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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Peinliches Uebelbefinden, Schwindel und Herzbeklemmungen hatten Heribert Meyer vor den andern Hochzeitsgästen aus der Kirche gejagt, sobald es nur irgend anging, sich zu entfernen, ohne mehr als den Zunächstsitzenden aufzufallen. Er versicherte nachher, eine schreckliche Ahnung habe ihn nach Hause getrieben. Er betrachtete sich darum in späteren Mußestunden manchmal selbst als einen mit einem sechsten Sinn bevorzugten Sterblichen. In Wahrheit hatte er damals durchaus nicht an Erna gedacht und die »unsagbare Angst«, mit der er nachher vor seinen Zuhörern zu prahlen pflegte, war nichts als die natürliche Folge von Zirkulationsstörungen in seinen Adern, die an jenem Sonntage sich nicht zum erstenmale bei dem apoplektischen Manne meldeten.

Stöhnend vor innerer Glut, aber arglosen Gemüts war er aus seiner Droschke gekrochen. Aufatmend stützte er die Hand an die Mauer seines Hauses, eh' er die Klingel zog, und schaute dabei durch das nächste Fenster in die im Souterrain befindliche Küche hinab, darin ein Koch, zwei Köchinnen und etliche Hilfsarbeiterinnen, welche zu diesem Zweck besonders gemietet waren, das opulente Dejeuner dinatoire mit aller Emsigkeit vorbereiteten.

Der Anblick that seinem gepreßten Herzen wohl, und er verweilte gern einige Minuten vor dem offenen Küchenfenster, daraus köstlicher Duft von Würzen und Braten in seine Nasenlöcher drang, während sich das Klirren der Schöpflöffel an den Kesseln, das Wippen des Wiegemessers auf dem Hackbrett, das Knistern und Knallen des Feuers unter den Bratöfen zur schönsten Musik von der Welt vereinigten.

Die emsigste unter den Mägden war eben doch seine alte Hede! Sie saß da am Fenster, eine mächtige irdene Schüssel zwischen den Knieen, und schälte Erdäpfel. Das Messer warf im Wiederschein der Sonne Blitze und die Arbeit flog der 66 tüchtigen Frau nur so von der Hand. Ja, wer immer von solchen Leuten bedient würde! Aber ach! . . .

Jetzt erst fiel dem prustenden Geheimenrat ein, daß er bei der Abfahrt zur Kirche sein Enkelchen an der Hand der alten Amme gesehen hatte.

»Wo hast du denn Erna gelassen, Hede?« fragte er hinab.

Und die Schornsteinfegermeisterin sandte mit der unbefangensten Miene von der Welt die Antwort zu ihm empor: »Ich habe sie gleich, wie befohlen, zu ihrer neuen Gouvernante hinaufgebracht. Die beiden werden wohl noch oben sein, denn die Mamsell kramte ihre sieben Sachen aus, was das Kleinchen gar sehr zu interessieren schien.«

Heribert schlappte ins Haus hinein. Die Kühle, die ihn im Flur empfing, that ihm wohl. Er drückte an die elektrische Klingel und fragte dann durchs Sprachrohr nach der Gouvernante. Diese meldete sich von oben. Aber auf die zweite Frage, ob Erna zu erscheinen bereit und an ihrem Putz nichts verdorben, nichts verschoben sei, antwortete die Schweizerin kurz und bestimmt, daß sie das Kind seit einer Stunde nicht gesehen und seit anderthalb Stunden ihre Stube nicht verlassen habe.

