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Gutenberg > Hans Hopfen >

Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Derweilen also Großpapa Meyer krankhaften Zornes seinen alten Schwiegersohn verwünschte, saß dieser gesund und froh mit seinem wiedergewonnenen Kind in einem Fischerdörfchen an der normännischen Küste. Der Flecken war von der Natur wie für einen Badeort geschaffen. Später hat sich desselben auch eine Gesellschaft kluger Leute gegen mäßige Kapitalien bemächtigt und dort kostspielige Bauten und Badeanstalten mit allem modernsten 75 Schick und Komfort ins Leben gerufen, so daß es heute dort von Badenden aller Art in den Sommermonaten wimmelt. Damals aber war der Platz außer Fischern und Küstenfahrern nur den wandernden Malern bekannt, die, durch Zufall oder gesunden Spürsinn geleitet, auf ihren Studienfahrten dort Rast machten und andre ihresgleichen dorthin verführten oder empfahlen.

Wer hier fern von der Neugier und Aufdringlichkeit der guten und andern Gesellschaft, an die er in Paris gekettet war, im innigen Verkehr mit der Mutter Natur oder auch mit einem aus dem hauptstädtischen Gewimmel heimlicherweise geretteten Liebchen sich gute Wochen und Monate machen wollte, den störte niemand. Die Fischer fragten den Teufel was darnach, ob ein Narr mehr oder weniger seinen Feldstuhl über dem hallenden Ufer aufpflanzte. Wenn er bezahlte, was er schuldig wurde, der Herr Maire nichts gegen ihn einwendete, und der Feldhüter kein Arg an ihm fand, war er hochwillkommen, durfte sich der größtmöglichen Ungeniertheit befleißigen und bleiben, solang er wollte, d. h. bis der Nordsturm auch den hartnäckigsten Bummler nach Paris zurückwehte.

Auch Robert Leichtfuß hatte vor Jahren auf einer seiner Junggesellenfahrten dies Plätzchen neu für sich entdeckt und einige Wochen mit malender Hand bewohnt. Daß er es jetzt für sich und sein Kind zum ersten Asyl erwählte, war, wie die meisten seiner Entschlüsse, keinem langdurchdachten Plan entsprungen, sondern der Eingebung des Augenblicks, auf die er sich nach wie vor verließ, daß sie ihm in Gefahr und Sorge den richtigen Ausweg zeigen würde.

Die Menschen verdarben, nach seiner Meinung, ihre beste Zeit damit, daß sie sich lang und umständlich den Kopf zerbrachen, ob sie so oder so sich entscheiden, für den Weg rechts oder den Weg links sich entschließen sollten, während es doch in den meisten Fällen ganz gleichgiltig war, ob sie sich so oder so entschieden, ob sie linker Hand oder rechter Hand an die Sache herantraten, und alles darauf ankam, daß überhaupt etwas geschah und die kostbare Zeit nicht über unfruchtbarer Grübelei verloren ging. Selbst begangene Fehler ließen sich leichter verbessern, krumm Angepacktes wieder gerade biegen, aber die versäumte Minute war unwiederbringlich.

So fest sich Robert in derlei Grundsätze eingelebt hatte, so sehr ihm alles langsame Ueberlegen zuwider und umständliche Vorbereitungen gegen die Natur waren, jahrelang mit der Absicht, sein Kind wiederzugewinnen, allein, stellte sich dennoch reifliches Erwägen seiner Anschläge ganz von selber bei ihm 76 ein. Und als er endlich, endlich an die Verwirklichung seines heißesten Wunsches ging, hatte er längst, und wenn auch wider Willen, hundert Möglichkeiten durchdacht. Reiflicher, als es sonst jemals in seinem Leben der Fall gewesen, hatte er Mittel und Wege abgeschätzt. Als aber schließlich die Stunde der Entscheidung schlug, war Robert Leichtfuß doch wieder der Alte, der den durchdachten Plan über den Haufen warf und dem Zufall getrost den besten Teil des Gelingens anheimgab.

Als er Witterung davon erhielt, daß Sophie aus dem Hause Meyer geschieden und trotz des ihm gegebenen Versprechens nicht bei seinem Kinde hatte ausdauern können, faßt' ihn wohl eine herbe Empfindung wie Reue darüber an, daß er jene Abendstunde, da er unbemerkt in sein altes Atelier gedrungen war und Erna bereits auf seine Arme gehoben, nicht ausgenützt und ohne nach Sophiens pädagogischen Eigenschaften und ihrer Liebe zu seinem Töchterchen, ohne nach ihren schönen Augen und nach ihrer kampfbereiten Thatkraft etwas zu fragen, nicht sofort mit seinem Schatz das Weite gesucht hatte. Halbe Nächte lang war er in Verzweiflung im oberen Teil der Tiergartenstraße auf und ab gestrichen, wie ein Dieb auf der Lauer. Jedesmal, wenn er aus seinem Versteck das Kind von der alten Amme und dem handfesten Hausdiener begleitet ausgehen sah, nannt' er sich einen Thoren, der den richtigen Augenblick unwiederbringlich vertändelt habe, und er verzweifelte an der Möglichkeit, diese beiden Wächter zu überlisten oder zu überwältigen. Er rief sich die Szene in seiner Werkstatt mit brutaler Uebertreibung vors Gedächtnis und sagte sich, daß er unter der Anwandlung einer verliebten Laune den einzigen günstigen Augenblick zur Ausführung seines Planes aufs Spiel gesetzt und sich von einem jungen Mädchen habe übertölpeln lassen, ohne vor diesem Verzicht die Charaktere und die ihm doch wohlbekannte Handlungsweise seiner Frau wie seiner Schwiegereltern in Betracht zu ziehen.

Daß sein Besuch im feindlichen Hause ruchbar geworden war, daß Erna nunmehr mit doppelter Sorgfalt behütet wurde, daß Frau Näppfgen gegen ihn sich in feindseligster Weise geäußert hatte, wußte er durch einen der Lohndiener, den er bestochen und der ihm auch damals etliche Nachrichten und gute Winke zugetragen hatte. Bei einem zweiten Versuch konnte und wollte ihm dieser nichts helfen.

Robert Leichtfuß wußte nicht mehr ein noch aus. Da verließ er sich wieder auf sein gutes Glück und die Dummheit seiner Feinde. Wie aber der Tag anbrach, da Emma Frau von Wolkenfels und Erna das Stiefkind eines verhaßten 77 Menschen und ihm also ganz entfremdet werden sollte, da übermannte ihn der Unmut, und er schwor sich, dieser Tag solle nicht enden, ohne daß er sein Kind an sich gerissen habe.

Mit seinem kleinen Vermögen in der Tasche, war er ohne Gepäck, ohne Waffe aus seinem Quartier gegangen und, nachdem er die lange Wagenreihe mit den Hochzeitsgästen auf dem Weg nach der Kirche hatte verschwinden gesehen, in der Eingebung des Augenblicks an Frau Hedwig herangetreten.

