. Diesen wirklich nicht! Aber daß er wiederkam, heute noch wiederkam, nachdem er also gegangen war, wie vorhin, das konnte nur einen Sinn haben. Die alten Muskeln tanzten wunderlich in dem ledernen Gesichte.

Robert wartete weder Gruß noch Ansprache ab, sondern fing an: »Herr Lefranc, ich habe mich besonnen. Ich gehe auf den Handel ein. Ich will Ihnen wieder einmal Tiburtins malen. Und Tiburtins von der ersten Sorte. Tiburtins, die sich gewaschen haben sollen! Welches Motiv wünschen Sie zuerst?«

»Eine Waldpartie im Herbste. Pariser Umgegend natürlich. Auteuil, Fontainebleau, so was dergleichen. Doch das sei Ihrer Inspiration überlassen. Aber Sie verstehen, so eine Symphonie in Gelb, eine Schwelgerei in Gelb! Tote und tödlich getroffene Blätter in allen Farbenabstufungen! Einen Triumph der Manier des Unsterblichen!«

»Wird besorgt werden! Und was geben Sie für diese schwelgende Symphonie in allen möglichen und unmöglichen gelben Tinten dieser Erde? . . . Sagen Sie rasch! Ich hab' es eilig!«

»Wie schon gesagt, fünfhundert Franken!«

»Sie haben schon Tausend gesagt, Herr Lefranc.«

»Also in Gottes Namen Tausend! Aber nun genug! Tausend per Stück! Und nur vorausgesetzt, daß Sie sich verpflichten, mir wenigstens drei hintereinander zu liefern. Kontraktlich verpflichten!«

»Drei hintereinander! Ich verpflichte mich. Aber das Stück um zweitausend Franken. Es ist ohnehin ein Spottgeld!«

Lefranc staunte über das Auftreten Roberts. Derselbe Mensch war doch vorhin so kleinlaut und bettelhaft vor ihm gestanden und hatte um einen lumpigen Vorschuß von etlichen Franken gebeten, wie man um ein Almosen bittet. Und jetzt redete er kurz und bündig und geschäftsmäßig und wollte nicht mit sich handeln lassen! Der alte Fuchs versuchte es nichtsdestoweniger und mit allen gewohnten Kniffen. Er wußte ja doch, daß der andre in Not sein mußte, in großer Not, sonst ging er überhaupt auf den ihm verhaßten Handel gar nicht ein.

Aber Robert Leichtfuß entgegnete ihm mit einer wilden Entschlossenheit, die auf Lefranc den Eindruck machte, daß der überreizte Mensch im stande sei, ihn mit dem Kopf voraus in das eigne Glasfenster zu werfen. Zweitausend für das erste Bild, darauf bestand er, fürs zweite und dritte, das er zu malen versprach, wollt' er nun gar den Preis erst nach Ablieferung des ersten bestimmen. So billig waren die echten Tiburtins nicht!

Da Lefranc ob solcher Forderung sich aufs Jammern 154 verlegte, riß Robert die Ladenthüre auf. »Ich habe Eile! Leben Sie wohl!« sagte er zu dem Händler, der ihm nacheilte, und zu dem Kutscher des Fiakers: »Fahren Sie mich schleunigst in die Rue de Chateaudun!«

»Was wollen Sie in der Rue de Chateaudun, Herr Robert?« rief Lefranc und hielt den Hastigen am Aermel fest.

»Zu Ihrem Kollegen gehen und ihm den Handel vorschlagen! Der Mann hat jetzt Glück und ist im Schwunge. Er soll auch ein Verehrer Tiburtins sein. Geben Sie mir gleich meine kleine Landschaft mit von heute Morgen!«

»Kommen Sie nur gefälligst wieder herein!« bat Lefranc, dem wirklich die Angst aufstieg, der rabiate Mensch möchte sich zu seinem glücklichen Nebenbuhler verfügen. Das fehlte noch, daß diese strotzende Kuh dem andern Spitzbuben ihre Euter bot! Ob fünfzehnhundert oder zweitausend Franken für solch ein Verkaufsobjekt war ja ganz einerlei. Nun wurden sie rasch handelseinig. Der Teufel war in diesen Robert gefahren!