Nun ging's drunter und drüber, bis es an den Tag kam, daß Erna im ganzen Hause nicht zu finden sei. Heribert lief auf die Straße hinaus, fragte die Leute, die des Weges gingen, ob sie kein Kind gesehen hätten, kein Kind in weißem Spitzenkleidchen mit einer breiten blauen Seidenschärpe. Kein Mensch hatte etwas dergleichen gesehen; d. h. ja doch, der eine ein solches vor einer Stunde auf dem Dönhofsplatz und der andre gestern beim Sternecker in Weißensee. Der Kommerzienrat fluchte über die Tölpel, lief in den Tiergarten hinein, suchte die Bosketts ab, fragte ein Liebespaar, das im Schatten mit verschlungenen Händen sehr dicht nebeneinander auf einer Bank saß. All umsonst. Weit konnte Erna noch nicht gelaufen sein. Wäre sie außer Haus gegangen, müßte der Portier, müßten die Leute in der Küche sie gesehen haben. Ja, Frau Näppfgen beteuerte mit aller Bestimmtheit, daß Erna nicht auf die Straße gegangen sein könnte, denn sie habe die Thüre des Gartengeländers nicht aus dem Auge verloren, hätte auch die Angeln knarren hören müssen, das Kind hätte sonach ganz unmöglich unbemerkt fortwatscheln können. So etwas wäre auch ganz und gar nicht in des Kindes Art und Gewohnheit, und überdies war es gar nicht im stande, mit seiner geringen Kraft die so schwer in ihren Angeln sich drehende schmiedeeiserne Gitterthüre allein zu bewegen.

Daß aber kein Fremder sie bewegt habe, darauf schworen 67 sämtliche Menschen in Küche und Portierstube jeden gewollten Eid. Seit die Herrschaften zur Kirche gefahren seien, habe nichts Lebendiges sich im Vorgarten oder gar im Hause gezeigt.

Erna mußte also noch im Hause sein. Man fing an zu suchen. Die neue Gouvernante lernte den Herrn Geheimen Kommerzienrat gleich von seinen gröbsten Seiten kennen. Sie antwortete in einer Weise, die ihrer äußeren Erscheinung entsprach. Heribert stieg wieder das Blut zu Gehirn, und er sah aus wie ein Truthahn, der bersten will.

Da kamen die Wagen angerollt. Man mußte ein freundliches; ein sorgloses Gesicht machen. Noch dachte Heribert nicht gern an eine Entführung des Kindes, denn er hatte sich in den letzten Wochen mehr und mehr in die falsche Vorstellung verrannt, Sophie habe sich von einem Spaßvogel foppen lassen, und Robert sei, nach wie vor, weit weg. Man suchte im Haus, in den Wirtschaftsgebäuden, auf dem Boden, im Keller, überall und überall! Darüber verging die beste Zeit zur Verfolgung.

Man mußte sich zu Tische setzen. Es war vorausbestimmt worden, daß das kaum fünfjährige Kind an der langdauernden Mahlzeit nicht teilnehmen werde. Nur zur Begrüßung der Gäste, zur Beglückwünschung der Mutter sollte sie für einen zärtlichen Augenblick erscheinen. Aber im Trubel so vieler und umständlicher Beglückwünschungen, in Betrachtung der reichen Hochzeitsgeschenke, in der Freude, sich endlich am so heiß ersehnten Ziele zu wissen, vergaßen Mutter und Großmutter nach dem kleinen Wesen zu fragen, mochten sich auch in ihrer Erregung und Zerstreutheit einbilden, sie hätten es schon wie vor, so nach der Trauung gesehen.

Nur der Brautvater saß da in steigender Angst, während er zwischen zwei hochadeligen Nachbarinnen das Licht seiner weltmännischen Konversation leuchten lassen sollte, und es ward immer finsterer in und um ihn her, und die fruchtlos aufgehäuften Teller wurden einer nach dem andern vor ihm weggenommen, ohne daß er dem köstlichsten seiner Festmahle nur entfernt nach sonstiger Lust zugesprochen hätte.

Er rief sich bald diesen, bald jenen der aufwartenden Lakaien herbei, schickte ihn hinauf, zu fragen, ob Erna noch nicht gefunden sei, und als die Antwort immer dieselbe blieb, meinte er jedesmal vom Stuhle sinken zu müssen. Der Schweiß rann über die purpurne Stirn. Er goß wider Gewohnheit ein Glas Champagner nach dem andern hinunter, um sich den beiden pergamentfarbenen Stiftsdamen gegenüber Fassung und Laune zu geben. Am Ende erzählte er ihnen doch, warum er so außer sich sei, dabei löste ihm der Wein nicht nur die Zunge, 68 sondern drückte auch auf die Thränendrüsen, und die alten Weiber kriegten mehr zu hören, als sie anging und ihnen lieb war.