Niemals hatte er, jeden Hausgenossen Emmas auf seine Tauglichkeit betrachtend, dies Weib in seine Pläne einbezogen. Es war ihm verächtlich, denn es hatte, ein gefügig Werkzeug schlechter Menschen, damals in Venedig mitgeholfen, ihn zu verraten. Und doch ward dies verächtliche Weib jetzt sein bester Helfer und bewies, daß es sogar vorgesorgt hatte, seinen Anschlag sicherer zum Ziele zu führen.

Das gewöhnliche Kleidchen von leichtem Wollenstoff, das zu einiger Weißwäsche in das Bündelchen geknüpft war, welches Hedwig ihrem früheren Herrn zusteckte, trug zum Gelingen der Flucht viel bei. Das spitzenübersäete Battistgewand mit der riesigen Schärpenschleife von himmelblauem Atlas, damit das Kind zur Hochzeitsfeier seiner Mutter aufgedonnert worden, wäre jedermann aufgefallen; in solchem Staat machte man keine Partieen aufs Land; es wäre ein Wahrzeichen für Argwohn und Verfolgung gewesen. Noch im Wagen fahrend hatte Robert das Bündel geöffnet, das Alltagsjäckchen mit Befriedigung entdeckt und mit Battist und Atlasschärpe vertauscht.

Unter viel hundert Männern und Kindern, die an diesem herrlichen Sonntagvormittag an einem Schalter der Lehrter Bahn ein Billet lösten, um in den Grunewald, an einen der nahen Havelseen oder nach Spandau zu fahren, fiel der junge Mann mit seinem Kind nicht auf. Und so gewannen die beiden unbehelligt das Weite.

Nach einigen Tagen eruierte die Polizei allerdings die Droschkennummer, welche Heribert unwissentlich an Schwiegersohn und Enkelin abgetreten hatte, und da ließ sich auch feststellen, daß ein blondbärtiger Mann mit einem vier- oder fünfjährigen Kinde sich an jenem Junisonntag Fahrkarten nach Hamburg gelöst habe. Allein da wie an jedem andern Sonntag, so auch an diesem ihrer viele desselben Weges gefahren waren, so ließ sich polizeilich weder mit Bestimmtheit feststellen, daß jener Mann und jenes Kind dieselben waren, die man suchte, noch viel weniger die genaue Spur verfolgen, die sie von dort aus genommen haben mochten. Sicher war nur, daß sie weder in 78 Hamburg noch in Altona, Cuxhaven und den dazwischen liegenden Orten sich aufhielten, denn überall da würde man sie mit keineswegs übermäßiger Anstrengung aufgespürt haben.

Wahrscheinlich waren sie unter anderm Namen auf einem der großen Dampfer nach Amerika!

Das war auch ursprünglich Roberts Absicht gewesen, war es noch auf dem Wege zum Hamburger Bahnhof gewesen. So hatte er sich's ausgedacht, wenn er in stillem Brüten alle Möglichkeiten überlegte, während er für den kunstliebenden Romantiker in Florenz ein altes Meisterwerk nachschaffend auf seine Leinwand übertrug. Einmal über dem Ozean, war er wohl ziemlich sicher, nicht aufgehoben zu werden und Erna zu behalten.

Wie aber zwischen Spree und Alster eine Stunde nach der andern, eine langsamer als die andre, eine ängstlicher als die andere dahinschlich und mit jeder Minute die Sorge an Wahrscheinlichkeit gewann, daß auf dem Bahnhof in Hamburg ihn und sein Kind ein Polizist erwarten würde, der mittlerweile ganz bequem durch den Telegraphen mit der beiden Signalement und den genauesten Weisungen ausgerüstet worden, da mußt' er denken, daß in vierzehn Tagen auch in New York und andern Häfen der Vereinigten Staaten bezahlte Thätigkeit abgerichteter Menschen ihm einen Empfang bereiten möchte, wie er ihn durchaus nicht wünschte.

Die Vermutung, daß er diesen Weg übers große Wasser nehmen würde, lag zu nahe, um nicht allererst von seinen Verfolgern in Betracht gezogen zu werden. Und wie leicht konnte sich auf den starkbesetzten Dampfern ein Bekannter finden. Ja, der Detektive, der ganz gewiß ihm mit dem heutigen Nachtzuge nachgeschickt wurde, betrat das Fahrzeug vielleicht zur nämlichen Minute mit ihm, und sein Mißerfolg war besiegelt, noch eh' er bei Cuxhaven das offene Meer erreichte.

Noch ein Bedenken trat hinzu, und dieses war stärker als alle anderen, und es bestimmte ihn, seinen Plan zu ändern. Nach allem, was er von Amerika gehört hatte, war das kein Land, wo ein Künstler seiner Art des Daseins froh werden durfte. Man hatte ihm wohl versichert, daß dort ein Maler, der seine Kunst und seinen Ruhm gehörig in Szene zu setzen verstände und die landesübliche Marktschreierei für sich ins Zeug gehen ließe, Unsummen Geldes verdienen könnte. Allein gerade das verstand Robert Leichtfuß ganz und gar nicht. Vornehm, schlicht und um allen Erfolg unbekümmert, so hatte er sich den Künstler immer gedacht, er konnte und wollte sich den wahren Künstler nicht anders denken. Jede Art von Reklame, auch 79 die scheinbar unschuldigste, war ihm ein Greuel. Solch ein Mensch taugte nicht für die neue Welt, der konnte drüben verhungern, wenn er nicht Steine klopfen, Lasten tragen oder in einem Biersalon allerhand Gestalten zum Tanz aufspielen wollte. Und hätt' auch er, der ja nicht zimperlich von Natur war, mit dergleichen elendem Wirken sein Leben zur Not gefristet, was würde dabei aus dem Kinde werden, das ihn bei solchem Thun nicht begleiten durfte? Hatt' er es deshalb aus dem Hause der Mutter genommen, um es drüben wieder von sich zu thun und zu wildfremden Leuten?!

Nein, die Fahrt nach Amerika gab er auf. Für ihn, der doch mit Leib und Seele Maler war und auf keine andre Art sich und sein Kind zu ernähren vermochte, für seine Natur und seine Bedürfnisse gab es doch außer Deutschland nur zwei Länder, wo ihm das Leben möglich schien: Frankreich oder Italien.

Italien hatte er erst vor kurzem verlassen. Er war es müde. Auch kannten ihn dort so viele Künstler und Kunstfreunde, daß er wohl schon in den ersten Wochen verraten worden wäre. Aber galt das von Frankreich nicht auch? Und hatte er dort nicht auch gehungert und gedarbt mit all seiner Kunst? Also vielleicht England oder Spanien? Der hohe Norden oder das entlegene Portugal, wohin Berliner selten zu reisen pflegen? . . .

