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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Robert Leichtfuß war Mitte Juni nach Roqueville gekommen. In der zweiten Hälfte des September war neben mancherlei kleinen Zerstreuungen und Erziehungsversuchen ein recht gelungenes Bild zu stande gekommen. Allein es machte dem Schöpfer wenig Freude. Es war so ganz was andres, als was ihn des Schweißes der Edlen wert dünkte. Eine Studie, weiter nichts! Hätte sich ein Käufer gefunden, ja, dann hätte solche gedankenlose Pinselei noch einen praktischen Zweck gehabt. Aber daran war in dem armen Neste nicht zu denken. Die Krämer, die hier in Sommerfrische saßen, die kleinen Rentner, die auf ferne Zukunft für ihre wohlarrondierten, aber annoch ziemlich wertlosen Grundstücke hofften, sie waren nicht faul, ihre sachverständige Meinung und allenfalls ihr Lob zu spenden; aber Geld für Bilder? Du meine Güte! Und noch dazu viel Geld, denn der lachende Herr mit dem in Spitzen gekleideten, in eine halbmeterbreite himmelblaue Atlasschärpe gewickelten Kinde sah nicht aus wie der erste beste, der 94 einem für einen gespickten Truthahn und einen Korb Weinflaschen einen halben Quadratmeter bemalte Leinwand überläßt. Nicht dran rühren! Das war Ware für Pariser und andre Leute, die reich und dumm genug waren, für derlei Luxusgegenstände die schönen Napoleondors in mehreren Rollen hinzulegen!

Robert dachte indes auch gar nicht an Verkauf. Wie gesagt, wenn's einer gewünscht hätte, er hätt' es ihm billig überlassen, bloß um es nicht immer vor Augen zu haben. Aber solches Zeug anbieten, das blieb ihm fern. Seines Lebens Unterhalt wollt' er andern Werken danken, und er war seiner Zukunft so sicher!

Noch mochte er sich von diesem stillen Fleckchen Erde nicht trennen, wo er einen so glücklichen Sommer verlebte und wo selbst der Herbst sich freundlicher als im Binnenland anzulassen schien. Wer weiß, was in Paris auf ihn lauerte! Noch reizte ihn dies gänzliche Verborgen- und Verschollensein. Denn auch keiner seiner wenigen wirklichen Freunde hatte die geringste Kunde von seinem Schlupfwinkel erhalten. Es lebte niemand, von dem Nachricht zu erhalten, ihm Bedürfnis gewesen wäre. Das einzige Wesen, woran er mit wahrer Liebe hing, das spielte zu seinen Füßen; er sah es vor sich beim ersten Tagesstrahl und hörte es ruhig atmen, wenn er mitten in der Nacht aufwachte und zwischen Schlaf und Traum das Bedürfnis empfand, sich vom Dasein seines Glückes zu überzeugen. Solch befriedigenden Zustand soll man dauern lassen, so lange er hält. Und darum wollte Robert noch nichts vom Aufbrechen wissen, obgleich es Ernas Wärterin sehr nach dem niegesehenen Paris zu gelüsten schien, als die ersten Sommerfrischler die Läden vor den Fenstern ihrer Villen fest zuriegelten und die Spaziergänger auf dem Deich weniger und weniger wurden.

Die Natur zeigte sich jetzt von andrem Charakter als bisher. Die See war jetzt weit interessanter als das Land. Robert holte seine Wasserstudien hervor und beschloß dann, es auch einmal mit einem kleinen Marinebilde zu versuchen. Das Malen im Freien war nunmehr nicht alle Tage möglich und besonders nicht in der Nähe des Meeres, das meist wilderregt an die hohe normännische Küste toste. Dennoch gelang ihm in einem Monat ein Bildchen, das Robert weit mehr als die größere, auch nicht eben große Landschaft gefiel. In diesen scheinbar bewegten Wogen, in diesen kecken Lichteffekten war etwas Besondres, etwas Phantastisches, ein Hauch von Kühnheit und Größe, ein Wurf, eine Neuerung, ein ganz individuelles Können – auch nicht vor den Augen der Menge, aber vor seinen eigenen. Das genügte ihm. Er hielt die 95 darauf verwandte Zeit nicht für verloren und dachte daran, dies kleine Kunstwerk in Paris auszustellen, später einmal, neben einem mächtigeren Werke, neben einer tief durchdachten großartigen Komposition, an die er gehen wollte, sobald an der Seine sein Zelt aufgeschlagen wäre.

Und das sollte nun doch bald geschehen, denn als Robert von der vollendeten Arbeit endlich aufsah, merkte er erst, daß die Herbststürme die Sommergäste sämtlich nach ihren Städten heimgefegt hatten, daß die grünen Läden an den verschiedenen Villchen nun samt und sonders verschlossen blieben, und daß sogar die lieben Eingeborenen, die ihm doch ganz gerne sein Geld abnahmen, ihn für einen vollkommenen Narren oder für einen vorsätzlichen Kindesmörder betrachteten, wenn er dies winzige verwöhnte Stadtfräulein noch länger der rauhen Unbill dieses Wetters aussetzte.