Da sie ihm unisono den Rat gaben, ungesäumt die Polizei in Bewegung zu setzen, konnt' er den Mitfühlenden wenigstens die Beruhigung geben, daß er dies durch seinen zuverlässigen Prokuristen, dem einzigen seiner Geschäftsleute, der an dieser feinen Gesellschaft hatte teilnehmen dürfen, besorgt habe und zwar schon vor einer Stunde, gleich nachdem der Hummer à la bordelaise herumgereicht worden war. . . . Aber freilich Erfolg hätte dieser Schritt bis jetzt nicht gehabt, der Polizeiwachtmeister, sogar einen recht unziemlichen Witz, eine banale Anspielung auf den Widerspruch gemacht, daß man am Hochzeitstage doch für gewöhnlich keine Kinder zu verlieren pflegte – die beiden Stiftsdamen blickten, im Innersten empört, jede zu einer andern Seite von dem Schwatzenden weg – dennoch müsse man hoffen . . . die Berliner Polizei sei vorzüglich. . . . Aber die arme Mutter . . . wenn man sie so sicher, so wonnevoll, so glückstrahlend da vor sich sitzen sähe, an der Seite des gleichfalls glückstrahlenden Barons, der das Kind auch so sehr liebe . . . Ja wohl, gewiß! er liebe es sehr . . . die Haut könnte einem schaudern, und das Gewissen frage, solle man, dürfe man die ahnungslose Frau mit einem Wort aus allen Himmeln herab in das Bewußtsein solchen Verlustes stürzen? Es könne ihr Tod sein! Und dabei müsse doch bedacht werden, daß man sie vielleicht mit nur blindem Lärm töten könne, daß das Kind sich doch nur irgendwo im Hause verkrochen, oder aber gar nicht weit verlaufen habe. Und selbst im schlimmsten Fall werde das Schätzchen von der tausendarmigen, alle Schlupfwinkel im Nu durchspähenden Amtsgewalt aller Wahrscheinlichkeit früher wieder zur Stelle geschafft sein, als man sich von der Tafel erhöbe. Gott geb's!

Die pergamentenen Tanten Horsts erkundigten sich nun danach, ob dem mutmaßlichen Räuber – wer anders als der Mann erster Ehe hatte ein Interesse daran, sich des kleinen Kindes zu bemächtigen – etwa zuzutrauen wäre, daß er, um seine frühere Frau zu kränken, seinem Fleisch und Blut Leids anthäte.

Aber nein! Das wäre mit nichten zu fürchten. Wenn Robert Leichtfuß in den Augen Heribert Meyers auch ein ganz nichtswürdiger Geselle war und nichtswürdiger als dieser den ehrwürdigen Tanten an seiner Seite darlegen konnte, dem Kinde that er nichts! In das Kind war er vernarrt!

Na dann! meinten die Tanten, dann hätt's auch keine Gefahr, und man könnte ruhigen Herzens weiterspeisen. Fürs übrige werde Horst schon sorgen!