Da verlangte er auch noch bare fünfhundert Franken Vorschuß. Lefranc wollte keinen Fünffrankenthaler ausliefern, eh' er nicht bemalte Leinwand erhielt. Man konnte nicht wissen! Man konnte krank werden, die Handgicht kriegen, mit Tod abgehen, ehe man ein Bild, ein so sorgfältig und mit allem Raffinement zu malendes Bild fertig gestellt hatte, und was solche Verzögerungsgründe mehr waren.

»Wenn ich vorher sterbe,« rief Leichtfuß, »dann behalten Sie für Ihre lumpigen fünfhundert Silberlinge meine kleine Landschaft vom alten Tibur. Sehen Sie sich dieselbe genauer an, und Sie werden zugeben, Ihr verfluchter Tiburtin kann die Natur auch nicht besser bestehlen, als ich es auf dieser Leinwand gethan habe.«

»Ich habe das Bild gesehen!« erwiderte Lefranc schmunzelnd, und in dieser schmunzelnden Erwiderung lag mehr des Lobes, als Robert jemals von diesem zu hören bekommen hatte.

Der Maler strich mit bebenden Fingern die Bankbillette vom Zahltisch Lefrancs und steckte sie mit zitternder Hand in seine Tasche. Der Alte sah ihn verwundert an. Er war ein Menschenkenner, und sah jetzt gleichsam durch Tuch und Unterfutter dieses fadenscheinigen Rockes, und sah, daß seine Banknoten auf keine Geschwister in dieser Tasche stießen. Was mußte mit einem so halsstarrigen Menschen vorgegangen sein, das all die Wandlungen in kurzer Zeit möglich gemacht hatte!

Da riß ihn Robert, der Mühe gehabt, seine Aufregung nicht noch mehr zu verraten, aus der philosophischen 155 Betrachtung mit den Worten: »Und Sie wissen, ich zeichne meine Bilder mit meinem Zeichen, mit den ineinandergelegten Anfangsbuchstaben meines Namens . . .«

»Ihres berühmten Namens!« höhnte jetzt Lefranc, »ähnlich wie Ihr größerer Landsmann Albrecht Dürer.«

»Ich bin leider nicht berühmt, aber ich – ich will niemand betrügen.«

»Mundus vult decipi!« antwortete noch höhnischer der Bilderhändler. »Ich werde mir erlauben, das Nötige zu besorgen und meine Ware bestens an Mann zu bringen. Meine Ware!« wiederholte er nachdrücklich. Robert war schon bei der Thüre draußen.

Aber ehe er in den Wagen stieg, wandte er sich nochmals um, und eine glühende Sorge sprach jetzt unverhohlen aus seinen Augen: »Wissen Sie mir Namen und Adresse eines ausgezeichneten Kinderarztes anzugeben?«

»Gewiß! Gleich hier um die Ecke!« und er rief dem Kutscher Namen und Adresse eines berühmten Mediziners zu.

»Also hurtig!« schrie Robert und warf den Wagenschlag zu.

Der Zurückbleibende klopfte mit den Knöcheln seiner Faust an seinen Stirnknochen. Kinderarzt? Also ein krankes Kind! Berühmter Kinderarzt? Also ein schwer krankes Kind! Da war der mit allen Wassern gewaschene Lefranc wieder einmal zu hitzig ins Garn gegangen! Dem auf den Tod geängstigten Vater hätte er die Bilder um die Hälfte abnötigen können. . . . Allein wer weiß! Rue de Chateaudun wohnten auch Leute! . . . Und alles in allem, es war ja ein ausgezeichnetes Geschäft, was er da abgeschlossen hatte. Er schrieb sofort an seinen Geschäftsfreund in New York und rieb sich dann noch lange schmunzelnd die Hände.

Robert Leichtfuß legte sich in den rollenden Wagen zurück, zerrte die fünf Hundertfrankenscheine aus seiner Tasche und verschlang die allbekannten Worte darauf, die allbekannte Zeichnung mit den Augen. »Hundegeld, Sündengeld, Judaslohn!« rief er und war nahe daran, diese bläulichen Zettel zu zerknittern, zu zerreißen. Aber in der nächsten Minute drückte er sie an seine Lippen, als ob es Briefe der Geliebten wären, und rief: »Retter in der Not! Retter in der höchsten Not!« und »Grüß Gott, Erna mein, nun kann ich dir helfen! Dir wird geholfen werden, und du sollst mir nicht sterben!«

Da hielt der Wagen. Robert stürmte die Treppe hinan und ins Wohnzimmer des Arztes.


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