Die Rücksicht auf das Kind gab ihm raschen Entschluß ein. Anfangs November verließ er mit Erna und der als Bonne verkleideten Fischerstochter dies gastliche Ufer der Normannen und reiste nach Paris, wo er bis auf weiteres sich häuslich niederzulassen hoffte.

Einem friedlichen unbescholtenen Manne auf ausländische Requisition hin sein Kind wegzunehmen, war dort doch nicht so leicht zu bewerkstelligen als in Deutschland, wo ein koordiniertes Gericht einfach das andre nur um dienstfreundliche Hilfe anzugehen brauchte, damit dieses seine Vollzugsorgane in unangenehme Bewegung setzte. Da gab es umständliche Schreibereien, man mußte mit Hilfe der Gesandtschaft irgend etwas erreichen, und eh' ein entscheidender Schritt von langer Hand vorbereitet wurde, konnte Robert einen neuen Prozeß anstrengen, durch Listen und Ränke die Ausführung jenseitiger Beschlüsse kreuzen oder doch sein Kind anderswohin in Sicherheit bringen. Da in den letzten Zeiten eine thörichte Verstimmung gegen Deutschland in Paris weite Kreise ergriffen hatte, und da diese Verstimmung durch unliebsame Vorgänge diesseits und jenseits der Grenze immer mehr geschürt wurde, so war noch weniger Aussicht vorhanden, daß französische Behörden deutschen Anforderungen sehr eifrig zu Willen sein würden, wenn solche kein schweres Verbrechen, nicht einmal allgemein empörende Handlungen betrafen.

So zog Robert Leichtfuß ohne allzugroße Besorgnisse in Paris ein, und er täuschte sich in dieser Beziehung nicht. Er wurde während seines zweiten Pariser Aufenthaltes sogar weit weniger im Auftrag seiner ehemaligen Frau und Schwiegereltern belästigt, als er immerhin erwartete.

96 Heribert Meyer hatte freilich nach seiner Genesung kaum ein Mittel unversucht gelassen, von dem man sich wirksame Verfolgung des verwünschten Malers versprach. Allein niemand wußte, wo die Entschwundenen zu suchen wären. Die Spuren Roberts und des Kindes verloren sich bereits hinter Spandau. Bei der laxen Art, mit welcher Horst die ersten Nachforschungen hatte anstellen lassen, war schon nicht mit Bestimmtheit anzugeben, ob die Gesuchten wirklich in Hamburg eingetroffen wären. Jedenfalls kamen ihre Namen nicht in den Listen der die Ueberfahrt nach England und Amerika vermittelnden Dampfschiffe vor. Man ließ durch die Konsulate in den verschiedensten Städten Nachfragen ergehen. Diese Nachforschungen wurden sogar an einigen Orten, wo Heribert seines Schwiegersohnes Verbleiben vermutete, mit besondrer Hartnäckigkeit geführt, an andern lässiger. Man suchte ihn überall, nur nicht da, wo er war.

Als Robert Leichtfuß in der »Rue Murillo« für sich und sein Kind eine ganz kleine, aber freundlich gelegene Wohnung mietete, war seit seiner Flucht von Berlin ein halbes Jahr nahezu verflossen. Während dieser Zeit waren ihm aus Deutschland keine andern Nachrichten zugegangen, als diejenigen öffentlichen, welche in Pariser Zeitungen für alle Welt zu lesen standen. Brieflichem Verkehr war er in der vergnüglichen Zurückgezogenheit des normännischen Stranddörfchens unerreichbar gewesen. Es gab niemand, von dem er Nachrichten zu erhalten, dem er Nachricht zu geben wünschte. So war er denn auch während dieser sechs Monate so vollkommen unbehelligt geblieben, hatte sich in die Rolle des glücklichen Vaters so ganz und gar eingelebt, daß er an die Möglichkeit einer Veränderung nur mit dem größten Widerwillen, wie an eine ungeheure Unwahrscheinlichkeit dachte. Alle Ansprüche, die seine frühere Frau auf den Besitz Ernas richten konnte, schienen ihm in dieser kurzen Zeit verjährt. Was, kurz die Zeit? Er hatte sich und sein Glück lange genug versteckt. Nun wollt' er es vor aller Welt am lichten Tag auf der Straße zeigen. Hatte die Liebe zu seinem Kinde ihn eine Weile Vorsicht gelehrt, sein Vaterstolz förderte den alten Leichtsinn wieder zu Tage. Er hatte es satt, sich in einem langweiligen Erdenwinkel unter stumpfsinnigen Fischersknechten zu vergraben; er war ein Künstler, und er bedurfte der Anregung eines großen Mittelpunktes, eines großen Marktes, einer verständnisvollen Gesellschaft. Sein Kind hatte er an sich gekettet mit tausend unzerreißbaren Fäden der Sympathie vom Herzen zum Herzen. Dieser Schatz galt ihm unverlierbar. An Hut und Wachsamkeit wollt' er ja darum nicht 97 nachlassen. Aber auch an Mut nicht einbüßen und sorglos leben. Ein andres Leben war keines!