69 Heribert war zu Mut, wie wenn sich ihm die Haare hinter seiner Glatze sträubten. Er sah bald die hochgeborne Tante rechts, dann die noch höher geborne Tante links mit staunenden Augen an. Sie nickten einander zu und stießen mit den Champagnerkelchen an und tranken aus bis auf die Neige, wie ein paar Wachtmeister . . . waren sie bespitzt? Machten sie sich über ihn lustig? Jetzt gingen sie gar im Kreise vor ihm auf und nieder. Die ganze Tafel drehte sich im Kreise, und dabei hielt einer der Gäste einen entsetzlich langen Trinkspruch. Die lauten Worte prasselten an Heriberts Trommelfell wie Regen an verschlossene Scheiben. Er hörte alle und verstand keines. Jetzt schrieen die Gäste zusammen. Es war Heribert, als hätt' er niemals im Leben solch unerträgliches Geräusch gehört. Und nun erhoben sie sich mit den Gläsern in Händen und schmunzelten und sahen ihn an, als wollten sie ihn auslachen. Und wieder dröhnten die Wände des Saales von den lauten Rufen. Heribert meinte, sie zerrissen ihm die Ohren, den Kopf und den Hals. Er griff in seine Krawatte. Er wollte sich auch, wie die andern Tischgenossen, erheben. Da zerbrach das Kelchglas in seiner Hand knapp über dem Stengel in zwei Teile; er wußte nicht, wie es zugegangen war. Aber der schrille Klang des Glases tönte in ihm nach, durch die Ohren, durch den ganzen Körper, wie wenn zu gleicher Zeit in seinem Innern eine allzu straff gespannte Saite zerrissen wäre. Er fühlte, wie er auf der rechten Seite des Gesichtes und von der linken Hand durch den Arm bis in die Schulter hinauf und die Brust hinab kalt, oh, ganz kalt und steif wurde. Er wollte schreien und konnte nicht. Er sah noch, wie eine Menge Gesichter sich vor seinen Augen drängten und ihn entsetzt anstarrten, Kopf an Kopf, Schulter an Schulter . . . weg damit! . . . Luft! . . . Da rollte er von seinem Stuhl hinab unter den Tisch, einen Zipfel des Tischtuchs in seinen Sturz verwickelnd, daß berstendes Porzellan und zerklirrendes Glas mit splitternden Scherben seinen dumpfen Fall begleiteten.

Weiberstimmen kreischten auf, alle Stühle wurden gerückt, der Tafeldienst unterbrochen.

Die meisten meinten, der Herr Kommerzienrat habe zu tief ins Glas geguckt. Die beiden Tanten mit den pergamentenen Gesichtern sagten es sogar, denn seine letzten Reden wären anders nicht zu entschuldigen. Einige verständigere Leute jedoch schüttelten die Köpfe dazu. Das war nicht der Zustand und das Aussehen eines Trunkenen. »Ein Arzt! Ein Arzt!« Aber der Mann, der eben am andern Ende des Saals seine schöne Rede gehalten, war ja der Leibmedikus der ganzen Familie. 70 Ueber den Glückwünschen, die man ihm wegen seines geistreichen Toastes ausdrückte, merkte er zuletzt etwas davon, daß dort oben ein weit weniger erfreuliches Ereignis vorgefallen sei.

Sowie er nur Heribert Meyers Namen hörte, machte er eine sehr bedenkliche Miene, als habe er schon lang ein Unglück bei ihm befürchtet. Halb drängend, halb geschoben stand er endlich vor seinem alten Patienten und hob das kugelige Haupt, darum die weißlich grauen Haare vom Hinterkopf her in langen Strähnen, die sonst sorgfältig über die Glatze geklebt und gestrichen waren, unordentlich abstanden. Das eine Auge Heriberts war geschlossen, das andre sah den Arzt groß an, während die Diener sich bemühten, den schweren Körper vom Boden aufzuheben. Der Doktor gab leise den Befehl, den Kranken auf sein Zimmer zu tragen, und sagte noch leiser zu den nächststehenden der Freunde: »Ein leichter Schlaganfall . . . ich folge dem Leidenden in sein Zimmer. . . . Lassen sich die andern Herrschaften nicht stören.«

Lassen Sie sich nicht stören! ist leicht gesagt. Sollte man sich wirklich noch einmal zu Tische setzen, nachdem der Aelteste der Familie wie ein Lebloser eben mit den Füßen voraus aus dem Speisesaale getragen worden war? . . . Die Gesellschaft stand verlegen in kleinen Gruppen herum, man hielt sich noch für verpflichtet, bestürzte Gesichter zu schneiden und teilnahmsvolle Redensarten auszutauschen.

Frau Hermione war vorerst in der Vermutung, ihre stärkere Hälfte sei dem Wein unterlegen, über solche Blamage im eigenen Hause außer sich geraten. Nunmehr empfand sie es in ihrem spartanischen Sinn zwar wie eine Art Ehrenrettung, daß ihr Heribert in der Unvornehmheit nicht so weit gegangen war, sich bei der Hochzeit seiner Tochter zu bezechen, sondern durch ein ernsthafteres Uebel die abscheuliche Störung zu entschuldigen war; die Störung blieb aber doch sehr peinlich, denn sie mußte ebenso wie ihre beiden Töchter die Gäste um kurzen Urlaub bitten, um sich vor allem an das Bett des Kranken zu verfügen. Die beiden Schwiegersöhne folgten den drei Damen.