Er schüttelte zu allem den Kopf. Er dachte nur daran, vor allem andern unerkannt und unangefochten aus dem Berliner Bahnhof in Hamburg zu kommen. Einmal im Volksgewühl der Hafenstadt hielt er sich für geborgen. Von dort werde sein guter Genius in Gestalt eines unerwarteten Zufalls ihm schon weiterhelfen.

Und so geschah's. Dank der etwas unbestimmten und nicht allzu dringenden Aufträge, wie sie Horst von Wolkenfels seinem früheren Kameraden und jetzigen Polizeilieutenant gegeben hatte, dank der Sorgfalt, ja keinen ärgerlichen Skandal, der in die Zeitungen käme, zu provozieren, dank auch der veränderten Kleidung Ernas waren die Vorkehrungen nicht so getroffen, daß Robert von dem beauftragten Späher entdeckt und angehalten wurde. Hurtigen Schrittes, lächelnder Miene, sein Kind an der Hand, schritt er aus dem kohlenrauchgeschwärzten Eisenbahngebäude in die Stadt hinein. Durch den herrlichen Sommernachmittag strich kühlender Wind von der See.

Robert dachte nicht daran, sich in einem Gasthof einzuquartieren, er hielt nicht stille, wenn sein Töchterlein dies oder jenes begaffen wollte, was ihm auf dem Wege durch die merkwürdige Stadt verwunderlich erschien; er ließ sich den nächsten Weg nach dem Hafen weisen und hemmte seine Schritte erst, 80 da er dicht vor dem Mastenwalde stand, der aus der breiten Elbe mit flatternden Wimpeln, fauchenden Schloten, durcheinander schreienden Stimmen, ächzenden Krahnen, knarrenden Tauen und all dem hundertfachen Geräusch seetüchtiger Vorbereitungen gegen den leicht bewölkten Himmel ragte.

Das Kind schlug staunend die Händchen zusammen und freute sich an dem bunten Gewimmel so vieler großen Schiffe und ward nicht müde, hundert Fragen zu stellen. Robert aber hielt die Zeit nicht für gegeben, müßig zu verweilen. Er erkundigte sich bei Kommissionären nach fahrtbereiten Schiffen. Da er aber selber nicht gewiß war, welchen Weg er nehmen wollte, und so alsbald in Gefahr schwebte, sich durch unsichere Redensarten verdächtig zu machen, ging er ohne richtige Belehrung genommen zu haben, wieder fort. Das Pflaster brannte jetzt dem Besorgten doch unter den Füßen. Das Kind klagte über Müdigkeit und Hunger.

Als er in die erste beste Wirtschaft am Hafen eintrat, wo im Freien zwischen zwei mageren Oleanderbäumchen etliche Tischchen aufgestellt waren, fiel ihm – er wußte selbst nicht wie, glaubte aber, daß der Teergeruch und das Treiben auf dem Wasser vor ihm seiner Erinnerung diese Richtung gaben – es fiel ihm die Osteria in Venedig ein, wo er vor etwa drei Jahren den trefflichen Muranesen kennen lernte, der ihn, den kaum genesenen Mann, dann gegen Ravenna zu steuern unternahm. Und als ob mit diesem Gedanken sein Schicksal ihm alte Huld wieder angekündigt hätte, es währte nicht lang und ein Mann, der neben ihm an einem andern Tischchen eine Flasche Porter leerte, und auf Fragen, wie sie ein Fremder in Hamburg zu stellen pflegt, erst kurze, barsche, dann ausführlichere und bald redselige Antwort erteilte, erzählte unter anderm, daß er noch vor Nacht einen Franzosen sprechen müsse und darum nicht länger in so angenehmer Unterhaltung verziehen dürfe. Ein Wort gab das andre. Robert erfuhr, daß der Franzose auf einem Schoner eine Ladung Reis von Rangoon nach Hamburg geliefert, unterwegs aber so schwer gearbeitet und vom schlechten Wetter gelitten habe, daß er nun gedockt werden müsse und auf Wunsch der Rheder, welche in Havre wohnten, zu diesem Zwecke morgen dorthin zurückkehre. Als Ballast nähm' er nun Eisen und Steine ein.

»Da könnt' einer billig nach Frankreich kommen!« sagte Robert.

Der Hamburger meinte, das wär' ein unpraktisches Reisen, bei dem ein Geschäftsmann viel zu viel Zeit verlöre, und Zeit wäre Geld.

81 Der andere entdeckte sich nun dem Portertrinkenden als Maler und zwar als Marinemaler, dessen Absicht sei, an der bretagnischen und normännischen Küste und auch schon unterwegs Studien zu machen und Augenblicksskizzen je mehr desto lieber zu entwerfen. Zudem sei er nicht reich und seit Jahr und Tag Witwer, und er wolle mit seinem Kind eine Verwandte seiner Frau in Rouen heimsuchen.

All' das war recht glaubwürdig vorgebracht. Daß es Menschen gab, die lieber auf die billigste als auf die bequemste und rascheste Art reisten, begriff der Kaufmann in Erinnerung an seine eigene Jugend; auch war er einige Jahre zur See gefahren und keineswegs auf Dampfschiffen. Und da ihm Robert den Eindruck eines biederen und liebenswürdigen Menschen machte, willigte er nach der zweiten Flasche Porter ein, dem Franzosen die Frage vorzulegen, ob er Passagiere an Bord seines Schoners nehmen, und wie viel er dafür verlangen wolle.

Dann empfahl er Robert noch ein leidlich billiges Gasthaus unweit des Hafens, gab ihm Adressen einiger Geschäfte, wo jener sich mit etwas Wäsche, etwas Mundvorrat, einigen Skizzenbüchern und warmen Decken versorgen wollte, und ging von ihm auf baldiges Wiedersehen.

Dem Havresen war die Reisegesellschaft recht. Robert ging auf dessen billige Bedingungen ein, und verbrachte dann die bangste Nacht seines Lebens neben dem ruhig schlafenden Kinde.

Um so köstlicher atmete er auf, um so inniger war der stille Jubel seiner Seele, um so brünstiger das Dankgebet, das er wortlos gen Himmel sandte, als am nächsten Vormittag endlich die vielen langwierigen, umständlichen Vorbereitungen erschöpft waren, und nun der Kutter des Havresen flott mit Geschrei und Vorsicht zwischen den wimmelnden hohen braunen Borden durch die Menge der ankommenden Schiffe hindurchgesteuert wurde und nun endlich die breiter und breiter strömende Elbe frei hinab segelte. Die Hafenpolizei hatte alle Papiere an Bord in Ordnung befunden.

Aber die Besorgnis kehrt wieder. Von allen Dächern der Landhäuser, der Fabriken und Speicher rechts und links des Flusses scheint sie nach dem Flüchtigen auszulugen.