Paris ist eine große Stadt. Es dauerte immerhin eine Weile, bis Roberts Wiederkehr selbst von alten Bekannten bemerkt wurde. Dann freilich sprach sich, besonders in jenen Künstlerkreisen, die er vordem besucht hatte, die Neuigkeit rasch herum. Er erfuhr auch, daß einige Male im verflossenen Sommer und Herbst starke Nachfrage nach ihm ausgegangen war. Allmählich drang die Nachricht, daß er in Paris wieder aufgetaucht sei, auch in die deutsche Heimat. Und endlich kamen auch vereinzelte Briefe, und er war, ohne es gesucht zu haben, wieder in mäßigem Verkehr mit der Welt.

Die ersten Gerüchte, mit welchen man ihn an der Seine empfangen, hatten dem leichtfertigen Maler doch etwas bange gemacht. Er lief sogar zu einem Rechtsanwalt und erkundigte sich, was er unter den obwaltenden Umständen zu befürchten haben möchte. Der Advokat konnte ihn nur zum Teil beruhigen. Und schon erwog Robert aufs neue, ob er nicht besser die Weltstadt vermieden hätte, ja ob es nicht noch jetzt das geratenste sei, das breite Meer zwischen sein Kind und die alten vielvermögenden Verwandten zu legen. Da kam eines Tags mit dem Poststempel Berlin ein schwarzgeränderter Partezettel an. Die Adresse war von einer ihm fremden Hand geschrieben und lautete mit ganz richtiger Angabe der Straße, der Hausnummer und selbst des vierten Stockwerkes »An Fräulein Erna Leichtfuß«.

Kleinchen verstand noch nicht zu lesen, hatte aber, wie alle Kinder, große Freude daran, einen eigens an sie adressierten Brief zu erhalten. Aber das Klatschen der ungeduldigen Händchen hatte ein jähes Ende, die ganze Freude verfärbte sich, als Robert ihr aus dem entfalteten Blatte Papier die Mitteilung vorlas, daß ihr Großvater in dieser letzten Woche des Jahres gestorben sei.

Robert ließ Ernas Thränen fließen. Der alte Mann hatte sich beispiellos niederträchtig gegen ihn benommen; aber es war der einzige in der ganzen Berliner Sippschaft gewesen, der das Kind wirklich geliebt hatte. Die Mutter . . .

Robert zuckte bei dem Gedanken an seine geschiedene Frau mitleidig die Achseln. Er war ziemlich sicher, daß die Frau Baronin von Wolkenfels-Krümelshausen die Bemühungen, ihr Töchterchen erster Ehe nach Berlin zurückzuführen, nicht bis aufs Aeußerste treiben würde. Wieder einmal war das blinde Schicksal oder aber die weise Vorsehung seinem Leichtsinn zu Hilfe gekommen – wenn auch diesmal etwas grausam gegen seinen ärgsten Feind.

98 Der alte Heribert hatte sich scheinbar zwar von seinem ersten Schlaganfall erholt. Seine Aerzte versicherten ihm, daß er vollkommen hergestellt, ganz der alte tüchtige Geselle und außer aller Gefahr sei. Und seine Freunde und Bekannten waren sämtlich so höfliche Leute, daß sie, wo immer ihnen der Geheime Kommerzienrat begegnete, nicht versäumten, ihm in sein blutrot angelaufenes, schiefgewordenes Gesicht die freudige Versicherung zu sagen, daß er ausgezeichnet aussehe und alle Tage jünger werde. Lügen, die sie nichts kosteten und dem Angeredeten Freude machten . . . weniger, als sie glaubten. Denn Heribert merkte nur zu gut, daß in seiner alten Maschine nicht jeder Teil mehr so genau funktionierte wie vordem, und er hatte die Menschen im allgemeinen und ihre Wahrheitsliebe im besondern niemals über Gebühr geschätzt. Dennoch glaubt selbst ein so gewitzter Mensch am Ende, wenn er oft hört, was er gern hört. Gewinnsucht und die ganze Unbändigkeit seines eigensinnigen und eigensüchtigen Charakters halfen dazu. Er zog sich weder von den Geschäften zurück, noch befleißigte er sich in den Zwischenakten seiner Thätigkeit jener Entsagungen, die allein ihm das gefährdete Leben hätten fristen können. Im Gegenteil überließ er sich mit der gesteigerten Gier eines Menschen, der an den Freuden dieses Daseins zu kurz zu kommen fürchtet, allen Launen und allen Zerstreuungen. Seine Frau, die sich immer peinlicher und verletzender nach ausschließlich vornehmer Gesellschaft sehnte, hielt ihn selten im eignen Hause zurück. In den Familien seiner Töchter fühlte er sich nicht heimisch; argwöhnisch und übellaunig, wie er seit seinem Unfall war, kam es ihm vor, als schämten sich diese Glückspilze, denen er seinen Reichtum in den Schoß geschüttet, eines Mannes, der vor so und so viel Jahren mit nur so und so viel Groschen in der Tasche auf zergangenen Schuhen in Berlin eingezogen war, um sein und der Seinen Glück zu machen. Was Wunder, daß es ihm bei fremden Leuten besser gefiel! So kam es, daß ihn ein zweiter Schlaganfall in nicht ganz tadelloser Gesellschaft überraschte, und er seiner Gattin in einem Zustande heimgebracht wurde, der nicht nur den lauten Jammer, sondern auch die stille Entrüstung der Frau mit den vornehmen Instinkten rechtfertigte.