Es kehrten aber nur die beiden Schwiegersöhne des Geheimen Kommerzienrats und auch von diesen Horst viel später als sein Vetter zu den aufgescheuchten Festgenossen zurück. Denn als jene Vier durch das Vorzimmer gegen Heriberts Schlafgemach schritten, wurden sie durch die Anwesenheit eines Schutzmannes in Uniform überrascht, der stumm auf einem Stuhl saß und pflichtgemäß auf sie zu warten schien.

Er erhob sich nun auch sofort und machte die Meldung, die 71 ihm von seinen Vorgesetzten aufgetragen worden, und die eigentlich für den Geheimenrat bestimmt war, daß man trotz eifriger Nachforschungen von dem Kinde noch keine Spur habe entdecken können.

»Von welchem Kinde?« riefen drei von den fünf.

Nun wiederholte der Polizist kurz und trocken seinen Auftrag, und was er von dessen Veranlassung wußte. Emma schrie auf und packte mit beiden Händen Horsts Arm, als fürchtete sie umzusinken. Hermione that heftigeren Tones noch einige genauere Fragen an den Schutzmann und ließ, nachdem diese nur unvollständig beantwortet waren, ihre Kammerjungfer, den Portier, die neue Gouvernante und nach und nach sämtliche Dienerschaft zu sich befehlen, von denen allen sie aber über das rätselhafte Verschwinden ihres Enkelkindes auch nicht viel mehr Aufklärung erhalten konnte, als von dem Polizeisoldaten. Es schien denen nicht anders, als hätte Erna der Boden eingeschluckt.

Weder Emma noch ihre Mutter zweifelten eine Sekunde, daß es Robert sei, der sich des Kindes durch List oder Schmeichelei bemächtigt habe. Sie fragten sich nur, ob etwa Sophie dabei die Hände im Spiele gehabt. Doch das war unwahrscheinlich, denn von dieser war schon vor einer Woche ein Brief aus Lausanne gekommen, darin sie in kurzen Worten um ein Zeugnis über ihren Aufenthalt und ihre Leistungen im Hause der damaligen Frau Leichtfuß bat, weil sie im Begriff stand, sich anderweit zu verdingen und dazu eines solchen Papieres bedurfte.

Der erste Gang, welchen Horst von Wolkenfels als angetrauter Gatte zu machen hatte, war auf das nächste Polizeibüreau, damit er genauere Nachrichten mitbringe und die bestimmtesten Weisungen erlasse, auf daß nichts unversucht bleibe, was ohne skandalösen Lärm zu machen, geschehen könne, um dem Räuber das Kind wieder abzujagen. Seine Frau bestimmte ihn mit ihrem Flehen, Hermione ließ die nachdrücklichsten Worte fallen. Er meinte, man müsse vor allem vermeiden, sich lächerlich zu machen, und das fatale Zusammentreffen, daß in derselben Stunde, wo man die zweite Ehe schloß, das einzige Kind aus der ersten Ehe von seinem Vater kurzer Hand mitgenommen wurde, bot . . . für jeden außerhalb der Familie stehenden, in der That viel Anregung zum Lachen. »Um so fataler für uns!« schloß Horst mit Achselzucken.

Die drei Damen gaben ihm recht. »Nur keinen Skandal, der uns vor der boshaften Welt lächerlich macht!«

Darum ward auch Brigittens Gatte sofort zu den Gästen wieder hineingeschickt, um zu versichern, daß sich sein Schwiegervater bereits nach Wunsch erhole – obwohl er denselben weder 72 zu sehen bekommen, noch Nachricht von seinem Befinden erhalten hatte. Horst aber mußte nichts destoweniger, ja erst recht, um gegen alle Blamage in der Oeffentlichkeit Vorkehrungen zu treffen, in Person nach dem Revierpolizeibüreau in der Bendlerstraße und dem Lieutenant die genauesten Aufklärungen und Anweisungen erteilen. Um Gotteswillen, wenn die Sache in die Zeitungen käme und in jedem Salon, in jedem Klub, auf der Börse besprochen und bewitzelt würde! Hermione erklärte solch einen Skandal nicht überleben zu können. Ihr jüngster Schwiegersohn hatte unangenehm viel Mühe, die nervöse Frau notdürftig zu beruhigen.