Erst nach Stunden allmählich schwinden die Ufer beiseite, immer weniger und weniger sichtbar. . . . Dort noch ein Kirchturm . . . eine Hafenbatterie . . . weiter, breiter, unabsehbar dehnt sich die Wasserfläche. . . . Ist das schon die offene See? . . . Nicht doch, Süßwasser noch immer. . . . Noch immer kann ein eiliges Telegramm von Cuxhaven herüber den Häscher 82 rechtzeitig entsenden, um Robert sein Kind wieder abzunehmen . . . da kreuzt ein Boot mit seitwärts geblähtem Segel gegen den Havresen. . . . Will es ihn anhalten? . . . Gibt es ein Zeichen? . . . Nein! Es schaukelt hinter ihnen vorbei nach einem anderen Ziele. . . . Dampfer aller Art, große Auswandererschiffe und kleine Schlepper mit Seglern am Tau schwimmen ihnen entgegen. Hüteschwenken hüben und drüben. Das Kind freut sich an all den ungewohnten Erscheinungen. . . . Es hat keine Ahnung, mit welcher Spannung sein Vater die Minuten, die Wellen zählt. . . . Sie passieren das zweite der Feuerschiffe, die wie schwimmende Leuchttürme vor Anker liegen . . . und endlich auch das dritte. . . . Hurra! Mit mächtigerer Bewegung kündigt die offene See sich an. Hurra! Robert möchte aufschreien. Aber er darf seine Freude nicht verraten. Er faßt sein Kind still stürmisch in beide Arme und küßt es ab nach Herzenslust.

Jetzt erst ist er sicher, daß, wie immer auch die Würfel fallen mögen, wochenlang ihn weder Menschen-, noch Gesetzesmacht in seiner Vaterfreude, im Besitze seines Mädchens stören kann. Er wendet das Gesicht gegen das entschwundene Festland zurück und lacht und lacht. Ihm ist, als säh' er die verstörten Gesichter seiner Feinde durcheinander über dem Wasser schweben, Emma, Heribert, Hermione, Horst, Brigitte und alle die Vettern und Basen und der ganze Hinterbann geschmückter Hochzeitsgäste vom vorigen Tag. Sie sperren die Mäuler auf und möchten rufen, sie recken Hände hoch und möchten greifen. Das habt ihr versäumt, liebe Leute! Robert lacht und drückt das blonde Kinderköpfchen wieder ans Herz und spuckt im Bogen darüber hinweg ins Wasser.

Dem Havresen und seiner Equipage fällt das nicht auf, denn auch sie spucken zuweilen in weitem Bogen nach dem Wasser; freilich ist es bei ihnen keine symbolische Handlung, und sie sehen keine Gesichter über den Wellen; sie kauen einfach Tabak, und das bringt zuweilen solche Bewegung von Kinnbacken und Zunge mit sich.

Den Passagier halten sie für einen etwas verrückten, aber gutmütigen Menschen, der nichts Böses auf dem Gewissen haben kann. Anfangs schien ihnen nicht alles geheuer. Bald aber sprach sein offenes heiteres Wesen für ihn, und da er wirklich zeichnen konnte und viel zeichnete, auch Farbenskizzen machte, so waren sie überzeugt, daß sich alles genau so verhalten möchte, wie Robert seinem Hamburger Gewährsmann und dieser dem Havresen erzählt hatte. Indessen war es ihnen auch einerlei. Die See macht ziemlich gleichgiltig gegen Dinge, die auf dem Lande geschehen sind und einen nicht persönlich betreffen.

83 Kind und Vater konnten sich ungestört miteinander unterhalten. Von der Mannschaft verstand keiner ein Wort deutsch und der Kapitän nicht mehr, als nötig war, um in einer Hamburger Hafenschenke nicht zu verhungern und zu verdursten.

Robert hätte sich die Fahrt nicht schöner denken können. Er genoß mit Vollbewußtsein die langentbehrte Vaterwonne, er lebte sich mit aller Sorgfalt in das Denken und Fühlen des kleinen Wesens ein und ward nicht müde, zu fragen und zu antworten, Wünsche zu erfüllen und Wünsche zu versagen, und um sein Kind im Wachen oder Schlafen besorgt zu sein.

Auch wenn er arbeitete, störte ihn das Kleine neben ihm nicht, das achtsam auf seine Hände sah oder zu seinen Füßen spielte, oder auch selber sich Papier und Bleistift ausbat und mit unglaublicher Ernsthaftigkeit wirre Striche massenweise zu Tage förderte, dabei aber steif und fest behauptete, daß es auch zeichne, gerade so gut wie Papa, und sich nicht wenig erboste, wenn man die Gegenstände, welche es nach der Natur aufgenommen haben wollte, nicht erkannte.

Manchmal schwatzte das kleine Ding so klug wie ein Erwachsener, manchmal auch ganz dummes Zeug, wie es eben Kinder vorbringen, was aber Robert überraschte, der nun erst von seiner Tochter lernte, wie Kinder sich in solchem Alter gebaren und vernehmen lassen.

Am meisten wunderte ihn, daß Erna so selten und dann nur mit einer gewissen Schüchternheit von der Mutter sprach. Aber die Mutter hatte nie mit dem Kinde vom Vater gesprochen, und was sie so unbeobachtet im Hause derselben an unvorsichtigen Redensarten aufgeschnappt, was ihr in letzter Zeit Frau Näppfgen und vordem vielleicht andre Dienstleute ab und an geheim gesagt, hatte in dem jungen Gemüt unklare und beunruhigende Vorstellungen erzeugt, die es sich nach kleiner Kinder Art wunderlich zurecht legte.

Einmal am dritten Tag, da sie mit traurigen Augen lang ins Wasser sah, fragte Robert, ob ihr etwas fehle. Sie schüttelte verneinend das Köpfchen. Erst nach einer Weile fragte sie plötzlich. »Darf ich nie wieder zu meiner Mama gehen?«

»Warum solltest du deine Mama nie wiedersehen?« fragte Robert betroffen.