Noch etliche Wochen zwischen Furcht und Hoffnung zugebracht, und die Stadt Berlin zählte einen Geheimen Kommerzienrat weniger unter ihren Mitbürgern, die beiden Freifrauen von Wolkenfels-Krümelshausen, sowie deren Mutter trugen tiefe Trauer, und einige Lokalblätter, die der Börse näher standen als andre, widmeten den stadtbekannten Tugenden 99 und der kommerziellen Bedeutung des Heimgegangenen etliche tiefempfundene Zeilen.

Emma kam etwas leichter als die beiden andern so schwer betroffenen Frauen über den unerwarteten Verlust hinweg, da ihr Gemüt zu gleicher Zeit von der frohen Sicherheit bewegt ward, das tapfere Geschlecht der Wolkenfelser werde nicht so bald aussterben, und ihr sorgsamer Gatte alles that, um sie in solcher Zeit nicht in ihrer gerechten Trübsal verkommen zu lassen.

Das freudige Ereignis, dem sie in einigen Monaten entgegensehen durfte, milderte auch den Eifer, der nicht im freiherrlichen Purpur geborenen Tochter erster Ehe wieder habhaft zu werden. Und Horst, der seiner Gattin jede unnütze Aufregung gern ersparte, trieb sie nicht zu hitzigerer Verfolgung an. Im Gegenteil, er gestand ihr, daß er mit dem Spruch des Gerichtes niemals einverstanden gewesen sei, ebensowenig wie mit den Mitteln, durch welche der Anwalt seines nunmehr in Gott ruhenden Schwiegervaters jenen Spruch herbeizuführen sich nicht entblödet hatte. Nun ihre zweite Ehe mit Kindern gesegnet werden würde, sei es nicht mehr als billig, auch dem Gatten erster Ehe das Seinige zu lassen – ganz abgesehen davon, daß es für Erna gerade kein angenehmes Gefühl sein würde, möglicherweise unter Schwestern aufwachsen zu müssen, welche man zum Unterschied von ihr sehr deutlich Baronessen titulieren würde. Er für seinen Teil gab ja nichts auf adlige Vorurteile – er hatte es bewiesen – aber die Menschen waren ja so dumm – er hatte genug davon erfahren! Es war nur Gerechtigkeitsgefühl, wenn er jedem seinen Teil gewahrt wissen wollte: dem einsam gewordenen ersten Gatten seiner Frau die Freude an seinem einzigen Kinde, Erna eine Kindheit, die weder Neid noch Eifersucht verbitterte. Seiner Emma mutete er freilich ein großmütiges Entsagen zu, aber doch nur für eine Weile; und sie war ja sonst so glücklich, und der Glückliche müsse sich auch in das Empfinden eines andern versetzen.

Thuen wir desgleichen und stellen wir hinter den echten Edelstein der Horstschen Empfindung als rechte Folie das Blatt Papier, auf welches Heribert Meyer sein wohldurchdachtes, spitzfindig ausgeklügeltes Testament geschrieben hat, so wird das Geschmeide seiner Seele erst in vollem Glanz erstrahlen. Jenes Testament sprach nämlich Ernas Enterbung aus für den Fall, daß sie nicht bis zu ihrer Mündigkeit von dem unwürdigen Vater, der sie geraubt, losgelöst und als reuige, gehorsame Tochter in die allein berechtigte Obhut ihrer Mutter zurückgekehrt sein werde.

Hätte der gerechte Horst nur mit allen Bestimmungen dieses 100 verzwickten Testamentes so einverstanden sein können, wie mit der Klausel, die Erna Leichtfuß betraf! Aber dahin schien des Erblassers Absicht keineswegs gerichtet. Ein Kavalier fällt doch immer mehr oder weniger hinein, wenn er sich mit solch einer Wucherseele einläßt! Das Los der beiden Freiherren von Wolkenfels-Krümelshausen war ja auch so gerade kein beklagenswertes, nicht doch! Aber von jener alle Augen blendenden Opulenz, die sich die beiden Glücksritter geträumt, als sie sich schlau herbeigelassen hatten, die Töchter des Geldkrämers durch ihre turnierfähige Hand zu nobilitieren, waren sie viel weiter entfernt, als ihnen lieb sein konnte. Heribert, der Menschenkenner, hatte den kleineren Teil seines in der That sehr beträchtlichen Vermögens durch alle Klammern und Schrauben, welche das Gesetz nur einem knifflichen Advokatenverstande darbot, auf einige Menschenalter hinaus so sicher festgelegt, daß aller Voraussicht nach kaum die Kindeskinder seiner Töchter freie Verfügung über diese Kapitalien erhalten würden. Heribert, der blinde Gatte, hatte seiner vornehmeren Hälfte über jenes beträchtlichen Vermögens größeren Teil freies, nur durch geringfügige Klauseln eingeschränktes Verfügungsrecht zugesprochen.