Er faßte auch seine Mission an den Polizeilieutenant mehr in dem Sinne auf, daß die Familie vor allem öffentlichen Aergernis behütet bleibe, als in jenem andern, daß er sein Stiefkind um jeden Preis wieder in die Hände der beraubten Mutter liefern müsse.

Was war ihm Erna? Ein sehr unbequemes Wesen, das seine Gattin immerfort an alte Zeit und alte Liebe erinnerte, das, wie es nur einigermaßen zu Verstand käme, in ihm einen Feind, einen Eindringling und den Nebenbuhler des eigenen Vaters sähe, sich demgemäß zu ihm und seinen eigenen Kindern also gehässig und störend verhalten und endlich von dem Vermögen des alten Meyer so viel wie möglich für sich erraffen, also seine zukünftigen Kinder nach Kräften beeinträchtigen würde.

Und um diesen Störenfried wieder einzuheimsen, sollte Horst sich die Zunge wundreden und die Beine ablaufen? Mochte das liebe Kind doch ja bei seinem lieben Vater bleiben! Nur recht weit weg von Berlin und auf Nimmerwiedersehen! . . . »Und darum, liebster Herr Kamerad, nur ja keinen Skandal! Nur ja keinen falschen Eifer! Nur ja keinen Schritt, der vor der Zeit, da über die Geschichte Gras gewachsen sein wird, das Interesse der Oeffentlichkeit auf den für uns unangenehmen, aber keineswegs an sich unnatürlichen Vorgang lenke. Denn enfin, daß ein Kind beim Vater lebt, je n'y vois pas de mal! kommt in den besten Familien vor! Nur die Sentimentalität der Frauen und der Ruf des Hauses verlangen eben Schonung.«

Unter das Dach des neuen Heims zurückgekehrt, wollte Horst zunächst seine Schwiegermutter und dann seinen Schwiegervater besuchen. Aber beides wurde nicht mehr gestattet. Den Zutritt zu Heribert verbot der Arzt, der für den Schwerkranken die äußerste Ruhe und Schonung verlangte. Dame Hermione war unsichtbar für jedermann und lag mit einer der vornehmsten und heftigsten Migränen darnieder. Seine Frau wand sich in einem Weinkrampf. Es war kein bräutlicher Anblick.

73 Das dachte Schwägerin Brigitte auch, darum sie ihm lieber hinüberzugehen riet, um vor den Gästen die Dehors aufrecht zu erhalten und die Ehre des gastlichen Hauses zu retten. Mit den beiden Frauen war jetzt ja doch nichts auszurichten, und Papa in den besten, in des Sanitätsrats erprobten Händen. »Also heitere dich auf, Horst, und laß dir vor den Gästen nichts merken!«

Die Damen waren nun zwar meist im Weggehen begriffen, sie harrten nur genauerer Kunde über das Befinden des lieben Patienten. Da nun die Aufschlüsse, welche Horst zu geben hatte, die allerberuhigendsten waren, so sagten sie aufatmend »Gott sei Dank!« Jener entschuldigte noch Frau und Schwiegermama, daß sie sich zurückgezogen hätten. Aber das verstand sich ja von selbst! So ließen sich denn die einen bereden, wieder umzukehren, die andren, die älteren, und darunter auch die beiden Tanten mit den Pergamentgesichtern, beharrten zimperlich darauf, nicht stören zu wollen, und fuhren ab. Die Zurückgebliebenen vereinigten sich mit dem festen Willen, das unterbrochene Fest mit fröhlichem Eifer wieder fortzusetzen, und so kam noch eine ganz lustige Gesellschaft zu stande. Noch lange hörten die beiden Frauen in ihren Nervenschmerzen und der Arzt, der nicht vom Siechbette seines wohlhabendsten Patienten wich, das Knallen der Champagnerpfropfen, das Klingen der Gläser, Teller und Gabeln und das Stimmengeräusch heiter bewegter Menschen.