Und sein Töchterchen antwortete mit altklugem Ton und überzeugt blickenden Augen: »Weil Mama einen andern Mann geheiratet hat.«

»Was weißt du von solchen Dingen?«

»Frau Hedwig hat mir das gesagt . . . und Mama hat 84 doch einen andern Mann geheiratet: Horst, der nachher mein Papa sein sollte. Ich aber will keinen andern Papa. Und Sophie hat auch gesagt, ich soll dich lieb haben, ich soll dich recht von Herzen lieb haben, solang ich lebe. Jeden Abend vor dem Nachtgebet hat sie es mir gesagt.«

Robert sah mit brennenden Augen sein Kind an, und ein Seufzer entrang sich seiner sonst so fröhlichen Brust. So früh, kaum geboren, war dies junge Wesen mitten zwischen den unversöhnlichen Streit zweier fürs ganze Leben getrennten Menschen gestellt, der beiden Menschen, die ihm zunächst standen! So früh, kaum daß es reden gelernt hatte, mußte es fühlen lernen, was Scheiden bedeute für ein armes Menschenherz, und es hatte seine Formel gefunden für Grund und Ursache. Kein kühner Streich, kein kluges Wort, keine Fahrt über Meer, keine Macht der Erde kann dem Kinde, solang es noch lebt, das traurige Bewußtsein rauben, daß es immer nur die schwere Wahl zwischen Vater und Mutter habe, und daß es die beiden Herzen, an denen es hängen soll, mit gleicher Kraft, niemals wie andre Kinder vereint, niemals in Liebe, niemals in Sorge je vereint sehen wird!

Robert fühlt das in diesem Augenblick und peinlicher, als es dies kaum erschlossene Wesen jetzt schon zu fühlen vermag. Aber er hebt die Stirne gegen das strahlende Firmament, er darf zu seinem Schicksal sagen: Es ist nicht meine Schuld, daß es so gekommen! Ich hatte mehr als recht war, ertragen, eitel dem Kinde zu liebe; aber das Kind selbst verlieren und gar an jene verlieren, das wollt' ich nicht, und das durft' ich nicht!

Aber, wenn das Kind selber, das bis nun bei seiner Mutter aufgewachsen ist, anders empfindet? Was dann, Robert Leichtfuß, was dann?

Er streichelt mit der flachen Hand die blonden Haare zurecht, die der blasende Wind durcheinander geschoben hat, und sanften Tones fragt er sein Töchterchen: »Erna, soll ich dich wieder zu Mama zurückbringen?«

Das Kind sieht ihn mit großen Augen an, als begriffe es diese Frage nicht gleich, als wüßt' es nicht, ob der Vater ein höhnisches Spiel mit ihm triebe, bis sich die großen Augen mit Thränen füllen: »Ich will bei dir bleiben, Papa! Schick' mich nicht fort von dir!« Und das nasse Gesichtchen wühlt sich ungestüm an seine Brust.

Es war das einzige Mal, daß Erna auf der langwierigen und nicht unbeschwerlichen Fahrt heftig weinte. Sie hatte kindische Freude am seemännischen Thun und Treiben um sie 85 her, sie ahmte Befehle und Rufe mit ihrem Kinderstimmchen nach und entwickelte eine Unermüdlichkeit im Fragen nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die jeden andern als einen so glückseligen Vater zur Verzweiflung gebracht hätten. Wenn sie Langeweile anfocht, legte sie sich aufs Ohr und schlief.

Erna war ein überaus bequemes Kind. Sie schien das glückliche Temperament und die unverwüstliche Laune ihres Vaters in ihrem Blute mit auf die Welt gebracht zu haben.

Im Anfang sprach sie noch viel von Sophie. Eine leidenschaftliche Zärtlichkeit schien in dem Kinderherzen für jenes liebevolle Geschöpf nachzuzittern. Hatte sich doch nie jemand so viel, so innig und so klug mit dem kleinen Ding abgegeben, wie jene! Hatte sie ihr doch mehr mütterliche Liebe zugewandt, als die herzenskalte Frau, die es im Verdruß geboren. Es war nichts zum Verwundern an dieser Zuneigung. Und doch wunderte das den unerfahrenen Vater, daß ein Kind sich an ein fremdes Wesen inniger anschließen konnte als an die eigene Mutter. . . . Und er kannte doch auch diese Mutter zur Genüge! . . .

»Sophie? . . . Sophie? . . . Wer war nur gleich Sophie?« fragte er seitabsehend in einem Anflug väterlicher Eifersucht, als Erna ihm immer wieder mit dem Namen aufrückte, den er mehrmals geflissentlich überhört hatte.

»Aber Papa!« sagte das Kind, und es klang erstaunlich vorwurfsvoll.

Robert konnte aus dem Klang dieses kindischen Vorwurfs heraus hören, was für eine wichtige Stellung die blauäugige Schweizerin in diesem Köpfchen einnahm . . . am Ende gar noch eine wichtigere als er selber, der freilich, genauer betrachtet, eine ziemlich neue Bekanntschaft für es war und ihm vielleicht bis vor wenigen Wochen ganz unbekannt geblieben wäre, wenn nicht eben jene Schweizerin das Kind für seinen Vater beten gelehrt hätte.

Robert Leichtfuß mußte sich schon für eine Weile darein ergeben, diese Mitbewohnerin im Herzchen Ernas neben sich zu dulden. Die Zeit würde das ja bald ändern, dacht' er. . . . Er war Sophien gram. Zunächst schon wegen des bedeutenden Raumes, welchen sie in besagtem Herzchen einnahm, und dann . . . na, weswegen dann noch? . . . Nun, weil sie so, mir nichts, dir nichts, Knall und Fall, davongegangen war, ohne ihm auch nur einen Hauch von Nachricht zuwehen zu lassen.

Wie sie das unter den Umständen, welche ihr jähes Scheiden veranlaßt, hätte thun sollen, darüber gab sich Robert Leichtfuß keine Rechenschaft. Sie wußte, daß er ihr Dank schuldete. Sie wußte, daß sie einen dankbaren Freund an ihm erworben 86 hatte. Ja, sie mußte sogar noch etwas mehr wissen, denn er hatt' es ihr deutlich genug gezeigt und gesagt . . . galt ihr das so wenig, daß sie sich nicht einmal die Mühe nahm, ihm ein Lebewohl zuzurufen, das Versprechen, welches sie ihm gegeben, aufzukündigen, und ihm von der Lage der Dinge Kenntnis zu gewähren? . . . Wie dergleichen von einem sittenstrengen Fräulein ins Werk gesetzt werden sollte, danach fragte Robert in seinem Aerger wieder nicht. Ja, daß nach allem, was er von Sophien gehört und gesehen hatte, solch eine Vertraulichkeit durchaus nicht zu gewärtigen war, davon wollt' er nichts wissen. Sie hatt' es ihm angethan und lohnte ihm nicht mit ähnlichen Gefühlen, wie es schien – nur das erwog er und andres nicht. Und darum war er ihr gram.

»Wie hieß denn eigentlich dein Fräulein?« fragte er eines Morgens das Kind, da dies wieder von seiner Erzieherin zu plaudern begann.

»Sophie! Na, das weißt du doch, Papa!« rief Erna und lachte.