Warum doch des Schlauen vielgerühmte Menschenkenntnis dieser innerlich ganz unbedeutenden Person gegenüber jedesmal die Waffen streckte! Horst begriff das so wenig, wie es dessen in Mitleidenschaft gezogener Vetter begriff, und beide hätten dem Alten da ein Licht aufstecken können . . . ein blendendes Licht unliebsamer Auskunft. Aber was hätt' es geholfen! Ebenso eigensinnig als mißtrauisch hätt' er ihnen doch gleich beim ersten Aufleuchten dies Licht aus der Hand geschlagen mit der Versicherung, daß er seine gewohnte Finsternis ihrer unerbetenen Aufklärung vorziehe.

Und am Ende was hätten sie ihm auch mehr bieten können, als Vermutungen in die blaue Zukunft hinein! Damit hätt' er sie ausgelacht. Sie waren nicht die Jagonaturen, die einen solchen nüchternen geriebenen Bänker zum Othello machen konnten. Sie hätten ihn nur gegen sie selbst aufgebracht und der herrschenden Dame des Hauses nicht das kleinste Rententitelchen entzogen. Da ließen sie's aus Klugheit, vielleicht aus falscher Klugheit lieber bleiben. Und nun war die einfältige Situation, welche das verwünschte Testament geschaffen, in Geltung, und es hieß noch dringlicher als je zuvor: es ja nicht mit Frau Hermione zu verderben, denn man hing empfindlicher von ihr ab, als da der alte Geldsack noch auf seinen zwei Beinen stand.

Emmas wie Brigittes Gatte, Horst wie Jobst legte jeder seine Hand mitsamt dem Siegelring von unnatürlicher Größe 101 darauf ins Feuer, daß das Trauerjahr nicht vorübergehen würde, ohne daß sie mit unwiderleglicher Sicherheit voraussagen könnten, mit wem die heute noch untröstliche Witwe ein neues, noch vornehmeres Leben beginnen würde.

Ach was, sie brauchten dazu nicht so lange zu warten. Sie vermochten jenen glücklichen Sterblichen schon heute zu nennen, hätten ihn dem verblendeten Heribert schon bei seinen Lebzeiten namhaft machen können, wenn auch immerhin nur als Vermutung, denn erweisbare Schuld belastete Hermiones Wandel nicht. Sie war eine kalte lieblose Natur und allen Unbequemlichkeiten schon aus dem Bedürfnis nach Vornehmheit zu weit abgeneigt, um sich ernstlich mit einer heimlichen Liebe zu befassen. Aber daß sie, von ihrem pöbelhaften, breitspurigen Lebensgefährten einmal befreit, nicht zwischen zwei mit altadligen Namen geschmückten Töchtern die bürgerliche Frau Meyer bleiben würde, darauf konnte man schwören, wetten und Gift nehmen. Wozu hatte sie das mehrere Geld, wenn sie es ihren Töchtern nicht auch in dieser Beziehung zuvorthun konnte! Und einen passenden Mann dazu zu finden, war in dieser Zeit, welche ererbte Tugend so unverschämt selten mit angeborenen Glücksgütern unterstützt, nicht eben schwer.

Ja, wenn man die Wahl der guten Schwiegermutter noch hätte leiten und beraten dürfen! Da wäre ja noch irgend ein vernünftiges Abkommen zu treffen gewesen, bei dem alle Beteiligten gut hätten fahren können. Aber das war eben der Teufel, daß Hermione, wenn auch noch unbewußt, ihre zukünftige Wahl schon getroffen hatte und aus den Netzen dieses Schleichers gar nicht mehr zu entwirren war.

Und sich bekennen, daß man selber daran schuld trug, daß man selber diesen verfluchten Windhund in des Schwiegervaters Haus gebracht hatte, und daß man endlich gar, um es mit der launischen, in ihren Pagen vernarrten Alten nicht zu verderben, die beste Miene zu dem empörenden Spiele machen und den knifflichen Windhund sozusagen auf Händen tragen mußte, wo man ihn lieber mit wirksam vereinten Fußtritten zum Tempel hinausgejagt hätte, das gab aller Lust und Zufriedenheit den Rest.