Der eine und andre Gast ward vielleicht ein wenig zu heiter, und Horst meinte, es allen Ernstes übel nehmen zu müssen, als einer seiner Vettern – natürlich ein noch unverheirateter – ein Glas mit den Worten leerte: »Du bist doch ein Glückspilz ohnegleichen! An einem Tage kriegst du deine angebetete Emma, wirst des verbummelten Malers störenden Wechselbalg los und dein Schwiegerpapa bestellt sich Extrapost, um gen Himmel zu fahren und dir die Schlüssel zu seinem eisernen Geldschrank zu lassen!«

Man mußte wirklich zwischen den beiden intervenieren. Na, Horst ließ sich beruhigen. Ein Duell auf dem eigenen Hochzeitsschmause kontrahieren, war ja Blödsinn. Und der Vetter hatte es ja nicht böse gemeint! Nein, gewiß nicht! Nur so aus alter Liebe zu seinem Horst so hingeplappert. Da umarmten sie sich wieder und stießen mit den Kelchen an, daß es krachte, und im Grunde dachte der eine genau so wie der andre. Wie hätt' es auch anders sein können!

Der gute Kommerzienrat hatte es aber mit seiner Himmelfahrt gar nicht so eilig. Er war nicht von den Stämmen, die auf einen Schlag fallen. Er erholte sich sogar rascher, als der Arzt vorausgesehen hatte; er gewann seine Sprache und zum 74 größten Teil auch die Beweglichkeit seiner linken Seite wieder. Nur das eine Auge und der eine Mundwinkel folgten nicht mehr so ganz dem andern, was seinem Gesicht ein böses, boshaftes Ansehen gab. Auch sein Gemüt hatte eine ähnliche Verschiebung erlitten, worunter weniger seine Frau, die sich allzeit vornehm zurückzuziehen verstand, als seine Schwiegersöhne, die empfindlich von ihm abhingen, zu leiden hatten. Er kriegte unerträgliche Launen, wurde geizig und mißtrauisch, und es war oft kein vernünftiges Wort aus ihm herauszukriegen.

Ganz besessen war er von der fixen Idee, sein Enkelkind Erna dem verwünschten Robert Leichtfuß wieder abzunehmen. Dafür scheute er weder Geldausgaben, noch fragte er viel nach dem Gerede der Leute. Die Leute interessierte die Geschichte übrigens weit weniger, als seine Frau »in der ständigen Angst um ihre Vornehmheit sich einzubilden geruhte«. Und mit seinem Gelde konnt' er anfangen, was ihn freute; darüber war er niemand Rechenschaft schuldig! Er versicherte beides jedem, der's hören und nicht hören wollte, und sparte nicht mit seinen Vorwürfen gegen sämtliche Familienglieder – er war an das kleine Ding gewöhnt! Ihm war der Umgang mit demselben Bedürfnis! Emma hatte kein Muttergefühl, hatte nie eines gehabt! Horst hatte in seiner Art, die Verfolgung ins Werk zu setzen, alles versäumt oder verpfuscht! Wäre er selbst nicht an sein Siechbett gefesselt gewesen, die Sache wäre ganz anders angepackt worden und hätte ganz andern Verlauf genommen! Jetzt freilich hatte man das Nachsehen. Den andern paßte das in ihren Kram, ihm aber nicht! Nein, ganz und gar nicht paßt' es ihm! Und er werd' es auch nicht ertragen, sondern seine Rechtsanwälte und diese das Auswärtige Amt und die Botschaft in Bewegung setzen. Ja wohl, und wenn es ihm Tausende kosten sollte! Er wollte sein Enkelchen wieder haben! Für sich allein! Und der verdammte Maler, der Dieb, der Mörder, sollte sich nicht ins Fäustchen lachen und Vater spielen und sich seiner List und Rache brüsten! –


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