»Sophie, Sophie! Das weiß ich freilich! Aber wie weiter? Wie war ihr Vatersname? Du heißest doch auch nicht bloß Erna schlechtweg?«

Ueber »Erna schlechtweg« mußte die Gefragte noch viel mehr lachen; aber es war dabei nichts weiter herauszukriegen. Das Kind gab wohl nach längerer Belehrung zu, daß seine teure Sophie noch einen andern Namen hinter dem Taufnamen gehabt haben müsse; ja, es meinte sich auch zu erinnern, denselben gehört zu haben, ganz im Anfang, da das Fräulein noch neu im Hause war und Mama sie noch umständlicher titulierte; aber es konnte sich dieses Namens ganz und gar nicht entsinnen. Für Erna war Sophie eben Sophie, die einzige und alleinige Sophie, die ihresgleichen auf der Welt nicht hatte. Was brauchte sie für das Kind noch einen andern Namen!

Und wenn sie durchaus für andre Leute einen zweiten Namen brauchte – wie Papa so ärgerlich versicherte –, da schlug Erna vor, sie wolle ihr den ihrigen schenken. Sophie Leichtfuß, das wäre dann ein sehr schöner Name! Nicht wahr?

Robert verwies der kleinen Schwätzerin solche Kombinationen, bei denen sie sich nichts dachte, die aber für ihn einen peinlichen Sinn hatten. Und darüber fiel ihm ein, daß mit dem Namen jedes Mittel verloren sei, nach der entschwundenen Wohlthäterin seines Kindes zu forschen, jede Aussicht verloren, sie jemals wiederzufinden.

Robert sah aufs Wasser. Die Wogen gingen hinauf und 87 hinab und glitten brausend, schaumsprühend vom Kiel entzweigeschnitten, unter dem Schiffe durch, um weiter zu ziehen, weiter. Das indische Sprüchlein fiel ihm ein:

»So wie im weiten Weltenmeer ein Splitter Holz den andern trifft,
So treffen sich im Leben auch die Menschen einen Augenblick.«

Das paßte so recht auf sie beide. Sophie war vielleicht das Weib, das bestimmt gewesen, ihn glücklich zu machen. Nie früher war die Sympathie so jäh, so überzeugend in ihm emporgesprungen wie in jenem Augenblick, da sie im weiten Menschenozean so wundersam aufeinander getroffen waren, um sich alsbald wieder zu trennen. Nun schwamm der eine westwärts, das andre weiß Gott wohin! Und der Augenblick war vorbei, war versäumt.

Der Leichtsinnige hatte nicht einmal danach gefragt, wie er sein Glück rufen sollte, wenn es außer Sicht käme!

Unter diesen Umständen war es das klügste, zu vergessen . . . so rasch wie möglich zu vergessen. Robert Leichtfuß vergaß ja rascher als andre Menschen. Und auf dem wogenden Wasser vergißt sich's leichter. Er hatte das ja schon in einer schlimmeren Zeit erfahren. Jetzt war gute Zeit! Er hatte sein Kind und war in Sicherheit! –

In den letzten Tagen der Fahrt trübte sich das Wetter und schärfte sich der Wind. Es gab sogar einen recht bösen Tag für das Kind, wenn auch das Schiff dabei nicht in Gefahr schwebte. Die Windstärke war noch nicht Sturm, aber nur eine Nummer weniger, was für eine Landratte, besonders eine so kleine, schon eine ganz abscheuliche Seefahrt gibt. Dazu regnete es, und der Himmel sah grau und windig mit bizarren Wolkenfetzen, die wie zerfranste Flaggen von umgestürzten Geisterfahrzeugen niederflatterten, auf sie herab.

In einer schwarzen Regennacht gingen sie nach siebentägiger Fahrt im Havre vor Anker. Robert blieb in der Stadt eine halbe Woche. Er wollte nicht bei solchem Hundewetter einen Ort aufsuchen, von dem er wünschte, daß er ihm entgegenlachen und ihn zu monatelangem Verweilen einladen sollte. Am ersten schönen Morgen fuhr er mit seinem geliebten Kinde auf der Eisenbahn nach Fécamp und von diesem ausgewachsenen Badeort in einem kleinen Mietswagen nach seinem noch in der Knospe der Anspruchslosigkeit halbverborgenen Roqueville.

Roqueville war indessen auch nicht mehr jenes gänzlich unentwickelte, in idyllischer Bescheidenheit versumpfende Fischernest, wie er es vor sieben, acht Jahren kennen gelernt hatte. Noch 88 immer kein Modebad, hatte doch die Kultur es wirklich schon beleckt. Da und dort hatten sich unternehmende Bourgeois aus Rouen oder Paris, welche Billigkeit und mäßige Einsamkeit dem kostspieligen Trubel von Etretat und Fécamp vorzogen, kleine Rentner, die ihren Sommer ungeniert zu genießen und später einmal ein gutes Geschäft mit dem Verkaufe zu machen hofften, kleine Villen erbaut. Auch ein Haus mit breiterer Fassade war erstanden und trug über der Pforte in goldenen Lettern den Namen »Hotel de la Plage«. Aber das Ganze machte doch noch immer einen recht bescheidenen, kaum zivilisierten und ziemlich menschenarmen Eindruck. Das Gefühl der Sicherheit, das Robert hierhergeführt, ward durch die wenigen Neuerungen nicht abgeschwächt, und er hatte sich in den Ansprüchen, die er ans Leben stellte, in den acht Jahren denn doch so weit gesteigert, daß ihm etwas Komfort in der Wohnung und etwas Abwechselung in der Nahrung nicht zuwider war. Viel Komfort und viel Abwechselung waren's noch immer nicht. Die angesiedelten Krämer und kleinen Beamten hielten sich meist für sich und waren besonders einem Nichtfranzosen gegenüber durchaus nicht aufdringlich. Dennoch machte Erna, die neben dem Malerschirm ihres Vaters am Ufer zu spielen pflegte, allmählich Bekanntschaften mit wohlgezogenen Kindern artiger Leute, so daß die Furcht, welche Robert mit dem Gedanken an sichere Einsamkeit verbunden hatte, die Furcht, daß sein Kind nach den Spielgenossen im Berliner Tiergarten sich zurücksehnen und an Heimweh leiden werde, sich bald verminderte, ohne einer andern Furcht Platz zu machen, daß diese bretonischen Spießbürger seinen Schlupfwinkel der Welt vorzeitig verraten würden. Für sie war der Maler un Parisien, der sich Studien halber hier aufhielt, und sie erwarteten von den Bildern, die er malen und im nächsten Salon ausstellen werde, daß sie zum Ruhm ihres Strandes und zur Verteuerung der von ihnen bebauten Grundstücke merklich beitragen würden. Darum begegnete Robert fast nur freundlichen oder ganz gleichgiltigen Gesichtern. Niemand dachte daran, ihm den Aufenthalt zu erschweren. Ganz im Gegenteil war man darauf bedacht, dem Künstler, auf dessen Werke man Hoffnungen für das Aufblühen der Gemeinde setzte, das Hiersein anmutig und die Arbeit bequem zu machen. Er war ein arbeitsamer Mann und ein liebevoller Vater. Das mußte jeder sehen und das setzte ihn bei allen Leuten am Ort genugsam in Respekt. Was etwa noch an Sympathieen fehlen mochte, ergänzte das schöne blonde Kind, das jedem, welcher es ansah, das Herz gewann.