Himmelkreuzschockmillionenschwerenotsdonnerwetter! Mußte auch so einen urfeudalen Namen haben der kniffliche Windhund, den ihre Dummheit da eingeschmuggelt! Der älteren Dame lief jedesmal das Wasser im Munde zusammen, wenn sie ihrem Diener einen Auftrag für den Freiherrn von dem Stumpe-Wanzebökh erteilte, oder ihn selbst mit gnädigstem Blick ins Gespräch zog. Sie hatten ja gewußt, daß sie ihrer 102 Schwiegermutter keine schlechte Freude machen würden, wenn sie ihr einen Assessor und Doctor juris mit solchem Namen in den Salon schleppten. Jobst erinnerte sich noch wie heute, wie er dem vorsichtigen Streber zureden mußte, damit er sich herbeiließ, im Hause des reichen Mannes anzutreten. Na, da war ihr Wille geschehen und hatte sich zu einer Sorge ausgewachsen, die schwere Schatten auf all ihre Hoffnungen und Pläne warf.

Freifrau von dem Stumpe-Wanzebökh! Das wird sich Hermione so mir nichts dir nichts entgehen lassen! Sie war danach! Und wäre sie, die mit vornehmem Bewußtsein trauernde Witwe auch in Gedanken noch meilenweit davon entfernt gewesen, der kniffliche Streber schob sie ja augenscheinlich jedesmal eine Tagreise diesem Wunsche näher. Nun waren sie schon ganz dichte ran! Sie sprachen schon stumm mit den Augen, wenn andre Leute in ihrer Nähe waren, und verstanden sich ohne Worte, wenn lautes Sprechen ihnen nicht am Platze schien. Kein Mensch, auch von den Verwandten keiner verstand es so gut, wie dieser gar nicht zum Hause gehörige Herr Assessor, sich in dieser Trauerzeit unentbehrlich zu machen. Er hat es mit aller Vorsicht darauf angelegt, der Schwiegermutter den Kopf zu verdrehen. Sie fragt nur ihn in allen und den oft ziemlich verwickelten Angelegenheiten des Hauses und des aufzulösenden Geschäfts um Rat. Sie thut keinen Schritt, ohne die Zustimmung dieses rechtskundigen Barons. Sie hat ihr Ideal gefunden. Ein nettes Ideal dieser trockene, lederfarbene, ehrgeizige Streber! Aber was hilft aller Grimm, der doch nicht laut werden darf! Er hat ihr Ohr. Er allein. Wenn sie sich mit dem Recht ihrer Trauer vor aller Welt verschließt, wenn selbst die eigenen Töchter nicht jedesmal Audienz erhalten, Stumpe sitzt jeden Tag stundenlang bei ihr, und er wird sie noch ersitzen, wenn je bewußte Geduld hartnäckig im Auge behaltene Absicht erreicht hat.

Und dann Ade schönes Geld, größere Hälfte, die der trauernden Witwe zu ausschließlicher Verfügung überlassen worden! Kein Wolkenfelsisch Auge wird einen roten Heller von dir zu sehen kriegen! Stumpe will reich werden, Gott weiß warum. Er wird es uns nicht sagen. Er will große Karriere machen, die Welt in Erstaunen setzen, vielleicht Gesandter oder gar Botschafter werden, mit einem Wort streben, immer höher hinaufstreben. Die ältere Frau ist ihm mit ihrem Geldsack eine Stufe. Er tritt darauf und weiter! Ob ihm sein Streben gelingt, ist für die Schwiegersöhne Nebensache. So oder so werden sie das Nachsehen haben. Wer hätte das gedacht! Und gar bei Hermiones mittleren Jahren!

Diese Besorgnisse brachten viel Verstimmung in Emmas 103 schöne Häuslichkeit. Und daß man unter solchen Umständen sich nicht auch noch in umständliche Streitigkeiten mit dem ersten Gatten einlassen wollte, Streitigkeiten, welche für die Freifrau in ihrem leidenden Zustande nur weitere unliebsame Aufregungen im Gefolge haben mußten, war von seiten des liebenden Gatten gewiß begreiflich.

So blieb Robert Leichtfuß Winter und Frühling unangefochten im Besitze seines Kindes. Von der nichtswürdigen Klausel im Testamente Heribert Meyers, der seine Enkelin von jedem Anteil seines großen Vermögens auszuschließen suchte, wenn sie den eigenen Vater bei reifender Einsicht nicht freiwillig verließ, erhielt der Maler schon im Januar Kenntnis. Es empörte ihn, aber es überraschte ihn nicht. Was hätte ihn von jenem heimgegangenen Manne noch überraschen können! Nur Gutes etwa! Einen Streich, den jener ihm noch aus dem Grabe spielte, hatte er nicht anders erwartet.

Er begab sich zu einem Rechtsanwalt, den er als gediegenen Kenner deutscher Verhältnisse hatte rühmen hören, bereit für seines Kindes Rechte nichts zu versäumen. Doch riet ihm dieser vom Prozeßwege ab, wenn er nicht Erna sofort an diejenigen preisgeben wollte, gegen die er klagend auftrat. Denn das ging nicht an, dem Gericht auf der einen Seite durch Flucht eine Nase drehen, und es auf der andern Seite zu gunsten eines Wesens anrufen, das man dem Spruche des Gerichts entzog. Das Gericht, dem er sich in der einen Sache stellte, mußte doch im nämlichen Augenblick ihn in der andern Sache zu erreichen wissen. Es werde geben und nehmen mit einem Arm. Vielleicht auch nur nehmen. Indessen würde ja, wenn er nicht schon jetzt für sein Kind Anspruch mache, nichts für dasselbe verloren. Das Geld sei sicher angelegt und pupillarisch wohl gehütet. Und wenn Erna erst einmal die vorgeschriebenen Jahre erreicht haben würde, stünde es ja noch immer bei ihr, sich für einige Zeit in das Haus ihrer Mutter zu begeben. Bis dahin sei das Herz des Kindes seinem Einfluß vollkommen überlassen, und es müsse über alle Natur und Vernunft gehen, wenn ein so gutes Herz bis dahin nicht so ganz und gar einem so guten Vater zu eigen geworden wäre, daß kein Zureden und kein Verleumden, kein Glanz und kein Wohlleben ihm dies Herz mehr abwendig zu machen vermöchte. Ueberdies könne sich in der langen Zeit allerhand Unvorhergesehenes ereignen, was zu gunsten der vom Erblasser verlangten Willensäußerung ausgelegt werden dürfte. Robert könne demnach, ohne sofort zu Rechtsmitteln zu greifen, der Zukunft seines Kindes ruhig entgegensehen, solange 104 er selbst sich nicht die Lage der Dinge durch jener Beihilfe erleichtern, sondern sein Kind allein erhalten und erziehen wolle.

Robert dachte nicht daran, solche Hilfe für sich zu fordern, und kein Rat konnte ihm erwünschter sein, als bis auf weiteres sich um die Sippschaft in Berlin gar nicht zu kümmern.

Frau Hermione Meyer hatte aber den Gedanken, ihre Enkelin Erna über kurz oder lang wieder in ihr Haus zurückzuführen, durchaus nicht aufgegeben. Sie betrachtete seit Heriberts Heimgang diese Wiedergewinnung sogar wie eine ihr von dem Seligen hinterlassene Pflicht. In den langen, stillen Winterabenden besprach sie die Sache gar fleißig mit ihrem freundschaftlichen Tröster, dem Freiherrn von dem Stumpe, und dieser war ganz der Mann dazu, ihr mit Rat und That an die Hand zu gehen.

Was immer es sein mochte, das den um zwölf Jahre jüngeren Mann zu der weder schönen noch begabten Frau hinzog, ob wirklich nur die Geldgier des rücksichtslosen Strebers, oder vielmehr eine in die Irre gegangene Neigung, oder nur die Narrheit des Sonderlings, der, wider alle Berechnung handelnd, aufzufallen begehrte, oder aber eitel Gewohnheit im bequemen täglichen Verkehr mit der Frau, die ihn vergötterte, sich von anstrengender Arbeit zu erholen und sich verhätscheln zu lassen, es mag dahingestellt bleiben; sicher ist, daß dieser Freiherr aus anderm Holze geschnitzt war, als die Zierbengel aus dem Hause Wolkenfels, und daß Frau Hermione, so beschränkt sie in die Welt gucken mochte, diese Thatsache doch ganz klar ins Auge faßte und sich gegen alle möglichen Anforderungen und Listen ihrer Schwiegersöhne hinter des Freundes Klugheit und Wissen verschanzte. Sie hatte bald kein Geheimnis, auch kein Familiengeheimnis mehr vor ihm. Das lange blasse Gesicht in hagerer Hand, mit den großen braunen Augen vor sich hinstarrend, hörte er still und aufmerksam auf alles, was sie vorbrachte, sprach wenig und fast nur, wenn er ausdrücklich dazu aufgefordert wurde, traf aber dann meist den Nagel auf den Kopf.

Frau Meyer hatte für ihren geschiedenen Schwiegersohn verdammt wenig Sympathieen übrig behalten. Aber sie kannte auch ihre Tochter, und besser als irgend jemand diese kannte. Und wenn sie schon an der romantischen Szene, in der dieselbe Roberts Neigung erworben, wenig Geschmack hatte finden können, so entbehrte die Art, wie Emma ihren Gatten im Stich gelassen hatte, durchaus ihrer Billigung. Weniger vornehm hätte man kaum handeln können. Und wäre sie mit in Venedig gewesen, hätte derlei nie geschehen dürfen. Der Erfolg, daß man den ungehobelten Widerspruchsgeist losgeworden, war ihr trotzdem 105 zu Paß gekommen. Und hätte sie ihre Enkelin nach wie vor behalten, würde sie auch weder jene alten Geschichten aufgerührt, noch einen der Ihrigen getadelt haben.

So aber ließ sie ihren Gefühlen freieren Lauf. Und Baronin hin und Baronesse her, Erna war so gut ihre Enkelin als irgend ein andrer Sprößling, den Emma noch gebären würde. Und sicher war ihr, daß Erna in der Atelieratmosphäre ihres Vaters unmöglich jene vornehme Erziehung erhalten konnte, die einer Enkelin Hermiones gebührte.