89 Nach reiflicher Ueberlegung mußte sich Robert, wenn auch nicht ohne Widerwillen, entschließen, unter den Töchtern des Dorfes Umschau zu halten, um die würdigste und reinlichste derselben als Bonne anzuwerben.

Es hätte ihn bei den Leuten in Mißkredit gesetzt, wenn er sein Kind ganz allein hätte versorgen wollen, ganz abgesehen davon, daß er sich bei der Arbeit doch manche Störung fern halten mußte, die notwendigerweise entstand, wenn er sein Kleinchen nicht mit barbarischer Strenge an seinen Feldstuhl anbinden und unter keinen Umständen zehn Schritte weit sich entfernen lassen wollte.

Nein, Erna sollte hier gedeihen und sich kräftig entwickeln und darum nicht nur jede Sorgfalt, sondern auch so viel Freiheit und Bewegung genießen, als dem herzigen Menschlein notwendig war.

Eine dralle Schifferstochter, die er vor acht Jahren, da sie selbst noch ein kleines Kind war, gezeichnet hatte, die, wie auch das halbe Dorf, sich dieses Ereignisses noch gar wohl erinnerte und darauf nicht wenig stolz war, übernahm Wartung und Pflege des Kindes und sorgte auch dafür, daß des Malers beide Stübchen in guter Ordnung und seine Mahlzeit nicht ohne gebackene Fische blieb.

Erna konnte sich anfangs gar nicht mit ihrer neuen Wärterin verständigen. Es gab Szenen und Thränen. Aber nach einigen bösen Tagen machte sich die Sache wie von selber. Und Kleinchen plauderte allmählich zwei Sprachen durcheinander, daß es erstaunlich war.

Trotz der Wonne, sich endlich wieder so ganz als Vater zu fühlen, und trotz der Freude, sich in diesem seebespülten Erdenwinkel ganz sicher vor unliebsamen Begegnungen zu fühlen, wäre Robert Leichtfuß doch vielleicht vor Langeweile gestorben, wenn er sich nicht in die Ufergegend verliebt und in anstrengende Arbeit verbissen hätte.

Es war nahezu ein Monat, daß Robert Leichtfuß Berlin verlassen und mit seinem Pinsel nicht mehr an Oelfarben gerührt hatte. Auf der Meerfahrt waren nur etliche Bleistiftzeichnungen und Aquarellskizzen entstanden und diese nur im Anfang der Reise. Je länger diese dauerte, desto mehr nahm jene seetüchtige Trägheit von dem Maler Besitz, die sich im Anschauen von Himmel und Wasser genügen und behaglichen Gedanken ohne Arbeitsdrang nachhängen läßt. In Berlin war Robert ganz von der Absicht besessen gewesen, sein Kind wiederzugewinnen. Vorbereitung und Ausführung dieses seine ganze 90 Natur tief aufregenden Planes ließen stille malerische Thätigkeit gar nicht aufkommen. Die letzten Jahre in Italien hatte er fast nur auf Kopieren alter Bilder verwendet; jedenfalls war aus eigener Erfindung und Beobachtung nichts Bemerkenswertes in jener Zeit entstanden. Nunmehr sehnte sich die Künstlerseele Roberts nicht nur danach, überhaupt etwas zu malen, sondern etwas aus sich herauszugestalten, was so langer Vorbereitung würdig Antwort und ihm vor sich selbst und der Welt das Zeugnis der künstlerischen Reife gäbe. Robert war als Mensch und als Künstler lang und eigensinnig in der Irre gegangen. Nun aber sagte er sich selber, die Lehrjahre seien abgelaufen. Er war sich bewußt, ein Maler zu sein; nun galt es, dafür auch vollwichtigen Beweis zu liefern. Es drängte ihn in allen Adern zum Schaffen, zum Erfinden, zum Gestalten; sein Hirn gärte von malerischen Entschlüssen; seine Brust war voll von ungeborenen Meisterwerken. »Schicksal, gib mir ein freudiges Herz und eine friedliche Stätte, und ich will meinen Künstlerruhm mit nimmermüder Hand aufbauen für Zeit und Ewigkeit! Amen!«

Je nun, sein Herz war ja von Freude voll. Jeder Anblick des für sich geretteten Kindes legte ihm neue unerschöpfliche Freude zu. Und der Ort, den er zu monatelangem Aufenthalt erlesen, war friedlich und sicher genug. Wie gerne wäre Robert gleich an eine jener gewaltigen Aufgaben gegangen, die ihm von alter Zeit her lieb und wert waren, jetzt, in der Vollkraft der Reife, mit all der Kunst und all den Künsten ausgerüstet, welche er von den Tafeln der größten Maler aller Zeiten abgelesen und als sein unentringbar Eigentum in seiner Seele, in seinen Augen und in seiner Hand zu besitzen überzeugt war.

Aber das ging hier, das ging jetzt noch nicht an.

Es hieß vor allem, klug sein. In dem engen Oertchen galt es vor allem auch, sich in Respekt und Beliebtheit zu setzen. Es konnte ja doch der Fall sein, daß von Berlin her ihm Unannehmlichkeiten bereitet würden, und er sich dann auf das Wohlwollen der Nachbarn und des Bürgermeisters verlassen müßte. Mit wändebreiten haushohen Kompositionen, deren Kartons schon monatelange Vorarbeit verlangten, durfte er hier nicht beginnen, daran war für den Vorübergehenden nichts zu sehen. Und wäre was zu sehen gewesen, sie hätten's nicht verstanden und ihn für einen überspannten Narren gehalten, wie weiland seine Freunde in Berlin und Paris. Auch fehlte ihm, die Hand aufs Herz, doch noch die olympische Ruhe da drinnen in der Brust, die einer braucht, um, Gott 91 gleich, etwas aus dem Nichts zu schaffen. Anhaltspunkte, feste Anhaltspunkte, daran jeden Morgen sein Tagewerk von neuem angeknüpft werden konnte, wo er es gestern gelassen hatte, waren ihm doch noch dringend von nöten, denn von all der ausgestandenen Aufregung und Hoffnung, von Befürchtungen und Entschlüssen schwankte die Seele doch noch nach in ihm, wie nach bewegter Seefahrt der Körper noch die Schwankungen zu empfinden meint, obwohl die Füße lange schon sicheren Erdboden treten. Wenn er mit seinem Kinde hier gern gesehen und gut behandelt und ein wenig verhätschelt werden wollte, gab es am Ort nur zweierlei zu malen: Heiligenbilder oder Landschaften.

Robert Leichtfuß wollte noch immer nach wie vor nichts weniger als ein Landschaftsmaler sein. Er hatte in seinem Leben nichts ernst genommen bisher, als die heilige Kunst. Die aber füllte mit ihrer Hoheit sein Herz aus, soweit nicht, und das erst seit kurzer Zeit, ein klein Kind darin Ansprüche machte. Ihrer, der göttlichen Kunst, sollte nur das Beste würdig sein, sie sollte nur das Höchste gewähren. Ihm aber war das Höchste noch nicht das Vollkommenste in jedem Ding. Er glaubte noch an Abstufungen in der Kunst selbst, an eine höhere und geringere Kunst. Und dies Landschaftern, dies mäßig stilisierende Nachschaffen, dies sklavische Nachbeten dessen, was die verschwenderische Natur einem doch nur, um selbst an dieser untergeordneten Fähigkeit des bloßen Nachbetens zu verzweifeln, vor Augen stellt, das war ihm geringe Höhe, das war ihm von Jugend an als die unterste Stufe der Kunst erschienen, ein weiheloses Treiben ohne den alle Himmel und Höllen durchwehenden Schwung der Begeisterung, ohne jenes titanische Gefühl, die thönerne Erde unter bacchantisch aufstampfenden Sohlen zu verlieren und sich einem Gotte gleich an Schöpferkraft zu fühlen, der Gestalten, sich selber ähnlich, und Genien und Ungeheuer dazu in Fülle aus seiner Macht hervorschießen läßt, zahllos und unfaßbar schön, und so plötzlich, wie die funkelnden Sterne am nächtlichen Himmel rundum aus der Nacht treten.

Ein großer Künstler mußte ja freilich alles können, eine gewaltige Komposition konnte ja nicht immer des landschaftlichen Hinter- und Vordergrundes entbehren. Darum hatte Robert Leichtfuß auch manchmal sich vor die freie Natur hingesetzt und mit jener Geduld, die ihm unter allen Umständen Zeichen des Genies war, ein Baumblatt ums andre, jedes Ritzchen und Rinnchen im Eichenstamm, oder was sonst vor seiner Staffelei sich darstellte, nachgeschrieben, peinlich und getreu. Aber gerne war's nicht geschehen. Nur so aus Pflichtgefühl 92 gegen sich selbst, nur so zur Vervollständigung seines malerischen Könnens, und meist nur, um sich von Arbeiten höheren Stils zu erholen und sein schöpferisches Denken auszureifen, ohne daneben die Hand einrosten zu lassen.

So war ja allerhand derart, meist kleine Stücke, besonders auf Reisen, entstanden, was sich sehen lassen konnte; er gab nichts darauf. Hatte er ja doch jene Spreelandschaft sogar à la Tiburtin gemalt, obwohl ihm Tiburtin verhaßt war, und noch verhaßter, seit er sich in der Geldnot durch den spitzbübischen Lefranc einmal hatte zwingen lassen, den Fußspuren dieses Genies mit aller Achtsamkeit nachzutreten . . .

Ob der alte Gauner auf dem »Boulevard des Italiens« wohl noch lebte und nach wie vor auf der einen Seite die Künstler, auf der andern die Käufer betrog? Bah! Was lag Robert daran! Er gedachte jener Zeit nicht gern und war froh, daß sein Ruhm, sein Verdienst nicht mehr von so spitzbübischen Zwischenhändlern abhing.

Von solchen Erinnerungen ganz weit entfernt, wollt' er immerhin auch hier wieder einmal ein wenig Landschaft malen. Er war ja doch in seinen Gedanken noch viel zu sehr mit seiner kleinen Erna beschäftigt, als daß er sich so ganz mit Leib und Seele an eine weitausblickende Komposition hätte hingeben können. Und nach der jahrelangen Nachahmung fremder Bilder war ihm die Nachahmung der Natur zur Stunde willkommener Uebergang zu höherer Thätigkeit, Zwischenspiel und Vorbereitung dazu. Und unter allen Umständen bequemte er sich doch lieber dazu, eine Landschaft abzumalen, wenn ihm auch das wider den Sinn ging und er sich dabei als Künstler gewissermaßen degradiert vorkam, als Heiligenbilder zu liefern. Dergleichen hatte er in Kopieen alter Meister zur Genüge geleistet. Diesseits des Cinquecento war auf diesem Gebiete nichts aus eigner Phantasie mehr zu schaffen, und man war unter allen Umständen zur Nachahmung, zum schlimmsten Eklektizismus verurteilt, wo es der eigenen Individualität nicht mehr möglich war, aus eigenem lebendigen Glauben lebendige Gestalten zu schaffen.

So stand denn seit langen Jahren wieder einmal Roberts Staffelei im Freien, so oft ihm Wind und Wetter das gestatteten. Der Sommer war gnädig. Es kam in etlichen Monaten ein Bild auf die Leinwand. Ein Stück Dorf, ein Stück Küste, dahinter die weite See. Nicht ganz das Wiederspiel der Erscheinung, wie es jedem Banausen vor brutalen Augen lag, und doch in jedem einzelnen Zug der vorliegenden Natur genau abgeguckt. Ein Bild, das ein boshafter Betrachter 93 mit Fug und Recht in Tiburtins Manier gemalt nennen durfte. Robert fiel das, je näher die Leinwand der Vollendung rückte, manchmal selber wie ein Vorwurf aufs Gewissen. Das kommt davon, wenn man sich einmal so ganz in einen andern einlebt! Da hat man die verwünschte Manier in den Fingern unbewußt und wird sie nicht gleich wieder los! Auch eine Strafe für den denkenden selbständigen Künstler! . . . Na, immerhin, es war eine gute Manier. Robert Leichtfuß hätte sich bei Monsieur Tiburtin eigentlich dafür bedanken müssen, daß er allerhand gelernt, damals, als er sich jener Manier in Zucht gegeben hatte. Allein, wie gesagt, dazu war unser Maler wenig aufgelegt. Er war nicht gerne erinnert an Tiburtin und an die Tage, da er jenem nachgearbeitet. Er schrieb das Zeug eben so hin, wie's ihm in die Finger kam. Er wollte sich schließlich ja für das bißchen Landschaft, das er zum Zeitvertreib malte, keinen eigenen Stil schaffen. Und wenn ihm Skrupel und unliebsame Erinnerungen zu Kopfe steigen wollten, hei, dafür hatt' er nun ein probates Mittel! Er drehte sich herum, rief das Kind, das neben ihm spielte, auf seinen Schoß oder legte sich zu ihm in den Dünensand und spielte mit ihm und sah es an, wie schön und lieb und lustig es war. Da hielten die blauen Teufel nicht stand, und Robert Leichtfuß war wieder einer der glücklichsten Menschen auf der Welt, einer der glücklichsten Menschen und einer der sorglosesten auch!


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