Zum Unterschiede von ihrem seligen Gatten, der mit dem streitbaren Spürsinn des Emporkömmlings Unannehmlichkeiten ordentlich aufsuchte, ja mit seiner cholerischen Natur sie gleichsam bei den Haaren herbeizog, wenn sie nicht ungerufen erschienen, hielt Hermione, ihre natürliche Gelassenheit noch geflissentlich übertreibend, sich alles fern, was irgend einem das Herz anders als erfreulich bewegen, was einem die Stimmbänder durch lauteres Sprechen anstrengen und Runzeln in die annoch so glatte Stirne furchen mochte.

Von einem ungeduldigen Vorgehen gegen Robert Leichtfuß erwartete sie sich wenig Erfolg, aber viel Verdruß. Ein solches entsprach also gar nicht ihrer Meinung. Vornehm war, ruhig abwarten und den richtigen Zeitpunkt erfassen. Dazu sollte von dem Stumpe das Seinige thun.

Das meiste hoffte Hermione von der Zeit. War auch jetzt noch nicht daran zu denken, daß der ungebändigte Trotzkopf in Paris vernünftig mit sich reden lassen und das Kind einer anständigen Erziehung überantworten werde, so glaubte sie doch nicht, daß der leichtfertige Mensch auf die Dauer es nicht satt bekommen würde, Tag für Tag Kindsmagd zu spielen; sie zweifelte nicht daran, daß dem wilden, ungebundenen, regellosen Gesellen das kleine, zarte, unschuldige Wesen eines Tages zur Last werden, und daß ein Zigeuner, der nie verstanden, menschenwürdig für sich allein zu sorgen, mit einer Wirtschaft zu zweien und dreien über kurz oder lang in die Brüche gehen würde. Von Roberts künstlerischem Talent hielt sie wenig, von seiner Fähigkeit, das wenige kaufmännisch zu verwerten, hielt sie nichts. Die Stunden des Ueberdrusses und der Not konnten bei einem Menschen solcher Art nicht gar zu lang ausbleiben. Diese mußte man abwarten, und hatten diese erst geschlagen, dann kamen die aufgebauschten Zieraten von Vaterliebe und Künstlerstolz nicht mehr zur Geltung, ja, der leichtfertige Mensch war noch froh, wenn man ihm die Last abnahm, die er sich in einer prahlerischen Anwandlung mit dem 106 Kinde aufgesackt hatte. Freilich mußte nicht in der plumpen Weise Heriberts mit ihm unterhandelt, sondern seine Eitelkeit geschont und ihm gewissermaßen die rege Hoffnung verbürgt werden, er dürfe sein Töchterchen von Zeit zu Zeit sehen. Dann war Hermione sicher, daß er aus der zarten Hand einer feinfühligen Frau gar wohl annehmen werde, was er vor der geballten Faust des ungeschlachten Feindes mit Entrüstung abgewiesen hatte.

Nur Geduld haben und die rechte Zeit abwarten und sich unterdessen genau in Wissenschaft erhalten, wie Robert Leichtfuß lebte, und was er verdiente, und wann und wo sein Wandel oder sein Geschick Gelegenheit geben möchten, sei's, gegen ihn einzuschreiten, sei's, mit ihm Unterhandlungen anzubahnen!

In solchen Gedanken saß das ungleiche Paar oft langsam und leise plaudernd beisammen. Der Freiherr von dem Stumpe erklärte sich seiner Freundin gern zur Hilfeleistung bereit, doch vermied er es, ihr bestimmenden Rat zu geben, denn er wußte nicht, ob sie den Charakter ihres Schwiegersohnes richtig beurteilte. Sie freilich versicherte dies im Tone der Unfehlbarkeit. Sie kannte Robert Leichtfuß ja lange genug! Trotzdem hatte sie sich nie besondre Mühe gegeben, das Wesen dieses Störenfrieds genauerer Betrachtung zu unterziehen. Die Macht der Liebe hatte sie nie erfahren. Was über kapriziöse Neigung oder zähe Anhänglichkeit hinausging, galt ihr als Ueberspanntheit, die nicht vorhielt. Und doch hatte der weibliche Instinkt, von dem auch sie ein Teilchen aus Allmutter Evas Nachlaß abbekommen, sie nicht ganz in der Irre raten lassen.

Als etwa nach Jahresfrist ihrer zweiten Heirat, mitten im Trauerjahre, Emma eine Tochter gebar und etwas später von den Berichterstattern, welche Stumpe sich in Paris besorgt hatte, Nachrichten einliefen, daß das Bild, welches Robert für den diesjährigen Salon gemalt, von der Jury zurückgewiesen worden, daß er ohne Verdienst und aller Erwerbsmittel bar sei, da glaubten Hermione und ihr Freund die Zeit für ihre Vermittelungsvorschläge reif und die Gelegenheit günstig, dem verkommenen Zigeuner seinen Raub wieder abzujagen und Erna im Triumph unter das großmütterliche Dach zurückzuführen.


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